Ausgabe 
(4.1.1934) Nr. 3
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Nr. 3/1. Vierteljahr

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Donnerstag, ien 4 . Januar

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Freiherr von Fritsch Chef der Heeresleitung

Berlin, 3. Januar

Der Herr Reichspräsident hat auf Vorschlag des Rerchswehrnlinisters den Befehlshaber im Wehr­kreis III, Generalleutnant Freiherr von Fritsch, mit dem 1. Februar 1831 zum Chef der Heeres­leitung ernannt.

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Der neue Chef der Heeresleitung, General­leutnant Werner Freiherr von Fritsch, wurde am 1. August 1880 in Benrath (Rheinland) geboren. Am 21. September 1898 trat er als Fahnenjunker in das Feldartillerie-Regiment Nr. 25 in Darm­stadt ein und wurde am 27. Januar 1900 zum Leutnant befördert. Nach Besuch der Kriegsaka­demie wurde er am 22. März 1913 als Haupt­mann in den Großen Generalstab versetzt. Auch während des Weltkrieges war er im Eeneralstab tätig und wurde im Jahre 1F17 zum Major be­fördert.

Nach dem Weltkriege wurde er in das Reichs­heer übernommen und im Jahre 1922 als Ab­teilungskommandeur im 5. Artillerie-Regiment in Illm zum Oberstleutnant befördert. Späterhin wurde Freiherr von Fritsch Abteilungsleiter im Neichswehrministerium. Am 1. März 1927 wurde er zum Oberst befördert. Er wurde dann Kom­mandeur des 2. Artillerie-Regiments in Schwerin und danach Artillerieführer II in Stettin. Im Jahre 1930 zum Generalmajor befördert, wurde er am 1. Oktober 1931 zum Kommandeur der 1. Kavallerie-Diviston in Frankfurt (Oder) er­nannt. Als Generalleutnant übernahm er schließ­lich. am 1. Oktober 1932 das Kommando der 3. Di­vision als Befehlshaber im Wehrkreis in Berlin.

Tatarescu statt Angelesen

Bukarest, 3. Januar.

Die politischen Ueberraschuugen jagen sich in Rumänien. Soeben ist an Stelle des bisherigen Ministerpräsidenten Angelescu der Handelsmi­nister Tatarescu zum Ministerpräsidenten er­nannt worden. Tatarescu ist der Führer der politischen liberalen Jugend und man scheint durch seine Ernennung den radikalen Jugend­bewegungen der Opposition den Wind ans den Segeln nehmen zu wollen. Das Kabinett ist im übrigen unverändert geblieben. Von Titulescu liegt immer noch keine Zusage vor, ob er als Außenminister i« das Kabinett einzutreten ge­denkt. Gleichzeitig ist es nicht ausgeschlossen, daß Tatarescu, der selbst noch sehr jung ist, auch zum Führer der liberalen Partei ernannt werden wird.

Die Betreuung Tatarescus hat begreiflicher­weise erhebliche Ueberraschung hervorgerufen. Er entstammt einer alten Offiziersfamilie und ist ein Bruder des Stephan Tatarescu, der kürzlich in Rumänien den mißglückten Versuch unter­nommen hatte, eine rumänische nationalsoziali­stische Partei ins Leben zu rufen.

Im Laufe der vergangenen Nacht sind in Bu­karest und in der Provinz zahlreiche neue Ver­haftungen von Mitgliedern der Eisernen Garde erfolgt. Neben der Geheimen Staatspolizei ent­falten vor allem die Militärbehörden eine fieber­hafte Tätigkeit, um die eigentlichen Hintergründe und Zusammenhänge des Attentats aufzudecken.

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Roosevelt eröffnet den Kongreß

Günstige Aussichten Nie das Refoem-Veogeamm des Präsidenten

DNB. Washington, 3. Januar.

Präsident Roosevelt eröffnete Mittwoch mittag Punkt 12 Uhr den 73. Bundeskongreß im Washing­toner Capital mit der Verlesung seiner großen Jahresbotschaft. Die Tribünen des Hauses waren voll besetzt. Zahlreiche Mitglieder des Diploma­tischen Korps nahmen an der Kongreßtagung teil. Seit vielen Jahren ist es zum erstenmal wieder geschehen, daß ein Präsident der Vereinigten Staaten seine Botschaft über den „Stand der Union" persönlich verlesen hat. Entgegen der bis­herigen Gepflogenheit, die seit Bestehen der nord- amerikanischen Republik geübt worden ist, trat das Parlament nicht Ansang Dezember, sondern erst jetzt nach Neujahr zu seiner ordentlichen Tagung zusammen.

Das gemeinsam mit Roosevelt im November 1932 gewählte Repräsentantenhaus umfaßt 313 Demokraten, 113 Republikaner und 5 Vertreter der Farmerpartei. Im Senat sitzen 59 Demo­kraten, 35 Republikaner und ein Vertreter der Farmerpartei. Die Partei des Präsidenten hat

also in Leiden Häusern starke Mehrheiten, aber auch ohne diese würde der Kongreß dieses Mal dem Weißen Hause in allen wirklich lebens­wichtigen Fragen keine große Schwierigkeiten bereiten, da die Maßnahmen Roosevelts bei etwa 90 v. H. des ganzen Volkes sehr populär sind und angesichts dieser Tatsache der Gedanke an eine geschlossene Opposition im Hinblick auf die im November bevorstehenden Neuwahlen des ganzen Repräsentantenhauses und eines Drittels des Senats völlig absurd erscheinen würden.

Man rechnet in unterrichteten Kreisen aller­dings damit, daß das Parlament mindestens vier Monate wird tagen müssen, denn es steht eine ganze Anzahl schwieriger Fragen zur Erörterung, die eines eingehenden Studiums bedürfen. Vor allem werden sich die Beratungen um die künftige Gestaltung der Fi­nanzpolitik drehen, insbesondere um die Frage der Schaffung eines sogenannten Waren- dollars, der die Kaufkraft des Landes in dem Umfange des Jahres 1928 gewährleisten soll.

Eine weitere Aufgabe des Parlaments wird die Neuregelung der Steuern sein, die den Ausgleich des ordentlichen Haushalts und der Amortisation der gewaltigen Lasten des

außerordentlichen Haushalts dienen sollen und die Bewilligung neuer Mittel für den Wiederaufbauausschuß zur Stüt­zung von Banken und Jndustriefirmen sowie für die Fortführung der öffentlichen Notstands­arbeiten

Das Parlament wird sich außerdem auch mit der Festsetzung der Farmpreise und einer grundlegenden Reform des Zollsystems, mit der Frage der Ausmünzung des Silbers als zweiter Metallwährung neben dem Golde, der Kontrolle und Besteuerung der Alkoholproduk­tion und des Alkoholhandels zu beschäftigen ha­ben. Ebenso dürften auch auf der Tagesordnung wahrscheinlich Vorschläge über das Verbot der Spekulation mit Getreide, über die Reform des Nira-Gesetzes zum Schutze der kleineren Firmen gegen die Monopoltendenzen der Großunterneh­mer, über eine behördliche Kontrolle des Außen­handels durch bewegliche Zölle und Einfuhrlizen­zen evtl. durch Einfuhrkontingente stehen sowie die Anregung zur Einsetzung eines parlamenta­rischen lleberwachungsausschusses, um Korrup­tionsfällen in den jetzt so zahlreich gewordenen öffentlichen Betrieben zu begegnen.

(Fortsetzung auf Seite 2.)

Simon bei Mussolini

Abrüflungövorfchläge vom Oktober schlimmer als zwecklos, sagt Italien

dnb. Rom, 8: Januar.

Der englische Außenminister Sir John Simon, der sich den ganzen Vormittag in der britischen Botschaft, wo er Wohnung genommen hat, aus­gehalten hatte, hatte am Nachmittag die ange­kündigte Besprechung mit Mussolini. Das Zu­sammentreffen der beiden Staatsmänner fand im Palazzo Venezia statt. Die Verhandlungen dürs­ten morgen vormittag fortgesetzt werden. Wie weiter gemeldet wird, ist auch der italienische Botschafter in London, Erandi, in Rom einge­troffen.

London, 3. Januar.

Der römische Korrespondent der „Morning Post" gibt folgenden Bericht über die italienischen Ab­sichten: In der Abrllstungsfrage muß eine eng­lisch-italienische Zusammenarbeit ein Wettrüsten verhindern. Von einer Neuauflage der Vor­schläge Simons (vom Oktober) will Italien nichts wissen, weil es sie für schlimmer als zwecklos hält. Denn es steht bereits fest, daß sie für Hitler unannehmbar sind. Italien ist der Ansicht, daß eine weitgehende und wirksame Abrüstung nicht zu erreichen ist und glaubt daher, daß es besser wäre, wenn Deutschland etwas Spielraum gege­ben werde, um dadurch künftige übertriebene Forderungen zu verhindern. Von einer schritt­weisen Abrüstung will Italien nichts wissen. Was die Völkerbundsreform angeht, so wird Mussolini drei Gesichtspunkte vorbringen: 1. Die Völker­

bundssatzung muß von den Friedensverträgen los­gelöst werden; 2. Beseitigung der Sanktionsver­pflichtung; 3. Abänderung der Rechtsstellung der verschiedenen Mitgliedsstaaten entsprechend der Last ihrer Verantwortlichkeiten. Der Korrespon­dent glaubt, daß die italienische Regierung im Anschluß an die Besprechungen in Rom schrift­liche Vorschläge nach Genf und an die Großmächte übermitteln wird.

Paris, 3. Januar.

In gut unterrichteten französischen Kreisen weist man noch einmal darauf hin, daß die etwas übereilte Ueberreichung der französischen Denkschrift in Berlin erfolgt ist, weil die Ver­treter einer „befreundeten Macht, die in dieser Frage mehrfach gezögert habe und die nach ihren bisherigen Gewohnheiten an Vergleichslösungen denke", am Sonnabendnachmittag am Quai d' Or- say vorstellig geworden seien, um gewisse tatsäch­liche Abänderungen und wenn möglich eine leichte Lockerung der Haltung Frankreichs vorzuschlagen.

In der radikalsozialistischen „Republique" sagt Bayot, es sei gut, daß man sich in Berlin darüber im klaren sei, daß sich alle französischen Republikaner in dem Willen zur Abrüstung und zur Verständigung einig seien. Die augenblick­liche Lage sei selten klar. Der Reichskanzler habe sich bereit erklärt, bis auf das letzte Ge­wehr abzurüsten, vorausgesetzt, daß man Deutschland die Gleichberechtigung zuge­

stehe. Frankreich habe diese Erklärung entgegen­genommen und schlage deshalb für beide Länder zwei herabgesetzte und gleiche Armeen vor.

Der sozialistische „Populaire" fordert noch ein­mal beschleunigte Veröffentlichung der französischen Denkschrift, um allen Manövern, die in Vor­bereitung sind, die Spitze abzubrechen. Mussolini und Macdonald, so betont das Blatt, hätten noch nicht abgerüstet.

Gme Vrobewahl

Kattowitz, 3. Januar.

Trotz der vor einiger Zeit erfolgten Verschie­bung des Termins der Eemeindewahlen in Ost- overschlesien, wurde am vergangenen Sonntag in dem kleinen Ort Eolkowitz im Kreise Rybnik von polnischer Seite eine „Probewahl" veranstaltet, der eine starke polnische Propaganda vorausging. Kurz vor Beginn der Wahl wurde der deutsche Spitzenkandidat Jordan im Wahllokal ver­haftet. Das Ergebnis der Wahl führte für die Polen zu einer großen Enttäuschung, da in Golko- witz zwei deutsche Eemeindevertreter in den Ee- meinderat gewählt wurden, der bisher kommissa­risch nur von Polen verwaltet wurde. Jordan wurde am Dienstag wieder aus der Hast ent­lassen. Die Gründe für seine Verhaftung sind un­bekannt.

Deutscher

Bauer im Vormarsch

Mit ehernen Lettern ist das Jahr 1933 in das Buch deutscher Geschichte geschrieben.

Aus Blut und Opfern erwuchs die deutsche Bolkwerdung, durch ungeheure und gewal­tigste Kraftanstrengung wurde die Grundlage eines neuen deutschen volllichen Aufbaues ge­schaffen. Kein Stand, kein Beruf, keine irgend­wie geartete Gemeinschaft blieb von dem Um­bruch. der nationalsozialistischen Revolution unberührt. Jodes Lebensgebiet des einzelnen und des ganzen Volkes wurde neugestaltet und in den großen Rahmen einer völkisch-sozialisti­schen Schicksalsgemeinschaft eingespannt. Am bedeutungsvollsten uiÄ> schicksalsschwersten aber war das Jahr der deutschen Befreiung für das Bauerntum. Jahrhundertelang- dauernder bäuerlicher Befreiungs­kamp f w u rd e zu si e gr e i ch em Ende geführt. Der Kanzler des deutschen Volkes erhob das Bauerntum zum grundlegenden Stand des deutschen Staates, gewährt ihm be­sondere Rechte und legte ihm dafür die schwerste Verantwortung für die Zukunft des deutschen Volkes auf. Im Auftrage des Füh­rers schuf der Reichsbauernführer und Reichs­ernährungsminister R. Walther Darro die einheitliche Organisation des deutschen Bau­erntums durch das Reichsnährstand­gesetz,. sicherte seine wirtschaftliche Existenz durch die Festpreisgefetze und das Reichserbhofgesetz.

So wurde Gewaltiges geschaffen. Aber noch Gewaltigeres muß erreicht werden; denn groß und umfassend ist die Aufgabe, die das Bau­erntum in der Zukunft zu leisten hat. Die Stunden besinnlicher Betrachtung während des ersten deutschen Weihnachts- und Winter- sonnenwendfestes, während der Jahreswende sind vorüber. In gläubigem Vertrauen auf seinen Führer richtet das deutsche Bauerntum seinen Blick in die Zukunft, entschlossen, das Schicksal mit fester Hand und unbeugsamem Willen zu meistern.

Schon im vergangenen Jahr hatte es sich als notwendig erwiesen, die Führer des deutschen Bauerntums zusammenkommen zu lassen, um die Notwendigkeiten des bäuerlichen Kampfes in der Zukunft gemeinsam zu klären. Aber der Reichsbauerntag wurde verschoben, damit das Bauerntum seine Kräfte restlos in den Dienst des Volksabstimmungskampfes einsetzen konnte. Darum wird Ende Januar dieses Jahres der Reichsbauernführer seine Mit­arbeiter zum ersten großen Reichsbauerntag in Weimar zusammenrufen, um dabei ein nachdrückliches und eindeutiges Bekenntnis zum deutschen Vauernstaat und zur Politik des Volkskanzlers abzulegen. Der Reichs­bauerntag in Weimar wird die Parole-Aus­gabe des Kampfes des deutschen Bauerntums für das Jahr 1934 bringen. Noch schwebende, grundsätzliche Fragender Neuorgani­sation werden hier ihre Lösung finden. In kleineren Arbeitszirkeln werden die Führer und Unterführer ihre Erfahrungen austau­schen und so der Wucht des bäuerlichen Kampfes neuen Nachdruck geben. So wird dieser erste Reichsbauerntag im nationalsozi­alistischen Deutschland von grundsätz-

Die deutschen Vornamen

Eine kulturgeschichtliche Plauderei von Dr. Rarl Deurath

Karl Hauptmann, gewiß ein Schriftsteller von ang und alles andere eher als oberflächlich, zählt zu Beginn seines Romanes „Einhart der ichler", daß die Kinder des Hauses Seile Namen halten' hätten, „die aus dem deutschen Alter- me stammten". Und dann zählt er sie auf und nnt „Johanna, Katharina, Einhart, Rosa und uma". Das sind fünf Namen, die Hauptmann r deutsch hält, aber drei davon sind alles an- re als deutsch und erst auf Umwegen zu uns kommen Geradeso wie Marie und Elisabeth, ins und Trete, Peter und Martin, Guste und ne die auf den ersten Blick noch viel deutscher wsehen, als Johanna, Katharina und Rosa.

Nicht immer ist der Nachweis fremder Herkunft einfach wie bei den hier angeführten Namen, st läßt es sich erst an den Quellen feststellen . ein Name auf deutsche Wurzeln zurückgeht er auf fremde.

Da ist der Name Regina, der im Lateinischen önigin bedeutet und ganz so aussieht, als ob davon abgeleitet wäre. In Wirklichkeit ist die weibliche Form des altdeutschen Manner- imens Ragino, bedeutet die Ratende, und ird deshalb mit Recht auf der ersten Silbe be­ut. Auch Erika kann deutsch sein, und gehörte inn zu Erich von dem es eine Nebenform Era- K gibt der Ehrenfürst. Anna stammt aus m Hebräischen in der Bedeutung Huld Gottes. - geht aber auch eine deutsche Anna um als amen. Die männliche Form zu dieser Anna ist nno skleiner Adler), der Held eines der mnsten mittelalterlichen Lehrgedichte, das wir Men. Blanka und Vianka muten uns irchaus fremd an, aber beide enthalten unser >önes deutsches Wort blank. Elvira ist die

spanisch beeinflußte westgotische Form von Al- wara, die Allbewahrende. Alma wird jeder für lateinisch halten; es gibt aber auch eine deutsche Kurzform mit diesem Lautbestand, der zu den mit Amal zusammengesetzten Namen gehört. Lene und Lotte haben längst Heimatrecht bei uns erworben, aber die erste ist das Kosewort von Helene, die andere von Charlotte. Ist Helene eindeutig griechisch, so ist Charlotte nur bedingt französisch, denn es ist abgeleitet von dem ur- deutschen Wort Karl, das ebenso wie griechisch Andreas nichts weiter als einen Mann be­deutet. Er ist wie viele deutsche Männernamen auch in die romanischen Sprachen übergegangen und in diesen Formen deshalb stets auf der ersten Silbe zu betonen. Bei den slawischen Völ­kern hat er die Bedeutung von König ange­nommen, wie der gefurchtste Caesar (Kaesar) unseren Ahnen zum Kaiser geworden ist.

Trotz seines erheblichen Alters ist Karl nicht bezeichnend für die deutschen Männernamen, wenn auch die ersten Namen nichts anderes ge­wesen sein können als rein dingliche Bezeich­nungen, die eine bestimmte Eigenschaft ihres Trägers hervorheben, so bedeutet Adam der erdentsprosfene Mensch; Eva die Lebenspenderin. Am deutlichsten sehen wir das bei den Römern, die eine besondere Vorliebe für nüchterne Namen batten und ihre Kinder Crassus (der Dicke), Longus (der Lange), Claudius (der Lahme), Plautus (der Plattfuß) nannten oder einfach zählten: Sextus, Septimus, Oktavianus, Dezius.

Und noch etwas kam hinzu, die Namen zu verdunkeln. Die Vorliebe unserer Ahnen, die Namen ihrer Kinder aus den Wortstämmen vom Namen des Vaters und dem der Mutter zusammenzufügen. Ein hübsches Bei­

spiel dafür gibt der Göttinger Germanist Edward Schröder an. Die Eltern hießen etwa Hildibrand und Gertrud (Kampfschwert und Sperrkraut). Die fünf Knaben dieses Paares heißen Hildiger, Trudger, Vrandger, Gerbrand, Trudbrand; die fünf Mädchen: Hilditrud.Trudhild, Gerhild.Brand- trud.Brandhild. Doch es ist klar, daß diefe Gepflogen­heit erst Brauch werden konnte, als man nicht mehr genau wußte, was die einzelnen Namens­stämme bedeuteten, denn Schwertspeer und Speer- schwert geben keinen eigentlichen Sinn mehr. Und doch dürfen wir aus guten Gründen schlie­ßen, daß die alten Namen zur Zeit der Karo­linger im allgemeinen noch richtig verstanden wurden. Die Verwirrung begann bei jenen Stämmen, die ausgewandert waren und in frem­der Umgebung saßen, wie den Burgunden und den Westfranken.

Auch mit dem Einzug des Christentums be­haupteten die alten Namen ihre Beliebtheit. Trotzdem kommen, zumal in der Nachbarschaft von Klöstern, einige biblische Namen auf, durch­weg aus dem alten Testament, aber noch lange behalten die deutschen Namen ihren Vorrang, selbst bei den romanischen Völkern, wo sich eine ganze Reihe von Bischöfen und Heiligen mit ur- deutschem Namen nachweisen läßt. Brechenmacher gibt eine Liste von 311 Heiligennamen deutscher Prägung. Daß Vonifacius, der Vekehrer der Teutschen, vor 719 Winfried hieß, ist allgemein bekannt.

Immerhin gingen diese wenigen biblischen Namen so fest in das Bewußtsein über, daß mit dem Aufkommen der Familiennamen schon viele eingedeutscht waren und in zahlreichen Formen weiterlebten. Beispiele sind Klaus aus Nikolaus. Harms. Grüner u v. a. aus Hieronymus, P.arthel und Mewes aus Bartholemäus.

Socin nimmt das Jabr 1270 als den unge­fähren Zeitpunkt an, da fremde Taufnamen in­folge der Angleichung an die deutsche Sprachform

volkstümlich wurden, die Zeit, da die volltönen­den Silben des althochdeutschen zerfielen und die Heiligennamen leichter der deutschen Betonung angepaßt werden konnten, Johann etwa, Martin, Jakob, alle mit dem Ton auf der ersten Silbe. Manchmal deckten sich die Laut­formen der neuen Namen mit ererbten wie Anna und Alma oder Marcho mit Markus und viele andere. Selbst die Kreuzzllge wirkten lange nicht so stark auf die Namengebung, wie man anneh­men sollte. Um so mehr aber der Humanis­mus, der sich der klassischen Namen bemächtigte und Namen wie Aristoteles, Horatius, Caesar u. a. bevorzugte.

Die lleberflutung des deutschen Sprachgebietes mit fremden Namen kam erst mit der Reforma­tion und der Bibelübersetzung. Die Protestanten aller Richtungen griffen Mit solchem Eiser nach den biblischen Namen, besonders nach denen des alten Testamentes, daß die Synode von Tournai (1571) sie ausdrücklich verbot. So ging die ka­tholische Christenheit dazu über, den Neugebo­renen die Namen von Heiligen beizulegen oder man nahm einfach den Kalendernamen des Ge­burtstages, wodurch dann mitunter recht wunder­liche Namen entstanden. So hieß Peter Ro­se gg er eigentlich Petri Kettenfeier, und auf seinen ersten Büchern zeichnet er auch noch K. P. — aus diesem Brauch erklärt sich wohl auch, daß viele Katholiken ihren Namenstag statt ihres Geburtstages feiern. Die Meinung, daß die ka­tholische Kirche den Eintritt in die Kirche höher werte, als den ins Leben, ist wohl kaum richtig. Man kann leicht feststellen, daß bei den Taufen Erwachsener kaum einmal eine Namensänderung vorkommt und daß unter den Bischöfen» der äl­testen deutschen Bistümer Mainz, Köln und Metz nur verschwindend wenige mit sremdstämmigen Namen zu finden sind. Auch in Frankreich. Bel­gien und Italien sind zahlreiche Kirchenfllrsten mit rein deutschem Namen nachzuweisen.

Durch die Bindung an den Kalender gingen naturgemäß ungeheure Mengen herrlicher deut­scher Vornamen verloren, denn auf 365 Tagen konnte man nicht einmal die Namen aller deut­schen Heiligen unterbringen, die oben erwähnte Liste Brechenmachers ist durchaus nicht vollständig.

Die Aufklärungszeit hat uns vor allem die große Flut der fremden Frauennamen gebracht, von denen ein erheblicher Teil vordem aus deut­schem Sprachgut entnommen war. Luise, Char­lotte, Annette, Henriette mögen als Beispiele dienen. Auch aus England haben wir ursprüng­lich deutsche Namen im fremden Lautgewand zurückgeholt, wie Liddy (aus Adelheid),'Fanny (aus Frank) u. a.

Neuerdings haben die deutschen Vornamen wieder erheblich an Beliebtheit gewonnen. Die durch die Romantik angefachte Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit und der deutschen Sprache, die rasch zu einer umfassenden und viel­seitigen Wissenschaft herangereift ist, hat schon gewaltige Arbeit geleistet und eine Menge wert­vollen Gutes bergen können. Aber noch sehr viel bleibt zu tun übrig. Vor allem un Volk selbst. Es ist nicht genug, daß die alten Namen in Zet- telkästen und Namenbüchern verzeichnet werden, sie müssen in lebendigen Umlauf kommen. Und sind denn nicht Namen wie Vriinhild, und Eötelin Herrat, Hildegunt, Kriemhild, Siegelint und Ute aus dem Niebelungenlied, Gerlint, Gudrun. Her- gart, Hildeburg und Ortrum. aus dem Gudrun- lied, von anderen ganz zu schweigen, nicht nie! schöner und eindrucksvoller als all die wunderte von Marien und Josefen und Lillis und Luzzis.

Mit der neu erwachten Selbstachtung des Deutschen wird hoffentlich auch ein weiterer Aui- schwung der deutschen Namengebung einhergeden. denn wir haben es wahrhaftig nicht nötig die Tausnam"» unserer Kinder aus dem Ausland zu holen. Wir sind selber reich genug . . . wir wissen es nur leider nicht.