Ausgabe 
(9.1.1934) Nr. 8
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der Freien LanfestM öremen

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Bremer Zeitung, Verlagsgesellschaft m. b. H., Eeeren 8 bis 8 / Fernruf: Sammelnummer Roland 62S.

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Nr. S/i. Vierteljahr ;

Sienstag, den y.

Januar

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Totaler Staat?"

Ein Artikel Alfred Rosenbergs

Berlin, 8. Januar.

Der Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP., Alfred Rosen berg, nimmt im Völkischen Beobachter" in einem Artikel Totaler Staat?" zu der Anschauung Stel­lung, daß an die Stelle des Parteistaates der sogenannte totale Staat trete. Dabei habe man aber, so erklärt Alfred Rosenberg, über­sehen, daß der abstrakte Staat ein Gedanke des liberalistischen Zeitalters gewesen sei, der als technisches Machtinstrument neben Wirtschaft und Kultur als ein für sich Be­stehendes hingestellt und demgemäß ange­betet oder bekämpft worden sei. In Wirk­lichkeit sei es so gewesen, daß die Vertreter des Staates vor dem Kriege oft kein Gefühl mehr dafür gehabt hätten, Diener des Bol­des zu sein, sondern sie hätten den Staat als ein Ding für sich betrachtet, das über derNation schwebe.

Was sich jedoch im vergangenen Jahre voll­zogen habe und in weiterem Umfange noch vollziehen werde, sei nicht die sogenannte Totalität des Staates, sondern die Totalität der nationalsozialistischen Bewegung. Der Staat sei nicht mehr etwas, was neben dem Volk und neben der Bewegung bestehen solle, sondern er solle ein Werkzeug der herrschen­den nationalsozialistischen Weltanschauung ein. Es empfehle sich also für alle National- ozialisten, nicht mehr vom totalen Staat zu prechen, sondern von der Ganzheit Totalität) der nationalsozialistischen Welt­anschauung, der NSDAP. als Körper dieser Weltanschauung und > vom nationalsozialisti­schen Staate als dem Werkzeug zur Sicherung von Seele, Geist und Blut des Nationalsozia­lismus als der epochalen Erscheinung, die im 26. Jahrhundert ihren Ansang genommen hat.

Amnestie für nationale Beamtenkämpser

Berlin, 8. Januar.

Ministerpräsident Göring hat, auch in seiner Eigenschaft als Innenminister, eine Ausführungs­anweisung zum Gesetz über die Aufhebung der im Kampf für die nationale Erhebung erlittenen Dienststrafen und sonstigen Maßregelungen er­lassen. Wie das VDZ.-Büro meldet, wird darin die Zuständigkeit für die Entscheidung über die Einstellung von Verfahren solcher Art dem in Betracht kommenden Dienststrafgericht übertragen bzw., wenn die Anschuldigungsschrift dort noch nicht vorliegt, der Einleitungsbehörde.

Für das sehr wesentliche Wiederaufnahmever­fahren wird bestimmt, daß den Wiederaufnahme­antrag der aus dem Amt entfernte Beamte selbst, sein gesetzlicher Vertreter bzw. nach seinem Tode sein Ehegatte und seine Verwandten auf- und ab­steigender Linie stellen können. Der Antrag ist schriftlich bei dem Fachminister einzureichen, dessen Verwaltung der Beamte unterstand, als das Dienststrafurteil rechtskräftig wurde. Das Dienst­strafgericht kann gegebenenfalls ohne neue münd­liche Verhandlung die frühere Entscheidung auf­heben und auf Freisprechung erkennen.

Neuer Polizeipräsident in Elbing

Berlin, 8. Januar

Der Standartenführer Dorsch in Elbing ist zum Polizeipräsidenten daselbst ernannt worden.

Der Bankkrach in Frankreich

Selbstmordversuch des Betrügers Stavisky / Umbildung der

französischen Regierung

Paris, 8. Januar.

Der Riesenbetrüger S t a v i s k y hat am Montag in einer von ihm gemieteten Villa in Chamonix einen Selbstmordver- s u ch unternommen, indem er sich eine Kugel durch den Kops jagte. Sein Zustand isthosf - nungslos.

Stavisky, dessen Spur am Sonntag in der Ge­gend von Chamonix aufgenommen wurde, hatte sich in dem Wintersportort eine Villa gemietet, die am Montag von den Pariser Polizeikommissaren ausfindig gemacht werden konnte. Am Montag­mittag stellten sich Beamte in der Villa ein und versuchten vergebens, sich Einlaß zu verschaffen. Aus mehrmaliges Klopfen hörten sie plötzlich in einem der Zimmer einen Schuß fallen. Als sie die Tür aufbrachen, fanden sie Stavisky mit einer Kopfwunde bewußtlos auf dem Fußboden liegen.

Zu der Aufdeckung des Verstecks Staviskys und seinem Selbstmordversuch wird ergänzend berich­tet, daß Stavisky in Begleitung eines übel- beleumdeten und mehrfach vorbestraften Mannes reiste, dessen Name allerdings noch nicht bekannt­gegeben worden ist. Während Stavisky sich bereits einen gefälschten Paß besorgt hatte, was seine Flucht erleichterte, reiste sein Begleiter auf seinem richtigen Namen. Polizeibeamte verfolg­ten deshalb auch zunächst die Spur des letzteren, die nach Chamonix zu einer Villa führte. Die Be­amten umstellten das Haus, während der Besitzer versuchte, sich Einlaß zu verschaffen. Er überstieg die Gartenmauer und klopfte an die Verandatür, ohne Antwort zu erhalten. Während er eine Fen­sterscheibe eindrückte, um den Riegel des Fensters zu öffnen, ertönte ein Schuß. Bald darauf fand man Stavisky röchelnd in einem der Zimmer liegen. Der Arzt stellte den Ein- und Ausschuß am Kopf fest und erklärte, daß Stavisky nur noch wenige Stunden am Leben bleiben könnte.

Seit io Zährenstreng überwacht"

Paris, 8. Januar.

Die Pariser Mittagsblätter erwarten im Laufs des heutigen Montag zwei sensationelle Ereignisse im Zusammenhang mit der Bayonner Skandal- affäre. Es wird sich einmal entscheiden, ob der Kolonialminister Dalimier von seinem Posten zurücktritt oder ob er durch seine hartnäckige Weigerung den Ministerpräsidenten dazis zwingt, den Eesamtrllcktritt der Regierung einzureichen, um eine Neubesetzung seines Kabinetts unter Ausschluß Dalimiers vorzunehmen.

Der Pariser Polizeipräsident ist am Montag­morgen aus Florenz in Paris eingetroffen und hat sich sofort zum Ministerpräsidenten begeben. Auf dem Bahnhof erklärte er, daß die Polizei Stavisky Ichon seit zehn Jahren überwache (!!) und daß diese Ueberwachung so streng durchge­führt worden sei, daß der Betrüger vor kurzem einmal bei ihm, dem Polizeipräsidenten, sich dar­über beschwert habe.

ISO Kompromittierte!

äub. Paris, 8. Januar.

Die royalistischeAction francäise" will von einem Gerücht wissen, wonach Ministerpräsident Chautemps am Sonnabend von einem Verbin­dungsmann Staviskys aufgesucht worden sei» soll. Es handle sich um einen bekannten Rechts- auwalt und Politiker, der mit dem Direktor der Volonte", Duvarry, eng befreundet sei. Durch diese« Mittelsmann habe Stavisky dem Mini­sterpräsidenten mitteilen lassen, daß er bereit sei, sich gegen gewisse Zusicherungen dem Gericht zu stellen. Aber er habe gleichzeitig andeuten lasse«, daß er im Besitz einer Liste kompromittierter

Ddik. Paris, 8. Januar.

Kolonialminister Dalimier hat Mon­tagabend dem Ministerpräsidenten Chau- temps sein Rücktrittsschreiben überreichen lassen. Ministerpräsident Chautemps hat das Rücktrittsgesuch angenommen.

Ministerpräsident Chautemps gab im Minister­rat, der am Montag nachmittag zusammentrat, eine Uebersicht über den Krach von Bayonne und der bisher ergriffenen Maßnahmen. Er wieder­holte, daß er volle Klarheit über diesen Fall schaf­fen und darüber wachen werde, daß die Unter­suchung mit ungeminderter Energie fortgesetzt und durch nichts behindert werde.

Kolonialminister Dalimier erläuterte dar­auf seine Rolle in der Angelegenheit und verwies aus die von ihm in der Presse übergebenen Er­klärungen. Er habe anhand von Dokumenten des Arbeitsministeriums (das er früher leitete) den Beweis für die Gutgläubigkeit seiner Haltung erbracht.

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Echo de Paris" schreibt, daß Ministerpräsident Chautemps als Nachfolger Dalimiers wieder einen radikalen Abgeordneten berufen werde; aber auch die Möglichkeit des Eesamtrücktritts der Regierung wird nicht von der Hand gewiesen und vomPetit Parisien "sogar für wahrscheinlich gehalten. In diesem Falle, so erklärt das offiziöse Blatt, wie übrigens auch derExcelsior", würde Chautemps noch heute ein neues Kabinett bilden und mit ihm am Dienstag vor das Parlament treten.

Falls Herriot sich zum Eintritt in die neue Re­gierung bereit erklären sollte, würde Paul-Von- cour ihm unter Umständen das Außenministerium überlassen und selber das Justizministerium über­nehmen, während dem bisherigen Justizminister Reynauldt das Sozial-Ressort übertragen würde. Die Presse fordert Ministerpräsident Chautemps auf, mit unbeirrbarer Strenge gegen die Schul­digen vorzugehen.

Persönlichkeiten sei, die nicht weniger als 18ll Na­men enthalte.

Auch eine englische Bank betroffen?

London, 8. Januar

Nach einer Meldung desDaily Expreß" ist auch eine bekannte englische Bank durch die Be­trügereien .des flüchtigen Finanzmanns Stavisky in Frankreich in Mitleidenschaft gezogen worden. Stavisky habe bei der Bank, deren Namen nicht genannt wird, eine Anleihe für ein südosteuro- päisches Land aufgenommen und als Sicherheit dafür wertlose Kassenscheine hinterlegt. Die Ver­luste der Bank werden mit 300 000 Pfund ange-

Die radikale ZeitungRepublique" verlangt schleunige Verabschiedung eines Gesetzes zum Schutze der kleinen Sparer. AuchEre Nouvelle", die sich auf den Standpunkt Herriots stellt, daß die gerichtliche Untersuchung ihren Weg gehen müsse und nicht auf das politische Gebiet hin- übergezerrt werden dürfe, schreibt:Es besteht eine Krise, die viel ernster ist, als alles andere: die Krise der Moral. Genug der Skandale!"

Die Rechtspresse bleibt weiterhin kritisch.Echo de Paris" erklärt z. V mit der Verhaftung des radikalen Abgeordneten und Bürgermeisters von Bayonne, Karat, habe die Regierung lediglich angesichts der bevorstehenden parlamentarischen Verhandlungen für ihre Unparteilichkeit Reklame machen wollen.

Höher geht's nimmer

Staatsgefiihrliche Feuerwehrmitglieder in der Tschechei

Der Landeskommandant der deutschen Feuer­wehren Mährens hat alle Feuerwehren in einem Rundschreiben aufgefordert, binnen 72 Stunden Ausschußsitzungen einzuberufen und alle Ausschuß­mitglieder nach ihrer Zugehörigkeit zur DNSAP. und Nationalpartei zu befragen; im Falle der Bejahung seien die Ausschußmitglieder anzuhal­ten, ihr Amt sofort niederzulegen und die Ver­sammlung sofort zu verlassen. Dieser Befehl be­ruft sich auf den Paragraphen 3 des tschechoslo­wakischen Parteiengesetzes.

Maffenpanik in Kioto

70 Tote, 5« Verletzte

Tokio, 8. Januar

Bei der Verabschiedung der zum Frontdienst eingezogenen Marinerekruten ereignete sich auf dem Bahnhof von Kioto eine furchtbare Massen- panik, bei der 70 Menschen getötet und 56 verletzt wurden. In dem ungeheuren Gedränge der auf dem Bahnhof versammelten Menschen wurde ein ganzer Hausen von Personen zu Boden geworfen und von nachflutenden Massen, die nicht auswei­chen konnten, erdrückt.

geben.

Rücktritt des Kolonialmim'siers

Dalimier zurückgetreten

Dollsuß Wird nervös

Sonderbeschlüsse gegen die anwachsende national­sozialistische Bewegung

Wie», 8. Januar

Das Kabinett trat Montag nachmittag unter dem Vorsitz des Bundeskanzlers Dollsuß zu einem außerordentlichen Kabinettsrat zusammen, in dem ausschließlich neue Abwehrmaßnahmen gegen die anwachsende nationalsozialistische Bewegung in Oesterreich erörtert wurde«. Es wurde der Erlaß eines Aufrufes der Bundesregierung an das österreichische Volk beschlossen, der der Presse alsPflichtnachricht" zum Abdruck übermittelt wird. Das Kabinett hat in der Sitzung, wie es in der amtlichen Mitteilung heißt,einen Bericht über die in den letzten Tagen besonders ver­schärfte und offensichtlich organisierte national­sozialistische Agitationstätigkeit entgegengenom­men, die mit zahlreichen Terrorakten verbunden war". Die hierdurch notwendig gewordenen Maß­nahmen hätten die einhellige Billigung des Mi­nisterrates gefunden.

Der AufrufAn Oesterreichs Volk" spricht davon, daß sich die Bundesregierung bisher auf eine maßvolle Abwehr" beschränkt habe, in der Hoff­nung, es werde endlichVernunft über Wahnsinn den Sieg davontragen". Aus dieser Erwägung sei in den Weihnachts- und Neujahrstagen auch eine Reihe von Enadenakten vorgenommen worden. Die daran geknüpften Hoffnungen seien vergeblich gewesen. In den letzten Tagen seien nicht weniger als 110Sprengstoffanschläge" in allen Teilen des Bundesgebiets verübt worden. Die Bundes­regierung sei entschlossen, nunmehr mit allen, auch den schärfsten Mitteln diesen Akten des Terrors und der Demonstration ein für allemal ein Ende zu setzen.

Mit dem heutigen Tage seien daher starke Ab­teilungen des freiwilligen Schutzkorps aufgeboten worden, die gemeinsam mit der Polizei und Gen­darmerie alle Versuche, diesesverbrecherische Treiben" fortzusetzen, zunichte machen würden.

Dem Aufruf ist außerdem ein entsprechender Kommentar derPolitischen Korrespondenz", gleichfalls als Pflichtnachricht, beigefügt.

Simon erstattet Bericht

London, 8. Januar.

Ministerpräsident Macdonald ist Montag früh aus Schottland nach London zurückgekehrt. Er hatte vormittags eine lange Besprechung mit Sir John Simon über den gegenwärtigen Stand der Abrüstungsfrage. Der britische Außenminister hat Macdonald ausführlich über seine Besprechungen in Rom und Paris Bericht erstattet.

Entgegen den bisherigen Erwartungen ist, wie Reuter meldet, für die nächsten Tage weder mit einer Kabinettssitzung, noch mit einer Sitzung des Abrüstungsausschusses des Kabinetts zu rechnen, die speziell die Abrüstungsfrage zu beraten hät­ten. Diese.Verschiebung sei nicht etwa so aufzu­fassen, als ob man die Abrüstungsfrage weniger tatkräftig weiter behandele, sondern weil man der Ansicht sei, daß die Zeit der Verhandlungen zur gegenseitigen-llnterrichtung der Regierungen noch nicht abgeschlossen sei. Diese Verhandlungen wären aber noch nicht so weit gediehen, daß die geplanten Sitzungen des Kabinetts und des Kabi­nettsausschusses nützliche Ergebnisse bringen könn­ten. Abrüstung und politische Entspannung blie­ben Endziel der britischen Politik.

Ostpreußens Industrialisierung

Don Or. Dieselben Wirsing (Wnnchen)

Zu den vordringlichen Aufgaben, die dem na­tionalsozialistischen Deutschland gestellt sind, gehört der Neuaufbau der deutschen Ostmark. Obwohl unter der Weimarer Republik insbesondere von OstpreußenZehr viel gesprochen worden ist, wurde doch herzlich wenig ins Werk gesetzt, um die deut­sche Vorpostenstellung im Nordosten von innen heraus zu sichern und zu kräftigen. Der Prozeß gegen den früheren ostpreußischen Eeneralland- schaftsdirektor von Hippel hat auf das peinlichste erwiesen, zu welcher Demoralisierung das System der individuellen Subventionen geführt hat, das der Staat von Weimar anzuwenden pflegte. Man kurierte an den Symptonen und ließ die Kern­frage außer acht. Dies hat sich im neuen Staat grundsätzlich gewandelt. War die mit größtem Erfolg durchgeführte ostpreußische Arbeitsschlacht in diesem Sommer, die zu einer Eingliederung der Arbeitslosen der Provinz in den Arbeitsprozeß führte, nur eine Vorbereitung für Kommendes, so befaßte sich die Reichsregierung schon bald nach der Revolution in Zusammenarbeit mit dem ost­preußischen Oberpräsidenten Gauleiter Erich Koch mit der Ausarbeitung eines Planes, der die künftigen Etappen des inneren Aufbaues Ost­preußens enthalten soll.

Das Erundproblem.

Das Grundproblem der ostpreußischen Wirtschaft kann kurz darin gesehen werden, daß die ostpreu- tzischen Agrarprodukte allzuweit von ihrem Absatz­märkten entfernt sind Man kann diese Schwierig­keiten durch verschiedene Mittel abmildern, wirk­sam beheben kann man sie mit den überkomme­

nen Methoden nicht. Da innerhalb der ostpreußi­schen Agrarprodukte die Viehzucht eine bedeutsame Rolle spielt und nach den natürlichen Grundlagen der Provinz spielen muß, wird man immer wieder mit der mißlichen Tatsache zu rechnen haben, daß der ostpreußische Bauer sein Vieh nach Berliner Märkten zu ziemlich langfristigen Terminen liefern muß, die eine Einstellung auf die Kon­junkturlage des Marktes fast völlig ausschließen. Dies wirkt sich besonders unangenehm beim Sied­ler aus, dessen wesentlichstes Verkaufsprodukt in Ostpreußen das Schwein ist, weshalb die berühmte Schweinekurve", d. h. die Schwankungen der Schweinepreise, schon so oft zu einer Schicksals­kurve für den ostpreußischen Siedler geworden ist.

In den Mittelpunkt der Pläne des Neuaufbaues der ostpreußischen Wirtschaft ist daher mit vollem Recht die Frage gerückt worden, ob es nicht mög­lich wäre, in Ostpreußen selbst mit der Zeit einen Markt zu schaffen, der einen beträchtlichen Teil der ostpreußischen Agrarproduktion aufnehmen könnte. Wie im Mittelalter die Kolonisation des Bauern immer Hand in Hand ging mit der Neuanl-rge von Städten die ostpreußische Kolonisations­geschichte des Deutschen Ordens ist hierfür gerade ein hervorragendes Beispiel, so muß heute die Kolonisation des Bauern mit der Seßhaftmachung von Industriearbeitern sich in einem gewissen Gleichmaß vollziehen.

Eine Politische Notwendigkeit

In Anknüpfung an gewisse Pläne und Unter­nehmungen des Vorkriegsdeutschlands, wo aus ganz ähnlichen Eedankengängen heraus ein Dan-

ziger Oberpräsident mit der Industrialisierung Danzigs begann, hat nun die Reichsregierung die Industrialisierung Ostpreußens als eine politische Notwendigkeit anerkannt. Es versteht sich von selbst, daß diese weittragenden Pläne auf sehr weite Sicht hin angelegt werden müßten. Um eine Akti­vierung Ostpreußens durch die Privatinitiative in Gang zu setzen, muß zunächst eine allgemeine Lastensenkung in Ostpreußen eintreten, die die Nachteile der ostpreußischen geographischen Lage aufwiegen muß. Hinzu kommt, daß die ostpreußi­schen Werke durch gesetzgeberische Maßnahmen die Befugnis bekommen müssen, in bestimmte Auf­träge kraft eines Vorlieferungsrechtes einzutreten.

Es war vorauszusehen, daß die Frage der In­dustrialisierung Ostpreußens ein heftiges Für und Wider hervorrufen würde. Eine sachliche Dis­kussion dieser Probleme ist heute unbedingt not­wendig, denn es handelt sich hierbei um Auf­gaben, die in ihrer Bedeutung keineswegs auf Ostpreußen beschränkt bleiben, sondern die das gesamte deutsche Volk angehen. Die Zerstörung des letzten Restes der Mainlinie durch die nationalsozialistische Revolution hat auch den deutschen Süden an diese Fragen viel näher her­angerückt, als dies jemals in der deutschen Ge­schichte seit dem Ende der mittelalterlichen Ko­lonisation der Fall war. Der Osten und ins­besondere Ostpreußen ist heute wieder eine An­gelegenheit des ganzen deutschen Volkes!

Es nimmt sich jedoch schlecht aus, wenn in dieser Frage von gewissen mehr oder minder reaktionä­ren Kreisen auf Umwegen versucht wird, die alt­bekannte Jnteressenpolitik wieder einzuschmug­geln. Es handelt sich bei der Frage der Indu­strialisierung Ostpreußens heute zunächst darum, klarzulegen, Laß in Ostpreußen keineswegs durch eine Sonderpolitik neue Industrien ins Leben gerufen werden sollen, während im übrigen

Reiche noch zahlreiche Fabriken stillstehen. Die ohnehin übergroße deutsche Jndustriekapazität soll durch die Jndustrialisierungspläne nicht ausge­weitet werden, sondern es soll eine gesunde Ver­lagerung der heute, noch zum Teil durchaus un­nötig massierten Industrien eintreten, die auch für den Osten ein besseres Gleichgewicht von Landwirtschaft und Industrie schaffen könnte. Eine solche Verlagerung ist heute um so eher möglich geworden, als für die Standortfrage nach den Erfindungen der letzten Jahrzehnte ganz an­dere Gesichtspunkte maßgebend sind, wie in der Zeit, in der in Mittel- und Westdeutschland die neugegrllndeten Industrien sich auf engstem Raum zusammenballen mußten. Es wird sich dabei sür Ostpreußen vor allem um jene Leichtindustrien handeln, die standortmäßig nicht an bestimmte Rohstoffe gebunden sind.

Es ist durchaus eine Verkennung der Tatsachen, wenn unlängst in der Zeitschrift des Verbandes sächsischer IndustriellerSächsische Industrie" in einem Artikel, der auch von verschiedenen Zei­tungen mit liberalen Wirtlchaftsredaktionen übernommen wurde, behauptet wird das Ziel des Ostpreußen-Planes sei die Schaffung einer: wirtschaftsautarken Insel im Reiche", das dem großen Gedanken der Reichseinheit widerspreche, der unsere Innenpolitik bestimmt. Schon die Be­zeichnung Ostpreußens als einer Insel ist falsch und mit Nachdruck abzulehnen. Ostpreußen hat vielmehr als vornehmste Aufgabe seine Brückcn- stellung nach dem Osten auszubauen und seine räumlichen Vorgegebenheiten vor allem auch wirtschaftlich zu nutzen. Das wird aber nur mög­lich sein, wenn in Ostpreußen eine Verarbeitungs­industrie vorhanden ist, die die Provinz in die Lage versetzt, nicht nur Durchgangsland, sondern Knotenpunkt des künftigen Osthandels zu werden Die Unterstellung, der Ostpreußen-Plan strebe für

unsere ausschlaggebende Vorpostenprovinz eine provinzielle Autarkie" an, ist auch aus außen­politischen Gründen auf das schärfste zurückzu­weisen. Leider muß man immer wieder fest­stellen, auf welch unglaublich schmaler Grundlage noch immer die Kenntnisse mancher Kreise über die Probleme des deutschen und europäischen Ostens aufgebaut sind, die sich nichtsdestoweniger berufen fühlen, zu diesen Fragen das Wort zu ergreifen. Handelt es sich doch in Wirklichkeit ge­rade darum, den Güteraustausch zwischen Ost­preußen und dem Reich zu intensivieren., was ohne Durchführung des Jndustrialisierungsplanes nur in sehr bescheidenem Maße möglich .ein dürfte. Ein Eedankengang, der übrigens in der rheinischen Industrie durchaus verstanden wird!

Der Ostpreußen-Plan sieht vor, daß jeder Ar­beiter in einem Eigenheim wohnen soll, das mit zwei bis vier Morgen Land ausgestattet ist Hier ergeben sich völlig neue Möglichkeiten einer mo­dernen Jndustriesiedlung, die für den ganzen Ostraum vorbildlich werden können. Es liegt nahe, daß noch manche in unsere Zeit hinein­ragende Vertreter, der liberalen Epoche der rlten Schulweisheit entsprechend, Ostpreußen nach me vor nur als eine Agrarprovinz sehen möchten. Daß Ostpreußen damit niemals die Gefahr über­winden kann, zu einem Anhängsel des Reiches zu werden, bleibt dem schematische» Denken der libe­ralen Schule natürlich verborgen. Der Jndustr a- lisierungsplan birgt alle Ansätze für eine ge­sunde Volks- und Wirtschaftsordnung im deutschen Osten in sich, die dann auch jene ichmälibche Ueberlieferung des liberalen Zeitalters zerstören wird, nach der der Westen und Süden Deutsch­lands immer mit einer gewissen Herablassung nach dem Osten zu blicken pflegten.