v reiner
klas amUiche Organ des Senats
N
6
der Freien LanfestM öremen
Am Erscheinen RM. 2 30 einschließlich 30 Rpf. Zustellungsgebühr: durch die Post
s-Ä^'^^^Uederweisungsgebuhr ausschl. Postbestellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu entrichten. — Postscheck Hamburg 172 72. — Betriebsstörungen begründen keinen Anspruch auf Erstattung oder Ersatz.
Bremer Zeitung, Verlagsgesellschaft m. b. H., Eeeren 8 bis 8 / Fernruf: Sammelnummer Roland 62S.
19 3
4 1
Anzeigen-Grundpreise: Je mm-Zeile im Anzeigenteil (15 Spalten) 12 Rps., im Textteil (5 Spalten) 7b Rpf. Ermäßigte Grundpreise (für Stellengesuche, Familienanzeigen. kleine Anzeigen. Vereinsmitteilungen u. a.) sowie sonstige Bedingungen laut Preisliste. Für Anzeigen durch Fernsprecher keine Gewähr. Annahmeschluß 16 Uhr. Sprechzeit des Verlages werktäglich von 12—13 Uhr, der Schriftleituug werktäglich von 16—17 Uhr.
Nr. S/i. Vierteljahr ;
Sienstag, den y.
Januar
Einzelpreis is Rpf.
„Totaler Staat?"
Ein Artikel Alfred Rosenbergs
Berlin, 8. Januar.
Der Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP., Alfred Rosen berg, nimmt im „Völkischen Beobachter" in einem Artikel „Totaler Staat?" zu der Anschauung Stellung, daß an die Stelle des Parteistaates der sogenannte totale Staat trete. Dabei habe man aber, so erklärt Alfred Rosenberg, übersehen, daß der abstrakte Staat ein Gedanke des liberalistischen Zeitalters gewesen sei, der als technisches Machtinstrument neben Wirtschaft und Kultur als ein für sich Bestehendes hingestellt und demgemäß angebetet oder bekämpft worden sei. In Wirklichkeit sei es so gewesen, daß die Vertreter des Staates vor dem Kriege oft kein Gefühl mehr dafür gehabt hätten, Diener des Boldes zu sein, sondern sie hätten den Staat als ein Ding für sich betrachtet, das über derNation schwebe.
Was sich jedoch im vergangenen Jahre vollzogen habe und in weiterem Umfange noch vollziehen werde, sei nicht die sogenannte Totalität des Staates, sondern die Totalität der nationalsozialistischen Bewegung. Der Staat sei nicht mehr etwas, was neben dem Volk und neben der Bewegung bestehen solle, sondern er solle ein Werkzeug der herrschenden nationalsozialistischen Weltanschauung ein. Es empfehle sich also für alle National- ozialisten, nicht mehr vom totalen Staat zu prechen, sondern von der Ganzheit Totalität) der nationalsozialistischen Weltanschauung, der NSDAP. als Körper dieser Weltanschauung und > vom nationalsozialistischen Staate als dem Werkzeug zur Sicherung von Seele, Geist und Blut des Nationalsozialismus als der epochalen Erscheinung, die im 26. Jahrhundert ihren Ansang genommen hat.
Amnestie für nationale Beamtenkämpser
Berlin, 8. Januar.
Ministerpräsident Göring hat, auch in seiner Eigenschaft als Innenminister, eine Ausführungsanweisung zum Gesetz über die Aufhebung der im Kampf für die nationale Erhebung erlittenen Dienststrafen und sonstigen Maßregelungen erlassen. Wie das VDZ.-Büro meldet, wird darin die Zuständigkeit für die Entscheidung über die Einstellung von Verfahren solcher Art dem in Betracht kommenden Dienststrafgericht übertragen bzw., wenn die Anschuldigungsschrift dort noch nicht vorliegt, der Einleitungsbehörde.
Für das sehr wesentliche Wiederaufnahmeverfahren wird bestimmt, daß den Wiederaufnahmeantrag der aus dem Amt entfernte Beamte selbst, sein gesetzlicher Vertreter bzw. nach seinem Tode sein Ehegatte und seine Verwandten auf- und absteigender Linie stellen können. Der Antrag ist schriftlich bei dem Fachminister einzureichen, dessen Verwaltung der Beamte unterstand, als das Dienststrafurteil rechtskräftig wurde. Das Dienststrafgericht kann gegebenenfalls ohne neue mündliche Verhandlung die frühere Entscheidung aufheben und auf Freisprechung erkennen.
Neuer Polizeipräsident in Elbing
Berlin, 8. Januar
Der Standartenführer Dorsch in Elbing ist zum Polizeipräsidenten daselbst ernannt worden.
Der Bankkrach in Frankreich
Selbstmordversuch des Betrügers Stavisky / Umbildung der
französischen Regierung
Paris, 8. Januar.
Der Riesenbetrüger S t a v i s k y hat am Montag in einer von ihm gemieteten Villa in Chamonix einen Selbstmordver- s u ch unternommen, indem er sich eine Kugel durch den Kops jagte. Sein Zustand isthosf - nungslos.
Stavisky, dessen Spur am Sonntag in der Gegend von Chamonix aufgenommen wurde, hatte sich in dem Wintersportort eine Villa gemietet, die am Montag von den Pariser Polizeikommissaren ausfindig gemacht werden konnte. Am Montagmittag stellten sich Beamte in der Villa ein und versuchten vergebens, sich Einlaß zu verschaffen. Aus mehrmaliges Klopfen hörten sie plötzlich in einem der Zimmer einen Schuß fallen. Als sie die Tür aufbrachen, fanden sie Stavisky mit einer Kopfwunde bewußtlos auf dem Fußboden liegen.
Zu der Aufdeckung des Verstecks Staviskys und seinem Selbstmordversuch wird ergänzend berichtet, daß Stavisky in Begleitung eines übel- beleumdeten und mehrfach vorbestraften Mannes reiste, dessen Name allerdings noch nicht bekanntgegeben worden ist. Während Stavisky sich bereits einen gefälschten Paß besorgt hatte, was seine Flucht erleichterte, reiste sein Begleiter auf seinem richtigen Namen. Polizeibeamte verfolgten deshalb auch zunächst die Spur des letzteren, die nach Chamonix zu einer Villa führte. Die Beamten umstellten das Haus, während der Besitzer versuchte, sich Einlaß zu verschaffen. Er überstieg die Gartenmauer und klopfte an die Verandatür, ohne Antwort zu erhalten. Während er eine Fensterscheibe eindrückte, um den Riegel des Fensters zu öffnen, ertönte ein Schuß. Bald darauf fand man Stavisky röchelnd in einem der Zimmer liegen. Der Arzt stellte den Ein- und Ausschuß am Kopf fest und erklärte, daß Stavisky nur noch wenige Stunden am Leben bleiben könnte.
Seit io Zähren „streng überwacht"
Paris, 8. Januar.
Die Pariser Mittagsblätter erwarten im Laufs des heutigen Montag zwei sensationelle Ereignisse im Zusammenhang mit der Bayonner Skandal- affäre. Es wird sich einmal entscheiden, ob der Kolonialminister Dalimier von seinem Posten zurücktritt oder ob er durch seine hartnäckige Weigerung den Ministerpräsidenten dazis zwingt, den Eesamtrllcktritt der Regierung einzureichen, um eine Neubesetzung seines Kabinetts unter Ausschluß Dalimiers vorzunehmen.
Der Pariser Polizeipräsident ist am Montagmorgen aus Florenz in Paris eingetroffen und hat sich sofort zum Ministerpräsidenten begeben. Auf dem Bahnhof erklärte er, daß die Polizei Stavisky Ichon seit zehn Jahren überwache (!!) und daß diese Ueberwachung so streng durchgeführt worden sei, daß der Betrüger vor kurzem einmal bei ihm, dem Polizeipräsidenten, sich darüber beschwert habe.
ISO Kompromittierte!
äub. Paris, 8. Januar.
Die royalistische „Action francäise" will von einem Gerücht wissen, wonach Ministerpräsident Chautemps am Sonnabend von einem Verbindungsmann Staviskys aufgesucht worden sei» soll. Es handle sich um einen bekannten Rechts- auwalt und Politiker, der mit dem Direktor der „Volonte", Duvarry, eng befreundet sei. Durch diese« Mittelsmann habe Stavisky dem Ministerpräsidenten mitteilen lassen, daß er bereit sei, sich gegen gewisse Zusicherungen dem Gericht zu stellen. Aber er habe gleichzeitig andeuten lasse«, daß er im Besitz einer Liste kompromittierter
Ddik. Paris, 8. Januar.
Kolonialminister Dalimier hat Montagabend dem Ministerpräsidenten Chau- temps sein Rücktrittsschreiben überreichen lassen. Ministerpräsident Chautemps hat das Rücktrittsgesuch angenommen.
Ministerpräsident Chautemps gab im Ministerrat, der am Montag nachmittag zusammentrat, eine Uebersicht über den Krach von Bayonne und der bisher ergriffenen Maßnahmen. Er wiederholte, daß er volle Klarheit über diesen Fall schaffen und darüber wachen werde, daß die Untersuchung mit ungeminderter Energie fortgesetzt und durch nichts behindert werde.
Kolonialminister Dalimier erläuterte darauf seine Rolle in der Angelegenheit und verwies aus die von ihm in der Presse übergebenen Erklärungen. Er habe anhand von Dokumenten des Arbeitsministeriums (das er früher leitete) den Beweis für die Gutgläubigkeit seiner Haltung erbracht.
»
„Echo de Paris" schreibt, daß Ministerpräsident Chautemps als Nachfolger Dalimiers wieder einen radikalen Abgeordneten berufen werde; aber auch die Möglichkeit des Eesamtrücktritts der Regierung wird nicht von der Hand gewiesen und vom „Petit Parisien "sogar für wahrscheinlich gehalten. In diesem Falle, so erklärt das offiziöse Blatt, wie übrigens auch der „Excelsior", würde Chautemps noch heute ein neues Kabinett bilden und mit ihm am Dienstag vor das Parlament treten.
Falls Herriot sich zum Eintritt in die neue Regierung bereit erklären sollte, würde Paul-Von- cour ihm unter Umständen das Außenministerium überlassen und selber das Justizministerium übernehmen, während dem bisherigen Justizminister Reynauldt das Sozial-Ressort übertragen würde. Die Presse fordert Ministerpräsident Chautemps auf, mit unbeirrbarer Strenge gegen die Schuldigen vorzugehen.
Persönlichkeiten sei, die nicht weniger als 18ll Namen enthalte.
Auch eine englische Bank betroffen?
London, 8. Januar
Nach einer Meldung des „Daily Expreß" ist auch eine bekannte englische Bank durch die Betrügereien .des flüchtigen Finanzmanns Stavisky in Frankreich in Mitleidenschaft gezogen worden. Stavisky habe bei der Bank, deren Namen nicht genannt wird, eine Anleihe für ein südosteuro- päisches Land aufgenommen und als Sicherheit dafür wertlose Kassenscheine hinterlegt. Die Verluste der Bank werden mit 300 000 Pfund ange-
Die radikale Zeitung „Republique" verlangt schleunige Verabschiedung eines Gesetzes zum Schutze der kleinen Sparer. Auch „Ere Nouvelle", die sich auf den Standpunkt Herriots stellt, daß die gerichtliche Untersuchung ihren Weg gehen müsse und nicht auf das politische Gebiet hin- übergezerrt werden dürfe, schreibt: „Es besteht eine Krise, die viel ernster ist, als alles andere: die Krise der Moral. Genug der Skandale!"
Die Rechtspresse bleibt weiterhin kritisch. „Echo de Paris" erklärt z. V„ mit der Verhaftung des radikalen Abgeordneten und Bürgermeisters von Bayonne, Karat, habe die Regierung lediglich angesichts der bevorstehenden parlamentarischen Verhandlungen für ihre Unparteilichkeit Reklame machen wollen.
Höher geht's nimmer
Staatsgefiihrliche Feuerwehrmitglieder in der Tschechei
Der Landeskommandant der deutschen Feuerwehren Mährens hat alle Feuerwehren in einem Rundschreiben aufgefordert, binnen 72 Stunden Ausschußsitzungen einzuberufen und alle Ausschußmitglieder nach ihrer Zugehörigkeit zur DNSAP. und Nationalpartei zu befragen; im Falle der Bejahung seien die Ausschußmitglieder anzuhalten, ihr Amt sofort niederzulegen und die Versammlung sofort zu verlassen. Dieser Befehl beruft sich auf den Paragraphen 3 des tschechoslowakischen Parteiengesetzes.
Maffenpanik in Kioto
70 Tote, 5« Verletzte
Tokio, 8. Januar
Bei der Verabschiedung der zum Frontdienst eingezogenen Marinerekruten ereignete sich auf dem Bahnhof von Kioto eine furchtbare Massen- panik, bei der 70 Menschen getötet und 56 verletzt wurden. In dem ungeheuren Gedränge der auf dem Bahnhof versammelten Menschen wurde ein ganzer Hausen von Personen zu Boden geworfen und von nachflutenden Massen, die nicht ausweichen konnten, erdrückt.
geben.
Rücktritt des Kolonialmim'siers
Dalimier zurückgetreten
Dollsuß Wird nervös
Sonderbeschlüsse gegen die anwachsende nationalsozialistische Bewegung
Wie», 8. Januar
Das Kabinett trat Montag nachmittag unter dem Vorsitz des Bundeskanzlers Dollsuß zu einem außerordentlichen Kabinettsrat zusammen, in dem ausschließlich neue Abwehrmaßnahmen gegen die anwachsende nationalsozialistische Bewegung in Oesterreich erörtert wurde«. Es wurde der Erlaß eines Aufrufes der Bundesregierung an das österreichische Volk beschlossen, der der Presse als „Pflichtnachricht" zum Abdruck übermittelt wird. Das Kabinett hat in der Sitzung, wie es in der amtlichen Mitteilung heißt, „einen Bericht über die in den letzten Tagen besonders verschärfte und offensichtlich organisierte nationalsozialistische Agitationstätigkeit entgegengenommen, die mit zahlreichen Terrorakten verbunden war". Die hierdurch notwendig gewordenen Maßnahmen hätten die einhellige Billigung des Ministerrates gefunden.
Der Aufruf „An Oesterreichs Volk" spricht davon, daß sich die Bundesregierung bisher auf eine „maßvolle Abwehr" beschränkt habe, in der Hoffnung, es werde endlich „Vernunft über Wahnsinn den Sieg davontragen". Aus dieser Erwägung sei in den Weihnachts- und Neujahrstagen auch eine Reihe von Enadenakten vorgenommen worden. Die daran geknüpften Hoffnungen seien vergeblich gewesen. In den letzten Tagen seien nicht weniger als 110 „Sprengstoffanschläge" in allen Teilen des Bundesgebiets verübt worden. Die Bundesregierung sei entschlossen, nunmehr mit allen, auch den schärfsten Mitteln diesen Akten des Terrors und der Demonstration ein für allemal ein Ende zu setzen.
Mit dem heutigen Tage seien daher starke Abteilungen des freiwilligen Schutzkorps aufgeboten worden, die gemeinsam mit der Polizei und Gendarmerie alle Versuche, dieses „verbrecherische Treiben" fortzusetzen, zunichte machen würden.
Dem Aufruf ist außerdem ein entsprechender Kommentar der „Politischen Korrespondenz", gleichfalls als Pflichtnachricht, beigefügt.
Simon erstattet Bericht
London, 8. Januar.
Ministerpräsident Macdonald ist Montag früh aus Schottland nach London zurückgekehrt. Er hatte vormittags eine lange Besprechung mit Sir John Simon über den gegenwärtigen Stand der Abrüstungsfrage. Der britische Außenminister hat Macdonald ausführlich über seine Besprechungen in Rom und Paris Bericht erstattet.
Entgegen den bisherigen Erwartungen ist, wie Reuter meldet, für die nächsten Tage weder mit einer Kabinettssitzung, noch mit einer Sitzung des Abrüstungsausschusses des Kabinetts zu rechnen, die speziell die Abrüstungsfrage zu beraten hätten. Diese.Verschiebung sei nicht etwa so aufzufassen, als ob man die Abrüstungsfrage weniger tatkräftig weiter behandele, sondern weil man der Ansicht sei, daß die Zeit der Verhandlungen zur gegenseitigen-llnterrichtung der Regierungen noch nicht abgeschlossen sei. Diese Verhandlungen wären aber noch nicht so weit gediehen, daß die geplanten Sitzungen des Kabinetts und des Kabinettsausschusses nützliche Ergebnisse bringen könnten. Abrüstung und politische Entspannung blieben Endziel der britischen Politik.
Ostpreußens Industrialisierung
Don Or. Dieselben Wirsing (Wnnchen)
Zu den vordringlichen Aufgaben, die dem nationalsozialistischen Deutschland gestellt sind, gehört der Neuaufbau der deutschen Ostmark. Obwohl unter der Weimarer Republik insbesondere von OstpreußenZehr viel gesprochen worden ist, wurde doch herzlich wenig ins Werk gesetzt, um die deutsche Vorpostenstellung im Nordosten von innen heraus zu sichern und zu kräftigen. Der Prozeß gegen den früheren ostpreußischen Eeneralland- schaftsdirektor von Hippel hat auf das peinlichste erwiesen, zu welcher Demoralisierung das System der individuellen Subventionen geführt hat, das der Staat von Weimar anzuwenden pflegte. Man kurierte an den Symptonen und ließ die Kernfrage außer acht. Dies hat sich im neuen Staat grundsätzlich gewandelt. War die mit größtem Erfolg durchgeführte ostpreußische Arbeitsschlacht in diesem Sommer, die zu einer Eingliederung der Arbeitslosen der Provinz in den Arbeitsprozeß führte, nur eine Vorbereitung für Kommendes, so befaßte sich die Reichsregierung schon bald nach der Revolution in Zusammenarbeit mit dem ostpreußischen Oberpräsidenten Gauleiter Erich Koch mit der Ausarbeitung eines Planes, der die künftigen Etappen des inneren Aufbaues Ostpreußens enthalten soll.
Das Erundproblem.
Das Grundproblem der ostpreußischen Wirtschaft kann kurz darin gesehen werden, daß die ostpreu- tzischen Agrarprodukte allzuweit von ihrem Absatzmärkten entfernt sind Man kann diese Schwierigkeiten durch verschiedene Mittel abmildern, wirksam beheben kann man sie mit den überkomme
nen Methoden nicht. Da innerhalb der ostpreußischen Agrarprodukte die Viehzucht eine bedeutsame Rolle spielt und nach den natürlichen Grundlagen der Provinz spielen muß, wird man immer wieder mit der mißlichen Tatsache zu rechnen haben, daß der ostpreußische Bauer sein Vieh nach Berliner Märkten zu ziemlich langfristigen Terminen liefern muß, die eine Einstellung auf die Konjunkturlage des Marktes fast völlig ausschließen. Dies wirkt sich besonders unangenehm beim Siedler aus, dessen wesentlichstes Verkaufsprodukt in Ostpreußen das Schwein ist, weshalb die berühmte „Schweinekurve", d. h. die Schwankungen der Schweinepreise, schon so oft zu einer Schicksalskurve für den ostpreußischen Siedler geworden ist.
In den Mittelpunkt der Pläne des Neuaufbaues der ostpreußischen Wirtschaft ist daher mit vollem Recht die Frage gerückt worden, ob es nicht möglich wäre, in Ostpreußen selbst mit der Zeit einen Markt zu schaffen, der einen beträchtlichen Teil der ostpreußischen Agrarproduktion aufnehmen könnte. Wie im Mittelalter die Kolonisation des Bauern immer Hand in Hand ging mit der Neuanl-rge von Städten — die ostpreußische Kolonisationsgeschichte des Deutschen Ordens ist hierfür gerade ein hervorragendes Beispiel —, so muß heute die Kolonisation des Bauern mit der Seßhaftmachung von Industriearbeitern sich in einem gewissen Gleichmaß vollziehen.
Eine Politische Notwendigkeit
In Anknüpfung an gewisse Pläne und Unternehmungen des Vorkriegsdeutschlands, wo aus ganz ähnlichen Eedankengängen heraus ein Dan-
ziger Oberpräsident mit der Industrialisierung Danzigs begann, hat nun die Reichsregierung die Industrialisierung Ostpreußens als eine politische Notwendigkeit anerkannt. Es versteht sich von selbst, daß diese weittragenden Pläne auf sehr weite Sicht hin angelegt werden müßten. Um eine Aktivierung Ostpreußens durch die Privatinitiative in Gang zu setzen, muß zunächst eine allgemeine Lastensenkung in Ostpreußen eintreten, die die Nachteile der ostpreußischen geographischen Lage aufwiegen muß. Hinzu kommt, daß die ostpreußischen Werke durch gesetzgeberische Maßnahmen die Befugnis bekommen müssen, in bestimmte Aufträge kraft eines Vorlieferungsrechtes einzutreten.
Es war vorauszusehen, daß die Frage der Industrialisierung Ostpreußens ein heftiges Für und Wider hervorrufen würde. Eine sachliche Diskussion dieser Probleme ist heute unbedingt notwendig, denn es handelt sich hierbei um Aufgaben, die in ihrer Bedeutung keineswegs auf Ostpreußen beschränkt bleiben, sondern die das gesamte deutsche Volk angehen. Die Zerstörung des letzten Restes der Mainlinie durch die nationalsozialistische Revolution hat auch den deutschen Süden an diese Fragen viel näher herangerückt, als dies jemals in der deutschen Geschichte seit dem Ende der mittelalterlichen Kolonisation der Fall war. Der Osten und insbesondere Ostpreußen ist heute wieder eine Angelegenheit des ganzen deutschen Volkes!
Es nimmt sich jedoch schlecht aus, wenn in dieser Frage von gewissen mehr oder minder reaktionären Kreisen auf Umwegen versucht wird, die altbekannte Jnteressenpolitik wieder einzuschmuggeln. Es handelt sich bei der Frage der Industrialisierung Ostpreußens heute zunächst darum, klarzulegen, Laß in Ostpreußen keineswegs durch eine Sonderpolitik neue Industrien ins Leben gerufen werden sollen, während im übrigen
Reiche noch zahlreiche Fabriken stillstehen. Die ohnehin übergroße deutsche Jndustriekapazität soll durch die Jndustrialisierungspläne nicht ausgeweitet werden, sondern es soll eine gesunde Verlagerung der heute, noch zum Teil durchaus unnötig massierten Industrien eintreten, die auch für den Osten ein besseres Gleichgewicht von Landwirtschaft und Industrie schaffen könnte. Eine solche Verlagerung ist heute um so eher möglich geworden, als für die Standortfrage nach den Erfindungen der letzten Jahrzehnte ganz andere Gesichtspunkte maßgebend sind, wie in der Zeit, in der in Mittel- und Westdeutschland die neugegrllndeten Industrien sich auf engstem Raum zusammenballen mußten. Es wird sich dabei sür Ostpreußen vor allem um jene Leichtindustrien handeln, die standortmäßig nicht an bestimmte Rohstoffe gebunden sind.
Es ist durchaus eine Verkennung der Tatsachen, wenn unlängst in der Zeitschrift des Verbandes sächsischer Industrieller „Sächsische Industrie" in einem Artikel, der auch von verschiedenen Zeitungen mit liberalen Wirtlchaftsredaktionen übernommen wurde, behauptet wird das Ziel des Ostpreußen-Planes sei die Schaffung einer: „wirtschaftsautarken Insel im Reiche", das dem großen Gedanken der Reichseinheit widerspreche, der unsere Innenpolitik bestimmt. Schon die Bezeichnung Ostpreußens als einer Insel ist falsch und mit Nachdruck abzulehnen. Ostpreußen hat vielmehr als vornehmste Aufgabe seine Brückcn- stellung nach dem Osten auszubauen und seine räumlichen Vorgegebenheiten vor allem auch wirtschaftlich zu nutzen. Das wird aber nur möglich sein, wenn in Ostpreußen eine Verarbeitungsindustrie vorhanden ist, die die Provinz in die Lage versetzt, nicht nur Durchgangsland, sondern Knotenpunkt des künftigen Osthandels zu werden Die Unterstellung, der Ostpreußen-Plan strebe für
unsere ausschlaggebende Vorpostenprovinz eine „provinzielle Autarkie" an, ist auch aus außenpolitischen Gründen auf das schärfste zurückzuweisen. Leider muß man immer wieder feststellen, auf welch unglaublich schmaler Grundlage noch immer die Kenntnisse mancher Kreise über die Probleme des deutschen und europäischen Ostens aufgebaut sind, die sich nichtsdestoweniger berufen fühlen, zu diesen Fragen das Wort zu ergreifen. Handelt es sich doch in Wirklichkeit gerade darum, den Güteraustausch zwischen Ostpreußen und dem Reich zu intensivieren., was ohne Durchführung des Jndustrialisierungsplanes nur in sehr bescheidenem Maße möglich .ein dürfte. Ein Eedankengang, der übrigens in der rheinischen Industrie durchaus verstanden wird!
Der Ostpreußen-Plan sieht vor, daß jeder Arbeiter in einem Eigenheim wohnen soll, das mit zwei bis vier Morgen Land ausgestattet ist Hier ergeben sich völlig neue Möglichkeiten einer modernen Jndustriesiedlung, die für den ganzen Ostraum vorbildlich werden können. Es liegt nahe, daß noch manche in unsere Zeit hineinragende Vertreter, der liberalen Epoche der rlten Schulweisheit entsprechend, Ostpreußen nach me vor nur als eine Agrarprovinz sehen möchten. Daß Ostpreußen damit niemals die Gefahr überwinden kann, zu einem Anhängsel des Reiches zu werden, bleibt dem schematische» Denken der liberalen Schule natürlich verborgen. Der Jndustr a- lisierungsplan birgt alle Ansätze für eine gesunde Volks- und Wirtschaftsordnung im deutschen Osten in sich, die dann auch jene ichmälibche Ueberlieferung des liberalen Zeitalters zerstören wird, nach der der Westen und Süden Deutschlands immer mit einer gewissen Herablassung nach dem Osten zu blicken pflegten.