Ausgabe 
(11.12.1933) Nr. 335
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Bremer Zeitung, Verlagsgesellschast m. b. H., Geeren 8 bis 8. / Fernruf: Sammelnummer Roland 625.

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I Sprechzeit des Verlages und der Schriftleitung 12bis 13 Uhr./Schluß der Anzeigenannahme 16Uhr.

Nr. 332 / 4. Vierteljahr I

Nonlag, den ii. Dezember

Einzelpreis 12 Rpf.

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Internationale Piraten

Wie marxistischeEhrenmänner ' gegen Deutschland hetzen / Ein Vrotokoll

Saarbrücken, 1 g. Dezember.

Die Saarbrücken Zeitung veröffentlicht einen ihr übermittelten Bericht, der die gegen Deutsch­land von ehemaligen deutschen Marxisten ent­fesselte Hetze in ihrer ganzen Niedertracht enthüllt. Es handelt sich um eine Niederschrift über die Ausschußsitzung der Ersten Internationalen So- zialistenkonferenz über deutsche Fragen in Paris vom 21. bis 26. August 1933. Das Referat er­stattete in dieser Sitzung Wels. Er führte u. a. aus: Unsere Organisation ist in Deutschland in vollem Aufbau begriffen. Unsere leitenden Funk­tionäre sind alle mit neutralen Pässen versehen. Und wenn auch einige Tausend einmal abgefan­gen werden, so steht doch fest, daß wöchentlich der Vorwärts mindestens eine Auflage von zirka 1 Million im Kleinformat nach Deutschland sen­det. Allen Berichten zufolge werden die SPD.- Schriften begeistert empfangen und weitergegeben. Dem gegenüber macht sich schon jetzt unter den NSDAP.-Anhängern die Unzufriedenheit breit. Für den Winter sei mit einer großen Teuerung und Unruhen, sowie mit einem großen Anschwel­len des Arbeitslosenheeres zu rechnen. Hier müssen die Maßnahmen der Internationale ein­setzen. Hierbei müßten die Genossen im Auslande helfen. Um die Situation in Deutsch­land v e r s ch ä r f e n z u helfen, muß der Boykott ganz streng durchgeführt werden.

Alle Zeitungen, die uns zur Verfügung stehen, mußten täglich Meldungen über die Greuel der Konzentrationslager berichten. Wesentlich ist es, auf die Regierungen einzuwirken, daß man Deutschland außenpolitisch soviel Schwierig­keiten wie möglich macht. Zusammenfassend könne gesagt werden, daß für die Nazi-Regierung sich innen- und außenpolitisch die Lage katastrophal zuspitze und der Zusammenbruch im Winter zu erwarten sei.

Nächster Redner war Vreitscheid. Er schloß sich den Ausführungen von Wels an und betonte, daß der Boykott viel schärfer durchgeführt werden müsse. Es müsse zur Transportsperre kommen. Höltermann äußerte, nach der Diktatur Hit­lers könne nur die Diktatur der Arbeiterklasse fol­gen. Der Anfang dazu sei gemacht. Formationen seien im ganzen Reiche in Fünfergruppen, ohne Unterschied der ehemaligen Parteizugehörigkeit, unter neuen Führern, die früher nicht hervorge­treten sind, neu gebildet.

Ein ernstes Kapitel sei die Frage der Bewaff­nung. Die SPD müsse auch in der Lage sein, im Ernstfälle nicht nur deutsche Formationen über die Grenze zu werfen, sondern es müsse möglich sein, auch die Arbeiterschaft der Erenzländer zu tewajsnen und über die Grenze zu werfen.

Von der Konferenz wurden dann u. a. folgende Beschlüsse gefaßt:

Die Internationale verhängt den Boykott über sämtliche deutschen Erzeugnisse. Der Reichstags­brandprozeß soll dazu benutzt werden, eine um- sassende Propaganda gegen Deutschland zu ent­

fesseln. Die Transportsperre solle sofort vorbe­reitet werden. Die 2. Internationale erkennt an, daß zur Eroberung der Macht durch die Arbeiter­klasse der bewaffnete Ausstand unbedingt gefor­dert und organisiert werden müsse. Die Durch­führung der vorbereitenden Maßnahmen wird. in die Hände von Höltermann, Wels, überhaupt der deutschen Partei gelegt.

Schließlich wurde die Aufmerksamkeit darauf. gelenkt, daß man sich der ausländischen R i e se n s e n d e r, die bis weit in Deutschland auch durch den Volksempfänger gehört werden, bedienen müsse. Es habe sich in Brüssel ein Ausschuß gebildet, der Verhandlungen mit den in Frage kommenden Regierungen und Rundfunk­gesellschaften eingeleitet habe. Für die Aufgabe der Erfassung der deutschen Hörerschaft kämen allerdings nur wenige Großsender in Frage, die ihre Sendungen ganz oder teilweise in deutscher Sprache senden. Dies seien die Sender Oester­reichs, die schweizerischen Landessender, die Sendestellen Prag, Hilversum, Luxemburg und

Straßburg. Außerdem seien aber an die eng­lischen, russischen, belgischen und polnischen Re­gierungen und Sendestellen mit entsprechenden Anträgen herangetreten. Bereits abgelehnt hät­ten Belgien und Moskau, das nur kommunistische Propaganda mache. Frankreich, England und die Schweiz lehnten es ab, offizielle Verhand­lungen zu führen. Es besteht aber noch die Mög­lichkeit, etwas durch Verhandlungen mit den in Frage kommenden Rundfunkgesellschaften zu er­reichen. Mit den Sendsleitungen Straßburg, Hilversum, Luxemburg sei man auf gutem Wege, Verträge abzuschließen. Die österreichische Re­gierung habe bisher nicht geantwortet. Die pol­nischen und tschechischen Sender verbreiten schon heute alle ihnen auf geeignetem Wege zugestell­ten Nachrichten.

Treffend schreibt die Saarbrücker Zeitung hier­zu:Wels, Vreitscheid, Höltermann, das also sind die Leute, die sich ob ihrestragischen Loses"

vom Ausland bemitleiden lasten und die von der Presse des Auslandes Monate lang als die Helden gefeiert wurden! Treffender als in oiesem Dokument kann ihr von keinem Beden­ken gehemmter Haß und die ganze Ehrlosigkeit ihrer Gesinnung nicht charakterisiert werden. Sie haben, wie der Bericht zeigt, mit allen Mitteln versucht, das Ausland zum Eingreifen aufzu­stacheln. Sie wollen die Parlamente mobil machen, damit sie sich gegen eine Aufrüstung Deutschlands wenden. Sie benutzen jedes Mittel, um das neue Deutschland vor der Welt zu dis­kreditieren und zu schädigen. Das also, die Wels, Vreitscheid und Höltermann sind die Ehren­männer, die fürdas wahre Deutschtum kämpfen". Um wieviel verständlicher könnten angesichts dieser Handlungsweise die kümmer­lichen Fälschungen des Petit Parisien erscheinen, dessen Dokumente auf solche obskuren Quellen zurückgehen. Wir hegen die bestimmte Erwartung, daß sich auf Grund dieser Fälschung auch jenseits der Grenzen alle national gesinnten Ausländer von diesen internationalen Piraten abwenden, denn hier zeigt sich, zu welch dunklen Geschäften sie ,,das Asyl der Demokratie" mißbrauchen. Es sind nicht nur von finsterm Haß erfüllte Deutsch- feinde, sondern Friedensstörer, die gewissenlos genug sind, ein 60 Millionen-Volk in Unheil stürzen zu wollen, um ihren Rachedurst befriedigen zu können.

Beginnt die deutsch-französische Aussprache?

Lord Tyrrell nach Varis zurückgekehrt / Englische Stimme für Vertragsrevifion

Paris, 1v. Dezember.

I» hiesigen politischen Kreisen spricht man von einer bevorstehenden neuen Unterredung zwischen Botschafter Francois Poncet und dem Führer. Während der außenpolitische Berichterstatter des scharfmacherischenEcho de Paris" im Zusam­menhang hiermit behauptet, die französische Re­gierung habe ihre Botschafter angewiesen, die Vorschläge des Führers als Verhandlungsgrnnd- lage abzulehnen, schreibt der Außenpolitiker des Excelsior", Francois Poncet habe den Reichs- außenminister bei seiner letzten Unterredung um einige Aufklärungen politischer, rechtlicher und technischer Art über die Erklärungen gebeten, die der Führer ihm am 23. November gemacht habe. Darnach scheint die französische Regierung noch keinen Beschluß in dieser Richtung gefaßt zu haben.

Diese Auffassung wird auch dadurch bestärkt, daß der englische Botschafter erst heute aus Lon­don zurückkehrt, um die französische Regierung über die Auffassung Englands zu unterrichten. Die französische Regierung tritt außerdem erst am Dienstag zu einem Ministerrat zusammen, und es ist wahrscheinlich, daß bei dieser Gelegen­heit die Frage der Fortsetzung der deutsch-fran­zösischen Vorbesprechungen eingehend geprüft werden wird.

Dem Kabinett Chautemps wurde am Sonn­abend in der Kammer bei der schwierigen Frage der Beamtengehälter endgültig mit 345 gegen 158 Stimmen das Vertrauen ausgesprochen.

London, 10. Dezember.

Ueber das bisherige Ergebniß.der Londoner Abrüstungsbesprechungen bringt die englische Sonntagspresse noch keinerlei klare Anhalts­punkte. Die Pariser Vermutung, daß England bereits. vermittelnd in den deutsch-französischen Meinungsaustausch eingegriffen habe, wird vom diplomatischen Mitarbeiter desObserver" be­zweifelt. Was zurzeit in London stattfinde, sei, daß England, Frankreich, Deutschland und Italien hauptsächlich auf dem Wege über die Botschafter eine Klärung der verschiedenen politischen Bestrebungen versuchten.Sunday Times" will von zuständiger Seite erfahren habe, daß Lord Tyrrell den französischen Außen­minister von der Absicht Englands unterrichten werde, den Meinungsaustausch zwischen Berlin und Paris zu erleichtern.

Der englische Politiker und Sprecher im engli­schen Rundfunk, Vernon Dartlett, fordert in der Weekendreview"" die Einberufung einer neuen Friedenskonferenz, auf der eine gründliche Re­vision des Versailler Vertrages und besonders der Eebietbestimmungen vorgenommen werden werden soll. Dies würde der wertvollste Schritt zur Herbeiführung des Friedens sein. Bartlett erklärt, daß der 14. Oktober, der Tag des Aus­tritts Deutschlands aus dem Völkerbund, das wichtigste Datum in der Weltgeschichte seit dem Waffenstillstand sei, weil Deutschland an diesem Tage mit dem Versailler Vertrag gebrochen habe. Diese Entwicklung müsse allgemein begrüßt wer­den, denn jedermann müsse anerkennen, daß es keinen dauernden Frieden geben könne, solange

einigen Staaten die Rechte verweigert würden, die anderen gewährt sind.

Warschau, 10. Dezember.

Am Sonnabend wurde der französische Bot­schafter Laroche von Außenminister Veck zu einer Unterredung empfangen. 2n politischen Kreisen besteht die Meinung, daß die Unterredung im Zusammenhang mit der bevorstehenden diploma­tischen Rundreise des französischen Außenmini­sters Paul-Boncour gestanden habe. Es heißt ferner, daß der Besuch nicht, wie ursprünglich verlautete, im Februar, sondern bereits 'in den ersten Januartagen erfolgen werde.

Das rechtsoppositionelleABC." macht die Wiederherstellung des Versailler Werkes von 1919als alleinige Sicherung des Friedens" ab­hängig von der Stabilisierung der innerpoliti- schcn Verhältnisse in Frankreich.

Gtreikgefahr in Paris

Parts, 10. Dezember.

Die Zentralvereinigung Städtischer Ange­stellter und Beamter hat in einer Sitzung am Sonnabendabend gegen die Verabschiedung des Artikels 6 (Gehaltsabbau) in der Kammer protestiert und ihr Bedauern ausgedrückt, daß die Sozialisten nicht gegen die Regierung gestimmt haben. Sie hat ihre Mitglieder aufgefordert, sich für den Abwehrkampf bereitzuhalten und die An­weisungen abzuwarten, die noch erteilt werden sollen.

Derösterreichische Mensch

Von Hannshenning Anger

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Derösterreichische Mensch" ist eine neuzeitliche Erfindung, geschaffen durch Leute, die der Welt vor Augen führen wollen, daß man an der schönen blauen Donau ein durchausselbständiges" staat­liches, wirtschaftliches und kulturelles Leben füh­ren müsse, auf jeden Fall unabhängig vom deut­schen Mutterland.

Es ist eine lohnende Aufgabe, sich diesenöster­reichischen Menschen" einmal aus allernächster Nähe anzusehen, und eine Entdeckungsfahrt nach derVolksrepublik" Oesterreich zu unternehmen. Allerdings hätte es wenig Zweck, hier in Wien Gespräche mit der?sogenannten Politikern zu füh­ren, denn diese Herren wissen ja selbst nicht, was sie eigentlich wollen. Was man dagegen beim Volk i» einem Alltag erlauschen kann, das läßt die wirkliche Stimmung in dem angeblich um seine Selbständigkeit kämpsenden Lande richtig er­kennen.

Man sollte zum Beispiel annehmen, daß sich der österreichische Eisenbahner, ein Vundes- beamter, mit seinem antideutschen Amtseid be­haftet, unfreundlich zeigen würde. Ganz im Ge­genteil: Der Mann fragt, sehr zweideutig fast schon eindeutig lächelnd, was denndrüben" los sei und gibt der Hoffnung Ausdruck, man würde baldauch bei uns flügge werden". Der Himmel mag misten, wer in aller Welt dem bie­deren Bundesbeamten das hochdeutsche Wort bei­gebracht hatte.Flügge" klingt aber in diesem Zusammenhang, aus diesem beamteten Munde sehr oielverheißend und zukunftssroh.

Ganz ähnlich verlaufen andere, Plaudereien mit den einfachen Leuten aus dem Volke, das an­geblich die Bestrebungen seiner Regierung ge­schlossen unterstützt und jede engere Zusammen­

arbeit mit dem Reich wegen der Selbständigkeit ablehnt. Der Gastwirt wird in dem Augen­blick, da er erfährt, daß man aus dem Reich ge­kommen ist, zutraulich und flüstert:Das letzte Mal hat mich die Polizei heute geholt wegen illegaler Parteiarbeit! Aus mir werden aber die Herren nicht klug . . ." Hauptsache, daß ich aus dem Mann binnen drei Minutenklug" ge­worden bin! Sein Kellner schöpft aus dem Ver­halten seines Brotgebers frischen Mut und zeigt stolz das Lichtbild eines SA-Mannes.Ihr Bru­der?"Na, ich selbst", erwidert der kleine Mann etwas beleidigt. Ja, richtig! Wie soll man aber an einem ebenso verbissenen wie gemäch­lichen Ober den ganz und gar soldatisch drein­schauenden jungen Weltanschauungskämpfer er­kennen? Kleider machen eben Leute, und ganz besonders dann, wenn die Uniform eine Idee symbolisiert.

Der Zeitungsmann im unvermeidlichen Wiener Kaffeehaus, wo der Bürger seinen Tag verbringt, wo er unzählige Gläser Wasser und unzählige Journale verbraucht, wo er seine Geschäfte, seine Privatkorrespondenz, seinen Familienkrach und seine Rendezvouserledigt", bringt reichs- deutsche Blätter:den roten Quatsch le­send dock, net! Und die ordentlichen Zeitungen haben's eh verbrannt!"

Am Abend möchte man ein Glas Bier trinken. Lichtes oder braunes", das ist die Frag«. Lichtes? Das heißt doch auf reichsdeutsch Helles, nicht wahr?"Das kommt erst", lautet die viel­sagende Antwort.

Man bittet dann ein Mitglied desOester- reickriichen Arbeitsdienstes" zumlichten" Bier. Dieser restlose Bejaher österreichischer Bundes­

politik gibt dem Gastgeber wertvolle Auskünfte übermodische Neuerungen":Erst ziehen wir halt das Braunhemd an mit der Kravatte und mit der Nadel. Darüber kommt dann, jetzt im Winter, ein Pullover. Und darüber die Uniform des Arbeitsdienstes ..."

So genau wollte ich es gar nicht wissen, der österreichische Mensch" scheint es aber heute nicht mehr nötig zu haben, große Zurückhaltung zu üben.

Der Hotelportier schließt den aufschlußreichen Tag mit der schlichten Frage ab:Dauert es noch lange?" Er spricht es nicht aus, w a s er meint, wünscht aber auf die Antwort hin, es würde nicht mehr allzulange dauern, sehr freundlich ange­nehme Nachtruhe. Und nicht nur freundlich, son­dern irgendwie anders als sonst. Früher wünschte man einem in Wien auch dieGute Nacht" ge­wissermaßen im überlieferten Dreiviertel-Takt. Jetzt klingt der Wunsch weniger walzermäßig. Man hört aus den Worten eher einen im Werden begriffenen Marschrhythmus heraus.

Wäre das nicht der Fall, dann könnten die Ge­spräche mit wildfremden Menschen nicht eine so schöne Harmonie ergeben. Zweifellos wird aus dieser stillen Harmonie, aus dieser längst gleich­geschalteten Sehnsucht der breiten Masse eines Tages eine brausende Symphonie. Denn erfah­rungsgemäß pflegen' aus Alltagsharmonien Sym­phonien des Alltags, und aus diesen wiederum Eegenwartsmusik zu entstehen. Die Eegenwarts- musik aber wer Ohren hat, kann sie in Wien heute schon deutlich hören! ist zuguterletzt Mu­sik der Zukunft, oder noch richtiger die Ouvertüre zu einem schöneren, besseren, gradlinigen Morgen.

Die Wiener Straße zeigt kein erfreuliches Bild Plakate verkünden die Todesstrafe, und die große drückende Stille mutet wie eine aufgezwungene Depression an. Diese mag als Uebergangs Stim­mung eines vergewaltigten Volkes noch einige Zeit währen. Die Emigrantenhorden mögen sich

vorübergehend weiter Letätigen. Bald dürften aber die Haßgesänge gegen das neue, erstarkende Deutschland verklingen, denn der Marschrhythmus wird immer stärker, immer hörbarer, immer ein­heitlicher.

Unsere Gruhsormen

Der Gruß ist zweifellos ein sehr aufschluß­reiches und wichtiges Merkmal für die innere und äußere Art eines Volkes. Nichts kann vielleicht das lebensfrohe Volk der Griechen der klassischen Zeit besser kennzeichnen als ihr GrußChaire" (Freue dich"), nichts drückt mehr deutsches Gemüt aus, als unsere landschaftlich so erstaunlich vielfältigen Erußarten wieGlück auf",Grüß Gott" undWillkommen".

Jede Sitte hat ihre natürliche Entstehung. Die Begrüßung zweier einander begegnender Men­schen ist schon bei den Völkern primitivster Kul­turstufe ein Bestandteil ihres Zeremoniells. Die Grußformen, soweit sie aus Gesten und Gebärden bestehen, haben stets eine ursprüngliche, im Psy­chologischen des betreffendes Volkes wurzelnde Bedeutung. Wenn der Asiate sich in den Staub wirst, der Orientale mit gekreuzten Armen sich tief verneigt, der Europäer sein Haupt entblößt (Er hat so wenig Ruhe wie der Hut eines Franken", lautet ein mohammedanisches Sprich­wort), so sind dies ursprünglich Zeichen der Un­terwerfung des Schwächeren dem Stärkeren gegen­über. In jener ersten rauhen, kriegerischen Zeit will man den fremden Menschen günstig stimmen, indem man ihm gegenüber freiwillig die Rolle des Wehrlosen einnimmt.

Von den alten Germanen sind uns schon ganz feste Formen der Begrüßung überliefert. Das unruhige Leben der Völkerwanderungszeit gab ja reichlich Gelegenheit, daß sich Männer unterwegs «rasen. Wenn nvei Helden e'i,ander b-gegneten. fragten sie nach dem Namen des anderen und

RiHlertumundVolitik

Von

Staatsrat Pros. Dr. Carl Schmitt

Die Unabhängigkeit der Richter beruht auf ihrer Bindung an das Recht und das Gesetz des Staates, dessen Recht der Richter zu sprechen hat. Ohne diese Bindung ist die richterliche Unabhängigkeit Willkür, und zwar politische Willkür.

Die Unabhängigkeit der Richter kann nicht grenzen- und bedingungslos sein. Sie kann nicht bedeuten, daß der Richter über den Staat oder außerhalb des Staates steht. Die Bindung an Recht und Gesetz ist Bindung an das Recht und das Gesetz eines bestimmten Staatswesens. Wäre sie Bindung an ein überstaatliches Gesetz, so stände der Richter über den Staat. Er wäre nicht Richterdes Staates, dessen Recht er sprechen soll, sondern Richter über den Staat. Dqs wäre der äußerste und unerträglichste Grad einer Politisierung der Justiz; denn sobald der Richter sich'von seinen Bindungen befreit, kommt er in die Lage, gegen die in jedem Recht und Gesetz enthaltenen politischen Ent­scheidungen des Staates andere politische Auffassungen zur Geltung-zu bringen. Wer sich über, d. h. nach Lage des Falles gegen das staatliche Gesetz stellt, begibt sich auf das Gebiet der Politik. Dadurch, daß der Richter sich von der Bindung an das staatliche Gesetz freimacht, gelangt er also nicht etwa in eine Sphäre reinen Rechts, sondern nur in eine Zone politischer Kämpfe, deren Heftigkeit durch die Berufung aus das Recht nur gestei­gert wird.

Die Entscheidung darüber, ob eine Ange­legenheit unpolitisch ist, enthält immer eine politische Entscheidung. Was politisch oder unpolitisch ist, kann nur vom Politischen her bestimmt werden. Hierbei ist es gleichgültig, welche Stelle (der Justiz, Verwaltung, Selbst­verwaltung, Kirche, Wissenschaft, Wirtschaft) beansprucht, von sich aus den unpolitischen Charakter einer Entscheidung gegen den Staat geltend zu machen. Ebenso ist es gleich­gültig, mit welchen Beweisgründen (ob mit juristischen, administrativen, theologischen, wissenschaftstheoretischen oder ökonomischen Argumenten) der Nachweis des unpolitischen Charakters geführt werden soll.

Wenn heute eine Stadtverwaltung ein Bild von Karl Liebknecht im Rathaus auf­hängen und dabei behaupten wollte, es handle sich um eine reine Selbstverwaltungs­angelegenheit, um städtisches Privateigen­tum, und außerdem um einen unpolitischen Aktreiner Pietät", so würde wohl jeder Teutsche den politischen Sinn dieser Art von Beweisführung aus dem Unpolitischen sofort erkennen. Dieser politische Sinn der Berufung auf das Unpolitische entfällt auch keineswegs dadurch, daß etwa ein Gericht zuständig wird, um den Fall zu entscheiden. Im Prozeß vor einem Verwal­tungsgericht oder einem bürgerlichen Gericht könnte sich die Stadtverwaltung nicht darauf berufen, daß die Frage eine reine Rechtsfrage und daher unpolitisch sei; und das Gericht dürste nicht mit der Begründung, daß es nur über eine Rechtsfrage und nicht über die po­litische Seite der Sache zu urteilen habe, den

nannten den eigenen, häufig unter Aufzähluv der Ahnenreihe und der vollbrachten Heldentote: Erst nach dieser gegenseitigen Vorstellung begrüß: man sich mit einem Segensspruch. Wurde bei de Germanen ein Fremder nicht begrüßt, so bedei dete dies etwas ganz Besonderes und wird in de Heldenepen ausdrücklich erwähnt stets droh: dann Gefahr. Die Begrüßungsworte sindhails heil", auchwillichomo", wir finden diese Am drücke bei allen germanischen Stämmen, von de Vesiedlcrn Islands und Grönlands bis zu de Goten der Krim.

Das Entblößen des Hauptes und Hutabnehme ist dagegen ein altes germanisches Friedenszeiche und nicht erst christlichen Ursprungs. Diese Sit, scheint aus sächsischem Lshnsrecht zu stammen, w, nach der Lehnsmann vor dem Eintritt bei seine: Herrn alles Eisen, also Waffen und Helm, o> legen muß, um seine Ergebung und Wehrlosigke offenbar zu machen.

Ein Begrüßen durch Handschlag ist b> den Germanen zunächst nicht bekannt, da Händereichen wird eher als Geste und Bekrä tigung der Versöhnung nach einem Streit zu e: klären sein und bat erst später die allgemeine B: deutung der Begrüßung erhalten. Den kamera! schriftlichen Geist des germanischen Freundschaft- und Gefolgschaftsmesens zeigt die sehr häufig i den alten Heldenepen ermähnte Sitte durch Ku oder Umarmung dw anderen zu begrüßen.

D'-eie echt deutsche Sitte, dem anderen Mensche durch freundliche Begrüßung sein Wohlwolle auszudrücken, zeigt sich noch heute in dem Vc' halten der Landbevölkerung dem Fremden geger über. Die alte germanische Aufgeschlosienheit'un Gesprächigkeit zeigt unser deutscher Bauer, de sich mcht mit den einfachen festen Grußforme begnügt, sond-.n darüber hinaus durch Hin,- rügung kurier Bemerkungen, wie .Wohin de W-gs",Schön Wüter heute". Anknüwung- vnnpe such-, um ein Gespräch.zu beginnen.

Dr. II. ImuLs.