Ausgabe 
(19.7.1933) Nr. 190
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Nr. 190. Jahrgang 1933

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Das AmMoke t>raarr dos Serrsls der ^rererr Breraerv

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Veemen. Mittwoch, den 19. Juli 193 L Einzelpreis 15 vig.

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M-ilale Sparmatzuahmen in -er kommmwlen Verwaltn«-

Äürgermerstsr lkeiner Stüdie sollen nach Möglichlett ehrenamtlich ardeiten

Vor einem eumSnifch- ital enischen Vertrag

Berlin, 18. Juli.

Die Verlängerung des italienisch-rumänischen Freundschaftsvertrages um ein halbes Jahr fällt in eine Zeit der politischen Umschichtung auf 'dem Balkan und in Osteuropa, die die volle Aufmerk- samkeit der italienischen Diplomatie in Anspruch nehmen. Sie beweist, daß auch heute.die Interessen der in der Kleinen Entente zusammengeschlossenen drei Länder nicht ganz parallel laufen. Rumänien ist zwar ebenso wie Südslawien und die Tschecho- slowakei auf Kosten Ungarns durch die Friedens. Verträge stark vergrößert worden und hat deshalb mit diesen Ländern eine gemeinsame Frontstellung ^ gegen den ungarischen Revisionismus. Es hat aber andererseits besondere politische, wirtschaftliche und militärische Interessen, die sich aus seiner NüH-> barschaft zu Rußland ergeben und ihm in der gesamt, europäischen Politik eine besondere Bedeu- tung sichern. So gehört Bukarest nicht mehr zur französischen Interessensphäre, sondern es liegt auch innerhalb des italienischen Systems, das dem- fran-- zösischen Einfluß an der Donau und auf dem Balkan entgegenarbeitet. Während die italienischen Verträge mit der Tschechoslowakei und Jugoslawien seit Jahren verfallen sind, ist der Vertrag mit Rumänien bisher stets erneuert worden, obwohl die Beziehungen zwischen Italien und Rumänien starken Belastungs- proben ausgesetzt waren. Der Mussolinipakt würde in Rumänien als ausgesprochene Unfreundlichkeit be. trachtet und umgekehrt richtete die italienische Presse heftige Angriffe gegen den rumänischen Außen- minister, als er in London' und Paris gegen diesen Pakt arbeitete. Die' kurzfristige Verlängerung des Freundschaftsvertrages zeigt, daß man im Augenblick auf beiden Seiten keinen bertragslosen Zustand, will, den Inhalt aber für a.bänder.ungsbedürftig hält.

Auch in der englischen Presse wird heute darauf hingewiesen, daß gewisse Bestimmungen dieses Der- träges kaum mit der Revistonstendenz des Visr- mächtepaktes in Einklang zu bringen seien. Gleich­zeitig werden Vermutungen darüber angestellt, ob erfolgreiche Verhandlungen über einen'neuen' itali­enisch.rumänischen Vertrag dir Grundlage zu einer Annäherung zwischen .Italien und der Kleinen Entente überhaupt bilden würdet?. Aus alle Fälle ist ; es verständlich, 'daß Italien seine Position zum Gegenteile Europas zu verstärken sucht,-um bei der Auseinandersetzung über die Donaufrage seinen Ein­fluß wirksam geltend machen zu können.

VeeftüMgimg mit ösn Domu- limdern über Geire deausMe

London, 18. Juli.

Wie Reuter erfährt, ist man auf der Weltwirt­schaftskonferenz mit den Donäuländern zu einem Einvernehmen über die Ausfuhr von Brotgetreide' gelangt. Die Ausfuhrmenge ist auf '54 Millionen Scheffel im ersten Jahre und auf 50 Millionen im darauffolgenden Jahre beschränkt worden. Der ame­rikanische Delegierte Morgenthau sprach seine Befriedigung über die erzielte Verständigung aus und sagte, er vertraue darauf, daß ein ähnliches Abkommen auch mit der Sowjetunion zustande- kommen werde. Der Gctreideausschuß trat heute nachmittag zu einer Sitzung mit den Vertretern aller europäischen Getreideausfuhrländer zusammen.

B e r l i n, 18. Juli.

Das Gesetz zur Erzielung weiterer Ersparnisse in der gemeindlichen Verwaltung vom April ds. Js. ist durch ein neues Gesetz in einer Reihe von wich» itigen Punkten abgeändert worden. Aus den Aus­führungsbestimmungen zu diesem Gesetz teilt der Amtliche Preußische Pressedienst folgendes mit:

Durch Gesetz zur Erzielung weiterer Ersparnisse ,in der gemeindlichen Verwaltung vom 6. April ds. Js. ist bestimmt worden, daß in Stadtgemeinden bis zu 10 000 Einwohnern die Stelle des Bürger- > Meisters, der Mitglieder des Gemeindevorstandes und der Beigeordneten

grundsätzlich ehrenamtlich zu verwalten sind.

i Umfang und Schwierigkeit der Verwaltungsgeschäft'e, vor allem aber die Notwendigkeit restloser persön­licher Unabhängigkeit erfordern es aber in der Regel, daß auch in Städten unter 10 000 Einwohnern die Stelle des Bürgermeisters oder eine andere lei­tende -Stelle hauptamtlich und besoldet verwaltet wird.

Das Abänderung^gesetz sieht daher vor, daß in Stadtgemeinden, mit .nicht mehr als 10000 Ein­wohnern die Stelle des Bürgermeisters oder eines

Berlin, 18. Juli.

Zum ersten Male fand am Dienstag nachmittag eine kulturpolitische Presse­konferenz im Reichsministerium kür Volksausklärung Und Propaganda statt.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein Vertrag des Referenten Dr. Badder in seinen Ausführungen die Aufgaben des deutschen Feuilletons umriß. Er führte un­ter anderem aus,, daß während der letzten 14 Jahre die kulturpolitische 'Pericht- erstatiung, das Feuilleton, im Verhältnis zur politischien und wirtschaftlichen' Bericht­erstattung gerade bei der Rechtspresse zu kurz gekommen sei- Mit der Revolution der natio- i len Erhebung sei jetzt, wo sie in eine Evo­lution übergeleitet ist, auch dem Feuilleton ein neuer Weg gewiesen.

Gerade das Feuilleton habe die hohe Aufgabe erhalten, an der Arbeit,

> den neuen deutschen Menschen zu schassen, tatkräftig mitzuwirken.

Dafür fei die Buchbesprechung besonders wichtig. Der Vortragende verwies in dieser Verbindung auf die französische Kulturpolitik, die geradezu mustergültig genannt werden könne. .' '

Er würde es begrüßen, wenn z. B jähr-

Beigeordneten (Stadtrat, Ratsherren) hauptamtlich - und besoldet zu verwalten sind,

diese Regelung soll jedoch die an sich wünschens­werte stärkere Einschaltung des ehrenamtlichen Elementes in die Gemeindeverwaltungen dort nicht hindern, wo Umfang und Eigenart der Verwaltungsgcschäste ein« ehrenamtliche Ver­waltung als ausreichend erscheinen lassen.

.In derartigen Fällen kann durch Ortsstatut be­stimmt werden, daß-auch die oben genannten Stel­len ehrenamtlich verwaltet werden. Damit bleibt namentlich für die kleineren Städte die Möglichkeit offen, zu der billigeren ehrenanitlichen Verwaltung überzugehen oder sie beizubehalten.

Kommt in Fällen, in denen gegen die ehrenamt­liche Verwaltung Bedenken nicht bestehen, eine Orts­satzung nicht zustande, so wird es den Aufsichts­behörden znr Pflicht gemacht diese ersatzweise zu erlassen. -

Durch Gesetz vom S. April 1933 war ferner die Einrichtung besoldeter leitender Stellen in Landge­meinden und in rheinisch-westfälischen Aemtern mit nicht mehr als 3000 Einwohnern gänzlich ausge­schlossen worden. Es hat sich jedoch gezeigt, daß in

lich ein Wettbewerb unter den Blättern aus­geschrieben würde, durch welchen festgestellt werden sollte, welches Blatt das beste Buch eines unbekannten beütchen Dichters be­sprochen und der Öffentlichkeit vermittelt habe. Selbstverständlich müßten an der gleichen Linie Filme besprochen werden So wie der politische Philister von der Bühne verschwunden ist, so müsse auch endlich der „Kulturphilister" von ihr abtreten, i Ein großer Fehler sei insofern gut- zumachen, als sich hie kulturpolitische Berichterstattung der jungen Gene- ration künftig mehr anzunehmen habe, alS dies bisher der Fall war.

Es sei ein Verdienst der national­sozialistischen Presse, in den letzten Jahren junge Künstler, junge Auto ren der Öffentlichkeit vorgestellt zu haben

Freie MnMeeMgkit auch für Au sländer gestattet

Staatskommissar Hinkel von den Künstlern.

Berlin, 18. Juli.

Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt u. a. mit:

Um jedwedem Mißverständnis und verwirrenden Gerüchten, die meist von deutsch-feindlichen Personen

besonders gelagerten Fällen auch für einzelne dieser Gemeinden und Gemeindeverbände eine Hauptamt- liche Verwaltung unentbehrlich sem kann. Das gilt in erster Lnie für Kurorte und Badeorte, in denen die Gemeindeverwaltungsgeschäfte die Arbeitskraft einer geeigneten Persönlichkeit restlos in Anspruch nehmen. Aus diesem Grunde ist durch das Aende'rungsgesetz diese Bestimmung aufgehoben worden.

Dadurch wird, wie schon bisher den Landgemein­den und Aemtern von mehr als 3000—10000 Ein­wohnern so auch den Landgemeinden und Aemtern mit nicbj mehr als 3000 Einwohnern die Möglichkeit eröffnet, auf Grund einer genehmigungspflichtigen Ortssahung den Gemeindevorsteher oder einen Schöffen hauptamtlich und besoldet anzustellen.

Um zu verhindern, daß von dieser nur für ganz besonders gelagerte Ausnahmesälle gedachten Mög- lchleit in zu weitgehendem Umfange Gebrauch ge­macht wird, werden die Aufsichtsbehörden angewiesen, Anträge aus Genehmigung derartiger Ortssatzunge« in denjenigen Fällen, in denen selbst nach gewissen­hafter Prüfung die Einrichtung einer hauptamtlichen Verwaltung sür unabweisbar geboten halten, vor Ausspruch der Genehmigung dem Minister zur Ent­scheidung vorzulegen.

außerhalb unserer staatlichen Grenzen ausgestreut, bezw. verursacht werden, entgegenzutreten, fand im preußischen Kultusministerium unter dem Vorsitz des Staatskommissars Hinkel eine Aussprache statt, zu der die Vertreter der bisherigen deutschen Musiker­verbände, des „Ausschusses sür das deutsche Konzert- wesen", des „Reichskartell der Musikerschast" und der Gruppe Musik des „Kampfbund für deutsche Kultur" erschienen waren. Als Ergebnis dieser gründlichen Aussprache wurde von Staatskommissar Hinkel fol­gendes festgestellt:

Die Bestimmungen und Absichten, den berufSstän- dischen Aufbau betreffend, berühren nicht die gründ- fätzlichen Richtlinien des bekannten preußischen Kon- zerterlasses, dem sich der Herr Reichsminister Dr. Goebbels für sein Ministerium vollinhaltlich anschloß. In Preußen soll und kann jeder freischaffende be­rufene Künstler, gleich welcher Nationalität, zu Worte kommen. Der berussständische Aufbau der deutschen Musikerschaft (im Rahmen der Arbeitsfront) wird sich nicht dagegenstellen.

Dir künstlerische Betätigung von Ausländern und Nichtariern in den freien Berufen der Kunst soll also — abgesehen von den gesetzlichen Bestimmungen des Beamtenrschts — keineswegs verhindert werden. —

Der deutsche Gruß bei den LandesarbeitSämtem

Berlin, 18. Juli.

Der Präsident der ReichSanstalt für Arbeitsver­mittlung und Arbeitslosenversicherung hat an die ihm unterstellten Landesarbeitsämter und Arbeit?, ämter einen-Erlaß herausgegeben, den deutschenGrnß als Ausdruck des Genie,ngeisteS anzuwenden.

Am Sonntag Mr den evange­lischen Christen WahlMcht

Berlin, 18. Juli.

Deutscher evangelischer Christ! Am Sonn­tag, 23. Juli 1933, sollst Du die Männer Deines Vertrauens zur Führung Deiner Kirche wählen. Der Führer selbst hat Dich znr Wahl aufgerufen! Er erwartet von Dir, daß Du deine Stimme abgibst! Anspruch aus Deine Stimme haben nur Volksgenossen, die sich vorbehaltlos zum Dritten Reich bekennen.

Beachte folgendes znr Wahl!

Wer darf wählen? Wählen können alle männlichen und weiblichen Gemeindemitglie­der, die am Wahltage das 24. Lebensjahr vollendet haben und in den kirchlichen Wäh­lerlisten ihrer Gemeinde eingetragen sind.

Wer nicht in die Kirchenwählerliste ein­getragen ist, muß dies schriftlich bis zum 20. Juli, nachmittags 3 Uhr, beantragen. Je­des Pfarramt gibt kostenlos entsprechend« Vordrucke aus. Wer sich nicht bis zum vor­geschriebenen Termin hat eintragen lassen, kann nicht wählen.

Wann wird gewählt? Gewählt wird am Sonntag, 23. Juli, im Anschluß an dem Hauptgottesdienst, bis nachmittags 6 Uhr. Die genauen Wahltermine und den Wahlort gibt jede Kirchengemeinde durch Anschlag bekannt.

Wie kann der Urlauber wählen? Vorüber­gehend Abwesende können ihre Stimme durch ein wahlberechtigtes Mitglied ihrer Kirchen­gemeinde abgeben lassen, welchem sie Voll­macht erteilen müssen. Die Vollmacht mntz von einer amtlichen Stelle, auch vom Pfarrer beglaubigt sein. Die Beglaubigung erfolgt kostenlos. d

Ein Aufruf Rudolf Hetz' zur bevorstehenden Kirchenwahl

München, 18. Juli.

Rudolf Heß erläßt folgenden Aufruf:

„Achtung! Kirchenwahleu! Nationalsozia­listen! Jeder, der sich zur nationalsozialisti­schen Weltanschauung bekennt, hat sich btS spätestens 20. Juli 1933 in die Wahllisten für die bevorstehenden Kirchenwahlen einzu­tragen. Die Wahllisten liegen bei den Kirchengemeinden aus. Die Beteiligung an der Wahl ist Pflicht".

Adolf Hitler und die Deutschen Christen München, 18 Juli.

Die Kanzlei Adolf Hitlers teilt mit: Di« von mehreren Seiten, u. a. durch Flugblätter, verbreitete Behauptung, Adolf Hitler hab« sich von den Deutschen Christen losgesagt, entspricht in keiner Weise den Tatsachen.

Der Parteitag der NSDAV alljährlich in Nürnberg

Nürnberg, 18. Juli.

Zu dem Besuch d«S Reichskanzlers Wolf Hitler in Nürnberg ist noch nachzutragen, baß der Reichs­kanzler bei seiner Verabschiedung von dem Franken- führer Julius Streicher äußerte, daß von nun ab dir alljährlichen Parteitage der NSDAP. nur in Nürn­berg stattfinden sollen.

Sie erste lusttirpolilstche Pressekonferenz im AeiÄspeopaganda-MntsteriUlN

Der seliwarLS 8ir

kesuck bei 6em kükret

Das hochbeinige Vorkriegsmodell von Autodroschke,. wie so vieles im konservativen England ein Stück längst vergangener Zeiten, fährt klappernd am Buckingham-Palast vorbei in Richtung zum Victo­ria-Bahnhof. Dort, im wenig reizvollen Südwesten des Londoner Häusermeeres, hält sie an. Grosvenor Place Nr. 9: wir sind am Ziel.

An dem ziemlich kleinen Hause, das ehemals ein Ladengeschäft beherbergt haben wird, steht in weit- hin sichtbaren Buchstaben: British Union of F a s- cists. Im Schaufenster hängt ausgebreitet die Union Jack, Englands Nationalflagge. Am Eingang stehen hochgewachsene Gestalten im schwarzen Hemd und grauer Hose.

Unser Besuch wurde erwartet. So fand die erste Begrüßung bereits am Eingang statt. Die britischen Faschisten nahmen militärische Haltung an, und mit einem Ruck flog die Hand zum Faschistengruß hoch. Wir antworteten mit unserem Hitler-Gruß- Die­selbe Bewegung, derselbe Gruß. Sind diese britischen Cchwarzhemden etwa auch Nationalsozialisten? Ist auch ihr Führer Adolf Hitler? Nein, sie sind Briten. Hundertprozentige Briten. Nationalbewußter noch als alle englischen Labour-Parteiler und Liberalen. Aber der Geist verbindet uns. Die hohe Achtung vor dem nationalen Empfinden des anderen ist das Unterpfand gegenseitiger Ritterlichkeit und Kamerad­schaftlichkeit. Ein äußeres Zeichen dafür ist unser gemeinsamer Gruß.

Wir bleiben zunächst einige Minuten im Sprech­zimmer, wo die Aufnahme neuer Mitglieder erfolgt. Einzelne der Schwarzhemden sind an Schreibtischen beschäftigt, andere unterhalten sich mit uns, herzlich,; lameradschaftlich, als wenn es unsere Parteigenossen wären. Die Sprache macht nur wenig Schwierig­keiten. Wir helfen uns gegenseitig. Und außerdem: wir verstehen uns auch 'schon ohne viele Worte.

Der Führer hat seine Besprechung beendet und läzi uns zu sich bitten. Eine schmale Treppe geht es hinaus. Ucberall sind Gestalten in schwarzen Hemden. Jeder hebt die Hand zu seinem, zu unserem Gruß. Man möchte am liebsten jedem einzelnen

6er britischen ksscbisten

noch die Hand schütteln, ein paar Worte an ihn richten. Dann treten wir in das Zimmer des Füh­rers. Vor uns steht Sir Oswald Mosleh, der Grün­der und Chef der „British Union of Fascists",' im Halbkreis umgeben von zehn seiner Unterführer, mit denen er soeben eine Besprechung zu Ende geführt' hat.

Der Führer der britischen Faschisten ist groß und schlank. Seine sehnige Gestalt hat mindestens Garde-' Maß. Die ganze Erscheinung wirkt schwarz. Schwarz ist das dichte, leichtgewellte Haupthaar und der flotte Schnurrbart. Das schwarze Hemd liegt eng. am Kör­per, wie bei einem Florettfechter. Auch seine langen Hosen sind schwarz, zum Unterschied von den grauen Beinkleidern der anderen. Nur drei farbige Kriegs­auszeichnungen und das goldene Liktorenbündel heben sich von dem dunklen Untergrund der Brust abi —

Sir Oswald ist am 16. November 1893 geboren. Auf- dem Winchester College erhielt er eine ausge­zeichnete Erziehung. Nachdem er die Offiziersschule von, Sandhurst besucht hatte, trat er in das be­rühmte Regiment der 16. Lancers (Ulanen) ein und kämpfte in dieser Truppe während des ganzen Krie­ges mit mehrfacher Auszeichnung aus dem französi­schen Kriegsschauplatz. Nach dem Kriege wurde er, kaum 22 Jahre alt, in das Unterhaus gewählt. Er war zunächst Konservativer, dann UnaMngiger, seit 1924 Labour-Dbgeordneter. Nach den Frühjahrs­wahlen von 1929 wurde der 32jährige als Kanzler sür Lancastcr in das Kabinett Mac Donald aufge­nommen, mit der besonderen Ausgabe, die Arbcits- losigkeit zu bekämpfen. Ein Jahr später schied er aus der Regierung und aus der Labour-Partei auS, weil er die vom Kabinett beschlossene Kürzung der Arbeitslosenunterstützung nicht glaubte verantworten zu können. Vor kurzem wurde ihm seine Frau, die schöne und geistvolle Tochter Lord Curzons, durch einen plötzlichen Tod entrissen.

Dieser Mann sprach uns jetzt mit der lächelnden- Miene einer feO>stöewußtin, ritterlichen Kämpser»

von seinem Werk und von seinen Zielen. Er berich­tete, daß die Mitgliederzahl ständig wachse. Daß bisher nur in den Industriezentren geworben sei, von nun ab aber vor allem auch die landwirtschaftlichen Gebiete bearbeitet werden sollten, wovon er sich einen großen Zuwachs versprach. Beachtliche Fortschritte würden in Nordirland und sogar im irischen Frei­staat erzielt. Die Jrländer seien geradezu der Typ tüchtiger Sturmtruppen, die er unbedingt brauche als Saalschutz und zur Bekämpfung per Kommuni­sten. In dem jetzigen-kleinen Parteiheim habe man nur vorläufig Unterkunft gefunden, nachdem sie aus dem vorigen hinausgeschmissen worden seien. Bald würden sie ein eigenes großes Haus haben, mit Gar­nisonräumen und Uebungsplätzen für die Schutz­truppen gegen die kommunistischen Ueberfälle. Sir Oswalds Vorbilder sind Mussolini und Adolf Hitler.

Ersteren sah er schon dreimal. Eine Abordnung der britischen Faschisten wurde in Rom von dem Duce und der italienischen faschistischen Partei offiziell begrüßt. Den deutschen Führer kennt er dagegen nicht. Fast hätte er Ministerpräsident Goering in Rom getroffen. Nur mit dem Prinzen von Hessen ist er bekannt.

Noch einmal versichert er uns, daß es sein innigster Wunsch ist, mit vielen deutschen Nationalsozialisten , zusammenzutreffen, und daß wir recht bald wieder zu ihm kommen sollten. Ein Ruck, der Faschtsten- gruß, und ein kräftiger Händedruck. Wir verlassen das trotz seiner spartanischen Einfachheit fürstliche Heim mit dem Gefühl, daß hier eine Bewegung am Werke ist, deren geistige Tragweite mit der nüch­ternen Zahl von etwa 50 000 bisherigen Mitgliedern nicht entfernt erfaßt werden kann.

80 stellt es in kraukreieli

In Frankreich herrscht das Parlament, die All­gewalt eigennütziger Abgeordneter und Senatoren. Die Regierung aber hat wenigstens eine hohe Trumphkarte in der Hand. Sie darf einmal im Jahr auf dem Verordnungswege das Parlament in die Ferien schicken.

Jedesmal im Monat Juli spielt sie diese Karte aus. Sie tut es stets mit einem Seufzer der Er- leichterung. Denn ihr Bestand ist nun wenigstens für einige Wochen gesichert. Sie hat ein wenig Muße, um endlich praktische Arbeit leisten zu können. Aber richtige Handlungsfreiheit besitzen sie trotzdem nicht. Auch während dieser „Ferien vom Parla­ment" muß sie sich nach dessen Wünschen richten. Oder sie läuft Gefahr, gleich am ersten Tage des Wiederzusammentritts im Herbst von mißgünstigen, nach Ministersesseln gierenden Krisenmachern gestürzt zu werden.

Sechs Monate lang hat sich der Ministerpräsident Daladier im Sattel zu halten vermocht. Das klingt französischen Ohren nach den Erfahrungen des letzten Winters fast wie ein Wunder. Die TageSarbeit de» bedauernswerten Regierungschefs erschöpfte sich nahe­

zu in der Abwehr sorgsam ausgeklügelter Jntrigen, die den Sturz seines Kabinetts herbeiführen sollten. Einer der eifrigsten bei dieser Wühlarbeit war der eifersüchtige Herriot. Um ein Haar wäre es ihm gelungen, seinem „Parteifreund" Daladier gelegent­lich der Kammeraussprache über den Viermächtepakt, der den polnischen Bundesgenossen verärgerte, ein Betn zu stellen. Doch der Ministerpräsident ist ein geschickter Politiker, der die geheimen Ränke und Schwächen seiner Parlamentskollegen mit Nutzen stu­diert hat. So blieb er in dem sechs Monate langen Kampf der Eifersüchte Sieger und erreichte glücklich das Kap der Guten Hoffnung parlamentssreier Re- gievuugsarbeit.

In dem Städtchen Apt, dem Apta Julia Caesars, lieblich am Couloir unweit Avignons gelegen, ver­sprach Daladier gute Führung während der Ferien­zeit. 1100 Würdenträger der radikalsozialen Partei waren zu einem üppigen Festmahl geladen, das auf dem Schulhof des Gymnasiums von Apt stattfand. Unter den Platanen brütete eine unheimliche Hitze. Die Tischgenossen saßen in HemdSSrmeln, bis auf die feierlichen Herren am Vorstandstisch. Im Ge­

büsch zirpten die Grillen. Die Stadtmustk spielte einen Tusch. Kurz, es war ein spießbürgerliches, idyllisches Fest.

In dieser erbaulichen Umgebung eröffnete Dala­dier der weinfrohen Tischgesellschaft, daß man mit Italien erfolgversprechende Verhandlungen beginnen werde, daß die neue Freundschaft mit der Sowjet­union bereits ausgezeichnete Ergebnisse gezeitigt habe, und daß die Beziehungen zu England und den Vereinigten Staaten trotz unbedeutender Meinungs­verschiedenheiten in Einzelfragen die allerbesten seien. Von Deutschland, von der brennenden Notwendigkeit einer offenen Aussprache über die deutsch-französi- schen Fragen kein Wort. Nur eine bösartige An­deutung: Gegenüber denjenigen Nationen, die sich in Abenteuer stürzten, würde das „junge" Frankreich kaltes Blut und volles Vertrauen tn den Wert Itbe- ralistischer Einrichtungen bewahren.

Inzwischen werden die Sozialisten zum zweiten Mal in diesem Jahre einen großen Parteitag ab- halten. Sie sind durch das jämmerliche Ende her Soztaldemokratie in Deutschland ganz aus der Fassung gebracht und wissen nun nicht, ob sie in der Regierung bleiben oder in die Opposition gehen sollen, um demselben Schicksal zu entgehen. Auf der einen Seite stehen der Parteiführer Lösn Blum, natürlich Jude, und der bei den letzten Wahlen durchgefallene Generalsekretär Faure, auf der an­deren Seite die „Abtrünnigen" von der „reinen" marxistischen Lehre, die nun der Bannstrahl des Par­teitages treffen soll. Der Anführer der letzteren, Renaudel, ein zweiter Scheidemann mit der ver­dorrten Hand, hat einst geschworen, daß er im Dienste der Partei „krepieren" werde. Jetzt droht er, sofort die Partei zu verlassen (natürlich ohne Aufgabe seines Abgeordneten-Mandats), wenn man Miene machen würde, ihm auch nur ein Haar zu krümmen. Für den Ministerpräsidenten ist der Aus- gang dieses FamalienstreiteS, der vielleicht aus «ine Spaltung hinausläuft, eine Existenzfrage. Die sozia­listische Partei mit ihrer Verschwendungssucht im In- nern und ihrem blinden Haß gegen das national­sozialistische Deutschland ist dem Regierungschef zwar ein Klotz am Bein bei allen Schritten. Aber er braucht ihre 130 Stimmen in der Kammer, wo so oft „Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet",