Ausgabe 
(5.1.1934) Nr. 4
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Üas amtliche Organ 8es Senats

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—- u,-ver g g s schuft m.b.H., Eeeren 8 bis 8 / Fernruf: Sammelnummer Roland 828.

Nr. 4 / i. Vierteljahr

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Freitag, den s. Januar

Einzelpreis is Nps.

9 Milliarden Dollar Fehlbetrag

Da« fantastische Defizit im amerikanischen Etat - Trotzdem sollen 448 neue Flugzeuge gebaut werden - Keine Posten für die Abrüstungskonferenz

änb. Washington, 4. Januar.

Präsident Roosevelt legte am Donnerstag dem Kongreß den Haushaltsvoranschlag für das im Znni beginnende Haushaltsjahr vor. Bon den Ausgabe«, die mit 5968 Millionen Dollar veran­schlagt werden, entfallen 3237 Millionen Dollar auf den ordentlichen Haushalt, während der Rest für die mit dem Wiederaufbau der Volkswirt­schaft betreuten Verwaltungen bestimmt ist. Für die Stützung von Banken, Sparkassen und Bau­sparkassen sowie für den Freiwilligen Arbeits­dienst, die Durchführung öffentlicher Bauten usw. werden zusätzlich 2899 Millionen Dollar benötigt. Da die Einnahmen mit 3976 Millionen Dollar veranschlagt werden, muß man mit einem Fehl» betrag von rund 2989 Mill. D-ll. rechnen, was für

das lausende und kommende Haushaltsjahr zu­sammen die fantastische Summe von 9899 Mil­lionen Dollar ausmacht. Die öffentliche schwebende Schuld wird Ende Juni 1935 auf rund 32 888 Mil­lionen Dollar angewachsen sein.

Präsident Roosevelt gibt zu, daß seine Bot­schaft „brutal offen" sei und nichts verschleiere. Er müsse jedoch bemerken, daß er nicht ganz die Summen ausgegeben habe. die ihm der Kongreß im vorigen Juni bewilligt habe. Man müsse be­denken, daß es sich bei den Ausgaben zum Teil um Kapitalanlagen handele, die dazu verwendet würden, um die Vereinigten Staaten neu aufzu­bauen. Im Jahre 1938 müsse der gesamte Haus­halt ausbalanziert sein. Den Vorschlag einer gänzlich neuen Einkommenbesteuerung beabsichtige er nicht zu machen, da er die Kaufkraft der Bevölkerung nicht schwächen und sich lieber mit einem Riesenfehlbetrag abfinden

wolle, wie er in der gegenwärtigen Krisenzeii unvermeidlich sei.

Durch scharfe Sparmaßnahmen sei dei ordentliche Haushalt um 684 Millionen Dollai herabgesetzt worden. Der Marinehaushalt betrag« 315 Millionen und sehe eine Erhöhung der Zahl der Matrosen und Seesoldaten um rund 488( Mann vor. 53 Millionen Dollar seien für Neu­bauten ausgeworfen. Der Heereshaushalt weis« einen Voranschlag von rund 280 Millionen Doll auf. Für den Flugdienst seien 24 Millionen Doll. ausgeworfen worden. Es sollen 448 neue Flug­zeuge angeschafft werden und 185 088 Mann Miliz sowie 125 508 Reserveoffiziersanwärter ausge­bildet werden.

Der Haushalt für das Auswärtige Amt sieh! keine Posten für die Abrüstungsabordnung und für die Wetterführung der Mixed Claims Com­mission vor. Zahlungen aus den alliierten Kriegs­schulden sind nicht in Rechnung gestellt. Ihre Ein­treibung soll jedoch energisch versucht werden.

Reichsleitung der NSDAj) tagt

Vorläufig keine Aushebung der Mitgliedösperre

dnb. München, 4. Januar.

Im Braunen Haus traten am Donnerstagvor­mittag unter dem Vorsitz des stellvertretenden Führers die Reichsleiter, die Amtsleiter der Ob ersten L eitung der PO. und die Eebietsinspek- ^MM^^er'-TagM^Mammen. Die' Tagung begann mit einer Besprechung der Reichsleiter, in der neben internen Fragen der Parteileitung und Parteiorganisation insbesondere auch die Ausgestaltung des Verhältnisses von Parteiund Staat eingehend behan­delt wurde.

In der sich anschließenden gemeinsamen Sitzung der Reichsleiter mit den Eebietsinspekteuren und den Amtsleitern der Obersten Leitung der PO. erstatteten die Gebietsinspekteure Bericht über

die Entwicklung des Parteilebens in den einzelnen Gebieten des Reiches.

Im weiteren Verlauf der Sitzung wurden ins­besondere behandelt die Frauenfrage, unter Zurückweisung kleinlicher Gesi cht svu nkiL^und. das Verhältnis der^TF.-^aüdHchst'ft^weftzx organi­satorische Probleme der Ausgestaltung des Arbeitsdienstes, sowie eine Reihe wichtiger parteiorganisatorischer Fragen. Reichsschatz­meister Schwarz teilte mit, daß die letzte Million Aufnahmeanträge aus dem April vorigen Jahres bis zum 1. März 1934 ihre karteimäßige Erledi­gung finden werde. Mit einer Aufhebung der vorläufigen Mitgliedersperre sei vorerst nicht zu rechnen, da zunächst infolge des Millionen- zuwachses eine Sichtung und Säuberungsaktion in Aussicht genommen sei.

Stabschef Reichsminister Röhm veröffentlicht folgende Erwiderung auf die ihm zugegangenen Weihnachts- und Neujahrswünsche: Das Christ­fest und der Jahreswechsel haben mir aus 2 er SA. und aus allen Kreisen der Bevölkerung 'Gäben, Grüße und gute Wünsche in so größer Zahl gebracht, daß es mir zur Unmöglichkeit wird, jedem einzelnen dafür Dank zu sagen. Ich bitte alle, die meiner gedacht haben, meinen herzlichen und aufrichtigsten Dank für alle die Freundlich- : leiten versichert zu sein und die Erwiderung ihrer Grüße und guten Wünsche auf diesem Wege ent­gegenzunehmen. Mein Dank soll sein, daß ich — wie bisher — alle Kraft darein setze, an dem Posten, auf welchen mich das Vertrauen des Führers gestellt hat, dem Volk und Vaterland zu dienen. (gez.) Ernst Röhm.

Der Deutsche Gruß bei allen

Berlin, 4. Januar.

Der Reichsminister des Innern hat über die Einführung des deutschen Grußes bei allen Be- völkerungskreifen an den deutschen Industrie- und Handelstag ein Schreiben gerichtet, in dem er sagt:

Den deutschen Gruß als Ausdruck der inneren Geschlossenheit der Nation bei allen Kreisen des deutschen Volkes einzuführen, sei eine Auf­gabe der Volksausklärung. Er sei überzeugt, daß die großen Verbände und Organisationen der Wirtschaft ihre Mitwirkung zur Erreichung dieses Zieles nicht versagen würden. Es sei daher zu begrüßen, wenn sich die Verbände für die Aus­führung des Grußes der für die Reichsbehörden getroffenen Regelung anschließen würden.

Hierbei verweist der Reichsminister des

Innern auf eine Bekanntmachung des Stell­vertreters des Führers vom 3. November, in der es u. a. heißt: Demgemäß wird ausdrücklich jede Anwendung kleinlicher Schikanen untersagt. Der Tag wird kommen, an dem jeder Deutsche es als selbstverständliche Ehrensache ansieht, ausschließ­lich den deutschen Gruß zu verwenden.

polnische Minderheit geht zurück

Posen, 4. Januar.

Der „Kurjer Poznanski" bringt heute einen Be­richt aus Allenstein, in dem festgestellt wird, daß die polnische Minderheit in Ostpreußen im Laufe des Jahres 1933 auf allen Gebieten einen Rück­gang zu verzeichnen hatte; sowohl ihr materieller wie auch ihr völkischer Besitzstand habe sich ver­ringert: „Kein Schritt vorwärts, dafür auf jedem Abschnitt ein Zurückweichen."

Kein Numerus elsusus

für Handwerkslehrlinge,

Berlin, 4. Januar.

In maßgebenden Kreisen des Reichsstandes des Deutschen Handwerks wird die Nachricht ver­breitet, als ob die handwerklichen Spitzenorgani- sationen im Zusammenhang mit der Lehrlings­einstellung zu Ostern 1934 Anordnungen getroffen hätten, die einem vumsrus olausus für die Ein­stellung von Handworkslehrlingen gleichkämen. Es wird hervorgehoben, daß der Reichsstand des deutschen Handwerks gar keine Berechtigung zum Erlaß solcher Anordnungen habe, daß er vielmehr lediglich befugt sei, Empfehlungen an die Han­delskammern weiterzuleiten. Richtig sei aber, daß die maßgebenden Stellen des deutschen Hand­werks vor allem durch Zusammenarbeit mit den Arbeitsämtern und Berufsämtern dafür sorgen wollten, daß im Wege der Berufsberatung dafür

gesorgt werde, daß nur wirklich geeigne- terNachwuchsin den Handwerksstand hinein­komme.

In der Vergangenheit sei es leider mitunter vorgekommen, daß bei der Gesellenprüfung die Handwerker nicht richtig rechnen, lesen und schrei­ben konnten. Dieser Zustand müsse verschwinden angesichts der gesteigerten Bedeutung des deut­schen Handwerks und der größeren Kompliziert­heit seiner Betriebe in der heutigen Zeit. Im deutschen Handwerk seien insgesamt 600 800 bis 780 000 Lehrlinge vorhanden, während in der In­dustrie nur rund 120 000 Lehrlinge beschäftigt würden. Der Jahresbedarf des deutschen Hand­werks an Lehrlingszuwachs, der also 1934 voraus­sichtlich wieder eintrete, sei mit etwa 200 000 be­

ziffert, von denen 78000 weibliche Lehrlinge seien. Eine genaue Zahl lasse sich dabei nicht an­geben, weil man ja nicht wisse, wie viel neue Handwerksbetriebe in Verfolg des Wirtschasts- auftriebes gegründet werden.

Der Lehrlingsnachwuchs soll im allgemeinen aus der letzten Klasse der Volksschule entlassen sein. Er werde, wofür die Innungen in Ge­meinschaftsarbeit mit den Arbeitsämtern und der Berufsberatung Sorge trügen, auf den erforder­lichen Jntelligenzgrad und den Gesundheitszustand untersucht. Höchstzahlen für die Lehrlingshal­tung in den einzelnen Betrieben beständen bereits seit mehreren Jähren und würden auch für 1934 wohl aufrechterhalten werden müssen.

Marxisten Mecho-en an der Saar

Der Verrat der Gozialbemokraten - Höchste Seit für die Mstimmungsvorbereitungen

Saarbrücken, 4. Januar.

Für die schon oft festgestellte Zusammenarbeit der führenden Sozialdemokraten des Saargebietes mit den Franzosen liegen jetzt wieder einige un- widerlegliche Beweise vor. Die „Volksstimme" des SPD.-Führers Matz Braun hatte in letzter Zeit scharf gegen das Sammeln von Unterschriften zur Abstimmung durch die Einwohner des Saar­gebietes gehetzt. Die Regierungskommission hat sich daraufhin beeilt, ihre berüchtigsten .^Verord­nungen" am 22. Dezember um eine weitere zu vermehren, in der den Saarländern das Sam­meln von Unterschriften zur Abstim­mung glatt verboten wird. Diese „Ver­ordnung" muß bis zum 10. Januar verabschiedet sein.

Matz Braun, der gerade eben wieder in Paris weilt, kllndigre kürzlich in einer Versammlung an, der Völkerbund werde im Januar die Kom­mission für die Saarabstimmung ernennen, doch werde sie sich dann sofort bis zum Mai vertagen. Die „Volksstimme" Matz Brauns hat sich am 29. Dezember über den deutschen Film vom Stutt­garter Turnfest entrüstet. Eine Stunde nach Erscheinen dieser Nummer des sozialdemokratischen Hetzblattes war schon das Verbot des Filmes für das Saargebiet erreicht.

In Sulzbach (Saar) verurteilte der Schnell- richter nach den neuen A.usnahmeverordnungen der Regierungskommission einen Kaufmann zu 1000 Franken Geldstrafe, weil er versehent­lich Parteiabzeichen der NSDAP. im Schaufenster liegen gelassen hatte.

Die Regierungskommission des Völkerbundes in Saarbrücken scheint eben keinen anderen Ehrgeiz

zu kennen, als das gehorsame Werkzeug der So­zialdemokraten und der Franzosen zu sein. Es kann nicht Wunder nehmen, wenn sich unter diesen Um­ständen die deutsche Saarbevölkerung nach einer anderen, einer deutschen Regierung sehnt. Gegen die wirtschaftlichen Verlockungen, wie sie gerade jetzt wieder aus dem Straßburger Sender in ver­dächtigem Deutsch erklingen, ist das deutsche Volk

an der Saar absolut gefeit.

*

Nur die kurze Frist eines Jahres trennt das Saargebiet von dem Zeitpunkt, an dem die Saar- bevölkerung gemäß den Bestimmungen des Ver- sailler Vertrages im Wege einer allgemeinen Volksabstimmung über ihr künftiges Schicksal ent­scheiden soll. Dieses für alle Saarländer so über­aus bedeutsame Ereignis ist aber mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Die Schwerfälligkeit der Abwicklung internationaler Angelegenheiten, die durch die Unzulänglichkeit der Bestimmungen des Versailler Vertrages noch erhöht wird, läßt es gewiß erscheinen, daß diese Schwierigkeiten sich nicht binnen kurzer Frist beseitigen lassen. Ins­besondere wird die genaue Feststellung der ab­stimmungsberechtigten Personen geraume Zeit er­fordern. Mit Recht werden daher im Saargebiet Stimmen laut, die von dem für die Abstimmung zuständigen Völkerbundsrat an seine Pflicht er­innern. Die Saarbevölkerung darf mit Recht An­spruch darauf erheben, daß der Völkerbundsrat sich nicht auf allgemeine Erklärungen und Proklama­tionen beschränkt, sondern im Bewußtsein der ihm als Treuhänder des Saargebietes obliegenden Pflicht ernstliche Schritte zur sofortigen Ein­leitung der dringend notwendigen Abstimmungs- vorbereitungen unternimmt.

Auch Zeftistch besucht Paris

Paris, 4. Januar.

Der Belgrader Sonderberichterstatter des „Echo de Paris" will aus gut unterrichteter Quelle von Südslawien erfahren haben, daß der bereits ver­schiedentlich angekündigte offizielle Besuch des Königs von Südslawien in Paris noch nicht fest­stehe. In zuständigen südslawischen Kreisen be­tont man in diesem Zusammenhang, daß König Alexander bereits mehrfach privat in der franzö­sischen Hauptstadt geweilt habe. Wenn es auch

nicht ausgeschlossen sei, daß er demnächst eine neue Reise nach Paris unternehme, so sei in dieser Rich­tung im Augenblick jedoch keinerlei Disposition getroffen worden. Alle Nachrichten, die den Cha­rakter und den Zeitpunkt der Reise beträfen, seien daher zum mindesten verfrüht. Im Gegensatz dazu könne man nach Informationen aus der gleichen Quelle mit Sicherheit annehmen, daß der süd­slawische Außenminister Ieftitsch sich unmittel­bar nach Titulescu nach Paris begeben werde. Der genaue Zeitpunkt für diese Reise werde jedoch erst nach der Zusammenkunft der Kleinen Entente festgelegt werden.

Die Erziehung znr Mnstk

Entsprechend dem Wandel der politischen Verhältnisse hat sich auch auf geistigen Ge­bieten ein Wandel vollzogen, nicht zuletzt ,n der deutschen Musik. Einer der bedeutendsten Führer aus diesem Gebiete, der Direktor der staatlichen akademischen Hochschule für Musik zu Berlin, Pros. Dr. Fritz Stein, hat unserem Vertreter eine Unterredung gewahrt, in der er sich über die neuen musikalischen Ziele folgendermaßen äußerte:

„Unser Musikleben hat bis vor kurzem am Rande eines Abgrundes gestanden, der den wah­ren Freund deutscher Musik mit Schaudern er­füllte. Die mechanistischen Tendenzen der moder­nen Zeit. das nervöse Tempo unserer ganzen Lebenshaltung, die sich überstürzenden Augen­blickssensationen des Tages, der artfremde Ge­schäftsbetrieb auf allen Gebieten des geistigen und künstlerischen Lebens — alle diese zersetzenden Faktoren einer kulturlosen Scheinzivilisation führten immer mehr zu seelischer Dürre, in der der Quell der Musik zu versiegen drohte. Da bei den meisten Konzentrationen, innere Sammlung, seelische Erhebung unbekannt geworden waren, war das Bedürfnis nach leichter Unterhaltung ins Riesenhafte gewachsen, der Mensch suchte im günstigsten Falle Erholung im Sport. Der Ein­bruch der Technik in die Musik (Schallplatte, Tonfilm, Rundfunk) bedrohte erst recht das leben­dige Musizieren, und die öffentliche und private Musikpflege war dem Aussterben nahe.

Ein gütiges Geschick schenkte uns den vollkom­menen 'Wandel auf allen Gebieten, und nun müs­sen wir daran gehen, uns das neue Gebäude un­serer deutschen Musik zu errichten. Die erste Frage ist da: Wie bringen wir die Musik wieder in alle Schichten des deutschen Volkes, und zwar mit dem geringsten Aufwand? Diese Frage ist

nur dadurch zu beantworten, daß wir wieder an der natürlichsten musikalischen Betätigung an­knüpfen, am Singen, am Chorgesang, der nirgends in der Wett soAllgemeingutdes Volkes war als bei uns. Aus der Gemein­schaftsarbeit der Chöre gewinnt der Sänger jenes enge seelische Verhältnis mit der Musik, das der passive Hörer nur selten besitzen kann.

Wie liegen die Dinge aber bei den Chören? Die meisten Sänger sind musikalische Analpha­beten, die noch nicht einmal Noten lesen können und ihren Stimmpart mühselig eingepaukt er­halten. Deshalb konnte Kretzschmar schon vor vielen Jahrzehnten mit Recht den Satz aufstellen: „Das Schicksal der deutschen Musik entscheidet sich in der Schule!" Die Aufgabe der Volksschule würd es sein müssen, die Kinder soweit zu bringen, daß sie alle vom Blatt fingen können. Von diesem Ziel sind wir heute noch sehr weit entfernt, trotz aller Erlasse und Dekrete. Hier liegt ein Mangel an einem plan­mäßigen, methodischen Aufbau, der weitgehende Verwirrung und Ratlosigkeit bewirkte. Deshalb muß zunächst die innere Gesundung des Chor­musikwesens von der Schule ausgehen

Es mutz auch alles getan werden, damit die bisher von der Oeffentlichkeit unterhaltenen musi­kalischen Organisationen, soweit sie wirklich der Kunst dienen, weiter bestehen werden. War es nicht ein unglaublicher Unsinn, daß ein Musik- Verein, der in monatelanger Arbeit eine Miss« solemnis oder eine H-moll-Messe einstudiert hatte, sie nur ein einziges Mal aufführen konnte, weil für das dazu benötigte städtische Orchester jedes­mal ein unverhältnismäßig hoher Betrag be­zahlt werden mutzte, während einem Stadttheater

keinerlei Schwierigkeiten im Wege standen, die erste beste Schundoperette dutzendmale aufzufüh­ren?

Tausende von Fragen tauchen bei diesem Pro­blem auf, und die neugeschaffene Musikka m- mer wird vor einer Ueberflllle von Aufgaben ste­hen. Neben den schon angeschnittenen wird die Frage der Musikkritik, des Urheberrechts, der Reglung des Tantismewesens, des musikalischen Heimatschutzes, der musikalischen Denkmälerpflege und die Pflege des deutschen Volksliedes neben vielen anderen einen breiten Raum einnehmen müssen.

Dann werden aber auch künftig unsere her­anwachsenden jungen Musiker, die die heilige Flamme der deutschen Musik weiter zu tragen berufen sind, erzogen werden müssen im Geiste des selbstlosen Dienens am Kunstwerk und an der Idee, zur Handwerkstreue und zur Ehrfurcht vor unseren großen Meistern. Nicht die Tagesmode, nicht die jeweiligen Modeströmungen des Kunst­betriebes und der Technik sind das wichtigste für die heranwachsenden Künstler, sondern sie wer­

den sich — wie es immer Meisterbrauch war — zuerst das überkommene Erbgut zu eigen machen müssen, um darauf aufbauend neue Ideale zu gestalten. Nicht persönliche Eitelkeit darf im Vordergründe stehen, sondern die tief innerliche Verpflichtung, einmal dem ewigen Geiste der deutschen Musik, dann aber auch der großen Ge­meinschaft dem Volke gegenüber, an dessen Kultur der Künstler mitschaffend wirkt. Ob schaffender oder nachschaffender Geist, jede Kunst (selbst die ausländische) ist uns willkommen, wenn sie see­lisch echt, seelisch groß und aus dem völkischen Urgrund der Heimat erwachsen ist.

Stellt sich die deutsche Musik so in der Zukunft ein, leben in ihr wieder die guten, alten Ideale und die großen Vorbilder, dann braucht uns um ihre Zukunft nicht zu bangen. Dann wird sie in kurzer Zeit wieder den Platz einnehmen, der ihr in der Welt gebührt. Dann wird sie aber auch die tiefsten Kräfte des deutschen Volkes zum Erklingen bringen, Kräfte, die sich in edelster Weise belohnen zum Wohle und zum Segen einer neuen, deutschen Kultur."

Der deutsche Komponist

Wie er ist — wie er fein foll

Aus dem Geist der neuen Zeit wächst der Typ des deutschen Komponisten, des Meisters, der Leben und Schaffen, künstlerische und charakter­lich« Gesinnung zu einer Einheit zusammenfaßt Der Geist der neuen Zeit bringt Eigenschaften wieder zu Ehren, die einst die Zielscheibe des Witzes und des Spottes waren Und was einst als Vorzug künstlerischen Wesens galt wird heute seiner eingebildeten künstlerischen Würde ent­kleidet. Wir sehen mit klarem, unbestechlichem Blick in die Zukunft deutscher Musik,

Was für Wesenszllge zeigt das Bild des deut­schen Komponisten, wie unsere Fantasie es malt?

Der deutsche Komponist ist frei von einem künstlerischen Liberalismus, der unbedenklich und krupellos von jeder künstlerischen Vorlage eine künstlerische Erfüllung erwartet. Der deutsche Komponist wird in der Auswahl der Stoffe die Ehrlichkeit seiner Gesinnung zu erweisen haben. Den deutschen Komponisten wird man an de, seltenen Fähigkeit erkennen können, sich selbst und seinem Wesen unbeirrbare Treue zu halten. Seine

künstlerische Entwicklung verläuft geradlinig — ohne jene Kurven und Schwankungen, die der Geschmack der Mode vorschreibt.

Der deutsche Komponist fühlt sich in seinem Opernschasfen nicht von volksfremden, sondern von volksverbundenen Dichtungen beeindruckt. Jüdische Perversitäten aus der alttestamentari­schen Geschichte oder die Dekadenz einer versumpf­ten, verlogenen bürgerlichen Moral stoßen ihn ab, wenn er wirklich ein deutscher Komponist sein will. Deutsche Volkssagen, mittelalterliche Legenden, romantischer Märchenzauber — das ist die Welt, in der der deutsche Opernkomponist lebt und wirkt

Der deutsche Komponist gestaltet aus der Seele, aus dem schöpferischen Urquell — nicht aus der Routine in geschäftiger Wiederholung längst überlebter, erstarrter Formen und Ausdrucksmit­tel. Er betrachtet Musik nicht als ein kapitalisti­sches Ausbeutungsobjekt, er komponiert nicht Chöre, um sie morgen bei einer sich herausstellen­den Unrentabilität für Orchester zu instrumen­tieren, übermorgen vielleicht als Begleitmusik zu Filmwerken anzupreisen. Der deutsche Komponist ist Diener ist Priester an der Kunst.

Und wenn der deutsch« Komponist darum hun­gern müßte, weil er seinen Idealen treu geblie­ben ist, weil er niemals sich zu billigen Kon­zessionen bequemt hat die ihm vorübergehenden „Erdenruhm", sorgenfreies Dasein und hohe öf­fentliche Positionen verschafft hätten — er wird trotzdem - oder vielleicht gerade deswegen — das Idealbild des deutschen Komponisten bleiben

In der Ehrlichkeit senier künstlerischen und cha- raktcrlichen Gesinnung, in der iil^rragenden , ,n- zigartigen Größe seines Könnens wird er cer- enist als deutscher Meister in die Geschichte „deut­scher" Musik einziehen. vr. Potts Stegs.