onatS-Bezug: Bei Szn. 2.30 ein'.
amtliche Organ öes Senats
_Sammelnumme» Roland 828.
Nr. 311 / 4. Vierteljahr
-er Freien Lanfesta-4 6reinen
»nzeigen-Teil: Hiesige je mm-Zeile 13 Rpf... auswärtige 17 Rps.; im Textteil hiesige 75 Rpf.. auswärtige 100 Rps. Klein-Anzeigen bis 20 WM, Farnilien-Anzeigen und Wohnungsmarkt der Vorauszahlung 8 Rpf-, Stellengesuche 6 Rpf. Platzvorschriften ohne jede Verbindlichkeit. Alle sonstigen Bedingungen nach Tarif.
Sprechzeit des Verlages und der Schriftleitung 12 bis 13 Uhr. / Schluß der Anzeigen-Annahme 18 Uhr.
Einzelpreis is Rpf.
Freitag, den 17. November
Boten verh and elt mit Kitlee
Die deutsch polnischen Beziehungen aus einem neuen Gleis
Die Reichsbahn schafft Arbeit
Großzügiges Fahrzengbefchaffungsprogramm Berlin. 18. November.
Die Deutsche Reichsbahngesellschaft hat soeben «in großzügiges Fahrzeugbeschaffungsprogramm fertiggestellt. Es sollen bis etwa August 1934 weit über 190 schwere und leichte Schnelltrieb- wagen gebaut und in Dienst gestellt werden. Der weitaus größte Teil dieser Fahrzeugbauten entfällt auf leichtere Schnelltriebwagen für Nebenbahnen mit Höchstgeschwindigkeiten von 160 bis 116 Kilometern. Daneben wird aber auch eine ganze Reihe modernster Schnelltriebwagen in Arbeit gegeben. In der Hauptsache handelt es sich hier um vier Schnelltriebwagen vom Typ des .Fliegenden Hamburger", deren Ausführung im Vergleich zu dem schon in Betrieb befindlichen Wagen dieser Art weiter verbessert wird. Ferner sollen ausgeführt werden zwei jSchnelltriebwagen mit je 1266 ?8, die dem „Fliegenden Hamburger" ähnlich sind, aber dreiteilig und mit acht Achsen gebaut werden. Für ein Weiteres Fahrzeug ist der Krukenberg-Typ maßgebend. Außerdem wird ein nach seinem Erfinder benannter Geißen-Schnelltriebwagen in Bau gegeben, der vierachsig und dreiteilig ist und eine Geschwindigkeit von 166 Kilometern erreicht. Schließlich sind noch zu erwähnen fünf sogenannte - Dodle-Dampftriebwagen für 116 Kilometer Geschwindigkeit und vier Schnelltriebwagen mit Diesel-elektrischer Kraftquelle.
Eine befreiende Tat
Das evangelische Deutschland hinter dem Reichsbischof
Berlin, 16. November.
Die eindeutige Erklärung, mit der der Reichs- Lischof die von dem Berliner Gauleiter der Deut- 1 scheu Christen in aller Oeffentlichkeit vertretenen Irrlehren und Eingriffe auf das Bekenntnis der Kirche abgewiesen hat, ist, wie der Evangelische Pressedienst mitteilt, in allen Kreisen der Kirche als eine befreiende Tat aufgenommen worden. Aus allen Teilen des Reiches kommen die Zustimnmngserklärungen, die dem Reichsbischof den Dank für sein klares und eindeutiges Wort aussprechen und ihm treue Gefolgschaft in der Abwehr aller Eingriffe auf das Bekenntnis der Kirche geloben.
Dieses einmütige Echo ist ein zwingender Beweis dafür, daß die Erklärung des Reichsbischofs gegen die Irrlehren nur das zum Ausdruck bringt, was die überwältigende Mehrheit des evangelischen Kirchenvolkes empfindet. Der Reichsbischof hat hier nicht mehr als der Anwalt einer bestimmten kirchenpolitischen Gruppe, sondern »als der unumstrittene geistliche Führer der Gesamt- kirche gesprochen.
Aem Dollfuß!
Wien, 16. November
In Wien wurden abermals 15 Nationalsozialisten ausgebürgert. Unter ihnen befindet sich auch der frühere Landespresseches Raimund Haintz.
Berlin, 18. Rov.
Der Besuch des neuernannten polnischen Gesandten Lipsky beim Reichskanzler bedeutet, wie von zuständiger Stelle betont wird, eine Fortsetzung der bereits durch den vor etwa zwei Monaten erfolgten Besuch des früheren Gesandten Wysocki eingeleiteten deutschpolnischen Fühlungnahme und soll vor allem dazu dienen, die deutsch-polnischen Beziehungen aus ein neues Gleis zu bringen. Es ist erfreulich, daß bei dem Besuch bereits ein gewisses greifbares Ergebnis zustande kam. Bemerkenswert ist vor allem, daß der gestrige Besuch aus der freien Initiative der polnischen Regierung entstanden ist. Grundlagen der Verhandlungen werden alle die Fragen sein, die in der letzten Zeit in den deutsch-polnischen Beziehungen eine Rolle gespielt haben. Es ist klar, daß die Verhandlungen in durchaus freundschaftlichem Geist geführt werden.
*
Wenn von französischer Seite jetzt kritische Aeußerungen zu dem Schritt des polnischen Gesandten gemacht werden, so sind sie offenbar dazu bestimmt, eine weniger freundliche Lage zu schaffen.
Frankreich sollte sich die Besprechung aber lieber als Vorbild nehmen,
wie man zu direkten Verhandlungen zwischen zwei Staaten kommen kann, ohne sie von vornherein durch Vorbehalten und Vorbedingungen zu belasten.
Gegenüber Behauptungen von französischer Seite, daß diese deutsch-polnischen Besprechungen den Abschluß eines Nichtangriffspaktes bezwecken bzw. auf ein Ost-Locarno hinauslaufen, wird in politischen Kreisen auf das gestrige Kommunique hingewiesen, das lediglich von der Erklärung der Nichtgewaltanwendung spricht. Es handelt sich bei den gestrigen Besprechungen überhaupt noch nicht um irgendeinen Vertrag.
Die jetzt mit Polen eingeleiteten Verhandlungen auf der Basis der „Nichtgewaltanwendungs- erklärung" liegen durchaus in der Linie der von Deutschland immer verfolgten Politik.
Lleberraschung und Erbitterung in Varis
Paris, 16. November
Die deutsch-polnische Gewaltverzichtserklärung, die am Mittwoch amtlich bekanntgegeben wurde,
hat sehr überrascht. In dies« Ueberraschung mischt sich eine unverkennbare Erbitterung, die klar aus den Versuchen hervorgeht, die Tragweite der deutsch-polnischen Erklärung zu schmälern und Zweifel in die Aufrichtigkeit der Reichsregierung zu setzen.
Dieser Versuch geht aus einem langen Kommentar des Warschauer Vertreters der halbamtlichen französischen Nachrichtenagentur Havas hervor, in dem es u. a. heißt, daß die Nachricht von der gegenseitigen Nichtangriffs-Erklärung in Warschau während eines Luftangriffs-Manövers bekannt geworden sei. Es sei möglich, daß es sich nicht um ein zufälliges Zusammentreffen handele, sondern um eine gewallte Begegnung. Man müsse sich ferner fragen, was die Reichsregierung überhaupt Polen anbieten könne, ob sie ihm den Korridor garantiere, und feierlich erkläre, daß sie endgültig auf die im Herzen deutsche Stadt Danzig verzichte. Man müsse sich ferner fragen, ob Deutschland Polen den unangefochtenen Besitz Oberschlesiens garantiere. Die deutschen Vorschläge würden in Warschau sicherlich mit Vorsicht geprüft werden.
Der Vertreter der Agentur behauptet, die Auffassung gewisser polnischer Kreise wiederzugeben, indem er erklärt, daß „die Reichsregierung in erster Linie die Absicht verfolgt, die friedliche Politik Deutschlands vor den Augen der Welt darzulegen und die gemeinsame Front zu zerstören, die zwischen Frankreich, Polen und der kleinen Entente gebildet wurde". Die polnische Regierung werde sicherlich prüfen, ob eine Garantie die Gefahren von Verhandlungen zu zweien aufwiege. Sie werde sich ferner fragen müssen, ob die Reichsregierung nicht nur Zeit gewinnen wolle, ob das Abkommen, das man ih anbiete, nicht nur provisorisch sei und ob Pole seine Politik auf Fragen einstellen könne, die vielleicht nur die nächste Zukunft betreffen.
Der Berliner Sonderberichterstatter des „Petit Parisien" versucht ebenfalls, die Lage zu verwischen und die friedlichen Absichten der Reichsregierung in Zweifel zu stellen. Reichskanzler Adolf Hitler habe sicherlich gewußt, daß eins Forderung auf Wiederaufrüstung Deutschlands besonders pol- nischerseits auf energischen Widerstand stoßen würde.
Durch das deutsch-polnische Abkommen habe er mit einem Schlage den polnischen Widerstand brechen und die französischen Befürchtungen aus einem Konflikt im Osten beseitigen wollen. Es sei möglich, daß Hitler in dieser Politik fortfahre und ähnliche Abkommen mit anderen Deutschland benachbarten Ländern, insbesondere mit der Tschechoslowakei, abschließe.
„Eine wirkliche Friedensbewegung"
London, 16. November.
Die deutsch-polnische Abmachung, die gegenseitigen Streitigkeiten in Zukunft aus dem Verhandlungswege zu regeln und nicht zur Gewalt zu greifen, findet in London starke Beachtung. Die Presse gibt sie vorläufig ohne Kommentare wieder. Die lleberschrift des „Star" lautet: „Eine wirkliche Friedensbewegung". Wenn nicht alle Anzeichen täuschen, so heißt es in der Reuter- Meldung, dann bedeutet diese Abmachung einen äußerst wichtigen Schritt zu einem stabilen Frieden in Europa.
Der Eindruck in Moskau
Moskau, 16. November. Die Aussprache zwischen Reichskanzler Hitler und dem neuen polnischen Gesandten Lipski hat in Moskau Eindruck gemacht. Man erklärt hier, daß die Unterredung als Fortsetzung der seiner- zeitigen Aussprache zwischen Hitler und dem polnischen Gesandten Wysocki bezeichnet werden müsse. Die Aussprache habe wiederum hauptsächlich dem Ausgleich der politischen Schwierigkeiten zwischen den beiden Ländern gedient.
Eine englische Stimme
zur Regelung der deutschen Ostsragen
London, 16. November. Ueber die Geschichte der deutschen Außenpolitik bringt der diplomatische Mitarbeiter der „Mor- mng Post" einen längeren Artikel. Darin heißt es u. a., eine der wichtigsten Bedingungen für eine deutsch-französische Annäherung sei, daß Frankreich als Gegenleistung für eine Garantie des gegenwärtigen Zustandes an den deutschen Westgrenzen sich jeglichen Verhandlungen indifferent gegenüber verhalten solle, die Deutschland mit Polen und der Tschechoslowakei zu eröffnen gedenke.
Insbesondere solle man Deutschland freie Hand geben, aus dem Wege der friedlichen Mittel die bestmögliche Lösung der Korridor- und Oberschle- fiensrage zu erhalten.
Man betrachte diese Fragen in Berlin nicht als unlösbar, vorausgesetzt, daß die jeweils beteiligten hauptsächlichsten Mächte allein gelassen werden, das hieße also, daß Polen nicht zu einem Widerstand seitens Frankreichs ermutigt werde.
Polen könne vielleicht zu einer Aufgabe des Korridors bewogen werden» wenn man ihm dafür Freihäfen in Danzig und Gdingen oder in Litauen sowie Eisenbahndurchgangsmöglichkeiten durch Ostpreußen und eine Jnternationa- lisierung der Weichsel zugestehen werde.
Die Ziele Deutschlands schlössen weiterhin den Ausschluß Oesterreichs und einen Kolonialbesitz in sich ein, sowie wirtschaftlichen Einfluß in Mitteleuropa. Die Rüstungsgleichheit bleibe dabei natürlich eine unabänderliche Vorbedingung.
Wir und die polen
Bremen, 17. November.
Im Zuge der Politik, die eine wirkliche Befriedung Europas auf der Grundlage der gegenseitigen Achtung und bei Wahrung der gleichen Rechte der Völker bezweckt, hat der Führer schon vor einigen Monaten einen Schritt unternommen, der damals wegen seiner Neuartigkeit sensationell wirkte und der in der Weltöffentlichkeit ganz verschieden kommentiert wurde. Es handelt sich um die Unterredung, die Adolf Hitler am 3. Mai ds. Js. mit dem Gesandten Polens hatte. Mols Hitler ging dabei von einer Beurteilung der deutschpolnischen Beziehungen aus, die er vor- und nachher in mehreren Reden öffentlich darlegte. Er stellte sich auf der einen Seite zwar auf den Standpunkt, daß der sogenannte pol- nische Korridor eine der wähnst nnig st en Schöpfungen des Ver- ailler Vertrages sei, mit deren Befand sich kein Deutscher je abfinden werde, ietonte auf der anderen Seite aber auf das nachdrücklichste, daß auch diese Streitfrage keineswegs zu einer dauernden deutsch-polnischen Entfremdung führen und vor allem unter der Voraussetzung des gegenseitigen guten Willens nicht zu einer Kriegsgefahr werden müsse. Der Kanzler ging noch ein Stück weiter und verkündete vor aller Welt das souveräne Recht eines jeden Volkes auf seine Eigenexistenz. Es wäre deshalb gründlich verfehlt, wenn man auch heute der Auffassung sein wollte, daß sich etwa Polen germanisieren oder Deutsche polonisieren ließen. Deutsche bleiben Deutsche und Polen bleiben Polen — auf dieser Grundlage sollte eine Möglichkeit zur Lauernden Verständigung zwischen den beiden Staaten gefunden werden, denn — auch dies erklärte Hitler mit besonderem Nachdruck — aus dem zukünftigen Bild Europas wird sich Polen als Staat nicht mehr wegdenken lassen.
Das ist das neuartige in den Beziehungen zwischen Deutschland und Polen. Auch die bisherigen Regierungen in Deutschland haben den Standpunkt vertreten, daß uns gerade an unserer Ostgrenze vom Versailler Vertrag das schwerste aller Unrechte zugefügt wurde und daß kein guter Deutscher sich mit den Zuständen, wie sie in Pommerellen, in Danzig und in Oberschlesien geschaffen wurden, abfinden kann. Hier steht aber Hitler auf, der erst am 12. November eine so einmütige Zustimmung zu seiner Außenpolitik vom ganzen deutschen Volk erhalten hat, daß ihm niemand mehr das Recht abstreiten kann, als Wortführer der ganzen Nation zu gelten, und sagt klar und deutlich: Wir wollen uns auch mit euch verständigen.
Wenn man annehmen sollte, daß auch die führenden Männer in Warschau sich der geschichtlichen Bedeutung dieses Schrittes Hitlers bewußt werden müßten, so sah man sich aber leider getäuscht. Warschau hat offenbar asf ein Pariser Stichwort hin die Angelegenheit auf sich beruhen lassen und ist seit dieser ersten Aussprache nicht nur nicht wieder darauf zu- - rückgekommen, sondern hat sich inzwischen an
Oss neue Lssietit clss sul'OpÄiseliSn LiAAismAi'MSS
Von Sgon ^riscir. bl. Ockers
läßt sich nicht mit Sicherheit über- in welchen Formen und Ausmaßen die en Auswirkungen, die Adolf Hitler's nd entscheidendster Wahlsieg zweifellos oird, greifbare Gestalt annehmen wer- nes steht aber heute schon fest: das Ee- - europäischen Staatsmannes, wie wir seit Jahrzehnten kennen, wie es uns rkriegszeiten her, durch den Weltbrand 1 und bis in die ersten und die letzten rgsschrecken hinein starr, stur und ;rn überliefert worden ist, dieses Gerd aufhören, politischer Ausdruck des rrs zu sein.
:s nach der hochpolitisch- und wirt- olitisch-dilettantischen Liquidation des Krieges hieß. die Zeiten der Eeheim- stie seien nun vorbei, da haben wir er-
i Mißbrauch aufgeblähter Worte, zweier es klar. bezw. wurde es alsbald r, daß der Begriff der Eeheimdrplo- lnd der typischen Vertreter der Diplo- ilter Schule ganz äußerlich erfaßt Es geschah weiter nichts, als daß hier fin England und Frankreich noch mehr ' rmaligen Deutschland) gut erzogene ndt auftretende Männer durch mehr ' manierenlose und plump-
verschlagene Individuen abgelöst wurden. Auch abseits des völligen Fehlens eines neuen Geistes, im einen wie im anderen Falle, war solcher Tausch unter allen Umständen ein schlechter. Die sogenannten „Aeußerlichkeiten" im Aussehen, Auftreten und formellen Sich- göben der Menschen untereinander, sind ja bekanntlich in Wahrheit oft genug höchst aufschlußreich über die allerwosentlichsten und tiefsten Innerlichkeiten; und sie sind es doppelt und noch vielfacher da, wo, wie nirgends sonst, der „Ton" es ist, der „die Musik macht": m der Diplomatie, im internationalen Staatsgeschäft, wo von solchen sogenannten Imponderabilien bei politischen Besuchen und Gesprächen und Frühstücken oft genug Volkerschicksale abgehangen haben- Wie viele Seiten im Schuldbuch der deutschen Erfüllungspolitik allein auf Konto z. B. der Stresemann schen lächerlichen, subalternen, rückgratsteifen Bücklinge und seiner sonstigen peinlich improvisierten staatsmännischen Umgangsformen zu leben sind das steht dahin. Wer als unbe- amteter. freier 'zeitgeschichtlicher Beobachter Jahr um Jakr des deutschen Leidensweges, anonym aber sprachenkundig, mit gesessen hat in den Bar-Ecken der Hotels in Genf, in Lo- carno im Haag. in London, der kann davon ein trauriges Lied singen und darf sich seine eigenen Gedanken über diesen Punkt machen.
In unserer weltfahrenden Hansestadt, wo man über andere Völker und andere Sitten aus eigener Anschauung besonders gut Bescheid weiß, wird mancher sein, der hier zustimmt.
Immerhin, möchte außenpolitisch auch manches vermieden, manches zum Erträglicheren gewendet worden sein, wenn wir statt des Typs Stresemann etwa den Typ Brockdorff- Rantzau hinausgeschickt hätten, — die wesentliche Ursache lag freilich tiefer, lag da, wo sie heute ganz Deutschland erkennt, wo sie über kurz oder lang nun auch Europa zu erkennen nicht wird umhin können: lag in einem Versagen des elementar Menschlichen.
Als und solange die Stimme Adolf Hitlers, wie rauhes Erz, leidenschaftlich und aufwühlend einzig deshalb durch das Land scholl, um mit der deutschen Seele zu ringen, wie Jakob mit dem Engel — „ich lasse dich nicht, du segnest mich denn" — solange mochte es angehen, daß Europa witzelte und höhnte oder vornehmtuend die Achseln zuckte.
Nun aber, da er sie gewonnen hat, da diese Stimme unmittelbarer Ausdruck des Volk- denkens, -Fühlens und -Wollens ist, da er politisch und geistig eine Macht verkörpert, wie kein mittelalterlicher Kaiser sie je besaß, — nun ist das Gesicht des europäischen Staatsmannes, wie wir es bislang kannten, im Schutt einer überlebten, lächerlich gewordenen Reaktion versunken. Ein neues steigt empor...
Dieses neue trägt keinerlei Maske mehr, weder die des vom abendländischen Klassengeist englischer Herkunft geprägte Maske des ölglatten, in allen Lebenslagen gleichmütigen
und beherrschten „Gentleman", noch die Maske des mit biedermännischer Plumpheit getarnten advokaten-knifflichen Rowdys...
Wenn noch Bismarck den Verzicht und das ausnahmsweise Abweichen von der Regel der diplomatischen Lüge als seltenen, vielbewunderten staatsmännischen Kniff benötigte und anwandte, so daß bei ihm und zu seiner Zeit die ungeschminkt herausgesagte Wahrheit als letzte Raffinesse der politischen Kunst galt, dann haben wir es heute staunend, bewundernd und beglückt erlebt, wie die Genialität des gesunden Menschenverstandes und eine tief naturverbundene, volkhafte Ursprünglichkeit des Fühlens auch in der großen Politik eine Sprache der rückhaltlosen Offenheit zu sprechen weiß, vor deren ergreifender Wahrheit des Herzens der Plunder konventioneller zünftiger Diplomatie dahinsinkt und zuschanden wird.
Das Wunder deutscher endlicher Einigkeit ist nur erst der eine große Erfolg des 12. November 1933. Der andere, zweite, ebenso große und weittragende mag morgen, übermorgen oder in Jahren kommen: er wird eine Mission deutschen Geistes tragen, die, wenn auch erst nach der Einigung möglich, von nicht geringerer Bedeutung für unsere Schicksalswende sein wird, als diese Einigung selbst.
Das Abendland, das nach dem filmplakat- haften Buchtitel eines kalten und fragwürdigen Denkers dem Untergang geweiht sein soll, erlebt nun, unübersehbar, auf die Riesenprojektionswand zeitgeschichtlich-schicksalswen- denden Geschehens geworfen, das große Antlitz des germanischen Menschen in seiner rei
nen- ursprünglichen Gestalt, so wie es der große französische Dichter Hqporö de Balzac in einer genialen sprachkllnstlerischen Vision einmal mit Bezug auf Martin Luther geformt hat, als er vom „granitenen Kinn und dem Orkan um Brauen und Nasenwurzel" sprach... Dieses Gesicht, in allen seinen persönlichen Abwandlungen, mit all' den vertrauten Familienmalen der Bismarck und Goethe, der Kleist und Beethoven, der Kant und Wagner, ist uns Deutschen schon immer Formel, Inbegriff und Gleichnis gewesen auf unserm urdeutschen Suchen und Grübeln nach dem letzten Sinn des d e u t s ch e n W e s e n s, an dem, nach einem im Kriege vielverspotteten Wort, das jetzt einen stärken Inhalt bekommen hat, „noch einmal die Welt genesen soll" -
Dieses und kein anderes ist das Gesicht des neuen europäischen Staatsmannes. Mag auch niemand noch übersehen können, wie das Schicksal des Abendlandes gegenüber den internationalen Faktoren des weißen Weltbolschewismus, der reaktionären alteuropäischen Geld- und Klassenmoral, der undurchdringlichen fernöstlichen Sphinx und des Farbigen- Problems sich dereinst entscheiden mag: — so steht es doch heute unverrückbar fest, daß die Aufzucht eines völlig veränderten Geschlechts von europäischen Staatsmännern die erste Voraussetzung für den Fortbestand der westlichen Zivilisation ist und daß diese Aufzucht Sitte und Gesetz, Matz und Richtung empfangen muß vom Gesicht der Denkweise und der Fllhlensart, die uns endlich einigen Deutschen zur Antwort auf uralte völkische Frggen geworden ist.