Ausgabe 
(10.8.1933) Nr. 212
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Nr. 212. Jahrgang 1933

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Bremen. Donnerstag, den 10 . August 1933 Einzelpreis is Vlg.

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erkatlonmoMWiMe

Das Amtliche Organ dos Hs nals Der Freien Lransef^

antekladl BrerrrerL

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ArbeilSlosenzahl Anise -er 4'/- Millionengrenze

Der Bericht der Reichsanftalt für die geil von Mitte bis Ende Juli 1SS3

Akisece ^rsickt.-

Zum ersten Mai ist es einer Danziger Regierung gelungen, die Interessen des Danziger Hasens Polen gegenüber io zu vertreten, wie es den Lebensbedürfnissen der durch das Zwangsdiktat von Versailles zur freien Stadt erklärten deutschen Stadt Danzig entspricht. Die polnische Regierung Hut durch diesen Vorvertrag, dem im September die feierliche Unterzeichnung des Hauptvertragcs folgen soll, sich verpflichtet, die Kapazität des Danziger Hafens voll auszunützen. Selbst­verständlich kommt es nicht nur auf den schriftlich fixierten Vertrag zwischen Polen und Danzig an, sondern auch auf den Geist seiner Auslegung und Befolgung. Hier wird, wenn man die Auslegung der Beiträge d-e seitens Polens bis jetzt mit deutschen Re gierungen geschlossen wurden denkt immer noch vorläufig ein berechtigtes Mißtrauen am Platze sein. Falls sich dieses Mißtrauen als berechtigt erweist und Polen sich den in Warschau getroffenen Abmachungen zu ent­ziehen gedenkt, hat die nationalsozialistische Regierung in Danzig immer noch das R-'cht den seit drei Jahren vor dem Völkerbund in Genf schwebenden Prozeß um die wir- schaftliche Stellung des Danziger Hafens neu auszurollen.

Es ist selbstverständlich, daß dieser Vertrag, der zum ersten Mal in der Geschichte Dan- zigs, den wirtschaftlichen Lebcnsnotwendig- keiten des Danziger Hasens gerecht wird, auf der anderen Seite Zugeständnisse ar Polen unumgänglich machte, die andernfalls vielleicht nicht gewährt worden wären Trotzdem bleibt festzustellen, daß diese Zu­geständnisse, die die Regierung Rausching im Interesse der Danziger Wirtschaft gemach' hat, in keinem Punkte den deutschen Charc-tz ter Danzigs zu bedrohen geeignet sind Oberstes Prinzip jeder deutschen national­sozialistischen Regierung, gleichgültig, ob sie ein Gebiet des deutschen Reiches oder -in zwangsweise von Deutschland abgetrenntes Gebiet umfaßt, wird immer die Erhaltung des Deutschtums sein- Diesem Grundsatz ist auch Danzigs Regierung treu geblieben und hat trotzdem, bei lovaler Befolgung der neu getroffenen Vereinbarungen, die wirtschaft­liche Rettung des Danziger Hafens erreicht

Ein Festmahl kür 159« MS.

Die Unregelmäßigkeiten beim Schlesischen Rundfunk.

Brcslau, 9. August.

Die Stelle des Direktors der Schlesischen Funkstunde wird künftig eingespart werden. Wie jetzt bekannt wird, bekam der bisherige Direktor Hader ein Jahresgehalt von 23 900 Mark und Funkintendant Bischof ein Jahres­gehalt von 24V30 Mark. Der frühere musika­lische Leiter Dr. Nick erhielt 18 280 Mark. Wofür die Rundfunkgebühren verwendet wur­den, zeigen einige Belege, die sehr inter­essant sind. Erwähnt sei eine Rechnung an die Schlesische Fnnkstunde z. Hd. Huberts vom Savoy-Hotel vom 2. Februar 1930: 41 Menüs 410 RM., rund 50 Flaschen Wein und Sekt, eine Unmenge Liköre, Biere, Zigarren zu einer Reichsmark und zu 0,50 Reichsmark, Pflanzen und Blumen 130 Mark; mit Be­dienungsgeldern und einigen anderen Neben-- ausgaben betrugen die'Kosten für dieses Fest­mahl über 1500 Mark.

Berlin,«. August. (Eigene Meldung.)

Die Zahl der Arbeitslosen, die von der Reichsversicherungsanstalt am 31. Juli fest­gestellt wurde, ist als außerordentlich erfreu­lich zu bezeichnen. Innerhalb von 14 Tagen ist die Arbeitslosigkeit um mehr als 400 000 zurückgegangen. Sie beträgt am 31. Juli noch ganze 4 486 VÜO. ,

Damit hat sich die Abnahme in der zweiten Juni-Hälfte gegenüber der ersten Juni-Hälfte mehr als verzehnfacht.

Noch nicht sechseinhalb Monate hat es ge­dauert, bis von sieben Millionen Arbeitslosen des Anfang Februar Millionen wieder in den Produktionsprozeß eingegliedert werden konnten.

Die Zahl der bei den Arbeitsämtern gezählten Arbeitslosen sank um rund 358 50V aus 4 468 560 am 31. Juli 1933.

Dieses erhebliche Absinken der Arbeitslosenzahl ist jedoch nicht in vollem Umfang auf eine arbeitsmarktliche Besserung zurückzuführen, vielmehr sind die Arbeitsdienstwilligen nach dem Umbau des Arbeitsdienstes erstmalig ,nicht mehr in die Zahl der Arbeitslosen einbezogen worden, während sie bisher als Arbeitslose gezählt wur-

München, S. August.

Landesinspektor Habicht von der Landesieitung Oesterreich der NSDAP. behandelte in einem Vor- trag im Bayerischen Rundfunk am Mittwoch abend den französischen und englischen Schritt in Berlin und bezeichnete dabei als die Urheberin dieses Schrit­tes die derzeitige österreichische Regierung.

Das sie es getan habe, beweise, daß sie Inner­politisch völlig am Ende ihrer Kräfte ange­langt sei.

Die österreichische Regierung sei allerdings nicht offen hervorgetreten und mit der Bitt; um Inter­vention direkt an die Mächte gegangen, sondern habe zunächst einmal zwei Wochen lang in der ihr dienst­baren Presse ein wahres Trommelfeuer von Leit­artikeln und Sensationsmeldungen losgelassen, das Europa und den Völkerbund um Hilfe gegen das Reich anrief, bis dann am Ende der Bundeskanzler in Erscheinung getreten sei. Einem französischen Korrespondenten gegenüber habe er der Hofjnung

den, soweit sie ein Arbeitsgesuch beim Arbeits­amt gestellt hatten (rund 150 000). Andererseits sind aus dem Kreis derunsichtbaren Arbeits­losigkeit" insbesondere infolge der Sonderaktion für Angehörige der nationalen Wehrverbände, eine größere Zahl Arbeitsloser zu den Arbeits­ämtern zurückgekehrt, um sich wegen der ge­stiegenen Vermittlungsaussichten eintragen zu lassen, wodurch das statistisch erfaßte Angebot an Arbeitskräften erhöht worden ist. Einen um­fassenden Ueberblick über die Entwicklung in den einzelnen Bezirken geben die auf l 000 Einwoh­ner bezogenen Zahlen der Arbeitslosen. Zurzeit des Höchststandes Ende Februar entfielen im Reich noch 96,2 Arbeitslose auf 1000 Einwohner, am 31. Juli 1933 hingegen nur noch 71,6. Die Abweichungen von diesem Reichsdurchschnitt sind für die einzelnen Landcsarbeitsamtsbezirke be­trächtlich und zeigen, wie außerordentlich ver­schieden daS Problem der Arbeitslosigkeit im Reiche liegt. Am höchsten über dem Reichs­durchschnitt liegen die dickbesiedelten und Hoch­industriealisterten Bezirke Sachsen und Bran­denburg (Sachsen noch immer 11l,0 gegen 143F Ende Februar, Brandnburg l02Z gegen 127H Ende Februar). Am Tiefpunkt unter dem Reichs- durchschnitt liegt Ostpreußen; hier entfallen nur noch 12,7 Arbeitslose gegen 58,1 Ende Februar auf 1000 Einwohner. Für Pommern beträgt die Anteilszahl 87,6 (gegen 72,1) und auch Bayern und Südwestdeutschland liegen mit 49,7 (gegen 69,5) und 46,8, (gegen 63,1) erheblich unter dem ReichSdurchschnttt.

Ausdruck gegeben, dt« Nationalsozialistische Bewe­gung in Oesterreich überwältigen zu können, unter der Voraussetzung, daß Euro- pa, d. h. Frankreich, ihn dabei nicht im Stich ließe." Um dieselbe Zeit und zu demselben Zwecke habe er dann in Gens auch noch die Bewilli­gung eines Hilfspolizeikorps von 18000 Mann er­beten, das ihm für diesen Zweck natürlich gern be­willigt worden sei. E» sei nicht wahr, daß es in diesem Kamps um die Aufrechterhaltung der äußeren Freiheit und Unabhängigkeit Oesterreichs gehe und dieser ausgelöst worden sei, durch einen Angriff des Reiches. Vielmehr handele es sich um die AuS- tragung eines innerösterreichischen Kampfes zwischen der überwältigenden Mehrheit auf der einen und einer Minderheitsgruppe auf der anderen Seite, die alle staatlichen Machtmittel zur Erhaltung ihrer Herrschaft einsetze, und nun auch noch dar Ausland um Hilft anrufe, nachdem sie zu der Erkenntnis ge­langt ist, daß sie sich aus eigener Kraft nicht mehr länger halten könne.

Die Fortschritt« im Kamps gegen die Arbeits­losigkeit sind, wie aus diesen Zahlen ersichtlich ist, allenthalben beträchtlich.

Im Zusammenhang mit der Entwicklung am Arveitsmarkt sind die Unterstützungszahlen nicht unerheblich zurückgegangen. In der Arbeits­losenversicherung wurden am 31. Juli rund 394 000 Unterstützungsempfänger gezählt nach einem Rückgang um rund 12 000. In der Kri- senfürsorge wurden am gleichen Stichtage 1252 000 Arbeitslose betreut, d. h. rund 39 000 weniger als am 15. Juli. In beiden Unter­stützungseinrichtungen zusammen wurden am 31. Juli 1 646 000 Arbeitslose unterstützt, denen im gleichen Zeitpunkt 1754 000 arbeitslose Wohlfahrtserwerbslose gegenüberstanden. Aus Mitteln der Arbeitslosenhilfe wurden weiter Aufwendungen gemacht für 265000 im Ar­beitsdienst Beschäftigt«, ca. 125 000 Notstands- arbetter und 70 000 Fürsorgearbeiter. Sämt­liche Beruf-gruppen weisen eine arbettSmarkt- liche Entlastung auf.

Erfolgreiche VekSmpfimg der Arbeitslosigkeit in Bayern

München, S. August.

DaS Arbeitsamt Pfarrkirchen teilt mit: 40 Prozent der Gemeinden des ArbeitsamtS- , bezirk Pfarrkirchen find arbeitslosenfret.

Wen« die Regierung Dollsutz immer wieder be­haupte, daß sie das Volk hinter sich habe, so möge sie doch einmal den Mut aufbringen, zu ünem Appell an das Volk. Die nationalsozialistische Bewegung verpflichte sich von vornherein bedingungslos zur An. erkenmmg dieser Volksurteils.

Einefreundschaftliche Vorspräche" in Wien wäre dem Ziel der Befriedigung Europas dienlicher als eine solche in Berlin, daS mit dieser innerösterreichi­schen Angelegenheit garnicht- zu tun habe. In einer Epoche, die mit der Proklamation der Selbstbestim- mungSrechtS der Völker begann, könne man eS dem deutschen Volke Oesterreichs nicht verbieten, sich im Innern die Regierung zu geben, die ihm gefalle.

Oesterreich ist und bleibt deutsch. Mau gebe dem österreichischen Volk seine Freiheit und sein Selbst- bestimmungsrecht, und im Herzen Europas werd« Ruhe, Friede und Ordnung sein.

Hrsnä in Hsvsnns

Bremen, 9. August

Seit 1925 regiert, vor allem nach seiner völlig ungesetzlichen Neuwahl 1929, der General Gerardo Machado y Mora- les die Insel Kuba unter ständigen Revolutionszuckungen. Allein im Vorjah, wurde in Havanna im April, dann im August und noch blutiger im November ein Auiwrhi niedergeschlagen. An zahlreichen Orten der S Millionen Einwohner zählenden Insel kam es zu Teilrevolutionen. Im Vorjahr wurde der Rohrzucker auf den Zuckerplan- tagen zum größten Teil nicht einmal ge schlagen, die weltberühmten Fabriken der Havannazigarren wie Bock und Henry Clay, wurden geschlossen, und ständige Streiks, Niederbrennungen von Zuckerplantagen, usw. waren auch außerhalb der eigentlichen Revolutionsepochen an der Tagesordnung. Machado hatte sich eine Geheimpolizei ver­schafft die zahlreiche Meuchelmorde an mist liebigen Politikern, so an dem Präsidenten des Senats, beging, und bis zu 'hrem Ver­bot durch den Diktator berichteten die in englischer Sprache erscheinenden Zeitungen Kubas täglich über Mordserien gegenüber Intellektuellen, Studenten, Gewerkschaftlern usw.

Nicht allein die politische Diktatur, sondern vor allem die verschlechterte Wirt­schaftslage trieb die Massen gegen die Regierung. Der Tabakanbau ist erheblich zurückgegangen, da der Verbrauch der teuren Havannazigarren in der Welt fast auf ein Drittel der Vorkriegshöhe gesunken ist, da­für hatte sich Kuba ganz einseitig und unter Vernachlässigung des Anbaues von Lebens­mitteln auf die Zuckergewinnung ge­worfen, obgleich der Rohrzucker gegenüber dem aus Zuckerrüben immer mehr an Be­deutung verlor. Die Amerikaner, die einst fast restlos die kubanische Zuckerproduktion aufnahmen, sind entweder zur Eigenproduk­tion übergegangen oder bezogen philippini­schen Zucker, und so sank der ZuckerpreiS aus ein Drittel der Gestehungskosten und die Zeiten waren vorbei, da für ein P*und Zucker die Kubaner in Amerika 20 Cents lösten? im Vorfahre war der Preis auf ein Cent gefallen Die Bemübungen Machabos, aus den internationalen Zuckerkonferenzen eine höhere Absatzquote zu erreichen, sind er­gebnislos geblieben. Die Arbeitslosigkeit ist außerordentlich groß und Zusammenbreche sind an der Tagesordnung.

Die von der Natur außerordentlich be­günstigte Insel, die 1898 im spanisch-ameri­kanischen Krieg den Amerikanern zufiel, er­langte durch diese 1903 eine gewisse Selb­ständigkeit, aber die Amerikaner behielten sich im Vertrage vor, im Falle politischer Un­ruhen eingreifen zu können, und sie haben auch jetzt ultimativ an Machado die Forderung des Rücktritts gemäß diesem Vorbehalt gerichtet. Ueberdies h->ben die Banker auf Kuba zahlreiche Fabriken usw. und ein Kapital von über 1A Milliar­den Dollar investiert, während England nicht einmal 60 Millionen dort angelegt hat. Solange die Aussicht bestand, daß unter Machado Ordnung einziehen würde, sahen die Amerikaner seinen Blutgertchten teil- nahmslos zu und sie entdeckten erst ihre Fürsorge für die Kubaner, seit Machados Präsidentenschaft eine Gefahr für ihre Finanzinteressen geworden ist und der Verlust des Kapitals droht.

Die deutsch-österreichische Frage kaun nur

in Wien gelöst werden

Landesinspelteue Habicht im bayerischen Rundfunk

Vor 85 jskren ...

Das vvsr 6er Auüskt 2ur 6eut5(ken klotte!

(Nachdruck, auch auszugsweise, verboten»

An einem sonnigen Hochsommertag des tollen" Jahres 1848, am 10. August, lief in Stralsund ein Seekanonenboot von Stapel, ganze 64 Fuß lang, mit zwei 24psündigen und zwei 12pfündigenSchiffskanonen" bewaffnet. Die ganze Besatzung betrug außer 52 Ruder- leuten noch 7 Mann einschließlich dem Herrn Be­fehlshaber.

Wirklich eine so wichtige Angelegenheit, daß man sich nach 85 Jahren noch ihrer erinnert?

Und doch hat man den Stapellauf der kleinen Strelasund" damals mit Recht in Worten und Liedern und mit einer Begeisterung gefeiert, die hoffnungsfreudig in die Zukunft blickte. Denn das kleine Kanonenboot war der erste Ausdruck Deutschlands wiederbeginnender Seegeitung, war der verheißungsvolle Auftakt zu der preußi­schen Kriegsflotte, aus der dann zwei Dutzend Jahre später endlich die deutsche Kriegsmarine werden sollte. Und deshalb hat dieStrela- suud" wohl ein Anrecht darauf, auch in unserer Erinnerung weiterzuleben.

Vom roten Adler Kurbrandendurgs zur deutschen Flotte!

Die Geschichte der deutschen Kriegsmarine zeigt wie die deutsche Geschichte überhaupt keine allmähliche, planmäßige Entwicklung wie bei anderen Seemächten; sie ist vielmehr wie eine Berg- und Talbahn ein ewiges Auf und Ab von ruhmvollen Höhen und bitteren, schmerz­vollen Tiefen, von heldenhaften Leistungen und kleinlichem Parteihader, von weit voraus­schauenden Taten und bitteren Enttäuschungen.

Von dem Augenblick an, an dem zum ersten

Male 1675 als.Vorläufer einer deutschen Flotte der rote Adler Kurbrandenburgs über dem Meer wehte, bis zur Versenkung der deut­schen Flotte in Scapa Flow, ist es zweieinhalb Jahrhunderte hindurch ein ewiger Wechsel. Glück und Leid, Freude und Schmerz, Hoffen und Verzagen haben die Geschichte der branden- burgischen-preußischen-deutschen Flotte geschrie­ben.

Nach dem genialen, seinerzeit weit voraus­schauenden Gründungen einer Kriegsflotte und. einer Kolonialmacht verfiel bald nach seinem Tode das Werk des Großen Kurfürsten. Und ruhte über anderhalb Jahrhunderte. Zwar stell­ten Patrioten und kluge Politiker immer wieder die Forderung nach einer starken deutschen Kriegsflotte, aber nichts geschah. '

Bis das Jahr 1848 auch hier wieder alte Ideen aufgriff und den Keim zu einer neuen, starken Kriegsflotte legte.

Es waren nicht nur weitschauende Pläne, die diesen Gedanken wieder hervorholten ans Tages­licht. Es war wie auch damals zur Zeit des Großen Kurfürsten eine bittere Notwendigkeit und aktuelle Angelegenheit, die selbst den eng­stirnigsten die Augen öffnete.

War es damals Schweden, durch seine Flotte allmächtig, das Brandenburgs spottete, so war es jetzt das kleine Dänemark. Der Krieg mit Dänemark zeigte, daß die unbewehrten deutschen Küsten und der ganze deutsche Seeverkehr durch die kleinste Seemacht gefährdet werden konnte. Ganz Deutschland war entrüstet, und alles schrie mit einem Male nach einer Kriegsflotte.

Prinz Adalbert, der eifrigste Verfechter des Flottengedankens, schrieb im Mai 1848:

... eine Repräsentantin der wiedergeborene« Einheit des Landes!"

Obgleich schon ein siegreiches Heer bis an den Belt vorgedrungen ist, steht es dennoch nicht in unserer Macht, denselben zu überschreiten. Der Gegner hat sich auf die naheliegende Insel Alsen, ein deutsches Eiland, zurückgezogen, um unter dem Schutz einiger weniger Kriegsfahr­zeuge seinen Truppen Ruhe zu gönnen. An die­ser Stelle ist es für uns unangreifbar. Und das, muß sich Deutschland, das einige Deutschland ge­fallen lassen, gerade in dem großen Augenblick, wo es sich nach langer Zeit zum ersten Male wieder als ein Ganzes, als eine Macht von 40; Millionen fühlt. Doch das Vaterland kennt das Erdrückende seiner Lage. Es begehrt um so mehr schleunige Abhilfe, als es nach diesen Vorgängen sicher ahnt, wieviel peinlicher dereinst seine Stellung einer der großen Seemächte ge- genüber werden könnte. Das. einige Deutsch­land aber will die Integrität seiner Länder ge­schützt, seine Flagge geachtet, seinen Handel wie­der blühend sehen und künftighin auch auf den Meeren etwas gelten. Die gesamte Nation be-; gehrt daher einstimmig eine deutsche Kriegs­marine.

Denn deutsch, ganz deutsch muß sie sein,

eine echte Repräsentantin der wiedergeborenen Einheit des Landes."

Ueberall bildeten sich Ausschüsse, überall wurde gesammelt, Schiffe stifteten.Holz zum Schiffbau, die Nationalversammlung in Frankfurt hielt be­geisterte Reden,,stellte Programme auf, gründete Ausschüsse, bewilligte Geldmittel. Fachleute oder solche, die sich dafür hielten, reisten in der Welt herum, um Schiffe anzukaufen. Denn auf ein­mal sollte es so schnell gehen, daß myn keine, Zeit hatte, die Schisse selbst zu bauen. , In der ganzen Welt reisten Aufkäufer herum und ließn, >ch die ältesten Kästen andrehen. Manche ließen die fremden Mächte gar nicht ausführen, manche

strandeten schon vor der Ankunft, und der Rest war in kläglichem Zustand.

Preußen sah, daß man auf diesem Weg nicht weiterkommen würde und nahm nun die Sache selbst in .die Hand. So ,entstand die preußische Flotte, die den Keim legen sollte zur späteren deutschen.

Und die,Strelasund" war daS erste von 36 geplanten Kanonenbooten, das mit freiwillig gespendeten Mitteln des Volkes, am 10. August 1848 als verheißungsvoller Auftakt in Stralsund von Stapel lief.

Gegen Ende April", heißt es in einer zeit­genössischen Schrift,traten zu Stralsund einige vaterländisch gesinnte Männer zu einemAus- schuß für Maßregeln zum Schutze der Küsten und Häfen gegen feindliche Angriffe" zusammen, der. späterhin den NamenAusschuß für die deutsche Flotte" annahm. Er sammelte in der Stadt und Umgegend freiwillige Unterzeichnun­gen und das Vertrauen zur Sache ermutigten den Ausschuß schon nach einigen Wochen so, daß er am 7. Juni auf. hiesiger Werft den Kiel zu einem Seekanonenboot strecken ließ. Dem vater­ländischen Sinne unseres Ländchens ist es zu verdanken, daß am 10. August das gedachte tüchtige Kanonenboot als erste Gabe zunächst für. die preußische und somit für die deutsche Kriegsflotte glücklich von Stapel laufen konnte. Die notwendige. Bemannung und deren Ein­übung wird noch in diesem Monat stattfinden. Per Bau eines, zweiten Bootes wird hoffentlich in Kurzem in Angriff genommenen werden, da­mit noch während des Herbste? eine sogenannte Sektiornszwei Kanonenboote) zustande kommt.

Stralsund, Mitte August 1848.

Der Ausschuß für die deutsche Flotte."

Der feierliche Stapellauf

Eichenlaub war bei Stapellauf um die Masten und. die Schanzkleidung derStrelasund" ge­wunden, van den Masten selbst und dem Vorder-

und Hinterteil des Fahrzeugs wehten die Flag­gen Stralsunds, Pommerns, Preußens und des Deutschen Reiches. Tausende hatten sich zur Fejer eingesunken, an der auch Prinz Adalbert teilnahm. In einer alten Besprechung der Feier heißt es:

Als der Festredner den Namen des Kanonen­bootes nannte, nahm Seine Königliche Hoheit selber die über demselben hängende Decke fort; mit Bangigkeit aber hefteten sich die Augen Tau­sender auf den Prinzen, als er bei den letzten Worten der Rede:

Schlagt den Keil nun ab!

Strelasund" gleit' hinab! sich auf den äußersten Bord des Hinterteils (die Reeling) schwang und mit kräftiger Hand den mächtigen Flaggenstock ergriff, von dem das Reichsbanner und die preußische Kriegsflagge vereint herabwallten. Wie auf Kommando glitt bei den obigen Worten derStrelasund" die glatte Bahn hinab und stürzte mit einem Riesen- spruna ein ergreifender Anblick in die Salzflut, die sich fußhoch über sein Deck ergoß. Der hohe Gast hatte als kühner Seemann seine gefährliche Stellung fest behauptet, und das über­flutende Gewässer ließ Hochdenselben un­berührt . . ."

Ein kleines Ruderboot, nur mit vier Kano­nen ja! Aber die ihm zujubelten, hatten er­kannt, daß endlich wieder der Keim zu einer starken Flotte gelegt war. Während bald die Bestrebungen des Bundes ein klägliches Ende nahmen und die Bundesflotte zum Schluß von Hannibal Fischer verauktioniert wurde, schritt Preußen auf dem eingeschlagenen Wege fort. Bis aus der preußischen Kriegsflotte eine knappe Generation später dann doch noch endlich die deutsche wurde, und endlich der greise Kaiser Wilhelm I. sagen konnte:

Jetzt erst wieder kann ich dem Standbild des Großen Kurfürsten gerade inS Gesicht sehen!"