Ausgabe 
(7.12.1933) Nr. 331
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Bremer Zeitung, Verlagsgesellschast m. b. H., EeerenK bis 8. / Fernruf: Sammelnummer Roland 625.

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Nr. zzi / 4 . Vierteljahr

Donnerstag, den 7 . Dezember

Anzeiaen-Teil: Hiesige ie mm-Zeile 13 Rps., auswärtige 17 Rps.; im Textteil hiesige 75 Rps., auswärtige 10«? Nps. Klein-Anzeigen bis 2» wm, Familien-Anzcigen und Wohnungsmarkt bei Barauszahlung 8 Rps., Stellengesuche 6 Rps! Platzvorschristen ohne jede Verbindlichkeit. Alle sonstigen Bedingungen nach Tarif.

Sp rechzeit des Verlages und der Lchristleitung 12bis ll^l^^^lutz^e^A llzeigenannahm^KUHr.

EmzeSpms is Mpf.

Llltimatum Italiens an Gen-

Der Völkerbund soll keine Einrichtung für die Wahrung der Giegergewinne sein!

Radikale Reform gefordert

London, 8. Dezember.

Aus Rom wird gemeldet: Der faschistische Graste Rat beschlotz in einer Sitzung, an der Mussolini und alle Minister teilnahmen, in den frühen Morgenstunden, datz Italiens fortgesetzte Mitgliedschaft beim Völkerbund abhängig sein soll von einer radikalen Re­form dieser Einrichtung, die in der kürzest möglichen Zeit in seiner Verfassung und sei­nen Zielen durchgeführt werden soll.

Mit Bezug auf die Kriegsschuldenzahlung an Amerika beschlotz der Grotze Rat, eine Summe von einer Million Dollar zu zahlen als Beweis des guten Willens in Erwartung einer endgültigen Regelung. .

London, 6. Dezember.

Reuter berichtet aus Rom zu dem Beschluß des Großen faschistischen Rates: Bezüglich der Re­

form des Völkerbundes muß Nach italienischer Ansicht eine Revision in drei Richtungen erfolgen. Erstens: die Beschränkung des Rechts der kleineren Mächte, ihre Stimme über Probleme abzugeben, die sie nur teilweise berühren. Zweitens: die Vereinfachung des Völker-

bundsversahrens. Man ist der Ansicht, daß augen­blicklich die endlose Hinausziehung der Er­örterungen und die Vermehrung der Ausschüsse einen Fortschritt so gut wie unmöglich machen. Drittens: die Befreiung des Völkerbundes vom Rahmen werk des Versailler Vertrages und anderer Nachkriegsverträge.

Gegen sie ist in Italien immer erbittert ge- kämpft morden und man ist der Ansicht, daß dies den Völkerbund zu einer Einrichtung für die Wahrung der Gewinne der Siegerstaaten unter der Herrschaft Großbritanniens und Frankreichs macht. Die Folge war, datz die europäischen Nationen in zwei Gruppen geteilt wurden, die .Besitzenden" und dieBesitzlosen". Man vertritt in Rom den Standpunkt, datz der Völkerbund durch eine radikale Revision zu einer wirklich universalen Körperschaft gemacht werden mutzte. Jetzt, da der Große faschistische Rat seine Drohung gegen Genf gerichtet hat, erwartet man nicht, so schließt die Reutermeldung, datz irgendeine weitere Aktion in der nahen Zukunft erfolgen wird.

Berlin, 6, Dezember.

Der Beschluß des Faschistischen Großen Rats, des obersten politischen Organs des faschistischen Regimes, über das Verhältnis Italiens zum Völkerbund bestätigt die Erwartungen, die sich in den letzten Wochen aus der Haltung der ita­lienischen Presse entnehmen ließ. Nach Rußland, Amerika, Japan und Deutschland hat sich nun­mehr als fünfte Großmacht Italien vom Völker­

bünde distanziert, allerdings nicht durch seinen formellen Austritt, sondern durch die Forderun­gen nach einem völligen Umbau der Genfer In­stitution. Indem Italien seine weitere Mitglied­schaft von der baldigsten Durchführung dieser Reform der Verfassung und der Ziele abhängig macht, richtet es an Gens ein Ultimatum, das auf alle Fälle das Ende des Völker­bundes, so wie ersetzt ist, bedeutet; denn ohne die weitere Mitarbeit Italiens würde dieser Bund zu einer ausschließlich englisch-französischen Interessengemeinschaft, in der die anderen Mit­glieder nur eine Zuschauerrolle zu spielen hätten, Herabsinken.

Dem italienischen Reformprogramm liegt dem­gegenüber der Gedanke einer Arbeitsge­meinschaft aller Großmächte zugrunde. Das schließt aber aus, daß der neue Völkerbund wieder mit bestimmten politischen Tendenzen und Friedensdiktqten in Zusammenhang gebracht und zum Instrument ihrer Aufrechterhaltung ge­macht wird. Deshalb verlangt Italien seine

Mussolinis

Entweder-Oder

Es ist erinnerlich, datz vor kurzem durch die Presse die Meldung ging, es sei in Kürze mit dem Austritt Italiens aus dein Völker­bund zu rechnen. Mit dieser Meldung war der Entwicklung insofern vorgegriffen, als der gestrige Beschluß des Großen Faschisti­schen Rates noch keinen Austritt aus dem Völkerbund bedeutet. Es ist aber klar her­ausgestellt, datz der Austritt Italiens unver­meidlich wird, wenn die den Völkerbund füh­renden Mächte nicht in kürzester Frist eine völlige Umbildung dieser Einrichtung vor­nehmen, die sich nicht nur auf die äußeren Funktionen, sondern auch auf die großen Ziele zu richten hätte. Mit den bisherigen Methoden der militärischen und wirtschaft­lichen Bevormundung einzelner Staaten und Staatengruppen, der Spaltung der europä­ischen Nationen in Sieger und Besiegte geht es jedenfalls auch nach Mussolinis klarer Entscheidung nicht weiter.

Daß Frankreichs Widerstand nicht ohne weiteres zu brechen sein wird, geht aus den letzten Besprechungen zwischen dem Präsiden­ten der Abrüstungskonferenz Henderson und dem französischen Außenminister Paul Bon­cour klar hervor. Der französische Außen­minister soll Henderson versichert haben, daß die französische These, die er in der Kammer am 14. November entwickelte, keinerlei Aen­derung erfahren habe. Frankreich werde keiner auch nur teilweise» Aufrüstung Deutschlands zustimmen. Auf ähnlicher Linie

Loslösung vom Versailler Vertrag und den anderen Nachkriegsverträgen. Die neue Gemeinschaft müsse also auf einer objektiven und neutralen Grundlage aufgebaut werden, wie sie zum Beispiel im Kelloggpakt angedeutet ist. Eine großzügigere politische Linie würde auch, wie man in Italien seit langem richtig erkannt hat, einfacheres und schnelleres Verfahren ermöglichen.

» Es läßt sich schon aus den Beschlüssen oes Großen Rates entnehmen, daß es sich für Italien im wesentlichen um eine Erweiterung des Viermächtepaktes ins Universelle handelt. Es wird nicht ausbleiben, datz die glei­chen Widerstände bei denjenigen Staaten bereits durch den Viermächtepakt ihre Interessen ge­fährdet sahen Aber auch diese Länder werden sich allmählich damit abfinden müssen, daß der Völkerbund mit seiner auf die Wünsche der Sie­gerstaaten zugeschnittenen Verfassung und Ziel­setzung nur eine Uehergängserscheinung sein konnte und schon jetzt praktisch der Vergangenheit angehört.

liegt eine Aeußerung des bekannten rechts­gerichteten Abgeordneten Franklin-Bouillon, der soeben eins Rede über die Lage Frank­reichs unter das Motto stellte: ,',Sich ver­

einigen, sich rüsten, sich verbünden!"

Die. italienische Drohung, aus dem Völker­bund auszutreten, ist zweifellos sehr stark. Sollte, was denkbar ist, eine klare Absage auf das italienische Ultimatum aus Genf kommen, so dürfte sie wohl verwirklicht werden.

Bestürzung in Gens

Gens, 6. Dezember.

Der Beschluß des Großen Faschistischen Rates in Rom hat in Genfer Bölkerbundskreisrn neue Sorgen und Befürchtungen erweckt. Man ist sich darüber klar, daß Italien einen weiteren Schritt in einer Richtung getan hat, die es endgültig von Gen? wegführen kann. Gleichzeitig weiß man im Völkerbund genau, daß Italiens Austritt das Ende sein würde. Es erscheint ausgeschlossen, datz man eine Diskussion der Bölkerbundsreform im Sinne der italienischen Wünsche hier einfach ab­lehnen wird. Trotzdem wird man damit rechnen müssen, daß einflußreiche Eonscr Kreise dieser Re­form zu sabotieren versuchen werden.

Londoner Echo

London, 6. Dezember. Der Entschluß Litwi- uows, über Berlin nach Moskau zu reisen und dort den neuernannten amerikanischen Botschaf­ter für Rußland, Mr. Vullitt, zu treffen, wird, wie der diplomatische Mitarbeiter desDaily Telegraph" ausführt, von diplomatischen Kreisen

als sehr bemerkenswert bezeichnet. Mussolini sei der Ansicht, daß sich ein Gleichgewicht der Mächte, das die greifbarste Garantie für den europäischen Frieden sei, nur durch eine Zusammen­arbeit Rußlands mit den großen West-Mächten auf der Grundlage freund­schaftlicher Beziehungen mit jedem Einzelnen und mit Allen erhalten lasse.

Wenn Rußland mit Frankreich gegen Deutsch­land oder mit Deutschland gegen Frankreich ver­bündet wäre, so würde hiermit das Gleichgewicht bedroht. Die italienischen Bemühungen würden von Amerika auf das wärmste unterstützt. Washington lege Wert darauf, daß Moskau seine diplomatische und sonstige Widerstandskraft gegen Japans Fortschreiten vereinigen könne. Amerika, das in Rußland einen Markt für seine Waren zu finden hoffe, wolle sich auf diese Entwicklung nicht ohne einen erfahrenen Führer einlassen und betrachte Deutschland als den geeignetsten Partner in diesem Sinne. Möglicherweise würden sich diese von außen kommenden Einflüsse zusammen mit denjenigen Elementen in der deut­schen Industrie und Diplomatie, die eine deutsch­russische Zusammenarbeit begünstigen, stärker als die bolschewistenfeindlichen Tendenzen erweisen. Die letzte Entscheidung aber liege bei dem Reichskanzler Hitler. Die ganze Ange­legenheit sei zweifellos von Wichtigkeit für die Belange Englands und des Weltreichs.

Mwmow heuLe m BerZM

München, 6. Dezember.

Der russische Volkskommissar für Aus­wärtige Angelegenheiten Litwinow traf heute abend um 8.Ü5 Uhr mit dem fahrplan­mäßigen Schnellzug aus Nom kommend in München ein. Litwinow ließ sich am Fenster seines Wagens nicht sehen. Um 21.45 Uhr setzte der Zug die Reise nach Berlin fort. Donnerstag früh trifft er auf dem Anhalter Bahnhof ein. In Berlin wird Litwinow auch mit dem amerikanischen Botschafter Vullitt zusammentreffen.

Hernot:Nur §m Nahmen des Völkerbundes"!

Paris, 8. Dezember.

Der auswärtige Kammerausschuß hat seinen Vorsitzenden Herriot beauftragt, den Außen­minister um nähere Auskunft über die Bespre­chungen zu ersuchen, die der französische Bot­schafter in Berlin mit Reichskanzler Hitler ge­habt hat. Der Kammerausfchuß hat weiter be­schlossen, die Regierung darauf aufmerksam zu machen, daß beim Völkerbund alles unternommen werden müsse, um der Saarbevölkerungdie Rechte und die Sicherheiten zu garantieren.

Bei der Aussprache vertrat Herriot den Stand­punkt, daß eine Verständigung mit Deutschland nur im Rahmen des Völkerbundes möglich ist.

Das Zsel der Arbeitsfront

Berlin, 6. Dezember. Der Leiter des Orgamsationsamtes der DAF., Claus Selzner, MdR., veröffentlicht im Berliner Dienst des nationalsozialistischen Zeitungsdienst" einen.Artikel, in dem die Entziehung der nationalsozialistischen Arbeiterbewegung geschildert und auch auf die künftigen Aufgaben der Ar- beitsfront näher eingegangen wird. Selzner schreibt u. a. folgendes:

Als dem Volke gezeigt war, wie mächtig der Wille zum Staat auch in den ehemals marxistischen Teilen des Volkes vorhanden war, ging der Stabsleiter der PO., Pg. Ro­bert Leu, in die Betriebe und rang um die Seelen der Arbeiter und gewann sie immer mehr für den Führer und seine nunmehr den Staat ausfüllende Idee. Dann kam der 12. November und mit ihm der Beweis für den gewaltigen Stimmungsumschwung bei den ehemaligen Marxisten. Die Arbeitsfront war nationalsozialistisch. Die organisatorische Gliederung war aber noch so, wie sie aus der marxistisch-liberalistischen Aera übernommen werden mußte.

Nun beginnt der Umbau auch nach dieser Richtung. Volksgemeinschaft, Einigkeit, dos sind die Begriffe, die die Gehirne der deut­schen Menschen in der Arbeitsfront beherr­schen. Die wasserechte Gliederung der Ver­bände muß sich in eine senkrechte verwan­deln. Der Unternehmer und seine Mitarbeiter müssen zu einer einheitlichen Organisation zu­sammengefaßt werden. Der Betrieb hat die Grundlage zu bilden. Betriebsge­meinschaften entstehen, werden zusammenge­faßt zu einem großen Block in der deutschen Volksgemeinschaft. Nun sind die deutschen Arbeitsmenschen zusammen. Nun beginnt die große E r z i e h u n g s a u f g a b e der Deut­schen Arbeitsfront, alle ihre Mitglieder auf den Höchststand nationalsozialistischer Er­ziehung zu bringen.

Die Arbeit ist schwer, aber die Kräfte, die an der Lösung dieser Aufgabe schaffen, sind ebenfalls gewaltig. Deshalb ist kein Zweifel an dem Endersolg. Haben wir in der Ar­beitsfront die Menschen zu Nationalsozia­listen erzogen, dann werden wir zwangs­läufig eine nationalsozialistische Wirtschaft haben. Das ist das Ziel. So sehen wir die Idee, so den historischen Weg, so das Ziel. Alle Maßnahmen der DAF. die­nen diesem Ziel, ein Ziel, das dem Führer und Bolkskanzler zu einem gewaltigen Auf­bauwerk tatkräftigste Hilfe bietet.

Lins neue Srsmer kulturlsistung:

Kedeutende Ausgrabung des Forke-Museums

Die Hove-Marft im Wedervieland

Im September und Oktober d. I. wurde von selten des Focke-Museums die sogenannt« Hove-Warst, die im Niedcroieland am Mühlenhauserweg, etwa in der Mitte zwischen Strom und Seehausen gelegen ist, einer eingehen­den Untersuchung unterzogen. Die Warft, die sich fast zwei Meter hoch über die durchschnittliche Wasserlinie der umliegenden Gräben erhebt, ist laut urkundlicher Nachrichten im Mittelalter be­siedelt gewesen, dann aber zu Beginn des 16. Jahrhunderts verlassen worden. Etliche Jahre nach dem Kriege wurde bereits ein Teil dieser Warft abgetragen, ohne daß man dabei auf die altertumskundlichen Verhältnisse ein Augenmerk hatte.

Dem Focke-Museum standen bei viesen Aus­grabungsunternehmen nur wenige Hilfskräfte zur Verfügung, so daß nicht, wie es jetzt bei der- artigen Siedlungssorschungen allgemein zu ge­schehen pflegt, mit wagerechter Abschrüfung vor­gegangen, sondern nur mit dem Durchziehen von möglichst zahlreichen Suchgräben gearbeitet wer­den konnte. Inzwischen ist aber beschloßen wor­den, die Warft, sobald die Witterungsverhältnisse es erlauben, durch de» ireiwilligen Arbeitsdienst völlig abtragen zu lassen, um die für die Marsch kostbare Erde anderweitig nutzbringend zu verwen­den, und hierdurch wird sich wohl die Möglichkelr

bieten, auf die zahlreichen Fragen, die sich aus der ersten Untersuchung ergaben und für die vorerst noch keine Lösung gefunden werden konnte, nun­mehr eine Antwort zu erhalten.

Grundrisse von Wohnbauten sowie Pfostenlöcher sind bisher nicht gefunden worden. Vermutlich war das Bauerngehöjt, das «inst auf der Hove- Warst stand, ohne eine tiefere Gründung so er­richtet, daß die Ständer, wie das heute auch noch bei alten niedersächsischen Bauernhäusern zu sehen ist, auf Schwellen von Eichenholz standen. Diese Holzunterlagen sind begreiflicherweise im Laufe der Jahrhunderte vergangen oder bei der Nieder- legung der Gebäude anderweitig verwendet wor­den. In Seehausen z. B. stand bis vor wenigen Jahren eine sehr alte Scheune, die einer glaub­würdigen Ueberlieferung nach aus Baumateria­lien von der Hove-Warst errichtet worden ist.

Wenn wir uns nun auch auf Grund dieser Aus­grabungen kein genaues Bild von dem Aeutzeren des Gehöfts machen können, das einst auf der Hove-Warst stand, so lassen doch die zahlreichen Einzelfunde, die bei der Ausgrabung zutage ge­kommen sind, allerlei Schlüsse auf die damaligen häuslichen und wohnlichen Verhältnisse zu. Aus­fallend ist, daß verhältnismäßig viel große Back­steine vom sogenannten Klosterformat (29X15X81 iowie auch Reste von Dachziegeln, von der Art, die man Mönch und Nonne nennt, ausgegraben wurden. Daraus ist zu schließen, daß die Dächer der damaligen Häuser auf der Warft teilweise oder ganz hart gedeckt waren, was im Hinblick

darauf, datz selbst heute noch auf dem Lande bei uns die weiche Bedeckung vorherrscht, Verwun­derung erregen muß. Die Fache des Zimmerwerls mögen mit den Rotsteinen ausgefüllt gewesen sein; Spuren von Kalkmörtel konnten freilich nicht festgestellt werden, woraus zu schließen ist, datz man mit Lehm gemauert hat. Auch diese Tatsache muß man als merkwürdig ansehen, zumal man heute auf dem Lande um Bremen herum noch häufig Fachwerkwände aus Rutengeslecht mit Lehmbewurf sehen kann, eine Bauart, die man für die ältere Zeit durchgehendst voraussetzen möchte. Es scheint also die Hove-Warst mit länd­lichen Wohn- und Nutzbauten besiedelt gewesen zu sein, die fester und dauerhafter angelegt waren wie die sonstigen niederdeutschen Bauernhäuser jener Zeit, so daß man fast von einem gewissen burgenartigen Charakter sprechen kann. Im Mittelalter verstand man unter einemfesten Haus" eine massiv errichtete Baulichkeit; und datz der Wohnbau auf der Hove-Warst in dieser Hin­sichtfest" gewesen ist, bezeugen die zahlreichen Ziegelreste. -

Unter den sonstigen kulturgeschichtlichen Klein­funden, sind die Topfscherben zu erwähnen, von denen mehr als ein Zentner geborgen werden konnte. Dies« Gssätzscherben spiegeln die Ge­schichte dieses einsamen Marschenhofes bis zu einem gewissen Grade deutlich wieder. Die äl­testen Scherben zeigen ein durchaus mittelalter­liches Gepräge, sie sind schwärzlich, unglafiert, zu­meist zu Töpfen gehörig, die noch ohne Töpfer­scheibe gearbeitet wurden, und dürsten bis in das lI. oder gar 12. Jahrhundert zurückreichen. Die jüngsten Eefätzteile gehören zur Gattung des rheinischen Steinzeuges, von der Art, wie es gegen Ende des Mittelalters und noch späterhin aus den Gebieten um Köln herum sehr häufig hier

eingeführt worden ist. Die in der Hove-Warst festgestellten Steinzengscherben gehören sämtlich m die Frühzeit dieses Imports, also bis in die Zeit um 1500 herum. Teile von Krugen mit Re- naissance-Vsrzierungen aus dem spateren 16. Jahrhundert waren nicht nachzuweisen. Alan könnte also schon allein auf Grund dieser Scher­benfunde ohne Zuhilfenahme der urkundlichen Archivforschung das Ergebnis aufstellen, datz vie genannte Warft in der Zeit von 1200 an etwa bis um 1500 und etwas darüber bewohnt ge­wesen sein mutz. Es erübrigt sich säst zu sagen, datz Topfscherben aus neuen Jahrhunderten, also etwa Ueberbleivsel von holländischen Fayencetellern oder gar Porzellangeschirr nicht festgestellt werden konnten. Auch das, was von bleiglasierter Ir­denware zutagekam, war so geringfügig an Zahl und lag so oberflächlich, datz eine spätere zufällige Einbringung in die Erde nicht ausgeschlossen ist.

Auch aus dem Fehlen von gewissen Fundarten lassen sich Schlüsse ziehen. Auffallend ist nämlich, vatz so gut wie gar keine Uederreste von Elas- gefätzen oder von Fensterglas aufzufinden waren, ein Zeichen dafür, datz der Gebrauch des Glases in der einen und in der anderen Weise bei uns auf dem Lande vor etwa 400 Jahren noch kaum eine Rolls spielte. Der bemerkenswerteste Fund war die Aufdeckung eines in kleine Teile zer­trümmerten Mühlsteins, der aus rheinischer Ba- ialtlava besteht, wie sie noch heute vor allem in Riedermendig in der Eifel aus unterirdischen Brüchen gewonnen wird. die z. T. in die Römer­zeit zurückreichen. In der Tat läßt sich die Ein­fuhr derartiger Basaltmühlsteine aus dem Rhein- gebiet bis in früh- und vorgeschichtliche Zeiten zurllckoersolgen und man mutz mit Erstaunen fest­stellen, wie zähe sich diese uralt« Jmportüber- lieserung durch die Jahrhunderte und Jahr­

tausende erhalten hat. Besagter Mühlstein zeigr auf seiner Oberfläche eine charakteristische winke­lige Riffelung und wurde wohl in einer Hand- mühte gebraucht, die man früher mit der alt- germanischen BezeichnungOuerne" benannte. Das Focke-Museum besitzt mehrere Händmühlen aus jüngerer Zeit, die- aber noch völlig den ur­tümlichen Typ Nieser alten Que.rnen zeigen.

Von den übrigen Kleinfundcn sind die Reste eines bronzenen Krapens erwähnenswert, sowie zahlreiche Eisenieile, Nägel, Beschläge, Hufeisen usw. Auch mehrere Spinnwirtel wurden gefun­den, aus Ton hart gebrannt und von der Art, wie sie auch in vorgeschichtlichen Siedlungen vor­kommen. Diese Wirte!, die wie große flachs durchlochte Perlon aussehe», wurden früher beim Spinnen auf das untere Ende der Spindel gesteckt und dienten sozusagen als kleines Schwungrad zum Drehen dieses zierlichen Spinngerätes, für das auch der altdeutsche NameKunkel" vor­kommt.

Ueber die vielfachen interessanten Grabenprofile und eigenartigen Abstufungen der Kulturschichten im Innern der Warft, die durch die Suchgräben festgestellt wurden, kann an dieser Stelle noch nichts Näheres gesagt werden. Die weitere Ab­tragung der Warft im Lauf« dieses Winters oder Frühlings wird das, was der Spaten hier ver­suchsweise ermitteln konnte, zu Ende führen. Durch eine genaue altertumskundliche Kontrolle seitens des Focke-Museums wird dafür Sorge pe- rrage», daß die dadurch gegebene günstige For- ichungsmöglichkeit ihre möglichste Ausnutzung findet zugunsten dieses Teiles unserer Heimat­kunde, den man bislang fast allzu sehr vernach­lässigt hat. Dr. L. Oi>.

Fortsetzung