Ausgabe 
(22.11.1933) Nr. 316
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Nr. 316 / 4. Vierteljahr

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100'Rpf. Kleinanzeigen bis 20 mm, Familien-Anzeigen und Wohnungsmarkt bei Vorauszahlung 8 Rps-, Stellengesuche 8 Rps. Platzvorschristen ohne jede Verbindlichkeit. Alle sonstigen Bedingungen nach Tarrs.

Sprecht 12 bis 13 Uhr. / Schluß der Anzeigen-Annahme 1k Uhr.

Mittwoch, den 22. November

Einzelpreis 12 Nps.

EAmrk örrdrrrt den ^tturs

polnischer Wahlterror

Warschau, 21. November.

Es ist im höchsten Matze bedauer­lich, datz im Augenblick, wo verantwortliche Staatsmänner in Berlin und Warschau mit vollem Ernst bestrebt sind, die Beziehungen zwi­schen Deutschland und Polen friedfertig und freundschaftlich zu gestalten, im Korridor und in Posen, wo Gemeindewahlen bevorstehen, der Wahlterror gegen die deutsche Minderheit un­ter Führung des Vorsitzenden des Schützenver­bandes. Strzelec, im bedrohlichen Anwachsen be­griffen ist und bereits blutige Opfer gefordert hat. So fand am Montagabend in Graudenz eine deutsche geschlossene Wahlversammlung statt, in der u. a. der Generalsekretär des Zen- tralausschusses der Deutschen in Polen, Wiese aus Vromberg, eine Wahlrede hielt. Im Augen­blick, als dieser über die Besserung der deutsch­polnischen Beziehungen und die mögliche gün­stige Rückwirkung auf die Lage der deutschen Minderheit in Polen sprach, wurde er von ei­nem Strzelec-Trupp, der sich in die Versamm­lung eingeschlichen hatte, mit Lärm und Dro­hungen unterbrochen.

Es wurde das Legionärslied gesungen und darauf hin laut verkündet, datz, solange den Po­len in Deutschland nicht erlaubt sei, polnisch zu reden l?1, die deutsche Sprache auch in Polen verboten sein müsse. Als die Versammlung dar­aus hin geschlossen wurde, stürzten sich die Strzelec-Leute aus die versammelten Deutschen, zertrümmerten die Einrichtung im Saal und brachten mehreren Deutschen, darunter auch Frauen, blutige Verletzungen bei. Vier Deutsche wurden schwer verletzt. Kurz daraus wurden in einem deutschen Hotel fast alle Fensterscheibe» eingeschlagen. Die Polizei, die um Schutz er­sucht wurde, lehnte ihn ab. Sie erschien erst eine halbe Stunde nach den Vorsällen am Tat­ort. Der polnische Wahlterror, der nach vor­liegenden Meldungen in dem gesamten Gebiet vom Westmarken-Verein ausgeht» wird auch in der Weise getrieben, datz deutsche Wahlkandi­daten, auch wenn sie schon bei früheren Ge­meindewahlen gewählt wurden, neuerdings ei­ner Prüfung in der polnischen Sprache von Amtswegen unterzogen werden und hierbei Nichtkenner durchfallen.

Eine besondere Bedeutung verdient ferner auch die Erklärung Wieses, wonach seit einiger Zeit zwischen dem Zentralausschuß der Deutschen in Polen und dem Innenminister Pieracki Un­terredungen gepflogen werden, die den Zweck verfolgen, eine Möglichkeit zu schaffen, gewisse lebenswichtige Fragen der deutschen Minderheit in Polen unter Vermeidung internationaler In­stanzen durch gegenseitige Klärung einer Er­ledigung zuzuführen. In diesem Zusammen­hang wurde vom Zentralausschutz der Deutschen in Polen dem Innenminister kürzlich eine schrift­liche Zusammenfassung der deutschen Anliegen zur Prüfung überreicht.

Der Völkerbund soll reformiert werden Konferenz in Sän Remo?

Paris, 21. November

Nach Meldungen aus Genf soll im Völkerbunds- krcijen der Gedanke, den Völkerbund zu reorgani­sieren, Fortschritte machen. Der Generalsekretär des Völkerbundes habe mit einem belgischen Ju­risten verhandelt, der einen neuen Völkerbunds­plan ausgearbeitet habe. Ob sich der Plan an die Reoisionsplüne Mussolinis anlehnen werde, habe noch nicht festgestellt werden können Doch hielten die italienischen Kreise es nicht für unmöglich. Der belgische Plan sehe die Loslösung des Völker­bundspaktes vom Versailler-Vertrag vor, wobei der Völkerbundspakt so geändert werden soll, Latz auch die Vereinigten Staaten, Rußland, Japan und Deutschland ihm bei.treten könnten

Nach einer Genfer Meldung derAgence economique et financiere" haben die dortigen Verhandlungen zu einer gewissen Entspannung geführt. Man scheine eine neue Formel gefunden zu haben, um die Abrüstungskonferenz in einer neuen Form Wiederaufleben zu lassen. Henderson beabsichtige Anfang Dezember in Sän Remo die Vertreter Frankreichs, Englands, der Vereinig­ten Staaten, Rußlands, Italiens, Polens und der Kleinen Entente, Belgiens und Deutschlands zu versammeln. Durch die Tatsache, daß Hen­derson die Initiative zu der Versammlung pr- greife, scheine eine ausreichende Verbindung mit der Abrüstungskonferenz geschaffen zu sein. Mit diesem Plan würden sich die Kanzleien in den nächsten Tagen befassen. Diese Idee werde erst greifbare Formen annehmen, wenn alle Regie­rungen damit einverstanden seien. Washington habe bereits wissen lassen, datz es sich nur dann an dieser Zusammenkunft beteiligen würde, wenn auch Tokio und Moskau dabei seien.

Sir John Simon ist auf der Durchreise nach London Montag morgen in Paris eingetroffen. Paul-Boncour wird erst Mittwoch abend aus Genf abreisen.

England bestreikt

Genf, 21. November.

In maßgebenden englischen Kreisen werden die Gerüchte über eine unmittelbar bevorstehende Einberufung einer Mächte-Konferenz nach Rom, Sän Remo oder London energisch bestritten. Viel­mehr glaubt man, datz sich die Möglichkeit einer Mächte-Konferenz außerhalb von Genf erst aus den jetzt lleginnenden diplomatischen Besprechun­gen ergeben kann. Man will auf englischer und italienischer Seite die Verantwortung für die Einberufung einer solchen Konferenz erst dann übernehmen, wenn sich in den jetzt grundsätzlich beschlossenen direkten diplomatischen Besprechun­gen zwischen den europäischen Mächten die Mög­lichkeit einer Einigung und Bereinigung der schwebenden Fragen ergeben hat. Vor allen

Dingen soll eine derartige Konferenz erst dann stattfinden, wenn in großen Linien die Einigung mit Deutschland in der Abrüstungsfrage zustande- gekommen ist. Auf französischer Seite wird hierzu darauf hingewiesen, datz die französische Regie­rung an einer solchen Konferenz nur teilnehmen könnte, wenn in den diplomatischen Besprechun­gen der Vcrhandlungsgegenstand eingehend ge­klärt ist und keinerlei außerhalb der in den diplomatischen Besprechungen festgelegten Fragen auf der Konferenz zur Verhandlung gelangen. Jedoch deutet man auf französischer Seite an. datz in den diplomatischen Besprechungen nicht nur die Abriistungsfragen, sondern auch die übrigen Frankreich unmittelbar interessierenden Fragen, vor allem die Saarfrage und die südost- europäischen Probleme geklärt werden müßten.

Ms-MO der Viermächte- VrchanöZungrn in Genf

Genf, 21. November.

Die unter Vorsitz Heudersous stattfindenden Verhandlungen der vier Mächte sind heute abend zum Abschluß gelangt. Auch die Besprechungen dieses Nachmittags haben der Vorbereitung der morgigen Bürositzung gedient Es ist im Laute der heutigen Verhandlungen über mehrere Fragen keine Einigkeit erzielt worden, so datz dem morgen nachmittag 3.20 Uhr zusammentretenden Büro nur der Bericht Header^on vorliegen wird, während die genaue Festlegung der Ver- tagungssormcl dem Büro selbst überlassen bleiben mutz.

In gewissen Kreisen scheint man es zu bc- strcttcu, datz das Büro die nötige Kompetenz besitze, die Vertagung des Hauptausschusses zu beschließe». Es ist nicht ausgeschlossen, datz diese Kreise daraus hinwirken werde», datz der Haupt- ausjchutz eniberusen wird, um sich über die Ver­tagung aufzusprechen. Einigkeit bestand lediglich über die Tatsache einer Vertagung, jedoch bestehen bezüglich der Weiterarbeit des Effektiv- sowie des Kontrollausschusses die Mcinui>gsverschiedeiihc>teii weiter.

Auf französischer Seite wird auf einer Fort­setzung dieser Ausschutzarbeilen unbedingt bestan­den. obschon von englischer und italienischer Seite darauf hingewiesen wird, daß aus den bisherigen Verhandlungen dieser Ausschüsse genügend klar ersichtlich ist, datz ihre Arbeit unter den gegen­wärtigen Verhältnissen keine Fortschritte machen kann. Auch bezüglich der Festsetzung des Da­tums der Einberufung des Hauptausschusses im Januar möchte man, wenn möglich, von einer allzu genauen Fixierung überhaupt absehen.

Wie die Entscheidung über diese verschiedenen Einzelsragen auch auslaufen mag, jedenfalls ha­ben die Verhandlungen dieser Tage krasser denn je gezeigt, wie wenig ernst es den hochgeriisteten Staaten mit der Abrüstung und wie schwach der Wille zur Einigung in diesen Kreisen ist. Wenn es unter diesen Bedingungen immer noch Kreise gibt, die Deutschland die Schuld am Stocken der Abrüstungsoerhandlungen zuschieben wollen, so zeigen die Verhandlungen der letzten Tage und die Tatsache, datz nicht einmal im engen Rahmen der stattgesnndenen Besprechungen über Fragen von sekundärer Bedeutrmg eine Einigung erzielt werden konnte, nur allzu drastisch, woher die Hemmungen kommen. ''

Neue Schwierigkeiten

Genf, 21. November.

In den Verhandlungen am Dienstag sind plötz­lich neue ernste Schwierigkeiten aufgetaucht, die zunächst die Vereinbarungen der letzten Tage in Frage zu stellen scheinen. Paul-Boncour und Benesch haben übereinstimmend verlangt, datz die beiden hier noch tagenden Ausschüsse für die Kon- troll- und Effektivsrage während der vorgesehenen zweimonatigen Vertagungspause des Hauptaus­schusses ihre Arbeiten in vollem Umfange forl- sctzen. um vor der Öffentlichkeit den Eindruck zu sichern, datz die Abrüstungskonferenz trotz des deutschen Austritts ihre Arbeiten ungehindert weiter fortführt. Diese Auffassung ist jedoch vom Präsidenten - Henderson. vom englischen Vertreter und insbesondere vom italienischen Vertreter ab­gelehnt morden. Von italienischer Seite ist hier­bei grundsätzlich erklärt worden, datz die italieni­sche Regierung an der bereits abgegebenen Er­klärung über die Zwecklosigkeit und Sinnwidrig- keit der Wetterführung der Ausschutzverhandlungen ohne Deutschland festhalte und keinerlei Ver­anlassung für eine Aenderung dieser Haltung vor­liege. Eine Einigung über diese Frage scheint bis­her noch nicht erzielt worden zu sein. In der Mächtebesprechung, über deren Verlauf zum erstenmal keine amtliche Verlautbarung veröffent­licht wird. ist lediglich beschlossen worden, bis zu der am Mittwochnachmittag zusammentretenden Sitzung des Präsidiums keinerlei weitere Be­sprechungen mehr abzuhalten und die zwei­monatige Vertagung nur dann vorzunehmen, wenn sämtliche im Präsidium vertretenen 18 Staaten einstimmig diesem Vorschlag zustimmen. Alan nimmt daher an, datz es Mittwoch im Präsidium zu einer grundsätzlichen Aussprache kommen wird. Aus französischer Seite wird gefordert, datz, falls keine Einigung zustandekomme. der Hauptäusschutz, wie ursprünglich vorgesehen, schon Anfang De­zember zusammentreten soll.

Rechtöwahlen in Spanien

Schneller als man geglaubt hat, scheint sich das marxistische Experiment in Spanien sei­nem Ende zuzuneigen. Vor 2HH Jahren wurde die Monarchie gestürzt. König Alfons mußte das Land verlassen und Spanien wurde Republik. In der Folgezeit überstürz­ten sich die Ereignisse. Alles, was bis­her Bestand im Leben des spa­nischen Volkes gehabt hatt , was durch die Jahrhunderte hindurch geheiligt war, wurde von den Umstürzlern über den Haufen gerannt und in den Schmutz getreten. Bald flammten in den Städten die Kirchen und Klöster auf, die Religion wurde verpönt, die Jesuiten des Landes verwiesen und die übrigen geistlichen Orden der staatlichen Aufsicht unterstellt. Das Eigentum galt nichts mehr.

Nur zu bald aber stellte es sich heraus, daß die neuen Machthaber in ihren Ver­sprechungen viel zu weit gegangen waren. Dem Revolutionstaumel folgte der Katzen­jammer, als die Not an allen Ecken und Enden durchbrach und als es sich erwies, daß die Führer nicht mehr Herr der Lage waren. Eine Unzahl von Streiks, bäuerlichen Aus- ständen, unausgesetzte Angriffe auf das Eigentum und verbrecherische Taten aller Art waren die Folge. Der Staat, der mit ent- schädiaungslosen Enteignungen vorgegangen war. mußte es erleben, datz auch der einfache Mann sich den gleichen Grundsatz zu eigen machte und nun glaubte rauben und plündern zu können, wo es nur angängig war. Immer wieder ist Spanien in der letzten Zeit von blutigen Unruhen heimgesucht worden. Bald war es die äußerste Linke, bald die Rechte, die versuchte, die marxistischen Machthaber zu stürzen und die Gewalt an sich zu reißen. Hunderte von Toten wären die,Folge. Immer größer wurde das wirtschaftliche Elend, über­all zeigten sich in den Provinzen Selbständig­keitsbestrebungen. Spanien letzte in den letz­ten Jahren in einem Zustand völliger An­archie.

Unter diesen Umständen nimmt es nicht wunder, wenn das spanische Volk dem bis­herigen System bei den Kammerwahlen am Sonntag eine deutliche Abfuhr'er­teilt hat. Noch steht das Wahlergebnis zwar nicht genau fest, soviel aber läßt sich schon jetzt übersehen, daß der Erfolg der Rechten über die Republikaner und Sozialisten ganz beträchtlich ist. Nur so ist es auch zu erklären, daß die spanische Regierung solange mit der Bekanntgabe der Wahlergebnisse gezögert hat. Die Regierung will das Bekanntwerden ihrer Niederlage so lange als möglich ver­hindern, weshalb sie ihre Zuflucht zu allerlei Ausreden nimmt. Wahrscheinlich wird in 3V bis 50 Provinzen ein Zweiter Wahlgang not­wendig sein. weil hier die Kandidaten nicht die erforderlichen 40 v. H. der Gesamtstimmen

L)a8 ^ncls clsr ^inlcrsisung

Von Otto Lorbss

der französischen Kammer hat Minister- »ent Sarraut versichert, datz die Diplomatie > Landes das WortEinkreisung" nicht , und datz ihr nichts ferner liege, als dem i Deutschland gegenüber mit einer ein­enden Politik etwas zu tun haben zu wollen, iirklichkeit hatte das Veksailler Diktat keinen en Zweck als die Einkreisung Deutschlands, en Weltkrieg heraufbeschwor, in einem Ge- ustande zu erhalten, und für die Pariser npolitik gab es seitdem keine wichtigere rbe, als den weltpolitischen Kräften ein­zuwirken, die nach und nach die Eispackung uten, die die deutsche Niederlage verewigen Wenn man heute am Ouai d'Orsay jeg- neuerliche Absicht, Deutschland einkreisen zu n, leugnet, so erinnert das an die Fabel Fuchs und den sauren Trauben. Es hat nur alte, seit der Vorkriegszeit ununterbrochen -stehende Einkreisung ihr Ende gefunden. Voraussetzungen entsprachen einer einmali- nachhaltigen weltpolitischen Konstellation, Ueberwindung nach der Abkehr des neuen ichlands vom Völkerbünde und der A^ ngskonferenz dadurch für alle Welt deutlich Ausdruck kam. datz die internationalen virkungen für die deutsche Freiheit eher ig als ungünstig ausfielen. Auch Orkane chfeindlicher Propaganda konnten an dem del der Verhältnisse seit 1914 nichts mehr m. Damals konnten m allen Erdteilen te gegen Deutschland m Bewegung gesetzt en- heute sind in allen Erdteilen Vorgänge !uge die solche Kräfte binden und zugleich -r m'ehr europäische Kräfte für weltpolitische

ch d"e/russisch-j!panischen Kriege ftibilierte

Zariser Presse über eineRückkehr Rußlands

nach Europa". In den maßgebenden russischen Kreisen empfand man keinerlei Bedürfnis, sich an Japan für die empfangenen Schläge zu rächen; man wollte sich durch Erfolge in der europäischen Politik dafür schadlos halten.Wie das ritterliche Japan Rußland im Osten besiget hat", schrieb das Organ des zaristischen Kriegs­ministeriums, derRutzkij Invalid",so wird Rußland alle seine Gegner im Westen überwin­den". England wurde es dadurch leicht gemacht, sich in das russisch-französische Bündnis durch eine Entente mit Rußland einzuschalten und es in den Dienst der Einkreisungsdiplomatie König Edeuards zu stellen. England hatte im zweiten Bündnisverträge mit Japan dieses für den Schutz seiner asiatischen Besitzungen und Inter­essen. verpflichtet und konnte daraufhin seine Seestreitkräfte vorwiegend zurWacht in der Nordsee" zusammenziehen. Da Japan im Frieden von Portsmouth dank der russenfreundlichen Haltung der angelsächsischen Mächte keine Kriegs­entschädigung durchzusetzen vermochte, blieb es in so starker finanzieller Abhängigkeit von England, daß es sich aus dessen Geheiß zu einer Abände­rung des zweiten Bündnisvertrages in dem Sinne bereit erklären mußte, daß er sich nicht gegen eine Macht, mit der England einen Schiedsvertrag abgeschlossen habe, d. h. gegen Amerika, richten dürfe. Dieser Liebesdienst sicherte England diewohlwollende Neutralität" Ame­rikas für den Fall europäischer Verwicklungen. Unter so günstigen weltpolitischen Umständen konnte man in London in Seelenruhe abwarten, bis durch irgendwelchen Zufall ein Funke in den auf dem Kontinent angehäuften Zündstoff flie­gen und irgendwelche Verfehlung, die Deutsch­land in der Notwehr gegen das Völkerrecht be­gehen mochte, das seebeherrschende Albion als

traditionellen Beschützer internationalerGe­rechtigkeit" auf den Plan rufen würde.

Jene für die feindlichen Nachbarn Deutschlands günstigen weltpolitischen Umstände haben sich heute fast in das Gegenteil verkehrt. Rußland muß sich aus Europa zurückziehen und nach Asienzu­rückkehren", wo Japan sich in den Besitz aller strategischen Stellungen setzt, die es braucht, um im gegebenen Augenblick die Sowjetmacht vom Stillen Ozean abschneiden zu können. Zugleich fühlt sich Japan zur See stark genug, um ab­wechselnd jede der angelsächsischen Mächte her­auszufordern. Es ist richtig, daß Amerika und England allen Grund hatten, gerade im Hinblick auf die Lage im Fernen Osten Frankreich bei guter Laune zu erhalten und durchaus begreif­lich, daß die französische Forderung nach einer einseitig gegen Deutschland gerichteten Rüstungs­kontrolle von England wie von Amerika zunächst unterstützt wurde. Indem das neue Deutschland aber daraufhin dem Völkerbund und der Ab­rüstungskonferenz entschlossen den Rücken kehrte, brachte es die angelsächsischen Mächte in die Zwangslage, gegenüber der öffentlichen Mei­nung ihrer Länder Farbe zu bekennen, ob sie der französischen Freundschaft zuliebe im Ernstfälle neue Verantwortlichkeiten für den Lauf konti­nentaleuropäischer Ereignisse übernehmen woll­ten, und da zeigte es sich, daß trotz aller deutsch­feindlichen Stimmungen bei den englisch spre­chenden'Völkern eine unüberwindliche Abnei­gung gegen jegliche abermalige Verwicklung in kontinentaleuropäische Händel zum Durchbruch gekommen ist. Gewiß braucht England Frank­reichs wohlwollende Neutralität, um seine über­seeischen Interessen nachdrücklich gegen japani­schen llebermut wahrnehmen zu können, und Amerika ist nach wie vor begierig, die Veranr- wortung für die Verteidigung derZivilisation", d. h. angelsächsischer Weltherrschaft gegen die gelbe Gefahr mit den Vettern an der anderen Seite des Atlantik teilen zu können. Man könnte

sich deshalb vorstellen, datz im Busen angelsächsi­scher Staatsmänner die . pazifistische Tugend einen schweren Kampf gegen die Versuchung zu .bestehen hätte, kontinentaleuropäische Verwick­lungen entfachen zu helfen, damit Frankreich alle Hände voll zu tun bekäme. Doch selbst solche machiavellistische> Neigungen würden nicht nur jede Absicht, sich an kontinentaleuropäischen Aben­teuern aktiv zu beteiligen, ausschließen, sondern sogar bedingen, die Widerstände gegen die mili­tärische Vorherrschaft Frankreichs auf dem euro­päischen Festlande zu steigern. Jedenfalls hat Roosevelt bereits offen zugegeben, datz in den nächsten fünfzig Jahren kein Amerikaner dazu gebracht werden könnte, wieder auf einem euro­päischen Kriegsschauplatze zu kämpfen. Aus maß­gebenden kanadischen und südafrikanischen Krei­sen ist den Londoner Machthabern deutlich zu verstehen gegeben worden, daß die Dominions eher aus dem Verbände des britischen Weltreiches ausscheiden, als sich noch einmal dazu mißbrau­chen lassen würden, Frankreich Kastanien aus dem Feuer holen zu helfen.

Gewiß würde das kontinentaleuropäische Bünd­nissystem Frankreichs allein genügen, das neue Deutschland unter fortgesetzt steigenden Druck zu setzen, aber Polen und die Staaten der Kleinen Entente haben aus bitteren Erfahrungen gelernt, daß sie sich an ihrer finanziellen Abhängigkeit von Paris zu verbluten drohen, wenn ihnen nicht freundschaftliche Beziehungen zu ihren Nach­barn, vor allem zu Deutschland und Italien, neue Möglichkeiten, Zinsen und Amortisationen zu zahlen, erschließen, um so - mehr, da Frankreich für sie als Käufer eine immer geringere Rolle spielt. Trotz der gönnerhaften Zustimmung, die der PariserTemps" Polen wegen seiner eigen­mächtigen Verständigung mit Deutfchland über eine gegenseitige Erklärung für den Grundsatz derNicht-Eewalt-Anwendung" spendete, beweist dieser Vorgang, wie wenig verläßliche Werkzeuge für eine deutschfeindliche Politik Frankreichs

dessen östliche Vasallen heute bedeuten. Daran kann auch die französisch-russische Annäherung wenig ändern, denn die nunmehr vollzogene An­erkennung der Sowjets durch die Vereinigten Staaten verpflichtet den Kreml, nicht nur' im eigenen Interesse, sondern auch zur Entlastung der amerikanischen Seemacht entschiedener als bisher Japan die Stirn zu bieten.

Freilich nutzt Deutschland wie irgendeinem Lande eine günstige weltpolitische Konstellation auf lange Sicht nur insoweit, wie es sich ihrer würdig zu erweisen versteht. Der Weltkrieg hätte das deutsche Volk nicht in einer so verhängnis­vollen internationalen Lage überraschen können, wenn seine nachbismarckschen Staatsmänner jederzeit gewußt hätten, was sie wollen konnten, und entschlossen gewesen wären, die sich ihnen bietenden Möglichkeiten wahrzunehmen. Es ge­nügt in der internationalen Politik nicht, den Anspruch auf volle Gleichberechtigung zu erheben, man mutz auch wissen, wozu. Eine gewisse Mah­nung sowohl zur Wachsamkeit wie zur Entfal­tung weltpolitischer Talente ist in der Ankündi­gung des Präsidenten Roosevelt enthalten, die amerikanischen Seestreitkräfte im Frühjähr wie­der gleichmäßig auf den. Stillen und Atlantischen Ozean zu verteilen. Das beweist, daß die Washingtoner Regierung zum mindesten'vorüber­gehend die ihr durch Rußland im Fe'rnen Osten gewährleistete Entlastung zu einer stärkeren Wil­lensentfaltung gegenüber Europa auszunützen gedenkt. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Diplomatie des neuen Deutschlands, dafür zu sorgen, datz diesem daraus eher Vorteil als Nach­teil erwächst, und datz sich weder in London noch in Washington die Auffassung entwickeln kann, als hätte das Angelsachsentum im ganzen mehr von einer Nachgiebigkeit gegenüber Deutschland, als gegenüber Japan zu riskieren. Es kommt eben gerade in der Politik im Sinne Nietzsches nicht auf dasfrei wovon", sondern auf das frei wozu" an. sr.

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