Ausgabe 
(8.2.1934) Nr. 38
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Nr. 38 / i. Vierteljahr

Donnerstag, den 8. Februar

Einzelpreis 15 Nps.

Nach der pariser Blutnacht / Dalaöier zurückgetreten

Doumergue übernimmt die Kabinettsbildung

VariS, 7. Februar. Ministerpräsident Daiadier hat den GesamtrücktrM der französischen Re­gierung bekannt gegeben. Er wird damit begründet, daß man weiteres Blutvergießen vermeiden wolle. Es soll die Bildung einer Noistandsregierung ermöglicht werden. Mit der Neubildung der Regierung ist der frühere Staatspräsident Doumergur beauftragt worden.

änb. Paris. 7. Februar. Staatspräsident Lebrun hat sich sofort nach dem Rücktritt der Regierung Daiadier telephonisch mit dem ehemaligen Staats­präsidenten Doumergue in Verbindung gesetzt und ihm die Neubildung der Regie­rung angeboten. Doumergue, der diesen Auftrag bereits vor der Kabinettsbildung Taladiers abgelehnt hatte, hat sich diesmal Bedenkzeit ausgebeten.

Um 7 Uhr abends wird bekannt, datz der frühere Präsident der Republik, Gaston Dou­mergue, sich bereiterklärt hat, den Auftrag der Regierungsbildung zu übernehmen.

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cher Concökde-Platz bietet noch heute nach dem Feuergefecht zwischen der Polizei und Demon­stranten ein wüstes Trümmerfeld. Städtische Ar­beiter find beschäftigt, diesem angeblich schönste» Platz der Welt ein einigermahen ansehnliches Aussehen wiederzugeben. Das Palais des Staats­präsidenten ist nach wie vor von einem starken Polizeiaufgebot bewacht. Auch an den anderen Brennpunkten der Stadt hat man starke Polizei- kommandos zusammengezogen.

Bisher sind die Namen uo« 12 Toten bekannt. 280 Leichtverletzte sind nach Anlegung von Not­verbänden wieder aus dem Krankenhaus ent­lassen worden. Unter den Verletzten sollen sich 208 Polizeibeamte und Angehörige der Republi­kanischen Karde befinden. Sieben Stadtverord­nete wurde» durch Schlag- und Schußwunden verletzt. Auch der Direktor der städtischen Polizei erhielt eine Schuhwunde.

Auf dem Place de la Concorde erhielt gestern die Polizei den Befehl, zur Einschüchterung der Menge einige Salven in die Luft abzufeuern. Mehrere Schüsse trafen das Hotel Crillon. Ein amerikanisches Dienstmädchen wurde in den Kopf getroffen und auf der Stelle getötet. Ein Autobus und ein Filmwagen, die auf der Place de la Concorde von der Menge in Brand gesteckt worden waren, sind fast völlig ausgebrannt. Auf den Straßen und Plätzen, die den Schauplatz der schärfsten Zusammenstöße bildeten, sieht man stel­lenweise Blutlachen, die von den Schwerver­letzten herrühren. In der Rivolistraße brannte eine kleine Barrikade ab. Man sieht besonders an den eingeschlagenen Fensterscheiben, wie die Menge auch dort gewütet hat.

Ein Vertreter des DNB., der sich in Ausübung seines Berufs an der Place de la Concorde be­fand, geriet zwischen die Kundgeber und die Po­lizei und wurde leicht verletzt. Bei dem Verbuch, sich seitwärts aus der Menge hinauszuziehen, wurde er von den Polizeibeamten verhaftet und in einem Mannschaftswagen abgeführt. Nach Fest­stellung des Irrtums wurde er jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt.

„Die Nacht des Bürgerkriegs"

«lab. Paris, 7. Februar. „Eine Nacht des Bürgerkrieges" überschreiben viele Blätter ihre Berichte über die schweren Pariser Unruhen, deren Ernst niemand verkennt und deren politische Auswirkungen noch niemand absehen kann. Das „Echo de Paris" schreibt: Wir wünschen, datz angesichts der Verletzten und Toten die einzige Karte, die Frankreich noch in der Hand hat, ausgespielt wird: die nationale

Einigung.

In der „Victoire" ruft Gustav HervS der Re­gierung ein dreifaches „Mörder" zu und bemerkt: Dieser arme Daladier erinnert trotz seines eigen­sinnigen Kinns an den König Ludwig XVI. Um die in der Kammer vor Angst schwitzenden Poli­tiker zu schützen, haben die Truppen mit Ma­schinengewehren auf die Manifestanten geschossen.

Die Mitglieder der Regierung haben sich noch in den späten Nachtstunden versammelt und d-e Lage besprochen. Der Innenminister in i--r Einvernehmen mit dem Ministerpräsidenten ' e ü entschlossen, die energischsten Maßnahmen zu ergreifen, um eine Wiederholung des Blui- vergießens zu verhindern. Es sind angeblich außerordentlich umfangreiche Sicherheitsmaß­nahmen getroffen worden. Da sich erwiesen bar, daß die Polizei, die Republikanische Garde und die Garde mobile nicht genügen, um in der­artigen Fällen die Aufrechterhaltung der Rulie

und Ordnung zu sichern, wird man in zukünitigen Fällen sofort die Hilfe des Militärs in Anspruch nehmen. Bekanntlich wurden bereits am Dienstagabend mehrere Bataillone Infanterie und eine Schwadron Kürassiere eingesetzt, um den Concorde-Platz endgültig zu säubern.

Der Justizminister hat gegen den verantwort­lichen Chefredakteur der „Action Francaise", Charles Naurras, Anklage wegen Aufreizung zum Aufruhr und Gefährdung der Sicherheit des Staa­tes erhoben.

Wie „Le Jour" berichtet, wurde Herriot, als er am Dienstagabend das Kammergebäude verließ, von einer Gruppe von Manifestanten er­kannt, sofort umringt und mit Fausthieben und Fußtritten bearbeitet. Erst einige Augenblicks sväter konnte er von Polizeibeamten befreit werden. *

, äub. Paris, 7. Februar.

In den Straßen von Paris herrschte am Mitt­woch nachmittag wieder lebhafte Unruhe. An verschiedenen Stellen der Stadt, besonders auf dem Opernplatz, dem Concordien-Platz und an der Börse ist es in den frühen Nachmittagsstunden zu den ersten Zusammenstößen mit der Polizei und der republikanischen Garde gekommen, wobei es auf Leiden Seiten Verletzte gab. Mehrere Personen wurden verhaftet. Bei den Demon­stranten handelt es sich im Augenblick nur um Angehörige der rechtsgerichteten Organisationen. Der Generalsekretär der Allgemeinen Arbeiter­vereinigung Zouhaux, hat sich jedoch kurz nach Mittag zum Ministerpräsidenteil begeben und ihm erklärt, daß die Mitglieder der Vereinigung, die an den gestrigen Kundgebungen nicht teilge­nommen hätten, heute demonstrieren würden. Jouhaux drohte außerdem mit dem Generalstreik als Protest gegen die Kundgebungen von rechts.

Im Justizministerium herrschte den ganzen Tag rege Tätigkeit In gut unterrichteten Kreisen erklärt man, daß verschiedene Verhaftungen und Haussuchungen bevorstehen. Die erste dieser Ver­haftungen ist gegen 2^- Uhr durchgeführt wor­den. Sie richtete sich gegen den Chefredakteur der „Action Francaise", Charles Maurras, der in seiner Wohnung verhaftet wurde. Gegen Maurras wird Anklage wegen Aufreizung zum Aufruhr und Gefährdung der Sicherheit des Staates erhoben. Eine Abordnung der ehe­maligen Frontkämpfer wurde im Innenmini­sterium empfangen. Sie hat einen schriftlichen Protest überreicht.

Eine Abordnung ehemaliger Frontkämpfer und Kriegsopfer hat sich ins Elysse begeben, um dem Präsidenten der Republik, Lebrun, eine einmütig

Der österreichische Bundeskanzler Dr. Dollfuß ist gestern, Mittwoch vormittag, in Begleitung des außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Ministers Dr. Hornbostel nach Budapest abgereist. Im gleichen Zuge begab sich auch der ungarische Gesandte in Wien nach Budapest.

Kurz vor seiner Abreise nach Budapest wurde halbamtlich mitgeteilt, daß der österreichisch« Schritt in Genf voraussichtlich sich noch bis nächste Woche verzögern wird. Der österreichische Gesandte beim Völkerbund, Pflüg!, hat bisher noch keiner­lei Austrag erhalten, beim Generalsekretär des Völkerbundes die Anrufung des Bölkerbundsrates zu beantragen. Man nimmt in Wiener politischen Kreisen an, daß die österreichische Regierung zu­nächst die Stellungnahme der englischen und ita­lienischen Regierung zu der gcflanten Anrufung des Völkcrbi'ndcrates abwarten und ihre weitere Haltung von der Stellungnahme der Graßm'ihtc abhängig mache» will.

Der Reise Dollsuß' nach Budapest wird von der österreichischen Presse in bezug auf den Genfer

Das Innenministerium gibt folgende Mittei­lung über die Verlustziffern der gestrigen Kund­gebungen bekannt: 8 Tote auf feiten der Demon­stranten, K Tote bei der Republikanischen Garde; die Leichen der letzten wurden von den Demon­stranten in die Seine geworfen. 178 Verletzte sind aus feiten der Demonstranten, 188 aus feiten der Polizei, 138 bei der Republikanischen Garde und 188 bei der Garde mobile zu verzeichnen.

Ganz Frankreich in Aufruhr

ävb. Paris, 7. Februar.

Aus der Provinz tresscn nach und nach Meldun­gen ein, die beweisen, daß die revolutionäre Stim­mung nicht aus die Hauptstadt beschränkt bleibt, sonder» Las ganze Land ergriffen hat. In Nan»

angenommene Entschließung zu überreichen, die folgenden Inhalt hat:

Ehemalige Frontkämpfer, zumeist Verwundete, aus der Kriegszeit, waren friedlich zusammen­gekommen, um gegen die schändlichen Skandale, die alle Tage aufgedeckt werden, zu protestieren und die so sehr ersehnte Auflösung der Kammer zu verlangen. Sie wurden ohne Grund von der mobilen Garde umstellt, verwundet, zurückgetrie­ben, geschlagen, ja, sogar getötet, und dieses alles auf Anweisung des Innenministers und des Poli- zeipräfekten ohne irgendwelche Provozierung sei­tens der Frontkämpfer.

Die Entrüstung ist groß. Gestern sind sie fried­lich und ohne Waffen auf die Straße gegangen, aber angesichts dieser Herausforderung werden sie morgen mit Granaten und alten Kricgserinnerun- gen bewaffnet auf die Straße gehen. Dann wird man sie nicht zurückhalten können. Wir bitten Sie, Herr Präsident, üm die Wiederholung dieser schmerzlichen Zwischenfällr zu vermeiden, vom Senat die Auflösung der Kammer zu verlangen und eine starke, saubere Regierung mit anständi­gen Männern zu bilden, um die Kammer und das Ansehen Frankreichs zu retten.

Heute wieder Demonstrationen?

cknd. Paris, 7. Februar.

Der sozialistische „Populaire" veröffentlicht einen Aufruf an die Mitglieder der Sozialisti­schen Partei, sich am Donnerstag um 19 Uhr auf dem Platz der Bastille zu einer großen Kund­gebung einzufinden gegen den „Versuch der fa­schistischen Reaktion, sich der Macht zu bemäch­tigen". Weiter kündigt das Blatt an, daß alles getan werde, um eine brüderliche Verständigung

Schritt eine übertriebene politische Bedeutung beigemessen. Wäre die Lage in Oesterreich nor­mal, dann käme dem Besuch des Chefs der öster­reichischen Regierung angesichts der durch den Valkanpakt geschaffenen Verhältnisse eine über einen Höflichkeitsbesuch hinausgehende Bedeutung zu. In Budapest ist man sich aber völlig darüber im klaren, daß der Boden unter den Füßen des Dollfuß-Kabinetts zu weichen droht und daß dem Besucher die Autorität für ernsthafte Verhand­lungen fehlt. So stellt die Reise des österreichi­schen Bundeskanzlers lediglich einen offiziellen Gegenbesuch für die vor einiger Zeit erfolgte Vor­spräche des ungarischen Ministerpräsidenten Eöm bös in Wien dar.

Allerdings versucht die ungarische christlich­nationale Wirtschaftspartei, die Schwesterpartei der österreichischen christlich-sozialen Partei, leb ! hast Stimmung in Budapest sür Dollfuß zu mache» Man ,'staubt, daß diese Partei die Ab­sicht habe, die Cämbös-Regierung in eine schiefe Laae zu bringen, damit diese die Absichten Doll- suß' unterstützen werde.

tes demonstrierten links- und rechtsstehende Ver­einigungen gegen die auf dem Marktplatz versam­melte berittene Polizei. Mehrere Pferde wurden von der Menge, gegen die die Polizei anritt, durch Messerstiche schwer verletzt. InNancy durchzogen Anhänger der Action francaise und der patrioti­schen Jugendverbände die Straßen. Auch hier wurde berittene Polizei eingesetzt und von den De­monstranten mit Geschossen aller Art empfangen. In Voulogne-sur-mer veranstalteten 588 bis 688 Arbeitslose einen Uumzug. Sie sangen dabei die Internationale und verlangten Arbeit oder Brot. Ein Polizeikommissar, der sich den De­monstranten entgegenstellte, wurde niedergeschla­gen. Eine Person wurde verhaftet. Selbst in Al­gier kam es zu Zusammenstößen zwischen patrio­tischen Jugendverbänden und Polizei. Aus beiden Seiten gab es Verletzte.

Die Frontkämpfer fordern Kammerauslösung

Was will Dollfuß in Budapest?

Der österreichische Schritt in Gens bis nächste Woche verschoben

zwischen sämtlichen proletarischen Vereinigungen (Sozialistische Partei, Kommunistische Partei, Ge­werkschaften beider Richtungen) herzustellen.

Vom Ministerpräsidium wird bekanntgegeben:

Auf Grund der Kundgebungen, die die Ord­nung ernstlich gestört und die öffentliche Sicher­heit gefährdet haben, verfügt der Polizcipräfekt, datz jeder Umzug und jede Ansammlung auf offe­ner Straße verboten sind. Diese Verordnung gilt für Paris und das Seine-Departement.

Gtreikpawlen

Die französischen Gewerkschaften sür eine Widerstandsfront

ckiib. Paris, 7. Februar.

Der Verwaltnngsausschuß des Sozialistischen Gewerkschaftsverbandes hat eine Anzahl Ob­männer zu einer Besprechung gebeten, in der über die Gründung einer Widerstands­front verhandelt werden soll. Leon Jouhaux erklärte, daß er den Vezirksverbänden in sämt­lichen französischen Departements ein Rundtele­gramm zugehen ließ mit den drei Worten: Ach­tung, Alarmbereitschaft, Reagiert! Der Ver­band der Postbeamten hat seine Mitglieder an­gewiesen, im voraus durch eine Eeneralstrcistbe- fehl für den gesamten Postbetrieb Stellung zu nehmen, falls „die Demokratie durch einen Hand­streich abgewürgt würde". Das Ministerium für nationale Erziehung hat aus Trauer über die gestrigen Vorkommnisse angeordnet, daß sämtliche staatlich unterstützten Theater heute ihre Vor­stellungen ausfallen lassen.

Die letzten Tiroler Ereignisse und die sich dar­aus ergebenden Folgen für den innenpolitischen Kurs der österreichischen Regierung werden in allen ausländischen Kreisen mit größter Ausmerk- iamkeit verfolgt. Es besteht der Eindruck, datz die radikalen innenpolitischen Forderungen der Tiroler Heimwehren bisher nicht zu den ge­wünschten Folgen geführt haben, und daß die Regierung vielmehr im großen und ganzen an ihrer bisherigen abwartenden und unentschie­denen Haltung hinsichtlich einer Faschisierung des Staates festhalten will/ Mit der Einsetzung von unabhängigen Landesausschllssen, die nach den Heimwehrforderungen die einzelnen Landesregie­rungen ersetzen und damit zu einer Ablösung der bisher maßgebenden Stellung der Christlich-So- üalen Partei in den Ländern durch Vertreter der Heimwehren führen iollien. wird letzt allgemein nicht mehr gerechnet. In bissigen politischen Kreisen besteht daher die Auffassung, daß es der Regierung gelungen ist. den Vorstoß der Heim­wehren abzufangen und grundsätzliche, neue Ent­schlüsse zu verhindern.

„Man mordet sich"

R. Kü. Bremen, 8. Februar.

Auf dem Pariser Konkordienplatz, der vor 140 Jahren Zeuge der Enthauptung Ludwigs XVI. und der Königin Marie Äntoinette war, spielten sich in der Nacht zum Donnerstag grauenvolle Revolutionsszenen ab. Die Demonstranten gingen mit Eisen­gittern, Steinen und Rasiermessern gegen die Polizei vor, Autobusse wurden in Brand ge­steckt, verletzte Schutzbeamie in die Seine ge­worfen, Pferden die Fesseln durchschnitten, von den Dächern der Häuser ganze Schaufen­sterscheiben auf die heranrückenden Polizei­verstärkungen geworfen... erbitterte Feuer­gefechte forderten auf beiden Seiten zahlreiche Tote und Hunderte von Verletzten. Die im Parlament festgehaltenen Abgeordneten hät­ten mit Konrad Ferdinand Meyer ausrufen können: „Wo sind wir denn, in welcher Stadt? Sie morden sich, es ist Paris!"

Auch auf dem Platz vor dem Pariser Rat­haus ist Blut geflossen, unweit der Stelle, an der 1848 die französische Republik aus­gerufen und 1871 das Flammenmeer der Kommune wütete, lleberall hörte man den Ruf: „Daladier mutz erschossen werden/" Dieser selbst hat noch in der Nacht vor der Presse die Erklärung abgegeben, die Perso­nalien der Verhafteten hätten den Beweis erbracht, datz ein bewaffneter Anschlag gegen die Sicherheit des Staates erfolgt sei.

Gegen wen sich dieser Anschlag in Wahrheit richtete, erhellt nicht nur aus den scharfen Protesten der Boulevards-Redner und den Zurufen der aufgeregten Massen. Ein äußer­lich unscheinbarer Vorgang in einer weniger belebten. Straße der französischen Hauptstadt spricht vielleicht noch eindeutiger als der Krawall der Blutnacht die Sprache des Volkes: im Schaufenster eines Bäckerladens ist ein von jedermann begrüßtes Plakat aus­gehängt mit der Aufschrift: „Parlamen­tarier werden hier nicht bedien t." Kommentar überflüssig!

Als Ministerpräsident Daladier einige Stunden vor den folgenschweren Ereignissen in einem Aufruf an die Pariser Bevölkerung besonders die Frontkämpfer aufforderte, ihre Forderungen nicht mit politischen Wirren zu verbinden, hatte er sich durch sein Abglei­ten zu den Sozialiften, die ihrerseits mit den Kommunisten liebäugeln, im voraus um die Wirkung seines letzten Appells ge­bracht. Seine Stunde hatte er ungenutzt vorübergehen lassen, als kurz nach seiner Be­auftragung durch den Präsidenten der Repu­blik die patriotische Jugend und zahlreiche Ab­geordnete der jetzigen Kammeropposition in ihm den Mann der nationalen Konzentration sahen. Wo blieb die große, geistige Aus­einandersetzung mit dem Parlament? Dala­dier zog es trotz seiner Strenge gegen das politische Schiebertum vor, die grotesken parlamentarischen Spielregeln zu erfüllen und Anschluß nach links zu suchen, um nun nach der Entfesselung der Volksleiden­schaften mit dem gesamten Kabinett „zur Vermeidung weiteren Blutvergießens" doch einer Notstandsregierung weichen zu müssen.

Der Präsident der Republik, Lebrun, hat nach dem Rücktritt Daladiers dem früheren Staatspräsidenten Doumergue, der schon kurz vor Daladiers Berufung zum Nachfolger Chautemps ausersehen war, den Auftrag zur Bildung einer Notstandsregierung erteilt. Easton Doumergue, weder dem Senat noch der Kammer angehörend, war bekanntlich von 1924 bis 1931 der Herr des elyseeischen Pa­lais; man zählte den 1863 in Aigues-Mves geborenen Landwirtssohn, obschon er mit Hilfe der Rechten zum Präsidenten gewählt worden war, zur Gruppe der bürgerlichen Lin­ken. Erst am vergangenen Sonntag hatten Lebrun und Doumergue eine längere Unter­redung, und gleich danach äußerte sich der letztere einem Journalisten gegenüber ein­gehend über das innenpolitische Durcheinan­der. Wenn er sich in diesem Interview für eine Verfassungsreform aussprach und aus das bereits in der jetzigen Verfassung enthaltene Recht zur Kammerauflö­sung hinwies (von dem allerdings jahr­zehntelang kein Gebrauch gemacht wurde) so durfte die Meldung des „Echo de Paris" daß Doumergue die Uebernahme der Regie­rungsbildung an die Bedingung „Kammer­auflosung und Neuwahlen nicht vor sechs Mo­naten" geknüpft hat. den Nagel auf den Kopf tteffen. Welche ersten Regierungsmaßnahmen

, .. diesem zwischen

Chaos und Wahrung der Staatsautorität schwankenden Zustand der Führer erstehen, der die widerst: eitenden Kräfte auf e i n Ziel zu richten imstande ist, auf die restlose Er­neuerung des Staatslebens auch gegen den wurmstichigen Parlamentarismus?