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Bremer Zeitung, Verlagsgesellschast m. b. H., Geeren 8 bis 8. / Fernruf: Sammelnummer Roland 625.
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Nr. 332 / 4. Vierteljahr I
Nonlag, den ii. Dezember
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Internationale Piraten
Wie marxistische „Ehrenmänner ' gegen Deutschland hetzen / Ein Vrotokoll
Saarbrücken, 1 g. Dezember.
Die Saarbrücken Zeitung veröffentlicht einen ihr übermittelten Bericht, der die gegen Deutschland von ehemaligen deutschen Marxisten entfesselte Hetze in ihrer ganzen Niedertracht enthüllt. Es handelt sich um eine Niederschrift über die Ausschußsitzung der Ersten Internationalen So- zialistenkonferenz über deutsche Fragen in Paris vom 21. bis 26. August 1933. Das Referat erstattete in dieser Sitzung Wels. Er führte u. a. aus: Unsere Organisation ist in Deutschland in vollem Aufbau begriffen. Unsere leitenden Funktionäre sind alle mit neutralen Pässen versehen. Und wenn auch einige Tausend einmal abgefangen werden, so steht doch fest, daß wöchentlich der Vorwärts mindestens eine Auflage von zirka 1 Million im Kleinformat nach Deutschland sendet. Allen Berichten zufolge werden die SPD.- Schriften begeistert empfangen und weitergegeben. Dem gegenüber macht sich schon jetzt unter den NSDAP.-Anhängern die Unzufriedenheit breit. Für den Winter sei mit einer großen Teuerung und Unruhen, sowie mit einem großen Anschwellen des Arbeitslosenheeres zu rechnen. Hier müssen die Maßnahmen der Internationale einsetzen. Hierbei müßten die Genossen im Auslande helfen. Um die Situation in Deutschland v e r s ch ä r f e n z u helfen, muß der Boykott ganz streng durchgeführt werden.
Alle Zeitungen, die uns zur Verfügung stehen, mußten täglich Meldungen über die Greuel der Konzentrationslager berichten. Wesentlich ist es, auf die Regierungen einzuwirken, daß man Deutschland außenpolitisch soviel Schwierigkeiten wie möglich macht. Zusammenfassend könne gesagt werden, daß für die Nazi-Regierung sich innen- und außenpolitisch die Lage katastrophal zuspitze und der Zusammenbruch im Winter zu erwarten sei.
Nächster Redner war Vreitscheid. Er schloß sich den Ausführungen von Wels an und betonte, daß der Boykott viel schärfer durchgeführt werden müsse. Es müsse zur Transportsperre kommen. Höltermann äußerte, nach der Diktatur Hitlers könne nur die Diktatur der Arbeiterklasse folgen. Der Anfang dazu sei gemacht. Formationen seien im ganzen Reiche in Fünfergruppen, ohne Unterschied der ehemaligen Parteizugehörigkeit, unter neuen Führern, die früher nicht hervorgetreten sind, neu gebildet.
Ein ernstes Kapitel sei die Frage der Bewaffnung. Die SPD müsse auch in der Lage sein, im Ernstfälle nicht nur deutsche Formationen über die Grenze zu werfen, sondern es müsse möglich sein, auch die Arbeiterschaft der Erenzländer zu tewajsnen und über die Grenze zu werfen.
Von der Konferenz wurden dann u. a. folgende Beschlüsse gefaßt:
Die Internationale verhängt den Boykott über sämtliche deutschen Erzeugnisse. Der Reichstagsbrandprozeß soll dazu benutzt werden, eine um- sassende Propaganda gegen Deutschland zu ent
fesseln. Die Transportsperre solle sofort vorbereitet werden. Die 2. Internationale erkennt an, daß zur Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse der bewaffnete Ausstand unbedingt gefordert und organisiert werden müsse. Die Durchführung der vorbereitenden Maßnahmen wird. in die Hände von Höltermann, Wels, überhaupt der deutschen Partei gelegt.
Schließlich wurde die Aufmerksamkeit darauf. gelenkt, daß man sich der ausländischen R i e se n s e n d e r, die bis weit in Deutschland auch durch den Volksempfänger gehört werden, bedienen müsse. Es habe sich in Brüssel ein Ausschuß gebildet, der Verhandlungen mit den in Frage kommenden Regierungen und Rundfunkgesellschaften eingeleitet habe. Für die Aufgabe der Erfassung der deutschen Hörerschaft kämen allerdings nur wenige Großsender in Frage, die ihre Sendungen ganz oder teilweise in deutscher Sprache senden. Dies seien die Sender Oesterreichs, die schweizerischen Landessender, die Sendestellen Prag, Hilversum, Luxemburg und
Straßburg. Außerdem seien aber an die englischen, russischen, belgischen und polnischen Regierungen und Sendestellen mit entsprechenden Anträgen herangetreten. Bereits abgelehnt hätten Belgien und Moskau, das nur kommunistische Propaganda mache. Frankreich, England und die Schweiz lehnten es ab, offizielle Verhandlungen zu führen. Es besteht aber noch die Möglichkeit, etwas durch Verhandlungen mit den in Frage kommenden Rundfunkgesellschaften zu erreichen. Mit den Sendsleitungen Straßburg, Hilversum, Luxemburg sei man auf gutem Wege, Verträge abzuschließen. Die österreichische Regierung habe bisher nicht geantwortet. Die polnischen und tschechischen Sender verbreiten schon heute alle ihnen auf geeignetem Wege zugestellten Nachrichten.
Treffend schreibt die Saarbrücker Zeitung hierzu: „Wels, Vreitscheid, Höltermann, das also sind die Leute, die sich ob ihres „tragischen Loses"
vom Ausland bemitleiden lasten und die von der Presse des Auslandes Monate lang als die Helden gefeiert wurden! Treffender als in oiesem Dokument kann ihr von keinem Bedenken gehemmter Haß und die ganze Ehrlosigkeit ihrer Gesinnung nicht charakterisiert werden. Sie haben, wie der Bericht zeigt, mit allen Mitteln versucht, das Ausland zum Eingreifen aufzustacheln. Sie wollen die Parlamente mobil machen, damit sie sich gegen eine Aufrüstung Deutschlands wenden. Sie benutzen jedes Mittel, um das neue Deutschland vor der Welt zu diskreditieren und zu schädigen. Das also, die Wels, Vreitscheid und Höltermann sind die Ehrenmänner, die für „das wahre Deutschtum kämpfen". Um wieviel verständlicher könnten angesichts dieser Handlungsweise die kümmerlichen Fälschungen des Petit Parisien erscheinen, dessen Dokumente auf solche obskuren Quellen zurückgehen. Wir hegen die bestimmte Erwartung, daß sich auf Grund dieser Fälschung auch jenseits der Grenzen alle national gesinnten Ausländer von diesen internationalen Piraten abwenden, denn hier zeigt sich, zu welch dunklen Geschäften sie ,,das Asyl der Demokratie" mißbrauchen. Es sind nicht nur von finsterm Haß erfüllte Deutsch- feinde, sondern Friedensstörer, die gewissenlos genug sind, ein 60 Millionen-Volk in Unheil stürzen zu wollen, um ihren Rachedurst befriedigen zu können.
Beginnt die deutsch-französische Aussprache?
Lord Tyrrell nach Varis zurückgekehrt / Englische Stimme für Vertragsrevifion
Paris, 1v. Dezember.
I» hiesigen politischen Kreisen spricht man von einer bevorstehenden neuen Unterredung zwischen Botschafter Francois Poncet und dem Führer. Während der außenpolitische Berichterstatter des scharfmacherischen „Echo de Paris" im Zusammenhang hiermit behauptet, die französische Regierung habe ihre Botschafter angewiesen, die Vorschläge des Führers als Verhandlungsgrnnd- lage abzulehnen, schreibt der Außenpolitiker des „Excelsior", Francois Poncet habe den Reichs- außenminister bei seiner letzten Unterredung um einige Aufklärungen politischer, rechtlicher und technischer Art über die Erklärungen gebeten, die der Führer ihm am 23. November gemacht habe. Darnach scheint die französische Regierung noch keinen Beschluß in dieser Richtung gefaßt zu haben.
Diese Auffassung wird auch dadurch bestärkt, daß der englische Botschafter erst heute aus London zurückkehrt, um die französische Regierung über die Auffassung Englands zu unterrichten. Die französische Regierung tritt außerdem erst am Dienstag zu einem Ministerrat zusammen, und es ist wahrscheinlich, daß bei dieser Gelegenheit die Frage der Fortsetzung der deutsch-französischen Vorbesprechungen eingehend geprüft werden wird.
Dem Kabinett Chautemps wurde am Sonnabend in der Kammer bei der schwierigen Frage der Beamtengehälter endgültig mit 345 gegen 158 Stimmen das Vertrauen ausgesprochen.
London, 10. Dezember.
Ueber das bisherige Ergebniß.der Londoner Abrüstungsbesprechungen bringt die englische Sonntagspresse noch keinerlei klare Anhaltspunkte. Die Pariser Vermutung, daß England bereits. vermittelnd in den deutsch-französischen Meinungsaustausch eingegriffen habe, wird vom diplomatischen Mitarbeiter des „Observer" bezweifelt. Was zurzeit in London stattfinde, sei, daß England, Frankreich, Deutschland und Italien — hauptsächlich auf dem Wege über die Botschafter — eine Klärung der verschiedenen politischen Bestrebungen versuchten. „Sunday Times" will von zuständiger Seite erfahren habe, daß Lord Tyrrell den französischen Außenminister von der Absicht Englands unterrichten werde, den Meinungsaustausch zwischen Berlin und Paris zu erleichtern.
Der englische Politiker und Sprecher im englischen Rundfunk, Vernon Dartlett, fordert in der „Weekendreview"" die Einberufung einer neuen Friedenskonferenz, auf der eine gründliche Revision des Versailler Vertrages und besonders der Eebietbestimmungen vorgenommen werden werden soll. Dies würde der wertvollste Schritt zur Herbeiführung des Friedens sein. Bartlett erklärt, daß der 14. Oktober, der Tag des Austritts Deutschlands aus dem Völkerbund, das wichtigste Datum in der Weltgeschichte seit dem Waffenstillstand sei, weil Deutschland an diesem Tage mit dem Versailler Vertrag gebrochen habe. Diese Entwicklung müsse allgemein begrüßt werden, denn jedermann müsse anerkennen, daß es keinen dauernden Frieden geben könne, solange
einigen Staaten die Rechte verweigert würden, die anderen gewährt sind.
Warschau, 10. Dezember.
Am Sonnabend wurde der französische Botschafter Laroche von Außenminister Veck zu einer Unterredung empfangen. 2n politischen Kreisen besteht die Meinung, daß die Unterredung im Zusammenhang mit der bevorstehenden diplomatischen Rundreise des französischen Außenministers Paul-Boncour gestanden habe. Es heißt ferner, daß der Besuch nicht, wie ursprünglich verlautete, im Februar, sondern bereits 'in den ersten Januartagen erfolgen werde.
Das rechtsoppositionelle „ABC." macht die Wiederherstellung des Versailler Werkes von 1919 „als alleinige Sicherung des Friedens" abhängig von der Stabilisierung der innerpoliti- schcn Verhältnisse in Frankreich.
Gtreikgefahr in Paris
Parts, 10. Dezember.
Die Zentralvereinigung Städtischer Angestellter und Beamter hat in einer Sitzung am Sonnabendabend gegen die Verabschiedung des Artikels 6 (Gehaltsabbau) in der Kammer protestiert und ihr Bedauern ausgedrückt, daß die Sozialisten nicht gegen die Regierung gestimmt haben. Sie hat ihre Mitglieder aufgefordert, sich für den Abwehrkampf bereitzuhalten und die Anweisungen abzuwarten, die noch erteilt werden sollen.
Der „österreichische Mensch
Von Hannshenning Anger
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Der „österreichische Mensch" ist eine neuzeitliche Erfindung, geschaffen durch Leute, die der Welt vor Augen führen wollen, daß man an der schönen blauen Donau ein durchaus „selbständiges" staatliches, wirtschaftliches und kulturelles Leben führen müsse, auf jeden Fall unabhängig vom deutschen Mutterland.
Es ist eine lohnende Aufgabe, sich diesen „österreichischen Menschen" einmal aus allernächster Nähe anzusehen, und eine Entdeckungsfahrt nach der „Volksrepublik" Oesterreich zu unternehmen. Allerdings hätte es wenig Zweck, hier in Wien Gespräche mit der?sogenannten Politikern zu führen, denn diese Herren wissen ja selbst nicht, was sie eigentlich wollen. Was man dagegen beim Volk i» einem Alltag erlauschen kann, das läßt die wirkliche Stimmung in dem angeblich um seine Selbständigkeit kämpsenden Lande richtig erkennen.
Man sollte zum Beispiel annehmen, daß sich der österreichische Eisenbahner, ein Vundes- beamter, mit seinem antideutschen Amtseid behaftet, unfreundlich zeigen würde. Ganz im Gegenteil: Der Mann fragt, sehr zweideutig — fast schon eindeutig — lächelnd, was denn „drüben" los sei und gibt der Hoffnung Ausdruck, man würde bald „auch bei uns flügge werden". Der Himmel mag misten, wer in aller Welt dem biederen Bundesbeamten das hochdeutsche Wort beigebracht hatte. „Flügge" klingt aber in diesem Zusammenhang, aus diesem beamteten Munde sehr oielverheißend und zukunftssroh.
Ganz ähnlich verlaufen andere, Plaudereien mit den einfachen Leuten aus dem Volke, das angeblich die Bestrebungen seiner Regierung geschlossen unterstützt und jede engere Zusammen
arbeit mit dem Reich wegen der Selbständigkeit ablehnt. Der Gastwirt wird in dem Augenblick, da er erfährt, daß man aus dem Reich gekommen ist, zutraulich und flüstert: „Das letzte Mal hat mich die Polizei heute geholt wegen illegaler Parteiarbeit! Aus mir werden aber die Herren nicht klug . . ." Hauptsache, daß ich aus dem Mann binnen drei Minuten „klug" geworden bin! Sein Kellner schöpft aus dem Verhalten seines Brotgebers frischen Mut und zeigt stolz das Lichtbild eines SA-Mannes. „Ihr Bruder?" — „Na, ich selbst", erwidert der kleine Mann etwas beleidigt. Ja, richtig! Wie soll man aber an einem ebenso verbissenen wie gemächlichen Ober den ganz und gar soldatisch dreinschauenden jungen Weltanschauungskämpfer erkennen? Kleider machen eben Leute, und ganz besonders dann, wenn die Uniform eine Idee symbolisiert.
Der Zeitungsmann im unvermeidlichen Wiener Kaffeehaus, wo der Bürger seinen Tag verbringt, wo er unzählige Gläser Wasser und unzählige Journale verbraucht, wo er seine Geschäfte, seine Privatkorrespondenz, seinen Familienkrach und seine Rendezvous „erledigt", bringt reichs- deutsche Blätter: „den roten Quatsch lesend dock, net! Und die ordentlichen Zeitungen haben's eh verbrannt!"
Am Abend möchte man ein Glas Bier trinken. „Lichtes oder braunes", das ist die Frag«. — „Lichtes? Das heißt doch auf reichsdeutsch Helles, nicht wahr?" — „Das kommt erst", lautet die vielsagende Antwort.
Man bittet dann ein Mitglied des „Oester- reickriichen Arbeitsdienstes" zum „lichten" Bier. Dieser restlose Bejaher österreichischer Bundes
politik gibt dem Gastgeber wertvolle Auskünfte über „modische Neuerungen": „Erst ziehen wir halt das Braunhemd an mit der Kravatte und mit der Nadel. Darüber kommt dann, jetzt im Winter, ein Pullover. Und darüber die Uniform des Arbeitsdienstes ..."
So genau wollte ich es gar nicht wissen, der „österreichische Mensch" scheint es aber heute nicht mehr nötig zu haben, große Zurückhaltung zu üben.
Der Hotelportier schließt den aufschlußreichen Tag mit der schlichten Frage ab: „Dauert es noch lange?" Er spricht es nicht aus, w a s er meint, wünscht aber auf die Antwort hin, es würde nicht mehr allzulange dauern, sehr freundlich angenehme Nachtruhe. Und nicht nur freundlich, sondern irgendwie anders als sonst. Früher wünschte man einem in Wien auch die „Gute Nacht" gewissermaßen im überlieferten Dreiviertel-Takt. Jetzt klingt der Wunsch weniger walzermäßig. Man hört aus den Worten eher einen im Werden begriffenen Marschrhythmus heraus.
Wäre das nicht der Fall, dann könnten die Gespräche mit wildfremden Menschen nicht eine so schöne Harmonie ergeben. Zweifellos wird aus dieser stillen Harmonie, aus dieser längst gleichgeschalteten Sehnsucht der breiten Masse eines Tages eine brausende Symphonie. Denn erfahrungsgemäß pflegen' aus Alltagsharmonien Symphonien des Alltags, und aus diesen wiederum Eegenwartsmusik zu entstehen. Die Eegenwarts- musik aber — wer Ohren hat, kann sie in Wien heute schon deutlich hören! — ist zuguterletzt Musik der Zukunft, oder noch richtiger die Ouvertüre zu einem schöneren, besseren, gradlinigen Morgen.
Die Wiener Straße zeigt kein erfreuliches Bild Plakate verkünden die Todesstrafe, und die große drückende Stille mutet wie eine aufgezwungene Depression an. Diese mag als Uebergangs Stimmung eines vergewaltigten Volkes noch einige Zeit währen. Die Emigrantenhorden mögen sich
vorübergehend weiter Letätigen. Bald dürften aber die Haßgesänge gegen das neue, erstarkende Deutschland verklingen, denn der Marschrhythmus wird immer stärker, immer hörbarer, immer einheitlicher.
Unsere Gruhsormen
Der Gruß ist zweifellos ein sehr aufschlußreiches und wichtiges Merkmal für die innere und äußere Art eines Volkes. Nichts kann vielleicht das lebensfrohe Volk der Griechen der klassischen Zeit besser kennzeichnen als ihr Gruß „Chaire" („Freue dich"), nichts drückt mehr deutsches Gemüt aus, als unsere landschaftlich so erstaunlich vielfältigen Erußarten wie „Glück auf", „Grüß Gott" und „Willkommen".
Jede Sitte hat ihre natürliche Entstehung. Die Begrüßung zweier einander begegnender Menschen ist schon bei den Völkern primitivster Kulturstufe ein Bestandteil ihres Zeremoniells. Die Grußformen, soweit sie aus Gesten und Gebärden bestehen, haben stets eine ursprüngliche, im Psychologischen des betreffendes Volkes wurzelnde Bedeutung. Wenn der Asiate sich in den Staub wirst, der Orientale mit gekreuzten Armen sich tief verneigt, der Europäer sein Haupt entblößt („Er hat so wenig Ruhe wie der Hut eines Franken", lautet ein mohammedanisches Sprichwort), so sind dies ursprünglich Zeichen der Unterwerfung des Schwächeren dem Stärkeren gegenüber. In jener ersten rauhen, kriegerischen Zeit will man den fremden Menschen günstig stimmen, indem man ihm gegenüber freiwillig die Rolle des Wehrlosen einnimmt.
Von den alten Germanen sind uns schon ganz feste Formen der Begrüßung überliefert. Das unruhige Leben der Völkerwanderungszeit gab ja reichlich Gelegenheit, daß sich Männer unterwegs «rasen. Wenn nvei Helden e'i,ander b-gegneten. fragten sie nach dem Namen des anderen und
RiHlertumundVolitik
Von
Staatsrat Pros. Dr. Carl Schmitt
Die Unabhängigkeit der Richter beruht auf ihrer Bindung an das Recht und das Gesetz des Staates, dessen Recht der Richter zu sprechen hat. Ohne diese Bindung ist die richterliche Unabhängigkeit Willkür, und zwar politische Willkür.
Die Unabhängigkeit der Richter kann nicht grenzen- und bedingungslos sein. Sie kann nicht bedeuten, daß der Richter über den Staat oder außerhalb des Staates steht. Die Bindung an Recht und Gesetz ist Bindung an das Recht und das Gesetz eines bestimmten Staatswesens. Wäre sie Bindung an ein überstaatliches Gesetz, so stände der Richter über den Staat. Er wäre nicht Richterdes Staates, dessen Recht er sprechen soll, sondern Richter über den Staat. Dqs wäre der äußerste und unerträglichste Grad einer Politisierung der Justiz; denn sobald der Richter sich'von seinen Bindungen befreit, kommt er in die Lage, gegen die in jedem Recht und Gesetz enthaltenen politischen Entscheidungen des Staates andere politische Auffassungen zur Geltung-zu bringen. Wer sich über, d. h. nach Lage des Falles gegen das staatliche Gesetz stellt, begibt sich auf das Gebiet der Politik. Dadurch, daß der Richter sich von der Bindung an das staatliche Gesetz freimacht, gelangt er also nicht etwa in eine Sphäre reinen Rechts, sondern nur in eine Zone politischer Kämpfe, deren Heftigkeit durch die Berufung aus das Recht nur gesteigert wird.
Die Entscheidung darüber, ob eine Angelegenheit unpolitisch ist, enthält immer eine politische Entscheidung. Was politisch oder unpolitisch ist, kann nur vom Politischen her bestimmt werden. Hierbei ist es gleichgültig, welche Stelle (der Justiz, Verwaltung, Selbstverwaltung, Kirche, Wissenschaft, Wirtschaft) beansprucht, von sich aus den unpolitischen Charakter einer Entscheidung gegen den Staat geltend zu machen. Ebenso ist es gleichgültig, mit welchen Beweisgründen (ob mit juristischen, administrativen, theologischen, wissenschaftstheoretischen oder ökonomischen Argumenten) der Nachweis des unpolitischen Charakters geführt werden soll.
Wenn heute eine Stadtverwaltung ein Bild von Karl Liebknecht im Rathaus aufhängen und dabei behaupten wollte, es handle sich um eine reine Selbstverwaltungsangelegenheit, um städtisches Privateigentum, und außerdem um einen unpolitischen Akt „reiner Pietät", so würde wohl jeder Teutsche den politischen Sinn dieser Art von Beweisführung aus dem Unpolitischen sofort erkennen. Dieser politische Sinn der Berufung auf das Unpolitische entfällt auch keineswegs dadurch, daß etwa ein Gericht zuständig wird, um den Fall zu entscheiden. Im Prozeß vor einem Verwaltungsgericht oder einem bürgerlichen Gericht könnte sich die Stadtverwaltung nicht darauf berufen, daß die Frage eine reine Rechtsfrage und daher unpolitisch sei; und das Gericht dürste nicht mit der Begründung, daß es nur über eine Rechtsfrage und nicht über die politische Seite der Sache zu urteilen habe, den
nannten den eigenen, häufig unter Aufzähluv der Ahnenreihe und der vollbrachten Heldentote: Erst nach dieser gegenseitigen Vorstellung begrüß: man sich mit einem Segensspruch. Wurde bei de Germanen ein Fremder nicht begrüßt, so bedei dete dies etwas ganz Besonderes und wird in de Heldenepen ausdrücklich erwähnt — stets droh: dann Gefahr. Die Begrüßungsworte sind „hails „heil", auch „willichomo", wir finden diese Am drücke bei allen germanischen Stämmen, von de Vesiedlcrn Islands und Grönlands bis zu de Goten der Krim.
Das Entblößen des Hauptes und Hutabnehme ist dagegen ein altes germanisches Friedenszeiche und nicht erst christlichen Ursprungs. Diese Sit, scheint aus sächsischem Lshnsrecht zu stammen, w, nach der Lehnsmann vor dem Eintritt bei seine: Herrn alles Eisen, also Waffen und Helm, o> legen muß, um seine Ergebung und Wehrlosigke offenbar zu machen.
Ein Begrüßen durch Handschlag ist b> den Germanen zunächst nicht bekannt, da Händereichen wird eher als Geste und Bekrä tigung der Versöhnung nach einem Streit zu e: klären sein und bat erst später die allgemeine B: deutung der Begrüßung erhalten. Den kamera! schriftlichen Geist des germanischen Freundschaft- und Gefolgschaftsmesens zeigt die sehr häufig i den alten Heldenepen ermähnte Sitte durch Ku oder Umarmung dw anderen zu begrüßen.
D'-eie echt deutsche Sitte, dem anderen Mensche durch freundliche Begrüßung sein Wohlwolle auszudrücken, zeigt sich noch heute in dem Vc' halten der Landbevölkerung dem Fremden geger über. Die alte germanische Aufgeschlosienheit'un Gesprächigkeit zeigt unser deutscher Bauer, de sich mcht mit den einfachen festen Grußforme begnügt, sond-.n darüber hinaus durch Hin,- rügung kurier Bemerkungen, wie .Wohin de W-gs", „Schön Wüter heute". Anknüwung- vnnpe such-, um ein Gespräch.zu beginnen.
Dr. II. ImuLs.