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das amtliche Organ des Senats
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Nr. 83 / i. Vierteljahr
Sonntag, den 25. März
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Keine USA.-Gelder für VattS
Roosevelt versagt Frankreich finanzielle Hilfe / Lum Teil eine unangenehme
Folge der letzten „2lbrüstungs"-Note
Gmndsätze der Abrüstung
stlü. Frankreich hat in seiner Antwortnote auf das englische Abrüstungsmemorandum die (angesichts der Wehrlosigkeit Deutschlands sehr bescheidene) Forderung der Berliner Regierung nach Ausbau der Reichswehr zu einem 300 OOO-Mann-Heer mit der Begründung zurückgewiesen, daß die Grundsätze der Völkerbundssatzungen und der auf diesen beruhenden Abrüstungskonferenz verleugnet und zunichte gemacht würden. Es müsse, so heißt es in der Pariser Note weiterhin, immer wieder auf den Völkerbund und seine Satzungen zurückgegriffen werden. Frankreich gleicht, indem es so argumentiert, einem Schuldner, der sich seiner Verpflichtung seinem Gläubiger gegenüber durch einen Hinweis auf — den Schuldschein zu entziehen versuchen wollte. Die Völkerbundssatzung, die bekanntlich den erfreu Teil des Versailler Vertrages darstellt, nämlich in Artikel 8 ebenso klar wie kategorisch den Grundsatz festgelegt, daß die Aufrechterhaltung des Friedens die Herabsetzung der Rüstungen auf das für die nationale Sicherheit erforderliche Mindestmaß nötig macht. Gemeint sind natürlich die Rüstungen aller Nationen, der „Sieger" sowohl wie der „Besiegten"; war doch auch Punkt 4 der Friedensbedingungen Wilsons, — die Zusicherung, daß die Rüstungen auf das kleinste Maß beschränkt werden — auf die Gesamtheit der Nationen bezogen. Nachdem es Wilson in Versailles nicht gelungen war, die Abrüstung für jeden einzelnen Staat zum gleichen Termin festzusetzen, wurde die Rechtsverbindlichkeit für die zunächst von der Rüstungsbeschränkung ausgenommenen Nationen jm Teil s des Versailler Vertrages wenigstens, .mit folgendem Vorspruch zu den Abrüstungsbestimmungen zugegeben: „Um die Einleitung einer allgemeinen Rüstungsbeschränkung aller Nation e n zu ermöglichen, verpflichtet sich Deutschland..."
Deutschland hat durch peinliche Erfüllung der ihm auferlegten Verpflichtungen die Möglichkeit zu einer allgemeinen Rüstungsbeschränkung geschaffen, während Frankreichs Heer und Luftflotte nicht nur die stärksten und modernsten der Welt sind, sondern immer noch weiter verbessert werden. Die wiederholte Behauptung der Pariser Diplomaten, Frankreich habe von 1920 bis 1932 die Anzahl seiner Divisionen um SO Prozent verringert, ist irreführend, da 1920 der Heeresbestand Frankreichs ziffernmäßig noch zu einem wesentlichen Teil durch den Zustand der fortdauernden Mobilmachung bestimmt war; allein die Besatzungstruppen im Rheinland zählten damals weit mehr Köpfe als die deutsche Reichswehr. So ist es denn Frankreich, das um mit den Worten seiner Antwortnote zu reden, die Grundsätze der Völkerbundssatzungen verleugnet und zunichte gemacht hat. Wenn es nunmehr den Spieß umzudrehen und nach der strategischen Regel: „Der Angriff ist die beste Verteidigung" zu handeln versucht, so unterschätzt es denn doch dre Beobachtungsgabe, das Gedächtnis und die Denkfähigkeit der nicht am Wettrüsten interessierten Staatsmänner ganz gewaltig.
Indem wir hier also „auf den Völkerbund zurückgegriffen" haben, wollten wir nur eine der vielen zweifelhaften Behauptungen, die in der letzten „Abrüstungs"-Note Frankreichs an England enthalten sind, ins rechte Licht rücken.
Millerand Kunde Gtaviskus?
Selbstmord Princes ausgeschlossen — DieJuwelen in London aufgefunden
Paris, 24. März
Der parlamentarische Stavisky-Ausschutz soll daran denken, die Einberufung des eben erst in die Ferien gegangenen Parlaments für die kommende Woche zu beantragen, damit die parlamentarische Immunität der schwer belasteten Senatoren Odin und Puls und der Abgeordneten Hulin und Proust noch vor Ostern aufgehoben werde. Aus dem Verhör des Senators Odin ist zu erwähnen, daß der Zeuge einen früheren Präsidenten der Republik als Stavisky- KunVen bezeichnete. Nach längerem Zögern erklärte er, es handele sich, wie man behaupte, um Millerand.
Vernommen wurde am Freitag auch der frühere Ministerpräsident Chautemps. Er behauptete, weder Stavisky noch Allette Simon, die spätere Frau Stavisky, gekannt zu haben.
Der Untersuchungsrichter hat nunmehr den endgültigen Bericht der Aerzte, die die zweite Obduktion der Leiche des bei Dijon tot anfgc- sundcnen Gerichtsratcs Prince vorgenommen haben, erhalten. Dieser Bericht schließt die Möglichkeit eines Selbstmordes völlig ans. Eerichts- rat Prince hat durch den über ihn hinwegfahren- den Zug den Tod erlitten, doch wurde er in belaubtem, bewußtlosem Zustande aus die Schienen gebunden.
Die Juwelen Staviskys, die auf 8 Millionen Fr. ge chästt werden, sollen nach einer Meldung des ^ntransigeant" in London gefunden und beschlagnahmt worden sein.
cknd. Washington, 24. März.
Die Haltung des Finanzministers Morgenthau in der Angelegenheit einer Beteiligung amerikanischer Bankiers an der in holländischen Bankplätzen aufgelegten Anleihe für Frankreich erregt hier allgemeine Aufmerksamkeit. Es ist das erste Mal, daß Präsident Roosevelt offen seine Mißbilligung der französischen Haltung in der Kriegsschuldensrage zum Ausdruck brachte. Roosevelt hat dem Finanzminister Morgenthau die Anweisung gegeben, amerikanische Gelder für französische Zwecke zu verweigern, obwohl das sog. Johnson-Gesetz, das dies vorschreibt, vom Unterhaus noch nicht angenommen, also noch gar nicht in Kraft getreten ist. Das Johnson- Gesetz verbietet bekanntlich Privatanleihen
London, L1. März.
Wie Reuter erfährt, ist man in Londoner politischen Kreisen der Ansicht, daß die französische Note in der Abrüstungsfrage nicht so hart beurteilt werden kann, als ob damit die Tür endgültig zugeworfen würde. Die britische Regierung betrachtet die französische Note nicht als letztes Wort, sie wird deshalb die Abriistungsfrage im Lichte der deutschen und der französischen Note mit größter Sorgfalt prüfen und untersuchen, ob die Möglichkeit besteht, entweder Frankreich oder Deutschland irgendeine Konzession oder Abänderung vorzuschlagen, die die beiden Länder einander näherbringen könnte.
Eroßsiegelbewahrer Eden hielt in Bradford auf einer Veranstaltung der Völkerbundsliga eine Rede, in der er u. a. erklärte, daß ihm der Augenblick nicht geeignet scheine, um die letzte französische Note zu erläutern. Er forderte seine Zuhörer auf, nicht voreilig anzunehmen, daß alles gescheitert sei. Die britische Regierung mache sich keine Illusionen über die bestehenden Schwierigkeiten, jedoch sei das Wort „unmöglich" nicht in ihrem Wortschatz enthalten.
Ausführliche Berichte in den Morgenblättern beschäftigen sich mit dem Inhalt der französischen Note und dem Beschluß der englischen Regierung, nach einer gemeinsamen Prüfung mit der deutschen und italienischen Antwort 'den diplomatischen Meinungsaustausch zwischen London, Paris, Rom und Berlin fortzusetzen. Weitere Rückfragen in Paris werden von den Korrespondenten mit „Mißverständnissen" über gewisse Punkte in der französischen Note begründet. Die französische Note, so erklärt der diplomatische Mitarbeiter des „Daily Telegraph", sei in mancher Hinsicht außergewöhnlich unklar. In manchen Punkten zeige sie merkwürdigerweise Mißverständnisse hinsichtlich des genauen Umfanges und der Auswirkung sowohl der englischen Vorschläge als auch der deutschen Forderungen. Besonders seien Frankreichs Einwendungen gegen den englischen Plan auf ein peinliches Mißverständnis zurückzuführen. So sage Frankreich, daß eine sofortige Aufrüstung Deutschlands bei einer gleichzeitigen sofortigen Abrüstung Frankreichs unannehmbar sei. Demgegenüber sei zu betonen, daß der englische Plan weder das eine noch das andere in diesem unmittelbaren Sinne vorschlage, sondern lediglich, daß Deutschland innerhalb eines Zeitraumes von mehreren Jahren seinen verhältnismäßigen Anteil an Verteidigungswaffen erwerbe, bei gleichzeitiger schrittweiser Umbildung der Reichswehr in eine kurz dienende Miliz. Gleicherweise sei die Beseitigung der schweren französischen Angriffswaffen auf eine Reihe von Jahren verteilt.
Die französische Note scheine ebensowenig die Versöhnlichkeit der deutschen Haltung in der Frage der Tanks, Geschütze und der Verbände zu beher-
Kei-keestrase im Wiener- Prozeß
Wien, 21. März.
In dem ersten Aufruhrprozeß, der am Freitag vor den Wiener Geschworenen gegen die Teilnehmer des Februar-Aufstandes geführt wurde, wurde der 32jährige Schutzbündler Erdinger des Aufruhrs für schuldig erkannt und zu sechs Jahren schweren Kerkers verurteilt. Der Gerichtshof erklärte das Vorliegen erschwerender Umstände für gegeben, da der Schutzbündler mit der Waffe in der Hand an den Zusammenrottungen teilgenommen habe.
an Staaten, die gegenüber Amerika in Zahlungsverzug sind, gestattet jedoch der Regierung, durch die kürzlich gegründeten drei Handelsbanken Kredite zur Förderung des Außenhandels mit sämtlichen Nationen zu gewähren.
Die Haltung des Präsidenten Roosevelt gegenüber Frankreich findet in der Presse und im parlamentarischen Kreisen fast einmütige Zustimmung, besonders nach Bekanntwerden der am Sonnabend früh hier veröffentlichten französischen Note zur Abriistungsfrage, die allgemein als deutlicher und erneuter Beweis der Entschlossenheit Frankreichs aufgefaßt wird, die Abrüstung und damit die Beruhigung der politischen Atmosphäre zu sabotieren. In diesem Zusammenhange wird auch auf die französischen Maßnahmen gegen den amerikani-
zigen. Auch das sehr sorgfältige englisch-amerikanische Zugeständnis durch Annahme der französischen Forderung nach einer . internationalen R L stungsüberwachung werde anscheinend von Frankreich nicht geschätzt. , England würde sicherlich jegliche Ausdehnung seiner . Locärno- verpflichtungen auf weitere Grenzen im Baltikum, auf dem Balkan, Rußland usw. ablehnen. Frankreich könne tatsächlich nur die tschechoslowakische und vielleicht auch die österreichische Grenze im Auge haben, da Polen nunmehr vollkommen durch seinen Vertrag mitHitler zufriedengestellt sei. Zur Erörterung stehe nur die zweite Art von Bürgschaften, nämlich die sogenannte „Ausfiihrungsbürgschaft" für die Abrüstungsvereinbarung. Wenn Frankreich in diesem Punkt ein wirklich praktischer Garantieplan unterbreitet werden könne, so werde dieser sicherlich von London genau geprüft werden.
Der Leitaufsatz der „Times" zur französischen Note ist besonders beachtlich. Es sei klar, so heißt es in dem Artikel, daß alle Länder der Tatsache offen ins Gesicht blicken sollten, daß Deutschland moralisch, wenn nicht sogar rechtlich, zum Besitz der Mittel für seine Selbstverteidigung berechtigt sei. Es sei sicher, daß Deutschland kein Abkommen annehmen würde, das ihm nicht das Recht zum Besitz von Verteidigungswaffen gäbe. „Es muß die Essenz jedes Abkommens sein, daß jeder Staat in der Lage sein soll, seine eigene Verteidigungsausrüstung an Mannschaften und Material zu haben".
Washington stark enttäuscht
Washington, 21. März.
Im Staatsdepartement und im Weißen Hause hat die französische Abrüstungsnote starke Enttäuschung bereitet. Wie erklärt wurde, könne man nicht verstehen, weshalb die französische Regierung hartnäckig an der alten These der Sicherheit festhalte, anstatt ebenso wie alle anderen Großmächte im Interesse der Erzielung einer
Kowno, 21. März.
Am 21. März hat der litauische Außenminister dem deutschen Vertreter für Litauen auf eine Note über den angeblichen Gegensatz des Gesetzes zum Schutze von Volk und Staat zu dem Statut des Memelgebietes eine Antwort überreicht. In der litauischen Note heißt es, daß die litauische Regierung diesen Vor- wurf nicht anerkenne und feststelle, daß das Gesetz für die Gesetzgebung Litauens zuständige Angelegenheiten regele. Die Regierung finde daher, daß die in Rede stehende deutsche Note weder mit den allgemeinen internationalen Grundsätzen noch mit der Pariser Konvention über das Memelgebiet in Einklang stehe. In der litauischen Note werden ferner litauische Demarchen in Berlin wegen der gegen die territoriale Integrität Litauens gerichteten Propaganda in Deutschland, die auf die Einstellung gewisser Schichten im Memelgebiet nicht ohne Einfluß bleiben könnte, aufgezählt. In Erwiderung der deutschen Note wird erklärt, daß das Gesetz zum Schutze von Volk und Staat sich gegen schwere strafbare Handlungen wendet, die in dem gleichen Maße in Litauen nicht ungestraft bleiben können, als sie auch nicht in Deutschland ungesühnt bleiben.
schen Außenhandel hingewiesen, feiner auf die kürzlich vom Weißen Haus gebrandmarkte anti- amerikanische Hetzpropaganda Frankreichs in Süd- amerika. Aus all diesen Gründen stößt die Suche Frankreichs nach ausländischer Finanzhilfe hier auf keinerlei Sympathien.
L. ?. Washington, 21. März.
Der amerikanische Botschafter in Berlin, Dodd, hat bei seiner Ankunft in Newyork den Pressevertretern gegenüber optimistische Erklärungen abgegeben. Er sei unbedingt überzeugt, äußerte sich Dodd, daß es in nächster Zeit keinen Krieg geben werde, entgegen den Schwarzmalereien gewisser Leute, denn erstens sei kein Land materiell in der Lage, mit Nutzen Krieg zu führen, und zweitens wollten die Volksmassen keinen Krieg; sie seien überall kriegsfeindlicher als man gemeinhin denke.
Einigung etwas. nachzugeben. Es wird darauf hingewiesen, daß die Vereinigten Staaten nunmehr bereits vier Schritte hinsichtlich einer Einigung über die Abrüstung getan haben. Wie im Weißen Hause'weiter erklärt wurde, könne man über die Vorschläge nicht hinausgehen und müsse nunmehr die weiteren Bemühungen Europa überlassen.
Amerika halte das britische Memorandum für einen sehr geeigneten Kompromißvorschlag und halte die darin empfohlenen Maßnahmen zur Ungleichung der deutschen Rüstungen für durchaus vernünftig. Zu der vom Kongreß soeben angenommenen Flottenvorlage wird betont, daß dies lediglich eine Genehmigung der Bauten bedeute, nicht aber eine Bewilligung der Mittel hierzu. Amerika halte an der Politik des Londoner Flot- tenvertrages fest.
Im Zeichen der Abrüstung
„Predictor", ein neues englisches Luftabwehr- geschütz
London, 21. März.
Der Marinemitarbeiter des „Daily Telegraph" meldet, daß die englische Flotte einen Kontrollapparat für Luftabwehrgeschütze eingeführt hat, dessen Verwendung die Zahl der Treffer auf fliegende Ziele von 3 v. H. auf annähernd 18 v. H. erhöht hat. Bei den Versuchen mit dem neuen Kontrollapparat, der den Namen „Predictor" trage und bereits von der amerikanischen und anderen ausländischen Flotten erworben sein solle, sei ein fliegendes Ziel beschossen worden, das sich mit über 300 Stundenkilometern in einer Höhe von etwa 1800 Meter vorwärts bewegt habe. Unter diesen schwierigen Umständen seien 29 v. H. Treffer erzielt worden. Der Kontrollapparat werde von sechs Mann bedient und sei in seiner Wirkung eine Art Rechenmaschine, die die Höhe und Geschwindigkeit des fliegenden Zieles mit großer Genauigkeit und Zuverlässigkeit angibt.
zur Lage im Memelgebiet
Zu vorstehender Meldung wird uns von zuständiger Stelle mitgeteilt: Das litauische Gesetz zum Schutze von Volk und Staat vom 8. Februar d. I. bezeichnet einen Höhepunkt in dem Kampfe der litauischen Zentralregie- rung gegen die Autonomie des Memelgebietes. Es hebt praktisch die Autonomie des Memelgebietes auf und richtet sich, wenn auch äußerlich in die Form einer Anwendung auf Gesamtlitauen gekleidet, in seiner Zweckbestimmung ausschließlich gegen die deutsche Bevölkerung des Memelgebietes. Die litauische Regierung hat das Gesetz so gefaßt, daß sie damit eine Handhabe gewinnt, jede irgend denkbare Handlung oder Aeußerung zur Wahrung der autonümen Rechte als unter die Strafbestimmungen des Gesetzes fallend anzusehen, sogar die bloße Absicht wird unter Strafe gestellt. Insbesondere können die Beamten des autonomen Gebietes an der Wahrnehmung der im Statut festgelegten Rechte gehindert werden. Das litauische Gesetz vom 8. Februar d. I. stellt deshalb einen besonders schweren Fall der vielfachen Verletzungen der durch die Memelkonvention garantierten Autonomie des Memelgebietes dar.
Za, ja, es ist schwer
NallonalfvriaW zu sein. ..
ll. Bremen, 25. März.
Kennen Sie die Geschichte von dem Hotelbesitzer und den unerwünschten Arbeiter st iefeln? Natürlich meinte der gute Mann, von dem jetzt die Rede sein wird, nicht die Arbeiterstiefel, sondern die Menschen, die in ihnen stecken. Also „diese Arbeiterstiefel", so erklärte ein Hotelbesitzer in Karlsruhe, dem einige hundert Urlauber der Gemeinschaft „Kraft durch Freude" gegen Bezahlung für ein Mittagsessen zugeteilt werden sollten, „seien nicht für seine Räume da". Auf seinen dicken Perserteppichen spazieren nur kleine Tamen- schuhe aus Schlangenleder und Lackschuhe. Aber Arbeiterstiefel! Schon der Gedanke allein trieb ihm die Empörung ins Gesicht. Aber wie gesagt, schließlich meinte er gar nicht die Stiefel, sondern die Menschen. Und wenn er aus seinem Herzen keine Mördergrube hätte machen wollen, so hätte er einfach sagen können: Mein Hotel betreten Arbeiter nicht. Und wenn sich tatsächlich einmal einer ins Hotel verirren sollte, dann bitte: Hintertreppe. Aufgang für Dienstpersonal... Was man mit dem arbeiterstiefelfeindlichen Mann gemacht hat, wird der Leser fragen. O, das war sehr einfach. Man zog dem Hotelbesitzer ein Paar Arbeiterstiefel an, gab ihm Schaufel und Hacke in die Hand und steckte ihn ins Konzentrationslager... Damit wäre eigentlich die tragikomische Geschichte erzählt, wenn sie nicht schlagartig ein bezeichnendes Licht auf die Einstellung vieler „liebwerter" Zeitgenossen werfen würde. Wir kennen die Vergangenheit des Mannes nicht, es ist aber immerhin möglich, daß er früher einmal bey ehrbaren Beruf eines Hoteldieners in Arbeiterstiefeln ausgeübt hat. Dann wird zu leicht vergessen, welches Glück in den Arbeiterstiefeln gesessen hat.
Es ist heute nicht mehr nötig, davon zu sprechen, daß Arbeit nicht schändet — nötig ist, daß dem Arbeiter die letzten Reste von Minderwertigkeitsgefühlen genommen werden. Wir geraten dabei absolut nicht in die Gefahr, bolschewistische Gedanken zu erzeugen, etwa in dem Sinn: „Was dein ist, ist auch mein." Im Gegenteil: Unser deutscher Arbeiter hat ein ausgeprägtes seines Fingerspitzengefühl dafür, wie er sich in einer Umgebung zu benehmen hat, in der er sich nicht täglich bewegt. Beobachtet ihn nur im Museum, im Theater oder in einem sog. feinen Hotel — man wird niemals feststellen können, daß er aus der Rolle fällt, oder sich ungebührlich benimmt, wenn er sich auch etwas schüchtern anstellt. Man kann sich mit dem deutschen Arbeiter überall sehen lassen. Nur, wie gesagt, die letzten Reste eines Minderwertigkeitsgefühls, das ihm durch Jahrzehnte — auch schon in der Vorkriegszeit — anerzogen worden ist, müssen bei ihm verschwinden. Auch da, wo er sich nicht „zu Hause" fühlt, müssen ihm seine Arbeiterstiefel die Sicherheit im Auftreten geben. Es darf einfach keine öffentliche Veranstaltung, kein öffentliches Lokal, in dem Kunst geboten wird, mehr geben, in denen nicht auch der Arbeiter gleichberechtigt ist. Warum fall es z. B. nicht möglich sein — und wir denken hier an die Vermittlertätigkeit der Organisation „Kraft durch Freude" —, daß auch ein Abend in der Woche ein großes Kabarett zu den billigsten Volkspreisen die Türen weit öffnet für die Arbeiterschaft. Wir wissen, mit welcher Begeisterung der Arbeiter die Gelegenheit wahrnimmt, einmal einen Zirkus zu besuchen, wenn ihm dies ein- oder zweimal im Jahr geboten wird. Der Arbeiter freut sich genau so über deutsche Kleinkunst und artistische Leistungen wie derjenige, dessen Geldbeutel diesen Genuß täglich erlaubt. Für einen solchen Abend werde einmal der Weinzwang aufgehoben, und der Künstler arbeite um fünfzig Prozent billiger für seine unbemittelten Volksgenossen, damit auch sie einen erlebnisreichen frohen Abend genießen können. Heute ist es doch noch so, daß tatsächlich beim Kino der höchste Anspruch des Arbeiters an Kunst aufhört.
Der Fall des arbeiterstiefelfeindlichen Hotelbesitzers, der übrigens meinte, mit 500 Mk. Spende an die Parteikasse wäre die Angelegenheit aus der Welt geschafft, zeigt wieder, wieschweres heute ist, Nationalsozialist zu
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Illegale Reichsbanner-Organisation in Bremen aufgedeckt
Aushebung des Reichswirtschaftsrates Zweiter Eereke-Prozeß In Arabien kämpft man wieder Staviskys Jnzvclen in London aufgefunden
„Tür noch nicht zugeschlagen"
— meint England nach Veröffentlichung der Variser Antwort-Rote
Ableugmrngsversuche Litauens
Eine Note an Deutschland