Ausgabe 
(16.9.1932) Nr. 206
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Genf, 15. Sept. Zum ersten Male »st heute ein Ausschutz der Abrüstungskonferenz, und zwar der Ausschutz für die Heeresausgaben, ohne Teil­nahme Deutschlands zusammengetreten. Der Prä­sident des Ausschusses, Radulcsku-Rumänien, er- össnrte die Verhandlungen des umfangreiche» Ausschusses mit einer längeren Begrüßungsan­sprache, in der er jedoch das Fernbleiben Deutsch­lands mit keinem Worte erwähnte. Der Ausschuß begann seine Arbeit mit der Prüfung des rumä­nischen Heereshaushaltes.

Brief der Reichsregierung an Henderson

Berlin, 15. September. Die Reichsregierung hat an den Präsidenten der Abrüstungskonferenz, Henderson, ein Schreiben gerichtet, das sich mit der bevorstehenden Bürositzung der Abrüstungs­konferenz befaßt. Das Schreiben dürfte ver­öffentlicht werden, sobald es im Besitz des Emp- jängers ist.

Obwohl der Inhalt der Mitteilung noch ge­heimgehalten werden soll, kann er doch nur in der offiziellen Bestätigung der Tatsache bestehen, daß die Reichsregierung zur Tagung des Büros der Abrüstungskonferenz am 21. September leinen Vertreter entsenden wird.

Henderson zur Frage der deutschen Gleich­berechtigung

London, 15. September. Bei einem Früh­stück des englischen Friedensausschusses hielt Henderson eine Rede über die Abrüstnngs-- frage, in der er u. a. erklärte, die deutsche Gleichberechtignngssorderung werde die Ab­rüstungskonferenz vor die schlimmste Ent­scheidung stellen. Ein Sichzurückziehen Deutschlands von der Abrüstungskonferenz Märe der schlechteste Weg <?), den Deutsch­land im gegenwärtigen Augenblick einschla­gen könne. Auf der Abrüstungskonferenz bestehe starke Stimmung zugunsten der deut­schen Forderung. Warum, so sagt Henderson, sollten die alliierten und assozierten Mächte nicht erklären» es sei ihre Absicht, Deutsch­land von seiner Lage der Minderwertigkeit zu befreien und ihm die Stellung der mili­tärischen Gleichberechtigung wiederzugeben?

Dsi» von klsn 8 ^.

Berlin, 16. September. Im Münchener Zirkus fand am Donnerstag abend ein Ge­neralappell der SA. und SS« statt, auf dem Adolf Hitler sprach und an dem keine zivilen Parteigenossen teilnehmen konnten, Wolf Hitler erklärte in seiner über einstündigen Rede n. a.»

„Ich denke gar nicht daran, Derartiges, wie die Duldung des Papenschen Programms, zu tun, um meine Ruhe zu haben. Dann kämpfe ich lieber. Ich habe für die Ab­stimmung im Reichstag gesorgt, damit man sieht, wer hinter diesen Herrschaften steht. Dauernde Verfassungsbrüche auf der einen Seite heben auch die Legalität auf der anderen Seite schließlich aus, da es unr eine Legalität geben kann«

Mit der Garnitur Papen mache ich nicht mit, denn man will aus ihrer Seite letzten Endes nicht die Rettung der Nation, sondern man wM eben diese Rettung her Nation verhindern. Ich verkaufe Nichts und meine Partei nichts um ein Linsengericht. Das Bolk wird in drei Wochen wild werden und wir werden sehen, wer härter ist, die deut­schen Grenadiere oder ein paar Exzellenzen.

Losping sppivkl im Lpoplpsisst

Berlin, 15. September. In einer großen Kundgebung im Berliner Sportpalast spra­chen am Donnerstag abend Reichstagspräsi- dent Goering und Dr. Goebbels. Goering erklärte u. a.: Ein neuer Gegner für unsere Bewegung ist aufgetaucht, der sich von allen anderen vor allem darin unterscheidet, daß er erheblich dümmer sein muß, denn wäre er das nicht, wie könnte er sich unterfangen, einer Bewegung entgegenzutreten, die kampf-

getvohnt einen Gegner nach dem anderen überrannt und niedergeworfen und den Klas- senkampf niedergedrängt hat. Glaubt man, daß diese Bewegung vor dem kleinen Häuf­lein der Reaktion zurückweichen würde. Des­halb wird es Sinn und Zweck des kom­menden Wahlkampfes sein, die Reaktion, die sich hinter unseren Rücken geschlichen hat, hinauszuwerfen. Daß.sich ausgerechnet Herr von Papen über unsere Verhand­lungen mit dem Zentrum aufregt, ist umso merkwürdiger, als er selbst noch vor drei Monaten diesem selben Zentrum als Abge­ordneter angehört hat. Ich protestiere feier­lichst, -aß man mir heute vorwerfen wollte, ich hätte nur den abgelegten Parlamentaris­mus retten wollen. Nein! Ich will das dcntsche Volk vor Ucbcrgriffen schützen, so­weit ich das aus diesem Platz zu tun vermag.

Goering ging dann auf die Ereignisse in der Reichstagssitzung ein. Er sei durch Ge­rüchte, die in der Umgebung der Regierung über das Schicksal des Reichstages gemacht worden seien, zu der Erkenntnis gekommen, daß man den festen Entschluß gehabt habe, es nicht zur Abstimmung kommen zu lassen. Man wollte verschleiern, wie groß das Mißtrauen gegen das Kabinett war. Ueber das Formaljuristische jener Vorgänge wird der Untersuchungsausschuß zu entscheiden haben. Ueber die moralische Seite entschei­det allein das Volk, über die politische wird die nächste Wahl entscheiden. Was immer die Juristen feststellen mögen: Wir wissen heute, daß 19 Zwanzigstel Herrn von Papen nicht mehr haben wollen. Wenn der Reichs­kanzler heute sagt, er hätte die Abstimmung nicht gescheut, dann können wir nur sagen, wir kennen unseren Papen-Schleicher, unsere Parole lautet: Mit dem deutschen Volk für seine nationale und soziale Freiheit!"

Es erhebt sich jedoch sofort die Frage, was dieser letzte Satz bedeuten würde, wenn Deutschland den Anspruch erhebt, seine Gleichberechtigung von theoretischen Erörte­rungen weg aus das Gebiet der Praxis zu verschieben.-

Malens wlpklieks k^ISns

Danzig, 15. September.

Nachdem die Regierung der Freien Stadt Dan­zig vor Monaten in einem Antrag den Schutz des Völkerbundskommissars zu dem Zwecke angerufen hatte, den Uebergriffcn der polnischen Zoll- und Wirtschaftsgesetzgebung und Mißbräuche« der Pol­nischen Befugnisse zur Benachteiligung Danzigs auf dem Gebiete des Zollrechts vorzubeugen, Hot die polnische Regierung nunmehr auf diesen An­trag Danzigs geantwortet.

Darin werden nicht nur die auf den Verträgen beruhenden Danziger Forderungen abgelehnt, son­dern Polen tritt mit Gegenforderungen hervor, die «ine völlige Aushebung der Danziger Reservats­rechte bedeuten, die in dem Warschauer Wirtschafts­abkommen vom Oktober 1931 festgelegt wurden.

Dieser polnische Vertragsentwurf hat nur noch äußerlich die Gestalt eines Vertrages zwischen zwei Staaten. Sein Inhalt ist die vollkommene Zutei­lung aller Hoheitsrechte auf dem Gebiete nicht nur des Zollwesens, sondern auch der Wirtschastsgcsetz- gebong (Ein- und Ausfuhr) an Polen. Die pol­nische Regierung will insbesondere den Umfang Wer Befugnisse künftig selbst und ausschließlich

bestimmen. Polen verlangt ferner bedingungslose Anpassung der indirekten Steuern und Monopole an die polnische Gesetzgebung, ohne der Freien Stadt Danzig irgendeine Einwirkung aus diese Ge­setzgebung zum Schutz der Danziger wirtschaft­lichen Interessen zuzugestehen.

Mit voller Offenheit bekennt sich die polnische Regierung von neuem auch zu dem Verlangen, an den Danziger Staatsgrenzen die völlige Herr­schaft über Danzig auf dem Gebiete der Sicher­heitspolizei, der Veterinärpolizei und auf allen anderen Gebieten der inneren und auch der kul­turellen Verwaltung, also auch durch Handhabung der Zensur auszuüben. Ein solcher Anspruch Po­lens ist aber in dem von Polen anhängig gemach­ten Verfahren auf Feststellung angeblicher. Versch­lungen Danzigs vor einigen Tagen von Sachver­ständigen in Genf als unbegründet bezeichnet worden. Polen gesteht offen zu, daß es sich nach seinem Willen nicht mehr um einen Vertrag zwi­schen gleichberechtigten Partnern handle, sondern ist der Meinung, daß Danzig dem polnischen Zoll- gebiet als ein unterordnete» Faktor angehöre und verlangt „Unterwerfung m kategorischer Form."

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Danzig, 15. September. Der national­sozialistische Antrag aus Auflösung des Dan­ziger Volkstagcs ist am Donnerstag nach­mittag dem Volkstag-Prüsidenten überreicht worden. Ueber den Antrag wird in einer der nächsten Sitzungen des Bolkstages ab­gestimmt werden. Ob er angenommen wird, hängt von der Haltung der Sozialdemo- kraten ab; die bürgerlichen Parteien werden schon im Hinblick auf die bevorstehenden wichtigen Genfer Entscheidungen bett. die Gdinger Frage usw. gegen den nationalso­zialistischen Antrag stimmen.

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Berlin, 15. Sept. Bereits im Lause des heuti­ge« Tages werden der Strafantrag und die Pri­vatklage gegen Papen erstattet werden wegen des vom Reichskanzler öffentlich erhobenen Bor- wurfs, der Reichstagspräsident habe bewußt ver­fassungswidrig gehandelt, als er dem Reichskanz­ler in der letzten Reichstagssttzung das Wort nicht erteilt habe.

Die Beleidigung wird insbesondere darin er­blickt, daß der Reichskanzler in seiner Rundfunk­ansprache vom Montag abend vor breitester deutscher Oeffcntlichkeii den Vorwurf bewußt ver­fassungswidriger Haltung gemacht habe.

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Von Gregor Stratzer, MdR.

Es ist ein so unendlich erhebendes und froh­machendes Gefühl, am riesengroßen Fortschreiten der nationalsozialistischen Idee und Partei den Erfolg der eigenen Arbeit so sichtbar feststellen zu können. Ungleich erhebender und frohmachender noch ist es, darin das schicksalgewollte Zeichen un­seres Sieges zu erkennen und aus dieser meta­physischen Gewißheit immer wieder die Kraft für den Kampf des Alltags und die Stärkung in den Momenten der Müdigkeit zu finden. Denn jenes tiefe Bewußtsein, daß es sich bei unserem Kamps nicht um die Durchsetzung einer mehr oder min­der wichtigen und richtigen Parteipolitik handelt, überhaupt nicht einmal in letzter Linie um die Erreichung politischer Ziele — gleichgültig ob außenpolitischer, innenpolitischer oder wirtschafts- politischer Natur — , sondern um das Empor­kommen eines neuen Lebensgefühls, um die Ge­burt einer neuen Weltanschauung. Dieses Bewußt­sein ergreift mehr und mehr die Herzen und Hirns der Menschen, bei dem einen bewußter, bei den» anderen unbewußter!

Wenn man dem Inhalt dieser neuen Weltan­schauung, dieses neuen Lebensgefühls nachspürt, dann kann man aus den tausenderlei Einzelzügen des neuen Werdens das Gesicht eines neuen Idea­lismus erkennen. Eine neue idealistische Weltbe­trachtung hebt an, eine neue Wertung setzt ein auf allen Ebenen des Lebens, ein neuer Maßstab erhält Geltung und das ganze Leben und Ster­ben erhält einen neuen Sinn. Der Krieg war's, der in glühenden Jahren die erstarrte Kruste ma­terialistischen Denkens zum Schmelzen brachte, der die Umwertung aller Werte der ratio erzwäng und der Seele so wieder den Weg bahnte ins Le­ben. Man kann nicht ohne Ergriffenheit das ahnende Tasten der Seele lesen, wie es Renn z. B. in seinem Kriegsbuch „Krieg" (das viel höher steht als das des literarischen Flachkopfes Remar- que) einmal formt: „Ich habe das Militär un­glaublich gehaßt", sagte er, ganz in sich versunken. „Aber das ist ja Unsinn, daß etwas gar keinen Sinn hätte." „Und was soll der Krieg für einen Sinn haben?, fragte ich ohne eigentliches In­teresse?" „Das kann ich Dir auch nicht sagen. Aber wie soll unser Schicksal je ein Umweg sein?" „Du glaubst also, daß das Leben ganz genau auf ein Ziel losgeht?" Ja, Gefreiter Renn, so ist es! Nichts ist von ungefähr, alles hat seinen Sinn und das Schicksal versteht es, diesen Sinn zu erfüllen — auch wenn die Menschen Mittel und Wege für untauglich halten oder gar schon den Sinn selber, der ihnen dann Un-Sinn scheint.

Seltsam, wenn man heute oie Auslagen der Buchgeschäfte oder die Jnhaltsanhaben der Zeit- schriften mustert: Bücher über den Krieg, über Spiritismus, Astrologie, Mystizismus, Artikel über Konnersreuth, indische Magie, über die Be­grenztheit menschlicher Erkenntnis und die Rela­tivität der Ergebnisse menschlicher Vernunft. Noch seltsamer der Wechsel der Männer, die im Fühlen und Denken der gegenwärtigen Menschen den Kranz des Führers, des Helden zuerkannt erhal­ten. Was sind noch Namen wie Spinoza, Rousse­au, Kant, Darwin, Häckel, Ibsen, Strindberg, Göt­ter einst für Jahrhunderte und Jahrzehnte — wie tot sind sie heute, was sagen sie uns Heutigen noch gegenüber Jakob Böhme, Luther, Shake­speare, Bach, Hölderlin, Kleist, Nietzsche, Namen, deren Klang unsere Seele zum Schwingen bringt und denen wir uns verwandt fühlen im tiefsten Innern. Und sind die „Helden der kommenden Zeit, deutlich fühlbar in der Jugend und in der Generation des Krieges, wirklich noch die großen Techniker, die erfolgreichen Kauklenre, überhaupt