Ausgabe 
(3.12.1933) Nr. 327
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Nr. Z27 / 4. Vierteljahr t

Sonntag, den z. Dezembi

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Kammersieg Shautemps

Volttische Debatte bis zur Finanzsamerung vertagt - Zst Frankreich zu Gonberabkommen bereit?

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Regierungserklärung

Paris, 2. Dezember.

Die französische Kammer trat heute um 18 Uhr zusammen, um die Erklärung der neuen Regie­rung entgegenzunehmen. Die Abgeordneten wa­ren vollzählig erschienen, und auf den Tribünen standen die Zuschauer dicht gedrängt. Als Mi­nisterpräsident Chautemps die Rednertribüne zur Verlesung seiner Regierungserklärung betrat, wurde er von starkem Beifall der Radikalsozia­listen begrüßt, denen sich die Neusozialisten an­schlössen, wogegen die Sozialisten nur zögernd in den Beifall einstimmten. Die Mitte und Rechte verhielten sich törlnahmslos.

2n der Regierungserklärung heißt es u. a.: Die Regierung legt weniger Wert auf unnütze Polemiken als auf die notwendigen Handlungen. Sie fordert Sie deshalb auf, unverzüglich eine im Interesse des allgemeinen Wohles stehende Arbeit vorzunehmen, deren Dringlichkeit Sie nicht verkennen werden:

Das parlamentarische Leben ist schon lange durch die Bemühungen um die Wiederherstellung des Haushaltsgleichgewichts gelähmt. Die Un­fähigkeit, diese Pflicht zu erfülle», würde für das Land schwerwiegende Folgen haben. Die Finanz- krise droht, dem Schatzamt infolge des Fehlbe­trages gefährlich zu werden.

Frankreich kann aber Vertrauen in die Zükunst haben. Sein Kredit und sein Geld gehören im­mer noch zu den sichersten. Auf politischem Gebiet hat der Mangel an Stabilität der Re­gierung im Lande eine lebhafte Erregung ausgelöst. Die Autorität des Staates ist davon betroffen. Das beste Mittel, das parlamentari­sche System zu verteidigen besteht darin dem Lande zu zeigen, daß es in der Lage ist, die dem Lande gegenüber übernommenen Verpflichtungen durchzuführen. Die Regierung fordert deshalb Vertrauen für die Wiederherstellung der Fi­nanzen und die Verteidigung des Regimes.

Sie beweist ihren Willen dadurch, daß sie die Regierungserklärung durch eine entschlossene Handlung begleitet, indem sie der Kammer einen Eesetzcsoorschlag unterbreitet, der die voll­ständige Wiederherstellung des Haushaltsgleichgewichts durch eine gerechte Verteilung der Opfer vor­sieht und sür dessen Behandlung sie das Dring- lichkeitsversahren beantragt. Später wird die Regierung weitere Pläne unterbreiten, die dazu bestimmt sind, das wirtschaftliche Leben des Landes neu zu beleben, die Produktion zu organisieren und zu schützen und die Arbeits­losigkeit zu vermindern.

In Uebereinstimmung mit den parlamentari­schen Einrichtungen und Ausschüssen wird sie die

teaditionelle Außenpolitik desre-> publ ikanischen und pazifistischen Frankreich fortsetzen. Sie bleibt dabei, dem Völkerbund, seinem Ideal für internatio­nale Zusammenarbeit seinen Freundschaftsver- ständigüngen und Abkommen treu.

Die Regierung ist bereit, auf dem Wege über die diplomatischen Vertretungen die Be­ziehungen zu allen Ländern zu verbessern. Sie ist jedoch der Auffassung, daß Sonderabkom- men dem Lande nur dienlich find, wenn sie der eigenen Sicherheit nicht schaden und wenn sie die internationalen Verpflichtungen achten, durch die alle Böller seit dem Kriege versucht haben, gemeinsam ihre Rechte zu garantieren.

Alle diese großen Werke sind jedoch von der vorherigen Wiederherstellung der öffentlichen Finanzen abhängig. Deshalb wünscht die Regie­rung ihre ganzen Bemühungen vorläufig hierauf

zu konzentrieren. Um dieses Werk durchzuführen, appelliert sie an die Einmütigkeit aller Repu­blikaner. Sie schlägt geeignete Maßnahmen vor und übernimmt die volle Verantwortung dafür. Sie fordert die Kammer aus, im Namen des Lan­des zu handeln, das sicherlich scharfe Maßnahmen der gegenwärtigen Ungewißheit vorzieht.

Die Erklärung des Ministerpräsidenten wurde von den Radikalsozialisten mit. starkem Beifall aufgenommen. Die Mitte und die Rechte zeigten > eisige'Kühle. .

Nach Chautemps' Rede verlas der Kammer­präsident die Jnterpellationsanträge: Dann be­

stieg der Ministerpräsident aufs neue die Redner­tribüne, um die Vertrauensfrage für die Ver­tagung der Jnterpellationsanträge bis nach Verabschiedung der Finanzvorlage zu stellen. Er führte zwei Gründe dafür an: 1. Die Tatsache, daß die Regierung für die Behandlung der Finanzvorlage die äußerste Dringlichkeit gefor­

dert'habe und folglich keine Zeit zur Behandlung der Interpellationen vorhanden sei und 2: daß die , Regelung der Finanzfrage heute.so wichtig sei, daß eine Vertagung dieser Frage durch Einschaltung einer Jnterpellationsaussprache nicht zu rechtferti­gen, sei.

Die Kammer beschloß dann mit 391 gegen 19 Stimmen die Interpellation über die allgemeine Politik der Regierungen bis nach Verabschiedung des Finanzsanierungsgesetzes zu vertagen. Die Regierung Chautemps hatte sür diesen Tag die Vertrauensfrage eingesetzt und blieb somit sieg­reich.

Der Antrag der Regierung, zur Beratung des Finanzsanierungsgesetzes, das beschleunigte Ver- handlungsversahren zur Anwendung zu bringen (wofür zwei Drittel Mehrheit erforderlich ist), wurde von der Kammer mit 8K1 gegen 11 Stim­men angenommen.

Dolkserhallung und Ausartung

Ii.. Propaganda ist alles. Nicht zuletzt in der Bevölkerungspolitik. Der einzelne mag sich in philosophischer Besonnenheit auch /in­nerlich / mit der Gewißheit abfinden, daß / er sich dem Gesetz des Todes nicht entziehen kann: ein Volk aber, das ewig leben will, wird ewig leben, ein Volk trägt den Kern der Un Vergänglichkeit i n s i ch. Wir wissen heute dank der in den letz­ten Wochen intensiv durchgeführten öffent­lichen Aufklärung, daß der Geburtenschwund des deutschen Volkes. auf 1000 Einwohner kamen im Jahre 1890 36 Lebendgeborene, 1930 nur noch 17,5 der Vorbereitung zum Selbstmord der Nation gleichkommt. Wir wissen heute weiterhin, daß der Rückgang der Sterblichkeit in Deutschland 1890 kamen auf 1000 Ein­wohner 24,5 Todesfälle, 1930 nur 11 zwar rein ziffernmäßig den Schrumpfungsprozeß aufhält, bei zunehmendem Geburtenrück­gang aber zu einer biologisch und sozial ver­hängnisvollen Ver greis ungderdeut- schen Bevölkerung führen muß.

Dieser ernsteTcrtbestanü wird noch dadurch verschärft, daß die Bevölkerungsbewegung in anderen europäischen Staaten, besonders in den zum slavischen Kulturkreis zählenden, die entgegengesetzte Tendenz ausweist. Die Geburtenziffer Polens zum Beispiel ist nahezu doppelt so groß wie die Deutschlands, und obschon bei einer Stabilisierung des jetzigen Fruchtbarkeitsgrades die 1930 in Europa gezählten 149 Millionen Angehöri­gen der germanischen Rasse bis zum Jahre 1960 auf 160 Millionen angestiegen sein dürften, verfügt dann die slavische Rasse mit 303 Millionen Menschen bereits über 77 Mil­lionen, mehr. als heute..Daß sich hierin auch eine Verschiebung der bevölke- r u n g.sp o-l i t ischen Machtverhält - nisse ausdrücken würde, bedarf keines Nachweises.

Die marxistischen oder in marxistischem Fahrwasser gebliebenen Reichsregierungen hatten trotz der eindringlichen Stimmen wissenschaftlicher Autoritäten aus mehr als einem Grunde kein Interesse und keinen Trieb, jenes mahnende Ergebnis einer zu­verlässigen Statistik für einen Propaganda- seldzug mit dem Ziel einer Selbstbesahung der deutschen Nation auszuwerten. In der Jugend um nur einen der Gründe hier anzudeuten, dem unversiegbaren Borm nationaler Opferkraft, mußten die Materi­alisten der Internationale ihren natürlichen Feind erblicken. Sollten sie durch die Pro­pagierung des Kinderreichtums den Ast der Vergretsung, aus dem sie sahen und sich wohl fühlten, selber absägen? Im Gegenteil, Geburteneinschränkung wurde be­fürwortet, wobei man in bewußter Umdeu- tung sozialökonomischer Zusammenhänge als Hauptursache der Arbeitslosigkeit die angebliche Uebervölkerüng bezeichnete.

Auch dieser Irrlehre haben die national­sozialistischen Kämpfer für Wahrheit und Ehre ein klägliches Ende bereitet, indem das Kind als ein in der Volkswirt­schaft sehr wichtiger Konsumfak - tor erkannt ist und die Erkenntnis sich durch-

Die Partei ist der Siaat

Am 30. Januar hat die Nationalsozialisti­sche Partei die Regierung übernommen;. die Reichstagswahlen am 5. März brachten ihr einen überwältigenden Sieg; am. 2. Mai er­folgte did Uebernahme der Gewerkschaften durch die NSDAP.; am 14.. Juli wurde das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien erlassen; am 12. November stellten sich 95 v. H. des deutschen Volkes hinter die Führung Adolf Hitlers und am 1. Dezember wurde das Gesetz über den Einbau der Partei in den Staat, über die Verschmelzung von Partei und Staat beschlossen.

Vom 30. Januar bis zum 1. Dezember 1933 hat sich eine Entwicklung in unserem deutschen Vaterlande vollzogen, wie sie atem- raubender kaum vor sich gehen konnte. Staat und Partei sind heute eins, der Parteienstaat in Deutschland ist endgültig überwunden, es gibt keine Partei mehr außer der Partei Adolf Hitlers. Damit ist der Staatsumbau vollzogen, damit steht wenigstens der äußere Rahmen des neuen Reiches fertig da. Mit der Berufung des Stellvertreters des Füh­rers Rudolf Heß und des Stabschefs der SA. und SS. Ernst Rühm ins Kabinett ist dieser inneren Verschmelzung der Partei mit dem Staat auch äußerlich sichtbar Ausdruck gegeben worden. Ihre Ernennung zu Reichsmimstern gilt natürlich nicht nur den Persönlichkeiten. Rudolf Heß als Stellvertreter des Führers und Leiter der Politischen Organisation und Ernst Rühm als Führer der Kampforgani­sation und der ersten Jdeenträger des Natio­nalsozialismus, der SA. und SS., sind die' sichtbarsten und ausgeprägtesten

Repräsentantender Bewegung, die nach dem Führer selbst bis jetzt in der Partei und von nun ab auch im Staat die -größte Rolle spielen werden.

Die 'Verschmelzung von Partei und Staat - ist.ein Akt von geschichtlicher Bedeutung, ein Akt zudem, der nur förmlich sanktioniert, was in Wirklichkeit bereits Tatsache war. Der Völkische Beobachter" hebt zu Recht hervor, daß nicht der Staat als solcher die Parteien überwunden, sondern daß der Nationalsozia­lismus für den Staat diese Aufgabe durch-, geführt hat. Es ist also nur ein Akt ver ge­schichtlichen Logik, wenn der von den System­parteien gereinigte Staat jetzt in den Besitz seines politischen Eroberers übergeht. Denn die Form des Staates wird jetzt mit dem le­bendigen Inhalt des Nationalsozialismus er­füllt werden. Das konnte geschehen, weil der Nationalsozialismus in seinem Organismus

Heute Eintopfgericht!

selbst schon den Gedanken der Volksgemein­schaft restlos verwirklicht hatte. Das Werk der Neuorganisation des deutschen Volkes wird damit gekrönt

Mit der Verschmelzung von Partei- und Staat sind die Grundlagen für die Durch­führung einer nationalsozialisti­schen Reform des Reiches geschaffen worden; ja, mit diesem Schritt steht ein gut Stück der Reichsresorm, um die sich unzählige Regierungen der Systemzeit fruchtlos bemüht, haben, bereits fertig da. Nicht die Main-

Linie existiert heute mehr in der von einer krankhaften Sucht nach der Wahrung der eigenen Belange befangenen Phantasie der Süddeutschen", nicht mehr umaltpreußische Traditionen' und Interessen" geht es heute, nicht Unternehmer und Arbeiter stehen sich , gegenüber, wichtRechtsländer" undLinks­länder" nein, eine einzige große deutsche Volksgemeinschaft. steht heute hinter ihrem Führer Adolf Hitler. Das neue Reich ist nicht vornehmlich preußisch oder hauptsächlich baye­risch es ist deutsch.

Nicht um Sicherung der Machtposition allein geht es dem Führer Adolf Hitler, son­dern auch um die Herausarbeitung des Be­wußtseins und um den Wunsch, dieses Be­wußtsein jedem einzelnen möglichst nahezubringen, daß damit auch ein Höchstmaß der Verantwortung für das Schicksal der deut­schen Zukunft und des ganzen deutschen Vol­kes verbunden ist. Die Idee der Pflicht, der Gedanke der erhöhten Verantwortung, der immer wieder und allüberall vom Führer gepredigt wird und den er sich selbst zum Leit­satz gemacht hat, bildet den Gehalt der neuen Staatsaufsassung. Er ist es auch, der den Nationalsozialismus zu einer Sache des Vol­kes macht, weil dieser Gedanke dem gesunden Empfinden des Volkes entspricht.,

So bedeutet die staatsrechtliche Veranke­rung der Partei im Staat auch die Gewähr, daß die Träger des neuen Staatsgedankens pflichtgetreue, opferfreudige und im Bewußt­sein der höchsten Verantwortung tätige Ar­beiter am neuen Deutschland sein werden, wie es der Führer verlangt und wie er es ist.

Ewiges Essiolit /

Wenn man die Bilder flüchtender Rußland- deutscher anschaut, wenn man den Balkan bereist und plötzlich auf die Dörfer schwäbischer Siedler trifft, die sich an Theiß, Dran oder Donau er­heben, oder wenn man durch die Bergtäler deutscher Bauern in Südamerika wandert, so begegnet man immer wieder Menschen, die ein­ander ähnlich sind, auch wenn die Landschaft an ihnen in ein oder zwei oder drei Jahrhunderten mancherlei örtlich Besonderes ausprägte. Immer ist es der gleiche deutsche Bauer, der sich auf der Suche nach Land aus seinen Tälern erhoben hat und entweder die Meere überfuhr oder bis nach Bessarabien, bis zur Wolga, bis nach Persien, ja bis ins fernste Sibirien wanderte, um den Acker zu finden, auf dem er und seine Kinder Brot bauen könnten.

Eine ewige Völkerwanderung .ist es, die aus diesem Deutschland ausströmt und sich seit zwei Jahrtausenden in die Well entsät. Und immer wo wir auf ihre Spuren treffen, ist es der gleiche Mensch, der als ruheloser, ruhesuchender Wan­derer an uns vorüberpilgert, nach dem Pflug spähend. Deutscher Bauer ist es, der die Hoch­ebenen Brasiliens, die Prärien und die Steppen Sibiriens aufbrach, den wir erkennen, wenn er uns mit seinem Blick streift und weiterschreitet, weil er von seiner Qual und Unruhe Einiges in uns hasten ließ.

Man sagt, daß im Lärm der Großstädte und im Kampf um die Erhaltung europäischer Zivi­lisation die Gesichter der Menschen heute ein­ander zu ähneln beginnen, daß ihnen Jugend und Alter gleichsam im voraus geprägt wird, und daß die innere Freiheit im Antlitz von heute fehle. Etwas Maskenhaftes sei dem Menschen von heute geworden er erneuere sich nicht mehr aus dem reinen Bild der Seele, weil der

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Mann das Bewußtsein einer Stellung, nein, seines Auftrages zwischen Gott und Erde zu stehen, verloren habe.

Ich glaube, wer das Bild des deutschen Bauern und bäuerlichen Handwerkers ansieht, braucht darum keine Sorgen zu haben. Mag der Borwurf sich auf gewisse Gruppen einförmig arbeitender Menschen beziehen, mag er sich auf die Streber, Nachläufer und Nutznießer einer hochkapita­listischen Zeit erstrecken, er trifft nicht diese bäu­erlichen Menschen, von denen jeder für sich über ein Reich im Kleinen regiert und hier noch von der Saat bis zur Ernte, von der Geburt bis zum Tode, vom Keim bis zum Sturz des Frucht­baumes seine Welt fügt, bestimmt und erlebt. Und weil heute eine große Neusiedlung auch im Reich bevorsteht und bevorstehen mutz, wenn wir als Volk nicht zusammenbrechen wollen, haben wir uns um jenen Verfall des Menschengesichts in den anderen Volksschichten keine Sorgen zu machen. So lange der Bauer lebt und immer wieder von unten her der Saft unseres Volkes nach oben steigt, so lange der Dichter, der zum Himmel greift, aus seiner Landschaft wächst, brauchen wir keine Warnungszeichen menschlichen Untergangs an die Wand zu schreiben. Nur um das eine sollen wir uns mühen: daß der Bauer bleibe und Mehrer und Urgrund des Volkes sei, aus dem das andere sich schichtet.

Klingt das Wort zu hoch? Ach, ich weiß nur zu gut, wie sehr auch in ihm das Böse neben dem Guten steht, wie der Eigensinn, die Klein­lichkeit, der karge Sinn und die Prahlsucht, Neid und Mißgunst im Dorf wie in den Städten leben. Aber wir wissen auch, daß die stärkere Freiheit bei diesen Seßhaften gedeiht, daß hier die Aufgabe Gottes, zu säen und zu ernten, noch

als Auftrag erfaßt wird, wenn sie auch nur ein kleines Herrentum über eine Scholle Erde gibt,

Aber es gibt doch ein deutsches Gesicht, welches sich auch nach den Wandlungen eines Jahr­hunderts so leicht nicht verliert. Ich meine hier nicht das Bild vorwiegender Rasseeigenschaften, das wir beim deutschen Bauern finden möchten obwohl auch sie stark mitsprechen ich meine hauptsächlich jene Ähnlichkeit der Züge, die viel­leicht aus einer Gemeinsamkeit, die trotz der Zweiteilung Deutschlands auch im Glauben noch immer besteht und die man bisher vergeblich zu ergründen und zu erklären versuchte. Zugegeben, daß es oft Züge sind, die, anders verteilt, auch im englischen, französischen und im südslawischen Menschen ruhen. Dennoch gibt es im Antlitz all dieser Menschen Gebärden, die wir im Guten und Bösen nun einmal deutsch nennen, die sich mit Worten nicht deuten lassen und die wir doch oft so klar erkennen, daß wir in der Fremde gerades­wegs auf den Bauern und Landmann zugehen, ohne ein Wort von ihm gehört zu haben, und wissen: hier ist ein Spiegelbild, hier ist ein Teil deines Wesens. Ich glaube aber, daß jener rätselhafte Zug nicht aus den uniformierten Ge­sichtern der großen Werkstätten der Wirtschaft kommt, sondern daß er vom Bauern her sich zu uns vererbte, und daß es sein Antlitz ist, das wir noch Geschlechter hindurch wiedererkennen.

Wir sprachen eben von jenem Deutschtum, das weit über die Staatsgrenzen hinausragt und das ich so weit ziehe, wie unsere Sprache reicht. Wir wollen uns im folgenden auf einen kleineren Kreis beschränken. Neben dem Bayern, dem Preußen und dem Mitteldeutschen, die eine be­sondere Aufgabe der Ausbreitung nach dem Osten hatten und dadurch innerhalb des Gesamt- rahmens einige nur ihnen eigene Wesenszüge gewannen, steht der Westen Deutschlands, der sich durch seine Geschichte und durch unterschiedliche Einflüsse oft von jenen unterscheidet. Das west­

liche Bauerntum entwickelte sich in der nord- südlichen Richtung und man kann, abgesehen von den vier Stämmen der Schwaben, Hessen, Fran­ken und Sachsen, gemach noch im Norden die Angeln hinzunehmen und im Süden die Ale­mannen bis ins Berner Oberlands Diese alt­deutschen Stämme, wie ich sie nennen möchte, haben schon durch den frühen Kampf ums Reich, der ihnen oblag, und durch den stärkeren Zu­sammenhang mit der altgermanischen Gemein- freiheit eine eigene bäuerliche Ueberlieferung. Sie sind die Träger der großen deutschen Revo­lution, der Bauernkriege, die sie im Süden und Norden gewannen und erst später durch das ge­lehrte Bürgertum wieder verloren. Hier stand noch lange das alte Recht gegenüber der An­nahme des römischen Eigentumsbegriffes, hier schwelte der Widerstand gegen die fremdländische Kultur der Höfe, hier blieb Ursprüngliches von den alten Lebensformen in Sage, Glauben, Mär­chen und Ballade erhalten. Und immer noch bleibt das Land am Rhein, Main, Weser und Niederelbe das alte Kernland des Reiches.

Schwer ist es aus wenigen Bildern noch das Wesentliche der einzelnen Stämme aufzuzeigen. Gewiß haben sie untereinander deutliche Unter­schiede ich sagte oben schon, erst die Vielfalt der Gebärden ergibt die Einheit des deutschen Gesichts und diese Unterschiede sind ein Reich­tum unseres Volkes, sei es auch nur, daß wir uns im Alltag an Formen des Hausbaues, der Trachten und der Redewendungen ergötzen

Da ist der Schwabe, der einst an der Eider zwischen Schleswig und Holstein saß und dessen Züge wir auch an den Namen über die Mark Brandenburg bis nach Nordspanien verfolgen können, der aber so stark wie wenige seine Eigen­art im Südwesten des Reiches entwickeln durfte Welche prachtvolle Kraft steckt im Bild der Frau aus Schwaben, djx, obschon ergrauend, vom Leben noch nichts aufgegeben hat. Herrschasts-

wille, Stärke und Mütterlichkeit sprechen aus ihren Augen; ein Mensch ist's, der immer, zum Angriff bereit ist und fähig wäre, ein Dorf von Männern zu sichren. Ein anderes: der alte Bauer von der Alb, dessen Gesicht so verschlagen wie gütig ist; oder jenes vom rattcnspitzen Schwabenkopf, den man unter den Ostschwaben Ungarns und Jugoslawiens so häufig trifft und der scharf gezeichnet, verkniffen und grübelnd ausschaut, wie er sich, und zwar vor allem sich selbst, durchsetzen soll.

Prächtig sind die Bilder der hessischen Land- leute; ich mache auf den träumenden Eestal- tungswunjch im Gesicht des Handwebers auf­merksam. Aus jenen schwäbischen Bauern sprang deroberrheinische Revolutionär" auf, der Vor­gänger der Reformation; von den Hessen kamen die Brüder Grimm, und von den Franken stammt Nicolaus von Lucs, der das. Reich Maximilians gegen die Fürsten noch einmal neu zu gestalten suchte und eine deutsche Verfassung predigte, wie wir sie heute noch nicht verwirklicht haben.

Ich sagte vorhin, man könnte die Stämme des westliche» Deutschland voneinander abheben. Das gilt besonders für den Niedersachsen, der sich schon im Körpermaß unterscheidet man mißt ihn durchschnittlich einen Kopf länger als die übrigen Deutschen. Auch seine Hausbauformen sind deutlich abgehoben, und geschichtlich hat er den engeren Zusammenhang mit der Frühzeit' durch die freien Städte und die Bauernrepubliken er­halten. Dennoch ist dieser Stamm wieder in sich so mannigfaltig' Da ist das westfälische Bauern­tum, aus dem ein Justus Möser aufwuchs, der dem Deutschen seinenSturm und Drang" und noch dem Freiherrn vom Stein das Selbst­bewußtsein eignen Volkstums schenkte. Ganz andere -7 ct ist das Bauerntum der Heide und der S hier der Küste. Ja, der Bauer der Küste horcht, auch wenn er den Boden pflügt und Deiche baut, noch immer mit einem Ohr auf den