Ausgabe 
(10.1.1934) Nr. 9
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Sprechzeit des Verlages werktäglich von 12-13 Uhr, der Schriftlertung werktäglich von 18-17 Uhr.

Nr. 9/ i. Vierteljahr

Mittwoch, den 10. Januar

Einzelpreis 12 Rps.

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Gerüchte um Staviskys Toö

Ein Vertuschungsmanöver der Polizei?

ävb. Paris, g. Januar.

Staoisky ist in der Nacht zum Dienstag der schweren Schuhverletzung, die er sich beigebracht hat, erlegen.

Als der verhaftete Direktor des Credit Muni­cipal von Bayonne, Tissier, im Gefängnis von dem Selbstmordversuch Staviskys hörte, soll er ausgerufen haben:Das ist unmöglich. Ein Mann wie Staoisky bringt sich nicht um." Auch der Rechtsbeistand Tissiers teilt diese Auffassung und erwartet eine gerichtsiirztliche Untersuchung. Die Nachricht von dem Selbstmordversuch findet nicht überall Glauben. In vielen Kreisen wird osse» oder versteckt von einem Vertuschungs- manöver der Polizei gesprochen, die, wie man be­hauptet, einen für viele Persönlichkeiten stark belastenden Mann habe verschwinden lassen wollen.

Der sozialistischePopulaire" und die kommu­nistischeHumanitö" sind natürlich lebhaft be­müht, den Fall Staoisky in ihrem Sinn propa­gandistisch auszuwerten. Dazu gehört es wohl auch, wenn von ihnen behauptet wird, Staoisky habe auch als Polizeispitzel gearbeitet. Dabei habe er in vieles Einblick gewinnen kön­nen. Jetzt, wo er unbequem wurde, habe man ihn beseitigen wollen. Ja, die Urheber dieser Information versteifen sich sogar zu der Behaup­tung, daß zwei Polizeibeamte in aller Stille mit der Mission betraut worden seien, Staoisky ins Jenseits zu befördern. Man habe einen Selbst­mordversuch nur vorgetäuscht.Aber", so fährt das Blatt fort,wie der Selbstmord des Barons Reinac nicht den Panama-Skandal verhindert hat und ebenso wie der Selbstmord des Obersten Henry die Dreyfuß-Affäre nicht zu verstecken ver­mochte, dürfte auch der sogenannte Selbstmord Staoisky nicht den Bayonner Skandal vertuschen.

Die royalistischeAction francaise" fordert ihre Anhänger auf, in Massen vor das Kammerge­bäude zu ziehen und gegen die Stavisky-Affäre mit den Rufen zu protestieren: Nieder mit den Dieben, Fort mit den Mördern, Wir verlangen Gerechtigkeit und Anständigkeit!

Die Untersuchung gegen den Bürgermeister von Bayonne, Karat, hat ergeben, daß Garat täglich mit Staoisky telefoniert hat. Die Bankkonten Earats und seiner Frau wurden auf Anordnung der Polizei gesperrt.

Neunzehnmal vertagt

Dblv. Paris, 9. Januar.

Der Generalstaatsanwalt hat am Montag eine eingehende Untersuchung darüber angestellt, wie es vorkommen konnte, daß der Prozeß, der gegen Staoisky seit fünf Jahren vor der 13. Pariser Strafkammer anhängig ist, nicht weniger als 19mal zur Verhandlung anberaumt und ebenso oft wieder auf später verschoben worden ist. In diesen fünf Jahren standen vier verschiedene Präsi­

denten der 13. Strafkammer vor. Zwei von ihnen sind inzwischen gestorben. Fünf Staatsanwälte hatten den Fall nacheinander in ihren Händen. Als die Angelegenheit im Juni des vergangenen Jahres zum letzten Male zur Verhandlung an­beraumt war, erschienen weder der Angeklagte, noch die Privatkläger, noch die Zeugen. Die Rechtsamoält« Staviskys legten ein ärztliches Gutachten vor, wonach Staoisky leicht geistesgestört sein sollte.

Paris, 9. Januar

Echo de Paris" berichtet aus Madrid, daß Staoisky im Juli 1932 auch in Spanien einen

ävb. Paris, 9. Januar.

Unter dem Vorsitz des Staatspräsidenten trat heute vormittag der Ministerrat zusammen. Ministerpräsident Chautemps erstattete Bericht über den bisherigen Verlauf des Finanzskandals von Bayonne und erklärte, daß er bereit sei, in der Kammer die sofortige Beratung der dies­bezüglichen Jnterpellationsanträge anzunehmen. Chautemps verlas sodann das Rücktrittsschreiben des bisherigen Kolonialministers Dalimier, das vom Staatspräsidenten angenommen wurde.

ävb. Berlin, 9. Januar.

Zur Ueberreichung der französischen Denkschrift über die Abrüstungsfrage schreibt die Deutsche Diplomatisch-Politische Korrespondenz u. a.: Die politische und technische Bedeutung der französi­schen Denkschrift zur Abrüstungsfrage macht es erklärlich, daß vermutlich noch eine ganze Anzahl von Tagen über die zur Beantwortung notwen­dige Prüfung vergehen wird. Deutschland ist nach wie vor überzeugt, daß allein der Weg des dip­lomatischen Gedankenaustausches mit den maßgebenden Ländern die Erfolgsaussichten bietet, die von der Genfer Methode jahrelang vergeblich erwartet worden sind. Aeußerungen der ausländischen Presse, wonach Frankreich sich zu Zugeständnissen, ja zu Opfern entschlossen habe, sind von großem Interesse für die deutsche Re­gierung, die stets für die allgemeine Abrüstung eingetreten ist und die deutsche Gleichberechtigung durch Abrüstung herbeiführen will. Sie prüft die französische Denkschrift im Geiste aufrich­tigen Verständigungswillens unter dem Gesichtspunkt, welche neuen oder vielleicht

großangelegten Schwindel vollführen wollte. Mit Hilfe einflußreicher Persönlichkeiten habe er in Madrid die Gründung einer landwirtschaftlichen Kreditbank mit einem Kapital von 500 Millionen Pesetas geplant. Sein eigener Anteil habe SO Millionen betragen sollen. Die Verträge seien bereits fertiggestellt gewesen, als ein Mitglied des Verwaltungsrates, durch eine Aeußerung Staviskys mißtrauisch gemacht, die sofortige Ein­zahlung seines Anteils gefordert habe. Staoisky sei darauf auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Der Ministerpräsident unterbreitete dem Staatspräsidenten ferner die Ernennung des bisherigen Arbeitsministers Lamoureux zum K 0 l 0 nialminister, des bisherigen Handels­marineministers, Frot, zum Arbeitsminister, und des bisherigen llnterstaatssekretärs im Innenministerium Bertrand zum Handelsmarine­minister. Auch diese Ernennungen wurden vom Staatspräsidenten angenommen. Alle übrigen Ministerien bleiben unverändert. Auf Vorschlag des Justizministers wurde General Rollet zum Eroßkanzler der Ehrenlegion ernannt.

auch alten Abrüstungsvorschläge darin enthalten sind.

Bei der zum mindesten zögernden Haltung, die Frankreich in diesem entscheidenden Punkte stets eingenommen hat, ist anzunehmen, daß die so stark hervorgehoben« Bereitschaft zu praktischen Abrüstungsmatznahmen in dem Dokument noch nicht so konkret und so klar umschrieben ist, daß man darin einen merklichen Fortschritt erblicken könnte, so daß also Rückfragen in Paris notwendig sein werden. Die Korrespondenz be­merkt weiter, daß in der anscheinend vorgeschlage­nen Herabsetzung der Luftrüstungen kein positives Element zu erblicken sei. Ob Frank­reich und andere Grenzländer zusammen 6000 oder 3000 Kriegsflugzeuge besitzen, während Deutsch­land überhaupt keine habe und nicht einmal über eine Flugabwehr verfüge, sei gleichgültig. Wenn allerdings zugesagt würde, daß die Vernichtung binnen weniger Jahre durchgeführt werde, dann könnte Deutschland das Ende dieser Frist abwar­ten und auf eine eigene Luftwaffe verzichten.

Pressemeldungen besagten, daß Frankreich auf dieBewährungsfrist", diesen greifbarsten Aus­

druck der Diskriminierung Deutschlands, ver­zichtet habe, jedoch an einer zeitlichen Zwei­teilung der Konvention entsprechend der Simon- Erklärung vom Oktober festhalte. Wenn Deutsch­land im ersten Zeitabschnitt die allgemein er­laubten defensiven Waffen nicht bekomme, aber kontrolliert werden solle, während die anderen Länder hinsichtlich des Kriegsmaterials nicht ab­rüsten, so sei damit tatsächlich der Begriff der Probezeit wieder verwirklicht. Was Deutschland nach wie vor verlangen muß, ist wirkliche Gleichheit der Bedingungen und der tat­sächlichen Lage im Rahmen eines allgemeinen Ab­rüstungsabkommens.

Anschlagsversuch aus Salto

Tokio, 9. Januar.

Am Dienstag versuchte ein Japaner, offenbar in der Absicht, den Ministerpräsidenten Saito zu ermorden, in die Wohnung Saitos einzudrin­gen. Die Wache nahm jedoch noch rechtzeitig den Eindringling fest. Man fand bei ihm eine Waffe und einen Brief. Der Schreiber des Briefes führt aus, er wolle den japanischen Minister­präsidenten töten, da so ein alter Mann wie Saito in den heutigen Zeiten nicht die japanische Politik erfolgreich leiten könne. Außerdem habe Saito den nationalen Willen des japanischen Volkes geschwächt. Der Festgenommene, der ins Polizeipräsidium eingeliefert wurde, verweigerte bisher jede Aussage.

Die linke und die rechte Hand

Englischer Protest gegen französische Wirtschafts- mahnahmen

änb. London, 9. Januar.

Daily Telegraph" meldet, die britische Regie­rung werde bei der französischen Regierung im Laufe dieser Woche einen nachdrücklichen Protest gegen die Verminderung der Einfuhrkontingente für britische Waren und gegen die Verdoppelung der Einfuhrzölle aus.britische Kohlen erheben. Das Blatt glaubt, daß die neuen französischen Maß­nahmen dem Wunsche entspringen, bei den geplan­ten Wirtschaftsverhandlungen mit Großbritannien eine Waffe in der Hand zu haben.Daily Tele­graph" fügt hinzu, es sei aber möglich, daß die Ver­minderung der Kontingente die Abhaltung der Besprechungen überhaupt in Frage st eilen werde. Es verlautet, daß der britische Botschafter in Paris Weisung habe, zu er­klären, daß nach Ansicht seiner Regierung die be­absichtigten Verhandlungen unter den neuen Be­dingungen keine Aussicht auf Erfolg haben. In einem Leitaufsatz desDaily Telegraph" heißt es, der britische Protest könne gar nicht scharf genug ausfallen, denn die französische Regierung habe diesen überraschenden Schlag mit ihrer linken Hand geführt, während sie ihre rechte Hand freund­schaftlich ausstreckte.

Festnahme eines Gtadipfaerers

änb. Traunstein, 9. Januar.

Der Stadtpfarrer von Traunstein, Geistlicher Rat Joseph Stelzle, wurde auf Veranlassung der Politischen Polizei zu seiner persönlichen Sicher­heit in Schutzhast genommen, da er durch seine Predigt am Dreikönigstage eine tiefe Empörung in der Traunsteiner Bevölkerung hervorgerufen hatte.

Kampf um Ehina

Die folgenden Zeilen sind geschrieben worden, als die militärischen Operatio­nen der chinesischen Zentralregierung noch nicht in ihr entscheidendes Stadium getreten waren. Dessenungeachtet sind sie gerade für das Verständnis der letz­ten Vorgänge in Fukien aufschlußreich.

X. Peking, Mitte Dezember 1933.

Marschall Chiang Kai Shek, der Oberherr der chinesischen Zentralregierung, führt rück- sichtslosen Kamps gegen die Aufrüh­rer in der Provinz Fukien. Die Aufständischen haben alle erdenklichen Mittel eingesetzt, und es ist in dem unwegsamen, durchschnittenen Gelände nicht leicht, sie rich­tig zu fassen. Cantonsberühmte" 19. Rote Armee, die den Japanern 1932 bei Schanghai zu schaffen machte, haben sie verstanden, auf ihre Seite zu bringen. Es sollte ums Ganze gehen. Die heiligsten Symbole der Kuomin­tang wurden in Acht erklärt, man verbrannte in Fukien die Bilder desallverehrten Füh­rers der Republik China", Sun Iat Sans, und man entrollte eine neue Fahne, um damit kundzutun, daß es sich um eine Neugestal­tung, um Begründung einer neuen Regie­rung für ganz China handeln sollte. Zu dem Zweck haben die Aufständischen auch versucht, wichtige Persönlichkeiten der großen Volks­partei, der Ku 0 mintang, auf ihre Seite zu ziehen. Das ist ihnen aber bisher nicht gelungen.

Zum ersten Male sind hier auch von der Zentralregierung Flugzeuge gegen den inne­ren Feind zur Anwendung gekommen, man spricht von Tausenden, die durch die Bom­ben der Flugzeuge der Zentralregierung in Futchau ums Leben gekommen seien. Diese- Tatsache hat sehr böses Blut in China ge­macht. Wo waren so fragt man diese chinesischen Kampfflugzeuge bei dem Kampfe gegen die Japaner an der Großen Mauer? Wo bei den Kämpfen um Schanghai, wo die chinesischen Truppen und Niederlassungen so schwer unter japanischen Flugzeugangriffen litten?

Die Stimmung im ganzen Lande ist zer­rissen. Stärker und stärker zeigen sich die Anhänger einer umfassenden Verständi­gung mit Japan. Auch in der Zentral­regierung selbst gibt es viele Anhänger die­ses Gedankens, der der chinesischen Volks­seele so naheliegt:Da ist ein übermächtiger, uns technisch und militärisch so weit über­legener Gegner vor unseren Toren. Natür­lich wird es ein etwas einseitiges Bündnis geben, man wird den Japanern viele Kon­zessionen machen müssen. Aber laß sie doch kommen, laß sie die tatsächliche Herrschaft im Lande ausüben, wenn sie uns Ruhe und Ord­nung bringen. Kamen nicht ähnlich vor 250 Jahren die Mandschus von außen und er­griffen die Macht und verbreiteten eine Ober­schicht im Lande? Nun, und wo sind jetzt alle die Mandschuleute? Du suchst sie vergebens, das unzerstörbare große chinesische Volk hat sie aufgesogen. So werden wir auch mit den Japanern schließlich fertig werden."

Indessen, augenscheinlich hat sich die Zen­tralregierung anders entschlossen. Sie war wohl schon auf dem Wege zur Anbahnung

Umbildung des pariser Kabinetts

Bayonner Skandal vor dem NNnlfterrat

Die deutsch-französische Aussprache

Aus dem Inhalt der Denkschrift / Neue Rückfragen in Varis

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Die Regierung Tataresru i« Rumänien

Don T. v. Rügelgen (Derlin)

In Bukarest und in seinem königlichen Vorort Sinaja überstürzen sich wieder einmal die Ereig­nisse. Wer das herrliche Sonnenland mit seiner leidenschaftlichen Bevölkerung kennt, kann sich vorstellen, welche Aufregungen sie durchgemacht hat, nachdem am 29. Dezember auf dem wald- umrauschten Bahnhof in Sinaja Ministerpräsident Duca unter den Schüssen des Studenten Constan- tinescu zusammenbrach. Da ist es doppelt günstig, gute Freunde aus Bukarest, die im politischen Leben stehen, zu treffen. Man erhält von ihnen allen die Versicherung, daß, wie hoch die Wellen der Leidenschaften auch schlagen mögen, der all­gemeine Zustand Rumäniens derselbe bleibt. Viel zu stark sind die unwägbaren Einflüsse, die im Charakter des Volkes und seiner führenden Schicht liegen, sind auch die persönlichen Momente an maßgebender Stelle, die sich nicht verändert haben.

Damit kommen wir schon auf die Gründe der Ermordung des ebenso liebenswürdigen und an­passungsfähigen wie energischen und zielbewuß­ten Politikers Duca zu sprechen. Denn die Eiserne Garde, die er vor den Wahlen auflösen ließ, übte scharfe Kritik an den bestehenden Zuständen und ließ sich auch keineswegs durch Rücksichtnahme auf hochgestellte Personen von Angriffen zurückhalten. Daß es an Mißständen in Rumänien leider nicht fehlt, ist nicht zu leugnen. Doch wird niemand be­haupten können, daß sie allein durch semitische Einflüsse bedingt sind, wie stark auch das Juden­tum in Rumänien sei. Die Eiserne Garde hat, bei aller Trefflichkeit vieler ihrer Forderungen, noch nichts für den Aufbau des Landes getan und Durch ihre Disziplinlosigkeit bewiesen, daß sie auch kaum dazu fähig ist.

Die Regierung Vaida Voevods glaubte dieser starken nationalen Strömung eine gewisse Unter­stützung nicht versagen zu sollen. Das hat wohl letzten Endes auch zum Sturz der Nationalzara- nisten beigetragen. Die Neubildung der Regie­rung geschah denn auch im Zeichen der Unter­drückung der unbequemen Rechtsnationalisten. Die Liberalen unter Duca fanden sich schließlich be­reit, die Regierung unter den vorgeschriebenen Bedingungen zu bilden. Dazu gehörte die Zer­schlagung der Eisernen Garde.

Man hat Duca das als eine Verzerrung des Wahlaktes ausgelegt und den Liberalen brutale Mahlmache vorgeworfen. Als Beweis wurde an­geführt, daß kein Averescaner und kein Jude in das Parlament hineingekommen seien. Doch stim­men diese Vorwürfe nicht: die Wahlen sind für rumänische Verhältnisse frei gewesen. In Ru­mänien übt jedoch die Regierung, die zur Ver­anstaltung von Wahlen berufen ist, stets eine ungeheure Anziehungskraft aus, da ihren An­hängern die meisten Beamtenposten, Konzessionen und andere Vorteile zur Verfügung stehen. Dazu kommt das eigenartige Wahlrecht. Es schließt kleine Parteien mit einem Stimmsatz unter 2 der abgegebenen Stimmen überhaupt aus und gibt der Regierungspartei eine sichere erdrückende Mehrheit. Bei der Zersplitterung der Opposition und der geringen Wahlbeteiligung mußten ver­schiedene Parteien verschwinden.

Weite Kreise des Volkes haben sich für die Wahlen überhaupt nicht mehr interessiert. Das ist zu verstehen, weil das Parlament in Rumänien immer mehr zu einer Attrappe, einer Art sinn­

losen Verzierung, geworden ist. Es war wirklich ziemlich gleichgültig, wer dort sprach und was gesprochen wurde. So steuerte der rumänische Staat, dem großen Zuge der Zeit folgend, aus die Ueberwindung des Parlamentarismus los. Der Führergedanke, den gerade die Eiserne Garde auf ihre Fahne geschrieben hatte, wäre durch Duca in stärkerem Maße als bisher angewandt worden und ist durch seine Ermordung in einer tragischen Verkettung von Ursache und Wirkung zur Durch­führung gelangt.

Denn indem der König an Stelle des beschränk­ten und verkalkten Angelescu, der als Notnagel eingesprungen war, denfürrumänischeVerhältnisse jungen (43jährigen) Handelsminister Tatarescu zum Ministerpräsidenten ernannte, tat er einen grundsätzlich neuen Schritt. Es wurde nämlich nicht Tatarescu, wie seine Vorgänger, mit der Bildung einer Regierung beauftragt sondern er wurde zum Ministerpräsidenten ernannt und zugleich als solcher vereidigt. Er hat sich jetzt eine Regierung zu bilden. Das ist nicht mehr parlamentarisches System, sondern Fllhrergrund- satz. Unter diesen Umständen ist es zu verstehen, daß Titulescu nicht sogleich seine Bereitwilligkeit erklärte, als Außenminister mitzumachen. Titu­lescu hat von jeher die Allüren einer Prima­donna gehabt und glaubte angesichts seiner großen Vergangenheit darauf bestehen zu müssen, nicht ernannt, sondern sehr dringlich gebeten zu werden.

Da die Eiserne Garde das nationale rumänische Moment dem Internationalismus entgegen­stellte und gegen die Vergewaltigung Rumäniens durch das ausländische Finanzkapital protestierte, setzten gleich nach der Ermordung Ducas fran­zösische Einflüsse ein, um diese Gewalttat wo­möglich dem verhaßten Nationalsozialismus in die Schuhe zu schieben. Es ist bezeichnend, daß zu­erst die Pariser Presse diese bewußt falsch« Rich­tung einschlug und ihr dann erst ein Teil der

Bukarester Presse folgte. Die deutsche Bevölkerung Rumäniens, die zum Teil in einer nationalsozia­listischen Erneuerungsbewegung steht, hatte mit der Eisernen Garde ebensowenig etwas zu tun, wie der Nationalsozialismus überhaupt. Die Deut­schen von ganz Rumänien haben Lei den kürzlich abgeschlossenen Wahlen mit den Liberalen zusam­men gestimmt; und der Vorsitzende des.^Verbandes der Deutschen in Rumänien", Dr. Kaspar Muth, konnte ihnen für die bewiesene einmütige Diszi­plin und Gefolgschaftstreue seinen öffentlichen Dank aussprechen. Damit ist jeder Versuch die Gewalttat Lonstantinescus mit nationalsozialisti­schen Strömungen in Verbindung zu bringen, ein­deutig widerlegt. Einem Vertreter des Pariler Journal" ist es bekanntlich gelungen, den Mör­der Constantinescu im Gefängnis zu interviewen. Der Zweck war, ihn zu einem Geständnis zu ver­anlassen, daß die Eiserne Garde mit ausländi­schen Doktrinen (wohl mitl'HitILrisme") in Verbindung stehe. Wahrheitsgetreu erklärte der fanatische Student, er habe Duca erschossen, weil er nicht wünsche, daß sein Land unter der Herr­schaft anderer Länder lebe. Ausländische Strö­mungen interessierten ihn durchaus nicht, da er allein auf rumänisch-nationalistischem Boden stehe.

Es ist unter allen Umständen für Rumänien ein Glück, daß der junge lebhafte und energisch« Tatarescu an die Stelle des alten Angelescu ge­treten ist, denn dieser hat seinerzeit als Uuter- richtsminister durch Bedrückung der Minderheiten- schulen und Einführung bürokratischer Prüfungen und andere schädliche Torheiten dem Volk großen Schaden zugefügt. Tatarescu hat im Gegenteil als Unterstaatssekretär im Innenministerium nicht nur die Minderheiten des Landes genau k-n- nengelernt, sondern sich auch als ein verständnis­voller Politiker aus diesem schwierigen Gebiet bewährt. Dennoch bleibt er Vertreter der Alt­

liberalen Partei, die der Inbegriff konservativen Chauvinismus ist. Er hat denn auch begonnen, durch die Einführung des Belagerungszustandes und der Zensur, durch die Ankündigung schärfster Verfolgung derverbrecherischen Nationalisten" die Zügel stramm anzuziehen. Man muß anneh­men, daß die Regierung Tatarescu im Innern den Zentralismus hochhalten, auf wirtschaftlichem Gebiet autarkischen Bestrebungen nachgehen und die Einfuhr möglichst drosseln wird. Nach außen hin wird, wie man gewärtig sein muß, Rumänien an der weiteren Festigung der bestehenden Bünd­nisse arbeiten. Frankreich und die Kleine Entente werden also die maßgebenden Faktoren in der rumänischen Außenpolitik bleiben. Und der Kampf gegen den Revisionismus wird nicht nachlassen.

Es ist unter diesen Umständen nicht anzuneh­men, daß die Beziehungen zwischen Rumänien und Deutschland enger und wärmer werden. Doch soll man sich davor hüten zu prophezeien und die Bedeutung der liberalen Tradition zu überschätzen. Wir haben bei den nationalzaranistischen Regie­rungen das Schauspiel gehabt, daß sie, gerade, weil sie nicht hundertprozentig in französischem Bann standen, sich oft bemühten, noch mehr als 100 A auszuweisen, sei es auch nur, um die harten Gläubiger in Paris milder zu stimmen. Man kann daher annehmen, daß die Liberalen in schwierigen Situationen in der Lage sein werden größere Selbständigkeit zu zeigen, ohne sich dem schrecklichen" Vorwurf der Deutschlandfreundlich­keit auszusetzen. Man kann gerechterweise anneh­men, daß ein Mann wie Ministerpräsident Ta­tarescu vor allem die wirklichen Interessen 'eines Landes im Auge hat und haben wird, und diese Interessen laufen, wenn man eine Gesundung Rumäniens ins Auge faßt, auf wirtschaftlichem und, in nicht allzuferner Zeit, vielleicht auch auf politischem Gebiet mit denen Deutschlands zu­sammen.