Ausgabe 
(7.8.1933) Nr. 209
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Nr. 209. Jahrgang 1933

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Bremen. Montag, den 7. August 1933 Einzelpreis is via.

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ömnessiationalfoMIMolie Zeitung

D«rs ArntUotur Oraarr des Gensts der ^reierr Bremern

Sie SA duldet nicht, daß ihr Gedanken­gut durch Iteulinge verwässert wird

Der gewaltige Aufmarsch der Verlin-Vrandenburgec SA

auf dem Temvelhosee Feld

Erfolgreiche ArbeitS- schlacht in Sderfchlesien

Gleiwitz, 6. August.

Im Arbeitsamtsbezirk Kreuzbürg, dem die drei ländlichen Grenzkreise Kreuzburg, Rosen- berg und Guttentag angehören, hat sich die Zahl der Arbeitslosen in den vergangenen sechs Monaten um drei Fünstel vermindert. Im Kreis Kreuzburg sind 14 Gemeinden frei von allen Unterstützungsempfängern, dreißig weitere Gemeinden sind ohne Wohlsahrts- erwerbslose, neun Gemeinden des Kreises Rosenberg haben keine Erwerbslosen mehr. In weiteren 26 Gemeinden sind alle Wohl- sahrtserwerbslosen in Arbeit und Brot ge­bracht worden. In einer Anzahl anderer Ge­meinden ist die Zahl der Arbeitslosen nur noch gering, so daß auch diese in nächster Zeit un­tergebracht sein werden.

Im Kreise Guttentag hat sich die Zahl aller Erwerbslosen um über die Hälfte verringert. Auch hier besteht begründete Hoffnung und Aussicht, den Rest in kürzester Frist unterzu­bringen.

Starrer Rückgang der Erwerbs- losenzahl in Westfalen

Dortmund, 6. August.

Der Präsident des Landesarbeitsamtes Westfalen teilt mit: Der Kampf gegen die Ar­beitslosigkeit in Westfalen hat weitere Er­folge zu verzeichnen. Im Monat Juli konnte die Zahl der unterstützten Arbeitslosen um weitere 17 600 vermindert werden. Von diesen waren rund 12 060 Wohlfahrtserwerbslose. Damit liegt die Zahl der Unterstützungsemp­fänger heute um rund 100 000 niedriger als im Februar. Der Rückgang im Juli ist deshalb als besonderer Erfolg zu verbuchen, weil die jahreszeitlich bedingte Arbeitsmarktent­lastung schon stark abflaut. Es besteht begrün­dete Aussicht, daß dem Arbeitsamtsbezirk Gütersloh, der im Laufe der letzten Woche von der Arbeitslosigkeit befreit wurde, noch einige weitere Landkreise folgen werden.

Die Irrrrgfaschisterr irr KMel

Kassel, 6. August.

Die 411 Jngfaschisten trafen am Sonntag abend um 19,67 Uhr von Hamburg kommend mit dem Sonderzug der Reichsregierung in Kassel ein. Auf dem Bahnsteig hatten sich zu ihrer Begrüßung Oberbürgermeister Dr. Lahmeyer, der Kasseler Polizeipräsident, Vertreter des Magistrats, SA, SS und Hitlerjugendfllhrer, der Propaaandaleiter der NSADAP für Kurhessen sowie dieKasseler ita­lienische Kolonie unter Führung des italienischen Generalkonsuls aus Frankfurt a. M. eingefunden. Auch auf dem Marsch zur Jugendherberge wurden die Jungfaschisten von der Bevölkerung stürmisch gefeiert.

120 Schüler in den Flammen umgekommen

Peking, 6. August.

Nach Meldungen aus Urumtscha ist die Schule in der Stadt Fazyn während der Un­terrichtszeit in Brand geraten. 120 Schüler sind in den Flammen umgekommen. Der Aus­bruch des Feuers soll aus Brandstiftung zu­rückzuführen sein.

Berlin, 6. August.

Der erste große Aufmarsch der Berliner und Brandenburger SA. vor Stabschef Roehm gestaltete sich zu einer großen Heerschau über diese mit weit über 100 000 Mann aus einem kleinen Grüppchen zur stärksten SA.-Gruppe Deutschlands angewachsenen braunen Armee. Die Kolonnen, die in mehreren Heeressäulen von 5 Uhr ab mit klingendem Spiel dem Tem- pelhoferseld zuströmten, wollten keine Ende nehmen. Auch aus den Fernverkehrsstraßen sah man in endlosen Reihen Lastauto aus Last­auto heranrollen, auf denen die Brandenbur­ger SA. nach Berlin kamen. Schon während der Nacht zum Sonntag hatten Sonderzüge taufende von SA.-Männern nach Berlin ge­bracht.

Auf dem Tempelhoserfeld trafen kurz nach 6 Uhr die ersten Formationen der SA. ein. Den Absperrdienst hatte die SS. übernom­men. Inmitten des Tempelhoferfeldes war eine große Tribüne für die SA.-Fllhrung, den Stab und die Ehrengäste aufgebaut. Als gegen ^9 Uhr der Zug mit sechs alten ruhmgekrön- ten Standarten vor der Ehrentribüne aus­marschierte, stand das Feld schon in vorgesehe­ner Ordnung, aber immer noch reihten sich neue Kolonnen ein. Die mit Eichenlaub und den Fahnen des alten und neuen Deutschland geschmückteTribllne sah bald die ersten Ehren­gäste. Unter ihnen bemerkte man den Staats­sekretär im Staatsministerium - Grauert, Standartenführer Menthe, Reichsbankpräsi­dent Dr. Schacht, General von Kluge, Oberst­leutnant von Gablenz in Begleitung des Lei­ters des Wehrkreiskommandos lll, General­leutnant von Fritsch, den Kommandanten der Stadt Berlin, General von Rundstädt, den bolivianischen Gesandten Anze Soria, den Militärattache von Ungarn, ferner Vertreter der nationalsozialistischen Parteien von Oesterreich, Rußland, Schweden, Norwegen, Dänemark und Holland, den ersten Vorsitzen­den des Kyffhäuserbundes General von Horn. Von der Partei und der SA. waren u. a. an­wesend in Vertretung des Stellvertreters des Führers Gruppenführer Reiner, der Gruppen­führer der SS.. Ministerialdirektor Daluege, SS.-Gruppenführer Seidel-Dittmarsch als Vertreter des Reichsführers Himmler..

In 800 Meter breiter Front stehen Kops an Kopf 200 Meter tief die Soldaten Adolf Hit­lers, zunächst die vier Berliner, dann die bei­den Brandenburger Brigaden, in mustergül­tiger Ordnung schnurgerade ausgerichtet, ein­geteilt in 12 Reihen. Eine Armee von 100 000 strammen» braungebrannten, wohlgeübten Mannen. Um 10 Uhr meldet der Gruppenfüh- I rer der SA. Berlin-Brandenburg den Ober­

gruppenführer Heines, der den Generalappell mit einem Heilrus aus den Führer eröffnet.

„Wir treten zum Beten"

Die Musik intoniert das Niederländische Dankgebet, das von den 100 000 mitgesungen wird. Dann spricht Pfarrer Tausch über das Bibelwort „Gott sei Tank, daß er uns den Sieg gegeben hat". Er gedenkt der 400 Ge­fallenen der deutschen Freiheitsbewegung, die ihre Treue durch das Opfer ihres Lebens be­kundeten. Das Vaterunser, von allen entblöß­ten Hauptes mitgesprochen und das Lied „Ein fest. Burg" beschließen den Feldgottesdienst.

Gruppenführer Ernst kommandiert „Still­gestanden" und gedenkt zuerst der Männer, die für die deutsche Freiheitsbewegung aus dem Berliner Asphalt ihr Blut vergossen haben. Er ruft die Namen der SS Gefallenen der Gruppe Berlin aus, und bei jedem Namen antwortet die Armee der 100 000 mit „Hier". Ein ergreifender Augenblick. In tiefstem Ernst lauschen die Abertausende der Zuschauer.

Vereidigung der Anwärter

Im Anschluß an die Gefallenenehrung leg­ten etwa 10 000 SA.-Anwärter ihr Treugelöb- nis ab. Gruppenführer Ernst richtete an die Anwärter eine Ansprache, in der er u. m aus­führte: „Wir kennen nichts Höheres und Größeres als das Vaterland, gl? die Treue zu dem Mann, der uns unter seine Fahnen rief, nichts Größeres als die begeisterte und freu­dige Hingabe all dessen, was der Mann hat an Leib und Seele, an Gut und Blut für eine große Idee.

Die alte Kerntruppe der SA., die alteGarde» die leidenschaftliche und verbissene Kämpser- schar, sie duldet es nicht, daß das reine Gedan­kengut der Sturmabteilungen durch Neu- hinzugekommene verwässert wird. Die alte Bravour, der wilde Elan, die freudige Hin­gabe an Dienst und Waffe, das Bekenntnis zum Führer im Herzen und das Bekenntnis zur deutschen Freiheitsbewegung zu jeder Stunde aus den Lippen: das ist der braune Sturmsoldat, das ist der SA.-Mann. So sollt Ihr sein, so sollt Ihr werden und so sollt Ihr denen nacheifern, derer wir gedachten und die ihr Leben gegeben haben!"

Gruppenführer Ernst verliest dann das feierliche Bekenntnis des SA.-Mannes, das von den SA.-Anwärtern nachgesprochen wird.

Dann wurde dieErhebung mehrerer Sturm­banner zu selbständigen Standarten, sowie die Beförderung einiger SA.-Führer bekannt­gegeben.

Obergruppenführer Heines, der frühere Führer der Gruppe Berlin-Brandenburg, be­grüßte die SA. mit einer kurzen Anspräche:

Er führte u. a. aus: Wenn ich heute vor 100 000 Männern dieser stolzen Gruppe Ber­lin-Brandenburg stehe, so möchte ich aus- sprechen, daß es mit das Verdienst jedes ein­zelnen, schlichten, einfachen SA.-Mannes ist, wenn heute ein anderes Deutschland der Welt gegenübersteht. Gerade hier in Berlin, im Brennpunkt des Kampfes sind Sie ein jeder an der Klinge gewesen. Die Revolutionen ent­schieden sich immer in der Hauptstadt des Landes. So hat auch in den Tagen der Ent­scheidung auf Ihnen die größte Last des Kampfes und der Verantwortung gelegen. Und wenn ich gerade Ihnen, den Kameraden der Truppe Ernst, besonders Dank und Aner­kennung ausspreche, so weiß ich, daß all die vielen 100 000 Kameraden im Lande das ver­stehen. Eine Etappe in dem großen Kamps liegt hinter uns. Eine neue Etappe des Kamp­fes gleicher Art liegt vor uns. Wenn wir in diesen neuen Abschnitt des Kampfes eintreten, so müssen wir davon ausgehen, daß wir die gleichen, einfachen, schlichten Kämpfer bleiben, die wir gewesen sind.

Heute handelt es sich darum, diesen SA.- Geist, der Deutschland gewandelt hat, bis in die letzte Schicht des Volkes hineinzutragen. Ganz Deutschland muß von diesem Geist durchdrungen und erfüllt werden. Nicht darum handelt es sich daß nach außen ein großer Eindruck erweckt wird, sondern darum, daß der einzelne tapfer, treu, schlicht und einfach daß «Kampfer und Soldat bleibt.

Wenn wir heute nach wenigen Monaten der durchgeführten Revolution vielleicht da und dort noch Verhältnisse sehen, die uns Sol­daten — wir müssen es offen aussprechen — nicht passen, so wollen wir das Vorbild und Beispiel geben, daß diese Verhältnisse sich grundlegend ändern. Ich habe die Forderung gestellt und den Befehl an die unterstellten Führer gegeben, daß alle die Angehörigen der SA., die dieses Geistes nicht sind, aus unseren Reihen ausgeschieden werden müssen.

Wir wollen unsere Reihen rein halten. Es dürfen nur wirkliche deutscheMänner mit deutschem soldatischen Geist, mit revolu­tionärem Kampfgeist in unseren Reihen stehen. Die SA. wird. darüber soll sich niemand im Zweifel sein, bleiben und ihre Stelle behaup­ten. Wie rücken nicht von dem Platz» den wir un- erkämpft, wir lassen nicht von den Früch­ten des Sieges, den wir uns erfochten haben, sondern wir werden da sein und darüber wachen, daß dieses Deutschland nationalsozia­listisch nicht nur geworden ist, sondern bleiben wird für alle Zukunft.

„Als der Stabschef das letztem«! unter uns weilte, konnte er feststellen, daß die Berliner SA. eisern zu unserem Führer hält. Das war die Zeit, als manche Herrschaften glaubten, die SA. von innen zersetzen zu können. Da­mals habe ich im Namen des Führers an Eure Treue appelliert. Ihr habt die Treue gehalten, und Eure Treue hat den Sieg erobert. Wir wissen, warum wir heute zu dem großen Appell angetreten sind, nicht um ein rauschen­des Fest zu feiern, nicht um zu paradieren, sondern wir stehen hier, um der Welt zu sagen, daß eine neue Generation da ist, die den Frieden will, aber einen deutschen Frieden."

Punkt 10.45 Uhr erschien Stabschef Roehm, mit brausenden Heilrufen empfangen.

Wer meint, die Aufgabe der SA. sei erfüllt, mutz sich damit abfinden, daß wir da sind und da bleiben. Der Führer hat uns die Ausgabe gestellt, Garanten der Revolution zu sein und wir werden sie erfüllen. In dieser Stunde ge­loben diese mehr als 80 000 Kämpfer, die sich geschworen haben, aus Tod und Leben zusam­menzuhalten, nicht von der Stelle zu weichen, ihrem Führer die Treue zu halten bis zum Tode. Unserem Führer ern dreifaches Sieg- Heil!

Der Vorbeimarsch

Die erste Strophe des Horst-Wessel-Liedes leitete über zum großen Vorbeimarsch. Vor dem Vorbeimarsch, der von dem Gruppenfüh­rer angeführt wurde und den nach dem Grup- penstabe Brigadeführer Prinz August Wil­helm, die Standarten, die Stabswache Göring, die Feldpolizei und endlich die mit dem Ober­gruppenführer Heines gekommene schlesische Abteilung vor der ersten Brigade eröffneten, hielt der Stabschef noch eine Ansprache an die Berlin-Brandenburger SA., in der er seine vollste Anerkennung, besonders allen Führern, aussprach, die dafür gesorgt haben, daß der nationalsozialistische Geist in ihren Reihen Fuß gefaßt habe. Er dankte jedem einzelnen, indem er dem Gruppenführer Ernst seine vollste Anerkennung aussprach. Die in der ausländischen Presse ausgesprochene Hoff­nung, daß es innerhalb der SA. zu Unzufrie­denheit und Meuterei komme, könne ruhig und endgültig begraben werden. Die SA.- Männer, vom einfachsten bis hinauf zum Füh­rer blieben Kameraden bis zum Tode. Der Stabschef schloß mit einem Heil auf die SA. Berlin-Brandenburg, den Gruppenführer Ernst und den Obergruppenführer Heines, das tausendfaches Echo fand. Stabschef Roehm, Obergruppenführer Heines, die Gruppenfüh­rer Reiners und Ernst und Stabsleiter San­ders bestiegen die Pferde, um die Fronten ab­zureiten, wobei Stabschef Roehm sich mit einigen verdienstvollen SA.-Männern unter­hielt.

Tann zogen die endlosenKolonnerran ihrem Stabschef vorüber. Der Vorbeimarsch zog sich bis in die Nachmittagsstunden hin, obwohl die Formationen in Zwölferreihen vor- beidefilierten. Noch in den Abendstunden klangen die Marschweisen der abziehenden Kolonnen, die zum größten Teil, soweit sie aus Brandenburg kamen, am Abend Berlin bereits wieder verlassen haben.

Nach Beendigung des Vorbeimarsches hat der Führer der SA.-Gruppe Berlin-Branden­burg, Ernst, am Reichsehrenmal Unter den Linden einen Kranz niedergelegt.

Der Stabschef richtet das Wort an -ie braune Armee

7 .

Liu Il-Loolserlebiiiis vor 18 Satiren

Voo lloolsrsckmlrsl s. U.

Früher Morgen im Atlantik. Auf der Brücke eines U-Bootes steht ein junger Offizier und be­trachtet gedankenverloren das Erwachen des Ta­ges. Erau kriecht die Dämmerung vom Osten her­an, blasser und blasser wird der dunkle Himmel, im Osten rötet sich der Horizont. Allmählich heben sich in der Ferne die dunklen Felsen der Orkneys aus dem Wasser. Das Glas vorm Auge sucht der Leutnant mit seinen Leuten die Kimme ab, aber nichts Verdächtiges ist zu sehen, und beruhigt kann er seinem Nachfolger die Wache übergeben. Schlaf- bedürftig stapfen die Leute nach unten, sie sehnen sich nach Wärme und Trockenheit. Doch ehe sie da­zu kommen, sich auszustrecken, schrillen die Alarm­glocken durchs Boot, in dem nach kurzem Gewim­mel bald alles auf den Posten steht. Die Masten eines Eeleitzuges sind in Sicht, nur wenig Schiffe, zwei Dampfer, die von Zerstörern gesichert werden.

Der Abstand zwischen den Handelsschiffen und ihren Vewachern ist auffallend groß. Der Kom­mandant betrachtet durch das Sehrohr den Geleit- Zug, der ohne Zickzack--Kurse ruhig seines Weges dahinzieht, als wenn es keine U-Boote gäbe. Verdächtig, dieses ruhige Verhalten der Fahr­zeuge Lei so klarem, sichtigem Wetter! Während das U-Boot dabei ist, unter Wasser vorzulaufen, machen die Schiffe plötzlich kehrt und kommen nun rasch näher. Voller Mißtrauen betrachtet der er­fahrene Kommandant dieses Manöver. Da stimmt etwas nicht! Immer näher kommen die Fahr­zeuge. Das find ja merkwürdige Dampfer, schar­fer Bug, schräg abfallendes Heck, hohe Brücke. U-Bootsjäger, die nur äußerlich als Damp­fer getarnt sind. Auf Tiefe gehen, abdrehen und geräuschlos fahren, befiehlt der Kommandant, mit denen will er nichts zu tun haben!

Statt des erwarteten schönen Wetters kommt

Lricb blsbrkolr, Kiel

Nebel, alles grau in grau, keine 1600 Meter weit ist zu sehen. Also weiter nach Süden, besseres Wetter aufsuchen. Tagelang geht das so, immer dasselbe Bild. Nebel, Nebel. In der Viskaya klart es endlich auf, und es lohnt wieder, den Horizont abzusuchen. Im Osten kommt auch bald eine Rauchwolke in Sicht, aus der sich Masten mit einer Funkrah entwickeln, das typische Kennzei­chen für ein Kriegsfahrzeug. Herunter unter Wasser und abwarten. Das Schiff kommt näher, ein amerikanischer Vierschornsteinzerstörer, scheckig gemalt wie eine Kuh. Er liegt Kurs West an und läuft mittlere Fahrt. Was hat der hier im Ozean zu suchen? Das muß das U-Boot heraus­kriegen, also passieren lassen, auftauchen und folgen.

Bald ist der Zerstörer wieder in Sicht und der Wachoffizier erhält den Auftrag, gerade eben in Sicht weiter zu folgen. Schon dämmert es, und das U-Boot, es ist „U 62", geht näher heran und folgt schließlich in dunkler Nacht im Normalab­stand. Der Kommandant, Kapitänleutnant Has- hagen, bespricht sich mit seinem Wachoffizier. Leider wird es wieder diesig, strichweise sogar nebelig, und er ermähnt den jungen Offizier, aufzupassen wie ein Luchs, daß er den Vordermann nicht verliert. Einige Augenblicke geht der Kommandant unter Deck, um die Seekarte zu studieren. Er überlegt, was der Zerstörer hier wollen kann. Höchstwahr- lich erwartet er einen Eeleitzug, oder er soll sonst einen wertvollen Dampfer einbringen. Vielleicht läßt sich auch etwas aus aufgefangenen Funk­sprüchen erfahren: er will doch gleich mal zum Funkmasten gehen und den ermähnen, doch ja achtzugeben.

Da schrillt die Alarmglocke, mit einem Sprung

ist der Kommandant im Turm, der schon im Weg­tauchen von der See überspült wird. Aufgeregt macht der Wachoffizier seine Meldung. Der Zer­störer ist plötzlich ganz dicht vor dem Bug gewesen, er muß gestoppt haben oder sehr mit der Fahrt heruntergegangen sein. Am Heck ist eine Tür aufgegangen, und der helle Schein einer Lampe hat nach hinten geschienen und das Il-Voot beleuchtet. In der Helle der offenen Tür hat eine vermummte Gestalt gestanden, die das U-Boot sicher gesehen hat, so meint der Wachoffizier. Schräg steuert das U-Boot nach unten, die Maschine wird abgestellt, und das Boot schwebt, um sich nicht durch Schrau- bengeräusch zu verraten. Aber nichts passiert, der vermummte Mann hat wohl, geblendet aus dem Hellen ins Dunkle kommend, nichts gesehen. Also wieder nach oben und Fühlung genommen.

Freundlicherweise hat der Amerikaner jetzt hin­ten ein Licht, das das Aüstandhalten erleichtert. Das ist nett von ihm, denn es ist jetzt wieder sehr unsichtig geworden. In der Nacht knattern Funk­sprüche hin und her, nach dem langsamen Tempo und dem brummenden Ton zu urteilen sind es Handelsschiffe. Eine Menge Dampfer müssen in der Nähe sein. Leider ist der Vordermann in dem immer dichter werdenden Nebel aus Sicht gekom­men. Richtung und Lautstärke der aufgefangenen Funksprüche zeigen an, daß das U-Boot mitten in einem sich sammelnden Zug steht. Inzwischen ist es schon ganz hell-geworden, und die Leute auf dem Turm stieren sich die Augen aus dem Kopf, aber der Nebel-verhindert jede Sicht. Es ist eine scheußliche Lage, um sich herum die vielen Fahrzeuge zu wissen, die man wohl hören, aber nicht sehen kann. Da zerreißt eine Bo« für einen Augenblick den Vorhang, und an Steuerbord er- scheint'.auf 5066 Meter ein Dampfer. Schnell un­ter Wasser und-Angriff.' Aber es geht-zu hastig, und die Beleuchtung ist zu ungewiß, 'die Fahrt wird wohl überschätzt, der Torpedo geht vorbei. Die Torpedolaufbahn ,ist leider gesehen-worden, wohl auch das Sehrohr, denn der Dampfer feuert aus seinem Heckgeschütz auf die Stelle, wo das

U-Boot verschwindet, ohne aber Schaden anzu­richten.

Nach einer Weile ist der Dampfer aus Sicht, und es wird aufgetaucht. Erneute Funkspllche knattern in der Luft ganz nahe bei, darunter auch der helle Ton eines Kriegsschiffes. Der Dampfer wird im Nebel wieder gefunden und ver­folgt, er schlägt Haken und funkt wie verrückt, jetzt ist er für kurze Zeit in Sicht, dann wieder vom Nebel verschluckt, es ist eine aufregende Jagd! Plötzlich taucht ein anderer Dampfer aus dem Nebel, das U-Boot taucht schnell und fährt seinen Angriff, der diesmal glückt. Der Torpedo trifft das Achterschiff, und der Dampfer sackt wie ein Stein ab. Es ist ein Norweger mit äußerst wert­voller Ladung für unsere Feinde, Stahlplatten, Kupferbarren und Lebensmittel: gut. daß die nicht unseren Gegnern zugute kommen.

Gegen abend wird es sichtiger, über der Karte brütet der Kommandant, wie er an den Geleit­zug herankommen kann. Er verfolgt noch einmal den Kurs des amerikanischen Zerstörers und der im Nebel gesichteten Dampfer und kommt schließ­lich zu der Ueberzeugung, daß die Schiffe südlich vom U-Boot stehen müssen. Also Kurs Süd und angespanntester Ausguck. Am Mast wird ein Bootsmannstuhl aufgeheißt, in dem ein Unter­offizier sitzt, der wegen seiner scharfen Augen be­kannt ist. Gegen 16 Uhr abends — es ist der 7. August 1918 — meldet er „Steuerbord querab Rauchwolken und mehrere Fahrzeuge!" Der Boots­mannsstuhl hat seine Schuldigkeit getan und wird an Deck gefiert und das U-Boot verschwindet un­ter Wasser. Die Miene des Kommandanten im Sehrohr hellt sich auf, Mast auf Mast erscheint in langer Reihe, endlich der zwei Tage lang gesuchte Schiffszug in voller Stärke. Im Westen wird schon der Himmel rot, und es wird Zeit heranzu­kommen, damit nicht die Dunkelheit einen Strich durch die Rechnung macht, 15 Dampfer zählt der Kommandant, vorneweg ein großes Kriegsschiff, das nach seinen abgesetzten Schornsteinen nur ein Franzose-sein kann, ein seltener Anblick für ein deutsches U-Boot.

Um 16.30 Uhr nimmt der Eeleitzug genau Kurs auf das U-Boot zu, es ist aber auch höchste Zeit, denn es beginnt bereits stark zu dämmern. Durchs Sprachrohr sagt der Kommandant in alle Räume:

„Angriff auf großen Geleitzug, an der Spitze ein französischer Panzerkreuzer". Dieser fährt weit voraus vor den Dampfern und kommt zuerst auf Angriffsposition. Blitzschnell überlegt der Kommandant: Soll er den Kreuzer vorbeilassen und die Dampfer angreifen oder langts dazu nicht mehr, weil dann kein „Büchsen- licht" mehr für den Schuß vorhanden ist. Er ent­schließt sich zum Angriff auf den Kreuzer und hofft, den führerlosen Schiffszug dann in der Nacht noch wiederzufinden. Man pirscht eben lieber auf edles Wild.

In scharfem Schattenbild steht jetzt der Franzose am roten Abendhimmel, und das U-Boot dreht zum Heckschuß ab.

„Beide Heckrohre Achtung!"

Der Bug des Schiffes schneidet die linke Kante des Sprachrohres.

„Drittes Rohr los!"

Jetzt laufen die beiden vorderen Schornsteine in den Zielfaden.

„Viertes Rohr los!"

In 5 Sekunden Abstand springen drüben zwei hohe Wassersäulen auf; bereits im Wegtauchen sieht der Kommandant sie über dem Schiff zusam­menfallen. Nun kracht und dröhnt es rings um das U-Boot. Wasserbomben, vielleicht auch Minen, die aus Minenwerfern von dem Kreuzer geschleu­dert werden. Aber bald ist es still, und nach ach­tungsvoller Pause taucht das U-Boot aus der Tiefe auf. «

Ein Licht flackert in der Nähe, die Nachrettungs- boje des gesunkenen Fahrzeuges, und daneben treiben Boote und Flöße mit den lleberlebenden. Von ihnen erfährt das U-Boot den Namen seines Opfers, es ist der französische Panzerkreuzer „Du- petit Thouars", ein Schiff von 9566 Tonnen. Durch den Torpedotresfer sind vier Munition?-