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Nr. 312 / 4 . Vierteljahr
Sonnabend, den is. November
Einzelpreis 12 Nps.
Neue Klarheit im Neichstagsbrandstisterprozeß
Sensationelle Gntbüllungen
Kurierdienst zwischen Reichstag und KPD.-Zentrale
Frankreich gegen England?
Paris, 17. November.
Der französische Außenminister Paul-Bon- cour ist am Freitag abend in Begleitung Massiglis mit demselben Zuge wie Sir John Simon nach Genf abgereist. In diesem Zusammenhang erklärt der „Temps", es könne keine Rede von neuen Zugeständnissen sein unter dem Vorwand, eine Rückkehr Deutschlands zur Konferenz zu fördern. Welche Prozedur man auch anwende, so wären solche Anregungen vollkommen unzulässig.
Wen» die Engländer der Ansicht seien, daß sie nicht durch neue eigene Verpflichtungen die von anderen zuzugestehenden Opfer zur Lösung des Problems bezahlen könnten, so müßten sie verstehen, daß Frankreich zu neuen Opfern nicht bereit sei ohne eine ernstzunehmende Gegenleistung für die allgemeine Sicherung.
Einigung zwischen USA und Rußland
Befriedigender Abschluß der amerikauisch- sowjetrnssischen Verhandlungen.
Washington, 17. November.
Die Verhandlungen zwischen Präsident Roose- velt und Litwinow sind zu einem für beide Teile befriedigenden Abschluß gebracht worden. Das kommt in hem heute nachmittag veröffentlichten gemeinsamen Kommunique zum Ausdruck. Dem WunschRoosevelts entsprechend.der alle in derVor- und Nachkriegszeit entstandenen Streitfragen baldigst geklärt.sehen will, hat sich Litwinow entschlossen, noch etwa eine Woche in Washington zu bleiben. Er wird in Gemeinschaft mit den Beamten des Staatsdepartements die Akten der alten russischen Botschaft durchprüfen, unter denen sich auch die Dokumente über die Verpflichtungen der zaristischen und der Kerenski-Regie- rung an Amerika befinden. Durch das heutige Telephongespräch, das Litwinow mit seiner Gattin vom Weißen Haus aus führte sowie durch das gemeinsame Kommunique ist die Anerkennung der Sowjetregierung und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Regierungen <ls k4eto erfolgt.
Auch Belgien nistet auf
Zahlreiche Kasernen werden errichtet
Brüssel, 17. November.
Der Kriegsminister hat beschlossen, in den Städten Bastogne und Vielsalm in Durchführung des Grenzverteidigungsplanes Kasernen zu errichten.
Berlin, 17. November.
Zur vorletzten Sitzung des Vierten Strafsenats des Reichsgerichts in Berlin sind nur wenige, darunter aber außerordentlich bedeutsame Zeuge» geladen. In erster Linie gilt dies für den Maurer Gr 0 the, der nicht nur als Belastungszeuge für Popofs und Torgler gilt, sondern auch sehr wichtige Ausschlüsse über die Tätigkeit des Rot-Front-Kämpser-Bundes und der Roten Hilfe machen kann. Ebenfalls als Zeugen geladen sind die Kommunisten Singer und Kempner.
Die Verhandlung beginnt mit der Vernehmung des Zeugen Otto Erothe. Grothe, der einen glaubwürdigen Eindruck macht und sehr überzeugend spricht, erklärte u. a.: „Ich möchte zunächst kurz die Gründe mitteilen, die mich veranlaßt haben, mich freiwillig als Zeuge zu melden. Ich bin im Jahre 1921 der kommunistischen Partei beigetreten, um dem Proletariat zu helfen. Ich habe aber sehr bald durch meine Arbeit festgestellt, daß besonders in den letzten drei, vier Jahren ein unverschämtes Spiel mit den Interessen der Arbeiterschaft getrieben worden ist. Die Partei ist vollkommen bürokratisch geworden und hat das Proletariat, das sie angeblich befreien wollte, belogen und betrogen. Ich wollte es als deutscher Arbeiter nicht dulden, so erklärte der Zeuge weiter, daß die Nationalsozialisten, von denen man bei uns als von „Hitler und seinen Konsorten" gesprochen hat, zu Unrecht beschuldigt wurden, den Reichstag angesteckt zu haben. Heute, nach neun Monaten ist bewiesen, daß diese Männer wirkliche Staatsmänner sind."
Dauernde Alarmbereitschaft
Der Zeuge äußerte sich dann über die Organisation des Rot-Front-Kämpfer-Bundes, in dem er selbst Kameradschaftsführer war. In der letzten Zeit habe jeder Mann seine Waffe gehabt Bei einzelnen Mitgliedern, die besonders zuverlässig waren, seien in den Wohnungen die Waffen für vier oder fünf Kameraden aufbewahrt worden. In solchen Wohnungen habe dauernder Alarm bestanden. Dieser Zustand habe sich mit dem Tage, als Adolf Hitler Reichskanzler wurde, noch verschärft.
Der Zeuge Grothe teilte dann zu der Parole „Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft" mit, daß nach seinen Erfahrungen diese Parole nicht
etwa geistig aufzufassen war, sondern daß man tatsächlich „geschlagen" hat.
Ueber den Kommunisten Singer sagt Erothe u. a. aus: Ich kenne Singer von meiner Zelle, in der er als Leiter gearbeitet hat. Er ist ein sehr großer Aufschneider, ein Schwindler erster Klasse.
Vorsitzender: Bei welcher Gelegenheit haben Sie Singer nun nach der Reichstagsbrand- stistung gesehen?
Zeuge Grothe' Ich wollt« seit März mit der Partei an sich nichts mehr zu tun haben. Zuletzt war ich noch Kartothek-Obmann und hatte noch Gelder abzurechnen. Ich ging deshalb am Sonntag, 3. April, nachmittags zu einer Sitzung. Dort hat Singer erklärt, es hätten ja alle gesündigt Wir sprachen auch über den Reichstagsbrand und es wurde auch geäußert, daß die Nationalsozialisten den Reichstag angesteckt hätten.
Singer macht dabei eine bezeichnende Bewegung und sagte: Hört mal, so leicht kann man doch nicht mit der Sache lzerumwerse». — Als man ihn dann fragte, wie er denn ba u käme, es abzulehnen, daß die Nationalsozialisten den Reichstag angesteckt hätte», meinte er:
Ich will nichts weiter sagen, aber ich war an dem Tage der KurierderZen trat e, der die Verbindung mit dem Reichstagsbrand hatte. — Diese sensationelle Mitteilung des Zeugen wird im Saal mit lautloser Stille ausgenommen.
Das Signal MM Losschlagen
Vorsitzender. Sie haben früher auch gejagt, Singer hätte erklärt, der Reichstagsbrand hätte das Signal zum Losschlagen sein sollen?
Zeuge: Jawohl, das kann stimmen. J.h entsinne mich jetzt auch. Er sagte, der Reichstagsbrand sei das Signal zum Losschlage» gewesen. Ein Beweis dafür war ja auch, daß am 23. Februar Waffen »erteilt worden sind.
Im weiteren Verlauf seiner Vernehmung gibt der Zeuge Gespräche wieder, die er mit dem Kaufmann Moris Kempner, ebenfalls einem kommunistischen Funktionär, gehabt hat, der später noch als Zeuge vernommen werden wird. Dieser Kempner hat anscheinend eine ganz besondere Vertrauensstellung in der Partei bekleidet. Der Zeuge hat ihn bereits 1924 kennengelernt und hat ihn fünf Vierteljahre lang in seiner Wohnung beherbergt. Er schildert dann
Kempner als einen verschlossenen Menschen, dem von der Partei besondere Ausgaben zugewiesen worden seien Einige Zeit nach dem Brande hat der Zeuge Kempner getroffen und hat eine Unterhaltung über den Reichstagsbrand begonnen. Bei dieser Gelegenheit äußerte Kempner:
Thälmanns Besprechung mit den Brandstiftern
Wenn er gewußt hätte, daß die Sache später zum Fiasko der Partei würde, so hätte er seine Hand niemals dazu hergegeben, als Mitarbeiter zu wirken. Der Zeuge hat Kempner dann gefragt, ob er selbst bei der Brandstiftung gewesen sei. Kempner erwiderte: Jawohl, ich war derjenige!, der.das Brandmaterial nach dem Reichstag befördert hat. Ich habe es in einer Reisetasche am Portal abgegeben. Bei dieser Unterredung soll Kempner weiter gesagt haben, Torgler und Kühnen hätten die Brandstifter in den Reichstag hineingelassen und hätten sie gedeckt. Weiter machte der Zeuge die sensationelle Mitteilung, am 23. Februar habe nach der Mitteilung von Kempner eine Besprechung mit den Brandstiftern stattgefunden. Der Tag der Vrandstistung sei damals noch nicht genau festgelegt worden. Es sei aber verabredet worden, daß die Brandstiftung selbst in Händen von Torgler liege und daß am Brandtagc abends um ^8 Uhr der Brand vollständig angelegt sein solle. An diesen Besprechungen sollen außer Kempner noch Thälmann und eine Reihe weiterer Personen teilgenommen haben.
Unmittelbar vor der Brandstiftung selbst habe eine Besprechung am Großen Stern mit van der Lubbe und dem Bulgaren stattgefunden. Kempner habe ferner u. a. van der Lubbe und Popoff genannt und gesagt, daß Popoff die Leitung haben sollte. Torgler und Kähnen sollten Popoff mit Brandmaterial versorgen. Auch ein bulgarischer Name, etwa Eorgeff oder Drogeff oder so ähnlich, habe eine Rolle gespielt. Popoff habe den Brandstiftern den Rücken decken wollen.
Der Hauptangeklagte van der Lubbe folgt der Vernehmung des Zeugen Erothe mit sichtlichem Interesse.
Vorsitzender: Ist bei einer der Unterredungen zwischen Ihnen und Kempner auch davon gesprochen worden, daß Ausländer vorgeschickt werden müßten?
(Fortsetzung aus Seite 3)
Kommt ein «stlocarno?
Die Entspannung in den deutsch-polnischen Beziehungen
Warschau, 17. November.
Die polnische Presse kommentiert heute sehr lebhaft die gestrige Unterredung zwischen dem deut. scheu Reichskanzler und dem Berliner polnischen Gesandten Lipski und ihre Ergebnisse. Die Regierungspresse unterstreicht die Bedeutung dieses Ereignisses, das als ein Schritt zur Entspannung in den Beziehungen zwischen Deutschland und Polen vewer.et wird, der der Konsolidierung des Friedens in Europa nur dienlich sein könne. So meint die offiziöse „Gazeta Polska", der gestrigen Berliner Erklärung werde die Bedeutung eines mündlichen Nichtangriffspaktes und eines Ost- locarno beigemessen.
Die oppositionelle Presse verhält sich abwartend. Nur der rechtsoppositionelle „Kurjer Warszawski" billigt grundsätzlich den neuesten Schritt der polnischen Regierung in Berlin, erklärt jedoch, daß die deutsch-polnischen Verhandlungen nur solche Probleme berühren dürften, die ausschließlich die beiden Länder betrafen. Dagegen dürften Fragen allgemeiner Natur, wie z. B. die Abrüstungsfroge, nicht in diesem Rahmen behandelt werden, ferner alle die deutsch-polnischen Grenzen betreffenden Fragen, die nach der Meinung des Blattes aus diesen Verhandlungen ausgeschlossen bleiben müßten. Dap Blatt erklärt weiter, der Gesandte Lipski gehöre zu jenen polnischen Diplomaten, die eine Besserung der Beziehungen zwischen Deutsch- land und Polen anstrebten. Bei diesen Bemühungen könne er auf die Unterstützung der gesamten polnischen öffentlichen Meinung rechnen, allerdings unter der Bedingung, daß diese Verhandlungen nicht zu weit führten.
Führende Industrielle in Oberschlesien verhaftet
Kattowitz, 17. November.
Auf Veranlassung der Kattowitzer Staatsanwaltschaft wurden heute bei mehreren Industrie- verwaltungen Revisionen vorgenommen, so bei der Wirek-A.-E., bei Morgenroth, bei der Verwaltung der Ballestremwerke in Ruda, bei der Zechenverwaltung der Fürsten von Donnersmarck in Nsudeck und bei der Rybniker Steinkohlengewerkschaft in Kattowitz. Diese Untersuchungen sind bisher noch nicht abgeschlossen. Der Generaldirektor der Eodulla- und Wirek-Werke (früheren Schaffgotschen Werke) Dr. Goroll und Oberbergwerksdirektor Jungeis wurden verhaftet. Die Gründe sind unbekannt. Es soll sich um Steuerangelegenheiten handeln. Die Untersuchungen werden von vier Staatsanwälten und dem Untersuchungsrichter geführt. ^
veranstaltete kürzlich eine große Ostpreußensahrt für Schüler, die über das Ostland den besten Aufsatz in der Schule geschrieben hatten. Wir bringen hier den Bericht eines Bremer Oberprimaners über seine Eindrücke von dieser Fahrt.
Uns alle bewegt ein freudiges Gefühl! Heute jnd wir noch in der Schule, und morgen in Trave- inünde und aus der Ostsee. Wir fahren in deutsches Ostland! Ein Hakenkreuzwimpel, ein VDA.-Wimpel und ein Wimpel unserer alten Hansestadt Bremen flattern uns voran. Mit dem Zug geht es zunächst bis Travemünde. Dort liegt schon unser stattlicher Dampfer, die „Hansestadt Danzig". In wenigen Stunden geht die Fahrt los. Es ist Nacht, und wir sehen nicht viel. Aber als am nächsten Morgen die Sonne in wunderbarer Pracht aus dem blauen Meere aufsteigt, bietet sich uns ein herrlicher Anblick. Hier die weite See, dort in der Ferne Land, die deutsche Küste.
Steil fällt sie ins Meer ab, darüber dunkle Kiefernwälder. Plötzlich ruft jemand: „Da, da!" Ich sehen hin: Weiße Felsen ragen aus dem Meer auf. Es sind die Kreidefelsen Rügens. Bald trennen uns nur noch einige hundert Meter von ihnen, gewaltig und prächtig stehen sie im Glänze der Sonne vor uns. In Binz legen wir an und genießen recht lange den prächtigen Anblick. Langsam verstreicht der Tag, und allmählich senkt die Nacht ihre Schatten über die Ostsee. Der Sonnenuntergang bietet sich uns in seltener Schönheit dar. Immer tiefer taucht
die rotgoldene Kugel, bis sie im Meere verschwindet.
Am nächsten Morgen laufen wir Zoppot an. In der Ferne liegen Kriegsschiffe: Polnische Torpedoboote! Sie bedrohen von dem auf ehemals deutschem Boden liegenden Gdingen aus unser Danzig. Am Zoppoter Anleger sind polnische Zoll- und Postbeamte. Sie werden von den Deutschen nur wenig beachtet. In Pillau ist unsere Dampferfahrt beendet- Die Bahn bringt uns nach Palmnicken, wo wir das große Vern- steinwerk besichtigen. Leider ist es nicht in Betrieb.
Auf Schusters Rappen geht es dann an der schönen Bernsteinküste entlang. Steil fällt sie ins Meer ab und wird von vielen kleinen Taleinschnitten durchbrochen. Unser Ziel ist Groß- Dirschkeim. Dort werden wir in der Jugendherberge sehr freundlich aufgenommen. Der Abend vereinigt uns mit einer wandernden Mädchen- gruppe aus Eydtkuhnen hart an der deutschen Ostgrenze. Volkslieder werden gesungen, Volkstänze getanzt. Wir empfinden wieder jene Freude, mit der wir unsere Reise angetreten haben. An diesem Abend kommen wir zum ersten Mal mit ostpreußischen Menschen näher in Berührung. So deutsch und heimattreu wie wir.
Am nächsten Tage gelangen wir bei Warnicken an die reizvolle Steilküste, welche dort die größte Höhe erreicht. Der Dampfer „Kurisches Haff" fährt uns über das Haff nach Rossitten. Hier geht es am nächsten Morgen noch in der Dämmerung auf Elchjagd. Wir sehen zwar nur ein Jungtier,
aber Spaß macht es uns dennoch. Die Vogelwarte besichtigt, und dann ziehen wir noch einmal in die Dünen und Dickichtwälder auf Elchjagd. Währenddessen hat sich ein Teil von uns zur Besichtigung der Segelfliegerschule aufgemacht. Leider kommen sie zu den Flugversuchen zu spät und tummeln sich dafür im weißen Sand der riesigen Dünen. Ein Besuch des durch Wanderdünen zerstörten Alt-Kunzen vermittelt uns einen lebendigen Eindruck von der unheimlichen, schleichenden Gewalt des Sandes. Hochbefriedigt scheiden wir von Rossitten. Es geht weiter nach Königsberg. Wir besichtigen die Stadt, besonders das Schloß, den Dom und die alten Speicher in den Häfen.
Auf der Weiterfahrt am Frischen Haff entlang wird ein kurzer Aufenthalt in Vraunsberg zur Besichtigung der außerordentlich schönen gotischen Kirche benutzt. Am Abend fahren wir noch bis Elbing. D>e schöne alte Hansestadt bietet uns viele kunstgeschichtliche Anregungen. Eine drei- viertelstündige Motorbootfahrt bringt uns zum Drausensee. Dort werden wir in dem Gasthaus „Drei Rosen" außerordentlich freundlich ausgenommen. Anderntags fahren wir im Morgengrauen mit kleinen Booten ins Schilf, um die Wasservögel zu belauschen. Der verlandende See mit dem Hügellands dahinter bietet ein außerordentlich reizvolles Bild. Bald nehmen wir wieder Abschied. Mit dem Motorboot geht es auf dem Oberländer Kanal durch die überaus abwechslungsreiche Landschaft. Auf Niederung folgt Hügelland. Der Höhenunterschied wird mit Hilfe des technischen Wunders der „geneigten Ebenen" überwunden. Das Boot fährt in einen großen Wagen hinein und dieses wird dann durch Hebewerke die „geneigte Ebene" hinaufgezogen. Es gibt fünf solcher Ebenen. Sobald sie überwunden sind, geht die Fahrt durch prachtvolle Seenlandschaft. Hinter den blauen Flächen
der Seen erheben sich herrliche Mischwälder. Einer der schönsten Abschnitte unserer Fahrt führt durch den Duzkanal, über dem sich ein dichtgeschlossenes Blätterdach wölbt. Wir durchkreuzen noch einige Seen und legen in Tharden an.
Die Bahn bringt uns nach Osterode, wo uns wieder ein erlebnisreicher Tag bevorsteht: Der Besuch des Tannenberg-National- denkmals bei Hohenstein. Sechs wuchtige Türme ragen aus der Ringmauer hervor. Wir betreten durch den Eingangsturm den Hof. Vor uns erhebt sich inmitten des Achtecks ein großes, schlichtes Kreuz. Dort ruhen zwanzig unbekannte deutsche Soldaten. Wir machen einen Rundgang durch die Türme. Einer ist Hindenburg geweiht, in einem anderen sind Bilder aus dem Weltkrieg ausgestellt, ein dritter enthält die Fahnen aller Regimenter, die dort unter der Führung des großen Generalfeldmarschalls gekämpft haben. Unter den Erinnerungstafeln der Regimenter, die an der Schlacht teilgenommen haben, finden wir auch die unserer Fünfundsiebziger. Vom Aussichtsturm aus können wir das ganze Gebiet überblicken. Der Besuch eines Schlachtreliefs, bei dem durch aufleuchtende Lämpchen der Verlauf der Schlacht nach Stunden dargestellt wird, vermittelt uns einen lebendigen Eindruck des gewaltigen Ringens. Auf der Rückfahrt besuchen wir den Ostcroder Heldensriedhof. Dort liegen Russen neben Deutschen. Die Gräber aller Helden sind liebevoll erhalten und geschmückt.
Am nächsten Tage fahren wir über Marien- werder, wo wir einen kurzen Aufenthalt zur Besichtigung von Schloß und Burg benutzen, nach Marienöurg. Tags zuvor sahen wir ein Denkmal, das dort errichtet ist. wo deutsche Männer in naher Vergangenheit um alten deutsche» Volksboden gekämpft und ihn durch ihren Sieg dem deutschen Volke erhall'» haben; heute stehen wir vor einem Bauw-rk, das uns das Ringen deutscher Männer
um dieses Land in vergangenen Jahrhunderten eindringlich vor Augen führt. Wir alle fühlen: In der Geschichte dieser Burg find Ruhm und Elend der ganzen Ostmark versinnbildlicht. Auch heute legt sie wieder von der Not des Landes Zeugnis ab. Die Morgeusonne kann nicht mehr den Schatten des Glockenturmes auf deutschen Reichsbode» werfen. Die Marienburg, das schönste Kunstwerk deutscher Backsteingotik mit dem gewaltigen Mosaik-Reliefbild der Madonna, ist großer Gefahr ausgesetzt. Nach der Besichtigung der Burg marschieren wir weiter ins „Aus- land", auf Danziger Gebiet. Bevor wir über die Nogatbrücke gehen, müssen wir uns einer Zollkontrolle und Paßrevision unterziehen. Dann geht es von Kalthof aus mit der polnischen Eisenbahn über das polnische Dirschau nach Danzig.
In Danzig wie in Königsberg schwere Wirtschaftsnot. Der Hafen ein Bild trostloser Leere? Der Grund dieses ganzen Uebels ist der vertragswidrige polnische Konkurrenzhasen Gdingen im polnischen Korridor. — Eingehend besichtigen wir die Stadt. Alte, prächtig ausgestattete Kaufmannshäuser, das schöne Rathaus! Im Gegensatz zu diesen großen Bauten der reichen Kaufherren stehen die Gassen der Handwerker. Am nächsten Tag fahren wir »ach Zoppot. Frohen Mutes besteigen wir das Schiff des Seedienstes Ostpreußen, das uns in bewegter Fahrt wieder nach Travemünde zurückbringt. — Wir haben in .dem landschaftlich schönen Ostpreußen schwere politische, wirtschaftliche und kulturelle Not vorgefunden, aber andererseits eine Bevölkerung kennengelernt, die unerschütterlich an ihrem deutschen Volkstum festhält. Aus dieser Erkenntnis nahmen wir in unsere Heimat das Pflicht- und Verantwortungsgefühl dafür mit, daß wir nach besten Kräften mithelfen müssen, diese deutschen Mensch-n und ibr Land unser-m Volke zu erhalten.
Unsere Fahrt in den deutschen Osten
Don Hilmett Vuvogel
Das Reichsministerium des Innern