Ausgabe 
(19.9.1933) Nr. 252
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 252 Jahrgang 1933

Verlag, Schriftleitmm und Geschäftsstelle: Teeren 88. der Schriftleitung: Montag bis Freitag 12 bis 13 llhr. Fernsprecher: k Bankkonten: Die Sparkasse in Bremen. Commerz.

L Privatbank, Deutsche Antioquiabank. Postscheckkonto: Hamburg 74738. - Dre BNA erschsrnt tSE morgens nur am Montag mittags und kostet ^inschliestl. Botenlohn, durch die Post bezogen erhöht sich »erPreisum42Rpf.Zustellgeld. Der Bezugspreis ist im voraM zu entrichten

Bremen, Dienstag, den 18. September 1933 Einrelprers 15 Pfg.

Anzeigen: hiesige die 14 gespaltene mm-Zeile SM. 013, auswärts RM. 0.17; im Textteil RM. 0.75, auswärts RM. 1.: Stellengesuche RM- 0.06; Familienanzsigen. Stellenangebote und Wohnungsmarkt RM. 008; sonstige kleine private Anzeigen bis zu 20 mw bei Vorauszahlung (ohne Rabatt) RM. 0.08. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Anzeigen« schlutz 16 Uhr. Bei Betriebsstörung, Streik, Verbot u- s. w. hat der Bezieher keinen Anspruch aus die Rückzahlung des Bezugspreises

virmerkatiomlfoMUW'lie Zeit»«-

Das AMMods Arcran. öss Gerrsls des Frererr MurteklLdL BikKMSN.

krsnkreick suckt einen 5ün6enbock

Der letzte Um die Rundfunk-Afsären eines Ausweg. verflossenen Regimes will es nicht still werden. Und es ist seltsam, wie auch jetzt wieder dem geheimnisvollen Ersetz von der Duplizität der Ereignisse entsprechend die Oeffentlichkeit in.zwiefacher Weiss an den Rat. tenkönig dunkler Machenschaften im weit verzweig­ten Apparat des früheren Rundfunkwesens erin- nert wird: während der Intendant des Westdeut­schen Rundfunks, Ernst Hardt, wegen Verdachts der fortgesetzten Untreue im Zusammenhang mit dem Berliner Korruptions-Skandal verhaftet wurde, hat sich der für alle diese Dinge Verant­wortliche, Direktor Knöpfte, im Sanatorium Waldfrieden in Verlin-Zehlendors erschossen.

Knöpfke. der seines Gesundheitszustandes wegen vorläufig dem Schicksal seiner Mitschuldigen, die im Konzentrationslager sitzen, entgangen war, ist nicht der einzige, der sich auf diese rein menschlich erschütternde Weise seinen irdischen Richtern ent­zieht. Vor ihm haben schon andere Männer und Frauen, die im gesellschaftlichen, politischen oder kulturellen Leben des verklungenen Systems eine Rolle gespielt haben, diese letzte Konsequenz ge­zogen.

Es wird auch im neuen Deutschland niemand geben, der über Tragödien solcher Art oberfläch­lichen Herzens unverhüllt seine Befriedigung äußert. So sehr aus der einen Seite der neue Staat aus rücksichtslose Ausmerzung von Korruption, Un­treue und Unlauterkeit innerhalb der Belange sei­nes öffentlichen Lebens bedacht sein muß, will er seinen Grundprinzipien nicht untreu werden so wird auf der anderen Seite denjenigen Exponen­ten des vergangenen Systems, die den Mut haben, sich selbst zum unerbittlichen Richter ihrer Verfeh­lungen zu machen, die rein menschliche Achtung ritterlicherweise nicht versagt werden können.

»

Upton Sineair Der Sozialismus marxistischer als Bürger? Herkunft übt keinerlei Anzie­

hungskraft mehr aus. In Scharen verlassen die enttäuschten Anhänger das sinkend« Schiff. Nicht nur in Deutschland in allen Kulturländern ist eine Krise über den Sozia­lismus hereingebrochen. Dichter und Schriftsteller, einst die Träger und leidenschaftlichsten Bekenne: des sozialistischen Gedankens, wenden sich anderen Göttern zu. In Deutschland waren es die Arbei­terdichter, wie Karl Bröger und Heinrich Lersch, die sich unter dem Eindruck der nationalen Revo­lution zu dem neuen Deutschland vor aller Oeffent- lichkert bekannten. Nun hat auch der berühmteste ..Arbeiterdichter" Amerikas seine engen Beziehun­gen zum Sozialismus gelöst. Upton Sinclair, dessen RomaneDer Sumpf" undPetroleum" in allen Weltsprachen verbreitet wurden, setzte seine Anhänger davon in Kenntnis, daß er demnächst als demokratischer Kandidat bei den Eouverneurs- wahlen in Kalifornien auftreten werde. Einst führte die amerikanische Oeffentlichkeit einen rück­sichtslosen Kampf gegen den Sozialisten Upton Sinclair. Die Art, wie der Dichter Mangel in der amerikanischen Zivilisation aufdeckte, erregte un­ter den stolzen Bankers Befremden. An den ame­rikanischen Selfemademens lag es wirklich nicht, daß sich Upton Sinclair trotz allen Anfeindungen durchsetzte. Welche Enttäuschungen muß Upton Sinclair erlebt haben, daß er wieder heim fand zu der viel gelästerten bürgerlichen Kultur Ame­rikas !

*

Die deutsche Ostoberschlesien ist das Fahne weht! Schmerzenskind des polnischen Staates. Alle Unterdrückungs­versuche haben es nicht vermocht, das Deutschtum in Ostoberschlesien zurückzudrängen. Im Gegen­teil die deutschen Lehranstalten im polnischen Oberschlesien wachsen, blühen und gedeihen. Die Neuanmeldungen bei den deutschen Schulen über­treffen bei weitem die Zahl der am Ende des Schuljahres abgehenden Schüler. Es gibt in der polnischen Wojewodschaft Schlesien gegenwärtig 62 öffentliche deutsche Minderhe'itenschulen mit insgesamt 16 400 Schülern. Dazu kommen aber noch zwanzig deutsche Privatanstalten mit 3700 Schülern. Zwischen den öffentlichen Schulen und den Privatschulen bestehen tiefgreifende Unter­schiede. Wirklichen Einfluß übt der Deutsche Schul- verein nur auf die Privatschulen aus. Darum stehen gerade die deutschen Privatschulen seit Jahr und Tag im Vordergrund der polnischen Kultur­propaganda. Die Deutschen lassen sich aber dadurch keineswegs einschüchtern. Bis zum Ablauf des Jahres 1834 werden weitere sieben deutsche Pri­vatschulen fertiggestellt kein. Das Deutschtum im polnischen Oberschlesien hält also glücklicherweise den gefährlichen Stürmen der Zeit stand. Heimat­sprache und Heimatkuliur gehören zu den unver­äußerlichen Besitztümern jedes Deutschen jenseits der Grenze.

Die erste Sitzirmr des Generairates der Wirtschaft

Berlin, 18. September

Wie wir von zuständiger Stelle erfahren, ist der Generalrat der Wirtschaft vom Herrn Reichskanz­ler auf Mittwoch, den 20. September, zu seiner er­sten Sitzung eingeladen worden. Die Sitzung wird sich über den ganzen Tag erstrecken und allgemein wirtschaftspolitische Fragen behandeln. Es ist die erste Sitzung, die diese beratende Körperschaft ab­hält. deren Aufgabe es bekanntlich ist, bei der Vor­bereitung wirtschaftlicher Maßnahmen mitzuwir­ken. Die Verhandlungen sind nicht öffentlich und finden in der Reichskanzlei statt.

Saris - ein Fiasko?

Vav!-V»nlo«r will nicht abrüsten, aber Sanktionsmögtichketten gegen Deutschland

Die Barster Besprechungen

Paris, 18. September.

Die heute in Paris beginnenden englisch-sranzösi- fchcn Abrüstungsbcsprechungen finden in hiesigen politischen Kreisen großes Interesse. Die Bedeutung dieser Besprechungen liegt in erster Linie darin, daß in ihnen klargestellt werden muß, ob Frankreich nun endlich bereit ist, den Macdonald-Plan, der von der Abrüstungskonferenz vor der Vertagung als Ver- handl-rngsgrundlage angenommen worden ist, nun­mehr auch tatsächlich anzunehmen. Wenn man die französische Presse verfolgt, so muß allerdings der Be. sürchtung Ausdruck gegeben werden, daß die Nei­gung in Frankreich dazu nicht sehr groß ist.

Bezeichnend ist, wie man auch in England die Situation beurteilt. DerObserver" weist darauf hin,

daß die Aussichten für eine Wiederaufnahme der Besprechungen über den Mac-Donald-Plan sich noch mehr verschlechtert haben.

Eden sei offiziell benachrichtigt worden, daß Paul. Boncours Hauptinteresse darin besteht, die Verant­wortung für einen Konferenzzusammenbruch auf andere Schultern als die Frankreichs abzuwälzen.

Demgegenüber muß der deutsche Standpunkt im­mer wieder zum Ausdruck gebracht werden, daß die Abrüstungskonferenz jetzt endlich zu wirklichen- stungseinschränkungen kommen muß.

Es ist die Ausgabe der gegenwärtigen Pariser Be­sprechungen, dafür zu sorgen, daß das Grundpro­blem der Herabsetzung der Rüstungen bet den hoch­gerüsteten Staaten nun endlich in Angriff genom­men wird. AIS Voraussetzung dazu dient zunächst einmal die Anerkennung des Macdonald-Plans durch Frankreich.

Abreise HendeesonS und Hormon Vavis' nach Baris

London, 18. September.

Premierminister Macdonald hatte heute mit dem amerikanischen Delegierten für Genf, Norman Dachs, eine lange Unterredung über die Abrüstungskonfe­renz. Anschließend reisten Henderson-und Davis nach Paris ab zur Teilnahme an den dort stattfindenden vorbereitenden Besprechungen mit den französischen Ministern. Von Paris aus werden sich die Staats­männer nach Genf begeben.

Der Anstatt in Baris

Paris, 18. September.

Die englisch-französischen Besprechungen über die Abrüstungsfrage haben heute vormittag 11 Uhr im Arbeitszimmer des Außenministers Paul-Boncour begonnen. Von französischer Seite nehmen außer dem Außenminister selbst der Generalsekretär am Quai d'Orsay Leger, der Direktor der Völkerbunds­abteilung Massigst und der Generalsekretär der fran­zösischen Abrüstungsdelegation Jean Paul-Boncour teil. England ist vertreten durch den Unterstaats- sekretär Eden und englischen Delegierten Gens Cado- gan. Die Besprechungen hatten heute vormittag vorläufig einen allgemeinen Charakter; heute nach-, mittag sollen die Einzelheiten besprochen werden.

Havas behauptet, daß im Vordergrund die Bespre­chungen über die Kontrolle stehen. Die englischen Delegierten haben ihre Abreise nach Genf auf Diens­tag abend.festgesetzt. Man nimmt an, daß morgen eine gemeinsame Besprechung zwischen dem engli- schen, französischen und amerikanischen Vertreter stattfinden wird.

Im Anschluß an die heutigen Vormittagsbespre­chungen fand beim Ministerpräsidenten Daladier ein Frühstück-statt, an dem auch der ungarische Außen­minister Kanya teilnahm, der heute vormittag vom Präsidenten der Republik empfangen wurde und heute abend Paris wieder verläßt.

In französischen Kreisen scheint man der bevor­stehenden Ankunft des polnischen Außenministers Beck, der am Mittwoch zu seinem ersten offiziellen Besuch hier eintreffen und anschließend direkt nach Genf reisen wird, eine gewisse Bedeutung beizu­legen.

Die LMürche VeLSauibseuvs

Paris, 18. September.

Don amtlicher französischer Seite wird am Montag nachmittag über die englisch-französischen Besprechungen folgende Verlautbarung veröffent­licht:

Ministerpräsident Daladier und Außenminister Paul Boncour haben am Montag den englischen' Botschafter in Paris, Lord Tyrrell und den.stän­digen Vertreter Englands auf der Abrüstungskon­ferenz, Unterstaatssekretär Eden, empfangen. Die Unterredung, die von 11 bis 13 und von 15 bis 16.30 Uhr dauerte, galt der Prüfung der Lage so, wie sie sich vor der Wiederaufnahme der Arbeiten der Abrüstungskonferenz darstellt. Im Laufe- des Meinungsaustausches, der im Geist des gegenseiti­gen Vertrauens stattfand, haben die Vertreter der beiden Länder die Auffassung ihrer Regierungen über die verschiedenen Fragen bekanntgegeben snit

dem Wunsche, eine Annäherung der beiderseitigen Thesen herbeizuführen. Die englischen Vertreter werden ihrer Regierung das Ergebnis der Unter­redung mitteilen. Eine neue Zusammenkunft wird in aller Kürze stattfinden."

In Kreisen, die dem Quai d'Orsey nahestehen, glaubt man, daß Unterstaatssekretär Eden zunächst sich lediglich unterrichten wolle und zu Verhand­lungen nicht berechtigt sei. Hieraus erkläre sich auch die in der amtlichen Verlautbarung hervor­gehobene Tatsache, daß er vor der Wetterführung des Meinungsaustausches seiner Regierung Be­richt erstatten werde.

Im Verlause der Aussprache soll Paul-Voncour den Standpunkt Frankreichs ausführlich dargelegt und vor allem daraus hingewiesen haben, daß die französische Regierung unter den gegenwärtigen Umständen nicht an eine sofortige Abrüstung den­ken könne.

Paris soir" glaubt aber zu wissen, daß sich Paul Boncour bereit erklärt habe, einem gestaf­felten Abrüstungsprogramm zuzustimmen, das in Genf ausgearbeitet werden könne. Voraussetzung für dieses Zugeständnis sei jedoch die Durchfüh­rung einer automatischen und mit Sanktionen verbundenen Kontrolle, deren Wirksamkeit ei­nige Jahreerprobt und deren Ergebnis als befriedigend erachtet werden Müsse (!!). Gerade über die Durchführung dieser Kontrolle bestehen aber Meinungsverschiedenheiten zwischen England und Frankreich.

Norman Davis erklärte vor seiner Abreise aus London, daß man keinepositiven Ergebnisse vor der Beendignng des Meinungsaustausches zwischen den verschiedenen Regierungen erhoffen dürfe und daß dieser Meinungsaustausch bis zum Vorabend der Konferenz, das heißt, bis zum 1S. Oktober, ausgedehnt werde.

Auch Henderson äußerte sich optimistisch und be­hauptete, daß die Lage feit der letzten Abrüstungs­konferenz viel gespannter geworden sei. Er hoffe aber dennoch, daß sich schließlich alle von der Nütz­lichkeit der Abrüstungskonferenz überzeugen ließen.

In französischen politischen Kreisen hält man es für wahrscheinlich, daß Paul Boncour am Don­nerstag abend zusammen mit dem polnischen Au­ßenminister die Reise nach Genf antreten wird. Es bestätigt sich ferner, daß auch Daladier an den ersten Sitzungen des Völkerbundes teilnimmt, wo er persönlich das Wort ergreifen wird.

Ein Saves-Commimique

Paris, 18. September

In einem Hcwas-Bericht über den Verlauf der Verhandlungen des englischen und französischen Vertreters über die Abrüstung wird gesagt, daß in zahlreichen Punkten noch Meinungsverschieden­heiten bestehen. Nach Havas bestätigt es sich, daß der Unterstaatssekretär Eden und wahrscheinlich auch Norman Doms sich zu einer Fühlungnahme mit der italienischen Regierung unmittelbar von Paris nach Rom begeben werden.

FmmöWche und enMche Vrestestimmen

Daß die Gegensätze zwischen dem ab- rüstungsfeindlichen Frankreich und dem an einem positiven Abschluß der Konferenz inter­essierten England nicht leicht zu überbrücken sein werden, haben schon in den letzten Wochen die Auseinandersetzungen zwischen der englischen und der französischen Presse gezeigt. Während in England gerade in den letzten Tagen mit Entschiedenheit betont wird, daß die von Frankreich geförderte Kon­trolle allgemein durchgeführt und von einer sofortigen Begrenzung und einer festen Ver­pflichtung zur späteren Herabsetzung der Rüstungen begleitet sein müsse, wiederholt die offiziöse französische Presse heute in aus­führlicher Form die alten Garantieforderun­gen.

DerExcelsior" erklärt, mehr denn je habe die französische Regierung allen G.und, jede etwaige Herabsetzung ihrer Veriei- digungsmiiiel von der Wirksamkeit einer ib'l angebotenen internaionalen Garantie ab­hängig zu machen. Die Mindest-Garantie bestehe in folgendem: 1. in der Vereinheit­lichung der Ärmeethpen auf der Grundlage einer Miliz mit kurzfristiger Dienstzeit unter Ausschluß aller halbmilitärischen Verbände, 2. in der Schaffung einer internationalen, automatischen, ständigen, an Ort unv Stelle durchzuführenden Kontrolle, die Sanktionen vorsieht und sich sowohl aus den Ankauftwie die Herstellung von Kriegsmaterial, sowie die angemeldeten oder geheimen Wassenlager erstreckt, 3. in der Annahme einer vier- oder fünfjährigen Probezeit durch alle Staarcv, die die Feststellung ermöglicht, daß die in Frage kommenden Kontrollen regelmäßig und wirksam funktonieren. Das Blatt glaubt, daß dieses Programm den Prüfstein für den guten Willen der anderen Regierungen bil­den werde. Es spricht von der besonderen psychologischen Lage Frankreichs", das von Deutschland nur durch den Rhein getrennt sei.

In dieser Lage könnte keine Regie­rung ihre nationale Verteidigung abbauen, nachdem 81 VÜV Führer von Sturmverbänden aufmarschiert seien, die als Gruppenführer von mehr als zwei Millionen Mann in Frage kommen.

Nichts werde Frankreich von seiner ständigen Politik der Eintracht abbringen können, die man mit Unrecht in Berlin als Einkreisangs- politik betrachtet. Die französische Regie­rung-sei nach wie vor bereit, auf politischem wie aus wirtschaftlichem Gebiet mit Deutsch­land bei Gleichheit der Rechte zusammenzu­arbeiten.

Aber es wäre unvernünftig von ihm, eine einseitige Abrüstung gegenüber einem Deutschland zu fordern, dessen moralische und materielle (?!) Aus­rüstung offen zu Tage trete (!!).

Diese Ausführungen des-offiziösen frän-- zösischen Blattes sind vor allem an die Adresse Englands gerichtet das von den

versöhnlichen und friedlichen Absichten Frank­reichs überzeugt werden soll. In Wirklich­keit ist der naive Egoismus Frankreichs, das an seinen Rüstungen nichts ändern und nur die entwaffneten Länder einer neuen schika­nösen Kontrolle unterwerfen möchte, unver­ändert geblieben. Von den Abrüstungs­maßnahmen, die Frankreich bei Erfüllung sei­ner überspitzten Forderungen vornehmen würde, ist bezeichnender Weise auch jetzt mit keinem Wort die Rede.

EnMOöN VeMmismus

London, 18. September.

Zum heutigen Beginn der Pariser Ab­rüstungsbesprechungen bringen die meisten Blätter Meldungen ihrer Pariser Korrespon­denten über die französische Haltung, wie sie nach den Aeußerungen der französischen Presse erscheint. Der Pariser Times- Korrespondent sagt, an eine umfassende Verständigung werdeangesichts der Er­eignisse in Deutschland" nicht mehr gedacht. Es werde gehofft, daß eine deutliche Auf­klärung über die britische Politik es ermög­lichen werde, Deutschlandein festes Ange­bot" zu machen. Die französische Politik sei beherrscht von der Furcht vor einem plötz- ! lichen Angriff. Daß Großbritannien kein bindendes Versprechen betreffs Intervention oder Unterstützung geben könne, wisse man gut; aber man halte bei der Lage engste Zu­sammenarbeit zwischen beiden Ländern für unentbehrlich, da Frankreich, wenn es allein zu handeln gezwungen wäre, eine ganz an­dere Haltung einnehmen würde.

Der mehr oder weniger im französischen Fahrwasser schwimmende Korrespondent der M o rnin gp o st" hält eine Ueberbrückung der Kluft zwischen dem französischen und dem englischen Standpunkt kaum für denkbar und sagt, wenn von Frankreich, entsprechend dem italienischen Wunsch, eine sofortige Rüstungs- Verminderung verlangt werde, und wenn Frankreich innerhalb des V'iermächtepaktes in die Minderheit gerate, so würde die fran­zösische Regierung andere Mächte zur Un­terstützung ausrufen; sie würde dann Polen, die Kleine Entente und Sowjetruhland, viel­leicht auch noch die skandinavischen Länder und Japan auf ihrer Seite haben.

Der Rede des Freiherrn von Neurath widmet News Ehroiricle" einen Leitartikel, in dem das liberale Blatt diezornige Zurückweisung" der Behauptung, daß Deutschland aufrüste oder kriegslustig" sei, als hoffnungsvolle Einleitung des Versuchs, die Abrüstungskonferenz zu retten, bezeichnet,vorausgesetzt, daß sie in der deutschen Politik in Genf zum Ausdruck kommt". Ferner sagt das Blatt, mit seinen kritischen Aeußerungen über die Verwände und Ausflüchte, mit denen die schwer bewaffneten Staaten sich der eigenen Abrüstung zu entziehen suchten, stehe Freiherr von Ncürath.auf sehr festem Grunde. Sein Verlangen nach gleichen Verteidigungsmitteln für Deutsch­land, wie. sie andere Mächte besitzen, sei auch keineswegs. unberechtigt oder unvernünftig. Es würde sogar unwiderstehlich sein, wenn es von einem wahrhaft friedfertigen Deutschland käme.

LausriislanZ au! lesteu kükou

Von llrvio Tkolli»»

Berlin, 19. September.

Der deutsche Bauer kann wieder festen Boden unter den Füßen fühlen. Die deutsche Land­wirtschaft wird in Zukunft aus der freien Markt­wirtschaft ausscheiden. Keine Börse wird mehr den Preis für landwirtschaftliche Produkte be­stimmen. Keine geschickt spekulierende Hand wird mehr die Getreidepreise zu Boden drücken oder nach oben schnellen lassen können. Nicht mehr der Preis wird es sein, der Angebot und Nachfrage ausgleicht, Erzeugung und Absatz in Uebereinstimmung bringt, sondern der Staat. Das ist der Sinn der neuen Agrarge- setze, die dem Reichsernährungsminister die Ermächtigung geben, die deutsche Ernährungs­wirtschaft auf eine völlig neue Grundlage zu stellen.

Der nationalsozialistische Staat räumt der Landwirtschaft und insbesondere dem Bauern­stand, wie bekannt, eine Sonderstellung ein. Wie ein Volk sich eine Armee halle, erklärte Reichs­ernährungsminister Darre in einer seiner letz­ten Reden, müsse es auch seinen Bauernstand schützen und fördern, ohne Rücksicht auf rein­wirtschaftliche Erwägungen. Die Agrarpolitik früherer Regierungen kannte diesen Standpunkt nicht; für sie war die Landwirtschaft ein Wirt­schaftszweig wie irgendein anderer. Entweder fehlte überhaupt das Gefühl für die Verbunden­heit des Volkes mit der Scholle, oder es herrsch­ten rein kapitalistische Ansichten vor. Der Not­wendigkeit, der Landwirtschaft zu helfen, war man sich wohl bewußt, ausrein wirtschaftlichen Erwägungen" heraus, aber man half mit den Mitteln, die man bei andern Objekten anzuwen­den gewohnt war: Mit Subventionen (an den einzelnen Landwirt) und mit Interventionen (an den Produktenbörsen). Die Mittel, die jeden industriellen Wirtschaftszweig über kritische Pe­rioden hinweggebracht hätten, erwiesen sich jedoch bei der Landwirtschaft als wirkungslos, die Landwirtschaft ist eben keine Industrie.

Die Herausnahme der Landwirtschaft aus der freieü Marktwirtschaft, der Ersatz aller Palliati­ven Hilfsmaßnahmen durch eine souveräne Er- zeugungs- und Verteilungsregelung ist in der deutschen Agrarpolitik etwas völlig Neues. Das Wesentliche ist, daß die Preisbildung für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse vom Markt un­abhängig gemacht werden soll. Dies geschieht (Paragraph 2 des Gesetzes über den vorläufigen Aufbau des Reichsnährstandes und über Maß­nahmen zur Markt- und Preisregelung für land­wirtschaftliche Erzeugnisse) dadurch, daß der Reichsernährungsminister die zum Reichsnähr­stand gehörenden Erzeugungs-, Verteilungs­und Verarbeitungsberufe ermächtigen kann, die Erzeugung, den Absatz, die Preise und Preis­spannen von landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu regeln; zu diesem Zweck können die in Frage kommenden Berufe oder Berufsgruppen vom Reichsnährungsminister zusammengeschlossen werden.

In dem Gesetz kehren mehrmals die Worte wieder:. . . wenn dies unter Würdigung, der Belange der G.esamüv irisch äst und des Ge­meinwohls geboten erscheint". Es wird sich also sowohl für die Regierung wie für die Organisation des Reichsnährstandes darum handeln, dem Landwirt einmal aus­kömmliche, feste Preise zu sichern, anderer­seits dafür sorgen, daß der Konsument nicht durch die Preise für landwirtschaftliche Er­zeugnisse überlastet wird. Die Lösung dieses Problems wird nicht ganz einfach sein und an das Verantwortungsbewußtsein des Reichs­nährstandes gegenüber dem eigenen Stand wie gegenüber der Gesamtheit erhebliche An­forderungen stellen. Die Dinge liegen über­dies heute so, daß der auskömmliche Preis für den Landwirt nicht lediglich durch die direkten und indirekten Kosten der Produktton bestimmt wird, sondern bekanntlich auch durch die ungeheuren Schuldenlasten der Landwirt­schaft, durch die Sozial- und Steuerlasten usw. Der Spielraum zwischen dem auskömm­lichen Preis und den Interessen der Gesamt­heit ist also zunächst noch ziemlich eng. Aller­dings kann man damit rechnen, daß die Frage der landwirtschaftlichen Lasten sehr bald gelöst! wird.

Die Regelung der Erzeugung (ParaGraph 3 des Aufbaugesetzes) ist in der Landwirtschaft naturgemäß erheblich schwieriger als in der In­dustrie. Ein industrielles Kartell oder Syndikat kann seine Produktion in einem ziemlich weitem Ausmaß regeln; es kann Wohl Differenzen bei der Quotenverteilung geben, aber keine techni­schen Schwierigkeiten. Die landwirtschaftliche Er­zeugung ist dagegen zu einem großen Teil von nnvorhersehbaren Faktoren abhängig (regionale Mißernten, Ernteschäden usw.); die Beschrän­kung oder Ausweitung der Anbaufläche allein macht es nicht. Nach oben hin läßt sich immer­hin, wenn auch nicht in jedem Fall die Produk­tion, so doch die Verteilung regeln, das heißt be­schränken, und zwar in der Form, daß bei einetz über den Bedarf hinausgehenden Erzeugung dem einzelnen Landwirt nur der für die Bedarfs­deckung erforderliche prozentuale Anteil seiner Ernte abgenommen wird. Die Herausnahme der Landwirtschaft aus dem freien Markt bedeu­tet also für >den Landwirt auch den Verzicht aus