irr. L 60 AührLMS !933
«erlag, Schrlstteinmg und Geschäftsstelle- G<--7--„ a° .
der Schriftleitung: Äonlaa bis FcetaaiSkI^^ Sprechstunden Rolaad Nr, 625 628, Bankkonten: Die Slarkaste in Brem-k'«
monatl. RM. 2,30 einschließl Botenlokn
,erPreisum42Rvs.ZuLllgeld. DerBLSisistt^°^rL^ lnNcht^
VrerMT M^ttwsch. dM 27 ,, HsMembsr L 933 Emzelpress 1 Z Wg.
Anzeigen: hiesige die 14 gespaltene mm-Zeiie RM, 013, auswärts RM, 0.t7; im Texiteii RM 0,75, auswärts RM, 1,—; Stellengesuche RM 0,06: Aamitienanzeigen Siellena,igebole und Wohnungsinarkl RM, 008: sonstige kleine private Anzeigen bis zu 20 ma> bei Vorauszahlung söhne Rabatt) RM 0,08 Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit, Anzeigenschluß 16 llkr. Bei Betriebsstörung, Streik, Verba! u> s, w, Hai der Bezieher keinen Anspruch aus die Rückzahlung des Bszugspreisas-
öremerMoilM riaW/elr e Zeilmg
oaKÄMiuebe Organ des Serrclis der ^reieir IranfettiLöt BsZmen. ^
Äc.
HaeSSeks l^rcL T/eucatL im DMeeS««ci
Erste deutsche Schritte in Genf
Italiens Standpunkt nach wie vor: Abrüstung nur bei völliger Gleichberechtigung Deutschlands
Teuf, 26. September.
Gestern fand zwischen dem polnischen Außenminister Oberst Beck und dem Reichs- Minister des Auswärtigen, Freiherrn von Neurath, sowie dem Reichsminister fiir Dolksausklärung und Propaganda Dr. Goeb- bels eine Zusammenkunft statt, die Gelegenheit zu einer offenen Aussprache über die deutsch-polnischen Fragen bot.
Sodann hatten die beiden deutschen Reichs- Minister im Laufe des Nachmittags mit dem Chef des politischen Departements der schweizerischen Bundesregierung, Motta, eine Besprechung, in der ein freundschaftlicher Gedankenaustausch über all- geineinpolitisch« Fragen und über schwebende deutsch.schweizerische Angelegenheiten erfolgte.
Mussolinis Vertreter bei den deutschen ReichS- ministern
Barvn Aloisio, der Kabinettschef Mussolinis, besuchte in Begleitung von Staatssekretär Suvich den Reichsaußenminister, Fret- herrn von Neurath, um mit ihm die Ab- rüstungsfrage zu besprechen. Daran anschließend stattete Staatssekretär Suvich Reichsminister Dr. Goebbels einen Besuch ab.
Allgemeine politische Aussprache heute!
Sitzungen abgehalten. Dem politischen Ausschuß, in dem vor allem die Minderheiten behandelt werden, gehören in der Hauptsache die DelegationSsührer als Mitglieder an. Deutschland ist durch den Außenminister Freiherrn von Neurath, sowie durch Reichsminister Dr. Goebbels vertreten. Das Präsidium der Konferenz trat um 12 Uhr zusammen, um den Gang der Arbeiten sestzulegen.
Argentiniens Beitritt zum Völkerbund.
Buenos Air«-, 26. September.
Der argentinische Senat hat einstimmig den Beschluß gefaßt, den Beitrttt Argentiniens zum Völkerbund zu erklären. In der allgemeinen Aussprache hatte sich Senator Delatorre gegen eine Anerkennung des Bersailler Vertrages gewandt. Hinsichtlich des aus die Monroe-Doktrin bezüglichen Artikel» 2l des Bölkerbundspaktes wurde beiderAbstimmung ein Vorbehalt ausgesprochen. —
Ane Saar-Delegation ist eingetroffen.
Genf, 26. September.
Eine Delegation der Eaarbevölkernng ist in Genf eingetroffen, um die Verhandlungen der Bundesversammlung zu verfolgen. Der Delegation gehören außer den früheren Mitgliedern auch je ein Vertreter der NSDAP. und der Deutschnationalen Volkspartei des EaargebieteS an.
Deutsch-italienische Uebereinstimmung
Berlin, 26. Sept.
Der Beschluß der Völkerbundsversammlung, die dritte Kommission zur Behandlung der Abrüstungsfrage wie im Vorjahre nicht zu konstituieren, läßt alle Möglichkeiten zur Fortsetzung der nichtossiziel- len und informativen Besprechungen über dieses wichtigste Problem Genss und der internationalen Politik offen. Die Beteiligung Italiens an den durch die Pariser und Londoner Vorbesprechungen aktivierten Abrüstungsunterrcdungen ist vielfach dahin mißdeutet worden, als habe sich Italien in eine Einheitsfront gegen Deutschland eingereiht.
Schon die Tatsache, daß die italienische Press« bisher diesen ganz offenbar aus sranzösischer Quelle stammenden Gerüchten gegenüber sich unbedingte Zurückhaltung auferlegte, mutzt« als Beweis dafür gellen, daß eine solche Auslegung der Italienischen Politik völlig verfehlt ist. Liese sieht ihr Ziel vielmehr darin, den Viermächtcpakt in zweckmäßiger Weise in die Abrüstungsoerhandlungen einzuschalten.
Dieses auf den Grundsätzen der unbedingten Gleichberechtigung und der loyalen Zusammenarbeit aller Vertragspartner aufgebaute diplomatische Instrument hat sich, wie „Giornale de Jtalia" mit Recht betont, in jeder Hinsicht als äußerst
wertvoll erwiesen. Dr« Abrüstung kann wirksam nur gefördert werden, wenn dt« juristisch anerkannte Gleichberechtigung Deutschlands durch effektive Beweise der Verständigungsbereitschast der hochgerüfteten Staaten auch sachlich durchgeführt wird. In dem Bestreben, erneut um einen solchen tatsächlichen Beitrag zur Idee des Weltfriedens herum zu kommen, hat Frankreich die bisher geführten Besprechungen in dem Sinne aufgefaßt, daß eine Einheitsfront gegen Deutschland geschaffen werden müsse. Daß dies letztere nicht der Fall ist, ergibt sich aus der Haltung der übrigen Delegationen in Genf.
Kann schon vor irgendwelchen Sanktionen überhaupt keine Rede sein, so wird auch eine Kontrolle von den nichtsranzösischen Vertreten als durchaus richtig gehalten, wenn zunächst durch die Verwirklichung der Abrüstung ein kontrollierbarer Zustand geschaffen worden ist.
Aus dieser Basis hat Deutschland seinerzeit der Einrichtung einer internationalen Rüstungskontrolle zugestimmt. Wenn es unbeirrbar an dieser Auffassung festhält, so befindet es sich damit in erfreulicher Uebereinstimmung auch mit Italien, das die Kontrolle, die ,,Giornale de Jtalia" an gleicher Stelle betont, nur unter der Bedingung annimmt, daß sie für alle Länder in der gleichen Form und in der gleichen Funktion angewendet wird.
Das Präsidium der Völkerbundsversammlung hat gestern vormittag beschlossen, den Beginn der allge- meinen politischen Aussprache-, die für gestern nachmittag vorgesehen war, um einen Tag zu verschieben. Der Grund hierfür dürfte der sein, daß bis jetzt noch keine genügende Anzahl von Rednern sich zu Worte gemeldet hat. Heute nachmittag tritt die Politische Kommission zusammen, um sich mit der seit längerem geplanten Ratsresorm zu beschäftigen.
Reform -es Vstterbundrates
Gens, 26. September.
Ein Ausschuß des Völkerbundes beschäftigte sich mit der geplanten Ratsreform und beschloß, die Ratssitze zunächst vorläufig um einen zu erhöhen, um den Staaten, die nicht einer besonderen politischen oder geographischen Gruppe angehören, die Möglichkeit einer besseren Vertretung zu geben. Die Zustimmung des Völkerbundsrates und der Bundesversammlung ist erforderlich.
Konstituierung der fünf Arbeitsausschüsse.
Die fünf Arbeitsausschüsse der Völkerbundversammlung haben heute vormittag konstituierende
5. Zog im MOsZagsbeanöWeeprozch
^c>n unserem uae/r I-ei/rrirK enksancklen sH-ZkeckaktronsurikK/reck^
Lin RüekbUek
Leipzig, den 26. September.
Mit der Dienstag-Verhandlung war der 5. Verhandlungstag gegen die Reichstagsbrandstifter vor dem 4. Strafsenat des Reichsgerichts beendet. Wenn auch dies; fünf Sitzungstage erst einen kleinen Teil des Prozesses darstellen, so haben sie doch schon genügt, die systematische Zersetzungs- arbeit, die der Kommunismus nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt betreibt, aufzuklären. Daß eine solche Aufklärung bereits am Anfang des Prozesses geschehen konnte, ist das Werk des Berhandlungsführers, des Senatspräsidenten Dr. Banger, der durch seine Fragen an die Angeklagten, eine Heersäule der gesamten Weltrevolution, genau erforschte.
kleinen Mt aas LaiMM
Am 1. Oktober 1983 feiern wir, feiert ganz Deutschland den Erntedanktag. Wir begehen das Fest in diesem Jahre mit der frohen und festen Zuversicht eines Volkes, das wieder zurückgefunden hat, aus einer Zeit der Verirrung und sich dankerfüllt bewußt ist, daß der Weg wieder hinaufführt, weil ein ganzes Volk bereit ist, unter seinem Führer Adolf Hitler gemeinsam an dem großen Aufbau mitzuarbeiten. Das diesMrlge Erntedankfest ist daher nicht nur ein Ehrentag der Landbevölkerung.
Wir Städter haben längst erkennen müssen, daß unser Schicksal mit der der Landbevölkerung engststsns verbunden ist.
Darum feiern wir am 1. Oktober gemeinsam mit ihnen, voll des Dankes, daß wir erleben durften, wie sich ein Volk aus der Verzweiflung heraus wieder auf ferne besten Kräfte besann. Der Führer selbst wird anläßlich des großen Staatsaktes am Buckeberg bei Hameln zum deutschen Volke sprechen. Hameln wird der Samme Punkt Hunderttausender werden. Aber auch diejenigen, dre nicht dort weilen, werden durch den Rundfunk den Führer hören und teilhaben an diesem Festtag. Um aber auch äußerlich diesem Tag einen festlichen Charakter zu geben schmucken sich lung und alt in den Städten und Dörfern mit dem Festabzeichen „Zwei Aehren und Mohnblume .
Kein Haus. kein Pferd, kein Fahrzeug soll an diesem Tage ungeschmückt bleiben.
Jeder Ladrnmhabsr muß seine Schaufenster dem Tage entsprechend dekorieren.
So wird am 1. Oktober ganz Deutschland im Zeichen des Erntefestes stehen und Zeugnis davon ablegen, daß es zusammensteht und gewillt ist, Sorgen und Freuden gemeinsam -u traaen. Wir feiern dieses Fest nicht des Vergnügens willen, sondern weil wir wissen wie wichtig die Pflege dieser urdeutschen alten Volksbräuche für die Arter- h^altün a unl-res deutschen Volk es sind. Die Festabz-ichen gelangen m diesen Tagen zum Verkauf. Tausende von Arbeitern konnten bei der.Herstellung diesemAb- zeichen wochenlang beschäftigt werden. Ueberdies kommt ein Teil des Erlöses der Win-
ein Abzeichen für sich und weitere für die Ausschmückung seines Schaufen- st«i-<- Tnbrwerks oder Hauses kauft, bedenke, daß er dadurch auch den Volksgenossen bü t' I ^n diesem Iah^ nicht ernten konnten, denen aber der Segen des Ernte-
g,°b-r W-Im- «» d-- Winter,«,-W--K werden könn.
Bremen, 26. September 1933. Albert H o f f m a n n
Kreispropagandaleiter.
Man hat erfahren, wie in Moskau planmäßig einzeln« Kommunisten in besonders dafür eingerichteten Kursen mit den Verhältnissen des betreffenden Landes vertraut gemacht und auf Terror geschult wurden. Und drei heute auf der Anklagebank sitzende Kommunisten, die Bulgaren Dimi- troff, Taneff und Pop off, haben diese Schulung in Moskau durchgemacht.
Das ist das wirkliche Ergebnis des ersten Teiles der Verhandlung, daß diese drei Kommunisten, die führend 1923 an dem bewaffneten Aufstand in Bulgarien teilgenommen haben, aufs engste mit Moskau in Verbindung stehen und nach den von dort kommenden Anweisungen handelten. Ihnen ist jedes Mittel zur Ausbreitung ihrer Weltrevolution recht.
Das sind hier die Aufgaben ihres Lebens, und das steht fest: wenn sich ihnen wieder goldene Freiheit offenbaren würde, dann würden sie nicht ruhig und unpolitisch werden, sondern sofort wieder mit ihrer Wühlarbeit beginnen. Und aus diesem Grunde muß diesen Burschen, die in Berlin sämtlich unter falschem Namen gewohnt haben, zwei Wohnungen hatten und über Zweck und Ziel ihres Aufenthaltes keine ausreichenden Antworten geben können, ihr Handwerk gelegt werden.
Und da fitzt noch ein vierter Angeklagter auf der Bank. Er macht trotz seiner sprudelnden und temperamentvollen Einleitung bei seiner Vernehmung eigentlich den jämmerlichsten Eindruck. Seine Ausführungen haben das Gegenteil von dem bewirkt, was sie erreichen sollten, nämlich, daß Torgler einer der typischsten Parteibonzen ist, an denen die vergangene Zeit so reich war.
Heute wendet sich Torgler mit Entrüstung gegen die Reichstagsbrand st ister und ihre Tat.
Den wahren und unsauberen Charakter dieses Maulhelden kennenzulernen, müßen wir uns einige Jahre zurückversetzen in die Zeit, als Torgler noch wohlbestallter Diätsnschlucker war. In unzähligen Versammlungen und auf der Tribüne des Reichstages hat er die Weltrevolution gefordert, und daß in Deutschland der Anfang gemacht werden sollte. Er konnte sich gar nicht genug als Revolutionär aufspielen. Heute, wo es umseinenKopfgeht, da beginnt er seine Vernehmung mit einer temperamentvollen Unschuldsbeteuerung.
Aus seinen Aussagen geht hervor, daß er dann als ein Revolutionär plädierte, wenn sie hundertprozentig sicher erscheinen. Nun, da muß man schon fragen: ist Ernst Torgler ein bloßer Theoretiker der Revolution gewesen? Vielleicht hat er innerlich nie recht an seine Sache geglaubt. Aber da er nun einmal führendes Mitglied der kommunistischen Partei in Deutschland war, und die Politik als sein Geschäft betrachtete, mußte er zur Revolution auffordern. Alle» auf gut Deutsch: Ernst Torgier ist ein Lump, der heute, wo es hart auf hart geht, seine Gesinnung wechselt, der der friedlichste Mann auf der Erde ge- Wesen sein will, und zweifellos als der intel- lektuelleUrheberderkommunistischen Bluttaten und Terrorakte anzuspre» chen ist, bei denenversührte Arb«!Icr seiner Partei ihr Leben lassen mußten.
Er selbst hat sich jedoch, als draußen aus den Straßen und Gaffen der blutige Kampf tobte, im Hinterhalt gehalten und neue Terrorpläne geschmiedet. In der vordersten Linie — wir erinnern nur an den
Blutsonntag in Alton« — an die Unruhen in Hamburg und in allen anderen Gegenden Deutschlands — ist Ernst Torgler unseres Wissens nie zu finden gewesen. Und dadurch unterscheidet er sich von den Mitangeklagten Bulgaren, denen die Revolution Berufung ist, die er aber als Beruf und Geschäft auffaßt.
Der weitere Verlauf des Prozesses wird zeigen, ob Torgler den Mut aufbringt, sich zur Urheberschaft an den kommunistischen Umsturzplänen und am Brande des ReichstagSgebäudes offen zu bekennen, oder aber, ob er heute lieber als ein halber Held, als verbonzter Parteibeamter, als Verantwortungsloser gekennzeichnet sein will, der nur auf dem Papier großmäulig verkündet: „Nicht abwarten, sondern handeln!" und sich beim Angriff in die Etappe zurückzieht.
VerhaMungsbeMrr
Leipzig, 26. September.
Die heutige Verhandlung wird um ?L10 Uhr eröffnet. Der Angeklagte Dimitrosf erhebt sich und will eine Erklärung abgeben, worauf der Vorsitzende erwidert: Nein, jetzt noch nicht!
Der Vorsitzende gibt dann folgende Erklärung ab: „Die Vernehmung des Angeklagten van der Lubbe, die heute im Vordergrund stehen sollte, hat sich anders gestaltet, als die Voruntersuchung. Wie sich aus den Protokollen ergibt, die über seine früheren Aussagen geführt worden sind, hat er damals sehr präzise, deutlich und eindringlich gesprochen. Das ist heute anders geworden.
Er zeigt sich zurückhaltend, spricht undeutlich
und gibt manchmal widerspruchsvolle Antworten.
Der Sengt hat daher beschlossen, zu den weiteren Vernehmungen, soweit sie den Angeklagten van der Lubbe betreffen, allerdings noch nicht heute, die vernehmenden Personen zuzuziehen. Als solche kämen in erster Linie in Frage der Untersuchungsrichter, Reichsgerichtsrat Vogt, und einige Kriminalbeamte, die für morgen geladen werden sollen. Die Vernehmung wird dann so erfolgen, daß der Angeklagte allerdings wieder gefragt wird, daß aber im Anschluß daran, soweit es notwendig ist, gleich die früher vernehmenden Beamten gehört werden. Es ist damit nicht gesagt, daß etwa die Aussagen des Angeklagten van der Lubbe bedeutungslos werden, durchaus nicht. Gleichwohl scheint aber dem Senat für eine Feststellung des Tatbestandes doch die Aussage van der Lubbes in dieser Form nicht auszureichen.
Infolgedessen werden wir heute nur die vier einzelnen Brände, zwei im Rathaus, einer im Schloß und einer im Wohlfahrtsamt Nculölln verhandeln und dann die Verhandlung abbrechen, da die Umstellung des Verfahrens — denn um eine solche handelt es sich hierbei — auch noch gewisse Vorbereitungen notwendig macht.
(Fortsetzung aus Seite 3t
Zmsonbeßinri in Oenk
Gens, 26. September.
Die politische Hochsaison bat in Genf begonnen. Die diesjährige Vollversammlung des Völkerbundes bildet den Hintergrund und äußeren Rahmen für die politischen Verhandlungen der leitenden Staatsmänner der Großmächte. Einen unerwartet starken Austrieb von außen hat der langsam dahinsiechende Völkerbund plötzlich erhalten. Er hatdies Deutschland zu verdanken.
Die großen außenpolitischen Fragen der Gegenwart, Abrüstung, Minderheiten, die österreichische Frage, die internationalen Finanz- und Wirtschaftsprobleme, die Krisen- bekämpfung, neuerdings auch die Flüchtlingsfrage, werden jetzt an dieser großen modernen „Börse der Politik" ausgehandelt werden.
Wieder einmal steht Deutschland im Vordergrund des gesamten internationalen In« teresses. Der Regierungswechsel in Deutschland, das Hervortreten einer neuen gefestigten und zielbewußten deutschen Regierung, mußte unvermeidlich Rückwirkungen auf die internationale Politik hervorrufen.
Es ist selb st verständlich, daß das neue Deutschland im Genfer Völkerbund nicht mehr die bisherige nurgeduldete Rolle eines besiegten Volkes spielen kann. Deutschland als Großmacht tritt jetzt fordernd in die Arena d«r internationalen Politik.
Ueber den Ernst und die Größe der zu lösenden internationalen Fragen kann heute kein Zweifel mehr bestehen. Ueberall steht Deutschland einer Koalition von feindlichen Kräften gegenüber. Im Mittelpunkt der außerordentlich bedeutsamen Verhandlungen der nächsten Tage steht die Abrüstung-« frage. Eigens hierzu kommt der französische Ministerpräsident Daladier, die englischen und französischen Außenminister, sowie die der Kleinen Entente, der Kabinettschef Mussolinis und die verantwortlichen Kabinettsminister der neutralen Mächte nach Genf. Außerhalb der amtlichen Genfer Dölkerbunds- sttzungen, in den die reinen Völkerbundsprobleme behandelt werden, werden jetzt in den Hotelzimmern die entscheidenden Besprechungen über das weitere Schicksal der Abrüstungskonferenz stattfinden. Die Gegensätze auf dem Abrüstungsgebiet sind bekannt, haben sich jedoch in den allerletzten Wochen außerordentlich verschärft und vertieft.
Die französische Diplomatie treibt ein kühnes Spiel: Frankreich will die Abrüstungskonferenz endgültig sabotieren. Die französischen Forderungen sind nichts weiter als die endgültige Ab- leugnung der von den alliierten Großmächten in Versailles feierlich übernommenen Verpflichtungen zur Abrüstung.
Zu den zahlreichen in den nächsten Wochen in Genf zu behandelnden Fragen gehören weiter die fortlaufend den Völkerbund beschäftigenden MinLerheitenprobleme. Immer wieder liegen aus den verschiedensten deutschen Gebieten Minderheitenbeschwerden vor, die bisher nie eine genügende, sachlich gerechte Regelung gefunden haben.
Unter den Dcrnziger Fragen steht im Mittelpunkt die Neuernennung des Danziger V ö l k e r b u n d s k o m m i s- sars. Der bisherige, höchst verdienstvolle und allgemein anerkannte Völkerbundskommissar Rosting tritt am 15. Oktober zurück, um die Leitung der Minderheitenabteilung im Völkerbundssekretariat zu übernehmen.
Trotz der schon einjährigen Versuche ist es bisher noch immer nicht gelungen, eine geeignete Persönlichkeit für den Danziger Posten zu finden.
In den internationalen, vor allem englischen Diplomatenkreisen, zeigt sich noch offene Abneigung, die mit dem Danziger Posten verbundenen Schwierigkeiten auf sich zu nehmen. So sind alle bisher genannten Kandidaturen gescheitert. Es ist heute durchaus verständlich, daß Diplomaten von Rang keine Neigung verspüren, in diesem Wetterwinkel Osteuropas einen Posten anzutreten, dessen Dauerhaftigkeit hoch st zweifelhaft erscheint.
So steht eine Völkerbundstaflung in Genf bevor, die zweifellos an politischen Ereignissen, Verhandlungen von entscheidender Tragweite hinter den Kulissen und großen öffentlichen Debatten reich sein wird. Gleich zu Beginn der nächsten Woche findet die große alljährliche Generaldebatte statt, in der nach bisherigen Ankündigungen der französische Ministerpräsident in einer programmatischen Rede zu den Erklärungen des deutschen Außenministers vor der auswärtigen Presse Stellung nehmen will. Mit besonderer Spannung sieht man daher der deutschen Regierungserklärung entgegen, die Neurath vor den 54 Mitgliedsstaaten des Völkerbundes abgeben wird, und in der der grundsätzliche deutsche Standpunkt zu den großen internationalen Problemen und die Stellung des neuen Deutschland zu den auswärtigen Fragen behandelt werden soll. Zum ersten Male wird an der Genfer Völkerbundstagung der Reichspropagandaminister Dr. Goebbels teilnehmen.