Ausgabe 
(20.1.1934) Nr. 19
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Bremer Zerrung, Verlagsgesellschaft m. Ü. H., Teeren K bis 8 / Fernruf: Sammelnummer Roland 625.

Nr. 19 / i. Vierteljahr

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Sonnabend, den 20. Januar

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Gegen Hetzlügen

Eine Erklärung des Verteidigers der bulgarischen Angeklagten im Reichstagsbrandstifterprozeß.

änb. Leipzig, 1g. Januar.

Der Offizialverteidiger der bulgarischen An­geklagten im Reichstagsbrandstifterprozeß, Rechts- anwall Dr. Teichert, veröffentlicht am Freitag folgende Erklärung: Zu allzu durchsichtigen

Zwecken wird heute (Freitag) in der Auslands­presse die Nachricht verlautbart, der im Reichs­tagsbrandstifterprozeß Angeklagte Dimitr 0 ff liege im Sterben. Diese Mitteilung bildet, wie alle Meldungen über angebliche schlechte Behandlung der Vulgären Dimitroff, Popoff und Tanef, «nr eine Fortsetzung der Reihe infamer Lügen, wie sie im Zusammenhang mit dem Reichstagsbrand von interessierter kommunistischer und marxistischer Seite verbreitet und im Prozeß i> aller Öffentlichkeit restlos widerlegt worden find. Ich stelle auf Grund meines persönlichen Augenscheins und meiner heutigen längeren Rück­sprache mit den drei Bulgaren fest, daß an allen diesen Meldungen auch nicht ein wahrer Buchstabe ist, daß die drei Bulgaren in der Schutzhaft auch nach ihren eigenen Angaben stets die beste Behandlung erfahren haben, tadellos verpflegt find, von dem Recht des Rauchens aus­giebig Gebrauch machen und sich bester Gesundheit erfreuen, Dimitroff auch regelmäßig die Besuche keiner nahen Angehörigen empfängt. Anders­lautende Nachrichten sind hetzerische Entstellungen der Wahrheit.

Untergrabung der Autorität

Stuttgart, 19. Januar.

Bekanntlich mußte sich die württembergische Politische Polizei auf Grund eines mit aller Sorgfalt durchgeführten llntersuchungsverfahrens zu der Maßnahme entschließen, den katholischen Pfarrer Sturm aus Waldhausen und den Stadt­pfarrer Dangelmeier aus Metzingen in Schutzhaft zu nehmen, weil nach Erschöpfung aller anderen Mittel nur dadurch eine Unterbindung ihrer staatsfeindlichen Tätigkeit gewährleistet war. Trotz eindringlicher Verwarnung wagen es einige Personen nun, wie die württembergische Politische Polizei weiterhin mitteilt, diese Maßnahmen zum Anlaß zu nehmen, weiterhin eine lebhafte gegne­rische Tätigkeit zu entfalten. So wurde der Ver­such gemacht, die beiden in Verwahrung genom­menen Geistlichen als die unschuldigen Opfer einer bösartigen Verleumdung hinzustellen.

Diese Absicht kann nur als eine bewußte Unter­grabung der staatlichen Autorität angesehen werden und muß.entsprechend geahndet werden. So wurde der Metzger Nikolaus Funk aus Maldhausen und der Schreiner Anton Kauf­mann aus Affalterwang in Schutzhaft genom­men, die sich in abfälligen Aeußerungen gegen die Jnschutzhaftnahme des Pfarrers Sturm gewandt haben. Eine von den beiden einberufene Protest- versammlung gegen die Jnschutzhaftnahme wurde von der Politischen Polizei verboten. Der Gasthof des Metzgers und Landwirtes Nikolaus Funk wurde als Treffpunkt der Unruhestifter mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres geschloffen.

Die Nachforschungen ergeben weiter, daß als geistiges Haupt dieses Treibens der Pfarrer Leißle aus Elchingen anzusehen ist.

Antwort überreicht

Deutschland für Fortsetzung der Aussprache mit Frankreich

Sich. Berlin, 1g. Januar.

Amtlich wird mitgeteilt: Heute nachmittag empfing der Reichsminister des Auswärtigen den französischen Botschafter Francois-Poncet und übergab ihm die deutsche Antwort auf das von dem französischen Botschafter am 1. Januar überreichte sicke meinoire in der Abrüstungsfrage. Der Reichsminister er­läuterte dem Botschafter den Inhalt des Schriftstückes.

Ebenso empfing Freiherr von Neurath den englischen Botschafter Sir Eric Philipps und übergab ihm die Antwort auf das Memoran­dum, das dieser im Auftrage der Königlich- Englischen Regierung dem Herrn Reichs­kanzler am 20. Dezember v. Js. überreicht hatte. Es handelt sich bei der dem fran­zösischen Botschafter übergebenen Antwort um

ein umfangreiches Schriftstück, das 11 Schreib- maschinenseiten umfaßt. Es ist in entgegen­kommendem Ton gehalten und kommt daher der Forderung der von beiden Seiten gewünschten Verständigung entgegen. Seine Tendenz ist die Fortsetzung der begonnen Aussprache.

ckvb. Genf, 19. Januar.

Das französischen und tschechischen Einflüssen zugänglicheJournal de Nations" setzt sich heute mit Eifer für den alsbaldigen Wiederzusammen- tritt der Abrüstungskonferenz ein. Man spricht davon, daß der Hauptausschuß nicht, wie es ur­sprünglich hieß, bis nach Ostern, sondern nur um etwa einen Monat vertagt werden solle und daß man demnach versuchen wolle, ihn und damit die Konferenz noch im Februar wieder einzuberufen.

änb. London, 19. Januar.

Wie der Genfer Berichterstatter derTimes" meldet, besteht innerhalb der britischen Delegation der lebhafte Wunsch nach einem baldigen Fort­

schritt der Abrüstungskonferenz; andererseits aber ist man der Ansicht, daß die Besprechungen zwischen den Regierungen, die in einer leidlich befriedigenden Weise vonstatten gehen, am besten nicht unterbrochen würden. Doch gebe es natürlich eine Grenze für ihre Zweckmäßigkeit und auch für die Zeitspanne, die sie in Anspruch nehmen. Die Methode der direkten Verhand­lungen hat bisher, fährt der Berichterstatter fort, zwei gute Ergebnisse gehabt: Eine gute Ver­

ständigung zwischen Großbritannien und Italien und eine gewisse Klärung des französischen und des deutschen Standpunktes. Es wird sich bald zeigen, ob die Kluft zwischen Frankreich und Deutschland überbrückt werden kann. Im

allgemeinen glaubt man, daß die Annäherung zwischen beiden' Staaten sich als ausreichend erweisen wird, um neue Schritte zu ermöglichen. Die britische Regierung beharrt darauf, die sogenannten schweren Angriffswasfen noch

während der ersten Periode aufzugeben.

Genf und die Gaarabstinimung

Röchling über die Bedeutung der Deutschen Front

änb. Genf, 19. Januar.

Der Vorsitzende der in Genf weilende« Abord­nung der Deutsche» Front des Saargebietes, Kom- merzienrat Röchling, klärte Freitag nachmittag die internationale Presse in längeren Ausführun­gen über die Lage im Saargebiet und über die internationale Lage auf» der die Saar- bevölkerung heule gegenübersteht.

Röchling ging von den Bestimmungen des Ver- sailler Diktates aus, nach Venen die Abstimmung am 10. oder 11. Januar 1935 stattfinden müsse. Sie werde eindeutig ein Ergebnis für die Rückkehr nach Deutschland bringen. Dann schilderte der Vortragende die Bedeutung der Deutschen Front, die heute bereits 90 v. H. der Saar­bevölkerung umfasse. Ihr stellte er das Häuf­chen der Landesverräter unter der Füh­rung des sozialistischen Redakteurs Matz Braun gegenüber, das noch weiter« fünf oder gar zehn Jahre in dem DersaillerKäfig" sitzen wolle. Röchling wies darauf hin, das ein Vertrauens­bruch durch Verschiebung der Abstimmung das schlimmste wäre, was der Völkerbund dem euro­päischen und auch dem Weltfrieden antun köünte.

Das deutsche und das französische Volk ersehnen, so fuhr Röchling fort, «aus heißem Herzen einen ehrlichen Frieden. Sie wünschen die Jahrhunderte alte Feindschaft zu begraben. Die Kriegsgenera­tion will keinen neuen Krieg."

Dann wies Röchling daraufhin, daß der Führer der sogenanntenFreiheitsfront", Matz Braun, im Saargebiet nicht bodenständig und daher auch nicht abstimmungsberechtigt sei. Röchling verglich den Landesverräter Braun mit dem berüchtigten rheinischen Separatistenführer Dorten. Das Saargebiet wolle zu Deutschland zurück. Das sei der einmütige Wille der Bevölkerung. Gleich­zeitig bejahe die Saarbevölkerung auch die Regierung Adolf Hitler, die

allein imstande sei; die schwere Lage zu meistern, in der sich Deutschland befinde. Röchling schloß mit den Worten:Hoffen wir, daß der Völker­bund einsieht, daß die baldige Heimkehr des Saar­volkes zu Deutschland eine weltpolitische Notwen­digkeit ist, denn nur so werde das Saargebiet kein Zankapfel zwischen den beiden Ländern bleiben."

Für die am Freitag nachmittag im Völker­bundsrat erwartete große Aussprache über die Saarfrage hatten sich viele internationale Journalisten und ein zahlreiches Publikum im Völkerbundshaus eingesunken. Wider Erwarten wurde das Saarproblem von neuem von der

Schwere Zuchthausstrafen M Sprengstoff-Verbrecher

Leipzig, 19. Januar.

Das Reichsgericht verurteilte am Freitag we­gen Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Vergehen gegen das Schußwaffen- und Kriegs­gerätegesetz und Verbrechen gegen das Spreng­stoffgesetz den Zimmermann Paul Bunke zu sechs und den Arbeiter Joseph Hüll zu fünf Jahren Zuchthaus. Bei Bunke wurde überdies Aberkennung der Ehrenrechte auf zehn Jahre so­wie dauernde Stellung unter Polizeiaufsicht ver­fügt. Die beiden jugendlichen Angeklagten, die regen Verkehr mit antifaschistischen Kreisen un­terhielten, hatten in einer bei Freiburg i. Vr. gelegenen Hütte 86 aus Kanalisationsröhren selbst angefertigte Sprengkörper sowie Eewehr- und Pistolenmunition zur gegen Volk und Staat gerichteten Verwendung aufbewahrt. DerLiefe­rant" der gestohlenen Sprengkörper und Waffen, ein kommunistischer Mineur, konnte sich dem Zu­griff der Polizei durch die Flucht entziehen.

Tagesordnung der öffentlichen Sitzung abge­setzt und auf Sonnabendvormittag verschoben. Diesen Beschluß faßte der Rat in einer geheimen Sitzung. Offenbar sind die Gegensätze in­nerhalb des Rates noch durchaus nicht be­reinigt.

Während die Italiener und Engländer sich bis jetzt gegen eine allgemeine Aussprache über die Saarfrage gewandt haben, weil dadurch die Spannung nur vergrößert werden könnte, scheinen die französisch orientierten Ratsmitglieder immer noch auf eine allgemeine Aussprache hinzudrän­gen, die sie zu Angriffen gegen die angebliche nationalsozialistische Agitation im Saargebiet benutzen wollen.

änb. Paris, 19. Januar.

Der Sonderberichterstatter desMattn" in Genf will berichten können, daß Frankreich und Eng­land sich über die Behandlung der Saarfrage ge­einigt hätten. Paul-Boncour habe, so erklärt das Blatt, in seinen Ausführungen zur Danziger An­gelegenheit gesagt:Ich "zolle dem Bericht Sir John Simons Anerkennung. Die Grundsätze dieses Berichtes betreffen aber nicht nur die Freie Stadt Danzig, sondern auch die anderen u n - ter Völkerbundskontrolle stehenden Ge­biete." Nur Eingeweihte, führt der Berichterstat­ter weiter aus, hätten sogleich begriffen, daß eine englisch-französische Einigung in der Saarfrage er­zielt worden sei. Diese Einigung werde sehr bald in bestimmten Weisungen zum Ausdruck kommen.

Der in Genf befindliche Außenpolitiker des Petit Parisien" will die wahrscheinliche Zusam­mensetzung der Saarabstimmungskommission an­geben können: Vorsitzender Baron Aloisi (Ita­lien), zwei Vertreter zweier außereuropäischer Länder (Australien und Argentinien) und zwei neutraler europäischer Staaten (Spanien und Dänemark).

Zwei Reden

ir. IM. Der französische Ministerpräsident Chautemps hat sich vor dem Senat, der seine Außenpolitik fast einstimmig billigte, erneut auf das Genfer System festgelegt, obschon er mit bemerkenswerter Offenheit den Völker­bund alssicher nicht vollkommen" charak­terisierte. Seine Rede war im ganzen klarer und ausgeglichener als die zwei Tage vorher von Paul-Boncour vor demselben Gremium abgegebene außenpolitische Erklärung, konnte aber doch die Halbheiten der fran­zösischen Abrü st nngs politik nicht wegparlamentarisieren. Chautemps Ausfüh­rungen enthalten zudem einige gegen Deutsch­land gerichtete Wendungen, die nicht kritiklos hingenommen werden können. Frankreich wolle sich, so betonte der Ministerpräsident, nicht in die innerpolitischen Angelegenheiten seiner Nachbarn einmischen, abereine Lehre, die an sich eine solche Aufpeitschung der Leidenschaften bringe, laufe Ge­fahr, sich im Auslande auszuwirken."

Aufpeitschung der Leidenschaften? Frank­reich hat einen sehr fähigen und scharfen Be­obachter in Berlin, den mit der innerpoliti­schen Entwicklung Deutschlands durchaus ver­trauten Botschafter Francois Poncet. Es kann unmöglich angenommen werden, daß Herrn Francois Poncet auf seine Feststellungen wird sich der französische Kabinettschef in erster Linie stützen müssen auf seinem Ber­liner Posten die durch den Nationaffozialis- mus erkämpfte und vom überwiegenden Teil des Volkes einst so heiß ersehnte innen­politische Beruhigung Deutschlands entgan­gen ist. Aufgepeitscht waren die Leiden­schaften einst durch kommunistische und marxi­stische Volksversührer, die Mitteleuropa dem Chaos überliefert hätten, wäre der National­sozialismus unter Adolf Hitlers Führung nicht im letzten Augenblick der Sieger und damit der Garant einer wirklichen Staats­ordnung geblieben. Auch das Ausland hat es wiederholt bestätigt, daß in der Welt­geschichte bisher kein revolutionäres Geschehen großen Ausmaßes so unblutig verlaufen ist wie die nationalsozialistische Revolution. Vielleicht erinnert man sich auch in Paris noch der fast täglich aus dem ganzen Reich ge­meldeten kommunistischen Straßenkra- walle des Jahres 1932, fir die .es schon im Jahre der nationalsozialistischen Re­volution keine Parallelfälle mehr gab. Von wem bezieht, so kann man also fragen, Ministerpräsident Chautemps seine Informa­tionen über dieVorgänge" in Deutschland? Es scheint, daß er sich ähnlich wie der sowjet- russische Ministerpräsident Molotow auf die­sem Gebiet allzu sehr des Sprachschatzes marxistischer Emigranten bedient.

Ein französisches Sprichwort meint, es sei nicht zu glauben, wie sehr die Furcht aber­gläubisch macht. Nicht nur Chautemps und die um eine nationale Verteidigung Frankreichs (gegen wen?) besorgte Rechtsopposition, auch der verantwortliche Leiter der österreichischen Staatspolitik, Bundeskanzler Dollsuß, sieht sein Reich aus einer bemitleidenswerten Angstpsychose heraus vom Nationalsozialis­mus bedroht. Fast zu gleicher Zeit, als in Paris Chautemps vor dem Senat sprach, ließ sich in Wien Dollsuß vor der Vereinigung der Christlich-Sozialen zu der ungeheuerlichen Behauptung verleiten, Oesterreich werde von einem Staat, den ein Brudervolk bewohnt, in seiner Freiheit und Unabhän- gigkeit weiterhin ständig bedroht!" Die

Nietzsche, ein Knnder

Mit dem Thema:Nietzsche und das

Dionysische" eröffnete Pros. Dr. E. Sorneffer am Mittwoch, 17. Januar seinen Vortragszyklus über die Kultur- und Lebens- philojophie des jüngsten Zeitalters.

Pros. Horneffer übergeht mit seinem Vortrag bewußt alle Kathederphilosophie, die in der methodischen Durchfeilung der Begriffsbildung verharrt,, also nur ein Werkzeug zur Entdeckung einer Lebens- und Weltanschauung bedeuten- kann.

^ Vermittler eines Weltbildes sind allein die Lebens Philosophen. Sie sind Herolde und i Bahnbrecher eines blutoollen Lebens, denen alle ! wissenschaftliche Schularbeit nur als Rüstzeug, nicht als Endzweck des Versuches gilt, das Leben in seiner Wahrheit zu erkennen und ihm eine menschheitfördernde Richtung anzuweisen. Alle Denker der Gegenwart, die unserer Zukunft Wege ! bahnen wollen, sind von Nietzsche bestimmt, sei es,

^ daß sie ihn in fruchtbarer Kritik ablehnen, oder sei es, daß sie sein Werk ausbauen.

Im Rahmen unserer Darstellung geht es nicht um eine Auseinandersetzung mit den Ewigkeits­ideen Nietzsches. Der Gedanke des Uebermenschen, deß die Menschheit die Gebärerin eines höheren Geschlechtes sein werde, ferner die Lehre von der Umwertung aller Werte, die nicht alle Moral- degriffe in das Gegenteil umkehren, sondern der Entartung der Menschheit durch die Schaffung eines ergänzenden und verfeinernden Lebens- gesetzes begegnen will, und endlich der Glaube an die Wiederkunft, der die Anknüpfung an die

des Dritten Reiches

Ewigkeit als übergeschichtliche Unbedingtheit bedeutet diese drei Ideen dienen der Erkenntnis unvergänglicher Grundwahrheiten. Derselbe Nietzsche, der das Wort sprach:Nach dreihundert Jahren zum Leuchten kommen, das ist mein Ehr­geiz!" war aber auch wie kein anderer dem Schicksal der Geschichtsepoche zugewandt, in die er, einUnzeitgemäßer", hineingeboren war. Seine Urteile über seine Zeit und gegen seine Zeit haben unermeßliche Wichtigkeit für unsere Gegen­wart. Mit wuchtigem Griff erfaßte und zerschlug er das Denken seiner Vorgänger und goß es in die neue Form seines revolutionären Geistes.

Sahen die Griechen im Staunen, Descartes im Zweifel den Ursprung aller Philosophie, hatten Kant und Schopenhauer den Durchbruch dieses Zweifels bis in die . Tiefe vollzogen, Kant durch Zweifel an der Wahrheit überhaupt, Schopen­hauer durch Zweifel an dem Zweck des Menschen­daseins, so erkannte Nietzsche die furchtbare Ge­fahr, der die Menschheit in der zweiflerischen Entsagung ausgeliefert ist, in einem ganz neuen Lichte. Kant hatte zwar schon durch das unbe­dingte Sittengebot des kategorischen Imperativs dem Menschen einen rettenden Halt im Diesseits gegeben und dadurch Unendliches für das deutsche Volk und sein Handeln getan. Schopenhauer aber beschwor in seinem Erlösungsgedanken durch Verzicht und Entsagung das Gespenst der Da­seinsverneinung herauf. Nietzsche stellte einer Zeit, der die gewaltigen Fortschritte in Wissen­schaft und Technik als eine Erhöhung des Men­

schentums erschienen, die aber in Wirklichkeit dekatent" war, den starken Zukunftsglauben ent­gegen, der die Furcht und Sorge, die im kategori­schen Imperativ Kants und im Lebensverzicht Schopenhauers Auswege suchte, in mutiger Le­bensbejahung überwindet.

Schon in seiner SchriftDie Geburt der Tra­gödie aus dem Geiste der Musik" hatte der junge Nietzsche versucht, am Beispiel des Griechentums einen neuen Glauben an die höhere Zukunft des europäischen Menschen zu entfachen. Daneben er­scheinen dieUnzeitgemäßen Betrachtungen" als eine Kritik seiner Zeit und in ihnenVom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" als «ine programmatische Erörterung, wie das Leben im Werte zu steigern sei. Die Frage Nietzsches: Wie weit ist reine Geschichtswissen­schaft heilsam für das schöpferische Leben? ist d i e Frage der heutigen Jugend, die sich von der Last der Vergangenheit befreien will, um nicht einem blaffen Epigonentum zu verfallen.

Nietzsche steht als Richter seiner Zeit im Gegen­satz zu allen Historikern, die Vergangenheit nur erkennen, aber nicht verwerten. Er warnt vor der unterschiedslosen Wertung des Ver­gangenen; immer muß es tauglich sein,zu Blut umgeschaffen" werden. Dieses Ver­mögen, dem Toten lebendige Beziehung zu ge­ben, nennt Nietzsche die plastische Kraft eines Zeitalters. Diese Kraft muß der reinen historischen Erkenntnis Grenzen setzen, sie muß blind, ja ungerecht sein können.

Bei der Beantwortung der Frage des Wertes oder Unwertes der Historie für das Leben unter­

scheidet Nietzsche die monumentarische, die anti­quarische und die kritische Geschichtsbetrachtung. Die erste Art errichtet uns das Denkmal des Höhenzuges großer Menschen durch die Ge­schichte", bedarf aber einer idealisierenden Fäl­schung: das Klassische, das uns die Mög­lichkeit der Größe im Vorbild aufzeigt, ist nicht wahr, sondern um der Wirkung willen verschönt. Dennoch wird in der Verehrung des Klassischen' die erzieherische Kraft der Geschichte fruchtbar. Hüten wir uns aber vor dem Epigonentum, das nichts Großes mehr schaffen kann, weil es das Große als fertige Gegebenheit hinnimmt! Die antiquarische Geschichtsforschung erweckt in der Pietät vor dem Vergangenen Heimatgefühl und Volksverbundenheit. Ehrfurcht gegenüber der Vorzeit verleitet jedoch zur Anfeindung des Neuen. Daher fordert Nietzsche von der Historie das kritische Richteramt, den Mut, die Ver­gangenheit zu zerbrechen, wenn sie ihre zeugende Kraftverloren hat. Wir schleppen zuviel unverdaute Werte der Ge­schichte, daher Nietzsches Klage:Wir haben keine Form mehr, wir tragen das Chaos der Ver­gangenheit in uns!"

Diese Form, dieseBildung" im wahrsten Sinne des Wortes, ist der künstlerische Stil aller Lebens- äußerungen eines Volkes. Der starke, ge­bildete Mensch entsteht nur aus einer straffen Organisation, aus der lebendigen Einheit von Volks­geist und Volksnatur. Nicht die mo­derne Gebildetheit, sondern das Wiederfinden unserer urgesunden Instinkte schassen die Bildung, der wir bedürfen, um diewahre Wahr­

heit" der Geschichte auszuwerten. Diese höhere Stileinheit des Lebens besteht in der Verschmelzung von Geist und Gefühl Er­kenntnis und Instinkt. Als nationaler Prophet hat Nietzsche klar ausgesprochen, daß nur die lebendige Einigkeit aller Kräfte Volk und Staat erneuern kann. Sein Mitleid für das ganze ^olk, sein Wunsch, es zum Höhenflug aufzurufen, verhallte ungehört in einer Zeit, die sich sicher glaubte.

Wir aber. fast am Ende der geschichtlichen Selbstbehauptung angelangt, sollen von nun an wieder dem erbärmlichen Kapitulieren vor den Tatsachen, dem verzagenden: So ist es! Das mutige: So soll es sein! entgegenhalten. Nietzsche gibt uns ein positives Glaubensbekenntnis. Kunst und Religion, in einem Urerlebnis reinen Menschentums erfühlt, müssen auf das Erlebnis des Heroischen, Tragischen bezogen werden: Der Mut zum Leiden und die Kraft zur Ueberwin­dung menschlicher Unzulänglichkeit ist das höchste aller Güter. Die Not der Seele, die den Men­schen ergreifen muß. wird ihn endlich zum dionysischen Leben führen. Das Dionysische ist kein Schwelgen im Lebensgenuß, keine Lebens­trunkenheit, sondern der Mut zum Schaffen, das inbrünstige Verlangen, den Glauben »n den höch­sten Sinn des Menschentums zu erringen und zu bewahren.

In Zarathstra erhebt Nietzsche das Leben zu einer im Dionysischen gesteigerten Vollendung.

R. L.