Ausgabe 
(16.1.1934) Nr. 15
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

Erscheinen RM. 2.30 einschließlich 30 Rps ZusteNungsgebühr; durch die Post RM^.30cinschlleßllchUe5erwe,s>ingsgebichrau8schl Postbestellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu entricht ^N. Postscheck Hamburg 172 72. Betriebsstörungen begründen keinen Anspruch auf Erstattung oder Ersatz

Bremer Zerrung, Verlagsgesellschaft m. b. H., Eeeren 6 bis 8 / Fernruf: Sammelnummer Roland 623.

Nr. 12 / i. Vierteljahr

19 3 4

Anzeigen-Grundpreise: Je mw-Zeile im Anzeigenteil (15 Spalten- 12 Rps. im Textteil (5 Spalten, 7b Rpst Ermäßigte Grundpreise (für Stellengesuche. Familienanzeigen. kleme Anzeigen Vermnsm.tteilung^ u, °.) sowie sonstige Bedingungen laut Preisliste. Für Anzeigen durch Fernsprecher keine Gewahr. Annahmeschiuß 16 Uhr. Sprechzeit des Verlages werktäglich von 1213 Uhr, der Schristteitung werktäglich von 16-17 Uhr.

Dienstag, den 16. Januar

Einzelpreis is Nps.

Zm Schatten des Abwesenden"

Frankreich bittet Deutschland an den Ratstisch

Gerüchte um Rußlands Genfer Volitik / Erneute Vertagung derAbrüstungs' -Konferenz?

ckvb. Genf, 18. Januar.

Die heutige öffentliche Sitzung des Völker­bundsrates, unter Vorsitz des polnischen Außenministers Beck, dauerte weniger als

zehn Minuten. Von Interesse war ledig­

lich der Nachruf des Ratspräsidenten für den verstorbenen langjährigen Vertre­ter Italiens im Völkerbund, Scialoja, der einer der Vertreter des Völkerbundspaktes ist. Nach Ver­lesung einiger Berichte von geringer Bedeutung wurde die Ratstagung geschlossen. Am Dienstag finden nur Sitzungen der Ratsausschüsse statt. Die nächste Sitzung des Rates selbst ist auf Mittwoch vormittag festgesetzt.

Der Danziger Senatsprästdent Dr. Rauschning wird gleichfalls an den Verhandlungen des Völ­kerbundsrates teilnehmen. Es handelt sich in erster Linie um eine Entscheidung des Rates über ge­wisse die, Verfassung Danzigs berührende Fra­gen, die von dem früheren Völkerbundskommissar Rosting noch erbeten worden ist.

Das Völkerbundssekretariat gibt folgendes Communiguö bekannt:Der Rat hat im Ver­lauf seiner Geheimsitzung heute vormittag be­schlossen, der deutschen Regierung durch Vermitt­lung des deutschen Konsuls in Genf folgenden Auszug aus dem Protokoll seiner heutigen Sitzung zu übermitteln, der sich mit der Be­sprechung des Punktes 26 seiner Tagesordnung besaht: Saargebiet, vorbereitende Maßnahmen,

die i.m Hinblick auf die Volksabstimmung zu treffen sind:

Massigli erinnert daran, dah unter Nummer 26 der Tagesordnung die Frage der vorbereitenden Maßnahmen für die S a ar a bst i m m u n g ent­halten ist. Aus Gründen, für die der Rat nicht ver­antwortlich ist, bleibt der Sitz des deutschen Dele­gierten im Rat in diesem Augenblick leer. Da Deutschland noch für zwei Jahre Mitglied des Völkerbundes und Mitglied des Völkerbundsrates ist, sendet das Sekretariat die Dokumente, die den Rat betreffen, nach Berlin. Die deutsche Regie­rung ist also darüber unterrichtet, daß diese Dis­kussion über die Volksabstimmung im Saargebiet vor dem Rat stattfinden wird. Die franzö­sische Regierung, in Berücksichtigung der Bedeutung, die sie den späteren Erwägungen über diese Frage beimißt, hätte lebhaft gewünscht, daß die deutsche Regierung ihre Aufmerksamkeit aus­drücklich auf die Tatsache gerichtet hätte, daß die Debatte über diesen Punkt während dieser Rats­tagung stattfinden wird.

Aus Gründen der Loyalität und des fair play, welche die Mitglieder des Rats ohne Zweifel billigen werden, wünscht die französische Regie­rung, daß die Aufmerksamkeit der deutschen Re­gierung auf diesen Punkt der Tagesordnung ge­lenkt wird und daß, da die Diskussion über die­sen Punkt 26 der Tagesordnung erst in den letzten Tagen der Tagung stattfinden wird, der deutschen

Regierung, wenn sie es wünschen sollte, in jedem Fall noch Zeit bleibt, sich hier vertreten zu lassen.

Der Präsident schlägt vor, die Erklärung des Vertreters Frankreich in das Sitzungsprotokoll aufzunehmen und dieses durch den Generalsekretär der deutschen Regierung übermitteln zu lassen. Gleichzeitig schlägt er vor, die Diskussion über diesen Punkt bis zum Ende der Woche zu ver­tagen.

Baron Aloist schlägt vor, ein Telegramm nach Berlin zu schicken und den Tag der Debatte fest­zusetzen, sobald die deutsche Antwort im Sekre­tariat eingegangen sein wird.

Der Präsident ist der Meinung, daß man das Datum der Debatte unter Vorbehalt auf das Ende dieser Woche festsetzen und unter Umständen ab-

änb. Saarbrücken, 15. Januar.

Die Fraktion Deutsche Front des Landrates des Saargebietes richtet an den Völkerbundsrat eine Denkschrift. Einleitend wird festgestellt, daß die Antwort der Regierungskommission auf die Denk­schrift der Deutschen Front vom 19. Dezember 1933 an den Völkerbundsrat eine solche Fülle von ent­stellenden Ungenauigkeiten und Un­richtigkeiten enthält, daß sie der Deutschen Front nochmals Veranlassung zur Aeußerung und zu der Bitte gibt, der Rat möge eine eingehende Untersuchung der verschiedenen Vorfälle vornehmen lassen. Das Schreiben der Deutschen Front geht dann zunächst näher auf mehrere Grenz- zwischenfälle ein, die eindeutig llebergriffe französischer Beamte zeigten.

Vergleiche man das Verhalten der Regierungs­kommission mit ihrem Verhalten bei Grenzver­letzungen an der deutsch-saarländischen Grenze so bestehe der Unterschied darin, daß alles, was an der französischen Grenze geschehe, totgeschwiegen werde, während in einem Vorfall an der deutsch- saarländischen Grenze die Negierungskommission die ihr notwendig erschienenen Schritte getan habe. Dies sei ein weiterer Beweis für die einseitige Stellungnahme gegenüber dem nationalsozialisti­schem Deutschland.

Die Denkschrift der Deutschen Front beschäftigt sich auch eingehend mit den Darstellungen der Regierungskommission über s o zi a l i st i s ch e u n d kommunistischeVersammlungen, die den Tatsachen durchaus nicht gerecht würden. Weiter wird auf die von der Regierungskommission er­wähnten Neunkirchener Vorfälle eingegangen. Rock- ehe die Regierungskommission ihre Erwiderung auf die Beschwerdeschrift veröffentlichte, habe der Landesführer der NSDAP-Saargebiet den verant-

ändern kann, sobald die deutsche Antwort einge­troffen ist. Die Vorschläge des Präsidenten wer­den angenommen.

EP. Gens, 15. Januar.

Ein Teil der Genfer Presse bringt die sensationell aufgemachte Nachricht, daß Sowjetrußland dem­nächst in den Völkerbund eintreten werde. Herriot, der nach seiner Rückkehr aus Rußland in Frank­reich zum Völkerbundsdelegierten ernannt worden sei, habe zwischen der russischen und der französi­schen Regierung sowie zwischen Rußland und dem Völkerbund den Vermittler gespielt.

Einer der stärksten Völkerbundsverteidiger in der französischen Presse, Saint-Brice, schreibt

wörtlichen Kreisleiter von Neunkirchen-Ottweiler seines Amtes enthoben. Ausdrücklich müsse noch­mals betont werden, daß es dem Landesfiihrer der NSDAP-Saargebiet und der Deutschen Front so­wie der gesamten deutschen Saarbevölkerung mit der Einhaltung der Gesetze und der Wahrung strengster Disziplin im Interesse der lega­len Rückgliederung des Saargebietes zum Reich bitter ernst sei. Die Verantwortung für vereinzelte Disziplinlosigkeiten treffe den Präsidenten der Re­gierungskommission, da er alles, auch die geschlosse­nen Mitgliederversammlungen verboten habe, während Versammlungen der frankophilen Auto- nomisten und Separatisten erlaubt seien. Darin liege eine Begünstigung zum Nachteil der fast die Eesamtbeoölkerung umfassenden Saardeutschen, die zu ihrem Vaterland zurück wollen. Die Denkschrift geht dann auf die Ermordung des Hitler-Jungen Melzer und des Nationalsozialisten Hemmer ein. In beiden Fällen habe die Regierungskommission versucht, die Bedeutung abzuschwächen.

In jeder Betonung der Volksgemein­schaft der deutschen Bevölkerung an der Saar sehe die Regierungskommission einen Angriff auf sich, statt die Bevölkerung verständnisvoll so zu regieren, wie sie ist und stets war, als deutsche Bevölkerung, die heim zum Mutterland will. Es dürfte der Regierungskommission nicht unbekannt sein, daß fast alle Terrorakte von Käm­mn nisten und Sozialisten sowie von Autonomisten und Separatisten be­gangen würden, während Nationalsozialisten meist nur wegen angeblichen Tragens von Uni­formteilen vor Gericht stünden. Die zahlen­mäßigen Angaben über die Zusammensetzung des Beamtenkörpers ergäben nur dann ein objektives Bild, wenn gleichzeitig auch die Tatsache Lerück-

heute imJournal", daßDer Schatten des ab­wesenden Deutschland, die heute beginnende Völkerbundsmission beherrsche." Das Blatt gibt der Ansicht Ausdruck, daß, falls man sich über die Rüstungen einige, der Weg für einen Wieder­eintritt Deutschlands offen sei, wenn aber nicht, werde die internationale Zusammenarbeit end­gültig Schiffbruch erleide-

dnb. London, 15. Januar.

Der Pariser Berichterstatter der ,,Times" meldet, daß Henderson binnen kurzem in Paris erwartet werde, um die Ausfichten der Abrüstungs­konferenz zu erörtern. Man glaubt, daß nach einer formelle» Sitzung des Büros in Gens die Kon­ferenz wieder vertagt werden wird, und zwar mindestens bis zum Februar.

sichtigt werde, daß alle wichtigen Posten der Ver­waltung fast ausnahmslos von französischen Be­amten besetzt seien, io daß die Regierungs­kommission, und vor allem ihr englischer Präsident, alle Dinge stets durch die französische Brille ansehen. Es spreche nicht für die Ob­jektivität der Regierungskommission, wenn sie sich so stelle, als seien ihr die Umstände unbekannt, unter denen die von ihr angestellten Emigranten Deutschland verlassen haben.

Die Regierungskommission werde sich damit ab­sinken müssen, daß sie im Saargebiet eine ge­schlossene deutsche Bevölkerung unter einheitlicher deutscher Führung zu regieren habe. In diese Be­völkerung einen Zwiespalt zu säen, werde ein ver­gebliches Bemühen sein. Die Regierungskom- mission werde den Vorwurs der Neutralitätsver­letzung tragen müssen, solange sie einseitig die Politik der aus Deutschland gefliichteten nicht ab­stimmungsberechtigten Emigranten unterstütze. Die Einstellung der Regierungskommission sei am deutlichsten daraus zu ersehen, daß die Regie- tungskommission die staatsumstürzlerische kommu­nistische Partei gleichstellt mit der NSDAP.

Das saarländische Mitglied der Regierungs­kommission hat es abgelehnt, die Verantwortung für den letzten Vierteljahresbericht, die November- Verordnungen und die Erwiderung der Regie- rungskommission aus die Denkschrift der Deutschen Front mit zu tragen. Die Mitglieder stehen also im Widerspruch zueinander und zwar billigt das dem Saargebiet geborene mit den dortigen Verhält­nissen am besten vertraute Mitglied deren Politik seit Monaten nicht mehr. Die Denkschrift schließt mit der Bitte, der Rat möge für die Herbeifüh­rung von Zuständen Sorge tragen, die sowohl dem Interesse des Saargebietes als auch dem Ansehen des Völkerbundes dienen können.

Goslar

Sitz des Reichsnährstandes

Berlin, 15. Januar.

Die Verlegung des Reichsnährstandes hinaus aus der Großstadt nach Goslar, ist von größter praktischer und symbolischer Bedeutung. Die Füh­rer des deutschen Vauerntumes, an ihrer Spitze Minister Darre und Staatsrat Meinberg haben immer wieder darauf hingewiesen, daß derGe­neralstab des Bauerntums" aufs Land gehöre, womit man auch die Abkehr von der liberalisti- schen Bauernpolitik unmißverständlich dokumen­tieren wolle. Man war nach diesem grundsätzlichen Entschluß, im Sommer 1933 den Reichsnährstand aus der Reichshauptstadt herauszunehmen, sich auch darüber im klaren, daß nur eine kleinere Stadt im Herzen des alten deutschen Reiches der sächsi­schen Kaiserzeit in Frage kommen könne. Die Wahl ist auf Goslar gefallen selbst Braun­schweig erschien schon zu groß der Stadt, von der einst mit die stärksten Antriebe zur Koloni­sation und Besiedelung des deutschen Ostens aus­gegangen sind. Diese Tatsache betont man heute sehr gerne, denn die nationalsozialistische Bauern­politik hat sich als eines ihrer wichtigsten Ziele die Stärkung und Befestigung des deutschen Vauerntumes im Osten des Reiches gesetzt.

Wann die Uebersiedelung des Reichsnährstandes nach Goslar vorgenommen wird, steht zur Zeit noch nicht fest. Wir hören, daß für den sehr um­fangreichen Organismus keine geeigneten Räume in Goslar zur Verfügung stehen, so daß neue Ge­bäude errichtet werden müssen, ein Umstand, der auch für die Arbeitsbeschaffung nicht ganz un­wesentlich bleiben dürfte.

Die Fahne der Bauern

Berlin, 15. Januar.

Reichsbauernführer R. Walther Darrehat fol­gende Anordnung an sämtliche Gliederungen des Reichsnährstandes erlassen:

Nachdem nunmehr die Einigung des deutschen Landvolkes im Reichsnährstand Tatsache geworden ist, ordne ich als Ausdruck dieser Tatsache und zum Zeichen unserer Verbundenheit mit der Bewegung Adolf Hitlers als desjenigen Mannes, dem das Landvolk seine endliche Einigung und wirtschaft­liche Freiheit verdankt, an: Soweit in den Unter- gliederungen des Reichsnährstandes Fahnen oder fahnenähnliche Symbole gewünscht werden, dürfen diese nur die Fahne der deutschen Frei­heitsbewegung, das Hakenkreuzbanner der NSDAP, sein. Als äußeres Zeichen der Zuge­hörigkeit zum Reichsnährstand erhalten diese.Fah- nen die Fahnenspitze des Reichsnährstandes. Da­mit wird das öffentliche Zeigen von anderen Fahnen oder Symbolen von feiten der Unter­gliederung des Reichsnährstandes mit Wirkung vom 11. Januar 1934 hiermit verboten. Die alten Fahnen und Symbole der jetzt aufgelösten oder eingegliederten Verbände, ebenso wie die Kampffeldzeichen der Vauernbewegung bis zum Jahre 1933, werden vom Landesbauernführer in eine hierfür zu bestimmende und einzurichtende Ehrenhalle überführt.

Gaargebiet gegen Gaarregierung

Die Deutsche Front an den Völkerhunösmt / Zwecklose französische Manöver

Aufgaben der Reichsschrifttnms Kammer

Line Unterredung mit dem Präsidenten der Lämmer, Dr. Hans Friedrich Vlunck

Die Reichs-Schrifttmns-Kammer, die mit der Einrichtung der Reichs-Kulturkammer ins Leben gerufen wurde, bildet für das deutsche Geistesleben ein Novum. Der Präsident der neuen Kammer, Dr. Hans Friedrich Blunck, gewährte unserem Berliner CH.-Vertret-r «ine Unterredung, in der die Ziele der Kammer solgendermatzen umriß:

,Die Errichtung der Reichskulturkammer, deren eine Unterabteilung die Reichskammer für das deutsche Schrifttum, darstellt, bedeutet für das deutsche Geistesleben eine Neuerscheinung, die mancher Skepsis begegnete und von vielen in der ganzen Größe ihrer Bedeutung noch nicht erkannt werden konnte. Vor allem hat man in gewissen Kreisen eine Uniformierung der deutschen Kunst und Kultur befürchtet, eine Annahme, die sich sehr bald als durchweg abwegig herausstellen wird. Ich will mich auf die Reichs-Schrifttums-Kammer be­schränken, deren Leitung in meine Hände gelegt wurde, um zu zeigen, daß wesentlich andere Ziele die Veranlassung zu dieser gewaltigen Organi­sation bildeten, Gründe, die im gewissen Sinne auf alle einzelnen Unterabteilungen der Reichs­kulturkammer zutreffen.

Man hat mich zunächst gefragt: Was habt Ihr denn überhaupt für Schrifttum? Die kürzlich ab- haltene Buchmesse und ihr Erfolg hat den Beweis geliefert, daß dieses Schrifttum vorhanden ist. Es haben sich in den letzten Jahren an den verschie­densten Orten Europas Persönlichkeiten gefunden, die sich nicht auf die Ausführungen der Presse verließen, sondern sich ein Urteil aus eignem Studium der deutschen Literatur bildeten und, daraus fußend, ihren Einfluß im Ausland zur Geltung brachten. Es sei nur an Lichtenberger in Paris, Collnison in Liverpool, Tribunac in Bel­grad erinnert, die unserem deutschen Eeistesgut

mit allen Mitteln gerecht zu werden versuchten. Das eine läßt sich jedenfalls einwandfrei fest­stellen: Das gute Buch ist nicht zurückgegangen, im Gegenteil, es ist ihm gelungen, große Teile der Schund- und Schmutzliteratur zurückzudrängen.

Jede Regierung, die volkstümlich sein will, muß die Fürsorge für das Buch und für die Kunst überhaupt zu einer ihrer wichtigsten Aufgaben machen. Sonderbarerweise sind zahlreiche unserer heutigen politischen Führer von der bildenden Kunst und der Lyrik gekommen. Es wäre nicht schwer nachzuweisen, daß einige noch vor 15 Jah­ren selbst Verse geschrieben haben. Man darf es ruhig behaupten: Die Regierung von heute ist durch die Schule eines Eichendorff, eines Hölder­lin und eines Liliencron gegangen. Das ist gar so keine seltene Erscheinung, wie es auf den ersten Blick scheint, denn man muß sich nur daran er­innern, daß die Führer der französischen Revo­lution heimlickw Schöngeister waren, die Führer der englischen Revolution bäuerliche Dichter.

In seiner Rede bei der Eröffnung der Kultur­kammer hat Dr. Goebbels auf das Selbstver­waltungsrecht der Künstler hingewiesen. Das be­deutet aber nicht, wie eine englische Stimme meinte, eine Kontrolle durch die Kulturkammer. Auch in England gibt es viele, die den Gedanken der Selbstverwaltung durch die Künstler befür­worten, und wenn ich den Namen Ealsworthy nenne, so ist dies nur einer der Prominentesten. Das Selbstverwaltungsrecht der Künstler bedeutet etwas ganz anderes: Es soll nämlich dadurch jeder staatliche und polizeiliche Eingriff ausgeschaltet werden, und an Stelle dieser früheren Zensur soll das Urteil des Selbstverwaltungskörpers treten. Auch der ?M-Klub hat in seinen besseren Zeiten schon die Frage erwogen, ob von den Re­

gierungen nicht die Selbstkontrolle gefordert werden soll. Auch dafür ließen sich in der Ver­gangenheit schon Parallelen finden; man denke nur an die mittelalterlichen Malergilden, die strenge Zucht unter ihren Mitgliedern hielten und der Stadt oder der Kirche gegenüber die Bürgschaft übernahmen, oft sogar wirtschaftliche Bürgschaft trugen

Durch diese von Minister Dr. Goebbels zugesagte Autonomie ist die Künstlerschaft zu größerer Selbstbeobachtung gezwungen Aus der Art dieser Vollmachten aber kann sie auch einen eigenen Spielraum beanspruchen und erreichen. Allen Ein­griffen in die persönliche Freiheit wird auf diese Weise vorgebeugt. Der Künstler kann zu hohem Ansehen gelangen, wenn er sich nicht mehr seiner Asozialität rühmt, sondern seine bürgerlichen und menschlichen Pflichten der Gemeinschaft gegenüber erfüllt. Vergessen wir nicht, daß auch ein Sha­kespeare, ein Dante und ein Goethe gute Bürger waren (manchmal sogar gute Minister).

Man hat auch die Frage aufgeworfen, ob die hohe geistige Ebene dadurch nicht gesenkt würde und Mitläufer der Regierung in den Vorder­grund träten. Nun. der RufHerunter vom Ni­veau!" stammt nicht von heute, sondern erklang nur im vergangenen Jahrzehnt. Und was die Mitläufer der Regierung anbetrifft, so sind an sich gutmeinende, aber künstlerisch schwächliche Dichterlinge noch bei keiner Revolution so schnell abgeschüttelt worden, wie diesmal. Die harte, fast erbarmungslose Abweisung der Dilettanten und Mitläufer beweist das ebenso, wie die Haltung des neuen Staates einem Gerhart Hnuptmann oder Richard Strauß gegenüber. Auch das Ver­trauen Dr Goebbels zur Kulturkammer kann ein Beweis dafür sein. Die Mächte, die ge^--t wur­den, müssen einem anderen Abschnitt - aeben

Dieser Wandel der Dinge bedeutet aber, daß der Künstler am Vormorgen vor einem neuen, weiten, saatbereiten Acker steht. Die Zeit des Rationalismus ist vorüber. Die neue Zeit er­

fordert, daß der Dichter des Volkes im Volke steht und mit ihm Leid und Freud teilt. Der Dichter aber kennt seine Verpflichtung gegen Gott und sein Volk. Ein Volk begab sich auf die Wanderschaft nach einem neuen Glauben an Ver­antwortung und göttliches Recht des Menschen, aller Menschen und aller Völker. Das ist der tiefste Sinn des neuen Werdens und auch der Sinn unserer Kammer."

75 Jahre SueManal

(Von unserem Berichterstatter)

8.-I-. Port Said, Anfang Januar 1934.

Im Jahre 1859, also vor nunmehr 75 Jahren, wurde der französische Vicomt de Lesseps, der Übrigens später zusammen mit seinem Sohne in den bekannten Panama-Skandal verwickelt wurde, vom Vizekönig von Aegypten, Jsmael, mit dem Bau des Suezkanals beauftragt. Zehn Jahre später, im November 1869, fand dann die feier­liche Eröffnung des Suez-Kanals, der den Isthmus von Suez zwischen dem Mittelländischen und dem Roten Meer durchschneidet, statt.

Man muß anerkennen, daß dieser Bau für die damalige Zeit ein unvergleichliches Meisterwerk darstellte. Die Ausbaggerung des Kanalbettes bis zu einer Tiefe von zehn Metern war mit sehr vielen Schwierigkeiten verknüpft.

Als Durchgangsland zum Indischen Ozean hat Aegypten seit der Eröffnung des Suez-Kanals, der Port Said und Suez verbindet, wachsende Bedeutung erlangt. Es nimmt daher auch nicht wunder, daß die Einweihung des Kanals im Jahre 1869 mit großem Gepränge verbunden wurde. Der damalige Vizekönig von Aegypten, Khedive Jsmael, hatte nicht weniger als 34 090 Ehrengäste zu einer Reihe prunkvoller Feier­lichkeiten eingeladen. Ein Ealadiner löste das

andere ab, Bälle und Theaterveranstaltungen jagten sich. Die berühmtesten Sänger und Schau­spieler der damaligen Zeit waren zur Verschöne­rung der Festlichkeiten hinzugezogen worden. Ja, sogar der bekannte italienische Komponist Giu­seppe Verdi erhielt vom Vizekönig den Auftrag, aus Anlaß der pomphaften Einweihungsfeier­lichkeiten des Suezkanals eine Oper zu schreiben und aufzuführen. So entstand dieAida". Inter­essant ist die Tatsache, daß auf Befehl des Khe- diven den prominentesten Ehrengästen, 4000 an der Zahl, und darunter auch der damalige Kron­prinz Friedrich Wilhelm von Preußen und die französische Kaiserin Eugenik, keinerlei Ausgaben erwachsen durften. Jede vorgelegte Rechnung wurde von der ägyptischen Regierung anstandslos beglichen. Man kann sich vorstellen, daß keiner der geladenen Gäste sich den Kopf darüber zer­brach, woher der Vizekönig die Mittel zur Be­zahlung der Veranstaltungen, die man sich selbst­verständlich nicht hatte entgehen lassen wollen, überhaupt hernahm. Die Festteilnehmer, die es sich gut schmecken ließen und die Gelegenheit billigen Amüsements ausgiebig wahrnahmen, hatten keine Ahnung, daß diese märchenhaften Festlichkeiten das schon so reichlich erschöpfte Land um die letzten Mittel schröpfte. Vizekönig Js­mael war ein Blender. Hinter seiner liebens­würdigen Gutmütigkeit, die er zur Schau trug, verbarg sich eine nur sehr mittelmäßige Bildung. Als unentwegter Optimist meinte er, mit Hilfe des Suezkanals einen Goldstrom in sein Land gelenkt zu haben. Jsmael hatte die Mehrzahl der Kanalaktien in seinen Besitz gebracht. Als er aber schließlich vor Schulden nicht mehr ein und aus wußte, glaubte er sich durch die Veräuße­rung seines Aktienpaketes sanieren zu können. Diese Aktienverkaufsgeschichte hat im Grunde ge­nommen den Engländern das Tor zu ihrer Herr­schaft am Nil erst geöffnet.

Jsmael hatte seine Anteile zunächst den Fran­zosen zu einem Preise von vier Millionen Pfund