Ausgabe 
(11.10.1933) Nr. 274
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Nr. 274 Jahrgang 1933

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Wir lassen viciit locker:

Allgemeine Abrüstung nur bei völliger Gleichberechtigung Deutschlands

Der ursprüngliche Macdonalbplan nach wie vor — Die außenpolitische Forderung Deutschlands,

Englands und Italiens

Berlin, 10. Oktober.

Während Henderso» vor dem Büro der Abrüstungskonferenz sich bemüht, ein optimistisches Bild vom gegenwärtigen Stand der Abrüstungs­frage zu geben, hat in London eine Kabinetts- fitzung stattgefunden, deren Ergebnisse ln einem KommuniquS zusammengefaßt sind, das die gro­ßen Schwierigkeiten trotz oller flüssigen Formu­lierungen klar erkennen läßt. Sir John Simon hat darum auch keine festen Anweisungen für Genf erhalten. Das Kommunique stellt den Grundsatz der Gleichberechtigung in einem, das allen Natio­nen Sicherheit gewährt, zwar immer noch als das Ziel, nicht aber als die wesentliche Voraussetzung jeder Abrüstungskonvention hin. Wenn das Kommunique darauf hinweist, daß es sich bei der Abrüstungsfrage um ein hochpolitisches Problem handelt, so entspricht das durchaus der deutschen Auffassung.

Deutschlands Anspruch auf Gleichberechti­gung ist und bleibt ein aus den Verträgen sich ergebendes moralisches, politisches und juristisches Recht.

Don diesen grundlegenden Dingen ist in dem Kommunique allerdings nicht die Rede. Da­gegen wird ausführlich auseinandergesetzt, daß die „gesteigerte Beunruhigung der französischen Re­gierung und des französischen Volke-, in bemo aus die Sicherheit" beim. britischen Kabinett Beach­tung gefunden habe. Die geschickte und in der Wahl der Mittel bedenkenlose Taktik Frankreichs, das nach wie vor keinerlei Neigung zeigt, seinen Verpflichtungen nach­zukommen, hat also offenbar in London doch eine gewisse Wirkung gehabt.

Der Macdonald-Plan. der im März zur Be­hebung einer schweren Krise in der Konferenz ge­schaffen und von allen Ländern als Diskussions­grundlage und Rahmen des künftigen Abkom­mens angenommen wurde, erfreut sich offenbar nicht mehr der vollen moralischen und politischen Unterstützung der Regierung, deren Kabinetts­chef ihm seinen Namen gegeben hat.

Es ist von besonderem Interesse, daß vom Büro der Abrüstungskonferenz der Vertreter Englands, Unterstaatssekretär Eden, beauftragt wurde, Anträge über die augenblicklich noch strittigen Punkte zu formulieren.

Man erinnert sich der Entrüstung, mit der alle möglichen Staaten sich gegen Deutschland wandten, als dieses im März gewisse Abände­rungen am Macdonald-Plan vorschlug, ehe dieser endgültige Gestalt angenommen hatte. Und man kann daher sein Erstaunen nicht verhehlen, daß jetzt mit leichter Hand an einen Kouven- tionsentwurf grundsätzliche und schwerwiegende Aenderungen vorgenommen werden sollen, die ge­eignet sind, ihn unter Umständen völlig zu ent­werten.

Die Dienste, die Großbritannien und Italien dem Kommunique der englischen Kabinettssitzung zufolge bei der Vermittlung zwischen gerecht­fertigten und natürlichen Eleichberechtigungs- ansprüchen Deutschlands und der hartnäckigen Ab­rüstungsfeindlichkeit Frankreichs geleistet haben, sind in Deutschland gewiß immeranerkannt worden.

Deutschland ist aber auch der Ansicht, daß sich hieraus für England hohe moralische Verpflichtungen ergeben,

die es nicht zulassen, daß plötzlich die sittlichen und rechtlichen Tatsachen in der Abrüstungsfrage unberücksichtigt bleiben und man sich hinter an­geblich neue politische Aspekte zurück­zieht, weil die starre Haltung Frankreichs, die Durchsetzung von bestimmten, sich aus dem Gleich­berechtigungsprinzip und der Abrllstungsverpflich- tung ergebenden Folgerungen allerdings er­schwert. Der Hinweis auf die veränderte poli­tische Lage Deutschlands als Ursache der Schwie­rigkeiten ist durchaus fehl am Platz.

Deutschland hat immer wieder aus berufenem Munde erklärt, daß es am Macdonald-Plan fest­zuhalten gewillt ist. Es hat damit von seiner Seite alles getan, um das große Friedenswerk der Abrüstung zu fördern. Auch die englische Re­gierung kann sich dieser allen Gutgesinnten ge­läufigen Tatsache nicht verschließen und wird ihr nur dann gerecht werden können, wenn es sich nicht von einer Politik abdrängen läßt, die es im März dieses Jahres im Interesse des Weltfriedens und der Abrüstung groß« zügig eingeleitet hat.

Erfolgreiche amer kamsche Dermittlungövttsuche

Unterredungen Nadolnys mit Norman Daois und Paul-Boncour

Gens, 10. Oktober.

Botschafter Nadolny hat im Laufe des Diens­tag Einzelunterredungen mit Norman Davis,

Paul-Boncour und dem italienischen Delegier- ten Marquis Soragna gehabt. Die Unterredungen mit Norman DavtS und Paul-Boncour waren von längerer Dauer und haben, nach deutschen Mittel- lungen, wesentlich dazu beigetragen, daß der grund­sätzliche deutsche Standpunkt von neuem den Ver­tretern der amerikanischen und französischen Regie­rung in allen Einzelheiten dargelegt werden konnte. Ebenso find von der Gegenseite dem deutschen Vertreter eingehende MitteUungen über die jetzt angestrebten neuen Vorschläge gemacht worden.

Die heutigen Besprechungen, die am morgigen Mittwoch noch weitergeführt werden, haben nach deutscher Auslassung

wesentlich zur Klärung der Lage beigetragen.

Ueber den Inhalt dieser Unterredungen werden nähere Mitteilungen von den beteiligten Seiten nicht gemacht. In unterrichteten Kreisen besteht jedoch der Eindruck, daß die amerikanischen Vertre­ter sich gegenwärtig weitgehend in die Verhandlun­gen eingeschaltet haben und eine von allen Seiten begrüßte Vermittlertätigkeit ausüben.

Die Sanktionssrage soll, wie verlautet, zurzeit in den Hintergrund gerückt sein. Dagegen sollen von amerikanischer Seite Bemühungen im Gange sein, eine auch für Deutschland tragbare Lösung der Frage der Kontrolle und der Militärlustfahrt zu finden.

Varis zufrieden

Paris, 10. Oktober.

Die Rechtsblätter berichten mit größter Be­friedigung aus.London, daß die englische Re­gierung den gemeinsamen französisch-englisch-ameri- kanischen Ansichten, dte kürzlich Deutschland mitge­teilt worden seien, treugeblieben sei. Das „Petit Journal" stellt mit Freuden fest, daß der eng­lisch-französisch-amerikanische Plan für London die Linie der zu verfolgenden Politik darstelle, deren Ziel in der Formel liege: „Gleichheit in der Sicher­heit". Der deutsche Standpunkt sei im ganzen nicht als annehmbar befunden worden, da der ursprüngliche Plan Macdonalds, aus den Deutsch­land sich bezogen habe, nicht mehr den internatio­nalen Erfordernissen entspreche. Für das „Echo de Paris", das Blatt des Generalstabss, marschiert Lon­don noch nicht genug nach französischem Kommando. Die Beschlüsse der Downing-Street bewiesen, daß England zwar die Augen vor der Gefahr geöffnet habe, daß es aber noch nicht gelernt habe, genügend

Widerstand zu leisten. Die Mehrheit der englischen Regierung leiste zwar aktiven Widerstand gegenüber Deutschland, aber Macdonald sei anderer Ansicht, und dar sei beunruhigend.

Die genugsam bekannte Schlußfolgerung des „Echo de Parts" ist, daß Frankreich aus keinen Fall abrüsten dürfe.

Abrüstung?!

Neues englisches KrtegsNefenflugboot getauft. — Schnellfeuergeschütz, Maschinengewehre und Bomben.

London, 10. Oktober.

Ein neues schwer bewaffnetes Riesenflugboot für die englischen Luftstreitkräfte mit dem Namen „Perth", das in den Werken der Blackburn-Flug- zeuggesellschaft in Vrough-Porkshire fertiggestellt worden ist, wurde am Montag in Anwesenheit von Beamten des englischen Luftfahrtministeriums und ausländischer Marineattachös getauft. Es handelt sich um das erste Flugboot eines neuen Typs, von dem vier Maschinen in Auftrag ge­geben worden sind. Die „Perth" besitzt drei Rolls- Royce-Motoren von je 830 PS, Hot eine Reichweite von lSOO Seemeilen und eine Stundengeschwin- digkeit von 132 Meilen. Die Ausrüstung besteht aus einer im Bug angebrachten Schnell­feuerkanone von 3,75 Zentimeter Kaliber, die in der Minute 100 Granaten abfeuern kann, drei Maschinengewehren und einer Bombenladung von 2000 Pfund Gewicht. Die Besatzung ist fünf Köpfe stark. Der Namenstaufe folgte eine Vor­führung der Schnellfeuerkanone, mit der auf eine ein Unterseeboot darstellende Zielscheibe geschossen wurde.

Frankreich will Deutschland eine „Bewährungsfrist" geben

Berlin, 10. Oktober

In den zurzeit in Genf stattfindenden Bespre­chungen zwischen verschiedenen Delegationen spielt auch die Frage eine Rolle, ob Deutschland sich mit einer Zweiteilung der Geltungsdauer der Abru- stungskonvention einverstanden erklären kann. Der Gedanke der Zweiteilung ist zuerst auf französischer Seite ausgesprochen worden und zwar zunächst mit der klaren Tendenz, daß die > erste Periode

eine Art Bewährungsfrist" für Deutschland sein solle. Während dieser ersten Periode sollte der Rüstungsstand Deutschlands kontrolliert und von dem Ergebnis dieser Kontrolle die Ab­rüstung der hochgerüsteten Staaten in der zweiten Periode abhängig gemacht werden. Anscheinend ist in den Septemberverhandlungen in Paris auf Grund englischer Einwirkung dieser für Deutsch­land natürlich völlig unannehmbare Plan dahin abgewandelt worden, daß in der ersten Periode die Kontrolle sofort allgemein einge­führt werden und daß die europäischen Staa­ten ebenfalls sofort mit der

Einführung kurzdienender Heere beginnen, daß jedoch die eigentliche materielle Ab­rüstung Frankreichs und der anderen hochgerüsteten Länder von dem zufriedenstellenden Ergebnis der mehrjährigen Kontrolle abhängig gemacht und erst möglichst spät in der zweiten Periode der Gel­tungsdauer der Konvention vorgenommen werden sollen.

Auch in dieser Fassung widerspricht der Plan der Deutschland zugestandenen Gleich­berechtigung und wichtigen deutschen Inter­essen.

Im Abrüstungsplan Macdonalds, oer von der Konferenz als Grundlage der künf­tigen Abrüstungskonvention angenommen wurde, ist ein« Geltungsdauer von füns Jahren vorge­sehen. Deutschland hält am Macdonald- Plan fest. Eine Ausdehnung der Geltungs­dauer der Konvention müßte die Zugeständnisse, Sie Deutschland im Rahmen des Macdonald-Pla- nes gemacht hat, in Frage stellen. Der englische Plan steht hinsichtlich der Durchführung feiner Be­stimmungen über die Materialabrüstung bereits eine zeitliche Staffelung vor. Ueber die Ausge­staltung dieser Staffelung sind Behandlungen durchaus, möglich. Schon aus organisato­rischen Gründen läßt sich für die Zerstörung der künftig verbotenen Waffen eine zeitliche Ab­folge durchaus erwägen. Wie diese im einzelnen erfolgen soll, kann durch Verhandlungen geklärt werden.

Grundsätzlich muß jedoch daran festgehalten werden, daß hierbei keine Diskriminierung Deutschlands stattfindet. Sobald dieses Prinzip nicht im Zweifel gesetzt wird, läßt sich bei guten Wille« aller Beteiligten sicher eine zweckdienliche Lösung finden. Abzulehnen ist aber jeder Versuch, durch derartige Methoden Vorwiinde für Nichtabrüstung zu schaffen.

Minister Dr. Goebbels über das Verbot des Horft-Wessei-Films

Berlin, 10. Oktober.

Das große Aufsehen, das das Verbot des Horst-Wessel-Films in Deutschland erregt hat, veranlaßte das WTB., Reichsminister Dr. Goeb­bels um eine kurze aufklärende Unterredung zu bitten. Mit großem Ernst und teilweise tiefer Erregung schilderte Dr. Goebbels im einzelnen die unzulängliche künstlerische Gestaltung dieses Films.

Wenn jemand an die Lösung nationalsoziali­stischer Probleme auf künstlerischem Gebiet her­angeht, so erklärte Dr. Goebbels, dann muß er sich darüber klar sein, daß auch in diesem Falle Kunst nicht von Wollen sondern von Können herkommt. Die nationalsozialistische Regierung hat niemals verlangt, daß SA-Filme gedreht werden. In vielen Fällen schon hat sie kitschige Versuche durch gütliche Vorstellungen verhindert. Wenn nun doch eine Firma an die Darstellung der Erlebniswerte unserer SA oder der national­sozialistischen Idee herangeht, dann muß dieser Film auch von allererster künstlerischer Qualität sein.

Ich bin der Ueberzeugung, daß gerade die ge­samte Berliner SA es verstehen und mir bei­pflichten wird, wenn ich die Anforderungen an einen Horst-Wessel-Film für viel größer erachte, als sie bei anderen SA-Filmen ohnehin schon notwendig sind.

Ich habe den Verfassern von vornherein ge­sagt, daß ihr Film nur dann laufen könne, wenn er den Ansprüchen höchster Kunst und edelster Gesinnung in vollem Maße genüge: Denn dieser Film soll ja Millionen Menschen, die das dama­lige Geschehen nicht mit aller Intensität erlebten, das Schicksal Horst Wessels nahebringen. Auch diejenigen, die das Erlebnis des Kampfes und des Todes Horst Wessels als ihr eigenes Erleben mit durchgemacht haben, haben ein Recht zu verlangen, daß ihre heiligste Erinne­rung nur mit großen Mitteln künstlerisch dar­gestellt, in keinem Falle jentimentalisiert werden

darf. Gewiß habe ich die Verfasser des Films vorher in aller Eindringlichkeit darauf aufmerk­sam gemacht und ich habe auch während seiner Produktion immer wieder darauf hingewiesen, ohne rechtes Gehör zu finden. Zu glauben aber, man könne mich in meiner Entscheidung durch eine öffentliche Stimmungsmache beeinflussen, ist absurd.

Wir haben diesen Film nicht nur vom natio­nalsozialistischen Standpunkt aus beurteilt, son­dern auch von unserem künstlerischen Gewissen. Je größer die Idee ist, die zur Gestaltung kommt, desto höhere künstlerische Ansprüche müssen ge­stellt werden.

Was an diesem Film wirklich großartig er­scheint, ist die Musik, die schönste und ergrei­fendste Trauermusik, die ich in einem Film kenne. Sie ist neben den Massenthemen, die, unter Zuhilfenahme großer Teile der Ber­liner SA gedreht, wirklich vorbildlich sind, das wertvollste an ihm. Im übrigen aber bewegt sich dieses Werk in einer vielfach ganz unmotivierten, losen Zusammcnreihung von Szenen, die zum Teil ganz unklar wirken. Manches wider­spricht auch der historischen Wahrheit. Auch die Figur Horst Wessels entspricht nicht dem wun­derbaren Idealbild, das sich die deutsche Oeffent- lichkeit davon macht und das Horst Wessel auch in der Tat abgegeben hat.

Man sieht Dr. Goebbels an, daß er sich mit seinem ganzen Empfinden auflehnt gegen eine Profanierung der Erinnerung, die er selbst von Horst Wessel mit sich trägt.

„Ich war der Kamerad Horst Wessels. Ich habe ihn gekannt. Weder im Aeußeren noch im Charakterlichen kommt die Filmfigur der wah­ren Gestalt gleich. Jeder künstlerisch interessierte Mensch, jeder wahrhaft künstlerisch Schaffende wird es verstehen und begrüßen, wenn ein natio­nalsozialistisches Ministerium gerade aus künst­lerischem Verantwortungsgefühl sogar gegen einen nationalsozialistischen Film einschreitet.

Wir sind es dem Toten schuldig, daß wir eine un­zureichende Darstellung seines Lebens und Ster­bens verhindern.

Ich glaube mich dabei auch in Uebereinstim­mung mit dem Gefühl von Hunderttausenden von SA-Männern, wenn ich verhindert habe daß in Deutschland und im Ausland ein Horst- Wessel-Film läuft, der künstlerisch nicht auf der Höhe steht, auf der dieser tote Märtyrer mensch­lich und politisch gewandelt ist.

Horst Wessel ist das größte Thema der nationalsozialistischen Revolution.

Ich bezweifle, daß es heute überhaupt schon an der Zeit ist, dieses Thema zu gestalten. Wenn man aber an diese Aufgabe herangeht, dann muß ein wahres und wirkliches Kunstwerk daraus entstehen.

Dr. Goebbels verneinte dann auch die Frage, daß der Film, abgesehen von Musik und Massensze­nen, technisch und filmisch gut gearbeitet sei. Im Hinblick auf die Vorschußlorbeeren, die der Film vielfach in der Auslandspresse erhalten hat, un­terstrich Dr. Goebbels zum Schluß noch einmal:

„Das größte Thema der nationalsozialistischen Revolution kann nicht aus einem Geiste und mit Mitteln geformt werden, die einen Spielfilm anderen Genres vielleicht angemessen erscheinen. Wer an dieses Thema herangeht, mutz sich sowohl seinem eigenen künstlerischen Gewissen, als auch nationalsozialistischer Gesinnung auf das tiefste verpflichtet fühlen. In diesem Falle hat es nicht ausgereicht. Darum mußte das Verbot ergehen.

Eisenbahnzug bei Mulden überfallen.

Mukden, 10. Oktober.

Die Agentur Kokuzu teilt mit, daß ein Eisen­bahnzug bei Mukden von chinesischen Banditen angegriffen und ausgeplündert worden ist. Acht Personen fanden den Tod. 14 wurden entführt.

Japanische Truppen nahmen die Verfolgung auf.

Vor 6er

Qenler Lntsckeiöunß

Paris, 10. Oktober.

Dte große diplomatische Schlacht um das Schicksal des Abrüstungsgedankens tritt in ihre letzte Phase, so scheint es. Die Gegensätze spitzen sich immer schärfer zu. Unwillkürlich drängt sich der Vergleich mit gewissen Situa­tionen im Kriege auf, in denen die Deutschen einen kräftigen Vorstoß gemacht haben, die englischen und die französischen Generalstäb­ler die besorgten Köpfe zusammenstecken und die Franzosen gerade noch eine Hoffnung haben: Amerika! Tatsächlich, die Sache Frankreichs, die doch angeblich die Sache der Abrüstung und des Weltfriedens sein soll, steht schlecht; der Engländer tritt verlegen von dem einen Fuß auf den anderen, und wenn noch etwas helfen kann, dann ist es eine letzte und enorme Kraftanstrengung einer inter­nationalen Weltpropaganda gegen dieses böse und angeblich immer noch den Frieden be­drohende Deutschland. Jetzt ist es die national­sozialistische Regierung, die angeblich alle großen Ideale der Zivilisation — in Wahr­heit: den in demokratische und pazifistische Verlogenheiten eingewickelten geistigen und militärischen Imperialismus Frankreichs be­droht, und jeder neue Stoß, den dieses neue Deutschland in Richtung auf die Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit als die Grundgesetze aller Menschlichkeit tut, hat zum Echo den Aufschrei der Getroffenen.

Was hat die deutsche Regierung ge­tan? Sie hat auf Wunsch der Engländer und der Italiener ihren Standpunkt zur Ab­rüstungsfrage izoch einmal schriftlich festgelegt und erläutert. Sie hat auf den von der Gegen­seite uns bereits zugestandenen Grundsatz der Gleichberechtigung verwiesen, von dem sie nicht abgeht, hat daraus die logische Folge­rung einer wirksamen Abrüstung der hoch­gerüsteten Staaten gezogen und hat diese Folgerung für die Praxis sogar eingeschränkt, indem sie sich auf den Macdonald-Plan als die allseitig angenommene Verhandlungs­grundlage zurückzog. Denn dieser Plan würde, falls er zur Wirklichkeit würde, in der ersten Etappe nach wie vor eine militärpolitische Diskriminierung Deutschlands gegenüber den Versailler Mächten bedeuten. Aber, so fahrt der deutsche Eedankengang folgerichtig fort, wenn Frankreich und die anderen Mächte nicht einen Sou, nicht einen Soldaten, nicht eine Kanone noch ein Flugzeug oder Tank opfern wollen, dann müssen für Deutschland die in Versailles ihm auferlegten Diskriminierungen wenigstens insoweit fortfallen, als sich Deutsch­land auch die Waffen zu seiner eigenen Ver­teidigung zulegen muß, die die hochgerüsteten Staaten zu ihrer Verteidigung angeblich nicht glauben entbehren zu können.

Kann eine Sprache gerechter und wahrhaf­tiger sein als diese? Aber natürlich, von diesem Frankreich ist eine gerechte Würdi­gung des deutschen Standpunktes nicht zu er­warten. Dabei wirkt es nun schon belusti- aenÄ, wie die franzöHIche PreHe daraus reagiert. Zunächst einmal hat man es uns Deutschen übel genommen, daß wir unser Ab­rüstungsmemorandum nicht auch in fKirts überreicht hätten. Das verstoße gegen den Geist des Viermächtepaktes. Daß englisch-französische Ministerbesprechungen am Vorabend inter­nationaler Verhandlungen in Genf eine elbstverständliche Gewohnheit sind, ohne daß Deutschland dabei hinzugezogen wird, daß Ab­gesandte und Minister der Dasallen-Staaten in Paris antichambrieren, ehe sie nach Genf kommen, darüber regt sich niemand aus. Aber Deutschland ist von den Franzosen ja über­haupt nicht aufgefordert worden, eine solche Denkschrift zu verfassen, sondern von den Eng­ländern und den Italienern, und die Fran­zosen haben schon jetzt in Gens Gelegenheit, in das Schriftstück Einsicht zu nehmen. Abge­sehen davon bemüht man sich neuerdings, die deutschen Forderungen als etwas ganz „Un­geheures" darzustellen, das einerseits geeignet sei, Deutschland in den Vereinigten Staaten als militaristisch und friedensseindlich darzu­stellen, andererseits aber eine ernste Diskussion gar nicht erst lohne. Der „Temps" stellt sich besonders dumm. Er redet sich ein, daß die deutschen Mitteilungen keineswegs eine amt­liche Antwort auf die „gemeinsamen franzö­sisch-englisch-amerikanischen Anregungen" dar­stelle; das deutsche Manöver, das auf eine Störung der zwischen Frankreich, England und den Vereinigten Staaten bestehenden grund­sätzlichen Uebereinkunft abziele, komme zu spät. Wenn die bisher veröffentlichten Angaben über die deutschen Wünsche zuträfen, bestehe keine Aussicht auf einen Erfolg dieses Manö­vers. Wenn Deutschland wirklich vorhabe, zu verlangen, daß die (von den Franzosen in­zwischen eingeschmuggelte) „Probezeit" von vier Jahren durch eine kurze Uebergangszeit von weniger als einem Jahre ersetzt würde, und daß man Deutschland alle im Versailler Vertrag untersagten Waffen zubillige, so würde jede Aussprache nutzlos sein. „Paris Soir" versucht, die Haltung der einzelnen Mächte vorauszusagen: Italien werde bestrebt sein, den Artikel 3 des Viermächtepaktes an­zuwenden, der für den Fall eines Mißerfolges in Genf eine Zusammenkunft der vier Mächte gesondert vorsieht; England scheine sich der Genehmigung der deutschen Forderungen ent­schieden zu widersetzen, werde aber aus Furcht vor einem katastrophalen Scheitern in Genf die italienische Ansicht unterstützen. De» Per-