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Nr. 12 / i. Vierteljahr
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Dienstag, den 16. Januar
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„Zm Schatten des Abwesenden"
Frankreich bittet Deutschland an den Ratstisch
Gerüchte um Rußlands Genfer Volitik / Erneute Vertagung der „Abrüstungs' -Konferenz?
ckvb. Genf, 18. Januar.
Die heutige öffentliche Sitzung des Völkerbundsrates, unter Vorsitz des polnischen Außenministers Beck, dauerte weniger als
zehn Minuten. Von Interesse war ledig
lich der Nachruf des Ratspräsidenten für den verstorbenen langjährigen Vertreter Italiens im Völkerbund, Scialoja, der einer der Vertreter des Völkerbundspaktes ist. Nach Verlesung einiger Berichte von geringer Bedeutung wurde die Ratstagung geschlossen. Am Dienstag finden nur Sitzungen der Ratsausschüsse statt. Die nächste Sitzung des Rates selbst ist auf Mittwoch vormittag festgesetzt.
Der Danziger Senatsprästdent Dr. Rauschning wird gleichfalls an den Verhandlungen des Völkerbundsrates teilnehmen. Es handelt sich in erster Linie um eine Entscheidung des Rates über gewisse die, Verfassung Danzigs berührende Fragen, die von dem früheren Völkerbundskommissar Rosting noch erbeten worden ist.
Das Völkerbundssekretariat gibt folgendes Communiguö bekannt: „Der Rat hat im Verlauf seiner Geheimsitzung heute vormittag beschlossen, der deutschen Regierung durch Vermittlung des deutschen Konsuls in Genf folgenden Auszug aus dem Protokoll seiner heutigen Sitzung zu übermitteln, der sich mit der Besprechung des Punktes 26 seiner Tagesordnung besaht: Saargebiet, vorbereitende Maßnahmen,
die i.m Hinblick auf die Volksabstimmung zu treffen sind:
Massigli erinnert daran, dah unter Nummer 26 der Tagesordnung die Frage der vorbereitenden Maßnahmen für die S a ar a bst i m m u n g enthalten ist. Aus Gründen, für die der Rat nicht verantwortlich ist, bleibt der Sitz des deutschen Delegierten im Rat in diesem Augenblick leer. Da Deutschland noch für zwei Jahre Mitglied des Völkerbundes und Mitglied des Völkerbundsrates ist, sendet das Sekretariat die Dokumente, die den Rat betreffen, nach Berlin. Die deutsche Regierung ist also darüber unterrichtet, daß diese Diskussion über die Volksabstimmung im Saargebiet vor dem Rat stattfinden wird. Die französische Regierung, in Berücksichtigung der Bedeutung, die sie den späteren Erwägungen über diese Frage beimißt, hätte lebhaft gewünscht, daß die deutsche Regierung ihre Aufmerksamkeit ausdrücklich auf die Tatsache gerichtet hätte, daß die Debatte über diesen Punkt während dieser Ratstagung stattfinden wird.
Aus Gründen der Loyalität und des fair play, welche die Mitglieder des Rats ohne Zweifel billigen werden, wünscht die französische Regierung, daß die Aufmerksamkeit der deutschen Regierung auf diesen Punkt der Tagesordnung gelenkt wird und daß, da die Diskussion über diesen Punkt 26 der Tagesordnung erst in den letzten Tagen der Tagung stattfinden wird, der deutschen
Regierung, wenn sie es wünschen sollte, in jedem Fall noch Zeit bleibt, sich hier vertreten zu lassen.
Der Präsident schlägt vor, die Erklärung des Vertreters Frankreich in das Sitzungsprotokoll aufzunehmen und dieses durch den Generalsekretär der deutschen Regierung übermitteln zu lassen. Gleichzeitig schlägt er vor, die Diskussion über diesen Punkt bis zum Ende der Woche zu vertagen.
Baron Aloist schlägt vor, ein Telegramm nach Berlin zu schicken und den Tag der Debatte festzusetzen, sobald die deutsche Antwort im Sekretariat eingegangen sein wird.
Der Präsident ist der Meinung, daß man das Datum der Debatte unter Vorbehalt auf das Ende dieser Woche festsetzen und unter Umständen ab-
änb. Saarbrücken, 15. Januar.
Die Fraktion Deutsche Front des Landrates des Saargebietes richtet an den Völkerbundsrat eine Denkschrift. Einleitend wird festgestellt, daß die Antwort der Regierungskommission auf die Denkschrift der Deutschen Front vom 19. Dezember 1933 an den Völkerbundsrat eine solche Fülle von entstellenden Ungenauigkeiten und Unrichtigkeiten enthält, daß sie der Deutschen Front nochmals Veranlassung zur Aeußerung und zu der Bitte gibt, der Rat möge eine eingehende Untersuchung der verschiedenen Vorfälle vornehmen lassen. Das Schreiben der Deutschen Front geht dann zunächst näher auf mehrere Grenz- zwischenfälle ein, die eindeutig llebergriffe französischer Beamte zeigten.
Vergleiche man das Verhalten der Regierungskommission mit ihrem Verhalten bei Grenzverletzungen an der deutsch-saarländischen Grenze so bestehe der Unterschied darin, daß alles, was an der französischen Grenze geschehe, totgeschwiegen werde, während in einem Vorfall an der deutsch- saarländischen Grenze die Negierungskommission die ihr notwendig erschienenen Schritte getan habe. Dies sei ein weiterer Beweis für die einseitige Stellungnahme gegenüber dem nationalsozialistischem Deutschland.
Die Denkschrift der Deutschen Front beschäftigt sich auch eingehend mit den Darstellungen der Regierungskommission über s o zi a l i st i s ch e u n d kommunistischeVersammlungen, die den Tatsachen durchaus nicht gerecht würden. Weiter wird auf die von der Regierungskommission erwähnten Neunkirchener Vorfälle eingegangen. Rock- ehe die Regierungskommission ihre Erwiderung auf die Beschwerdeschrift veröffentlichte, habe der Landesführer der NSDAP-Saargebiet den verant-
ändern kann, sobald die deutsche Antwort eingetroffen ist. Die Vorschläge des Präsidenten werden angenommen.
EP. Gens, 15. Januar.
Ein Teil der Genfer Presse bringt die sensationell aufgemachte Nachricht, daß Sowjetrußland demnächst in den Völkerbund eintreten werde. Herriot, der nach seiner Rückkehr aus Rußland in Frankreich zum Völkerbundsdelegierten ernannt worden sei, habe zwischen der russischen und der französischen Regierung sowie zwischen Rußland und dem Völkerbund den Vermittler gespielt.
Einer der stärksten Völkerbundsverteidiger in der französischen Presse, Saint-Brice, schreibt
wörtlichen Kreisleiter von Neunkirchen-Ottweiler seines Amtes enthoben. Ausdrücklich müsse nochmals betont werden, daß es dem Landesfiihrer der NSDAP-Saargebiet und der Deutschen Front sowie der gesamten deutschen Saarbevölkerung mit der Einhaltung der Gesetze und der Wahrung strengster Disziplin im Interesse der legalen Rückgliederung des Saargebietes zum Reich bitter ernst sei. Die Verantwortung für vereinzelte Disziplinlosigkeiten treffe den Präsidenten der Regierungskommission, da er alles, auch die geschlossenen Mitgliederversammlungen verboten habe, während Versammlungen der frankophilen Auto- nomisten und Separatisten erlaubt seien. Darin liege eine Begünstigung zum Nachteil der fast die Eesamtbeoölkerung umfassenden Saardeutschen, die zu ihrem Vaterland zurück wollen. Die Denkschrift geht dann auf die Ermordung des Hitler-Jungen Melzer und des Nationalsozialisten Hemmer ein. In beiden Fällen habe die Regierungskommission versucht, die Bedeutung abzuschwächen.
In jeder Betonung der Volksgemeinschaft der deutschen Bevölkerung an der Saar sehe die Regierungskommission einen Angriff auf sich, statt die Bevölkerung verständnisvoll so zu regieren, wie sie ist und stets war, als deutsche Bevölkerung, die heim zum Mutterland will. Es dürfte der Regierungskommission nicht unbekannt sein, daß fast alle Terrorakte von Kämmn nisten und Sozialisten sowie von Autonomisten und Separatisten begangen würden, während Nationalsozialisten meist nur wegen angeblichen Tragens von Uniformteilen vor Gericht stünden. Die zahlenmäßigen Angaben über die Zusammensetzung des Beamtenkörpers ergäben nur dann ein objektives Bild, wenn gleichzeitig auch die Tatsache Lerück-
heute im „Journal", daß „Der Schatten des abwesenden Deutschland, die heute beginnende Völkerbundsmission beherrsche." Das Blatt gibt der Ansicht Ausdruck, daß, falls man sich über die Rüstungen einige, der Weg für einen Wiedereintritt Deutschlands offen sei, wenn aber nicht, werde die internationale Zusammenarbeit endgültig Schiffbruch erleide-
dnb. London, 15. Januar.
Der Pariser Berichterstatter der ,,Times" meldet, daß Henderson binnen kurzem in Paris erwartet werde, um die Ausfichten der Abrüstungskonferenz zu erörtern. Man glaubt, daß nach einer formelle» Sitzung des Büros in Gens die Konferenz wieder vertagt werden wird, und zwar mindestens bis zum Februar.
sichtigt werde, daß alle wichtigen Posten der Verwaltung fast ausnahmslos von französischen Beamten besetzt seien, io daß die Regierungskommission, und vor allem ihr englischer Präsident, alle Dinge stets durch die französische Brille ansehen. Es spreche nicht für die Objektivität der Regierungskommission, wenn sie sich so stelle, als seien ihr die Umstände unbekannt, unter denen die von ihr angestellten Emigranten Deutschland verlassen haben.
Die Regierungskommission werde sich damit absinken müssen, daß sie im Saargebiet eine geschlossene deutsche Bevölkerung unter einheitlicher deutscher Führung zu regieren habe. In diese Bevölkerung einen Zwiespalt zu säen, werde ein vergebliches Bemühen sein. Die Regierungskom- mission werde den Vorwurs der Neutralitätsverletzung tragen müssen, solange sie einseitig die Politik der aus Deutschland gefliichteten nicht abstimmungsberechtigten Emigranten unterstütze. Die Einstellung der Regierungskommission sei am deutlichsten daraus zu ersehen, daß die Regie- tungskommission die staatsumstürzlerische kommunistische Partei gleichstellt mit der NSDAP.
Das saarländische Mitglied der Regierungskommission hat es abgelehnt, die Verantwortung für den letzten Vierteljahresbericht, die November- Verordnungen und die Erwiderung der Regie- rungskommission aus die Denkschrift der Deutschen Front mit zu tragen. Die Mitglieder stehen also im Widerspruch zueinander und zwar billigt das dem Saargebiet geborene mit den dortigen Verhältnissen am besten vertraute Mitglied deren Politik seit Monaten nicht mehr. Die Denkschrift schließt mit der Bitte, der Rat möge für die Herbeiführung von Zuständen Sorge tragen, die sowohl dem Interesse des Saargebietes als auch dem Ansehen des Völkerbundes dienen können.
Goslar
Sitz des Reichsnährstandes
Berlin, 15. Januar.
Die Verlegung des Reichsnährstandes hinaus aus der Großstadt nach Goslar, ist von größter praktischer und symbolischer Bedeutung. Die Führer des deutschen Vauerntumes, an ihrer Spitze Minister Darre und Staatsrat Meinberg haben immer wieder darauf hingewiesen, daß der „Generalstab des Bauerntums" aufs Land gehöre, womit man auch die Abkehr von der liberalisti- schen Bauernpolitik unmißverständlich dokumentieren wolle. Man war nach diesem grundsätzlichen Entschluß, im Sommer 1933 den Reichsnährstand aus der Reichshauptstadt herauszunehmen, sich auch darüber im klaren, daß nur eine kleinere Stadt im Herzen des alten deutschen Reiches der sächsischen Kaiserzeit in Frage kommen könne. Die Wahl ist auf Goslar gefallen — selbst Braunschweig erschien schon zu groß — der Stadt, von der einst mit die stärksten Antriebe zur Kolonisation und Besiedelung des deutschen Ostens ausgegangen sind. Diese Tatsache betont man heute sehr gerne, denn die nationalsozialistische Bauernpolitik hat sich als eines ihrer wichtigsten Ziele die Stärkung und Befestigung des deutschen Vauerntumes im Osten des Reiches gesetzt.
Wann die Uebersiedelung des Reichsnährstandes nach Goslar vorgenommen wird, steht zur Zeit noch nicht fest. Wir hören, daß für den sehr umfangreichen Organismus keine geeigneten Räume in Goslar zur Verfügung stehen, so daß neue Gebäude errichtet werden müssen, ein Umstand, der auch für die Arbeitsbeschaffung nicht ganz unwesentlich bleiben dürfte.
Die Fahne der Bauern
Berlin, 15. Januar.
Reichsbauernführer R. Walther Darrehat folgende Anordnung an sämtliche Gliederungen des Reichsnährstandes erlassen:
Nachdem nunmehr die Einigung des deutschen Landvolkes im Reichsnährstand Tatsache geworden ist, ordne ich als Ausdruck dieser Tatsache und zum Zeichen unserer Verbundenheit mit der Bewegung Adolf Hitlers als desjenigen Mannes, dem das Landvolk seine endliche Einigung und wirtschaftliche Freiheit verdankt, an: Soweit in den Unter- gliederungen des Reichsnährstandes Fahnen oder fahnenähnliche Symbole gewünscht werden, dürfen diese nur die Fahne der deutschen Freiheitsbewegung, das Hakenkreuzbanner der NSDAP, sein. Als äußeres Zeichen der Zugehörigkeit zum Reichsnährstand erhalten diese.Fah- nen die Fahnenspitze des Reichsnährstandes. Damit wird das öffentliche Zeigen von anderen Fahnen oder Symbolen von feiten der Untergliederung des Reichsnährstandes mit Wirkung vom 11. Januar 1934 hiermit verboten. Die alten Fahnen und Symbole der jetzt aufgelösten oder eingegliederten Verbände, ebenso wie die Kampffeldzeichen der Vauernbewegung bis zum Jahre 1933, werden vom Landesbauernführer in eine hierfür zu bestimmende und einzurichtende Ehrenhalle überführt.
Gaargebiet gegen Gaarregierung
Die Deutsche Front an den Völkerhunösmt / Zwecklose französische Manöver
Aufgaben der Reichsschrifttnms Kammer
Line Unterredung mit dem Präsidenten der Lämmer, Dr. Hans Friedrich Vlunck
Die Reichs-Schrifttmns-Kammer, die mit der Einrichtung der Reichs-Kulturkammer ins Leben gerufen wurde, bildet für das deutsche Geistesleben ein Novum. Der Präsident der neuen Kammer, Dr. Hans Friedrich Blunck, gewährte unserem Berliner CH.-Vertret-r «ine Unterredung, in der die Ziele der Kammer solgendermatzen umriß:
, „Die Errichtung der Reichskulturkammer, deren eine Unterabteilung die Reichskammer für das deutsche Schrifttum, darstellt, bedeutet für das deutsche Geistesleben eine Neuerscheinung, die mancher Skepsis begegnete und von vielen in der ganzen Größe ihrer Bedeutung noch nicht erkannt werden konnte. Vor allem hat man in gewissen Kreisen eine Uniformierung der deutschen Kunst und Kultur befürchtet, eine Annahme, die sich sehr bald als durchweg abwegig herausstellen wird. Ich will mich auf die Reichs-Schrifttums-Kammer beschränken, deren Leitung in meine Hände gelegt wurde, um zu zeigen, daß wesentlich andere Ziele die Veranlassung zu dieser gewaltigen Organisation bildeten, Gründe, die im gewissen Sinne auf alle einzelnen Unterabteilungen der Reichskulturkammer zutreffen.
Man hat mich zunächst gefragt: Was habt Ihr denn überhaupt für Schrifttum? Die kürzlich ab- haltene Buchmesse und ihr Erfolg hat den Beweis geliefert, daß dieses Schrifttum vorhanden ist. Es haben sich in den letzten Jahren an den verschiedensten Orten Europas Persönlichkeiten gefunden, die sich nicht auf die Ausführungen der Presse verließen, sondern sich ein Urteil aus eignem Studium der deutschen Literatur bildeten und, daraus fußend, ihren Einfluß im Ausland zur Geltung brachten. Es sei nur an Lichtenberger in Paris, Collnison in Liverpool, Tribunac in Belgrad erinnert, die unserem deutschen Eeistesgut
mit allen Mitteln gerecht zu werden versuchten. Das eine läßt sich jedenfalls einwandfrei feststellen: Das gute Buch ist nicht zurückgegangen, im Gegenteil, es ist ihm gelungen, große Teile der Schund- und Schmutzliteratur zurückzudrängen.
Jede Regierung, die volkstümlich sein will, muß die Fürsorge für das Buch und für die Kunst überhaupt zu einer ihrer wichtigsten Aufgaben machen. Sonderbarerweise sind zahlreiche unserer heutigen politischen Führer von der bildenden Kunst und der Lyrik gekommen. Es wäre nicht schwer nachzuweisen, daß einige noch vor 15 Jahren selbst Verse geschrieben haben. Man darf es ruhig behaupten: Die Regierung von heute ist durch die Schule eines Eichendorff, eines Hölderlin und eines Liliencron gegangen. Das ist gar so keine seltene Erscheinung, wie es auf den ersten Blick scheint, denn man muß sich nur daran erinnern, daß die Führer der französischen Revolution heimlickw Schöngeister waren, die Führer der englischen Revolution bäuerliche Dichter.
In seiner Rede bei der Eröffnung der Kulturkammer hat Dr. Goebbels auf das Selbstverwaltungsrecht der Künstler hingewiesen. Das bedeutet aber nicht, wie eine englische Stimme meinte, eine Kontrolle durch die Kulturkammer. Auch in England gibt es viele, die den Gedanken der Selbstverwaltung durch die Künstler befürworten, und wenn ich den Namen Ealsworthy nenne, so ist dies nur einer der Prominentesten. Das Selbstverwaltungsrecht der Künstler bedeutet etwas ganz anderes: Es soll nämlich dadurch jeder staatliche und polizeiliche Eingriff ausgeschaltet werden, und an Stelle dieser früheren Zensur soll das Urteil des Selbstverwaltungskörpers treten. Auch der ?M-Klub hat in seinen besseren Zeiten schon die Frage erwogen, ob von den Re
gierungen nicht die Selbstkontrolle gefordert werden soll. Auch dafür ließen sich in der Vergangenheit schon Parallelen finden; man denke nur an die mittelalterlichen Malergilden, die strenge Zucht unter ihren Mitgliedern hielten und der Stadt oder der Kirche gegenüber die Bürgschaft übernahmen, oft sogar wirtschaftliche Bürgschaft trugen
Durch diese von Minister Dr. Goebbels zugesagte Autonomie ist die Künstlerschaft zu größerer Selbstbeobachtung gezwungen Aus der Art dieser Vollmachten aber kann sie auch einen eigenen Spielraum beanspruchen und erreichen. Allen Eingriffen in die persönliche Freiheit wird auf diese Weise vorgebeugt. Der Künstler kann zu hohem Ansehen gelangen, wenn er sich nicht mehr seiner Asozialität rühmt, sondern seine bürgerlichen und menschlichen Pflichten der Gemeinschaft gegenüber erfüllt. Vergessen wir nicht, daß auch ein Shakespeare, ein Dante und ein Goethe gute Bürger waren (manchmal sogar gute Minister).
Man hat auch die Frage aufgeworfen, ob die hohe geistige Ebene dadurch nicht gesenkt würde und Mitläufer der Regierung in den Vordergrund träten. Nun. der Ruf „Herunter vom Niveau!" stammt nicht von heute, sondern erklang nur im vergangenen Jahrzehnt. Und was die Mitläufer der Regierung anbetrifft, so sind an sich gutmeinende, aber künstlerisch schwächliche Dichterlinge noch bei keiner Revolution so schnell abgeschüttelt worden, wie diesmal. Die harte, fast erbarmungslose Abweisung der Dilettanten und Mitläufer beweist das ebenso, wie die Haltung des neuen Staates einem Gerhart Hnuptmann oder Richard Strauß gegenüber. Auch das Vertrauen Dr Goebbels zur Kulturkammer kann ein Beweis dafür sein. Die Mächte, die ge^--t wurden, müssen einem anderen Abschnitt - aeben
Dieser Wandel der Dinge bedeutet aber, daß der Künstler am Vormorgen vor einem neuen, weiten, saatbereiten Acker steht. Die Zeit des Rationalismus ist vorüber. Die neue Zeit er
fordert, daß der Dichter des Volkes im Volke steht und mit ihm Leid und Freud teilt. Der Dichter aber kennt seine Verpflichtung gegen Gott und sein Volk. Ein Volk begab sich auf die Wanderschaft nach einem neuen Glauben an Verantwortung und göttliches Recht des Menschen, aller Menschen und aller Völker. Das ist der tiefste Sinn des neuen Werdens und auch der Sinn unserer Kammer."
75 Jahre SueManal
(Von unserem Berichterstatter)
8.-I-. Port Said, Anfang Januar 1934.
Im Jahre 1859, also vor nunmehr 75 Jahren, wurde der französische Vicomt de Lesseps, der Übrigens später zusammen mit seinem Sohne in den bekannten Panama-Skandal verwickelt wurde, vom Vizekönig von Aegypten, Jsmael, mit dem Bau des Suezkanals beauftragt. Zehn Jahre später, im November 1869, fand dann die feierliche Eröffnung des Suez-Kanals, der den Isthmus von Suez zwischen dem Mittelländischen und dem Roten Meer durchschneidet, statt.
Man muß anerkennen, daß dieser Bau für die damalige Zeit ein unvergleichliches Meisterwerk darstellte. Die Ausbaggerung des Kanalbettes bis zu einer Tiefe von zehn Metern war mit sehr vielen Schwierigkeiten verknüpft.
Als Durchgangsland zum Indischen Ozean hat Aegypten seit der Eröffnung des Suez-Kanals, der Port Said und Suez verbindet, wachsende Bedeutung erlangt. Es nimmt daher auch nicht wunder, daß die Einweihung des Kanals im Jahre 1869 mit großem Gepränge verbunden wurde. Der damalige Vizekönig von Aegypten, Khedive Jsmael, hatte nicht weniger als 34 090 Ehrengäste zu einer Reihe prunkvoller Feierlichkeiten eingeladen. Ein Ealadiner löste das
andere ab, Bälle und Theaterveranstaltungen jagten sich. Die berühmtesten Sänger und Schauspieler der damaligen Zeit waren zur Verschönerung der Festlichkeiten hinzugezogen worden. Ja, sogar der bekannte italienische Komponist Giuseppe Verdi erhielt vom Vizekönig den Auftrag, aus Anlaß der pomphaften Einweihungsfeierlichkeiten des Suezkanals eine Oper zu schreiben und aufzuführen. So entstand die „Aida". Interessant ist die Tatsache, daß auf Befehl des Khe- diven den prominentesten Ehrengästen, 4000 an der Zahl, und darunter auch der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen und die französische Kaiserin Eugenik, keinerlei Ausgaben erwachsen durften. Jede vorgelegte Rechnung wurde von der ägyptischen Regierung anstandslos beglichen. Man kann sich vorstellen, daß keiner der geladenen Gäste sich den Kopf darüber zerbrach, woher der Vizekönig die Mittel zur Bezahlung der Veranstaltungen, die man sich selbstverständlich nicht hatte entgehen lassen wollen, überhaupt hernahm. Die Festteilnehmer, die es sich gut schmecken ließen und die Gelegenheit billigen Amüsements ausgiebig wahrnahmen, hatten keine Ahnung, daß diese märchenhaften Festlichkeiten das schon so reichlich erschöpfte Land um die letzten Mittel schröpfte. Vizekönig Jsmael war ein Blender. Hinter seiner liebenswürdigen Gutmütigkeit, die er zur Schau trug, verbarg sich eine nur sehr mittelmäßige Bildung. Als unentwegter Optimist meinte er, mit Hilfe des Suezkanals einen Goldstrom in sein Land gelenkt zu haben. Jsmael hatte die Mehrzahl der Kanalaktien in seinen Besitz gebracht. Als er aber schließlich vor Schulden nicht mehr ein und aus wußte, glaubte er sich durch die Veräußerung seines Aktienpaketes sanieren zu können. Diese Aktienverkaufsgeschichte hat im Grunde genommen den Engländern das Tor zu ihrer Herrschaft am Nil erst geöffnet.
Jsmael hatte seine Anteile zunächst den Franzosen zu einem Preise von vier Millionen Pfund