Ausgabe 
(3.12.1932) Nr. 272
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Notlösung

(Drahlbericht unserer Berliner Schristleitung) Berlin, 3. Dezember. Die endlos lange an Aeberraschungen reiche Regierungskrise hielt zum Schluß das, was sie am Anfang versprach. Noch im allerletzte» Stadium brachte sie die Aeber- raschung, daß «ichl Herr von Papen, sondern Herr von Schleicher als Sieger im Rennen um den großen Preis von Deutschland hervorging.

Daß eS pch bei der Ernennung des Herrn von Schleicher nicht um den Beginn einer neuen Aera, sondern um ein« Lösung, die den Stempel einer Fnterims-Herrschaft trägt, handelt, ist klar. Herr von Schleicher wird ebensowenig, wie Herr von Papen «ine vom Vertrauen breitester Volksschich­ten getragene Regierung aufrichten Linnen und er wird «och «eckiger so, wie es der Ernst der Stunde erfordern würde, mit neuen Mitteln und neuen Ideen an seine Arbeit herangehen können.

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Die Vorgeschichte der Ernennung des Herrn von Schleicher ist reich an Intriguen seltenster Art. Noch Freitag vormittag um 11 Nhr wußten zu­ständige Stellen nichts anderes, als daß Herr von Papen wiederkehren würde. Es war weitesten Kreisen nicht bekannt, daß vormittags um 9 Uhr eine Sitzung des geschäftsführenden Papen-Kabi- netteS stattgefunden hatte. Auf dieser Sitzung kam es zu Ereignissen, die für den Gang der Handlung bestimmend werden sollten. Ueber diese Ereignisse können wir folgendes mitteilen:

Herr von Papen verkündete in der Kabinetts- sitzimg, daß die Verhandlungen über die Regie­rungsbildung abgeschlossen seien und daß der Reichspräsident von Hindenburg wiederum ihn, Herrn von Papen, zum Kanzler ernennen werde-

Wider Erwarten des Herrn von Papen er­hoben sich die Herren Bracht, Popitz, Warm- bold und Schwerin-Krosigk, um zu erkläre«, daß st, mit dieser Lösung keinesfalls einverstan- ^ den wären, sie für untragbar hielten und für ihre Person eine Mitwirkung an diesemExpe­riment" ablehnen müßten. Herr von Papen war sichtlich betroffen, die Herre« von Gaql «nd von Braun versuchte«, Papen beizuspringe«. Herr von Schleicher erklärte, keinen Anlaß skr irgendwelche Erklärungen zu sehe«.

Besonders Herr Bracht soll dem Herrn von Po­pen in grellen Farben die Gefahren einer erneuten Kanzlerschaft ausgemalt haben. Da Herr von Papen sich von seinen treuesten Freunden ver­lassen sah, mußte er wohl oder übel resignieren.

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Gegen 10.30 Uhr begaben sich Herr von Papen und Herr von Schleicher zum Reichspräsidenten zur Berichterstattung. Nach der Erklärung des Herrn von Papen, daß er eine Wiederbetrauung ablehnen müsse, soll

der Reichspräsidentehrlich betrübt und erstaunt"

gewesen sein und Herrn von Papen mehrfach sei­nesabsoluten Vertrauens" versichert haben. Da Herr von Papen sein Spiel aber verloren gab, sah der Reichspräsident von einer Wiederbetrauung ab.Notgedrungen" betraute er Herrn von Schleicher mit der Regierungsbildung. Die Behauptung, daß Herr von Papen Herrn von > Schleicher zu seinem Nachfolger nominiert habe, kann nach unseren Informationen in das Reich i der frommen Legenden verwiesen werden.

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Der Auftrag des Reichspräsidenten an Herrn von Schleicher soll, wie wir hören, auf die Bil­dung einesEntspannungskabinetts" hinauslau­fen. Die Bildung einesKampfkabinetts" wünschte der Reichspräsident keinesfalls. Beson­derer Wert soll auf die Einigung mit dem neuen Reichstag gelegt werden. Wie Herr von Schlei­cher diese Einigung zustande bringen will, ist im Augenblick noch schleierhaft. Man hört, daß der neu ernannte Reichskanzler den Reichstags- präsidenten, Pg. Goering, zu sich bitten lasten werbe, um mit diesem die Möglichkeiten zu be­spreche«, die verhindern könnte», daß das Ka­binett Schleicher im Reichstag dasselbe Schicksal erleidet, wie das Kabinett von Papen.

Wie naiv gewisse Kreise den Dingen gegenüber­stehen, geht daraus hervor, daß man hofft, die NSDAP. auf der Basis des 13. August zu einem Friedensschluß zu bewegen. Schleicher soll nach einwandfreien Jnfornmtionen der Meinung sein, daß die NSDAP. um den Preis des preußischen Minister-Präsidenten, der zugleich als Minister ohne Amtsbereich dem Reichskabinett angehören solle, bereit sein wird, auf irgend eine Weise das Kabinett Schleicher für einige Zeit zu retten. Wrr geben diese Pläne lediglich als Kuriosum wieder.

Herr von Schleicher soll weiter hoffen, sich wenigstens bis zum Frühjahr , an der Macht zu halten. Er glaubt, durch Aufhebung einiger Not­verordnungen sein Ziel erreichen zu können, wo­bei es allerdings schwer vorftellbar ist, daß der

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Düsseldorf, 3. Dez. (Eig. Meldung.) In den frühen Morgenstunden des gestrigen Tages versuchten Angehörige einer kommu­nistischen Terrorgruppe in das Haus des NSBO^Obumnnes Reiß, Birkenstraße 1, einzubrechen. Die Burschen bemühten sich, die Türfüllung einzuschlagen, was ihnen aber nicht gelang. Dann klopften sie. Als Reiß die Tür öffnen wollte, schössen die Banditen durch die Tür hindurch. Eine Kugel durchschlug Reiß die Halsschlagader. Die roten Banditen flüchteten. Ein zu­fällig vorbeikommender SA-Mann bemühte sich um den lebensgefährlich Verletzten. Es gelang ihm, den Blutstrom etwas einzu­dämmen. Reiß wurde in schwerverletztem Zustand in das Liebfrauen-Krankenhaus ein­geliefert. Bis zur Stunde ist er noch nicht vernehmungsfähig. Allem Anschein nach handelt es sich um einen planmäßig vorbe­reiteten Ueberfall-

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(Drahtbericht unserer Berliner Schriftltg.)

Berlin, 3. Dez. Gestern abend kam es in der Reichshauptstadt in den verschie­densten Stadtteilen zu systematischen De­monstrationen von Kommunisten. Die KPD ging überall nach dem gleichen Schema vor. Plötzlich bildeten sich Sprechchöre, die wüste Hetzereien gegen den Nationalsozialismus auHtießen und gelegentlich auch die Regie­rung von Schleicher angriffen. In den meisten Fällen waren die Ruker verschwun-

Reichspräsident sich durch Aufhebung seiner ei­genen Notverordnungen zu einer Selbstbrüskie- rung hergeben wird.

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Ueber die Zusammensetzung des neuen Kabinetts steht im Augenblick noch nichts fest. Aller Wahr­scheinlichkeit nach wird der Schöpfer des Zwickel- Erlasses, Herr Dr. Bracht, das preußische In­nenministerium und das Reichsinnenministerium übernehmen. Die Herren von Neu rath, Gürtner, von Eltz, von Schwerin- Krosigk und Warmbold sollen ihre bereits im Papen-Kabinett innegehabten Posten weiter behalten. Von einer Teilnahme des Herrn Seldte am Kabinett wird nicht mehr gesprochen, da Hu- genberg eine Beteiligung für Seldte abgelehnt haben soll. Für den Landrat a. D. Gerecke soll ein Reichskommissariat für Arbeitsbeschaffung ein­gerichtet werden. Für den Posten des Reichser- nährungsnnnister nennt man die Pommerschen Genossenschaftler von Knebel-Döberitz und von Flemming, beides Herren, die von der Landwirt­schaft scharf abgelehnt werden, da sie zum Bank­kapital starke Bindungen besitzen und eine der Landwirtschaft abträgliche Monopolwirtschast be­fürworten.

Die für das Trnährungs-, Wirtschafte- und Ar- beitsili'inisterium in Frage kommenden Persönlich­keiten als Arbeitsminister werden Stegerwald und Otte genannt sollen sich über die Linie der Wirtschaftspolitik erst untereinander und dann mit Herrn von Schleicher aussprechen, um ähnliche Vorkommnisse, wie im Kabinett von Pa­pen anläßlich der Kontingentierung zu verhindern.

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den, ehe die Polizei kam, um in einer anderen Straße das gleiche Theater auszu­führen. Nationalsozialisten wurden von den roten Banditen mehrfach angefallen; glücklicherweise kam es aber zu keinen ern­steren Zusammenstößen. In einigen Fällen ging die Polizei mit dem Gummiknüppel vor. In einzelnen Teilen der Stadt Lauern die Unruhen bei Redaktionsschluß noch an.

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Die Bundesleitung des N.SD.St.B. teilt mit: Die Wahlen zum Asta der Universität Wiirzburg hatte folgendes Ergebnis:

Liste 1 Nationalsozialisten und waffenstu- dentisch: Verbände 1112 Stimmen, 16 Man­date (im Vorjahr 1035 Stimmen und 10 Mandates.

2. Wehrstudenten (Stahlhelm usw.) 251 Stimmen, 2 Mandate .(früher nicht vor­handen).

3. Republikanischer Studentenbund 159 Stimmen und 1 Mandat (früher 152 Stim­men und 1 Mandat).

4. Einheitsliste antifaschistischer Studen­ten 69 Stimmen, 1 Mandat (die hießen frü­her Gesinnungsgemeinschast für Wahrung wirtschaftlicher Belange und hatten 55 Stimmen und kein Mandat).

5. Einheitsliste katholischer Studenten und Studentinnen 2152 Stimmen, 11 Man­date (früher 1119 Stimmen, 10 Mandate).

Durch Listenverbindung haben die natio­nalen .Lruvven im Vorstand die Mehrheit.

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Beträchtliches Aufsehen hat es erregt, als ver­lautete, daß auch mit dem ReichsbankpräsidenteN Dr. Luther Verhandlungen stattfinden sollten, unt eine der Reichsbank genehme Wirtschaftspolitik festzulegen. Die Sorge besonders landwirtschaft­licher Kreise über die sich ankündende Verstän­digung mit dem Jntereffenvertreter der Banken und Börse ist außerordentlich groß.

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Mit einer Ernennung des Kabinetts dürste nicht vor Montag gerechnet werden. Es gibt sogaij Leute, die wissen wollen, daß das Kabinett bis zum Reichstagsbeginn noch nicht ernnannt ist und! so eventuell die Möglichkeit bestände, daß sich der Reichstag trotz Ernennung eines neuen Kanzlers dem geschäftsführenden Papen-Kabinett gegenüber, sieht.

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Die Presse reagiert auf die Ernennung des Herrn von Schleicher fast durchweg nur insoweit, als sie das Verschwinden des Herrn von Papen begrüßt. Vielfach wird hervorgehoben, daß Herr von Schleicher eine ungewöhnliche Machtsülle in semer Hand vereinigt, da er Kanzler und Wehr- minister ist und als Reichskommissar sür Preuße» auch über die preußische Schupo verfügt.

Sehr interessant ist wieder einmal, die Jn-> stinktlosigkeit gewisser Kreise zu beobachten, die das Kabinett Schleicher als etwas grundsätzlich Neues dem Kabinett von Papen gegenüberstellen. Hier tritt eine erstraunliche Begriffsverwirrung zu­tage. Man mutz sich darüber klar sein, daß der Reichspräsident von Hindenburg zur Bedingung gemacht hat, daß auch das neue Kabinett die wirtschaftliche und sozial-politische Linie des Pa- pen'schen Wirtschastsprogramms fortgesetzt. Schon allein die voraussichtliche Zusammensetzung des Kabinett von Schleicher zeigt sa, daß sich grund­sätzlich nur insoweit etwas geändert hat, als die letzte schwache Stütze der Landwirtschaft heraus­genommen wurde und mit aller Bestimmtheit durch Leute ersetzt wird, die durchaus industriell orientiert sind und nicht pur jedes Verständnis, sondern auch jeden guten Willen der Landwirt­schaft gegenüber vermissen lassen. Einige wenige Zeitungen nur erkennen an, daß auch Schleichers Wirtschaftspolitik sich von der Papen'schen nicht unterscheiden wird. Die Rheinisch-Westfälische Zeitung beschwört den Reichskanzler, daß er sich bewußt sein müsse, daß eine Aenderung des wirt­schaftlichen KurseS unmöglich ist. Der Lokalan­zeiger des Herrn Hugenberg meint,daß ein Ka­binett Schleicher in sachlichen Dingen in den heute so entscheidenden Fragen der Wirtschaft etwa wesentlich andere Wege, als dos Kabinett gehen könne und wolle, sei kaum vorftellbar". Die übrig« Presse ist nicht offen genug, zu bekennen, daß ick Wirklichkeit alles beim alten bleibt. Am amü­santesten ist der Eiertanz, den derVorwärts" vollführt, indem er nach der berühmten Methods des kleineren Nebels auf Papen herumhackt und Schleicher freudig bewegt begrüßt.

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Die Bürger zufällig deutscher Stmck-->vqehörig« keit in der Burastraße qmNLsrten vie Ernennung Schleichers mit einer Haosse-Ben^gang. In deck Vormittagsstunden Adschwächungeir,

die auf die Ungeklärtheit der Lage zurückzuführen waren, wurden erheblich überKdritteo-