Ausgabe 
(13.8.1933) Nr. 215
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Nr. 2lS. Jahrgang 1933

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Bremen. Sonntag, den 13. August 1933 EinreWretS 15 Big.

Anzeigen hiesig« die 1» gespaltene UM-Zeile 0^3, auswärts LLU.17; ,m TextleO^tO.75 auswärtsKi l.— Stellenresuchk^KV.06; Familien« «zeigen Stellenangebote und Wohnungsmarkt 0.08 sonlitoe Ileini privateAnzeigci bis zu 2( ww bei Vorauszahlung (ohne Rabatt) LF 0.08. Plat vorichrüten ohne Derbindlichlett. Anzeigen­schluß 1» Uhr. Bei Betriebsstörung, Streik, Verbot u. s. w. hat der Bezieher leinen Anspruck aus Rückzahlung des Bezugspreises.

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Das ÄmtUotur Organ dss Sen<r1s dsL VsLMSK-

Sesteereicher «nd Franz» en Arm in Arm

SlandaNzenen be m Internationa en Lehrerongretz

Paris, 12. August.

In Santander (Spanien) wurde heute der Vierte Internationale Kongreß der Lehrerverbände eröffnet. Als erster Punkt wurde die Zulassung der deutschen Delegierten erörtert. Der Vorsitzende des Kongresses, ein Engländer appellierte an die Eintracht, aber der französische Delegierte erklärte, wie Havas berichtet, daß man die Deut- schen, deren gew rkschaftliche Lage nicht geklärt sei, nicht zulassen könne.

Der Vertreter Oesterreichs, Binden, führte aus, daß der triebe seines Landes durch die Deutschen zerstört worden sei, er verstieg sich sogar zu der Be­hauptung, daß das Dynamit, das bei den Attentaten gebraucht werde, deutsch sei. Binden wandte sich gegen die Zulassung der deutschen Delegierten. Er könne nicht nach Hause zurückkehren, wenn er mit den deutschen Delegierten zusammenarbeite. Diese seien nichts weiter als die Vertreter Hitilers.

Zum Zeichen des Protestes gegen diese Ausführun­gen verließen die deutschen Delegierten den Saal. Der Vorschlag, die deutschen Delegierten nicht zuzu­lassen, wurde mit 4V gegen 21 Stimmen ange­nommen.

Der Umschwung i« Kuba

Freudentaumel der Bevölkerung Machado nach V.St.A. geflohen

Havanna, 12. August.

Me von den Hasenbehörden mitgeteilt wird, ist Machado Sonnabend mittag heimlich vom Militär­lager Columbia nach den Vereinigten Staaten abge­flogen.

Ueber das Ende des Machado-Regimes herrscht unter der Bevölkerung große Freude. In den Straßen sammelten sich riesige Menschenmengen an, die das Alu-eten Mochados mit lautem Fabel be­grüßten. Lausend: strömten zu dem stark bewachten PräsidentschaitSpalais und verlangten Einlaß, der ihnen jedoch von der Polizei und den Wachmann­schaften verweigert wurde.

Der kubanische Gensralstab hat die Besetzung Havannas durch die Armee zur sofortigen Wieder­herstellung md Aufrechterhaltung der Ordnung an­geordnet. Die auf den Straßen weilenden Demon­stranten haoen den rdnungen des Militärs Folge geleistet und begrüßten die Soldaten lebhaft.

* :

Decespedes voraussichtlich Nachfolger Machados

Wie „Associated Preß" aus Havanna meldet, haben sich alle politischen Parteien darauf geeinigt, daß Carlos Manuel Decespedes, ehemaliger kubani­scher Botschafter in Washington, zum Nachfolger des Präsidenten Machado ernannt werden solle.

»

Der Chef der Geheimpolizei Machados erschossen

Der Leiter der Geheimpolizei des Machado- Regimes wurde heute von Soldaten erschossen. Er hatte einen Soldaten, der das Ende der Regierung Machados feierte, durch einen Schuß verwundet. Als er daraus den Revolver auf eine Soldatengruppe richtete, wurde er sofort niedergeschossen.

Neue Eoldsendung sür Frankreich. Paris, 12. August. Für Rechnung der Bank von Frank­reich sind in Therbourg 250 Goldbarren von der Bundesreservebank in Newyork eingetroffen.

Or. proklamiert:

Statt MstenkaM MG« einer nemn GeielWsftsstM

Berlin, 12. August. (Eigene Meldung.)

Der Stabsleiter der Politischen Organisation der NSDAP. und Führer der Deutschen Arbeits­front, Dr. Ley, hielt vor den Gaufachberatern der NSDAP. für den ständischen Aufbau in der Reichssührerschule in Bernau eine Rede über den ständischen Ausbau.

Er teilte insbesondere mit, datz vom 15. Sep­tember bis zum 1. November von der Deutschen Atbcitssront eine neue große Propagandawelle angesetzt worden ist. Im Rahmen dieser Propagandamclle soll von den Führern und Rednern der Deutschen Arbeitsfront Betrieb um Betrieb ausgesucht werden. Es sollen überall Pslichtversammlungen abgehalten werden. Dem Unternehmer und dem Arbeiter soll klar gemacht werden: Was ist ständischer Ausbau, was ist Arbeitsfront.

Dr. Ley begründete in seiner Rede diese Maß­nahme wie folgt: ' Fn dem Betrieb müssen die Menschen erst zusammengeführt werden, die sich jahrzehntelang als Feinde gegenüber gestanden haben. Der eine nannte den anderen Vater- landslosen Gesellen, der andere sagte Kapitali- stenhund. Das Mißtrauen muß einmal weg. Hier muß man sich wieder das Schicksal der letzl-' ten vierzehn Jahre vor Augen halten. Wenn ihr nicht freiwillig wollt, wird euchdtzs Schick­sal dazu zwingen. Es läßt sich nicht narren. Wenn ihr auch heute noch nicht erkannt habt, daß -das Schicksal des Arbeiters von dem des Unternehmers und das des Unternehmers von dem des Arbeiters abhängen, dann gehl ihr un­ter. Vertrauen ist. das beste Ärbeitsbeschassungs- Programm.

- Wir von der Arbeitsfront wollen dieses Ver­trauen schaffen und ich glaube, wir haben schon

jetzt sehr viel dazu beigetragen. Dr. Ley führte weiter aus:

„Wer hingeht und einen Unternehmer- oder Arbeituehmcrverband organisiert, wer den Prositgeift organisiert» der muß fort, das ist ein Todfeind der Nation. Wer Lohndrückerei oder Betriebsverhetzung organisiert, muß augenblick­lich vernichtet werden.

Man muß Organisationen schaffen, die im Ge­genteil die Zerklüftung, die natürlicherweise vor­handen ist, die wir nicht leugnen können und nicht leugnen wollen, mit Klammern und Bän­dern umgeben und immermehr umschlingen.

Wir werden einen gemeinsamen Nenner für die Arbeit an sich Duden. ES- wird keine Un­ternehmer, Arbeiter und Angestellten mehr ge-> den, es wird den Begriff des Arbeitsmenschen geben, den deutschen Ärbeitsmenschen."

Und da wir die Menschen nicht in einen Topf hineinwerfen können, ohne eine Einreihung in eine Gliederung zu haben, werden wir sie nach Berufsschichten und Verbänden gliedern, Ver­bände der Chemiker/ der AerAe, der Juristen, der Schlosser, der Schreiner usw.

! Zu dem seelischen Aufbau und der Aufrich­tung der weltanschaulichen Fundiermrg- des " Menschen tverden wir Äs nächste Hauptaufgabe die geistige Fortentwicklung im Beruf nehmen. -Das Ziel muß dir. Fachausbildung sein. Aus diesem Grunde will ich auch die Gesellenvereine erhalten als in die Tat umgesetzte Organisation der Jachausbisdnng.) Ich werde versuchen, diese Gesellenvereine neu zu formen."

Dr. Ley führte dann weiter aus: „Während der ständische Aufbau die neue Wirtschaftsord­nung formt, formt die Arbeitsfront die neue Gesellschaftsfront, die heute noch in Schichten und Klassen auseinander strebt:"

Ueber die Formung des Menschen im ständi­schen Aufbau führte Dr. Ley aus:

„Wir wollen dem Menschen nicht in einen Wohlfahrtsstaat von Wohlfahrt zu Wohlfahrt, von Bettelei zu Bettetet führen, nein, wir wollen ihm erst einmal das organische Wachtstum der Welt klar machen und dann schauen, ob sein Charakter in diese wundervollen Gebilde hinein­paßt. Wir wollen ihm sür seinen Lebenskampf das notwendige Wissen mitgeben und dann wollen wir immer überprüfen, ob das, was wir ihm vermittelt haben, erhalten geblieben ist oder im Alltag unterging. Wenn es vom Alltags­dreck schmutzig geworden ist, wollen wir den Dreck wieder wegfegen und seinen Blick von den Alltagssorgen Hinwegnehmen, wollen ihn wieder hinlenken auf das Kostbarste was er hat, was ihn befähigt, diesen Kampf zu führen, nämlich zu seiner Seele.

Das soll die Arbeit der Arbeitsfront sein, die große Schulüngsaufgabe. Italien versucht das Gleiche in seiner Feierabend-Organisation, die im Ausland leider sehr wenig bekannt ist, die aber in Italien ungeheure Bedeutung hat. Die Italiener sind längst Ächt soweit wie wir. Wir werden in einem halben Jahr viel weiter sein. Das ist auch ganz selbstverständlich. Denn, wären wir 1923 zur Macht gekommen statt 1933, dann wäre es fraglich, ob wir heute überhaupt wären, ob wir nicht, von Reaktion, Bürgertum und Marxismus zerdrückt worden wären.

Schon so haben wir genug mit Hugenberg zu tun gehabt. 1923 wußten wir alle außer dein Führest' herzlich wenig vom National­sozialismus. Ich. weiß nicht, wie das aus­gegangen wär-e. Der Faschismus ist in dieser Phas- zur Macht gekommen und muß sich jetzt Schritt für Schritt an dem Seil herauf­ziehen.

ks wäre keinsk' eine 5ensstion ze>vor6en:

Wien vermible den Keinen Vollfutz

Wien. 12. August.

Bundeskanzler Doll fuß, Finanzminister Dr. Bur.esch und Handelsminister Stock in ger waren Sonnabend um 14,30 Uhr mit einem Flug­zeug zu einer Besichtigung des Glöckner-Gebietes aufgestiegen. Das Flugzeug ist bisher nach Wien nicht zurückgekehrt.' Beim Start: waren noch die besten Witterungsverhältntsie, sedoch hatte sich in­zwischen das Wetter erheblich verschlechtert. Wie schon gemeldet, brach gegen 1S Uhr ein Orkan los. dem in den Abendstunden ein heftiges Ge­witter folgte. Man vermutet, daß das Flugzeug in Salzburg infolge des schlechten Wetters eine Zwischenlandung vorgenommen hat.

Wenn alles gut gegangen wäre, hätte sich das Flugzeug um 17 Uhr im Glöckner gebiet, über Hei- ligenbuth — Franz - Joseph - Haus — Pasterzen- Eletscher befinden sollen. Der Bundeskanzler und die Minister unternahmen den Flug, da in den

nächsten Tagen die endgültige Entscheidung über die Trassenführung der Erotz-Elockner-Scheitel- strecke fallen soll.

DoMutz wieder da !

Wien. 12. August.

Nach einer Mitteilung, die beim »Bundeskanz­leramt angelangt ist. hat Bundeskanzler Dr. Doll- suß in Salzburg, wie bereits gemeldet, eine Zwischenlandung vorgenommen.

Neue Gewaltmatzriadwen

München, 12. August.

Don der bayertsch-tirolerischen Grenz« wird den „Münchener Neuesten Nachrichten" mitgeteilt, daß die beiden Münchener Hans Hackinger und Engelbert Hatndl am 7. August in Achen-

kirche (Tirol), wo sie geschäftlich zu tun hatten, verhaftet worden.sind, weil sie angeblich über die Verhältnisse in Oesterreich abfällige Aeußerungen gemacht haben. Haindl wurde außerdem zur Last gelegt, daß er ein Exemplar der in Oesterreich verbotenen „Münchener Neuesten Nachrichten" bei sich geführt habe. Hackinger wurde zu zehn Ta- gen Arrest und wegen des Besitzes eines Exem­plares der „Münchener Neuesten Nachrichten" zu 300! Schilling Geldstrafe verurteilt.

Ferner wurde in Scharnitz im Postamt die Toch­ter eines Kaffeehausbesitzers aus Mittenwald verhaftet, und ins Landgericht Innsbruck einge­liefert, weil sie angeblich mit den Attentätern, die den Anschlag auf den Sicherheitsd.irektor von Tirol, Dr. Steidle, begangen haben, in Verbin­dung gestanden haben soll.

In Kufstein wurde der Zollhilfsmann Kie- fernfelder, der dienstlich das Recht hat, sich nach Kufstein zu begeben, in Kufstein verhaftet und beschuldigt, an der Erschießung des Heimat­wehrmannes Schwanninger beteiligt gewesen zu sein. Beide Verhafteten befinden sich noch in Haft.

Irkcker kürßerkrieß?

London, im August 1933.

Tvotz der äußersten Vorsicht, mit der die englischen Berichterstatter die Vorgänge in Irland verfolgen, läßt sich nicht leugnen, daß sich die Lage dort von Tag zu Tag mehr zuspitzt. Worum handelt es sich? Die Regierung de Valera ist, als sie vor rund zwei Jahren die Zügel der Herrschaft ergriff, von der irischen Bevölkerung zweifel­los mit Jubel begrüßt worden, weil man sich von dem radikalen Kurse der. Regierung de Valera eine Behebung der Nöte des Landes versprach. De Valera, der radikale Re­publikaner, hatte seinen Landsleuten gepre­digt, daß alles Uebel von der Verbindung mit England käme und daß es daher darauf ankäme, die staatliche und wirtschaftliche Ver­bindung mit Groß-Britannien voll und ganz zu lösen. Der Kompromiß, den sein Vor­gänger Cosgrave mit der britischen Re­gierung durchgeholten hatte, wonach nach wie vor die englische Krone in Irland ge.lisse Vorrechte behielt, praktisch aber Jrlaiü) so gut wie völlig unabhängig regiert werden konnte, paßte de Valera nicht mehr. Er er­klärte, die letzte Verbindung müsse fallen, damit Irland wieder zu Wohl­stand gelangen könnt«. Er verkündete daher Zwangszölle und eine Reihe von anderen Maßnahmen gegen die Engländer, die erkläv- licherweise von den Engländern nicht unbe­antwortet gelassen wurden. England erließ seinerseits Zölle, welche die Einfuhr land­wirtschaftlicher Produkte aus Irland ab­riegelten und allmählich ein« ganz außer­ordentliche Verschärfung der Krise in bey landwirtschaftlichen Gebieten Irlands hervor­gerufen haben.

Diese Krise wirkte sich keineSwigS so sehr aus, weil die Anhänger de Valeras mit außerordentlicher Schärfe, ja man möchte fast sagen, terroristisch gegen ihre Gegner vor­gegangen sind und auf diese Weise die ganze Masse der bisherigen Beamtenschaft des Landes, die Cosgrave in zehnjähriger mühe- seliger Arbeit herangebildet hatt«, vor d«« Kopf stieß. Statt ihrer zog de Valera tkk größtem Umfange Heißsporne und sonstige Radikale heran, die zum Teil aus Rück- wandererr aus Amerika bestanden, wo dies» zweifellos auch kommnnistich« Lehre« in st., aufgenommen haben. Auf diese Weife hat sich ein ' ..dikaler Flügel der de-Valera- Partei gebildet, den man beinahe marxi­stisch-terroristisch nennen kann und der merk­würdigerweise ein kommunistisch-nationalisti­sches Programm vertritt. DaS hat natürlich dazu geführt, daß die Unzufriedenheit im Lande weiter gesteigert wurde, nmsomehr als de Valera sich immer mehr nicht in der Lage gezeigt hat, die wirtschaftlichen Schwierig­keiten zu meistern.

Daraus braucht man d« Valera keineswegs einen Vorwnrj zu machen. Es ist aber er­klärlich, ?„ß auf diese Weise die Elemente, die erst den irischen Freistaat überhaupt ge­schaffen haben, d. h. das irische Fveicorps und die irische Beamtenschaft sich umso- stärker um Cosgrave und den ehemaligen Polizeiminister O'Duffy geschart haben, der in kürzester Frist es verstanden hat, nach faschistischem Muster eine Blauhemden- Org-anisation zu schaffen, die sich über das ganze Land erstreckt und ergänzt wirb durch eine ähnlich organisierte Bauernschaft im Süden des L-..?eZ. Das wieder hat Anlaß dazu gegeben, daß die Republikanische Armee, d. h. die organisierten radikalen Anhänger de Valeras sich ihrerseits bewaffnet haben und

Herriot bei kotemkiu

Von unserem stunden kerickterstslter

N. Mos.au, im August 1933.

Wahrheit und Trug pflanz-.,, sich in der Menschheitsgeschichte von Natur aus gleich­berechtigt fort; nur am Menschen liegt es, sich das eine oder das andere zunutze zu machen. Doch nur der großem Humor begabte Mensch nimmt beides für echt. Als die Große Katharina sich in den südrussischen Stc. . von ihren Liebling Potjomkin para-, diesische Dörfer aus buntem Prcßpapier vor­gaukeln ließ, waren beide sich einig: ein genialer Scherz ist auch etwas we-.t. Die Ueberlieferung sagt das nur nicht; sie ist Herrn Potjomkin böse und. stellt Katharina als die böswillig Geprellte dar. In Wahrheit aber — und nur so hat die Legende einen Sinn — ergötzen' beide sich an ihrer Phanta­sie. Denn für den N-,sen und Katharina war eine große Russin geworden — ist Phantasie sinnvolle Aktion. Im Russischen gibt es sür den Schauspieler nur das Wort Akteur, seine Kunst heißt Akteurkunst. Und wenn h...te der Franzose Herriöt und die Sowjetrussen sich in der Ukraine begrüßen, so kommt ihnen dabei ihre nationale Spiel­freude ebenso zustatten wie der Zwang zu irgendeiner politischen Aktion, und wäre es die reine- Phantasie. Der Ui.-Äjchied gegen­über Katharina und Potjomkin ist nur der, daß die heutige Situation Akteurkunst auf beiden Seiten liesert, während Katharina immerhin nur Zuschauerin war.

Di Kremipolitiker geben sich keime Mühe, Herriots Gruß an ihre staatsmarxistische

Phantasie. ernster zu nehmen, als es ihrer diplomatischen Berechnung auf den ,Staat Frankreich-zuträglich ist.-Sie selbst wissen am besten, wo ' ihre Dörfer auf Flugsand gebaut sind. Gerade im Gebiet, wo -Herriot an Sowjetrußlan-d kommt, sind in einem kleinen Bezirk binnen weniger Monate etwa 8000 Bauern Hungers gestorben. Nicht weil die Ernten, schlecht waren,! sondern ' ril die bol­schewistische! .Kri-egsrüMng' alle . Tröge' der MUschi'ki' blank'.ausgeschöpft hat. „Unsere Kriegsmacht" ist das einzig Reale, was die Sowjetleute 'dem 'Marxisten Herriot an Mar­xismus bieten können. Wenn wo marxistisch« Akteure Kriegsrüstnng zu Kriegsrüstung tra­gen, so hier.

Herriöt selbst' vergleicht das Jahr 1933 mit. dem größten aller r u s s i sich e n Hungerjahre, 1922, wenn er sagt, däß er ,,heute ebenso wie 1922 nach Rußland zu dem Zweck fährt, um sich von der Wahrheit per­sönlich zu überzeugen". Aber'trotz'dieser Un- zwei^eutigkeit schlußfolgert er 'sofort: „Wie ich 1924 als Ministerpräsident die 'Freund­schaft zwischen Frankreich und Rußland wiederhergestellt habe, sö liegt eS mir auch diesmal an einer iFestigung und Vertiefung unserer Zusammenarbeit". Und die Kreml- presse hakt ein: „Die Zusammenarbeit mit Frankreich aus dem Balkan steht zur Debatte"-

In solcher Perspektive bieten beide Seiten sich greifbare Vorteile an. Aber ebenso leicht können sie ihre Kulissen- verschieben -oder zurückziehen. Herriot steht eS frei, die Sowjet-: wirtschaft in Zweifel zu ziehen, wenn ihm

ein bündniSpoliÜsches Geschäft '...isAsigl. 'Und' dre Kremipolitiker'haben in.demH'po b l.em V er s a il-l e s einen Trumpf in der Hand,' den sie jederzeit für oder gegen Frankreich: Herwenden'können,-je nach den Anleiheaus­sichten, die ihuen Herriot machen will und kann. Denn gerade die russisch-französische Zusammenarbeit- auf' dem Balkan, - die-'im Vordergurnd steht, von der so ziemlich alles andere abhängt, ist kein leichtes Hindernis, das mit einem Sprung zu nehmen ist. Wenn irgend jemand, so hat Paris den russischen Einfluß v-om Balkan verdrängt. Eine Macht- teilung kommt-für den Kreml'nicht'in Be­tracht: Nur -sie aber liegt im Sinne Frankreichs.

. Die Französen möchten ih..n' Dorsprung auf dem Balkan vor Italien, England und Deutschland gern sichern. Aber Sowjetrußland behandelt im Unterschied znm zarischen das sLalkan- und Dardanellenproblem nicht, als eine kompakte Einheit, sondern laviert geschickt mit dem einen um und gegen das andere. Seine Jtalienp-olitik unter Hinzunahme der Türkei ist pontisch-mittelmeerrsche Einheit, die, wenn-nötig, auch auf den Balkan ausgedehnt werden kann, und umgekehrt, selbständig be-" wahrt werden-kann, um -etwa mit Frankreich auf-dem Balkan eine Art Sonderpolitik zu ermöglichen, vielleicht' sogar im Gegenteil'zu Italien und seinen Freunden. Aber eine'-Ent­scheidung kann: auch Moskau nicht treffen, bevor -nicht: die Frage Oesterreich—Deutsch­land irgendwie! geklärt ist.'Denn Oester­reich i st gerade im Sowjetauge reich.ist gerade imSow j et a u g« nicht mehr nur.e iin e d.c-u-tsiche o der fran- so eine-italienischeiwie englische:und: —'russi­sch e,- -ganz zu schweigen won der Kleinen -En­tente, die Rußland kaum als «in ausgespro­

chen französisches Werkzeug mit in eine grö­ßere Vertragsregelung aufnehmen wird. An der Stärkung Frankreichs auf dem Balkan wie'überhaupt im Osten liegt es den Krem« Politikern gar nicht. Nur Frankreichs Unter­stützung brauchen sie — vor allem auf finanzi- ellem Gebiet,. und um Frankreich von der Hilfe - an Japan abzuhalten, wo Rußland jetzt so fest in der Zwickmühle sitzt.

Ueber allem aber schwebt die Problematik von Versailles. Und wenn Herriot auch staatspolttisch keine Fühlung zu ven bal- kanifchen und pontischen Plänen Moskaus findet, stimmüngsmäßig stehen er und Moskau sich doch vom Marxismus her nahe, jeden- fulls halten sie beide Front gegen den Faschis­mus. Ihr weltanschaulicher Internationalis­mus kann ebensogut zu einander Ja wie Nein sagen — und das ist die Gefährlichkeit ihrer Potjomkiniade. Sie beide können sich leicht einreden, daß. Versailles bestehen blei­ben muß aus. Gründen ihrer Weltanschauung; angeblich sind sie Friedenssreude aus Welt­anschauung. Sie könnten sich zublinzeln, daß eine Vertrags- und Grenzrevision ein Kriegs­verbrechen an der Menschheit wäre und daß darum jede faschistische und nationalsozialisti­sche Außenpolitik steril gemacht werden müsse. Gerade für die Sowjetunion hat solch« Gau­kelei heute viel Anziehungskraft. Stalins Versöhnung mit der Opposition Sinowjew und Kamenew im Innern und die Verhand­lungen mit Trotzki sind keineswegs nur noch innerpolitische Kompromisse, die sogar zur Begnadigung von vielen Tausenden Kulaken am ' Oftsee-Weißmeer-Kanal geführt haben. Sondern der: Kreml sammelt auf den Wegen über die Komitern alle faschistische Marxisten­aktion, und zu-ihr gehört auch Herriot. Auch

Herriot redet sich ein, marxistische Außen­politik gegen Faschismus und Nationalsozia­lismus machen zu müssen. Seine Presse drängt geradezu auf Moskau ein, um ihm den Ge­schmack dafür zu schärfen. Um so entscheiden- oer tut sie das, als Moskau seit Jahren mit dem italienischen Faschismus recht gut auskommt und bald auch einen neuartigen Freundschastsvertrag hu schließen vor hat. Nur zu leicht, argwöhnt es um Herriot, könnte Moskau auch wieder mit Deutschland bestens auskommen. Und Herriot betont, daß er lediglich, als Privatmann Rußland be­suche, will hier sagen: als Stimmungs­freund des Bolschewismus, gelinder ge­sagt: des Kr e ml m a r x i s m u s.

Es ist also die Aufgabe der Diplomatie schlechthin, die Komintern in der Sowjet­außenpolitik abzufangen und vom entscheiden­den Weltgeschehen fernzuhalten, so bedarf auch die international-marxistische Potjomkiniade ernstesten Hinsehens und Eingreifens. Diese Gaukelei trägt ihre Schwächen in sich selbst. Sie ist an die nüchternde Staatsdiplomatie gebunden. Herriot ist nicht nur Parteimann, sondern, was die Kremlpolitik unterstreicht, auch Vorsitzender des Auswärtigen Kammer- ausschusses. Und als solcher an Frankreichs Nationalinteressen gebunden —ebenso wie die Kremlpolitik neuerdings bei allem antifaschi­stischen Ueberzeugungspathos doch klar her­aussagt, daß sie sich in der Frage der Grenz- revision keineswegs schon zugunsten Frank­reichs festgelegt habe, es auch nicht beabsich­tige. Und da Deutschland und Italien Re­vision nicht durch Krieg wollen, wozu brau­chen dann russische und französische Kriegs­politiker einander? Börsenmarxismus, das ilst der P ' n von 1933.