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Nr. 28« Jahrgang 1933
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Deutschlands Kampf um Frieden und Gleichberechtigung
Dr. Goebbels eröffnet den Wahlkampf
Berlin, 20. Oktober.
Am Freitag abend wurde im Sportpalast der Kampf um Deutschlands Gleichberechtigung durch eine Massenkundgebung eröffnet, bei der Reichsminister Dr. Eoebbels über Las Thema „Deutschlands Kampf um Frieden und Gleichberechtigung« sprach. Gleichzeitig fanden Parallelversammlungen im Kriegeroereinshaus und in der Neuen Welt statt. Alle Versammlungen muhten vor Beginn wegenllebersiillungpolizei- lich geschlossen werden, ei« Beweis dafür, welches Echo der Kampf um die Gleichberechtigung im deutschen Volk gefunden hat.
Im Sportpalast fanden sich schon in den NachmittaxsSstunden die ersten Zuhörer ein. Mehr als zwei Stunden vor Beginn war die Halle bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Die Halle prangte in festlichem Schmuck. An den Rängen zogen sich lange Schriftbänder hin, die auf den Sinn der Versammlung hiewiesen: Wir wollen kein Volk minderen Rechts sein! Die Repräsentanten des Verfalls können nicht die Fahnenträger der Zukunft sein! Arbeit und Brot in Ehre und Freiheit.
Wenige Minuten nach 20 Uhr erschien der Reichspropagandaminister mit stürmischem Jubel empfangen. Der stellvertretende Gauleiter Eörlitzer eröffnete die Versammlung und erteilte sofort dem Reichspropagandaminister das Wort, der von einem solchen Jubel empfangen wurde, daß er minutenlang nicht zu sprechen vermochte.
Die mehr als zweistündige Rede des Reichs- propägandaministers Dr. Goebbels gehörte — das darf man wohl sagen — in Inhalt und Form zu den besten, die der als überragender Redner bekannte Eroberer Berlins gehalten hat. Und noch eins darf als Erkenntnis dieses Abends hinzugefügt werden: Noch nie hat bisher eine solche Massenversammlung mit solcher Andacht, aber auch solchem Bemühen um Verständnis außenpolitische Dinge verfolgt, die, wenn sie auch außerhalb der deutschen Erenzpfähle verhandelt wurden und werden, das deutsche Volk auf das allerengste berühren, ja seine Schicksalsfragen sind. Diesen 5V vüü, die in den drei Kundgebungen in Berlin ihren lebendigen Anteil während und am Schluß der Reden durch minutenlange Zustimmung verkündeten, werden 1SVÜVÜ und Millionen in deutschen Landen folgen. Verdeutsche Michel ist tot, de r deutsche Mensch ist erwacht.
Hitler und Göring im WaWampf
Essen, 20. Oktober.
Wie die „National-Zeitung" hört, wird Reichskanzler Adolf Hitler, der bekanntlich persönlich die Führung in dem Wahlkampf für die politische Entscheidung am 12. November übernimmt, insgesamt in 1ö gewaltigen Massenkundgebungen zum deutschen Volke sprechen. Die Versammlungen des Führers werden in den bedeutendsten Großstädten des Reiches stattfinden. Der preußische Ministerpräsident Hermann Göring, der sich im Lande Preußen an die Spitze des Wahlfeldzuges gestellt hat, wird, wie das Blatt weiter erfährt, in der Zeit vom 25. Oktober bis zum 11. November insgesamt 13 Wahlkundgebungen abhalten.
Hakenkreuzbcmner über Wien
Wien, 20. Oktober.
In den ersten Nachmittagsstunden wurde von dem Dache des Kaffeehauses Hcinrichshof, der Oper gegenüber, eine zehn Meter lange und 1^ Meter breite Fahne gehißt, die mit schwarzen und roten Hakcnkreuzfahnen besät war. Auf der Fahne stand eine Inschrift, von der man jedoch von der Straße aus nur die Worte „Seitz, Fey . . alle drei" entziffern konnte. Der dritte Name war nicht zu lesen. Seitz ist bekanntlich der so- zialdemokratische Bürgermeister von Wien und Fey der Heimwehrangehörige Vizekanzler.
Zufällig kam Bürgermeister Seitz gerade am Kaffeehaus Heinrichshof vorüber, als die Fahne mit der Inschrift herabflatterte. Wr.chbeamte begaben sich sofort auf den Dachboden und holten die Fahne herunter, die an diesem stärksten Verkehrsknotenpunkt Wiens' ungeheures Aufsehen erregt hatte. Die Täter konnten nicht ermittelt werden. Bekanntlich ist vor etwa drei Wochen um die Mittagsstunde ebenfalls an der Opernkreuzung von einem Lichtmaste aus eine Hakcnkreuzfahne entrollt worden.
Todesurteil gegen einen kommunistischen Mörder
Chemnitz, 20. Oktober.
In der Nacht nach der Reichstagswahl am 6. November v. I. überfiel in der Kanzler-Straße eine Rotte Kommunisten acht Nationalsozialisten, wobei der SA-Mann Oskar Mildner durch drei Messerstiche so schwer verletzt wurde, daß er am folgenden Tage starb. Der Messerstecher, der 21jäh- rige Schmied Georg Kaspar ick, mußte sich jetzt vor Gericht verantworten. Die Anklage lautete zunächst nur auf Totschlag. Durch die Beweisausnahme kam das Gericht zu der Ueberzeugung, daß der Angeklagte die Tat mit Ueberlegung ausgeführt hat, so daß also Mord vorliegt. Das Gericht verurteilte Kasparick wegen Mordes zum Tode und zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte.
Weitere Abrüstungsbesprechungen ohne Teilnahme Deutschlands zwecklos
Die englische Regierung hat den Gedanken an eine Rettung
der Konferenz aufgegeben
London, 20. Oktober.
Der Auswärtige Ausschuß des Kabinetts erörterte in einer Sitzung am Donnerstag eingehend dje gegenwärtige Krise in den Abrüstungsverhandlungen, Englische Kreise, so schreibt der diplomatische Mitarbeiter des „Daily Telegraph", seien in Uebereinstimmung mit Rom der Ansicht, daß der Plan eines Wiederzusammen- tritts des Büros und des Ausschusses der Abrüstungskonferenz unter den gegenwärtigen Umständen gewisse Gefahren enthalte. Die Ausarbeitung einer Abrüstungsvereinbarung ohne Beteiligung Deutschlands sei zwecklos, zumal auch Amerika sich an den Verhandlungen nicht mehr beteiligen wolle, ehe nicht die europäischen Mächte ihre politischen Gegensätze beigelegt haben. Das bedeute, daß Vier-Miichte-Besprechungen begünstigt würden.
Der Berichterstatter sagt ferner, daß man in London mit einiger Besorgnis den Widerstand des Ausschusses in der französischen Kammer gegen die französische Regierung hinsichtlich des Vier-Mächte- Paktss betrachte. Die Behauptung dieses Aus- schusses, daß durch den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund die Ratifikation dieses Paktes ihre bindende Kraft verloren habe, sei gefährlich für Frankreich, da England und Italien dann auch erklären könnten, daß der Locarno-Vertrag -und andere Abkommen durch Deutschlands Austritt hinfällig geworden seien. Das würde bedeuten, daß Frankreich die englisch-italienische Gara ntie verlieren würde, die letzthin von Baldwin zur vollsten Zufriedenheit Frankreichs wieder bestätigt worden war. Der Visr- mächtepakt sei ausdrücklich dazu bestimmt gewesen, im Falle eines Festfahrens der Abrüstungsverhandlungen weitere Besprechungen zu ermöglichen.
Der diplomatische Mitarbeiter des sozialistische« „Daily HeralL" erklärt mit rücksichtsloser Offenheit, daß die englische Regierung jeden Gedanken an eine Rettung der Abrüstungskonferenz und an ein Zustandekommen einer für Deutschland annehmbaren Vereinbarung ausgegeben habe. Man halte es für das Beste, die Verhandlungen mit der Begründung bis aus weiteres aufzuschieben, daß Viermächte-Vesprechun- gen eine bessere Atmosphäre schaffen könnten.
En lische Fühlungnahme
mit den Vertretern der Großmächte
London, 20. Oktober.
Der englische Außenminister John Simon hat am Freitag nacheinander die Botschafter Ita
liens, Frankreichs und Deutschlands zu sich gebeten, um auf diese Weise die Fühlungnahme wieder herzustellen und den Faden der Verhandlungen nicht abreißen zu. lassen.
Die Unterredung mit dem deutschen Botschafter fand am Spätnachmittag statt. Sir John Simon ist offensichtlich daran gelegen, Klarheit über die Lage zu gewinnen und sich über die weiteren Absichten der deutschen Regierung zu unterrichten.
Die Nächstliegende Tendenz der englischen Politik geht anscheinend darauf hin, die anderen Mächte von der Zwecklosigkeit des für die nächste Woche beabsichtigten Zusammentritts des Büros und des allgemeinen Ausschusses der Abrüstungskonferenz zu überzeugen. Es besteht die Möglichkeit, daß das englische Kabinett zu einer Sondersitzung — vielleicht schon am nächsten Montag — zusammentreten wird, um die Frage des weiteren Vorgehens zu erörtern. Bezeichnend für die Lage ist, daß in London noch gar keine Beschlüsse darüber gefaßt werden, wer England in diesen Sitzungen der Abrüstungskonferenz vertreten soll. Die englische Politik will den Faden nicht abreißen lassen, aber weitere Abrüstungs- besprechungen bis mindestens Mitte November hinausschieben. In der Zwischenzeit soll festgestellt werden, ob die Besprechungen im Rahmen des Viermächte-Paktes erfolgversprechend sein können. Diese Fragen find wahrscheinlich in den Unterredungen Sir John Simons mit dem französischen und italienischen Botschafter berührt worden.
Lord Beatty fordert erhöhte Flottenrüftung
London, 20. Oktober.
Der Oberbefehlshaber der englischen Flotte von 1916 bis 1919, Lord Beattq, erklärte vor der englischen Flottenltga anläßlich der jährlichen Erinnerungsfeier an die Schlacht von Trafalgar, daß die Stärke der englischen Flotte zurzeit ungenügend sei. Ohne eine starke Flotte könne Eng. land nicht seine Rolle als Großmacht spielen Andererseits sei die englische Flotte auch ungenügend, um den englischen Schiffen die freie Benutzung der See zu garantieren, die das A und O der Sicherheit des britischen Weltreiches sei, Lord Beatty führte im einzelnen aus, daß die Zahl der englischen Kreuzer, die durch den Londoner Flottenvertrag auf 59 beschränkt worden war, wieder auf mindestens 70 erhöht werden müsse. Die überfällige Ersatzbauten für die Schlachtschiffe, die durch den Londoner Flottenvertrag aufgeschoben wurden, müßten ebenfalls zur ge
gebenen Zeit durchgeführt werden, wobei eine Verringerung der Tonnage empfehlenswert sel- Auch in anderen Schisfstypen, wie Flugzeug- Mutterschiffen und Verteidigungsschifsen gegen Unterseeboote, müsse eine Verstärkung erfolgen. Lord Beatty tadelte ferner, daß das englische Flottenpersonal in den letzten Jahren angeblich um 12 900 Mann herabgesetzt worden sei und forderte schließlich eine beträchtliche Erhöhung des englischen Marinehaushaltes.
Lloyd George verlangt Abrüstung der Alliierten
London, 20. Oktober
In den Londoner Lichtspieltheatern wird zurzeit eine Wochenschau gezeigt, inderLloydEeorge über die Abrüstungslage eine längere Erklärung verliest. Lloyd George, der den Versailler Vertrag und den Bericht der interalliierten Militär- kommisiion in Händen hält, sagt u. a.: Deutschland habe den Versailler Vertrag bis bis auf den letzten Buchstaben erfüllt. Jetzt stehe es wehrlos inmitten einer Welt von bewaffneten Feinden. Die Alliierten, die sich zwei und dreimal zur Abrüstung verpflichtet hätten, hätten ihrerseits ihre Versprechen und damit den Versailler Vertrag gebrochen. Jetzt habe man die Abrüstung noch einmal um vier Jahre hinausschieben wollen. Dies sei die Ursache der ganzen gegenwärtigen Krise, die erst beigelegt werd«, wenn die Alli- iertxy. ihr? Abrüstungsversprechen erfüllten. Andernfalls sei ein schrecklicherer Krieg all zuvor zu erwarten. Die Ausführungen Lloyd Georges wurden i« den meisten Fällen vom Publikum mit starkem und anhaltenden Beifall aufgenommen.
Krisenstimmung in Paris
Paris, 20. Oktober.
Bis zum späten Abend war noch kein Ausweg aus der verwickelten parlamentarischen Lage zu sehen. Zu Sonntag nachmittag ist eine Sitzung der Kammer angesetzt, aber es ist kaum anzunehmen, daß der Finanzausschuß 24 Stunden vorher, wie vor der Geschäftsordnung vorgeschrieben, zu einem Ergebnis gelangen kann. Immer lautere Krisen- ger lichte durchziehen die Wandelgänge der Kammer. Bei der Beurteilung der Lage ist zu berücksichtigen, daß durch einen Sturz des Kabinetts Daladier keineswegs eine Klärung herbeigeführt wäre, da unter den heutigen Umständen nach einer Spaltung der bestehenden Kartellmehrheit überhaupt leine Mehrheit zustande kommen kann. Im Falle eines Sturzes des Kabinetts Daladier würde das also höchstens auf das System der wechselnden Regierungen hinauslaufen.
Beseitigung der Krise erst nach Wiederaufleben des internationalen Vertrauens
Reichsbankpräfibent Dr. Schacht in einer Unterredung mit einem
englischen Journalisten
London, 20. Oktober.
Der Reichsbankpräfldent Dr, Schacht erklärte in einer Unterredung mit dem Sonderkorrespondenten der „Daily Mail" u. a,:
Der nationale Geist Deutschlands fei fetzt großartig und es herrsche ein wundervolles Gefühl der Einigkeit un-d des erneuten Vertrauens, was einzig und allein dem Führer Adolf Hitler zuzuschreiben sei. Er glaube auch, daß dieser neue deutsche Geist stark genug sei, um Deutschland viel besser durch den kommenden Winter zu bringen, als viele Leute dies glaubten.' Dr. Schacht machte Angaben über die Arbeitsbeschaffung und das Finanzprogramm, worauf er erklärte, daß jede Erholung des Handels uns jede Rückkehr zur früheren Wohlfahrt in Deutschland oder in anderen Ländern unmittelbar von dem Wiederaufleben des internationalen Vertrauens abhängig sei.
Nach dem Hinweis, daß der Vertrau ens- mangei die internationale langfristige Finanzierung getötet habe, sagte Dr. Schacht, daß
Deutschland selbst kein ausländisches Geld benötige
und auch davon keinen Gebrauch machen könnte. Deutschland sei bereits vollkommen für industri^le Zwecke ausgerüstet. Der größte Fehler, den andere Länder in der Vergangenheit machten, bestehe darin, daß sie Deutschland das Geld buchstäblich auszulaugen. das dann lediglich für die Bezahlung der Reparationen und für den Kauf
eingeführter Luxuswaren und Ueberflllssig- keiten verwandt worden sei. Wäre das Geld für die Entwicklung rückständiger Gebiete, wie Afrika, Asien und Südamerika, gewidmet worden, um dort eine Nachfrage nach europäischen Waren zu schaffen, dann hätte nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt daraus Nutzen gezogen.
Ohne eine Wiederherstellung des internationalen Kredits für rückständige Länder werde es niemals wieder eine Hausse auf dem Weltmarkt geben. Internationales politisches Mißtrauen habe die Grundlage unserer materiellen Wohlfahrt zerstört und er glaube, daß die Lösung für den Weltiefstand eine politische und nicht eine wirtschaftliche sei. Von allen Ländern sei gegenwärtig England das wirtschaftlich blühendste. Die Ueberlegenheit der materiellen Stellung Englands über diejenige der festländischen Staaten liege in seinen großen Hilfsquellen im englischen Weltreich und seinen langen politischen Erfahrungen.
Dr. Schacht jagte ferner, er glaube nicht an Zolltarife und halte das Ottawa-Abkommen für falsch. Er unterstreicht die Wichtigkeit der Pfundentwertung in England und den englischen Besitzungen, erklärt aber, daß kein anderes Land seine Währung mit derselben Wirkung entwerten könne. Deutschland könnte z. V, hierdurch keinem ähnlichen Zweck dienen. England habe zwar den Goldstandard, aber nicht das Gold verlassen, denn das Pfund werde immer noch nach dem Goldmaßstab gemessen. Im Inter
esse des internationalen Vertrauens würde er wünschen, daß das Pfund auf seinem gegenwärtigen Stand festgesetzt werde. Ein Versuch, das Pfund auf einem hööheren Stande zu stabilisieren, würde ein großer Mißgriff sein. Das Ergebnis einer Rückkehr zur alten Goldparität würde schlimmer als die Inflation sein, denn es würde bedeuten, daß alle in der entwerteten Währung abgeschlossenen Schulden in einer hööheren Währung bezahlt werden müßten.
Zum Schluß sagte Dr. Schacht, so lange das internationale Wirtschaftsvertrauen nicht wieder hergestellt werden könne, sehe er keinen anderen Weg für die Welt als eine Fortsetzung des wirtschaftlichen Nationalismus und der wirtschaftlichen Ausschließlichkeit, was ein direkter Gegensatz zu dem Ideal der größtmöglichen Freiheit im internationalen Güteraustausch sei.
Äum Bischof von Breslau verufen
Berlin, 20. Oktober, Aus Grund des Bischofsgesetzes ist der bisherige Eeneralsuperintendent v. Otto Zenker zum Bischof von Breslau ernannt worden. Bischof v. Zenler war schon seit 1925 als Generalsuperintendent von Breslau innerhalb der schlefischen Kirche tätig und übernimmt nun als Bischof die Führung des neugegründeten Bistums.
Der kneäensrus des Duce
Von oorerom stäruliKei» bI<-Lor!ek>terststtor Rom, 21. Oktober 1933.
Die italienische Regierung, die sich seit dem Entstehen des Vier-Mächte-Paktes bis zum Augenblick des Ausscheidens Deutschlands aus der Abrüstungskonferenz stets als Mittler zwischen den europäischen Gegensätzen gefühlt und das auch deutlich und gern ausgesprochen hat, ist durch den deutschen Schritt nicht aus dieser Stellung verdrängt worden. Die ersten Aeußerungen von italienischer Seite, die auf die Abreise der deutschen Delegation noch am gleichen und am folgenden Tage zu hören waren, betonten zwar, daß die deutschen Beschlüsse nach Zeit und Umfang gänzlich uns'wartet kämen: aber gleichzeitig erging aus den Palazzo Venezia die Parole, daß Ruhe angesichts der Ereignisse die erste euroväische Pflicht sei. Allmählich hat sich das Bild der amtlichen und öffentlichen italienischen Meinung nun dahin erweitert, daß man sich in Rom wie überhaupt in ganz Italien ernsthaft bemüht, die Wohl überlegten deutschen Entschlüsse auch zu begreifen. Indem man der alarmrufenden Seite mit der Bestimmtheit, die Mussolinis außenpolitische Aktionen stets ausgezeichnet bat, beschwichtigend entgegentritt, indem man Deutschland gegenüber den „Ruf zur Wirklichkeit" lRicknamo alla realts) ergehen läßt, fühlt sich die italienische Politik bereits von neuem in der Rolle des Mittlers. Und bei aller Vorsicht, mit der die italienische Regierung ihre Bemühungen betreibt, versteht man doch offenbar auch in den übrigen europäischen Hauvtstädten sehr deutlich den Friedensruf des Duce.
Deutschland darf Italien für seine ruhige und verständnis- bereite Haltung ehrliche Anerkennung zollen. Der deutsche Schritt hat in Rom zweifellos keinen schlechten Start gehabt.
Aber umgekehrt wird auch Italien in steigendem Maße erkennen, daß die deutschen Entschlüsse nicht etwa das Ausbrechen aus einem vorgezeichneten Weg bedeuten, wie es von der italienischen Presse teilweise unterstellt wird. Man wird in Rom vielmehr bereit sein, zu erkennen, daß Deutschland aus einer nationalen und politischen Notwendigkeit heraus Genf den Rücken kehren mußte. Im faschistischen Italien versteht man das Ehrempfinden eines Volkes sehr Wohl und weiß daß die Ehre nach dem schönen Wort des Reichskanzlers ebensowenig ein leerer Wahn ist wie die Treue. Wir sind deshalb auch sicher, daß der Duce die Mittlerrolle del italienischen Politik nicht einfach so auffaßt, als gelte es, durch Ruhe und gütliches Zureden einen lieben, aber wildgewordenen Burschen mit den anderen wieder zusammenzuführen. Wir sind vielmehr überzeugt, daß der italienische Regierunaschef auch weiterhin bereit ist, auf dem Wege tieferen Verständnisses der Lage weiter zu gehen. Die Mittlerrolle Mussolinis ist wichtiger geworden als je. Sie kann aber nur auf vollkommen neuen Grundlagen erfolgreich durchgeführt werden.
Die Ansätze dazu sind vorhanden. In der Presse und im gesprochenen Wort der italienischen Politik mehren sich die Aeußerungen, daß nicht einmal Deutschland selbst die Schuld an der Zuspitzung der internationalen Lage trägt, sondern daß, dafür der französische Starrsinn, die spitzfindig-ju- ristischeArtderenglischenAußen- politik und — als deren Folge und Ausdruck — die unglaublichen Methoden der Genfer Verhandlungen verantwortlich zu machen sind.
Es ist gut, daß mit dem Aufschub der Konferenz eine Atempause eingetreten ist. Sie entspricht den italienischen Wünschen. Wie uns versichert wird. hat Italien nicht die Absicht, seine weiteren Schritte zur Anbahnung von Verhandlungen, etwa auf der Grundlage des Viererpaktes, zu überstürzen. Im Gegenteil. man betont im Palazzo Chigi, daß jede Uebereilung angesichts der Schwierigkeiten der Lage nur dazu führen könnte, daß man sich mit den alten Gegensätzen am Ver- handlunastisch gegenübersäße, wobei es völlig gleichgültig wäre, ob nur die Mächte des Viermächtepaktes oder die gesamte Abrüstungskonferenz beisammen säßen.
Italien weiß, was ein anständiger Friede ist. Nicht umsonst ist von Rom aus in den letzten Jahren immer wieder der Ruf nach einer rechtzeitigen Nevisionspolitik erklungen. So spricht auch heute vieles dafür, daß Mussolini seine Mittlerrolle nur in einem Sinne betätigt, die der Sicherung eines dauerhaften und ehrlichen Friedenszustandes, der freiwillig auch von den unterlegenen Mächten des Weltkrieges unterzeichnet werden kann, förderlich ist. Wie Italien, in Ruhe auf seine Zeit wartet, so kann auch Deutschland der weiteren Entwicklung in Ruhe entmenschen.