Ausgabe 
(12.10.1933) Nr. 275
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1W. 275 Jahrgang 1933

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vsemerstationalsiirlalMclie Zeitung

Das Arntüode Oraan des Senats der Freien HanfettQdt Vrerner^

LnAanäs VorscdlaZ:

Sie Gleichberechtigung SeufichlandS soll aus 8 Jahre

hinausgeschoben werden

Zweierlei Maß in Genf Man will Deutschland unter keinen Umstünden eine Luftwaffe bewilligen

Der Grand

der Mrüflungsbesprechungen

Genf, 11. Oktober (Eig. Meld.)

Der Stand der Abrüstungsbesprechungen, wie er sich am Mittwoch abend darstellt, läßt noch keinen Schluß darüber zu, ob am nächsten Mon­tag die materiellen Verhandlungen im Haupt­ausschuß der Abrüstungskonferenz werden begin­nen können.

Bei den Besprechungen, die heute wieder zwischen den Vertretern der Großmächte und einiger anderer Länder stattgefunden haben, han­delt es sich hauptsächlich um die Verständigung über die am englischen Konventionsentwurf vor­zunehmenden Aenderungen.

Obwohl zwischen Frankreich, England und Amerika eine Einigung nicht vorliegt, ist es zu erwarten, daß der Versuch gemacht werden wird, Deutschland in den Hauptpunkten vor die Frage der Annahme oder Ablehnung zu stellen.

Den wichtigsten Diskussionsgegenstand bilden, wie schon in den vorhergegangenen Genfer Be­sprechungen, die Konsequenzen, die aus der Vor­geschlagenen

Umwandlung der Reichswehr hinsichtlich der Bewaffnung

zu ziehen sind. Die anderen Mächte haben sich noch nicht klar gemacht, daß die Umwandlung der Reichswehr vom ersten Tage an technische Vor­kehrungen nach einem einheitlichen und auf lange Sicht berechneten Plan notwendig macht. Man hat sich in diesen Delegationen mit dieser Frage entweder überhaupt iroch nicht ernstlich beschäf­tigt, oder man glaubt, daß eine entsprechende quantitative Vermehrung des im Versailler Vertrag zugestandenen Materials, aber keine qualitativen Aenderungen in Frage kommen können.

Ausführlicher erörtert wurde bisher nur die Frage der Luftwaffe, die im Versailler VertragDeutschland bekanntlich hundertprozentig verboten ist, während hinsichtlich der anderen Waffengattungen der Gedanke an das, was Deutschland bei einer Neuorganisierung der Reichswehr bekommen muß, meist nicht zu Ende gedacht wird, scheint man unter keinen Umständen geneigt zu sein, Deutschland eine Luftwaffe zuzugestehen, und es besteht der Eindruck, daß die anderen Mächte Deutschland in möglichst kurzer Zeit vor die Frage stellen möchten, wie es sich zu diesem Kernpunkt verhält.

Gerade in der Luftwaffe liegen die Verhält­nisse aber so, daß eine Einigung der anderen Mächte über die Abschaffung nicht zu erwarten ist und deshalb für Deutschland eine unannehmbareBenachtciligung be­deuten würde, wenn etwa das Versailler Verbot in die neue Abrüstungskonvention übernommen werden sollte, nachdem sogar dem gerade aus der englischen Vormundschaft entlassenen arabischen Staate Irak bei seinem Eintritt in den Völker­bund im vorigen Jahr Flugzeuge als eine selbst­verständliche Verteidigungswaffe zugebilligt Worden sind.

Der englische Alan

Paris, 11. Oktober.

Der englische Außenminister, Sir John Si­mon, hat auf seiner Durchreise durch Paris dem englischen Botschafter Lord Tyrell die vier hauptsächlichsten Punkte der Beschlüsse des eng­lischen Kabinettsrates mitgeteilt, damit er sie devK französischen Ministerpräsidenten zur Kenntnis bringen kann. Diese vier Punkte sind die folgenden:

1. Rückhaltlose Zustimmung zu den Ausfüh­rungen Baldwins in Birmingham.

2. Notwendigkeit einer Probezeit mit wirk­samer Kontrolle.

3. Ablehnung jeder Aufrüstung Deutschlands, ganz gleich, in welcher Form.

4. Ungleichung des Macdonald-Planes an den sranzösisch-englisch-amerikanischen Plan.

Die neue englische These, die angeblich von Frankreich angenommen worden sein soll, sieht die völlige Durchführung der deutschen Gleich­berechtigung in acht Jahren vor. Während der ersten vier Jahre soll diese Gleichberechtigung, demEcho de Paris" zufolge, nur auf die Effek- tivbestände und die allgemeine Organisation der Heere ausgedehnt werden. Jedoch soll das Kriegsmaterial auf seinem bisherigen Stand bei­behalten und die Vereinheitlichung erst nach Ab­schluß der vierjährigen Kontrolle erfolgen. Der ständige Abrüstungsausschuß, dem der Kontroll­ausschuß angegliedert werden soll, wird, nach Auffassung des Blattes, die Befugnisse einer be­

schränkten Kontrolle haben und unter Umstän­den die Verwirklichung der Gleichberechtigung verfolgen.

Dreimächtebefprechungen

Nadoluy bei Henderson

Genf, 11. Oktober. Eine fast zweistündige Dreimächtehesprechung hat Mittwoch nachmittag stattgefunden. Auf Einladung Sir John Simons traten die englische, amerikanische und franzö­sische Abordnung zu einer gemeinsamen Besprechung der Lage zusammen. An der Unterredung nahmen von englischer Seite Sir John Simon, Staatssekretär Eden, von französischer Seite Paul-Boncour und Massigli > von amerikanischer Seite Norman Davis, Gesandter Wilson und Allen Dul - les teil. Unmittelbar nach dem Abschluß der Un­terredung begab sich Simon zum Präsidenten der Konferenz, Henderson, um ihm über oas Ergebnis der Besprechungen Bericht zu er­statten.

Ueber den Verlauf der Dreimächtebesprechun- gen werden von den zuständigen englischen und

Im ^sickern von 6enk:

London, 11. Oktober.

Ein Artikel des Marinekorrespondenten der Morning Post" weift auf den außerordentlichen Umfang der französischen Flottenrüstungen hin. Die im Bau befindlicheDunkerque" werde für mindestens acht Jahre das modernste Linienschiff der Welt sein.

Die seit dem Kriege gebauten französischen Kreuzer seien moderner als die Gegenstücke in der englischen Flotte. Im Bau von Kriegs­schiffen stehe Frankreich an der Spitze. Frank­reich habe sieben Kreuzer, Amerika dagegen nur sechs, und Japan vier im Bau. Der Korre­spondent weist ferner daraufhin, daß die franzö­sischen Kreuzer noch durch eine Flotte mächtiger Flottillenführerboote" verstärkt würden, die mit ihren 2 500 Tonnen von den Unterzeichnern des Londoner Flottenvertrages als Kreuzer be­zeichnet werden müßten, da die Vertragsstärke der Flottillenführerboote nur 1850 Tonnen be-

amerikanischen Stellen stark widersprechende Mitteilungen verbreitet. Von amtlicher eng­lischer Seite wird erklärt, daß die allgemeine Lage besprochen worden sei und daß eine grund­sätzliche Uebereinstimmung in bezug auf das Ver­bot der Wiederaufrüstung Deutschlands erzielt wäre. In direktem Gegensatz dazu betont man auf amerikanischer Seite, daß von einer einheit­lichen Front der drei Mächte in keiner Weise die Rede sein könnte, daß keinerlei Beschlüsse gefaßt oder Bindungen eingegangen worden seien. Im Mittelpunkt der Unterredung habe vielmehr die Frage gestanden, in welcher Weise die am 16. Oktober zusammentretende Konferenz weiterzu­führen sei. Der Gedanke einer Fünfmächte- besprechung gewinnt übrigens allgemein an Be­deutung jedoch liegen, bestimmte Pläne hierfür noch nicht vor.

Botschafter Nadolny hatte Mittwoch eine längere Unerredung mit dem Präsidenten der Ab­rüstungskonferenz, Henderson, und stattete in den Nachmittagsstunden dem tschechoslowakischen Außenminister Benesch, dem Generalbericht­erstatter der Abrüstungskonferenz, einen Besuch ab.

trage. Frankreich habe 13 Flottillenführerboote von annähernd 2500 Tonnen und sechs von 2100 Tonnen in Dienst gestellt, während 12 im Bau seien. Alle diese Schiffe seien mit 13,7 cm-Ge- schützen ausgerüstet. Kein anderer Staat besitze Zerstörer oder Flottillenführerboote mit entspre­chend schweren Geschützen. Ferner hätten die französischen Schiffe eine größere Geschwindigkeit. Was die Unterseeboote betreffe, so bestehe kein Zweifel, daß Frankreich zurzeit die stärkste U- Boot-Macht der Welt sei. Frankreich habe 84 U-Boote in Dienst und 25 im Bau, Amerika nur 81 bezw. 2, Japan 63 bezw. 9 und England 50 bezw. 101

Auch in Belgien wird aufgerüstet

Brüssel, 11. Oktober.

Unter dem Vorsitz des Königs fand Mitt­wochvormittag ein Ministerrat statt, der sich ausschließlich mit militärischen Fragen be­

schäftigte. Wie verlautet, werbe die Regie­rung zusätzliche Kredite in Höhe von etwa 750 Millionen im Parlament beantragen. Damit soll die Hochebene, von Herve in Vertei­digungszustand gesetzt, der Befestigungsgürtel an der luxemburgischen Grenze zu Ende ge­führt und die in den Ardenuen liegende Brigade motorisiert werden. Der Rest soll zur Ausgestaltung der Flugzeugabwehr, für das Fliegerkorps, zur Verstärkung der schwe­ren Artillerie und für Munitionsreserven ver­wendet werden.

Unterredung Nabolny-Simon

Genf, 11. Oktober. Botschafter Nadolny hatte Mittwoch abend eine längere Unterredung mit Sir John Simon. Der englische Außenminister gab dem deutschen Delegierten namens der eng­lischen Regierung eine grundsätzliche Gegenüber­stellung der verschiedenen Thesen, bei der sich die bekannten starken Meinungsverschiedenheiten er­gaben. Die Fortsetzung der Besprechungen wurde ausdrücklich vereinbart.

Deutschland lehnt ab

Genf, 11. Oktober.

Die Völkerbunidsverfammlung behandelte in der heutigen Vollsitzung den vom 66. Aus- schuß angenommenen französischen Entschlie­ßungsantrag, in dem die Minderheiten- und Judenfrage behandelt wird. Ohne Aussprache wurde einstimmig der erste Teil der Ent­schließung angenommen.

Der zweite Teil der Entschließung, der aus­schließlich auf die deutsche Judensrage ab­gestellt war, und nach dem die Staaten ver­pflichtet werden sollen, die allgemeinen Grund­sätze des Minderheitenschutzes auf diejenigen Staatsangehörigen anzuwenden, die sich von der Mehrheit durch Rasse, Religion oder Sprache unterscheiden, gelangte nicht zur An­nahme. Der deutsche Vertreter, Gesandter von Keller, erklärte, daß die deutsche Ab­ordnung diesen zweiten Teil des Entschlie­ßungsentwurfes des sechsten Ausschusses ab­lehnen müsse.

Der Präsident der Versammlung, Te Mater, sah sich daher gezwungen, satzungsgemäß fest­zustellen, daß die für alle Beschlüsse der Völ­kerbundsversammlung erforderliche Einstim­migkeit nicht vorläge und daher dieser zwei­ter Teil der Entschließung von der Versamm­lung nicht angenommen worden sei. Die deutsche Regierung hat damit jede internatio­nale Bindung zur Behandlung der Juden­frage abgelehnt und lediglich den allgemeinen Empfehlungen zur gleichmäßigen Behandlung der allgemeinen Minderheiten zugestimmt.

Die Völkerbundsversammlung wird in der heutigen Abendsitzung geschlossen werden.

Frankreichs

gewaltige Flottenrüstung

England ist neidisch Ein aufschlußreicher Artikel der ,Morningposs

Winüsiarke 12

Orkanartiger Sturm verursacht in Hamburg

schweren Schaden

Klelnlustfchiff im Flughafen Fuhlsbüttel vom Ankermast losgerissen

Hamburg, 11. Oktober.

Ein schwerer Sturm, der am Mittwochnach­mittag über Hamburg wütete und bis zur Windstärke 1 2 (!) anstieg, richtete in den einzelnen Stadtteilen erheblichen Scha­den an. Der schwerste Zwischensäll ereignete sich im Flughafen Fuhlsbüttel. Dort wurde

das KleinluftfchiffParsival Natz" vom Anker gerissen.

Der Sturm drückte das Luftschiff zu Boden und riß es dann mit großer Gewalt wieder empor. Durch diesen Windstoß wurde auch der Anker­mast des Luftschiffes aus der Erde gerissen, so daß eine Bergung zunächst unmöglich wurde. Den vereinten Kräften von Feuer­wehr, Ordnungspolizei und Mitgliedern der Luftsportverbände gelang es schließlich nach zweistündiger Arbeit, die Hülle des Luftschiffes am Boden festzumachen.

Auch in Holland Windstärke 11

Amsterdam, 11. Oktober. Ein schwerer Südwcst- sturm hat am Mittwoch auch ganz Holland heim­gesucht und in verschiedenen Orten große Verhee­rungen angerichtet. Auch sind mehrere Menschen­leben zu beklagen.

Am stärksten war die Gewalt des Sturmes um

Unwetter in alle? Welt

die Mittagsstunde in den westholländischen Städten. Um diese Zeit verzeichnete man in Rotterdam eine Windstärke von 16ll. Während eines kurzen Zeit­raumes wurde in Amsterdam eine Windgeschwin­digkeit von 31 Metern in. der Sekunde registriert. In Amsterdam wurden viele Bäume entwur­zelt und auf den Dächern angebrachte Rundfunk­antennen umgeworfen und zahlreiche Dachziegeln losgelöst. Auf dem Frederiksplain wurde ein Rad­fahrer von einem niederfallenden Baumast er­schlagen. Automobile konnten nur langsam vor­wärts kommen und wurden wiederholt durch Rül- kenwinde aus der Fahrtrichtung geworfen. Meh­rere. Kinder wurden in Grachten geschleudert, konn­ten aber gerettet werden. Die Amsterdamer Feuer­wehr mußte über 166 Mal in Aktion treten.

Der Eisenbahnverkehr erlitt verschiedentlich Un­terbrechungen, da umgeworfene Bäume und Sig- nalmasten die Gleise versperrten. In Heemstede wurde das Vorsührungszelt eines dort zur Zeit ga­stierenden Zirkus Rausch vollständig verwüstet. Aus der Nordsee und den großen Flüssen gerieten ver­schiedene Schisse in Not. Auf der östlichen Scheide kenterte ein Austernsänger; die Besatzung konnte im letzten Augenblick gerettet werden. Er» belgisches Nheinschiss und ein anderes noch unbe­kanntes Schiff sind gesunken. Ueber, das Schicksal der siebcnköpsigen Besatzung ist noch nichts bekannt.

Überschwemmungen in England

London, 11. Oktober.

In weiten Teilen Englands herrschte am Diens­tag schweres Sturm- und Regenwetter, das große Ueberschwemmungen verursachte. In Südwales stehen 506 Häuser unter Wasser. Die englischen Flottenübungen in der Nordsee mußten abgesagt werden.

-st

Lissabon, 11. Oktober.

Der nördliche Teil der portugiesischen Küste wurde am Dienstag von einem Wirbelsturm heimgesucht. Mehrere Schiffe sind an den Felsen zerschellt.

Schoner an der kanadischen Küste gekentert Halifax (Neuschottland), 11. Okt.

Auf der Höhe von Ssarmouth in Neuschottland ist ein 239-Tonnen-Schoner mit einer Besatzung von 1« Mann im Sturm gekentert. Man befürch­tet, daß die ganze Besatzung ertrunken ist.

Unwetterkatastrophe in Mittelamerika

Tegucigalpa (Honduras), 11 . Okt.

Tropischer Regen verursachte in der Nähe des Dorfes Apolopi einen Bergsturz, wobei 19 Personen verschüttet wurden. In anderen Teilen von Honduras kam es zu großen Ueberschwemmun­gen. Mehrere Personen sind ertrunken.

^v!I1 kolen?

Die neue Terrorwelle in Ostoberfchlesien Bremen, 11. Oktober.

Das deutsch-polnische Verhältnis steht seit einiger Zeit im Vordergrund des öffentlichen Interesses. Verschiedene Anzeichen sprechen da­für, daß die Spannung, die feit Jahr und Tag die deutsch-polnischen Beziehungen in poli­tischer wie auch in wirtschaftlicher Hinsicht kennzeichnet, wenn auch nicht gleich im ersten Anlauf beseitigt, so doch in einer Weise ab­gemildert wird, die Hoffnungen für eine tie- ftrgreifende Neuordnung der deutsch-polnischen Beziehungen aufkommen läßt. Verfolgt man diese Wendung, die sich gerade jetzt durch den Beginn der deutsch-polnischen Wirtschaftsver- handlungen in Warschau auch nach außen hin deutlich kundtut, so kann man feststellen, daß sie merkwürdigerweise gerade dort ihren Aus­gang nahm, wo die Spannung am schärfsten und die Atmosphäre am meisten geladen war: bei der Danzig-polnifchen Frage. Als der nationalsozialistische Danziger Senat sich dazu entschloß, das verfahrene Problem der Danzig-polnifchen Beziehungen unter Aufbietung eines Höchstmaßes wirklich real- politifchen Sinnes zu lösen, war dabei schon der Gedanke maßgebend, daß eine Vereinigung dieser Frage letzten Endes auch auf den enge­ren Bereich nicht beschränkt fein, sondern sich auch weiter auswirken würde auf das Ver­hältnis Deutschlands zu Polen. In dieser Hin­sicht sind dann auch in der Folgezeit einige be­merkenswerte und in der Geschichte der deutsch- polnischen Beziehungen bisher unbekannte Ereignisse zu verzeichnen gewesen: die deutsch- polnische Fühlungnahme in Genf und dann die erwähnte Einleitung deutsch-polnischer Wirtschaftsverhandlungen. Von polnischer Seite konnte man in diesem Zusammenhang Worte hören, die durchaus vernünftig klan­gen und deren Verständigungswillen sich wohltuend abhob von der bisherigen haß­erfüllten Sprache der Warschauer Presse. Es war natürlich von vornherein klar, daß dem deutsch-polnischen Problem damit in fachlicher

Nosting lehnt endgültig ab

Genf, 11. Oktober.

Der Danziger Völkerbundskommiffar Rosting hat am Mittwoch der Danziger und der polnischen Regierung mitgeteill, daß er zu seinem lebhaften Bedauern dem Ange­bot der Regierungen, aus ein weiteres mehr­jähriges Verbleiben in Danzig nicht Folge leisten könne.

Auf deutscher Seite wird dieser Entschluß des Danziger Völkerbundskommissars durch­aus bedauert, da man in Uebereinstimmung mit den Danziger und polnischen Vorschlä­gen eine mehrjährige Ernennung Rostings zum Danziger Völkerbundskommissar auf längere Zeit gewünscht hatte.

Hinsicht nichts von feiner Schärfe genommen war, aber es waren wenigstens die psychologi­schen Voraussetzungen geschaffen, um ein heißes Eisen nüchtern und ohne Leidenschaft anzupacken. Dies zugeben heißt noch lange nicht, auf die lächerlichen Alarmmeldungen der Pariser Rechtspresse hereinfallen, die den Anschein erwecken wollten, als ob man in Warschau mit fliegenden Fahnen in einen neuen deutsch-freundlichen Kurs hineingeht.

Es handelt sich letzten Endes zunächst doch nur um einen Versuch, der allerdings von deutscher Seite durchaus ehrlich gemeint ist. Ob das im gleichen Maße für die polnische Politik zutrifft, ist allerdings noch sehr die Frage. Eine gewisse Zwiespältigkeit War­schaus konnte auch in der letzten Zeit nicht übersehen werden und vollends deuten die ernsten Ereignisse, die sich jetzt wieder in Pol- nisch-Oberschlesien abspielen, auf den pro­blematischen Charakter des Ver­suches hin.

Das schwergeprüfte Deutschtum Ostoberfchlesiens hat in diesen Tagen eine neue Terrorwelle über sich ergehen lassen müssen, für die der berüchtigte Verhand der sogenannten Aufständischen verantwortlich zeichnet. Die nähe­ren Erhebungen, die der Deutsche Volksbund angestellt hat. lassen erkennen, daß es sich da­bei keineswegs um unvorhergesehene und lokalbeschränkte Zwischenfälle handelt, sondern um eine planmäßig vorbereitere Terroraktion größten Stiles, zu der auf der Jahresversammlung der Aufständischen unter dem Vorsitz des Wojewoden Eraczynski das offizielle Stichwort ausgegeben wurde. Das Programm, das dort zur Annahme ge­langte, enthält Vertragsbrüche am laufenden Band und behandelt die deutsche Bevölkerung sozusagen als vogelfrei. Wenn auch die For­derungen nach einer Polonisierung der gesam­ten Industrie, Besetzung der leitenden Stellen mit Polen, Auflösung aller deutschen Organi­sationen und überhaupt der Kampf gegen das deutsche El .ment aus dem Munde Eraczynskis und der Aufständischen nichts Neues sind, so ist es doch kein Wunder, daß in dieser über­hitzten Atmosphäre bedauerliche Ausschreitun­gen gegen wehrlose Deutsche heraufbeschworen wurden. Diese Dinge werden nun, da sie eine flagrante Verletzung der Genfer Konvention