Ausgabe 
(19.10.1933) Nr. 282
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ösemerliationalfo riaWMie Zeitung

Das Draan des Gerrsls der ^reierr ^anfeNkL-t BDsrwsrD

Der Reichspräsiörnt empfängt die neuen GLschäftötrögkr

Berlin. 18. Oktober

Reichspräsident von Hindenburg empfing am Mittwoch den neuernannten Königlich- britischen Botschafter Sir Eric Phipps zur Entgegennahme seines Beglaubigungs­schreibens.

Der Botschafter sagte in seiner Ansprache an den Reichspräsidenten: Zu keiner Zeit ist je ein zwischenstaatliches Zusammenwirken auf finanziellen, wirtschaftlichen und poli­tischen Gebieten so nötig gewesen. Die Ueber­windung unserer individuellen Schwierig­keiten erheischt einen gemeinsamen Kraft­aufwand. Damit dieser zum Erfolge führen 8 kann, ist ein gegenseitiges Verhältnis von 8 Treu und Glauben unerläßlich. 8

Der Herr Reichspräsident führte in seiner 8 Erwiderung u. a. aus: Auch ich bin der Ueber- S zeugung, daß zur Ueberwindung der Schwie­rigkeiten jedes einzelnen Landes in Zukunft gemeinsame Bemühungen notwendig sein werden, die nur auf der Grundlage gegen­seitigen Vertrauens zum Erfolge führen können.

Mit Genugtuung habe ich Ihren Worten entnommen, oaß Sie es sich zur Aufgabe set­zen, die freundschaftlichen Beziehungen zwi­schen unseren beiden Ländern zu pflegen. Seien Sie versichert, daß dies auch mein und 8 der Reichsregierung Bestreben sein wird. g

Reichspräsident von Hindenburg empfing « ferner den neuen brasilianischen Gesandten ö Guimaraes de Araujo Jörge, den neuen 8 portugisischen Gesandten Dr. Alberto de Z Beiga Somoes und den neuen polnischen Ge- 8 sandten Josef Lipski zur Entgegennahme « ihrer Beglaubigungsschreiben. A

Em Aufruf des KeichsbifGofs S

Berlin, 18. Oktober, ö

Der Reichsbischos-Hat an die Pfarrer folgenden 8 Ausruf zür Beteiligung am Winterhilfswerk er- S lasisn: 8

Mitten in..einer Zeit größter außenpolitischer g Entscheidungen gehen wir mit unserem Volke in S die Not des kommenden Winters hinein: aber ! wir gehen als ein erneuertes Volk diesen 1 Weg, nicht mehr in eigensüchtiger und eigenmäch- j tiger Vereinzelung, sondern in geschlossener, straff z geführter Zusammengehörigkeit. Jetzt ist die Zeit z gekommen, wo sich die große Kameradschaft er- z weisen wird, welche uns verbindet. z

Ich habe in meinem Aufruf vorn 11. Oktober S dazu aufgerufen, daß wir uns als Menschen der g Kirche in der Kameradschaft des Glaubens mitten Z in den Kreis derer hineinstellen, tue nicht ruhen 1 wollen und können, bis auch der letzte Volks- z genösse der ärgsten Not entronnen ist. Die evan- z gelischen Pfarrer haben hier die besondere Pflicht z der Mahnung und des Opfers. Unsere Worte sind H nur echt, wenn sie zu Taten führen. z

Ich erwarte daher von allen deutschen evangeli- schen Pfarrern, daß sie, entsprechend dem Vor­gehen anderer Verufsgruppen, wenn irgend mög­lich, 2 v. H. ihres Einkommens dem Hilfswerk zuführen. Ich weiß wohl, daß dieser Beitrag nur einen Teil der Hilfsleistung darstellt, welche der evangelische Pfarrerstand der großen Not enl» gegensetzt. Aber dieser Beitrag soll ein Zeichen dafür fein, daß wir nichr nur privat helfen, wo wir können, sondern daß wir uns auch klar und deutlich in die Front gegen Hunger und Kälte einreihen.

Der Führer gibt Sie Richtlinien für den Wahlkampf

Die Wahl wirb für das Lebensrecht der Nation geführt

Berlin» 18. Oktober.

Die Reichspressestelle der NSDAP. teilt mit: Die Führertagung der NSDAP. fand ihren Höhepunkt und Abschluß in einer gro­ßen, richtunggebenden Rede, die der Führer am Abend vor den versammelten Reichslei­tern, Gauleitern, höheren SA.- und SS.- Führern sowie den Eaupropagandaleitern im Plenarsaal des preußischen Landtags hielt. Rudolf Heß eröffnete die eindrucksvolle Ta­gung mit Begrüßungsworten, dann nahm der Führer das Wort.

In seinen großangelegten Ausführungen zur politischen Lage und über die Aufgaben, die sich für den Nationalsozialismus darauf ergeben, befaßte stch der Führer zunächst mit der

außenpolitischen Situation,

die im engen Zusammenhang stehe mit der innenpolitischen Arbeit der nächsten Wochen. Das außenpolitische Ringen um die Gleich­berechtigung, in besten entscheidendes Sta­dium die deutsche Nation nunmehr eingetreten sei, sei untrennbar verbunden mit dem Kampf um den wirtschaftlichen Wiederauf­stieg, den Kampf um das Brot, den das deutsche Volk seit über acht Monaten zielbe­wußt führe. Die politische Befriedigung der Welt sei die Voraussetzung zu jeder wirtschaftlichen Genesung.

Der große Irrtum der bisherigen nach- novemberlichen Regierungen in Deutschland sei die Nichtbeachtung des Grundsatzes ge­wesen. Ehe nicht die Gleichberechtigung zu­gestanden ist, ist jede Beteiligung an inter­nationalen Konferenzen von vornherein zwecklos. Seine Vorgänger in der Regie­rung seien gewissermaßen von jener „Genfer Krankheit" befallen gewesen, die zu Pessi­misten zur Nation und zu Optimi­sten für den Völkerbund werden ließ.

Er dagegen sage, optimistisch bin ich auf mein Volk und pessimistisch bin ich auf Genf und den Völkerbund. Deutschland sei nie friedliebender gewesen als in dem Augenblick, da es der bisher so wenig erfreulichen Atmosphäre dieser Stadt den Rücken gekehrt habe. Das ganze deutsche Volk stehe hinter der Regierung, wenn sie gegenüber demüti­genden Zurufen erkläre: Wir wollen den

Frieden, aber wir lasten uns nicht behandeln wie eine Nation zweiten Ranges.

Mit derselben Entschlossenheit, mit der die nationalsozialistische Bewegung in den letzten 14 Jahren in Deutschland für ihr Recht ge- kämpft habe, werde Deutschland ernst und unerbittlich auch außenpolitisch auf seinem Recht bestehen und an seinen An­spruch auf Gleichberechtigung festhalten.

Die Ehre sei genau ebensowenig ein leerer Wahn wie es die Treue sei. Man könne ohne sie auf dieser Welt nicht leben.

Deutschland wolle den Frieden und nichts als den Frieden, aber es sei entschlossen, in Zukunft zu keiner Konferenz, in keinen Bund zu gehe», in keine Konvention zu trete», garnichts zu unterschreiben, solange es nicht als gleichberechtigt behandelt werde! Irgendwo gebe es eine Grenze, un­ter die man nicht gehen dürfe, sonst sei man nicht würdig, ein Volk zu führen.

Unsere Propaganda für diese Wahl sei ge­tragen vom größten Ernst, denn diese Wahl sei moralisch einwandfrei und werde für das Lebensrecht der Nation geführt. Mehr vielleicht als irgend jemand hänge ge­rade das nationalsozialistische Deutschland am Frieden, weil die nationalsozialistische Idee den völkischen Begriff einer blutmäßig gebun­denen Staatsführung nach innen zugewandt sei, und deshalb eine imperialistische Erobe­rungspolitik nach außen nicht kenne. Indem wir so jede Gewaltpolitik ablehnten, könnten und würden wir andererseits zur Wahrung unseres Rechtes ebenso entschlos­sen sein.

Die Wahlpropaganda der Partei mäste in diesem Rahmen gesehen und unter Zurückstellung alles Unwesentlichen auf diese ganz großen Fragen konzentriert werden. Un­ser Volk werde in diesen Wochen im Zeichen eines tiefen und heiligen Ernstes stehen. Seine Begeisterung sei nicht auf irgend einer oberflächlichen Hurra-Stimmung aufgebaut, sondern auf tiefinnerster Erkenntnis vom Be­wußtsein seines Rechtes. Diese seine Haltung ruhe auf dem Vertrauen zu seinen Führern, die mit größtem Verantwortungsbewußtsein an die vor ihnen liegenden Aufgaben heran­gehen. Die Arbeit der Partei in den kom­menden Wochen mäste von der Ueberzeugung getragen sein, daß die Tatkraft sich nicht in kleinen Operationen dokumentiere, sondern nur durch Konzentration auf die großen Fra­gen.

Die innere Freiheit und Geschlossen­heit der Bewegung müsse mehr denn 8 je in die Erscheinung treten. Das große Werk der Versöhnung in unserem Volke, das der Nationalsozialismus begonnen habe, müsse nunmehr seine Krönung finden.

Auch unseren früheren innenpolitischen Gegnern würden wir im Zeichen dieses Rin­gens der ganzen Nation entgegenkommen und ihnen die Hand reichen, wenn sie beweisen, daß sie Bekenner der deutschen Ehre und Frie­densliebe seien.

Jeder Nationalsozialist möge stch bei seinem ganzen Tun und Lasten der Verantwortung bewußt sein, die er vor der Nation trage. Im Bewußtsein dieser Verantwortung und un­serer Pflichten müßten wir von der größten Härte gerade gegen uns selbst sein. Wer etwa als Nationalsozialist gegen seine nationalen Pflichten verstoße, müsse wissen, daß er noch weniger Schonung erwarten könne als an­dere Volksgenosten. Die Partei habe ihr gro­ßes nationales Ziel, und dem sei alles andere rücksichtslos unterzuordnen. Wirallemüß - ten dabei auch ein Beispiel von Einfachheit und Schlichtheit ge­ben. Indem wir Nationalsozialisten blie­ben, was wir immer waren, erhielten wir uns nicht nur unsere Stärke, sondern auch das Vertrauen im Volke für alle Zukunft.

Der Führer streifte dann kurz auch die wirtschaftlichen Fragen.

Wenn die Nation heute das Gefühl habe, daß es wirtschaftlich vorwärts gehe, dann müßten wir alles tun, um diesen Antrieb zu verstärken. Mit diesem Blick nur auf das Große und Entscheidende gerichtet, müsse alles Ungeklärte in den nächsten Wochen vor den wirklich großen zur Verwirklichung werden. Wenn wir diesen unseren Kampf aus dem Gefühl der höchsten Verantwortung heraus führen, dann bin ich sicher, daß wir ihn er­folgreich führen. Wer mutig sein Recht ver­tritt, wird am Ende auch Recht bekommen. Wenn wir alle unsere Pflicht bis zum Aeußer- sten erfüllen, dann wird unser Volk das er­kennen und wird am 12. November uns sein Vertrauen aussprechen, weil es zu anständig ist, dem das Vertrauen zu verweigern, der es verdient.

Mit einem Sieg-Heil auf den Führer, dem Wahrer der deutschen Ehre, schloß Rudolf Heß die bedeutsame Führertagung. 8

Das Handwerk - ein Grundstock des

nationalen Staates

Reichswirtschafismlnifter Dr. GGmM aus der Tagung des Nelchsstanbrs

des deutschen Handwerks

Bec? polnischer Ministerpräsident?

Warschau, 18. Oktober.

Ueber eine bevorstehende Regierungsumbildung in Polen ist neuerdings ein recht aufsehenerregen­des Gerücht aufgetaucht, wonach Außenminister Beck als kommender Regierungschef und der frühere Ministerpräsident Prystor als Vize­ministerpräsident ernannt werden. Außenminister Beck soll die Amtsgeschäfte als Außenminister und der jetzige Ministerpräsident Iendrsejewicz seinen Posten als Kultusminister beibehalten Bon amt­licher Seite liegt zur Zeit weder eine Bestätigung noch eine Abrede dieser Gerüchte vor. Außen­minister Veck hat am Dienstag Genf verlassen und seine Heimreise angetreten.

Todesstrafe für den Mord an SS-Männern

Chemnitz, 18. Oktober.

Der Blattmacher Marquade und der Schlaffer Beck wurden wegen Feuerüberfalls aus die SS. am 4. April 1932 in Chcmnitz, wo­bei ein SS.-Mann getötet und einer schwer ver­letzt wurde, zum Tode und zu je 10 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Dr. Goebbels Führer des Wahlkampses Berlin, 18. Oktober.

Reichsminister Dr. Goebbels hat als Reichs- propagandaleiter der NSDAP. die Führung des Wahlkampfes übernommen. Der Wahlkamp* wird von der Reichspropagandaleitung der NSDAP. im Benehmen mit dem Reichspropagandaministerium durchgeführt.

Berlin, 18. Oktober.

Auf der Tagung des Reichsstandes des deut­schen Handwerks hielt Reichswirtschaftsminister Dr. Schmitt eine Rede. in der er u. a. aus­führte, daß dem Mittelstand und dem Handwert die besondere Sorge des Führers und der Reichs­regierung gelte. Der nationalsozialistische Staat, so sagte der Minister, will gerade den unabhängi­gen, der eigenen Verantwortung bewußten und Selbständig schassenden Menschen wieder in den Mittelpunkt der Wirtschaft stellen. Mit den Fa­milienangehörigen, die gerade im Handwerk viel­fach in den Betrieben mitarbeiten, kommt man auf etwa 8 Millionen deutscher Menschen, die auf Gedeih und Verderb mit der Handwerks- wirtschaft verbunden sind. Das sind beinahe lL Prozent unserer gesamten Bevölkerung, d. h. fast ebensoviel Menschen, als die Bauernwirtschaft er­nährt.

Wie die Verbundenheit der Scholle mit dem Bauer zu festen Trägern wahren nationalen Den­kens macht, so ist auch das Handwerk durch die Verbundenheit mit der vielfach ererbten Werk­statt ein Grundstein des nationalen Staates Der großzügige Arbeitsbeschaffungs­plan der Reichsregierung kann nur Hilfswerk für eine Uedergangszeit sein. Die wirtschaftliche Entfaltung auf die Dauer kann nur aus eige­ner Kraft erreicht werden.

Dies gilt für das Handwerk wie für die ge­samte übrige Wirtschaft. Seinen Wiederaufbau und die Wiedererlangung seiner kulturellen unr lozialen Bedeutung muß das Handwerk selbst er­kämpfen. Die Reichsregierung hat zunächst die vielfachen Hemmnisse beseitigt, die auf den Grenz­gebieten der Handwerkswirtschaft liegen. Sie Hai Sperren für die Neuerrichtung von Einzelhandeis- geschasten aller Art, so auch von Einheitspreis»

Filialgeschäften und Warenhäusern erlassen, die Auswüchse auf dem Gebiete des Zugabewesens durch das Gesetz über das Zugabewesen beseitigt.

Dieses Gesetz wird eine Ergänzung durch eine gesetzliche Regelung des Rabattwesens fin­den, die allen Versuchen, das Zugabeverbot durch nicht gerechtfertigte Rabatte zu umgehen, einen Riegel vorgeschoben wird.

Die Aufgaben der Warenhäuser und Konsumverein«

im Rahmen der Verteilungswirtschaft und ihre Anpassung an die Belange des gewerblichen Mit­telstandes bedarf noch sorgfältiger Prüfung. Bei den großen Werten am Volksvermögen, die in diesen Betrieben angelegt sind, könnte blinder Uebereifer nie wieder gutzumachende Schäden an­richten. Die Reichsregierung hat bereits den Ab. bau der Handwerksbetriebe in den Warenhäuser-, angeordnet. Sie wird weiterhin für eine wirr- 'chäftlich tragbare Beschränkung der Großbetriebe Sorge tragen. Unmittelbare Arbeit und dann« Brot sollen vor allem die 500 Millionen Mark bringen, die die Reichsregierung außer den bereit- früher bereitgestellten 200 Millionen Mark für die Instandsetzung von Wohngebäuden zur Ver- fügung gestellt hat.

Trotz aller grundsätzlichen Bedenken hat die Reichsregierung die Ende Februar 1831 einge­leitete Stützungsaktion für die ge­werblichen Kreditgenossenschaften fortgeietzt und erheblich erweitert, um einen Zu- sammendruch der berufenen Kreditwellen des Handwerks hintan zu halten. 60 Millionen Mark sind als verlorene Zuschüsse bestimmt und für weitere 50 Millionen Mark hat die Reichsregie- rung Bürgschaften zugunsten dieser genossenschaft­lichen Institute übernommen. Darüber hinaus

wird sie in einem besonderen Fonds weitere Bürg­schaften in Höhe von lü Millionen Mark über­nehmen, die dazu bestimmt sind, endlich wieder dem Personalkredit einen Platz in der deutschen Kreditwirtschaft zu verschaffen, um auch dem Hairdrvsrker, der nicht Grundbesitzer ist, eine neue Kreditmöglichkeit zu erschließen.

Alle diese wirtschaftlichen Maßnahmen genügen aber nicht, wenn sie durch organisatorische Maß­nahmen ergänzt werden, die das jetzt in Ver­bänden mannigfacher Art zergliederte Handwerk einheitlich zusammenfassen und diesen Zusammen­schluß eine feste Grundlage und eine zielbewußte Führung geben. Die Reichsregierung hat des­halb ein Gesetz beschloßen, das mich ermächtigt, über den Aufbau des deutschen Handwerks eine vorläufige Regelung auf der Grundlage allge­meiner Pfiichtinnungen und des Führerprin­zips zu treffen.

Bei der Neuregelung der Verhältnisse werden die Belange der Gesellen, Lehrlinge und sonstigen Hilfskräfte des Handwerks die gebührende Berück­sichtigung finden. Vertieft muß auch werden die Erziehung des jungen Menschen, der in das Hand­werk eintritt. Die Erziehung dahin, daß er Ver­ständnis erhält für den hohen ethischen Wert. der gerade in der schöpferischen Tätigkeit des Hand- Werks liegt.

Die Veranstaltung der Handwerker, aus der der Reichswitschastsminister sprach, fand als Höhe­punkt der Handwerkerwerbewoche in der Krolloper statt.

Nach dem Minister sprach Generalsekretär Dr Schild über die grundsätzliche Stellung des deut- >chen Handwerks zur ständischen Wirtschaftsord­nung.

Das reinigende Gewitter, das seit dem 14. Oktober über Europa niedergeht, beginnt langsam die Atmosphäre zu klären. Wenn auch auf allen Seiten bisher die größte Zu­rückhaltung an den Tag gelegt wird, wenn man heute noch eine Festlegung bewußt ver­meidet und ebenso jede Unfreundlichkeit gegenüber Deutschland unterdrückt, ja, wenn es noch keineswegs feststeht, auf welcher Ebene der zerrissene Faden wieder geknüpft werden soll, so hat der deutsche Schritt jeden­falls das Gute gehabt, daß man mit dem Reich von jetzt ab ganz anders rechnen wird. Wenn einmal eine neue Fühlungnahme wie­der in Gang kommt, so wird sie jedenfalls un­ter anderen Vorzeichen als bisher vor sich gehen. Wann und auf welcher Grundlage dies erfolgen wird, bleibt freilich noch eine Frage der Zukunft. Mussolini soll die Ab­sicht haben, die Außenminister der am Vierer­pakt beteiligten Länder zu einer Besprechung einzuladen. Es wird aber auch hier gelten, noch mancherlei Voraussetzungen zu klären und überhaupt erst eine sachliche Grund­lage zu schaffen, auf der Verhandlungen mit Aussicht auf Erfolg lohnen würden.

Inzwischen liegen zwei neue Kundgebungen vor, die sich mit der durch den deutschen Schritt geschaffenen Lage befassen. Auf Grund der ersten Pariser Berichte über die Rede Daladiers in der Kammer konnte man vermuten, daß Frankreichs Minister­präsident seiner Verständigungsbereitschaft deutlicher Ausdruck geben und des Näheren auf die deutschen Anregungen eingehen werde. Daladier hat sich indessen in seiner Rede als getreuer Schüler Poincares, Briands und aller anderer vor ihm erwiesen, in deren außenpolitischen Konzeptionen einerseits der Völkerbund und andererseits die politi­schen Bündnisse Frankreichs stets die größte Rolle gespielt haben. Es ist bemerkenswert, daß in der Rede Daladiers von der Möglich­keit einer Aktivierung der Verhandlungen auf der Grundlage des Viererpaktes keine Rede ist, ja, daß er dieses Vertrages überhaupt keine Erwähnung getan hat. Daladier ist Diplomat genug, um den Vorschlag direkter deutsch-französischer Verhandlungen nicht mit dürren Worten abzulehnen. Sein Hinweis aber, daß für Frankreich die Konferenz und der Völkerbund die allein geeigneten Ver­handlungsorte seien, ist deutlich genug.

Es ist demnach vorläufig so, daß Frank­reich für eine unmittelbare Aus­sprache mit Deutschland noch nicht reif ist, das heißt, daß es nach wie vor eine solche Aussprache fürchtet, und sein Heil in Genf, auf der Abrüstungskonferenz und überall dort sucht, wo es durch einen Ratten­schwanz von Hilfsvölkern und Verbündeten vor einer alleinigen Aussprache mit Deutsch­land gesichert ist.

Daladier zieht stch auf die Jnternationali- tät zurück, weil diese französisch ist; er appel­liert an Genf, weil Genf eine Einrichtung des Versailler Vertrages und der französischen Machtpolitik darstellt; er stützt sich auf die Bündnisse Frankreichs mit anderen Völkern,

— und dies ist durch Paul-Boncour im Senat noch deutlicher in den Worten ausgedrückt worden: „Wir haben viele politische Freunde"

— weil er auf diesem Boden den Standpunkt der Macht verfechten kann gegenüber der Gefahr des Rechts, die ihm in einer unmittelbaren Aussprache mit Deutschland droht. s

Entsinnt man sich recht, so hat in der gan­zen Nachkriegsgeschichte jede einzelne Frage von internationaler Bedeutung sich stets in ihrem Urgrund zurückführen lassen auf ein deutsch-französisches Problem. Entsinnt man sich recht, so haben alle maß­gebenden Faktoren immer mit Dringlichkeit auf die Notwendigkeit einer direkten Verstän­digung zwischen Deutschland und Frankreich hingewiesen, immer sind sie aber auch samt und sonders der französischen Methode ver­fallen, die den Völkerbund erfand oder irgend eine neue Konferenz, um im großen internationalen und pro-französisch eingestell­ten Gremium jede sogenannte „deutsche Frage" zu behandeln, nicht aber mit Deutsch­land unter vier Augen. Auch England hat übrigens stets eine solche unmittelbare Ver­ständigung gefordert, ohne aber je etwas da­für zu tun und ohne den französischen Ver­suchen. ins internationale, soll heißen fran- zosenfreundliche Fahrwasser abzulenken, Widerstand entgegenzusetzen.

Ganz zu schweigen von dem Versuch Dala­diers, den Tatbestand auf den Kops zu stellen und Deutschland den Vorwurf zu machen, daß es mit Worten spiele, wenn man von Ehr­lichkeit spreche, aber seine Verpflichtungen nicht einhalten wolle, wenn man das letzte MG. zerstören, aber den Genfer Plan nicht annehmen wolle usw. Aus diesen Sätzen spricht eine Sinnesart, die einen erschrecken­den Mangel an gutem Willen zeigt. Wieder erhebt sich die Frage, ob mit solch einem Frankreich in der Tat die Verständi­gung überhaupt möglich ist.

Enttäuschend muß die Rede genannt werden, die Englands Außenminister Si­mon im Londoner Rundfunk in eigener Sache gehalten Hai. In eigener Lache des­halb, weil bekanntlich der Neichsaußen- minifter ihn persönlich, wenn auch zwisckcri