irr. 203. Jahrgang 1933
Verlag, Schriftleitung und Geschäftsstelle: Geeren 6—8. Sprechstunden der Schriftleitung: Montag bis Freitag 12 bis 13 Uhr
Fernsprecher: Roland Nr. 6L5—628. — Die BNZ erscheint täglich morgens, nur am Montag mittags, und kostet monatlich 2.30 ein- schließlich Botenlohn, durch die Voll bezogen erhöht sich der Preis um 42 Zustellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu entrichten.
Bremen. Dienstag, den 1. August 193» Einzelpreis 15 Big.
Anzeigen: hiesige die 14 gespaltene mm-Zeile 0.10, auswärts 6.12; im Textteil LK 0.50, auswärts 0.70; Stellengesuche und Familienanzeigen >..06; lonstige Heine Anzeigen 0.08. Platz- vorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Betriebsstörung, Streik, Verbot u-s.w. hat der Bezieher keinen Anspruch auf Rückzahlung des Bezugspreises.
orilm ^
Das ArnMoke 0r«arr dos Senais der Frererr Lsnfe KiL dl Bleernerr.
Unsere
Wir Nationalsozialisten haben die Pläne der früheren Regierungen zur Belebung der deutschen Wirtschaft immer als sinnlos erkannt, weil sie von grundsätzlich falschen Voraussetzungen ausgingen. Glaubte man früher durch Steuererhöhungen, Lohnkürzungen, also zusammengefaßt, durch Senkung der Gesamtkaufkrast des Volkes, bei gleichzeitiger künstlicher Erhöhung der Produktion, der Krise beizukommen, so geht man heute, in richtiger Erkenntnis der organischen Notwendigkeiten genau den entgegengesetzten Weg. Man erhöht die Kaufkrast, einmal durch wesentliche Steuer, ermäßigungen, dann aber auch durch Erteilung von Staatsaufträgen, die eine möglichst große Anzahl vollbezahlter Arbeitskräfte zu beschäftigen in der Lage sind. Die Erhöhung der Produktion folgt dann, wenn auch langsam, ganz von selbst, wie das im Bericht des Institutes für Konjunkturforschung über die Konjunkturlage im Westen klar zum Ausdruck kommt. Zum ersten Mal fühlt die Wirtschaft den Segen organischen Wirtschaftsdenkens. Gewiß kann man durch große staatliche Subventionen für den Augenblick vielleicht in die Augen springendere Erfolge erzielen, als durch Methoden, die sich naturgemäß erst allmählich auswirken können. Während aber diesen künstlichen Augenblickserfolgen zwangsläufig der erneute Zusammenbruch folgen muß, bietet der langsame, aber gesunde Aufstieg, der in der deutschen Wirtschaft heute zu bemerken ist, die Gewähr, daß er sich zu der dauernden Ueberwindung der Krise steigern wird.
»
Die.von der Not unseres Vaterlandes mit am schwersten heimgesuchte Grenzprovinz Ostpreußen ist am Sonnabend von einem neuen schweren Schicksalsschlag für die Bevölkerung heimgesucht worden. Ein Unwetter, wie es seit Menschengedenken in dieser Gegend nicht zu verzeichnen gewesen ist, hat die Ernte der gesamten Provinz fast hunderprozentig vernichtet. Damit sind die Hoffnungen, die der oberschlesische Landmann auf den Verkauf seiner Ware setzte, wieder zu einem großen Teil zunichte gemacht. Seit über 10 Jahren führt der Oberschlesier einen heroischen Kampf an der Süd« vstgrenze des Vaterlandes für Erhaltung deutschen Volkstums und deutscher Sitte. Hilfe ist ihm in dieser Zeit oft versprochen worden, aber nur versprochen. Mit der Machtübernahme Hitlers werden aus diesen Versprechungen Taten, und der oberschlesische Landmann kann diesmal die feste Zuversicht haben, daß di« Reichsregierung Mittel zur Verfügung stellen wird, um den durch die Unwetterkatastrophe hervorgerufenen Schaden wieder zu beheben.
ArbettÄokeiivexmktiSs- rium in MedscinOie«
Hannover, 31. Juli.
Das segensreiche Werk der Einreihung der Beschäftigungslosen in den Arbeitsprozeß macht auch in der Provinz Hannover Fort schritte. Nachdem der Kreis Stmzenau d^e Stadt Nordhorn, der Kreis Grafschaft Diep- holz, die Stadt Wildeshausen k. O. und das Amt Vordfelde in Braunschweig freigeworden sind, kommen mit dem 1. August die Kreise Dannenberg und Bleckede dazu Der Kreis Zeven hofft ebenfalls in den nächsten Tagen frei zu sein und ähnlich erfreulich liegen die Verhältnisse im Kreise Lünrburg Niedrig ist schon jetzt die Zahl der Arbeits losen im Kreise Wittlage.
Wir wollen nicht anfechten, aber die anderen Staaten müssen endlich abrüsten
Deutschlands Anspruch aus gleiche Wehr und gleiche Sicherheit
Berlin, 31. Juli.
Am Montag abend sprach über den Deutschland- Sender Legationsrat Dr. Schwendemann über „Deutschlands Anspruch auf gleiche Wehr und gleiche Sicherheit". Er führte u. a. aus:
Die Verbindung zwischen der sofortigen Abrüstung der Besiegten und der zukünftigen allgemeinen Abrüstung wurde in einer Einleitung zum Teil V des Versailler Vertrages ausdrücklich festgelegt. Die deutsche Abrüstung ist somit vertraglich nur eine Barleistung Deutschlands auf die allgemeine Abrüstung. Trotzdem ist sie praktisch hinsichtlich der allgemeinen Abrüstung nicht geschehen. Wohl aber ist die Abrüstung Deutschlands, Oesterreichs, Ungarns und Bulgariens von den Siegern verlangt und unter ihrer Kontrolle durchgeführt worden.
So entstand in Europa eine Lage politischer Ungleichheit, die in der Weltgeschichte ohne Beispiel ist. Ringsumher erheben sich Befestigungen, deren Geschütz« ungehindert weit in deutsches Land hinein Zerstörung tragen können, stehen Tausende von Flug. zeugen bereit, die jederzeit die deutschen Städte risiko- los mit Vernichtung zu bedrohen vermögen, ist ein gewaltiges Kriegsmaterial aufgehäuft und sind Millionen von wassengeiibten Männern vorhanden, die jederzeit in Marsch gesetzt werden können, um den deutschen Lebensraum von allen Seiten zu überfluten.
Welche Garantie, welche wirkliche Sicherheit haben wir gegen ähnliche Gewaltakte wie die Ruhrbesetzung und die Besetzung des Rheinlandes, solange unser Land abgerüstet inmitten hochgerüsteter Staaten lieg? Seit eineinhalb Jahren dauern mit Pausen die Verhandlungen der Abrüstungskonferenz. Sie haben bei den hochgerüsteten Staaten keine Kanone, , kein Maschinengewehr und keinen Soldaten beseitigt. Nur eines hat die Konferenz hinsichtlich Deutschlands ge
bracht: Die deutsche Gleichberechtigung wurde in aller Form als zu verwirklichender Grundsatz anerkannt.
Die deutsche Delegation auf der Abrüstungskonferenz hat die Verwirklichung der Gleichberechtigung in den Mittelpunkt ihres Dentens und Handelns gestellt. Wir haben die Abrüstung der anderen noch denselben Maßstäben und Methoden gefordert, die bet uns angewandt sind. Die Gegenseite versucht, uns deshalb zu verdächtigen, und moralisch zu isolieren, indem sie sagt, wir w >llten aufrüsten. Daraus gibt es nur eine Antwort:
Nicht wir wollen aufrüsten, sondern ihr wollt nicht abrüsten und wollt uns außerdem noch das Recht aus Gleichberechtigung und auf gleiche Sicherheit abstreiten; wollt ihr nicht abrüsten, so muß unsere Sicher- heit eben mit denselben Mitteln gewährleistet werden, die ihr für euch selbst in Anspruch nehmt.
Die Verantwortung dafür sällt nicht aus uns, sondern auf euch. ES wird eine gcradezu hemmungslose Hetze gegen uns wegen angeblicher Aufrüstung getrieben. Täglich bringt die französische und englische Presse eine Reihe von Srnlationsmil'ungen über angebliche Maßnahmen und Kriegsvorbereftungen in Deutschland. Die Schlußfolgerung, die.besonders von der französischen Presse aus diesen Sensationsmeldungen gezogen wird, ist Sie For>'ung, in Deutschland müsse schnellstens eine internationale Rüstungskontrolle durchgeführt werden. Eine solche Kontrolle denkt man sich in Paris anscheinend auf Grund der Abrüstungsbestimmungen des Friedensdiktats.
Solche Forderungen klingen wahrhaftig wie Stimmen aus einer vergangenen Epoche teutscher Erniedrigung. Es gibt offenbar in Frankreich romantische Gemüter, die jene Tage, in denen. Legionen ausländischer Offiziere herumreisten und die Zerschlagung des gesamten deutschen Rüstungsapparates
durchführten, nicht vergessen können und sich nach deren Wiederkehr sehnen.
Sie haben offenbar nicht begriffen, daß inzwischen sich einiges in der Welt und vor allem in Deutschland geändert hat. Kann irgend jemand glauben, daß eine einseitige Kontrolle Deutschlands von der deutschen Regierung angenommen oder angesichts des deutschen Volkswillens faktisch überhaupt durchführbar wäre? Vor solchen Illusionen muß man dringend und mit aller Deutlichkeit warnen. Es gibt nur noch ein Vorwärts zu einem Zustand der Gleichberechtigung und der gleichen Rüstungsfreiheit oder Rüstungsbeschränkung für alle Staaten. Man muß allen Ernstes denen, im Ausland, die noch von einseitiger Rüstungskontrolle Deutschlands reden, die Frage vorlegen, was sie damit eigentlich beabsichtigen? Wer solche Forderungen aufstellt, will bewußt nicht Verständigung, sondern Feindschaft, nicht Vertrauen, sondern Mißtrauen. Darin liegt die Gefährlichkeit der zurzeit gegen Deutschland gerichteten Propaganda wegen angeblicher Aufrüstung und mit dem Ziel einer deutschen Rüstungskontrolle. Aus Frankreich dringt zu uns immer wieder der Ruf nach Sicherheit. Ohne Vertrauen zu Deutschland könne Frankreich keinerlei Abrüstungsmaßnahmen zustimmen. —
Hat man Deutschland, als man es entwafsnete, gefragt, ob es Vertrauen zu seinem Nachbar habe? Hat man an Deutschlands Sicherheit gedacht, als man ihm seine Wafsenrüstung auszog? Wie will man zu Vertrauen gelangen, wenn man selbst Mißtrauen mit vollen Händen sät? Es gibt nur einen Weg zum Vertrauen in Fragen von Rüstung und Abrüstung, der darin besteht, daß endlich praktisch gleiches Recht in der Wehrfrage für alle geschaffen wird!
Schweres Expwsionsunglüü in einem Vrünnee Hotel
Brünn,31. Juli.
Im Hotel „Europa" ereignete sich am Montag früh um 7,48 Uhr eine Explosion, die in der ganzen Stadt zu hören war. 60 Meter hohe Flammen schlugen aus dem Gebäude heraus. Die eine Front des vierstöckigen Eckhauses stürzte mit ungeheurem Getöse auf die Straße. Durch die Explosion wurden auch die Tragpfeiler des Hauses stark beschädigt, so daß Einsturzgefahr! besteht. Die Gewalt der Explosion war so furchtbar, daß in den umliegenden Häusern nicht nur die Fensterscheiben zertrümmert und Fensterrahmen herausgerissen, sondern auch der Mörtel von den Wänden bis auf die Ziegelsteine abgerissen wurde. Die Inhaberin des Hotels konnte noch rechtzeitig aus den Trümmern herausgezogen werden. Wieviel Opser an Menschenleben die Katastrophe gefordert hat, konnte bisher noch nicht festgestellt werden. Bis jetzt sind die Leichen einer Frau und eines Kindes von der Feuerwehr geborgen worden. Es ist jedoch anzunehmen, daß noch mehrere Personen verschüttet sind.
Die Ursache der Explosion ist bisher noch in Dunkel gehüllt.
Gerüchtweise verlautet, daß die Frau, deren Leiche man mit ihrem Kinde aus dem Schutt gezogen hat, in selbstmörderischer Absicht eine Ekrasitpatrone zur Eplosion gebracht habe.
Der amtliche Bericht.
Ueber die Explosion in dem Hotel Europa meldet der Polizeibericht folgende Einzelheiten: Die Explosion vernichtete vollständig den einen Trakt des Hauses, in dem sich das Hotel befindet. Das Haus ist sozusagen in zwei Teile gespalten worden. Durch das herabstürzende Mauerwerk wurden drei Passanten verschüttet. Ein Arbeiter, der im Augenblick der Explosion mit einem Handwagen durch die Straße zog, in der sich das Hotel befindet, wurde schwer verletzt aus den Trümmern geborgen. Er starb auf dem Wege ins Krankenhaus. Außer ihm wurden 7 Personen schwer verletzt und ins Krankenhaus einge
liefert. Einer von ihnen liegt im Sterben. In den Krankenhäusern befinden sich weitere 32 Leichtverletzte, außerdem 11 verletzte Feuerwehrleute.
Ueber die Ursache der Explosion ließ sich nur feststellen, daß es sich um keine Gas- oder Kesselexplosion handelt. Die Explosion erfolgte in dem Hotelzimmer Nr. 7, in dem ein Angestellter Bauer aus Mährisch- Ostrau mit Frau und Mnd wohnte. Es wurde festgestellt, daß es sich offenbar um einen fingierten Namen handelt. Bauer befindet sich weder unter den Verletzten, noch sah ihn jemand das Haus verlassen. Er dürfte sich mit Frau und Kind unter den noch nicht geborgenen Toten befinden.
Franz Seldte zum SA-Obergruppensührer ernannt.
Berlin, 81. Juli.
Der oberste Stabschef der SA, Röhm, hat unter dem 28. dieses Monats folgendes Telegramm an Reichsarbeitsminister Seldte gesandt: Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß Sie der Führer heute mit dem Dienstgrad eines SA-Obergrup. penführers unter Zuteilung zum Stäbe des obersten SA-Führers beliehen hat.
Vom Frontgeist zum VottSgeift
Zum 2. August.
Die Revolution ist beendet, der politische Machtkampf ist abgeschlossen. Der Steg ist vollkommen. Erobert ist das Land, erobert ist das Volk, erobert ist der Staat. Deutschland ist nationalsozialistisch, nichts anderes mehr.
In keinem Kulturstaat der ganzen Erde sind Marxismus und Parteiwesen so restlos mit Stumpf und Stil ausgerottet worden wie bet uns. Freilich, auch kein anderes Volk hatte so unter dem Parteienstaat zu leiden.
Der neue Mensch, der im Feuerkessel des Weltkrieges umgeschmolzen und umgeschichtet wurde, der, lange unbestimmbar in seiner Form und in seinem Inhalt, in allen Völkern der Erde hochdrängte, ist zuerst im deutschen Volk zum Durchbruch gekommen.
Es ist der neue Mensch, oer den toten Mechanismus seines Staates zu einem lebendigen Organismus formt mit dem ausschließlichen Zweck: einer höheren Idee zu dienen. Der Mensch, der, wie Adolf Hitler es an einer Stelle seines Buches „Mein Kamps" ausdrückt, sie Aufgabe der Erhaltung und Förderung eines durch die Güte des Allmächtigen Organismus formt mit dem ausschließ- schentums als seine wahrhaft hohe Mission ansieht.
Es hat dieser neue Mensch nichts mit dem Pazifismus zu tun, der unser Volk wie kaum ein anderes unterhöhlte. Denn dieser Pazifismus war natur- und vernunftswidrig. Er wurde nicht getragen von einer großen heiligen Idee versöhnenden Menschentums, sondern war nur die geschme-lige Waffe derer, die nicht mehr wollten, dcU es ein deutsches Volk noch auf der Erde gäbe — weil sie die innere Tüchtigkeit des deutschen Volkes in ihrem materialistischen Konkurrenzkampf fürchteten.
Die pazifistisch-humane Idee dieser neuen Menschen geht nicht von der Zerstörung der eigenen Nation aus, sondern im Gegenteil: von ihrer vollkommenen Stärkung. Nur ein Volk, daß rassisch und verwurzelt mit der Urkraft seines Bodens sauber und stark dasteht, kann anderen Völkern Vorbild werden und ohne schädliche Auswirkung die Mission übernehmen, das Menschentum der Gesamtheit hinaufzuentwickeln, um ihm den Weg zum höheren Dasein und damit zum Frieden undzumGlückzubahnen.
In den langen, bitteren Kriegsjahren hat uns Frontkämpfer eigentlich letzten Endes nur allein dieser Gedanke beseelt. Es war wahrhaftig nicht die Lust am Nur-Kämpfen, die 13 Millionen Deutsche in den feldgrauen Rock steckte und Waffen einem Frontheere in die Hand gab, das mit unendlich zäher Verbitterung um jede Handbreit Boden rang.
Als wir 1914/15 auszogen und Sieg an Sieg reihten, da war dies für viele zunächst nichts anderes als heilige Begeisterung und Vaterlandsliebe. Das aber hätte in den Jahren 1916 bis 1918, als die Materialschlachten grausame Lücken in die Reihen der Kämpfer nssen und wachen- und monatelang um zer- fleoderte Bodenstücke gerungen wurde, allein nicht mehr ausgereicht. Denn wie vielen war doch „Vaterlandsliebe" an sich etwas Unbe- grerfbares, und die „Begeisterung" war nicht
Testspiele 1933
Bayrruth, 28. Juli.
8.
„Parsifal".
Die deutsche Öffentlichkeit vor 1933 würbe uns nicht verstanden haben, wenn wir aus Anlaß dieses Bayreuther Parsifal uns auf das schmerzlichste beklagen und einer tiefen Besorgnis Ausdruck geben, daß für eine geistig-revolutionäre, entschlossene und großzügige Sicherstellung des Führerprinzips im Kunstgestalterischen noch keine Möglichkeiten gefunden werden konnten.
Wir haben <ber den Mut, zu hoffen, daß eins offenherzige und freimütige kritische Spiegelung des zwiespältigen und schwankenden Bayreuther Erneuerungsversuches dazu beitragen möge, die Dinge nach dieser Richtung hin in Fluß zu bringen.
Es wirkt ein wenig wie Furcht vor dem eigenen Mut, wenn man sich neben den etwas naiven unk kurzsichtigen szenischen Neufassungen der „Meistersinger" und des „Ringes" an eine Erneuerung des „Parsifal" nicht herangewagt hat. Waren im ersteren Falle die Zugeständnisse an die Erfordernisse des Geschmackes eines neuen Zeitalters nicht frei von Flachheit und Unkühnheit, so kann man im letzteren Falle rechtens von einem ängstlichen und unsicheren Ausweichen sprechen. Wir können es nicht anders nennen, wenn man einen Akt der Pietät damit zu tun glaubt, in diesem Wagner-Gedenkjahr den „Per- sifal" noch einmal im historischen Rahmen der ersten Aufführung zu des Meisters Lebzeiten herauszustellen. Es ist ein Standpunkt möglich, von dem aus dies durchaus nicht als eine Tat der Ehrfurcht erscheinen will und kann. Wir sind auf Widerspruch gefaßt. Aber wir begegnen ihm mit dem ernsten und harten Hinweis, daß wir nicht für Personen, sondern für eine Sache kämpfen.
Wir brechen aus, was ist.
Tatsache ist 'algendes:
Der Genius Richard Wagners liegt angefangen und beschlossen in der Niederschrift der Partituren. Die Zeitlosigkeit, die ewige Gültigkeit der großen
schöpferischen Persönlichkeit, dir ihre Werke weit hinaus in die nach ihr kommenden Jahrhunderte hineinschleudert, wie der sterbende Gladiator seine Waffe in die Schar der Feinde (das Bild stammt von Schopenhauer) — diese Zeitlosigkeit gilt nur für die von keiner bühnenmäßigen Aufführung j e m a l s erreichbaren, nur der Phantasie v orstellbaren Jdealgestalt. Die theatralische Verwirklichung, die der Mensch Richard Wagner, zsitgebunden, unentrinnbar hineingeboren in eine Periode tiefsten bildkünstlerischen Ungejchmacks, bedrängt von Geldsorgen und tausend hart im Raum sich stoßenden Sachen seinen Werken bereiten konnte — diese theatralische Verwirklichung aus der Barbarei der Ma- kartzeit, des Niedergangs der sogenannten Gründerjahre nach dem Kriege 1870-71, kann heute keine wie immer geartete Gültigkeit mehr haben. Wer uns in diesem logisch klar nachprüfbaren Gedankengang nicht folgen will oder kann, der sei überzeugt durch den Hinweis auf des Meisters eigenes Geständnis, laut welchem auch die verhältnismäßig „beste" Aufführung in ihm die qualvollste Unbefriedigung hinterlassen, die er aber selbst den besten Freunden verschweigen müsse, um nicht als voll Wahnsinniger zu gelten... Das sagt wohl genug!
Grundsätzlich kann es heute keinem Zweifel mehr unterliege, daß die steile gotische Ueberwirk- lichkeit der Wagnerschen Werke an sich völlig unvereinbar ist mit dem kleinlichen Naturalismus von imitiertem Fclsgeröll, angeklebten Baumblättern und Schützenfcstgirlanden auf der Szene überlebensgroßer Geschehnisse. Mag es immerhin in den Frühwerken sowie in den „Meistersingern" und im „Ring" umstritten bleiben, ob Stilbühnen-LLsungen so glücklicher Art jemals gefunden werden können, daß auf einen Naturalismus höherer Ebene und edleren Geschmackes ganz verzichtet werden kann: — beim „Tristan" und „Parsifal" ist die stilistische Diskrepanz zwischen Domhöhe der Werke und Plattheit der Szene heute schlechterdings nicht mehr zu ertragen. . .
Und selbst wenn im Falle „Tristan" eine gewisse Realität der Geschehnisse noch geltend gemacht werden
kann, so ist das Unwirkliche, Gleichnishafte der Vorgänge im „Parsifal" für jedes feinere Empfinden völlig offensichtlich. Der Gralstempel, der verwunschene Waldsee, die Karfreitagswiese, die Wandeldekoration, Klingsors Zauberhöhle, der Zaubergarten — das alles sind, können nur sein Gebilde einer Traum- und Märchenwelt. Wenn man bedenkt, welche Fülle szenischer Lösungen für derartige Dinge die neuzeitliche Bühnenkunst und Bühnentechnik aus schlechten Anlässen schon dargeboten hat, dann ist es auf keine Weise zu rechtfertigen, daß die ohnedies so erschütterte und verwirrte öffentliche Urteilskraft in Kunstdingen durch solche Verlegenheitslösung in Bay- reuth im Wagnerjahre 1933 einer Ratlosigkeit preisgegeben wird, welche den Begriff der Deutschheit im Geistigen vielleicht auf lange hinaus falsch betont...
Besonders die ungebrochene, aufgeschlossene Empfängniskraft der Jugend kann dadurch verbogen werden...
Wir wiederholen: es geht nicht um Personen, sondern um die Sache. Es geht so wenig für Personen wie gegen Personen. Es gibt nur ein „für", und das gilt dieser Sache der Verankerung des großen politischen Umbruchs in einer brausend- frischen deutschen Geistigkeit.
... Daniela Thode, die Witwe des sympathischen Kunsthistorikers, des Apostels Hans Thomas, die Tochter Cosima Liszt's und Hans von Bülow's, die als Amatrurin die Spielleitung dieses „Parsifal" hatte, ist uns gewiß ebenso liebenswert und vereh- rungswürdig wie es für uns die Witwe Siegfrid Wagners ist. Aber wenn wir uns auf das Führerprinzip, das in der allgemeinen Volksleitung und -erziehung jetzt und für Jahrhunderte in Deutschland gilt, berufen dürfen — und das dürfen wir — auf dem Grundsatz der strengsten Auslese der fachlich Bestbefähigten, dann müssen wir uns im Namen der heiligen Sache erlauben, hier von Dilettantismus zu sprechen.
Da, wo Fachleute am Werke waren, im Musikalischen, darf die kritische Betrachtung sich erlöst zurücklehnen und ausruhen... Die'überlegene Reife und aufwandlose Weisheit Richard Strauß'scher Stabführung ist bekannt. Aber solche einheitlichen, monumental gespannten, innerlich ausgefüllten Bögen,
unter deren erhabener geistiger Bindung ein jedes Instrument sich völlig frei und gelöst musikantisch ausleben kann, hat selbst Strauß noch nie gegeben... Ein geräuschloses, vornehm-unbetontes, innerliches, schlicht-selbstverständliches Kunst wollen wird d:rz und knapp in das ungeheuerste Können umgesetzt. Bayreuthischer im inner st en Sinne ist seit langen Jahren nie etwas gewesen, als dieser „Parsifal" Strauß', welcher seit einem Menschenalter nicht mehr auf Bayreuths Boden geweilt hat.
Ungemein glücklich, und auf einsamer Festspielhöhe stehend, ist diesmal auch die solistische Besetzung. Allen voran der Gurnemanz des Norwegers Jvar Andresen, der in einer ganz seltenen Synthese von blühendem italienischem Schöngesang und Plastischer kerndeutscher 'Sprachbehandlung die langatmigen, expositionellen, Predigthaften Feiergesänge des 1. Aktes zu fesselnder bluthafter Lebendigkeit zwingt. Der Berichterstatter, der Andrssen, wie die Mehrzahl aller deutschen Theaterleute, von langer Hand her persönlich kennt, kann es sich nicht versagen, an dem Beispiel dieses wohlbeleibten, unbekümmert und sehr irdisch-genießerischen Norwegers aufzuzeigen, wie sehr es doch eben im Künstlerischen fast nur auf blutmäßig-triebhaft gewachsenes Können ankommt und eben nicht, oder kaum, aus irgendein fanatisches verkrampftes Wollen . . . So mancher ehrlich-eifrige, weiß Gott wie vergeistigte Sänger quält sich mit einer weniger sinnlich-blühenden Stimme an dieser Rolle ab und langweilt uns, während dieser nordische Sohn spielend alles glaubhaft macht: die Askese, dir Herzensfrömmigkeit, die väterliche Güte...
Sehr, sehr glücklich ist auch die Besetzung des Am- sortas mit SchluSnus. Erstens deshalb, weil bei der Darstellung durch einen, meist auch körperlich robusten Heldenbariton immer etwas Peinliches in die Rolle hineinkommt. Der Anblick und das Anhören eines leiblich und stimmlich kraftstrotzenden Tod- wunden wirkt hier darum besonders beschämend, ja unkeusch, weil so ausdrücklich und wiederholt von -der Ursache dieses Leidens, dem geistigen Hochverrat in Weibesarmen die Rede ist... Die erwähnte Un- Wirklichkeit oder Ueberwirklichkeit der Vorgänge, die
szenisch und regiemäßig so hilflos ungestaltet blieb, wurde nun in etwas durch diese Besetzung doch noch gestaltet: der nicht robuste Körper von Heinrich Schlusnus, sein höchst besonnener, kunstverständiger Verzicht auf letzte Krastentfaltung in den Ausbrüchen, sein weicher, alle Leidenschaft stilistisch verklärender Schöngesang, legte wohltuend diesen Märchenschleier von Unwirklichkeit über die Dinge, welchen die Szene vermissen ließ.
Volle Illusion gab auch Fritz Wolfs in Erscheinung und Berinnerlichung. Da der „Parsifal" fast baritonal tief geschrieben ist, verschlug es nicht allzuviel, daß Wolfs nicht so ganz typisch den weiß-silbernen strahlenden Tenorglanz hat.
Für Frieda Leide rs Kundry gilt in vollem Umfange das von Schlusnus' Amfortas gesagte: auch sie nimmt weisen Abstand von wild-leidenschaftlicher Dramatik, die alles zu deutlich und wirklich machen würde. Wo käme die Zaubergartenszene auch hin, wenn die Verführungsszene ohne den Stilschleier des Allegorisch-Gleichnishaften gestaltet werden sollte? Es müßten dann unweigerlich bühnenbildnerisch und kostümlich Folgerungen von voller Ernsthaftigkeit des Schwülen gezogen werden, die zwar an sich künstlerisch hier erlaubt und von stärkster dramatischer Wirkung wären, die aber die abgeklärte kunstwsihliche stilistische Gesamthaltung des Werkes, welche sein innerstes Wesen ausmacht, zerstören müßten. — Deshalb ist diese vornehme kultiviert drüberstehend singend« Kundry der Frau Leider eine ganz reife Kunstangelegenheit...
Gotthold Ditter, freilich nicht in einem Atem mit Schlusnus und der Leider zu nennen, singt und spielt die ausgefallene Spezialrolle des Klingsor immerhin so, daß einigermaßen das entsteht, was gedacht' ist. Erst in einem szenischen Rahmen und bei einer Spielleitung, die den Riosendom der Töne auch im optischen Gleichnis der entsprechenden Büh« nenformm und -färben aufzuzeigen vermöchten, wären auch hinsichtlich solcher, nicht unbedingt tragender Rollen allerdings noch Forderungen zu stellen, über die gelegentlich der Besprechung des „Ring" noch Näheres zu sagen ist-
?r< klart» k^äex»,