Ausgabe 
(4.8.1933) Nr. 206
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Nr. 206. Jahrgang 1S3S

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Vrsmerr. Festtag, den 4. August 1933 Einzelpreis 15 Vsg.

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vremerstMnMMWMeZsum-

DLsArntkobe Draan des Serrals des FrereL Besrnen.-

der Trmerr

Der Nürnberger Erlaß, der sich ge­gen den Standesdünkel wendet, ist allen Na­tionalsozialisten aus dem Herzen gesprochen. Nach diesem Erlaß sollen Frauen nicht mehr mit dem Titel ihres Mannes angeredet wer­den, noch sich derart anreden lasten. Die Zeiten müssen ein für allemal vorüber sein, wo mit peinlicher Genauigkeit darauf gesehen wurde, daß die Frau Oberpostinspektor bei der Kaffeetafel einen Platz höher saß als die Frau Landesfin"--'c>bersekretärsgattin. Unser Sozialismus, der zum Inhalt des staatlichen Lebens geworden ist, läßt es nicht zu, daß durch solche lächerlichen Aeußerlichkeiten einer überlebten Gesellschaftsord­nung immer wieder Gegensätze in das Volk hineingetragen rrn den. Die Frau des Ar­beiters ist genau so wertvoll, ja sie kann oft viel mehr Wissen um die Notwendigkeiten dem Volk und Staat gegenüber haben, als irgendeine andere Frau. Auch in Kaffee­kränzchen muß man sich langsam daran ge­wöhnen, daß in unserem dritten Reich ein Mensch nicht darnach geweitet wird, was er vor seinem Namen an Titeln usw. stehen hat, sondern vielmehr danach, was er hinter sei­nem Namen zu legen verstand. Die gesell­schaftliche Stellung ist kein Vorrecht mehr, das allen Menschen in die Wiege gelegt wird. *

Nichts zeigt vielleicht besser den Unterschied der Zeit, die mit dem 30. Januar überwunden wurde, und der heutigen Auffassung von Staat und Wirtschaft, als die Verordnung des Reichswirtschaftsministeriums über die Verwendung von Maschinen in der Zigarrenindustrie. Zu diesem gerad: für Bremen sehr wichtigen Gesetz ist nunmehr vom Reichsfinanzmini­ster eine Durchführungsverordnung erlassen worden. Darin wird bestimmt, daß die Haupt­zollämter den Betrieben, die Maschinen zur Anfertigung des Wickelns oder zum Ueber- rollen des Deckblattes verwenden, das Pro­duktionskontingent fetzsetzen und die Einhal­tung dieser Bestimmung überwachen. Auch dieses Gesetz atmet einen wahrhaft sozialisti­schen Geist, denn es stellt den Menschen über die Maschine. Hatte es sich die Wirtschaft nach dem Kriege und vor allem nach der In­flation zum Ziel gesetzt, in einem phanta­stischen amerikanischem Tempo zu rationali­sieren, ohne jegliche Rücksicht auf das dadurch ständig anwachsende Heer der Arbeitslosen, so wird jetzt darauf gesehen, daß zunächst erst einmal dem Volksgenossen Gelegenheit zur Arbeit und Verdienst gegeben wird.

Durch diese Maßnahme wird erreicht wer­den, daß in der Zigarrenindustrie zahlreiche Neueinstellungen von Arbeitern vorgenom­men werden, denn alle Fabriken, die an die Stelle von Maschinenarbeit Handarbeit setzen, sind selbstverständlich frei von irgendwelchen Beschränkungen ihrer Produktion.

Neuer Ministerpräsident für Mecklenburq- Schwerin

Berlin, 3. August

Zum Nachfolger des zurückgetretenen Ministerpräsidenten Granzow von Mecklen burg-Schwerin ist, wir wir hören, der Lan deSbauernführcr von Pleisen in Aussicht genommen. Ministerpräsident Granzow ist als Reichssiedlungskommiffar nach Berlin übergesiedelt.

Vvntseklaiiäs Hüscürulä arn Lrts^sarrsbracL

Sie same Wels verlangt Revision

von Versailles

Lloyd George macht Gretz sür den Weltleieg verantwortlich

L o n d o n, 3. August.

„Daily Telegraph" veröffentlicht Auszüge aus den Kriegserinnerungen von Lloyd George. Er belegt darin Sir Edward Grey, den englischen Außenmini­ster bei Kriegsausbruch, mit wenig schmeichelhaften Ausdrücken und schiebt ihm einen großen Teil der Verantwortung für die Nichtverhlnderung des Kriegsausbruches zu. Hätte Sir Edward Grey Deutschland rechtzeitig daraus aufmerksam gemacht, daß England unter bestimmten Voraussetzungen ge­nötigt sei, den Krieg zu erklären, so würd« der Aus­gang der verhängnisvollen Juli-Krise 1814 ein an­derer gewesen sein.

Für Deutschland ist diese Erkenntnis von Lloyd George außerordentlich beachtlich, ist er es doch ge­wesen, der 1921 die deutsche Verantwortlichkeit für den Krieg als grundlegend für das Bersailler Diktat und als abgeurteilte Sache angesehen wissen wollte. Noch 1S3L hat Lloyd George in seinem Buch „Die Wahrheit über Reparationen und Krtegsschuldlüge" Deutschland sehr einseitig belastet mit den Worten: „Die Herrscher Oesterreichs und Deutschlands wähl­ten den Krieg und aus dem Kampfplatz des Krieges siel das Urteil gegen sie aus." Wenn er jetzt, wie auch in anderen Aeußerungen, von dem Standpunkt einseitiger Kriegsschuld Deutschlands abrückt und das Versagen des leitenden englischen Staatsmannes her­vorhebt,

so hat Deutschland alle Ursache, dies mit Ge­nugtuung zur Kenntnis zu nehmen. Mr können dabei noch hinzufügen, daß die außergewöhnlich starke Stellung, die England gerade in der Juli-Krise 1914 einnahm, eS in die Lage versetzt hätte, den drohenden Weltkonflikt zu verhindern, wenn es dies ernsthast hätte tun wollen.

Die Möglichkeit zu einer solchen ehrlichen Ver­mittlerrolle kam aber leider für die britische Ponrik der damaligen Zeit deswegen nicht in Betracht weil sie durch ihre „unverbindlichen" Absprachen mit Frankreich und Rußland innerlich nichtmehr sret genug dazu war. Wenn wir Serbien, Frankreich und Rußland vorwerfen können, daß ihrer Politik Ziele vorgeschwebt haben, die nur durch einen europäischen Krieg zu verwirklichen waren, so besteht die Verantwortlichkeit Englands am Kriegs­ausbruch darin, daß es die französische und russische Diplomatie zur Fortsetzung dieser Politik ermun­terte und sich moralisch zu einer weitgehenden Par­teinahme verpflichtete. Mit diesem Kommentar find die Ausführungen Lloyd Georges für die deutsche These in der Kricgsschuldsrage von großem Wert.

Frarrkrekch und sein Vasall vefterreich

Paris, S. August.

Nachdem die französische Presse tn den letzten Tagen sich wiederholt mit den Schritten, die der österreichische Kanzler Dollfuß in Berlin, Rom und London unternommen hat, beschäftigt hat, veröffent­licht Havas folgende amtliche Mitteilung:

Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten beschäftigt sich seit mehreren Wochen mit der zwischen der deutschen und österreichischen Regierung bestehen- den Spannung. Sein« Aufmerksamkeit hat sich da- bei insbesondere aus die verschiedenen Zwischenfälle erstreckt, die sich in der letzten Zeit ereignet haben, nämlich die Uebersliegung österreichischen Gebietes durch Flugzeuge schlecht erkennbarer Herkunft, die

seindselige Flugblätter gegen den Kanzler Dollfuß abgeworfen haben, oder die Funksendungen deutscher Stationen, in denen die gegenwärtige Wiener Re­gierung angegriffen wurde. Der Außenminister hat bei einer gewissen Anzahl von Regierungen den Ernst und dte Gefahren, die solche Geschehnisse dar­stellen, betont und er hat mit ihnen die Meinun­gen ausgetauscht über Wege und Mittel, etwa die einer gemeinsamen Aktion, um die Wiederholung solcher Geschehnisse zu vermeiden.

Die Nationalsozialisten anS dem Vorarlberger Landtag ausgeschlossen.

Wi«r, S. August.

Skrch einer Meldung aus Bregenz hat der Vorarl­berger Landtag das Gesetz über dar Ruhen der Mandate der Nationalsozialisten mit allen gegen die Stimme des großdeutschen Abgeordneten ange­nommen.

KationalloziaMMihe Vartek in Rumänien

Budapest, 3. August.

Wie das Blatt „Uj Nemzedek" aus Hermannstadt tn Siebenbürgen berichtet, wurde dort offiziell eine Nationalsozialistische Partei der rumänischen deut­schen Minderheit begründet. Der Präsident der Or­ganisation, Dr. Thail, wies in der Gründungsver- samyilnng darauf hin, daß das östliche Deutschtum eine große Rolle im Leben Rumäniens spielen werde, weil eS berufen sei, die Bande zwischen Rumänien und Deutschland enger zu knüpfen.

Die Araftsahrrengsebühren werden ab 2«. August billiger

Voraussichtlich auch noch Gensimg der Vremittosivreifs und VriisuugSsebühee«

Berlin, 3. August

Die vom Reichsrat verabschiedete neue Kraftfahrzeuggebührenordnung sieht auf allen Gebieten des Kraftfahrzeugwesens er­heblich« Senkungen vor.

Bon den neuen Gebühren sind besonders die für die Erteilung eines Führer­scheins hervorzuheben, der künftig für Kraft­räder zwei Mark und in allen anderen Fällen drei Mark kostet. Für die Prüfung eines An­trages auf Erteilung eines Führerscheins werden 50 Pfennig für Krafträder und eine Mark für Kraftwagen erhoben. Dieselben Ge­bühren für die Ergänzung eines Führerscheins.

Für die Ausfertigung eines Ersatzführer­scheines werden die gleichen Gebühren w»e für den neuen Führerschein erhoben. Die Er­teilung einer Typenbescheinigung kostet künf­tig für Krafträder acht Mark und für Kraft-

wagen 18 Mark. Die Gebühr für die Ertei­lung einer Bescheinigung, Eintragung des Fahrzeuges in die Liste und Zuteilung des Kennzeichens beträgt für Krafträder zwei Mark, für Kraftwagen drei Mark. Die gleiche Gebühr gilt für die Erneuerung der Beschei­nigung bei veränderter Bauart des Fahr­zeuges sowie beim Wechsel des Wohnortes und beim Wechsel des Eigentümers. Die erneute Zulassung nach Abmeldung bis zur Dauer von acht Monaten kostet für Krafträder 158 RM. und für Kraftwagen 2.50 RM. Für die AL- ftempelung des Kennzeichens durch die Polizei­behörde werden Gebühren von 50 Pfg. für Krafträder und von einer Mark für Kraft- wagen erhoben.

Die Gebühr für die Ausstellung eines Zeug­nisses durch einen beamteten Arzt wird ein­heitlich auf sechs RM. festgesetzt.

Für die Erteilung eines internationalen Führerprüfscheines gilt die Gebühr von drei Mark für Krafträder und von fünf Mark in den anderen Fällen, die gleichen Gebühren für die Erteilung eines internationalen Führer­scheines. Die neue Gebührenordnung tritt am LV. August in Kraft.

In der Begründung der Gebührenvorlage verweist die Regierung auf die verschiedenen zur Förderung der Motorisierung Deutsch­lands in der Kraftverkehrswirtschaft schon ge­troffenen Maßnahmen. Sie erinnert an die Erleichterung bei der Kraftfahrzeugsteuer und an die Senkung der Versicherungsprämien. Wegen Senkung der Sachverständigenge­bühren bei Prüfung der Kraftfahrzeuge und Kraftfahrzeugführer schweben Verhandlungen. Ebenso werden die S e n k un g der Brenn« st offp reise betrieben.

Der britisch-japanische WirtschaslSlamps

Bremen, 4. August.

In dem feit Monaten zwischen Grob- iritannien und Japan sich abspielenden Wirt- schaftskampf, bei es vor allem um den indi­schen Markt geht, scheint ein neues Stadium insofern erreicht worden zu sein, als japs- lische Wirtschaftskreise zu einer Verständigung bereit sind. Vor etwa 14 Tagen war vom Präsidenten des britischen Handelsamtes der Vorschlag gemacht worden, japanische In­dustrielle sollten in London mit den in Frage kommenden englischen Wirtschaftsweisen über sie Möglichkeiten beraten, die für einen Ab­bruch des Wirtschastskampses offen stünde.

Aus diese Anregung ist man nun in Tokio angegangen, will sich aber offenbar nur für Textilien und auch da nur im Rahmen etneS, sie Regierung nicht verpflichtenden Abkom­mens binden. Die handelspolitischen Dfike- cenzen, die zwischen Japan und dem briti­schen Reich bestehen, haben ihren letzten Grund in der durch den Weltkrieg hervor­gerufenen außerordentlichn Expansion der japanischen Textilindustrie, die insbesondere in groben und billigen Baumwollwaren der Industrie von Lancashtre in Indien u>d Lhina, neuerdings sogar in Australien, Süd­afrika und Aeghpten empfindliche Konkurrenz macht. Die besondere Wettbewerbsfähigkeit der japanischen Industrie resultiert aus dem hohen Stand der technischen Rationalisierung, dem sehr niedrigen Lebensstandard und der demgemäß sehr niedrigen Entlohnung der japanischen Arbeiterschaft, der etwa 50proicn-> tigen Entwertung des Yen und der Ver- billignng der Ueberleefrachtsätze durch Re­gierungssubventionen. Der in China ein­setzende Boykott japanischer Waren hat die Konkurrenz Japans auf den für England wichtigen indischen Märkten eher nock ver­stärkt- Im April ds. Js. wurden dann die indisch-japanischen Handelsbeziehungen durch

Die japanischen Textiltrusts beantworteten diese Zollmaßnahmen mit dem Beschluß, fort­an die indische Baumwolle zu bohkotfieren, selbst auf die Gefahr hin, in Amerika ihren Rohstoffbedarf zu höheren Preisen decken zn müssen. Von englischer Seite wurde vor etwa zwei Monaten durch den boaed of trads eine Denkschrift veröffentlicht, die sich mit den von Großbritannien zu ergreifenden Maß­nahmen besaßt. Man hat in London offen­sichtlich die Hoffnung, durch Mobilisierung der in Ottawa geschaffenen wirts.hastspoliti-, schen Verbundenheit des britischen Reiches der japanischen Konkurrenz Herr werden zu können. Allerdings ist ein bis zum äußersten durchgeführter Wirtschaftskrieg sicher mit Verlusten auf beiden Seiten verbunden. Man wird es daher Wohl auch in London be­grüßen, wenn der dortige japanische Bot­schafter Matsudeira auch formell wegen der Eröffnung von Handelsbesprechungen vorstellig wird. Die Ausräumung wirtschaft, licher Differenzen und die damit verbundene Beseitigung politischer Konfliktstoffe können im Hinblick auf die an sich schon außerordent­lich schwierige Weltlage nur begrüßt werden.

4.

„Der Ring des Nibelungen".

Bayreuth, 30. Juli.

Der Ring nimmt eine Sonderstellung ein im Ge­samtwerke Richard Wagners. Die Gliederung in vier Abende, das Gleichnishaste eines allumfassenden Weltbilder und Weltgeschehens, die felsblockriesige Aufetnandertürmung der dramatischen Gestaltung, die kaum zu lösenden Schwierigkeiten der szenöischen Slaubhastmachung — alles dies verlangt nach einer besonderen Art, diesen groß geplanten Bay- reuther Berwirklichungsversuch richtig zu spiegeln und zu würdigen. Dieser Bericht muß die her­kömmliche Form der Theaterkritik einigermaßen sprengen.

*

Der „Ring" und die Wagnersragen.

Wir sagen nicht in der Einzahl: die Wagner- frage. Wir sagen mit Absicht in der Mehrzahl: die Wagnersragen. ES gibt mehrere, hat immer mehrere gegeben.

Die erste entstand aus dem unüberbrückbaren gei. stigen, seelischen und charakterlichen Abstand zwischen dem gewaltigsten germanischen Schöpfergenius und einer — Presse, die eS von nun an auf Jahr- Hunderte in Deutschland nie mehr geben wird: der Spteßerpresse. In erster Linie der jüdischen Spießcrpresse. Kaum minder aber der reaktionären und liberalistischen bürgerlichen Spteßerpresse... Zwischen d«m Genie und seinem eigentlichen und ur- sprünglichen Publikum, d- h. dem Publikum, so lange es Voll war, nicht vergiftet von jener Presse, — zwischen Meister und Volk geb es kein Mißverstehen. Es jubelte ihm und seinem Werke zu, wo immer er ohn« B^irijlujjung zuhörte. Dann «her wurde er

rslspisls 1933

verhetzt, verbildet, irre gemacht, daß ganz Deutsch- land widerhallte von unflätiger Wagner-Schimpfrede. Niemals zuvor hat es einen Presseskandal von dieser Art und diesem Umfang gegeben. Und nur einmal noch (und dann nie wiederl) durfte diese Gemeinheit in einem würdigen Gegenstück sich wiederholen: in der Hetze gegen Adolf Hitler... Nach dem größten deutschen Künstler gegen den größten deut­schen Staatsmann. Die Fälle gehören wahrlich zu­sammen! Es trifft sich eigenartig tief sinnbildhaft, daß es das gleiche Jahr ist, in dem die Erinnerungen an Wagners 50. Todestag und die Geburt des Dritten Reiches gefeiert werden; daß 1933 Adolf Hitler als deutscher Reichskanzler Abend für Abend den Jubiläumsfestspielen beiwohnt und diese erste und giftigste der Wagnerfragen endlich und für immer begräbt.

Die zweite Wagnerfrage entstand aus dem „Fall Wagner" des großen deutschen Denker? und Dichters Friedrich Nietzsche. Ein Denk-Genie fand seinen Wirkungsraum versperrt durch einen im Persönlichkeitsformat noch strahlenderen Künstler- Genius. Der tragischste Fall von Haßliebe, den die Geistesgeschichte kennt. Kampf auf dem Bootskiel..! Nietzsche starb daran; erfror in Einsamkeit. Man sagt, er wurde wahnsinnig... Hat aber im Chaos dieses Wahnsinns noch tanzende Sterne geboren, — Ge- danken von einer Tiefe und Sprüche, mit Blut geschrieben, von einer Schönheit, daß sie Sternen am Himmel gleich zu achten sind... Houston Stewart Chamberlain, der Wahldeutsche, der Deutschland ge­liebt hat, wie die besten Deutschen, der über Ger­manentum und germanische Genien die schönsten Worte geschrieben hat, die je geschrieben wurden, der erste Vorkämpfer des Dritten Reiches, dessen Witwe Adolf Hitler« erster diesjähriger Besuch in Bayreuth galt — .CHaMerlqip Hai hgh eWjendk Mn ge­

sprochen zur zweiten Wagnerfrage, zum Fall Nietz- sche: „. >. und schön war es und wohltuend, daß der arme Mann sich dann öffentlich gegen den Freund wandte, daß er ihn bespie, ihn mit Kot bewarf und das Geheimnis seines Herzens vor aller Welt niederriß: das war echte Natur!.. So sprach die gute Mutter für ihn und erklärte laut: seht, er ist nicht untreu, er ist von Sin­nen!"... Peter Gast, der treue Freund, fand später einmal den verfallenen, im eigenen Geist vereisten, erstarrten großen Denker Friedrich Nietzsche auf einer Bank in Triebschen bei Luzern sitzen, wo er einst mit Richard Wagner oft gesessen hatte... Er saß ge- beugten Hauptes und malte sinnverloren mit dem Stocke Zeichen in den Sand, den Namen WagnerS... Wie Peter Gast sich bückte und ihm ins Gesicht sah, da schwamm der unter den gewaltig überhängenden Brauen schleierschwer verhangene Blick in Tränen. -. Dies war das Ende der zweiten Wagnerfrage...

Sie spukt noch hie und da in den Köpfen von Intellektuellen. Das sind die fanatisch-einseitigen Ver­fechter der sogenannten absoluten Musik, die nur Bach, Mozart und Brahm; lieben als die an­geblich einzig echt. und keusch-deutschen Musiker. Sie machen mit geistigem Hochmut eine große Lugend aus der Not ihrer bürgerlich-wohltemperierten, mehr verstandesmäßig-feinschmeckerischen als leidenschaft­lichen Gemütsrt und empfinden Wagners begeisterte und begeisternde, hingerissene und hinreißende, kühne und großartig-freimütige Ausdrucksgestaltung der tiefsten seelischen Geheimnisse als unkeusch und komö­diantisch. Jüdischer ätzender Literatenwitz hat sich ihnen beigesellt. Millionen Halbgebildeter und Willi- onen vermeintlicher sogenannter „Unmusikalisch«:" sind ihnen zugelaufen.

Daraus ist eine dritte Wagnerfrage entstanden.

Die lebt noch heute.

Und sie ernährt sich von den SiZ jetzt nicht gelösten besonderen AuffüHrungsschwierigkeiten des „Ring des

WW.Ungeg",

DaS machte diese unsere Einführung nötig:

Der „Ring" und die Wagnerf-ragen...

*

Der „Ring" und der Begriff der geistigen Führung.

Worin bestehen die besonderen Aufführungsschwie­rigkeiten des „Ring"? Sie bestehen darin, daß es beim Ring unendlich schwer ist, auch millimeterweise nichts von jenem berühmten kleinen Schritt zu tun, der vom Erhabenen zum Lächerlichen führt. Ein wenig von diesem Schritt wird aber naturnotwendig immer getan, wenn die seelischen Geschehnisse dieses weltbildhaften Gleichnisses, die Schmerzen und Won­nen der Titanen, aus der bürgerlichen Gefühlsvor­stellung heraus gestaltet werden... Haß und Liebe, Glück und Unglück, Leidenschaft, Schicksal, Tod und Untergang von Göttern und Helden, die von den Tagen des Schul-Lesebuches an im riesengroßen Schattenriß der Sage vor unserem inneren Auge dastehen: — so etwas aus der Bühne im richtigen seelischen Maßstab darzustellen, das hat sein« eigenen besonderen Gesetze... Es kommt nicht darauf an, die Darsteller auf Stelzen schreiten zu lassen. Das Län­genmaß macht es nicht. DaS Maß muß inner, l i ch sein- Und dieses Ausdrucksmittel, das ge­waltige schattengroße Riesenmaß der Gefühle in erha. bener Wirklichkeit und wirklicher Erhabenheit darzu­stellen: — das heißt Stil.

Die Musik und das dramatische Gefüge der Wag. nrrschen Partituren haben diesen Stil, wie ihn die himmelanragenden deutschen Dome haben.

Der Kapellmeister Elmendorff, wenn er die toten schwarzpunktigen Noten zu klingendem Leben erweckt, will diesen Stil. Da er ein guter Fachmann ist, gelingt es ihm in vielem, seinen Willen zum 8tll mit den mechanischen Hilfsmitteln breiter Tempi und akzentvoller, reich abgestufter Dy­namik in die Tat umzusetzen. Um es ganz zu erreichen, dazu müßte er selbst eine vulkanische Natur, Mr LÄ jn FmgeMitzen LM Leidenschaft durch.

brauste Seele haben, müßte ein visionär besessener, ekstatischer Mensch sein. Wir haben solche Dirigenten. Kein Mensch hat noch behauptet, daß Elmendorff ein solcher sei. Wozu also mit Phrasen von „Einfühlung" und „Hineinwachesn" drum herumreden?

Immerhin: wir sagten, Elmendorff will den rechten Stil.

Der Spielleiter Tietjen will aber einen anderen- Die beiden ziehen nicht an einem Strick. Tietjen „lockert aus". Er läßt die Kirche im Dorf. Er will „modern" sein, indem er falsches Pathos ausrodet. Er läßt „natürlich" spielen. Das macht er als Re­giefachmann ausgezeichnet, geschmackvoll. Aber es ist aus dem bürgerlichen Gefühlsleben heraus emp­funden. Was für privat-menschliche SchicksalS- gestaltung „natürlich" ist, ist es nicht sür Götter. Riesen und die kirchturmhohen Seelen sagenhafter Recken-.!

Wir geben Beispiele:

„Walküre". Sieglinde erzählt.,» „ein Fremder trat da herein..." Bei der Silbe „.. rein" setzt das Walhall-Thema ein... Wotan tritt an Hundings Herd. Unsichtbar. Nur in Tönen dargestellt. Eine Offenbarung. Eine tiefe selige dramatische Erschüt­terung tritt ein, ein Erschauern, das eiskalt den Rücken hinunterläuft... Ausdruckskraft des musika­lischen Stils... Aus der Szene? Was geschieht da? Was heißt da „natürlich" spielen? Ver­nünftig, geschmackvoll, sinngemäß? Das heißt da nichts! Stil muß sein, wenn Ausdruck sein soll... Wie die Darstellerin der Sieglinde da im Raum stehen muß, wie Arme und Hände sich be­wegen, wie das Haupt gehoben, der Ausdruck der Miene sein soll — das will vom Spielleiter geformt sein wie ein Bildausschnitt aus einem Gemälde des Matthias Grünewald, wie Linien vom Haupt des Reiters am Bambsrger Dom...

Oder: Siegmund brütet in dumpfer Verzweiflung -vL,r M M, Srpegung WM SchIM W KB