vremer
das amtliche Vrgan Ses Senaw
Monats-Bezug: Bei iSglichem Erscheinen RM. 2,39 einschließlich 38 Rpf. Zuflellungsgebühr; durch die Post RM. 2,38 einschließlich UeberweisungIgebühr, ausschl. Postbestellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu entrichten. — Postscheck Hamburg 172 72. — Betriebsstörungen begründen keinen Anspruch aus Erstattung oder Ersatz.
Vremer Zeitung. Verlagsgesellschaft m. b. H., Eeeren 8 bis 8 / Fernruf: Sammeluummer Roland 825.
Nr. 175 / 2 . Vierteljahr
Zeitung
Ser Freien Hansestadt vremen
Anzeigen-Srundpreise: Die 22-mm.Zeile tm Anzeigenteil 12 Rpf., die 70-mm-getle tm Textteil 7b Rps. Ermäßigte Grundpreise (für kleine Anzeigen, Familienanzelgen u. a.) sowie sonstige Bedingungen laut Preisliste l. <Nachlaßstafsel 0.) Für Anzeigen durch Fernsprecher keine Gewähr. Annahmeschlutz 16 Uhr. Sprechzeit des Verlages werktäglich von 12—13 Uhr. der Schriftleitnng werktäglich von 18—17 Uhr.
19 3 4
Mittwoch. 27. ÄUNI
Eine bewußte
Entstellung schlimmster Art
Zu dem Artikel „1914-1934" in den „Bremer Nachrichten"
Deutschland kann nie eine bessere Jugend besessen haben, als wir sie heute in unserer Hitler-Jugend haben.
Die Pressestelle der Reichsjugend- sührung teilt mit:
Die „Bremer Nachrichten" ehemals amtliches Organ des Bremer Senats im überwundenen System, hat anläßlich des großen Aufmarsches der HJ. am letzten Sonntag in Wildeshausen, wo der Reichsjugendführer eine richtunggebende Rede hielt, eine Pressekampagne gegen die HJ. entfaltet, die sowohl von ihr, wie auch von den in dem betr. Artikel erwähnten nationalsozialistischen Führern nicht unwidersprochen bleiben darf und eine einmütige Antwort verdient. Diese Zeitung brachte« die bodenlose Frechheit auf, den vom Führer beauftragten Roichsjugendfllhrer unter einer fetten Überschrift: „Wir brauchen eine echte Jugend", in Niedersachsen zu empfangen und in völlig zusammengelogenen Artikeln den Adjutanten des Führers, Oberleutnant a. D. Brückner, und Gauleiter und Staatsrat Erohs, gewissermaßen als Kronzeugen gegen die HJ. zu zitieren.
Hierzu ermächtigt uns der Oberpräsident der Provinz Schlehen, Gauleiter Brückner- Vres- lan, der tatsächlich die betr. Rede hielt und aus durchsichtigen Gründen von den „Vremer Nachrichten" mit dem Adjutanten des Führers vertauscht wurde, zu erklären, daß er sie niemals im Sinne oder Wortlaut der in den „Bremer Nachrichten" veröffentlichten Notiz gehalten hatte und daß er den betr. Artikel als bewußte Entstellung schlimmster Art bezeichnen muß, wobei ihm die verantwortlichen Dunkelmänner wohl bekannt seien.
Damit kennzeichnet sich der Artikel als gemeine f Verleumdung. Sowohl die völlig entstellt wie- I
hergegebene Rede des Reichsjugendführers in der Montagausgabe der „Vremer Nachrichten" vom 25. Juni, nach der der Reichsjugendführer sich in Wildeshausen gegen eine Rede des Adjutanten des Führers gewandt haben soll, wie die Notiz in den „Bremer Nachrichten" vom 26. Juni „1914 bis 1934. In eigener Sache", in der das Blatt schreibt, daß es ganz gleichgültig wäre, wer nun diese voll und ganz den Tatsachen entsprechende Rede gehalten hätte, sind überaus schamlose und gemeine Zwecklügen. Der Reichsjugendführer hat sich im Gegenteil ganz eindeutig gegen die „Vremer Nachrichten" gewandt und hat die von ihr angewandten unsauberen Methoden in der geeigneten Weise gegeißelt. Daneben übersandte Staatsrat und Gauleiter Erohe der Reichejugendführung sofort nach Erscheinen der „Vremer Nachrichten" eine schriftliche Richtigstellung zu dem in der gleichen Ausgabe erschienenen Artikel „Korpsstudententum und HJ", in der es heißt: Der in den „Vremer Nachrichten" vom 24. Juni erschienene Bericht über eine Rede, die ich in der Aula der Bonner Universität vor den Studenten und der Dozentenschaft gehalten habe, wird ganz verdreht, weil die in dem Bericht wie- dergegebenen Sätze aus dem Zusammenhang gerissen und völlig willkürlich aneinandergereiht sind, weil sehr wesentliche Ausführungen, die ich in meiner Rede gemacht habe, überhaupt nicht im Bericht erwähnt sind. Aus dem Stenogramm der Rede ergibt sich, daß ich über die HJ. z. B. folgendes ausgeführt habe: „Wir haben eine stolze HJ., und ich glaube, daß wir stolz sein können auf unsere Studentenschaft. In der letzten Zeit habe ich mich sehr viel bei der HJ. aufgehalten und kann sagen, Gemeinschaft und Geist, der dort herrscht, sollte Vorbild für das ganze deutsche Volk sein. Es ist schon so, daß die deutsche Zugend sich eher in die neue Weltanschauung hineinfindet, als der Erwachsene, der von den alten Erziehung-- j
Methoden berührt ist. Die Jugend ist viel unvoreingenommener und geht mit viel mehr Feuer und Mut an die Probleme heran.
Deutschland kann nie eine bessere Jugend besessen haben, als wir sie heute in unserer HJ. haben.
Darum beneidet uns die ganze Welt. Unsere Jugend ist der Garant für eine große deutsche Zukunft. Sie läßt sich nicht mehr einsangen von konfessionellen Hetzern, oder übergeschnappten Bürgern. Diese Jugend glaubt an Adolf Hitler und gehört niemandem anders als Adolf Hitler. Ich bin weit davon entfernt, alles gutzuheißen, was sich im einzelnen bei der Jugend abspielt, aber genau so, wie manchmal bei der Jugend Fehler gemacht werden, wird auch bei den anderen Formationen manchmal Falsches gemacht, man soll nicht alles auf die Spitze treiben und ausein- anderreißend wirken. Unsere HJ. hat unerhörte Opfer für das nationalsozialistische Deutschland gebracht, sie hat unerhört viel eingesetzt und ist dazu befugt, darauf zu achten, daß die Idee unverfälscht Eingang findet in die Herzen der Menschen. Wenn die HJ. im vergangenen Jahre nicht so fanatisch gewirkt hätte, dann wäre die deutsche Jugend in konfessionelle und selbständige hündische Gruppen auseinandergerissen geblieben und wir hätten keine Garantie für das Leben unseres Volkes in der Zukunft. Das sind Leistungen, an denen niemand vorbeigehen kann, unsere Jugend soll ihren Stolz nicht aufgeben, den sie redlich verdient hat, die Führer der Jugend werden schon darauf achten, daß aus dem berechtigten Stolz keine unberechtigte Überheblichkeit wird."
Die Rede hat einmütigen und starken Beifall bei der Studentenschaft, der Dozentenschaft und den anwesenden HJ-Führerm einschließlich des Ee- bietsführers gesunden.
Nationalsozialistische Steuerreform
Kurzer LleberbliS Wer die Grundzüge des Reinhard scheu Vlanes
München, 26. Juni.
Der Staatssekretär im Reichsfinanzministerium Pg. Fritz Reinhardt verkündete in der Vollsitzung der Akademie für deutsches Recht am 26. Juni 1934 in der Aula der Universität München den Plan der großen nationalsozialistischen Steuerreform, die sich in Vorbereitung befindet und zum größten Teil bereits im kommenden Herbst Gesetz werden wird.
Die ausführlichen Darlegungen Reinhardts befaßten sich in ihrem ersten Teil mit den Grundsätzen der Steuerpolitik im nationalsozialistischen Deutschland, wie sie sich aus der jetzigen wirt- schafts- und finanzpolitischen Lage ergeben. Es ist nicht daran gedacht, irgendwelche neuen Steuern einzuführen oder die Sätze bestehender zu erhöhen. Im Rahmen der Steuerreform sind weitere sehr erhebliche Steuererleichterungen vorgesehen. Diese bestehen teilweise in der Möglichkeit, für Teile des Einkommens unter bestimmten Bedingungen Steuerfreiheit zu erlangen, teilweise in der Vorsehung höherer Steuerfreibeträge für Kinder, teilweise in der unmittelbaren Senkung der Steuersätze. Die Steuerpolitik im Adolf-Hitlcr-Staat ist im wesentlichen aus drei große Gedanken abgestellt:
1. Kampf um die Verminderung der Arbeitslosigkeit und damit um die Gesundung der sozialen, wirtschaftlichen und finanziellen Dinge unseres Volkes, im Zusammenhang damit Lösung dringender volkswirtschaftlicher Fragen.
2. Förderung der Familie, im Zusammenhang damit Verwirklichung des volkspolitischen Gedankens.
3. Betonung des Werkes der Persönlichkeit und der persönlichen Vcrantu ortvng in der Wirtschaft.
Der zweite Teil der Rede galt den Maßnahmen, die im Kamps um die Verminderung der Arbeitslosigkeit bereits ergriffen worden sind, wie die Förderung des Kraftwagenverkehrs durch entsprechende Steuergestaltung, die Hebung des Umsatzes durch die Gewährung der Steuerfreiheit für ! kuizlebige Gegenstände sowie für neue Untcrneh- j münzen. In dieses Gebiet fallen auch die Maß- I nahmen über Steuerfreiheit für neuer
richtets Kleinwohnungen, Eigenheime, für Aufwendungen für Zwecke des zivilen Luftschutzes, des zivilen Sanitätsdienstes in Jndustrio- und Werkbetrieben und schließlich die steuerlichen Vergünstigungen bei Instandsetzungen und Ergänzungen an Gebäuden. In diesem Zusammenhang kündigt der Staatssekretär die Senkung der Umsatzsteuer für den Vinnengroßhandel auf 14 v. H. an.
Staatssekretär Reinhardt behandelte im dritten Teil die Maßnahmen zur Förderung der Familie und zur Ueberführung weiblicher Arbeitskräfte in die Hauswirtschaft, soweit sie bisher schon getroffen worden sind und wie sie sich durch die Steuerreform gestalten werden. In den neuen Entwürfen sind weitere wesentliche Ermäßigungen für Kinderreiche bei dsz Einkommensteuer, der Vermögenssteuer und entsprechend auch bei der Erbschaftssteuer vorgesehen. Für das Frühjahr 1935 ist die allmähliche Beseitigung des Arbeits- losenvsrsicherungsbeitrages bei großer Kinderzahl vorgesehen.
Die Betonung des Wertes von Persönlichkeit und der persönlichen Verantwortung führt, wie im vierten Teil dargelegt wurde, zu Steuererleichterungen bei der Umbildung und Auflösung von Kapitalgesellschaften.
In den Teilen 5 bis 17 behandelte der Staatssekretär die einzelnen Steuern und ihre Umgestaltung nach den oben angeführten Grundsätzen. Das neue Einkommensteuergesetz wird eine Senkung des Einkommensteuertarifes bringen. Das neue Körperschaftssteuergesetz wird sich in allen grundlegenden Fragen der Einkommenbestcucrung dem Einkommensteuergesetz anpassen. Neben einer neuen Einheitsbewertung wird das neue Ver- mögenssteuergesetz kleinere Beträge für Familienangehörige bringen.
Bei der Grunderwerbssteuer, der Wertzuwachs- steuer, der Grundsteuer, Berufs- und Gewerbesteuer sind Vereinfachungen und Vereinheitlichungen vorgesehen. Die 14 Landesstempelgesetze sollen durch ein Rcichsurkundensteuergesetz abgelöst werden. Wenig Veränderungen wird es voraussichtlich bei der Umsatzsteuer geben. Die Vereinheitlichung und Vsrbilligung der Ecmeinds- biersteusr mit der Rcichsbiersteuer und der Abbau der Gsmeindegetränkesteuer sind in Aussicht genommen.
Die drei letzten Teile des großen Steuerreform- planes des Staatssekretärs Reinhardt, Teil 18 bis 29, behandeln schließlich die Fragen des Reichsfinanzausgleiches, der Vereinfachung des Steuerrechtes und der Vereinfachung der Verwaltung. (Siebe auch heutigen Handelsteil.)
Morgen HrMmMI
Berlin, 23. Juni.
./>'n Neichsministerium für Bolksausklärung und Propaganda wird mitgeteilt:
Am Donnerstag, 28. Juni, werden sämtliche öffentlichen Gebäude wegen der Wiederkehr der vor 15 Jahren erfolgten Unter- zeichnung des Versailler Vertrages halbmast flaggen. Die Bevölkerung wird aufgefordert, sich dem Vorgehen der Regierung anzuschließen.
Englischer Militärattache in Moskau, russischer in London. „Daily Herold" meldet, daß in den Beziehungen zwischen Großbritannien und Sow- fttrußland ein neuer Schritt zu normalen Zuständen getan sei. Es sei beschlossen worden, den beiderseitigen Botschaften in London und in Moskau Militärattaches beizugeben.
Der Oereke-Vwzch
Berlin. 26. Juni.
Nach achttägiger Pause wurden am Dienstag die Verhandlungen im Ecreke-Prozeß fortgesetzt. Der Gesundheitszustand des Angeklagten, der am Dienstag voriger Woche einen Ohnmachtsanfall erlitt, hat sich inzwischen wieder gebessert. Von feiten des Oberstaatsanwalts wurden beute erhebliche Zweifel an den Bekundungen der Zeugin Margarethe Sprung zum Ausdruck gebracht. Zum ersten Male wird in diesem Zusammenhang der Einbruchsdiebstahl erörtert, bei dem aus der Berliner Wohnung dieser Zeugin Notizen Dr. Eerekes gestohlen worden sein sollen, die für den Angeklagten entlastend gewesen seien. Es soll sich um Zettel handeln, aus denen Dr. Eereke notiert haben soll, daß er genötigt gewesen sei, die ihm für die Gründung einer Hindenburg-Zeitung über« gebenen 189 999 RM. im Hindenbnrg-Wahlkampj ausgegeben zu haben. Der Oberstaatsanwalt bezeichnet es als recht ausfällig, daß die Zeugin. Sprung bei der Polizei keine Angaben über diese
gestohlenen Sachen gemacht habe und daß in dem Verzeichnis der abhandengekommenen Akten nichts von den Zetteln erwähnt ist, obwohl die Zeugin das doch für wichtig hielt und sich von den Notizen Abschriften gemacht habe. Es kommt nunmehr zu einer dramatischen Auseinandersetzung zwischen dem Vorsitzenden und dem Angeklagten Dr. Eereke.
Vorsitzender: „Sie können die ganze Sache mit einem Worte aufklären, wenn Sie den Namen des Mannes nennen würden, der Ihnen die 489 999 Reichsmark übergeben hat."
Dr. Eereke: „Weiteste Kreise werden mir einmal dafür danÄar sein, daß ich diese Dinge nicht an die Öffentlichkeit ziehe. Ich möchte auch nicht, daß ein Mann, der ebenso wie ich das Beste wollte, ebenso wie ich auf die Anklagebank kommt."
Vorsitzender: „Dieser Mann könnte, wenn er vielleicht unberechtigterweise Mittel für diese
Einzelpreis is Rps.
politischen Zwecke verwandt hat, die politische Amnestie in Anspruch nehmen."
Dr. Gereke: „Ueber die Anwendbarkeit der politischen Amnestie sind die Ansichten leider verschieden. Ich kann in meiner Lage nicht über diese Dinge sprechen. In meinen Augen ist die Treue etwas, was man nicht vom eigenen Schicksal abhängig machen darf. sondern Treue ist etwas Absolutes."
Auf weitere Vorhaltungen des Vorsitzenden erklärt Dr. Eereke noch einmal, daß er unter keinen Umständen sein Schweigen brechen werde.
Am Donnerstag, dem nächsten Verhandlungstag, wird der Sohn des Reichspräsidenten, Oberst von Hindenburg, noch einmal als Zeuge vernommen werden. Oberst von Hindenburg hatte bekanntlich an die Staatsanwaltschaft die Bitte gerichtet, zu den Aussagen der Zeugin Margarethe Sprung Stellung nehmen zu dürfen.
Haea/e
28. Ltttti ose 2L) Arkcen:
ScawL Seecittianci
k. Kill. Bremen, 27. Juni.
Als am 28. Juni 1914 in Sarajevo die Schüsse des serbischen Studenten Princip dem Erzherzog Franz Ferdinand das Leben und der Doppelmonarchie Oesterreich-Ungarn den Thronfolger raubten, da war es nicht nur die Kunde von der Mordtat selbst, die di" Welt in Schrecken versetzte. Wohl jeder, dem die europäischen politischen Ereignisse der vorangegangenen zwei Jahrzehnte nicht sremdgeblieben waren, fühlte es, daß schicksalsschwere Tage nicht nur für Oesterreich und Serbien bevorstanden. Vergegenwärtigen wir uns, um die Versailler Kriegsschuld- these auch vom 28. Juni 1914 aus widerlegen zu können, die Situation, die unmittelbar vor dem Attentat von Sarajevo dem Balkan und darüber hinaus Europa das politische Gepräge gab: Wien hatte zwar die bosnische Annexwnskrise von 1908 territorial überwunden, aber Serbien war aus dem letzten Balkankrieg mit Länderzuwachs hervorgegangen, und dieser Erfolg gab der von Rußland geschürten pansla- wistischen Propaganda neue Nahrung. Die Parole: „Vereinigung aller Südslawen unter großserbischer Flagge!" hatte bereits mehrere Attentate auf dem Boden de" Toppelmonarchie im Gefolge gehabt,' im Bestreben, Rumänien den Mittelmächten zu entfremden, konnte Rußland mit dem Zarenbesuch in Constantza eine unverkennbaren Erfolg verbuchen: der Petersburger Außenminister Easanow hatte sich, nach seinem eigenen Ansspruch, endgültig darauf eingestellt daß sich der russische Traum vom Besitz Konstantinopels und der Beherrschung der Meerengen nicht ohne kriegerische Verwicklungen auf dem Balkon in die Wirklichkeit übertragen lassen würde, wofür eine Versteifung des serbischen Rückens gegenüber Oesterreich-Ungarn die gegebene Einleitung war; Berlin war zwar sm Rahmen feines Bündnisses mit Wien auf einen friedlichen Ausgleich zwischen der Doppelmanar- chie und Rußland bedacht, doch war die Spannung zwischen den diplomatischen Gegenspielern infolge der unverhüllten kriegerischen Absichten der Ratgeber des Zaren unverändert ernst. Die Zusammenarbeit Petersburg-Paris hatte sich nach dem ersten Besuch Poincares in der russischen Hauptstadt sowohl politisch wie militärisch zu einer wachsenden Gefahr für Deutschland entwickelt. Ueber die Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit Erzherzog Franz Ferdinand in Konopischt, die nur friedlichen Zwecken diente, waren von russischen und französischen Kriegshetzern die wildesten Gerüchte in Umlauf gesetzt worden; der deutsche Reichskanzler Bethmann-Hollweg hatte von den heimlichen militärischen Verhandlungen zwischen Rußland und England, denen als Ziel eine Verabredung nach dem Muster der englisch-frnnzösisch"n Militärkonvention vorschwebte, Kenntnis erhalten und bemühte sich, dem englischen Außenminister Greif das Gefäbrliche seines Unternehmens vor Augen zu führen. Mit einem Wort: Die Entente rüstete sich zum Kamps gegen die bündnis- politisch immer mehr vereinsamten Mittelmächte. In dieser zugespitzten Situation fallen die Schüsse von Sarajevo.
D a s A t t e n l a 1 in der Hauptstadt Bosniens, auf das wir morgen näher eingehen werden, warf ein grelles Schlaglicht aus die nach Oesterreich-Ungarn hinübergreifenden serbischen Gebeimorgamsationen. Auf der andern Seite müssen die Maßnahmen, die am 28. Juni zur persönlichen Sicherheit , des Erzherzogs getroffen worden waren, als völlig unzulänglich bezeichnet werden. War es ohnebin schon nicht gefahrlos, den Thronfolger an den Manövern in Bosnien teil- aebmen zu lassen, so hätte der Londesches, Benerot Polwrek, nach dem ersten Bombenanschlag auf Franz Ferdinand, der ikm erstatteten Meldung, alle ANeniäter seien ver
haftet, nicht so ohne weiteres Glauben schenken sollen Daß die Mordtat, obschon von serbischen Studenten österreich-ungarischer Staatszugehörigkeit ausgeführt, unter Leitung serbischer Offiziere in Belgrad organisiert worden ist, steht heute als unumstößliche geschichtliche Tatsache fest. Das nationalsozialistische Deutschland hat für die nationalen Rechte Südslawiens volles Verständnis; es mag auch daran erinnert sein, daß die Berliner Regierung schon während des Weltkrieges für die Erhaltung der Souveränität Serbiens eingetreten ist. Das alles hindert aber nicht, im Interesse der wissenschaftlichen Widerlegung der Versailler Kriegsschuldlüge auch im Fall Sarajevo der historischen Wahrheit die Ehre.zu geben. Wir wissen jedenfalls heute, nicht zuletzt aus Grund serbischer Feststellungen, daß der geheime OfsiziersbuNd „Einheit oder Tod" den Mördern den Weg nach Sarajevo geebnet hat. Es war der Chef der geheimen Nachrichtenabteilung des serbischen Generalstabs, Oberst Timitrijewitsch, zugleich der Kopf des genannten Geheimbundes, der die Verschwörung gegen Erzherzog Franz Ferdinand leitete, und es war der serbische Major Tankositsch, der die Mörder auf dem Topcider Militärschießplatz im Umgang mit Bomben und Pistolen unterrichtete. Waren das nicht die gleichen Belgrader Offiziere, die 1903 auf so grauenhafte Weise ihren König Alexander Karageorgewitsch und seine Gemahlin Draga Maschin beseitigten?
Was die Frage der Mitwisserschaft der damaligen serbischen Regierung betrifft, so halten wir uns an die Publikation des früheren Beigrader Unterrichtsministers Ljuba Iovanowitsch „Blut des Slaventums 1914—1924". Der Minister erzählt in dieser Schrift, der serbische Ministerpräsident Pasitsch habe Ende Mai oder Anfang Juni seine Kabinettsmitglieder davon in Kenntnis gesetzt, daß einige junge Leute Vorbereitungen trafen, nach Sarajevo zu gehen und dort. Franz. Ferdinand umzubringen. Innenminister Stojan Protitsch habe eine Verfügung an die Grenzbehörden erlassen, daß man den Uebergang der jungen Leute verhindere; „aber diese Grenzbehörden," so berichtet Ljuba Iovanowitsch, „waren selbst in der Organisation und führten die Verfügung Protitsch' nicht aus, sondern meldeten ihm — und er später uns —, seine Weisung habe sie zu spät erreicht, denn diese jungen Leute wären bereits über den Fluß gesetzt."
Die Darlegung der Hintergründe des vor 20 Jahren erfolgten Attentats ist hier nicht um ihrer selbst erfolgt. Nur die Herausstellung des wirklichen Sachverhalts vermag die Versailler unsinnige Behauptung zu entkräften, „daß die Reihe der Ereignisse, die den Ausbruch des Krieges verursacht hat, vorsätzlich von jenen ersonnen und ausgeführt worden ist, die die höchste Macht in Wien, Budapest und Berlin besaßen". Und doch trägt vor der Geschichte für die Zuspitzung der Wien-Belarad-Krise und den Ausbruch des Weltkrieges nicht Serbien die Verantwortung Die Brandstifter saßen niftst eigentlich in Belgrad, sondern vor allem in
Ecrc /Ml, Neue,«:
Die deutsche Note an England
Große Rede Görings in Hamburg
Der Mörder des polnischen Innenministers festgenommen
E'nladnng Mustolinis an Dollsuß