Ausgabe 
(12.8.1933) Nr. 214
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Nr. 214. Jahrgang 1933

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Bremen. Sonnabend» den 12. August 1933 Einzelpreis 15 Vlg.

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vremerllatiElsoriaWMeqöi

Das Arnlkeke 0raaL des Se aals der FreieL Lantepladt Vren

VrerasrL

Die nsckste Ottensive cies ^utdsus:

Die grosse Getceideschlacht beginnt

Der Ansang wird in Sstpreuben gemacht Unbedmate LerkautS- und Gläubiaerdisziplin

Die bekannte L: a; e r h e i t s p s y ch o se in Frankreich steht einmal wieder in voller Blüte. Nach einer Meldung des Temps aus Mülhausen soll die elsässische Bevölkerung auf Grund vrn Zwischenfällen, die National­sozialisten verursacht hätten (von denen aber weit und breit nichts bekannt ist), dte An­wesenheit von Truppen gefordert haben, die ihre Sicherheit verbürgen sollte. Das fran­zösische Trupp enkommando habe auf Grund diesesHi. (sichreres" mehrere Abteilungen der Mülhausener Garnison nach Hüningen und Kerubs entsandt.

Hierzu rst zu bemerken, daß sich weder in Hüningen jemals Zwischenfälle ereignet haben, in deren Mittelpunkt Nationalsozialisten ge­stände.. hätten, noch dürfte es zutreffen, daß die deutsche Bevölkerung des elsässischen Grenzgebietes sich plötzlich beunruhigt gefühlt und Truppen angefordert habe. Die ganze Meldung des Temps kann nur als eine Stimmungsmache übelster Sorte bezeichnet wer' n. Wie bedroht muß sich doch das arme Frankre ) fühlen, wenn seine Nachbarschaft zum nationalsozialistischen Deutschland schon .allein eine solche Gefahr bildet.

Als die Veruntreuungen der ehemaligen R u n d f u n k g r ö ß e n" Alfred Braun, Mag- nus, Giesecke und Genossen aufgedeckt worden waren und der sattsam bekannte Reporter Braun seinen. Entschluß, sich in ein Kloster zurückziehen zu wollen, dem Reichsministerium zur Volks­aufklärung und Propaganda mitgetelt hatte, hat­ten wir an dieser Stelle bereits darauf hinge­wiesen, daß Herr Braun es nicht nötig habe, in ein Kloster zu gehen, um den Genüssen des Le­bens eines freien Mannes zu entsagen. Das Untersuchungsgefängnis Moabit würde ihn ebenfalls Gelegenheit dazu geben, auf Sekt und Kaviar zu verzichten. Herr Braun und Genossen sfnd nun nicht nach Moabit, sondern ins Kon- Mkräti'onsla^er Oranienburg eingeliefert wor­den. Und mit ihnen haben die Saboteure des neuen Deutschland in den Personen der Abge­ordneten Heitrnann, Künstler und des Sohnes des ehemaligen Reichspräsidenten Ebert in'Ora­nienburg ihren Einzug gehalten. Dort in Ora­nienburg werden diese Leute/die sich einst an­maßen durften, dem deutschen Volke Schönheit und Würde und Arbeit und Brot zu versprechen, Zeit haben, über den Wahnsinn ihres Ge­schwätzes nachzudenken. Wenn auch die Schutz­häftlinge in einem Konzentrationslager nicht die Mönchskutte wie es Herr Braun ja wünschte tragen, so werden sie dort aber auch in ihrer Gefangenenkleidung ein Dasein führen, das sich wesentlich von dem unterscheidet, das sie in den vergangenen Jahren führen durften. Für ihre Inhaftierung sind diese Ausbeuter dem neuen Deutschland nur noch Dank schuldig; das Volk selbst würde ihnen eine andere Quittung für ihre Schiebereien geben. Und das mit Recht!

3V Kommunisten in Berlin festgenommen.

Berlin, 11. August.

Heute vormittag wurden von Beamten des Geheimen Staatspolizeiamtes in Oberschöne­weide 30 Kommunisten festgenommen, nach­dem bekannt geworden war, daß in Ober­schöneweide die Kommunisten ihre alte Tätig­keit wieder aufgenommen hatten.

Königsberg, 11. August.

Am Donnerstag fand in Königsberg eine Bespre­chung statt, die die Bewegung, der jetzt einkommen­den Ernte betraf. Auf Einladung des ostpreußischen Landesbauernführers Otto waren erschienen Reichs­kommissar Baseler als stellvertretender Präsident des Deutschen Landhandelsbund mit dem Haupt- geschästsführer Eichinger, ferner der Landssgruppen- leiter des Deutschen Landhandelsbundes sür Ostpreu- ßen, Karow,'der Verbandsdirektor der landwirtschaft­lichen Genossenschaften, Mey. Die Besprechung er- hält ihre besondere Bedeutung dadurch, daß die Reichsstelle für Getreide in Berlin durch ihren Direk­tor Meisner und weiterhin der Leiter der Finanz­abteilung des Deutschen Landhandelsbundes, Dr. Klingspor, zugegen waren.

In einer bisher noch nicht dagewesenen Ueberein­stimmung wurde unter Zurückstellung aller Sonder- interessen der vertretenden Stellen zur vollsten Be­friedigung des Landesbaucrnsührers Otto allseitig er­klärt, daß alle wirtschaftlichen Möglichkeiten ausge­schöpft werden, um den jetzigen Tiefstand der Ge­treidepreise zu überwinden.

Insbesondere wurde festgestellt, daß wir im Augen­blick die entgegengesetzte Getreidebilanz wie im Vor­jahre besitzen. Der in diesem Jahre zu erwartenden Getreidernte steht ein Bedats gegenüber, der unbe­dingt eine S t ei g erung d er Pr eis e..mit sich bringen maß. si , sisi

Zur Erzielung einer, möglichst g'ünstigen'iVerwer- tung der Getreideernte für den ostpreußischen Bau- ern wurden folgende Gesichtspunkte besonders her- ^ ausgestellt:

London, 11. August

Nach einer Meldung vonTimes and Tide" besagen die zurzeit auf dem Saargebiet bei dem französischen Geheimdienst einlaufenden Berichte übereinstimmend, daß die überwie­gende Mehrheit der Saarbevölkerung die Wiedervereinigung mit Deutschland verlangt.

Die französischen Berichte machen hierfür den Einfluß des Nationalsozialismus verantwort­lich. (Bekanntlich war es niemand anders als die französische Saarpropaganda, die der Welt einzureden versucht, daß der Sieg des Nationalsozialismus in Deutschland einen sür Frankreich günstigen Einfluß bei der Saarab­stimmung zur Folge hätte.

Times and Tide" erklären dagegen mit Recht, daß das Verlangen der Mehrheit der Saarbevöl­kerung nach Rückgliederung an das Reich nicht zu überraschen brauche, weil die Bevölkerung durch-

Der Bauer hat in seinem ureigenste« Interesse un­bedingte Verkaufsdisziplin zu bewahren. Dem gegen- über ist nicht weniger wichtig, daß die Gläubiger sich der großen Verantwortung bewußt werden müßen, de sie tragen und daß sie deshalb im Interesse der Gesamtheit ihrerseits äußerste Gläubigerdisziplin zu wahren haben.

Der ostpreußisck- Landesbauernführer Otto wird alles tun, um ällig werdenden Zahlungen der ostpreußischen L.mkiwirtschaft Planvoll über den Win­ter zu verteilen.

Der Deutsche Landhandelsbnnd wird ebenso wie die Genossenschaften alle schon eingeleiteten Kredit­maßnahmen so fördern, daß auch von dieser Stelle her der Getreidepreis nur nach oben verlagert wer­den wird. Die vom Deutschen Landhandelsbnnd ins Leben gerufene Wirtschafts- und Handelsvereinigung ostpreußischer Getreidehändler und Müller ist in die­sem Zusammenhange als bedeutungsvolle Neuorgani- sation ein Moment, das die glückliche Durchführung der Getreidebewegung aus das tatkräftigste unter­stützt.

Soweit darüber hinaus die Ausfuhr in Roggen nicht Erhebliche Bestandteile der ostpreußischen Ernte abziehen wird, steht.die-Reichsstelle für Getreide je­derzeit zum Spitzenausgleich auf dem Posten.

- Es soll wodurch der oftpreußische Bauer-.Gewißheit i erhalten, daß nichts -unterlassen ist, um mnter er­schöpfender Ausnutzung aller vorhandenen Möglich­keiten Ostpreußen im Ringey um eine Gesundung des gänM deutsche» BM^- vsranzufiellen dir

Saar-ropagan-a

weg deutscher Abstammung sei, fügen dann aber den mysteriösen Satz an, daß Frankreich alles dar­an setzen werde, um das im Saargebiet zu retten, was es sich dort zu seinem eigenen Vorteil ge­schaffen habe.

Zum Schluß folgt die Feststellung, daß sich jetzt die erstenSchattenzeichen" der Saarabstimmung bemerkbar machten.

Sie SchSiekung deutscher Schulen in Litauen

Beschwerde beim Innenminister.

Kowuo, 11. August.

Im Zufamenhang mit der kürzlich erfolgten Schließung deutscher Schulen in Litauen wurde am Donnerstag eine Abordnung des Kultur- verbandes der Deutschen in Litauen erneut bei dem litauischen Innenminister und

Gewißheit zu geben, daß nicht nur die Arbeitsschlacht in Ostpreußen erfolgreich geschlagen wird, sondern bestimmt auch die Getreideschlacht

Nur deutsche Erzeugnisse in öffentlichen Betrieben

Berlin, 11. Augiust.

Wie das VDZ.-Bür-o meldet, hat der Reichs- ernährungsrninifter auf eine Eingabe des Deut­schen Gemeindetages mitgeteilt, daß eine stär­kere Verwendung von Margarine in Anstalten usw. nicht im Sinne des Wirtschastspro- gramms der Reichsvegierung liege, daß er es vielmehr lebhaft begrüßen würde, wenn auch die Gemeinden und Gememdenverbände dem Vorgehen einzelner Länderregiernngen folgen und anordnen würden, daß in ihren Betrieben und Einrichtungen nur noch landwirtschaft­liche Erzeugnisse deutschen Ursprunges ver­wendet werden dürfen. Der Minister verweist insbesondere auf das Beispiel des thüringi­schen Staatsministerinms, das die ausschließ­liche Verwendung deutscher Frischmilch, deut­scher Eier und deutscher Butter vorgeschrieben und die Verwendung von Margarine zu Brotaufstrich verboten hat. Der Deutsche Ge­meindetag hat seinen Mitgliedern dringend (empfohlen, dem Wunsche des Reichsernäh- .wungsministers nachzukommen und'durch das -Vorgehen in den kommunalen Betrieben und Anstalten der gesamten Bevölkerung ein ' Beispiel zu geben.

dem Kultusminister vorstellig, um die Lage des deutschen Schulwesens noch vor Beginn des be­vorstehenden Schuljahres zu klären. Dem Innen­minister wurden zahlreiche Fälle im Zusammen­hang mit der Abänderung der Nationalitäts­vermerke in den Pässen vorgebracht. Aus den Unterlagen geht hervor, daß die untergeordneten Behörden in zahlreichen Fällen gegen die gesetz­lichen Vestimungon verstoßen haben und gegen den Willen der deutschen Paßemp­fänger den Vermerk über die Volks­zugehörigkeit alslitauisch" in den Pässen eingetragen haben. Dem Kul­tusminister wurden die letzten Schließungen der deutschen Schulen vorgetragen. Er erklärte, daß sämtliche Schulen wieder eröffnet werden wür­den. sobald die Eltern per Kinder auf Grund der Pahvermerk« ihre deutsche Volkszugehörig­keit nachweisen könnten. Beide Minister hörten die Abordnung eingehend an, doch wurden ihr keine positiven Erklärungen in bezug auf eine Abänderung der Lage gemacht.

Roosevelt un6 clie Ispsner

Von Otto Oorbacb.

Die Washingtoner Regierung hat neuerdings im Widerspruch zu früheren Erklärungen ange­kündigt, den ihr durch das Londoner Flotten- abkommen gewährten Rüstungsspielraum bis zur äußersten Grenze in beschleunigtem Tempo ausnützen zu wollen- Nicht nur der Umstand, daß fast die gesamten Flottenstreit- kräfte der Union im Stillen Ozean stationiert sind, wo sie ursprünglich an­geblich nur zu den vorjährigen Manövern zu­sammengezogen worden waren, spricht dafür, daß ausschließlich der japanische Machtzuwachs im Fernen Osten das amerikanischeRüstungsfie.berver- ursachte. Die amerikanische Admiralität trifft umfassende Vorkehrungen, die Operationsfähig­keit ihrer Kräfte im westlichen Pazifik zu er­höhen.

An der schon außerordentlich stark befestigten Westküste der Union werden mit fast panik­artiger Ueberstürzung neue Stützpunkte ange­legt. Die Anstrengungen zum Ausbau der Luftflotte werden verdoppelt und die Rüstungsindustrie arbeitet so fieberhaft, als könne der Kampf um die Macht im Stillen Ozean über Nacht kriegerische Gestalt annehmen. Selbstverständlich werden diese krampfhaften Steigerungen amerikanischer Kampfbereitschaft von Japan Zug um Zug beantwortet. Es steht bereits fest, daß man in Tokio nicht im Traum mehr daran denkt, sich nach Ablauf hes bis zum 31. Dezember 1936 währenden Flottenabkorn- mens, das Japans Rüstungen gegenüber den beiden angelsächsischen Mächten begrenzt, auf irgendwelche neue Hemmungen einzulassen.

Das japanische Marineministerium sieht für das neue Etatsjahr Ausgaben in Höhe von 110 Millionen Den vor, was ungefähr dem amerikanischen Aufwand entspricht. Nicht min­der bezeichnend ist, daß Anlage und Umfang der diesjährigen großen japanischen Flottenmanö­ver ganz auf den Ernstfall eines Zusammen- pralls mit der amerikanischen Seemacht einge­stellt wurden.

All diese alarmierenden Nachrichten kommen für denjenigen umso überraschender, der davon unterrichtet ist, daß man in Japan allgemein von dem Personenwechsel im Weißen Haus eine Besserung der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten erwartete und auf Grund früherer Aeußerungen Roosevelts über fernöstliche Ver­hältnisse auch erwarten durfte. Roosevelt hat sich wiederholt vor seinem Amtsantritt dahin ausgesprochen, daß er einen japanisch-amerika­nischen Krieg für eine Unmöglichkeit halte, da beide Teile dabei viel zu verlieren, aber sehr wenig zu gewinnen hätten. Die Größe des Stillen Ozeans bilde für ein angriffsweises Vor­gehen eine natürliche, durch Rüstungsvorsprung kaum zu überwindende Schranke. Amerika müsse Japan fast dreifach überlegen sein, um es in­nerhalb seines eigenen Verteidigungsgürtels vernichtend schlagen zu können.

Einen Artikel dieses Inhalts hat Roosevelt einige Jahre vor seinem Einzug in das Weiße Haus veröffentlicht und sein Landsmann Bron- son Res, der eine in Schanghei erscheinende ZeitschriftThe Far Eastern Review" heraus­gibt und heute außerdem den Posten eines Rat­gebers der Regierung Mandschukuos bekleidet, tat ihm den Bärendienst, jene längst vergessene Meinungsäußerung eines Privatmannes wieder

Vollendeter Aeinfall der französischen

ick im5o^vjet-?Qis6ie5" erlebte

Der nsck 17 jäkrigem ^uientftslt in Sovjet-kublsnZ rurückgekekrte Iwn6viit

HIsZerläort erröklt

Nach 17jährigem Aufenthalt in Ruß­land ist der deutsche Landwirt Hagen- dorf nach seinem Heimatlande Anhalt zurückgekehrt. Hagendorf wurde im Weltkrieg von den Russen gefangen­genommen, hat dann in Rußland eine Russin geheiratet und auf einer Bauern­stelle in Westsibirien gesiedelt. Sein Bericht über seine Enteignung gibt einen bezeichnenden Einblick in die furchtbare Lage des russischen Bauern.

In der kleinen Schuhmacherwerkstatt in Luko in Anhalt sitzt man Herrn Hagendorf gegenüber, der hier bei Stiefvater und Stiefbruder mit seiner Frau und seinen drei Kindern gastliche Aufnahme gefunden hat. Das Dorf ist berühmt geworden, denn jeder in der Umgebung dieses anhaltischen Marktfleckens weiß von den Erlebnissen des Ruß­landsiedlers zu erzählen,' der nach 17 Jahren in die deutsche Heimat zurückgekehrt ist, weil er es im Sowjetparadies nicht mehr aushielt.

Hagendoorf raucht eine Zigarette, die er sich aus Zeitungspapier selbst gedreht hat. .(Wozu soll ich mir Zigaretten kaufen?" sagt er.Wenn der Suppentopf auf dem Tisch steht, fragen die Kinder nicht, was im Topf ist, und ob es auch heute Fleisch gibt. Sie können es noch nicht fasten, daß sie nicht mehr zu hungern brauchen. Hungern das ist die große traurige Melodie des russischen Menschen von heute!

Mustergüter" Potemkinsche Dörfer

Die heutigen Machthaber in Rußland haben in ihrem ersten Fünfjahresplan, der jetzt abgelaufen ist, die Zertrümmerung des Großgrundbesitzes restlos durchgeführt. Das sowjetrustische Reich kennt keinen selbständigen landwirtschaftlichen Großgrundbesitz mehr. Nur die großen, stattlichen Mustergüter sind entstanden, die dem Fremden gezeigt weiden.Diese Mustergüter", so erklärte

Hagendorf,sind tatsächlich mustergültig aber sie sind unrentabel und werden vom Staat mit riesigen Geldmitteln unterhalten, um Propa­ganda für den Kommunismus zu machen. Die großen Güter, die großen Fabriken und die großen technischen Bauten sind teilweise von Sträflingen, Zuchthäuslern und Konterrevolutionären gebaut worden,"

Tatsächlich?"

Was soll man mit den vielen Verurteilten machen, die wegen der geringsten Vergehen schwere Strafen erhalten? Außerdem ist es bedeutend billiger."

Wie sind Sie nach Rußland gekommen?"

Hagendorf, ein Mann mit einem scharf ge­schnittenen Gesicht, aber mit zwei gutmütig blickenden Augen, die oft die geistige Beweglich­keit des im Lebenskampf klug gewordenen Bauern verraten, erzählt vom Kriege, von den Kämpfen an der russischen Ostfront, wie er gefangen­genommen wurde, dann nach Weststbirien kam und sich hier mit einer Russin verheiratete.Nicht weit von Tomsk, im Bezirk von Nowosibirsk, siedelten wir uns in Kornilowo an. Meine Frau bracht« eine Kuh mit in die Ehe, ich verkaufte eine Uhr, kaufte Land, ein Haus und wurde ein Bauer auf russischer Erde. Als Reichsdeutscher stand ich unter dem Schutze des deutschen Konsuls in Nowo­sibirsk. Ich mußte mir meinen Paß von Zeit zu Zeit immer erneuern lasten."

Hagendorf erörtert dann das Problem des land­wirtschaftlichen Kollektivs. An der Spitze , eines Dorfkollektivs steht der'Dorfrat, der eine .unein­geschränkte Macht besitzt, die er rücksichtslos als Staatsbeauftragter gebraucht. Das Kollektiv ist eine Gemeinschaft der Bauern, die die Felder gemeinsam bewirtschaften. Ein Kollektivbauer besitzt keinerlei Eigentum mehr: kein Pferd, kein Haus, kein Bett; alles gehört der Genostenschaft.

Waren Sie in einem Kollektiv?"

Der Heimgekehrt« wird.lebhaft, und mit demon­strierender Handbewegung weist er einesolcheMög- lichkeit weit von sich.

Wir Bauern waren in unserem Dorfe noch nicht alle im Kollektiv. .Die Sowjets, sind schlau, sage ich Ihnen! Niemand kann gezwungen wer­den, ins Kollektiv hineinzugehen, wenn er nicht will. Aber sie haben ein System erfunden,: das grausam wie die Hölle .ist. -Wer einmal im Kollektiv drin ist, besitzt nicht ein einziges Hemd mehr. Sie können es sich nicht vorstellen, wie der russische Bauer im Kollektiv hungern muß. Zwei Pfund Mehl nicht etwa Brot bekommt er täglich, manchmal auch nicht, und er hat viele Kinder, fünf sechs und sieben, Sie wollen aber essen, aber die. Frau hat nichts im Ofen."

Die große Hungersnot

Im Kollektv muß man die und jene Arbeit machen. Lohn gibt es erst nach einem Jahre, aber da wird gleich so viel abgezogen für die Fabriken, die sie immerfort bauen, für die Partei, für die Kommunisten im Auslände, daß nicht viel übrig bleibt! Das Dorf- bekommt die Ma­schinen vom Staat, aus Moskau. Sie sind teuer, die Maschinen, und die Schulden des Dorfes wer­den immer größer, und eines Tages kann sich nie­mand mehr rüppeln. Das ganze'Dorf ist ver­schuldet. Wenn geerntet wird, Wauert es nicht lange, dann beschlagnahmt.-der Partei­funktionär die Ernte; weil wir uns im Kollektiv zu so.undsovielen Zentnern.Abgabe an den Staat verpflichten mußten. Aber da war keine Saat . gekommen, wie es der-Funktionär ver­sprochen hatte, und wie es auch auf-dem Papier gestanden ist. Keine Saat kann sich auch nicht säen und ernten oder nur sehr wenig. -So ist bei uns die große Hungersnot', im Frühjahr des 32. Jahres gekommen (1832). Drei Monate haben, wir.verfaulte Kartoffeln und Brennesseln-gegessen, kein Fleisch,! kein. Fett, kein Brot!"

Auch kein Brot?"

Nein! Wenn gesät wird im Kollektiv, kommt der Bauer oft mit einem dicken Bauch zurück, die Kinder sehen zum Fenster hinaus, ob er einen

hat. Im dicken Bauch hat er Saatgut vom Kollektiv gestohlen, für seine Kinder da­heim, die vor Hunger weinen. Die Pferde sind so mager, daß sie hinfallen auf der Straße. Sofort wird es geschlachtet, und das Fleisch wird verteilt, nicht in Kilogrammen, son­dern in halben Pfunden. Denn immer hat der Rüste heute Hunger; er hungert den ganzen Tag und ist froh, wenn er über die nächsten Stunden hinwegkommt." . ' .

Läßt sich das der Dauer so gefallen?"

Was will er machen? Der Dorfrat knebelt jeden nieder!"

Hagendorfs Stimme wird leise, als fürchte er, zuviel zu sagen. Dann fährt er fort:

Webs mou osin. Würstchen sagt!

Sofort heißt es:Er ist ein Konterrevolutionär!" Und er wird erschossen. Oder bekommt 10 bis 15 Jahre Zwangsarbeit.bei Fabrikbau. Man ist still. Aber es ist immer' schlimmer geworden mit der Enteignung, bis wir nichts mehr hatten, kein Hemd, kein Brot, kern Bett. Dann kam die Schwarze Nacht" des 7. Februar 29. Jahrs."

Was meinen Sie mit dieser .Schwarzen Nacht'?" ^

Das werde ich Ihnen gleich erzählen. Ein paar, Wochen vorhe kommt der Dorfrat zu mir und. sagt: ,Du hast zum 7. Februar 1800 Rubel zu zahlen. Wenn du nicht zahlen kannst, mußt du verkaufen.' Meine Wirtschaft war aber nur 800 Rubel wert, und ich konnte nickt verkaufen, wie sollte ich da bezahlen können? Ich hatte kein Geld. Der 7. Februar kommt, uno dann nehmen sie mir alles weg Pferde und Kühe, Betten, Tisch -und Stuhl. Sie schleppen alles weg. Ich hatte nicht gezahlt, und sie wußten, daß ich nicht zahlen konnte. Das ist das T e u f e l s sy ste-m der Moskauer Her­ren. Wer nicht zahlen konnte, wurde enteig­net. er war ein jämmerlich armer Teufel ge­worden."

.Für was-sollten Sie zahlen?"

Fürs Kollektiv, für die Partei, Steuern."

Sind Sie denn ins Kollektiv gegangen?"

Nein! (Ich sah,.wie es dort zuging, daß die Kollektivbauern hungerten und hungerten und daß die Parteileute immer wieder von der besse­ren Zukunft phantasierten. Wie aber kann die Zukunft bester werden, wenn alles stiehlt, hun­

gert und verlumpt? Keine Strümpfe an den Füßen, aus Säcken haben sie sich etwas um die Füße gewickelt."

Warum sind Sie nicht Rüste geworden?"

Einmal weil ich ein Deutscher bin, und dann hätte ich den Schutz des deutschen Konsuls ver­loren. So aber konnten mich die Sowjets nicht so scharf anfassen wie- die anderen. Als die Schwarze Nacht" vorüber war, schlug ich mich so gut wie möglich durch. Aber was ist das für ein Leben? Kein Brot für die Kinder, kein ruhiges Alter, das Todesurteil überm Kopf, keine Zukunft! Heißt das Leben? Sie alle warten da oben auf eine bessere Zukunft, aber sie wer­den inzwischen verhungern. Von 100 Kommu­nisten sind zehn auch mit dem Herzen dabei, die anderen machen es mit. weil sie nicht anders können. Unter dem Zaren haben sie dagegen wie im Paradiese gelebt, das aber ist die Hölle!"

Geht es allen so?"

Den Parteifunktionären geht es besser,

sie wirtschaften in ihre Tasche und leben vom Betrug und Dieb-stahl. Rußland ist ein großes Diebesland geworden. Erst haben sie die großen Güter zerschlagen, jetzt kommen im zweiten Fünf- jahresplan die kleinen Wirtschaften dran. Es soll nur das Kollektiv sein. Und immer er­zählen die Parteileute, daß Rußland ein großes Industrieland werden soll, daß der Bauer einmal in goldenen Gewändern spazieren gehen werde. es ist ein großer Betrug! Und da hab« ich mir gesagt:Ins Kollektiv gehst du nicht, und naturalisieren läßt du dich auch nicht."

Was hat man dann mit Ihnen gemacht?"

Die Russen sperrten mir eines Tages den Paß. Es war soweit. Als Deutscher hatte ich immer großes Ansehen, sie sagen immer:Der Deutsche schwindelt und stiehlt nicht!" Aber es war soweit. Sie gaben mir einen Wisch in die Hand den Ausweisungsbefehl! Jetzt mußte ich in vierzehn Tagen Rußland verlassen haben, oder sie hätten mich zur Verzweiflung getrieben. Ich ging zum deutschen Konsul. Der hat mich, meine Frau und meine Kinder auf deutsche Staatskosten nach der Heimat zurllcktransportiert. Wir fuhren über Moskau und Berlin nach Zerbst, .und jetzt bin ich wieder in Luko. 17 Jahre habe ich in Rußland gelebt, ich habe immer gearbeitet, aber wenn man mir verbietet, daß ich für mein« Kinder sorge, dann mache ich nicht mehr mttk"