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Nr. 323 / 4. Vierteljahr
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Anzeigen-Teil: Hiesige je mm-Zeile 13 Rps-, auswärtige 17 Rpf.; ,m T-xtteil hiesige 75 Rpf., auswärtige
100 Rps. Klein-Anzeigen bis 20 mm. Familien-Anzeigen und Wohnungsmarkt bei Vorauszahlung 8 Rps-, Stellengesuche 6 Rps. Platzvorschristen ohne jede Verbindlichkeit. Alle sonstigen Bedingungen nach Taris.
Sprechzeit des Verlages und der Schristleitung 1« bis 17 Uhr. / Schlug der Anzeigen-Annahme 18 Uhr.
Mittwoch, den 2 y. November
Einzelpreis is Rpf.
treues Kabinett in Oesterreich?
Um die deutsch-polnische Verständigung
Der deutsche Gesandte bei Pilsndski
Warschau, 28. November.
Der deutsche Gesandte von Moltke wurde am Montagnachmittag im Beisein des Außenministers Beck von Marschall Pilsudski zu einer Konserenz empfangen. Während der Unterredung wurden, wie es amtlich heißt, die Fragen berührt, die auch in der Konserenz zwischen Reichskanzler Hitler und dem polnischen Gesandten in Berlin, Lipski. Gegenstand des Meinungsaustausches waren.
Auch in der Besprechung bei Marschall Pilsudski wurde erneut die Uebereinstimmung der beiderseitigen Auffassungen festgestellt.
Die Nachricht über diese Konferenz in Belve- dere hat größtes Aufsehen erregt. Die Tatsache, daß Außenminister Deck gleichfalls am heutigen Montag vom Staatspräsidenten Moscicki zur Berichterstattung empfangen wurde, wird verschiedentlich mit der Konferenz bei dem Marschall in Zusammenhang gebracht.
Professor Stud Nicki schreibt im regierungsfreundlichen Wilnaer „Slow o" über das Thema „Deutsch-polnische Verständigung". Er geht von der Feststellung aus, daß „die deutsch-polnische Verständigung in den objektiven wirtschaftlichen und politischen Bedingungen beider Staaten liegt". In Wirtschaftlicher Hinsicht entscheide nach seiner Meinung die wirtschaftliche Konjunktur in Deutschland, sowie die Wirtschaftskonjunktur in Polen und in anderen Mittel- und osteuropäischen Staaten, die für Polen den wichtigsten Absatzmarkt darstellen.
Die großen politischen Fragen, wie Anschlüsse, Rückgabe der Kolonien, Gleichberechtigung, find für Deutschland unbedingt von größerer Bedeutung als die Frage des Korridors.
Ueber die Lage der deutschen Minderheit in Polen erklärt Studnicki:
„Unsere (die polnische) Politik der deutschen Minderheit gegenüber muß einer Revision und Besserung unterzogen werden. Gerade die deutsche Minderheit in Polen könne als Bindeglied zwischen den beiden Ländern eine bedeutsame Rolle spielen."
10 Todesurteile in Dessau
Dessau, 28. November.
Nach vierstündiger Beratung verurteilte heute das Schwurgericht Dessau im Hecklinger Mordprozeß (Erschießung des SA.-Mannes Zieslik) 18 angeklagte Kommunisten wegen gemeinschaftlichen Mordes zum Tode und zu dauerndem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Ein Angeklagter wurde freigesprochen.
Schon im Juli v. I. waren drei Kommunisten wegen dieses Mordes zum Tode verurteilt worden.
Vizekanzler Key muß Offenbarungseid leisten
Wien, 28. November.
Der Vizekanzler Fey veröffentlicht in der „Oesterreichischen Abendzeitung" unter seinem Namen eine scharfe Stellungnahme gegen die Ausführungen des früheren Vizekanzlers Wink- ler. Es heißt darin u. a.:
Zu den in den heutigen Morgenblättern in sensationeller Weise aufgemachten Erklärungen des früheren Vizeklanzlers Ingenieur Winkler betreffend angebliche Aufforderung an den Landbund zum Eintritt in die Bundesregierung, stelle ich im Einvernehmen mit Bundeskanzler Dr. Doll fuß folgendes fest:
Der Bundeskanzler hatte mit Vizekanzler a. D. Ingenieur Winkler lediglich eine unverbindliche Aussprache über die grundsätzliche Einstellung zu der Frage „nationalständische Front". Die von Ingenieur Winkler in seiner Sonntagsrede abgegebene Erklärung entspricht daher in dieser Form keineswegs den Tatsachen. Dadurch erledigen sich auch alle an die mehrfach zitierten Aeußerungen Winklers geknüpften Kommentare und Kombinationen.
Trotz dieser Aeußerung. Feys ist es eine Tatsache, daß im Laufe dieser Woche, und zwar am Mittwoch und Donnerstag, vom Landbund die entscheidenden Verhandlungen über den Eintritt eines seiner Mitglieder in die Regierung geführt werden, so daß wahrscheinlich am Freitag, wenn nicht schon früher» die Umbildung der Regierung vorgenommen werden wird. Man geht wohl nicht fehl, wenn man die Umbildung des Kabinetts nicht nur aus einen Wunsch des Landbundes, sondern auch auf die Unstimmigkeiten zurückführt, die sich zwischen Heimwehren und Christlich-Sozialer Partei ergeben haben und die nicht nur auf die Rede Starhembergs zurückgehen.
Offenbamngseib ober Haft
Berlin, 28. November.
Wie der „Völkische Beobachter" aus Wien meldet, soll der Vizekanzler Fey als Führer des Wiener Heimatschutzes für einen von diesem nicht befriedigten Zahlungsanspruch in Höhe von 17 000 Schillingen zur Rechenschaft gezogen werden. Da Fey auf die Zahlungsklage der Klägerin, der österreichischen Druck- und Verlagsgesellschaft, mit dem Absindungsangebot von nur 500 Schillingen antwortete» ersuchte die Klägerin um Bewilligung der Exekution, die vom Gericht auch gestattet wurde. Die im Lokal der Wiener Heimwehr versuchte Pfändung hatte kein Ergebnis. Daraufhin wurde der Antrag aus Ablegung des Offenbarungseides gestellt, den nach geltendem Gesetz Vizekanzler Fey als Führer des Heimatschutzes abzulegen verpslichtet ist. Da dieser kein« Einwendung erhob und auch bei der Entscheidung über den An
trag nicht erschien, wurde Fey durch Beschluß des Exekutionsgerichts zur Ablegung des Eides vorgeladen. Als dieser wieder nichts von sich hören ließ, wurde beschlossen, zur Erzwingung des Eides über ihn die Haft zu verhängen. Erst daraufhin ließ Fey durch seinen Rechtsanwalt Einwendungen erheben, denen aber keine Folge geleistet wurde. Das Exekutionsgericht bestätigte vielmehr, daß die Haft zu vollziehen s e i. Einsprüche beider Parteien wurden gerichtlich zurückgewiesen. Demnach müßte nun Vizekanzler Fey eigentlich den Ossenbarungseid ablegen oder im Falle der Weigerung in Hast genommen werden.
Weiterer Schritt in Wien
Berlin, 28. November.
Der deutsche Gesandte in Wien ist, wie wir von maßgebender Seite erfahren, vom Reichsautzen- minister angewiesen morden, angesichts der nunmehr abgeschlossenen Erhebungen über den Erenz- zwischenfall und mit Rücksicht auf die erfolgte Klarstellung bei der österreichischen Regierung anzufragen, in welcher Weis« sie gedenkt, den Fall weiter zu behandeln, und wann endlich Abhilfe geschaffen werden soll.
Dollfuß bedauert
Der österreichische Bundeskanzler Dr. Dollfuß hat dem deutschen Gesandten Dr. Rieth anläßlich des Zwischenfalls an der deutsch-österreichische» Grenze am 23. November, dem ein Angehöriger der Reichswehr zum Opfer gefallen ist, sein Bedauern ausgesprochen.
Der Bundeskanzler hat dabei mitgeteilt, daß er alles veranlaßt habe, um eine schnelle und vollständige Aufklärung dieses schmerzlichen Vorkommnisses herbeiznsühren und hat sich vorbehalten, zur Frage der Verantwortung Stellung zu nehmen, sobald das Ergebnis der Untersuchung vorliegt.
Auch der hiesige österreichische Gesandte Tauschitz hat dem Reichsaußcnminister das Bedauern seiner Regierung zum Ausdruck gebracht, wie er auch bereits den österreichischen Generalkonsul in Nürnberg gestern angewiesen hatte, an dem Leichenbegängnis teilzunehmen und an der Bahre des erschossenen Reichswehrsoldaten einen Kranz in seinem Auftrage niederzulegen.
Neue Eidesformel
Weltliche Schwurform abgeschafft
Berlin, 28. November.
Das jetzt im Reichsgesetzblatt veröffentlichte Gesetz zur Einschränkung der Eide im Strafverfahren, das am 1. Januar 1934 in Kraft tritt, sieht auch eine neue Eidesformel vor. Während
der Zeuge bisher die ganze Eidesformel nachsprechen mußte, wird die Vereidigung in Zukunft in der Weise erfolgen, daß der Richter an den Zeugen die Worte richtet:
„Sie schwören bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß Sie nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen haben" und der Zeuge hierauf die Worte spricht: „Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe." Wie bisher hat der Schwörende bei der Eidesleistung die rechte Hand zu erheben.
Gibt ein Zeuge an, daß er Mitglied einer Religionsgesellschaft sei, der das Gesetz den Gebrauch gewisser Veteuerungsformel an Stelle des Eides gestattet, so steht eine unter der Beteuerungsformel dieser Religionsgesellschaft abgegebene Erklärung der Eidesleistung gleich. Eine weltliche Form des Eides gibt es nach dem neuen Gesetz dagegen nicht mehr.
Unterzeichnung des deutsch-polnischen Roggen-Abkommens
Berlin, 28. November.
Der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, DarrS, empfing heute anläßlich der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Roggenabkommens den Gesandten der polnischen Republik, Lipski. Die Unterredung verlief in sehr freundschaftlicher Form. Der Gesandte gab seiner Befriedigung über das Roggenabkommen, das erste praktische Ergebnis in der Bereinigung der deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen, Ausdruck und erklärte insbesondere, daß zweifellos dieses Abkommen auf dem Gebiet des internationalen Warenverkehrs einen wertvollen Beitrag zu den Bestrebungen der europäischen Länder liefere, der Landwirtschaft stabile Marktverhältnisse zu schaffen. Reichsminister Darre ging auf den Grundgedanken und Zweck des Reichsnährstandgesetzes ein und betonte, daß dieses Gesetz die Voraussetzungen für Deutschland schaffe, über den Weg der Handelspolitik zu einer Befriedung der Verhältnisse in Europa zu kommen.
Bischof Hosfenselder als Kirchenminister zurückgeli-eten
Berlin, 28. November. Wie wir erfahren, ist Bischof Hoffen- selber in seiner Eigenschaft als Kirchen- minister zurückgetreten.
Dollfuß
sucht Bundesgenossen
Von Hstnr-IIugo Lrisobs
Bremen, 29. Nov.
Noch steht Deutschland und das deutschdenkende Oesterreich unter dem erschütternden Eindruck des Todes eines jungen deutschen Soldaten, den die Kugeln politisch verhetzter Angehöriger eines deutschen Brudervolkes zu Boden gerissen haben. Noch ist die Auswirkung dieser Schüsse, die auf beiden Seiten der Grenze ungeheure Empörung hervorgerufen haben, nicht mit Tatsachen oder gar mit Zahlen nachzuweisen. Eines aber ist gewiß, wenn es überhaupt noch eines Anstoßes bedurft hätte, um den deutschen Brudern in Oesterreich die Katastrophenpolitik ihrer Regierung verhaßt zu machen, dann waren es die Schüsse auf dem Eckalpenkogel, die von gedungenen Banditen eines volksfremden Eewaltsystems unter den Rufen „Heil Dollfuß" abgegeben wurden.
Die Regierung Dollfuß, die mit ihrer deutschfeindlichen Politik diese Vluttat vor der Geschichte zu verantworten haben wird, hat sich damit zum mindesten in ihrer heutigen Zusammensetzung selbst den Todesstoß versetzt. Denn ohne hier von Ursache und Wirkung sprechen zu wollen, die Gerüchte über eine bevorstehende grundlegende Umbildung der österreichischen Regierung werden immer bestimmter und können auch durch Dementis, die mehr bestätigen, als be- streiten, nicht widerlegt werden.
Noch handelt es sich im wesentlichen nur um Gerüchte von einer Wiedereinbeziehung des von Winkler geführten Landbundes, der bis jetzt in scharfem Gegensatz zu dem derzeitigen Vizekanzler Fey stand und bei dem anscheinend Dollfuß hilfeslehend um eine Verbreiterung der Regierungsfront gebettelt hat. So war wenigstens der Inhalt der Rede, die Winkler am Sonntag in Bill ach hielt, gehalten. Wenn jetzt die Regierung Dollfuß durch Fey feststellen läßt, daß die Fühlungnahme der Regierung mit Winkle r „i n d i e s e r F o r m" nicht stattgefunden hätte, so wird damit die Tatsache des Hilferufs als solchen nicht aus der Welt geschafft. Wir glauben zwar nicht, daß die Einbeziehung des Landbundes in die Negierungsfront, die ja wohl von beiden Seiten gewünscht wird, die wahre Basis dieser Regierung, nämlich den Anhang im Volke selbst, wesentlich erweitern würde. Handelt es sich doch bei den heutigen österreichischen Parteien um genau die gleichen von der Zeit längst überholten Gebilde, die, wie die Entwicklung in Deutschland klar beweist, wohl imstande sind, das Rad der Geschichte eine gewisse Zeit aufzuhalten» niemals aber zurückzudrehen.
Man erinnert sich unwillkürlich an den Verzweiflungsschrei der deutschen Sozialdemokra- tie, die, im Parlament zu Vrünings Zeiten immer noch von beachtlicher Stärke, doch
Wisssnseftstt unct Volksgemeinseftstt
2wsi N6U6 Unisi'8ucliungsn übe,- Esi-skirisi-is
Unsterblichkeit für sich beansprucht, für krank hal-
Professor Paul Gast von der Technischen Hochschule, Verfasser des bekannten kulturphno- sophifchen Buches „Unsere neue Lebensform, sprach auf dem Hochschultag Hannover über „Wissenschaft und Volksgemeinschaft und gab der nationalsozialistischen Weltanschauung eine Deutung, die an naturwissenschaftliche Gedanken-
gänge anknüpft. Gast sieht in den Kämpfen und Krisen der Volker den Ablauf eE biologischen Entwicklung, in der die erfolgreichen Volksgemeinschaften ihre staatlichen Lebens armen von primitivster Stufe der Unordnung und des bloßen Behelfs bis zur höchsten Stufe wissenschaftlicher Ordnung fortlaufende Entwicklung m t der ihr vorauseilenden Entwicklung der mater el- len Hilfsmittel und Formen des Lebens. Für An ist nämlich der Staat im Grunde der Begr st^ ebenso ein Werk der Technik, wie Z- -
Wohnung oder das Verkehrsmittel st^ Diese Philosophie steht jenseits des Gegensatze Idealismus und Materialismus. Sie l
turalismus", indem ste ihre GrkeniUms, widerspruchslosen Deutung von . mixn schöpft, wobei aber nicht nur die mater.elle Welt.
sondern auch das geistige Leben natur-
Formen und Werken °ls Gegenstand e »er n wissenschaftlichen Beobachtung aufgef ß w'ro
„Vor dieser Einsicht", sag - der Redner gehen wie Nebel jene glänzenden Lehren Mit denen der Individualismus ^
Gemüter der Menschen "refuh - notwen-
auch der Individualismus eine biologisch^
dige Erscheinungsform des Lebens. „ »
unbefangener Naturforscher (w Gefühlen
würde das Individuum, das /Sewy °
und Gedanken Ewigkeitswerte S sch ' nen freien Willen glaubt und eine persönliche
ten, wenn sich nicht zeigte, daß bei dieser ganzen Prahlerei das Individuum das Opfer einer List ist, deren sich die schöpferische Natur bedient, um ihre Individuen zu höchstmöglichen Leistungen in dem ihnen auferlegten Eemeinschaftsdienst anzuspornen. Die ganze Erscheinung nennen wir Individualismus; er ist ein von der Natur gewallter Wahn, der sinnvoll ist, wenn er der Gemeinschaft nützt, und der seinen Sinn verliert, wenn er ihr Schaden zufügt." Die Anwendung der technisch-naturwissenschaftlichen Denkweise auf die planmäßige Schaffung von Lebensformen — auch von geistigen —, führt dann zu der „Technik" im Sinne Gasts, für den der nationalsozialistische Staat eine Lebensform darstellt, die in hohem Grade „richtiger" ist als ältere Staatsformen. - . . ^ ,
An diesem Konstruktionsentwurf der Revolution hatte die zünftige deutsche Wissenschaft keinen wesentlichen Anteil. Außenseiter hatten eine neue Technik der Lebensformung für die Volksgemeinschaft geschaffen; Außenseiter, hinter deren feuriger Beredsamkeit sehr viel mehr lo- qische Ueberlegung und nüchterne Beobachtung gesteckt hatte, als die Gelehrten ahnen konnten, wenn der Lärm der Versammlungen und der Straßenumzüge von fern her in die Stille ihrer Laboratorien und Versuchsstätten heruberschallte. Da niemand zu ihnen kam, um sie in ihrer Sprache aufzuklären über den Sinn jenes Lärms blieben sie, die durch ihren Dienst an der Volksgemeinschaft in den unpolitischen Bereich der Institute und Hörsäle gebannt waren, in ihrer Mehrzahl ohne Kenntnis und ohne Verständnis der großen Bewegung, bis sie diese an ihren Wirkungen erkannten."
Weiterhin wurden im Vortrug interessante Folgerungen gezogen für den Ausbau des öffentlichen Lebens und die Rolle, die der zukünftigen Wissenschaft dabei zufällt..
„Die Ingenieure der Politik, welche diese Revolution geplant und gestaltet haben, wissen, daß es nur ausnahmsweise möglich ist, von einem bestimmten Zweig der Wissenschaft mit Sicherheit vorauszusagen, welche Früchte von ihm in der Zukunft zu erwarten sind. Sie sind nicht gewillt, in den Pflanzungen der Wissenschaft Raubbau treiben zu lassen, sondern entschlossen, die Wissenschaft zu pflegen und zu fördern, als das, was sie ihrem Wesen nach ist: geistiger Lebensboden der Volksgemeinschaft, der den in ihn eindringenden Wurzeln der blutsmäßigen Ideen die köstlichen Nährstoffe objektiv richtiger Gedankeninhalte spende t."
Die Versammlung, der der Redner zugerufen hatte: „Ich nehme an, daß ein Augenblick philosophischer Besinnung uns in diesem Raum vereinigt, um Wahrheiten furchtlos ins Auge zu blicken", wurde durch die gedanken- und be- ziehungsreichen Ausführungen außerordentlich gefesselt. Es wäre sehr dankenswert, wenn dieser Vortrag einer breiteren Öffentlichkeit, insbesondere auch der ausländischen Wissenschaft, zugänglich gemacht würde.
Die für die Zukunft des deutschen Volkes, für seine kulturelle Höhe und seine Leistungsfähigkeit so ungeheuer wichtige und entscheidende Frage der differenzierten Fortpflanzung innerhalb des Volkes ist im Anschluß an schon frühere Untersuchungen in jüngster Zeit von zwei Seiten her in Angriff genommen worden. Pros. Dr. Hermann Muckermann, Berlin-Schlachtensee, berichtet im laufenden Jahrgang der „Forschungen und Fortschritte" Nr. 31, S. 454, über „Eine neue Untersuchung über den Nachwuchs der Erb-
gesunden". Er untersuchte den Familienaufbau einer sehr umfangreichen, aber in sich geschlossenen Berufsgruppe von ganz Preußen, deren Angehörige ursprünglich aus den verschiedensten sozialen Schichten stammen. Diese Verufsgruppe zeichnet sich nicht nur durch eine ganz besonders hohe körperliche Leistungsfähigkeit aus, die Art der Berufsausübung stellt auch besondere Anforderungen an die geistige Beschaffenheit, an Auffassung, Einsicht, Aussagefähigkeit, sowie an die charakteristischen Eigenschaften, an Selbstbeherrschung, Zähigkeit und sittliche Bewährung. Vor der Verufseinstellung findet eine wiederholte, außerordentlich scharfe Auslese der Berufsanwärter statt.
In gewissem Sinne ein Gegenstück zu dieser körperlich und geistig hochwertigen Berufsschicht im deutschen Volke sind im allgemeinen die Familien, deren Familienaufbau und Kindernachwuchs Dr. Ida Frischeisen-Köhler, Kai- ser-Wilhelm-Jnstitut für Anthropologie in Ber- lin-Dahlem, festzustellen suchte und worüber sie ebenfalls im laufenden Jahrgang der „Forschungen und Fortschritte" Nr. 32, S. 467f, berichtet. Sie untersuchte Familien, die ihre Kinder in Hilfsschulen von Groß-Berlin schicken. Wie steht es nun mit dem Nachwuchs der Erbgesunden, wie mit dem der Erbkranken (denn in den meisten Fällen beruht ja der Schwachsinn der Hilfsschul- kinder auf erblichen Anlagen). — In den biologisch abgeschlossenen Ehen (d. h. in den Ehen, in denen die Ehefrau das 47. Lebensjahr vollendet hat) beträgt die durchschnittliche Kinderzahl in der von Muckermann untersuchten Berufsgruppe 2,5; bei den höheren Beamten sogar nur 2,2. Im Durchschnitt ist die Zahl der selbst wieder fruchtbaren Kinder, die für den Aufbau der nächsten Generation in Frage kommen, 1,7 — also durchaus nicht genügend, um auch nur die zugehörigen Eltern zu ersetzen. Die Ziffer 1,7 liegt noch tiefer als die früher von Muckermann
errechnete Ziffer der biologisch vollendeten Ehen einer geistig besonders begabten Schicht. Die entsprechende Ziffer in einer normal wachsenden Landbevölkerung beträgt nach seinen früheren Erhebungen 4,2. — Frischeisen-Köhler, deren
Ergebnissen allerdings ein wesentlich kleineres Material zugrundeliegt (ihre Untersuchungen werden noch weiter fortgeführt) errechnet für die biologisch abgeschlossenen (einschließlich der kinderlosen) Ehen der Hilfsschuleltern eine durchschnittliche Kinderzahl von 6,2. Aber selbst in den biologisch nicht abgeschlossenen Ehen, in denen also bei dem Altersaufbau der augenblicklichen Hilfsschulmütter sicher noch Kinder zu erwarten sind, beträgt die durchschnittliche Kinderzahl 3,4, eine Zahl, die jetzt schon ausreichen würde, um die Eltern durch die Kinder vollauf zu ersetzen. Doch die Berechnung der Kinderzahl in den biologisch nicht abgeschlossenen Ehen muß immer ein ungenaues Bild geben, da der unsichere Faktor der noch zu erwartenden Kinder nicht mitberücksichtigt werden kann. Um daher auch biologisch nichtvollendeten Ehen der Gegenwart für eine genaue Beurteilung auszuwerten, wurde in sämtlichen Ehen die Kinderzahl nach Jahrfünften der Ehedauer berechnet. In einer normal wachsenden Landbevölkerung ist die Durchschnittskinderzahl im 1. Jahrfünft 2,6. In der vom Lande abwandernden Schicht der sozial aufsteigenden Gruppen sinkt diese Zahl auf etwas unter 2. In der Schicht der sozial am höchsten aufgestiegenen Gruppen bewegt sich die Kinderzahl im 1. Jahrfünft um die Ziffer 1,6. Das sind die Zahlen aus Muckermanns früheren Untersuchungen. In der vom ihm nunmehr untersuchten Berufsschicht betrug in den um die Jahrhundertwende geschlossenen Ehen die durchschnittliche Kinderzahl im 1. Jahrfünft 1,7, in den zwischen 1923/26 geschlossenen Ehen knapp 1. In den Familien der Hilfsschüler dagegen wurden in den von 1895 bis 1910 geschlossenen Ehen im
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