Nr. 276 Jahrgang 1933
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Vremen. Festtag, 13. Sttober 1933 Einzelpreis 15 Via.
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Großes Interesse der Berliner Bevölkerung
Restarveiten lm Dölkerbunbsrat
Genf, 12. Oktober.
Der Völberbundsral hat am Donnerstag- lnachmittag eine Anzahl von noch auf seiner Tagesordnung stehenden Restsragen erledigt. In rascher Folge wurden zunächst die Be- ttchte über die letzten Tagungen des Finanz- Tomibees, die sich mi>t der Finanzlage von Oesterreich, Bulgarien, Griechenland, Ungarn Und Rumänien beschäftigten, angenommen.
Unter Stimmenthaltung!» esdeut- schen Vertreters gelangte der von dem portugiesischen Ratsmitglied erstattete Bericht über die Organisierung einer internationalen Hilfe für die aus Deutschland kommenden jüdischen und anderen Flüchtlinge zur Behandlung. In diesem Bericht wird der amtierende Ratspräsident beauftragt, im Namen des Völkerbundsrates alsbald die Ernennung des Oberkommissars im Benehmen mit dem Berichterstatter und den Regierungen von Spanien, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden und der Tschechoslowakei vorzunehmen. Zur Beteiligung an dem zu schaffenden Verwaltungsrat sollen außer den bereits genannten Ländern noch eingeladen werden: Polen, Belgien, die Schweiz, Dänemark, Schweden, die Vereinigten Staaten, Argentinien, Brasilien und Urugnah. Die interessierten privaten Organisationen sollen zur Beratung und Mitarbeit herangezogen werden und zwar soll der Verwaltungsrat die Auswahl treffen. Der französische Vertreter stimmte dem Bericht ausdrücklich zu und sprach den Wunsch aus, daß die vorgesehenen Verhandlungen recht bald in Gang kommen.
Hierauf wandte der Völlerbundsrat sich den noch auf seiner Tagesordnung stehenden oberschle fischen Minderheitenpe- titionen zu. In der überaus komplizierten Rechtssache der Eingabe des Deutschen Volksbundes wegen des St. Julius-Hospitals in Nhbnik Hat das vom Rat eingesetzte Juristenkomitee ein ausgezeichnetes Gutachten erstattet, in dem festgestellt wird, daß die Verschleppung der Angelegenheit einen Verstoß gegen das Genfer Abkommen darstelle und auch in materieller Hinsicht die Genfer Konvention verletzt ist. Die Angelegenheit wurde bis zur nächsten Tagung des Völkerbundsrats vertagt.
In der Eingabe des Bundes der Polen in Deutschland wegen der Aenderung des Reichswahlgesetzes wird darüber Klage geführt, daß die polnische Minderheit in Oberschlesien durch diese Abänderung angeblich benachteiligt worden sei. Die deutsche Regierung hat in ihrer Stellungnahme zu der Eingabe eingehend dargetan, daß die Beschwerde des Polenbundes völlig unbegründet war und daß die polnische Minderheit durch die für das ganze Reich gültige Abänderung des Reichswahlgesetzes in keiner Weise benachteiligt worden ist und daß die polnische Partei nach den Ergebnissen der vorhergehenden Wahl sowieso bei weitem nicht die genügende Stimmenzahl zur Erlangung eines Reichstagsmandates aufgebracht hatte. Der Völkerbnndsrat hat sich in dem heute angenommenen Bericht die deutsche Auffassung zu eigen gemacht.
Die Tötung des Kommunisten Piecuch in Po- tempa ist von dem Bunde der Polen in Deutschland znm Gegenstand einer Beschwerde beim Völkerbnndsrat gemacht worden, mit der Begründung, daß die Tat wegen der Zugehörigkeit Piecnchs zur polnischen Minderheit in Deutsch- Obcrschlesien erfolgt sei und deshalb die Unsicherheit darlege, in der sich die polnische Minderheit in Obcrschlesien befinde. Diese Behauptung ist in keiner Weise begründet, und die deutsche Regierung hat in ihrer Stellungnahme zu der Eingabe nachgewiesen, daß Piecuch Kommunist war und die Tötung in keinem Zusammenhang mit seiner Mindcrheitsangehörigkeit stand.
In dem vom Rat gleichfalls ohne Debatte angenommenen Bericht wird festgestellt, daß die Beunruhigung der polnischen Minderheit in erster Linie äuf die unzutreffende Darstellung der Angelegenheit in der Presse zurückzuführen ist. Der Bericht gibt der Zuversicht Ausdruck, daß unabhängig von dem vorliegenden Fall in Potempa die Behörden die Gewähr für ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit bieten.
Tschechische Justizir'.llliir gc." ., Nationalsozialisten
Pilsen, 12. Oktober
Am Donnerstag hatten sich vor dem Pilsener Kreisgericht 13 Nationalsozialisten zu verantworten. Gegen den 23jährigen Erich Biebel aus Marien- bad war Anklage erhoben, er habe am 1. Mai die sozialdemokratische Maifeier in Marienbad dadurch gestört, daß er an der Spitze von SO Nationalsozialisten eindrang und das Horst-Wesiel-Lied singen ließ. Er wurde zu zwei Jahren schweren Kerkerst!), verschärft durch hartes Lager einmal im Vierteljahr und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt.
Weiter wurde Joseph Landau zu acht Monaten schweren Kerkers verurteilt, weil er am 6. März nach den Neichstagswahlen auf der Straße in Ma- rienbad „Heil Hitler" und „Hoch Deutschland" rief und danach in einem tschechischen Gasthaus die Fenster einwarf. Wegen geringerer Vergehen wurden drei Ntionalsozialistcn aus Choden zu je einer Woche Gefängnis, acht Nationalsozialisten aus der Umgebung von Mies zu einigen Tagen Gefängnis verurteilt.
Berlin, 12. Oktober.
Zu dem Lokaltermin im Reichstagsgebäude wurde das Reichstagsgebäude in den frühen Abendstunden in weitem Umkreis durch ein gewaltiges Aufgebot von Schutzpolizei mit Karabinern abgesperrt. Das Passieren der verschiedenen Sperrketten ist nur nach mehrfacher Ausweis- und Lichtbildkontrolle sowie strenger Warenkontrolle möglich. Vor der großen Freitreppe des Reichstages am Kö- nigsplatz, wo van der Lubbe damals in den Restaurationssaal des Reichstages eingestiegen ist, ist durch ein Seil ein besonderer Raum für das Gericht und die Prozeß- beteiligten abgetrennt. Hinter diesem Seil ist ein breiter Streifen für die Vertreter der Presse bereitgestellt.
Hinter großen Sperrketten hatte sich schon in den Nachmittagsstunden ein zahlreiches Publikum angesammelt, das wenigstens aus der Ferne dem Vorgang auf der Freitreppe beiwohnen will. Die große Freitreppe und die Rampe vor dem Reichstagsportal sind um Z48 Uhr noch leer. Nur ein Schupobeamter patrouilliert auf und ab, und einsam steht das Mikrophon der Berliner Funkstunde, die den Berliner Lokaltermin aus Schallplatten zur späteren Wiedergabe im Rundfunk aufnimmt. Die breite Front des Hauptportals des Reichstages ist heute verhältnismäßig gut beleuchtet, da im Gegensatz zu den normalen Tagen und auch zum Brandabend auch die beiden großen elektrischen Bogenlampen vor dem Reichstag brennen und ihr starkes Licht auf die gewaltige Gebäudefront werfen. Außerdem steht in jeder Ecke der Auffahrtsrampe ein dreigliedriger Gaskandelaber.
Leider mutz auch über ein Unglück berichtet werden, das sich heute abend bei den Absperrmaßnahmen ereignet hat. Ein Schnellwagen der Reichspost für die Brieslastencnr- leerung passierte im schnellen Tempo den Königsplatz, ohne rechtzeitig die Absperrkette zu erkennen. Er fuhr gegen ein solches Seil. Der Chauseur blieb t« dem Seil hängen, während der Wagen Mein weiterfuhr. Mit schweren Verletzungen mutzte der Fahrer in die Charite eingeliefert werden. Der Postkraftwagen wurde von einem anderen Wagen abgeschleppt.
Kurz nach 8 Uhr erscheint der Senat,
Hamburg, 12. Oktober.
Infolge der orkanartigen West- bis Nordweststürme, die am Mittwoch an der Wasserkante tobten, und die Nordsee tief aufwühlten, liefen am Mittwoch nachmittag keine Schiffe mehr vou Cuxhaven aus. Mehrere Fischdampser, die sich nach ihren Fanggebieten in der Nordsee durchkämpfen wollten, mußten wieder umkehren und Nothäfen anlaufen. Während der Nacht lagen zahlreiche Schiffe aller Nationalitäten vor Anker, um ruhiges Wetter abzuwarten. Am Donnerstag ließ der Sturm, der am Mittwoch bis Windstärke 11 und 12 erreicht hatte, etwas nach, so daß die ausgehende Schiffahrt allmählich wieder in Gang kam.
Von der Polizeibehörde wird mitgeteilt, daß Las Kleinluftschiff „Parseval Ratz", das, wie gemeldet, von einer orkanartigen Bö vom Ankermast losgerissen worden war, vollständig vernichtet worden ist. Der Ankermast, an dem das Luftschiff befestigt war, wurde aus der Erde gerissen. Der Schaden beträgt etwa 30 000 RM.
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In Dagebüll wurde ein Motorsegler, der mit Steinen und anderem für Uferschutzbauten bestimmten Material voll beladen war, bei der hochsteigenden Sturmflut über die Steinböschung hinweg auf den Deich gesetzt. Personen sind nicht zu Schaden gekommen.
Opfer des S urmes in Schweren
Stockholm, 12. Oktober.
Die schwedische Küste wurde in der Nacht von einem Orkan heimgesucht, der große Verheerungen anrichtete. In Bohuslän strandete ein finnischer Dampfer. Im Oeresund sind zwei kleine Boote verschwunden. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind sechs Menschen ums Leben gekommen. Der Telephon- und Teegraphenverkehr ist an vielen Stellen unterbrochen.
... und in Dänemark
Kopenhagen, 12. Oktober.
Der schwere Herbststurm richtete in Kopenhagen großen Schaden an Bei Thisted wurde ein Landungssteg von 156 Meter Länge, an dem gerade der deutsche Dampfer „Anna Peters" angelegt
diesmal in Zivilkleidung, auf der großen Freitreppe. Auch die zahlreichen Zeugen und die übrigen Prozeßbeteiligten haben sich auf der Rampe versammelt. Die Angeklagten sind auf der Rampe, jeweils zwischen zwei Polizeibeamten, aufgestellt.
Der Vorsitzende ruft zunächst die Zeugen und die Prozeßbeteiligten auf. Als Zeugen sind der Student Flöter, der Schriftsetzer Thaler, die Polizeibeamten Bubert und Pöscher, der Ingenieur Boguhn und die Eheleute Kühl und Freudenberg anwesend.
Der Lokaltermin vollzieht sich dann in folgender Reihenfolge:
Der Zeuge Flöter zeigt zunächst den Platz, von dem er seine Beobachtung gemacht hat und den Platz, an dem er dem Zeugen Bubert Mitteilung gemacht hat. Dann zeigt der Zeuge Bubert seinen Weg von dort bis zu dem Platz, von dem aus er beobachtet hat. Der Zeuge Thaler zeigt weiter den Platz von dem aus er seine ersten Beobachtungen machte. Dann steigt etn Polizeibcamter durch den unteren Teil des linken Restau- rationssensters in die Refiauratisnsräume ein, zunächst ohne Feuerbrand, dann mit einem Feuerbtand in der Hand.
Der Zeuge Thaler zeigt seinen Weg die Rampe herunter und wieder zurück bis zum Standort des Zeugen Bubert. Beide Zeugen gehen dann den Weg bei Beobachtung des Lichtscheines im Erdgeschoß von Fenster zu Fenster bis zum Schuß.
Ein Polizeibeamter mit Fenerbrand in Kopfhöhe bewegt sich hinter den Milchglasscheiben des Erdgeschößes von links nach rechts, von Fenster zu Fenster. Die Zeugen Bubert und Pöscher zeigen den Ort ihres Zusammentreffens. Ebenso zeigen die Eheleute Kühl und Freudenberg den Standort an ,von dem sie ihre Beobachtungen gemacht haben.
Der Schluß des Lokaltermins gilt der Beobachtung des Zeugen Boguhn, der den Platz angibt, von dem aus er einen Mann beim Verlassen des Portals 2 des Reichstags beobachtet haben will.
Die Angeklagten, die zusammen mit dem Gericht nach den verschiedenen Standorten geführt werden, trugen Handschellen, an denen sie von Beamten geführt werden.
hatte, von den Wellen fortgerissen. 13 Personen, die sich auf dem Steg befanden, gerieten in Lebensgefahr. Die See zerschlug den Landungssteg in zwei Teile und warf die beiden schwingenden Brückenreste ans Land. Während 12 Personen gerettet werden konnten, ist ein 13jähriger Knabe ertrunken. In Iütland kainen zwei junge Mädchen bei dem Unwetter uins Leben. Der Sturm war von einer Wärmewelle begleitet, die das Thermometer bis auf 20 Grad steigen ließ.
Deichbruch in der Eider-Niederung
Rendsburg, 12. Oktober.
In der Eider-Niederung hat der Sturm beträchtlichen Schaden angerichtet Bei den kürzlich begonnenen Arbeiten zur Eiderabdammung sind große Ueberschwemmungen erfolgt Der Binnenringdeich ist an fünf Stellen gebrochen und steht unter Wasser. Auch an anderen Arbeitsstellen ist alles überflutet, so daß die Arbeiten unterbrochen werden mußten.
Gin Ai-beitefzug in schweres Gefahr
Husum, 12. Oktober.
Der schwere Nordweststurm brachte im Damm- bau nach Nordstrand viele Arbeiter in höchste Lebensgefahr. Ein mit Arbeitern besetzter Zug konnte auf dem Damm nicht mehr weiterkommen und blieb aus der Strecke liegen. Die Wellen schlugen unausgesetzt über den Zug hinweg, der hin und her geschleudert wurde. Man sah keine Möglichkeit, den Arbeitern zur Hilfe zu kommen. Durch das Wasser wurde auch das Feuer der Lokomotive gelöscht, so daß auch die Maschine be- triebsunsähig wurde. Mit vieler Mühe gelang es einigen Maschinisten mit mehreren Lokomotiven über die ties unter Wasser stehenden Schienen zu dem Zug zu kommen uud ihn zum Festland zurückzuführen.
Zwei Holländische Militärflugzeuge zusammengestoßen
Amsterdam, 12. Oktober
Die holländische Militärluftfahrt wurde am Donnerstag vormittag von einem großen Unglück
Längere Zeit nahmen namentlich die Experimente mit dem Einsteigen in den Restaurationssaal und mit dem wandelnden Lichtschein in den Parterreräumen des Reichs- iagsgebäudes in Anspruch. Zum Schluß wird nochmals der Weg konstruiert, den die Zeugen Flöter, Thaler und Bubert genommen haben. Sämtliche Prozeßbeteiligten räumen die Rampe und nehmen unten vor der großen Freitreppe Aufstellung. Der Zeuge Flöter läuft, nachdem er seine Be- olachtungen gemacht hat, im Laufschritt an der Freitreppe vorbei, um einen Schutzpolizei- beamten zu suchen, den er dann an der Ecke in Buwert findet. Im gleichen Augenblick läuft der Zeuge Thaler, der das Klirren der Scheiben ebenfalls gehört hat, die Rampe hoch und sofort wieder zurück, um ebenfalls nach der Polizei zu suchen. Als er zurückkommt, trifft er auf den Wachtmeister Buwert, der inzwischen ebenfalls auf der Rampe eingetroffen ist. Der ganze Vorgang spielt sich in nicht mehr als einer Minute ab.
Das Ergebnis des Lokaltermins
ist, wie wir hören, daß sich der Zeuge Thaler wahrscheinlich getäuscht hat, als er annahm, zwei Personen seien durch das Fenster ein- gestiegeni Der Zeuge erklärte bei dem Lokaltermin ausdrücklich, daß er nicht gleichzeitig zwei Personen auf dem Balkon gesehen hat, während man das bisher angenommen hatte. Es besteht also, wie der Vorsitzende feststellte, die Möglichkeit, daß der Einsteigende sich bei seinen Bemühungen, in das Fenster zu kommen, hinter die Balkonbrüstung gebückt und dann wieder aufgerichtet hat, womit die Beobachtung des Zeugen erklärt werden könnte. Das Gleiche gilt für den Fackelschein in den Parterreräumen des Reichstages. Auch hier hat sich ergeben, daß man manchmal der Meinung sein könnte, als bewegten sich tatsächlich zwei Lichtstellen an den Fenstern vorbei, während tatsächlich nur eine Person mit dem Feuerbrand durch die Räume ging,
Der Lokaltermin dauerte bis Uhr. Die Verhandlung ist stenographisch protokolliert worden, und das Ergebnis wird in der Verhandlung am Freitag nochmals dargestellt werden. Es ist möglich, daß man für das Protokoll des Lokaltermins auch die Schallplattenaufnahmen des Rundfunks mit heranzieht.
betroffen. Von vier auf dem Militärflugplatz Soesterberg aufgestiegenen Militärslugzeugen stießen über der Gemeinde Linden in der Landschaft Veduwe in etwa 1 Kilometer Entfezmupg vom Rhein zwei Maschinen in 50V Meter Höhe zusammen. Die beiden Flugzeuge stürzten mit rasender Geschwindigkeit ab, bohrten sich ties in einer Wies« ein und wurden vollkommen zertrümmert. Es ist damit zu rechnen, daß von der vielköpfigen Besatzung der beiden Flugzeug« niemand am Leben geblieben ist. Nach etwa ein- stiindiger Bergungsarbeit konnten zunächst zwe» Leichen geborgen werden.
c «f s.
Zum Tode deS Raketenforschcrs Tilmg Der bekannte Raketenforfcher Reinhold Tiling, seine Assistentin und sein Monteur (von tinks nach rechts), die bei der Explosion des Tilingschen Rake- etnlaboratoriums in Osnabrück getötet wurden.
Der Lrost <Ier 81uuäe
Von Beolto blussoliui
Rom, 12. Oktober.
Die lyrische Atmosphäre, die über den ersten Tagungen der Abrüstungskonferenz in dem nun schon lange zurückliegenden Februar des Jahres 1932 laa, ist säst ganz verflogen. Die großen Redner jener Zeit sprachen wie erleuchtete Propheten, und die Völker hegten hohe Erwartungen. All das ist im Lause von zwanzig Monaten verschwunden.
Es gibt keine Reden mehr. Nichts ist bezeichnender als der Streik der typischen Völkerbunds- Beredsamleit, der in diesen Tagen in Gens aus- gebrochen ist. Von 52 Delegationen, die dort zusammengekommen sind, hatte keine einzige etwas zu sagen. Der Kurs des Parlamentarismus steht niedrig, selbst an jener Stätte des Ueberparlamentes, das die alljährliche Versammlung des Völkerbundes geworden ist.
DieVölker erwarten keine Wunder mehr. Sie werden zufrieden sein, wenn das Kompromiß glücklich gefunden ist. Von der Poesie, die Hoffnungen wecken würde, sind wir zu der Prosa hinabgestiegen, die von den Staatsmännern mit der Hilfe ihrer Referenten ausgearbeitet wird.
Diese neue Lage sollte festgehalten werden. Das Schiff der Abrüstung ist noch weit weg von seinem Hafen und kann noch weit abgetrieben werden zu einer Fahrt von unabsehbarer Dauer.
Worauf gründen sich diese Perspektiven? Der erste Grund ist allgemeinen Charakters. Er liegt in den außerordentlichen Schwierigkeiten und in der Kompliziertheit des Problems. Das berühmte Washingtoner Flotten- abkommen betraf nur fünf Mächte und ist nicht leicht zustandegekommen. Eine Abrüstungskonvention soll von allen Staaten gebilligt werden, sowohl von denen, die dem Völkerbund angehören, wie von den Nichtmitgliedern, wie den Vereinigten Staaten und Rußland.
Der zweite Grund liegt in der Verschiedenheit oes militärischen Charakters der Staaten. Es gibt Staaten, die in erster Linie Seemächte sind, wie England und die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Es gibt solche, die vornehmlich Landmächte sind, wie Rußland und andere, die imponierende Land-, See- und Luftstreitkräfte unterhalten. Eine ganz verschiedene Bewertung der Abrüstung solgt logischerweise für die einzelnen Staaten daraus. In der Regel haben sich die Länder für Verhandlungen zugänglich erwiesen, bei Waffengattungen, die in ihrem eigenen militärischen System eine Nebenrolle spielen; im umgekehrten Falle haben sie sich als ziemlich unversöhnlich erwiesen. Es ist klar und einleuchtend, daß England Seerüstungen wesentlich anders ansieht als Rüstungen zu Lande.
Es gibt weiter Fragen, die am Rande der eigentlich militärischen Probleme liegen, wie zum Beispiel die Frage der Formationen, die vor und nach dem regulären Militärdienst ausgebildet worden sind, den Reserven und den Kolonial- truppen. Alles das kompliziert die Aufgabe. Vielleicht wurde auch die Aufgabe unter Gesichtspunkten angefaßt, die von vornherein zu weit waren.
Man hat versucht, zu einer allgemeinen Ab- rüstungskonvention zu kommen. Während es nicht eine Frage der Abrüstung gibt, sondern nur eine Frage der Verminderung und der Anpassung der Rüstungen. Denn es gibt für eine solche Rüstungsverminderung eine Grenze, die kein Staat überschreiten darf, ohne sich ernsten Gefahren auszusetzen.
Nachdem die Abrüstungskonferenz in den Rahmen des Völkerbundes gespannt worden war — und vielleicht war sie anders nicht möglich —, mußte das größere oder geringere Prestige der Genfer Institutionen den Lauf der Dinge mehr oder weniger glücklich beeinflussen. Tatsächlich hat das Prestige des Völkerbundes in den vergangenen zwanzig Monaten einige ernste Stöße erlitten. Japans Ausscheiden und seine Haltung bleibt ein unberechenbarer Faktor, selbst wenn eine Konvention zustandekommt. Der chronische Konflikt zwischen Bolivien und Paraguay ist praktisch der Jurisdiktion des Völkerbundes entzogen worden. Alles das hat dazu beigetragen, die Schwingen der Genser Tauben schwer zu belasten.
Aber diese und andere Gründe, die wir nur streifen, um die Sache nicht zu lang zu machen, würden nicht ausreichen, um das magere oder negative Ergebnis der Genfer Arbeit zu erklären. Das Ziel könnte trotz allem erreicht werden, wenn dort ein anderer Faktor politischer und moralischer Art vorhanden wäre, nämlich gegenseitiges Verständnis und Vertrauen unter den Staaten und Völkern. Dos fehlt, und es wäre eine Illusion, den Versuch zu machen, diese Tatsache zu verbergen.
Es herrscht keine gute Stimmung zwischen den Wächtern der Verträge und denen, die gezwungen wurden, sie anzunehmen. Um es deutlich zu sagen: die besiegten Staaten haben gute Gründe für ihre Haltung, seitdem der Versackter Vertrag ihre Abrüstung anstrebte und auch die Abrüstung der Siegerstaaten, die feierlich gelobten, sie durchzuführen. Sie ist nicht durchgeführt worden. Einige Staaten versichern,
Der Sturm an der Wasserkante
Das Kleinluftschiff vernichtet