Ausgabe 
(11.7.1933) Nr. 182
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 182. Jahrgang 1933

Verlag. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Am Seeren. Sprech- stunden der Schriftleitung: Montag bis Freitag 18 bis 19 Ahr. Fernsprecher: Roland Nr. «27. — Die BNZ erscheint täglich morgens, nur am Montag mittags, und kostet monatlich m 2.30 ein­schließlich Botenlohn, durch die Pol, bezogen erhöht sich der Preis um 42 Zustellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu entrichten.

SremerkatwnMMMMeZenung

Das ArnMeke Oraarr dos Seirats des Hreieir Lranfektadr^VreraerT

Bremen, Diensrag. den 11. Juli 1933 Einzelpreis 15 Vsg.

Anzeigen: hiesige die 14 gespaltene mm--Zeile 0.10, auswärts 0.12; im Textteil Kl 0.50, auswärts 0.70; Stellengesuche und Familienanzeigen 0.06; sonstige lleine Anzeigen 0.08. Platz­vorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Betriebsstörung. Streik. Ver­bot u-s. w. hat der Bezieher keinen Anspruch auk Rückzahlung des Bezugspreises.

Sefterreich-migarilthe

Wirtsamlwvlän«

Der Wiener Besuch des ungar scheu Ministerpräsidenten Gömbös erinnert daran, daß unabhängig von den wechselnden Phasen der gesamteuropäischen Konstellation die ein­zelnen Nachfolgestaaten der Donaumonarchie ihre Sorgen und Interessen haben. Der «garische Ministerpräsident ist, wie auch sein vor einigen Wochen in Berlin erfolgten Be­such beweist, eifrig bemüht, die wirtschaft­liche Lage des ausgesprochenen Agrarlandes Ungarn durch Vereinbarungen mrt oen- stmigen Ländern, die -ls Abnehmer in Frage kommen können, zu verbessern. Seit Jahren wartet Ungarn vergeblich auf wirksame Hilfe derjenigen Staaten, die für die Grenz­ziehung von Trianon und damit für die be­sonders schwierige Lage des Landes ver­antwortlich sind. Vor drei Jahren hatte Deutschland durch seine Bereitschaft zu Präferenzverträgen mit den südostcuropäi- sehen Staaten, insbesondere mit Ungarn und Rumänien, eine Initiative ergriffen, die eine praktische Hilfeleistung für alle diese Staaten mit immer mehr schwindender wirtschistlicher und finanzieller Leistungsfähigkeit bedeutet hätte. Politische und wirtschaftspolitische Rivalitäten von den verschiedensten Seiten haben verhindert, daß dieser Gedanke sich so auswirkte, wie es notwendig gewesen wäre: Als ausgesprochene Vorzugsbehandlung einiger besonders gefährdeter Länder Die Konferenz von Stresa hat im vorigen Jahre versucht, diesen Präferenzgedanken mit dem politischen Mißtrauen Frankreichs gegenüber oem deutschen Einfluß im Donauraum auf eine ForTiel zu bringen, wodurch lediglich einige totgeborene Resolutionen zustande- kamen. Nun ist in diesem Jahre, wie es heißt, unter aktiver Förderung durch Italien der Gedanke eines engeren Anschlusses -wischen Oesterreich und Ungarn vertreten worden. Schon vor Wochen als dieser Gedanke in der tendenziösen Form einer Habsburger Restauration auftauchte wurde ein wirtschaftlicher Zusammenschluß befürwortet-

Auch jetzt scheint eine Wirtschaftsunion der beiden Länder das Ziel der Verhandlungen zwischen Oesterreich und Ungarn zu sein wo­bei man sich aber zweifellos darüber klar ist. daß diese Art von Zusammenschluß nur unter beträchtlichen Schwierigkeiten verwirk­licht werden könnte und auch dann noch nicht die wirkliche Lösung wäre. Es braucht nur daran erinnert zu werden, daß das Gutachten des Haager Gerichtshofes vom September 1931 eine Zollunion Oesterreichs mit einem »nderen Staat als Veräußerung der wirt­schaftlichen Selbständigkeit des Landes und rannt als unvereinbar mit dem neuerdings bestätigten Anleiheprotokoll von 1922 erklärt )at. Auf alle Fälle müßten, wie dies Göm- rös gestern schon angedeutet hat. die Be­ziehungen zur Kleinen Entente einer um­fassenden Regelung unterzogen werden wa­tet man auch wieder nicht vergessen dürfte, raß eine Art Wiederherstellung des wirt­schaftlichen Bestandes der Doppelmonarchie heute, nachdem im Gebiete der Nachfolge­staaten so erhebliche wirtschaftliche Ver­änderungen eingetreten sind, nur eine Summierung von Schwierigkeiten und für manche Teilnehmer ein ruinöses Experiment wäre.

Deutschlands Jugend als Träger der Revolution und der Zukunft

ViScounl Roihermerc. -er unentwegte Kämpfer für Deutschlands Gleich«

berechtign«« sieht unser Voll

lington, Nelson, alle hatten sie das volle Maß führ« gestattet, sich an die poutische DiW zu ihrer Verantwortlichkeiten mit 40 erreicht.

London, 11. Juli

Ich schreibe aus einem neuen Land, auf der Landkarte Europas. Es heißt Naziland.

Von allen historischen Wandlungen unserer Tage ist die Umformung Deutschlands unter Hitler die schnellste, vollkommenste und plötz­lichste gewesen. Diese Nation von 65 Mil­lionen steht hinter ihm, einig wie nie zuvor.

Seitdem vor 5 Monaten die Nazis die Macht erlangt haben, ist Deutschlands po­litische Struktur revolutioniert, seine Ver­fassung umgeformt worden, nnd seinem Volke wurde Krenzzugmut eingeflößt.

Etwas viel Bedeutungsvolleres als «ine neue Regierung ist inmitten der Deutschen erstanden. Eine plötzlich« Ausdehnung ihres NationalgefühlS ist eingetreten, wie damals rn England unter der Königin Elisabeth.

Die Jugend hat die BefehlSgewatt übernommen!

Ein Strom jungen Blutes belebt das Land neu. Der Fluß ist so stark in den entferntesten Kanälen des Nationallebens wie bei seinem Herzen.

Auf Besuch in Norddsutschland finde ich die Anzeichen des neuen Hitlergeistes ebenso offenbar in den entlegensten Dörfchen wie in den größten Städten. Ueber die kornbeladenen Felder. hinweg sieht man die Naziflagge auf den Dächern einsam liegender Landhäuser wehen. Fast jedes Fahrrad, dem man auf den langen geraden Landstraßen begegnet, trägt seinen Hakenkrenzwimpel, und durch die malerischen Gassen kleiner Landstädte schrei­ten die harten jungen Männer i« Braun­hemden, wie ihre braungekleideten Gehilfinnen und haben die Herrschaft über Deutschland von den untauglichen Aelteren übernommen.

Seit mehreren Jahren habe ich die Ent­wicklung dieser Bewegung sehr aufmerksam verfolgt. Im September 1930 schrieb ich von München aus an die Daily Mail, daß Deutsch­lands junger Nachwuchs „entschlossen wäre, die Führung in den nationalen Belangen in seine Hand zu nehmen". Ich habe mit Genauigkeit vorausgesagt, daß diese Bewegung zu einer nationalen Wiedergeburt Deutsch­lands führen würde.

Selbst Sechziger, begrüß« ich dieses der Welt so gegebene Beispiel. Ich trete für das Recht der Fugend auf Herrschaft ein. Mussolini hat die höchste Gewalt in Italien im Alter von SS Jahren erreicht. Sein« Mitarbeiter waren noch jünger. Sie zu­sammen haben ihr Land znm beftregierten in Europa gemacht.

Ich baue fest darauf, daß Hitler, der im Alter von 43 Jahren zur Macht gelangt ist, ähnliche Erfolge in Deutschland erzielen wird.

Als Großbritannien sein Leben und die Frei- eit Europas gegen Napoleon verteidigte, waren eine nationalen Führer auch jung. Pitt, Wel-

Während heute die Regierungen von Deutsch­land oder Italien aus 10 oder einem Dutzend lebensstarker, frischer Männer in der Blüte ihrer Jahre bestehen, bringt eine britische Kabinetts­sitzung 20 grauhaarige alte Herren zusammen, deren Durchschnittsalter 63 ist.

Die Nachsicht -wer Gleichgültigkeit, mit der die britische Oeffentlichkeit abgewirtschaftetenPartei-

führer gestattet, . . klammern, ist eine der Hauptursachen des Wirr­warrs, in dem sich unsere nationalen Angelegen­heiten seit langem befinden. Bis sich die jüngere Generation in Großbritannien durchsetzt, wie es die Jugend in Deutschland und Italien getan hat, werden die selbstzufriedenen Schönredner, die jetzt im Amte sind, und durch Preisgabe un­serer Macht in Indien auf den Verfall des Rei­ches hinsteuern, ihren verhängnisvol­len Einfluß weiter ausüben.

Gegen die Verleumder -er deutschen Freiheitsbewegung

Ich lege es alle« jungen Brite» und Britin­nen dringlichst nahe, den Fortgang der Naziherr­schaft in Deutschland aufmerksamzuver­folgen. Sie dürfen sich nicht durch falsche Darstellungen durch die Gegner dieser Beweyung irreleiten lassen. Die einfache ungeschminkte Vaterlandsliebe Hitlers und seiner Gefolgschaft bringt unsere salondeutsche Briten und Kultur- kommunisten in große Aufregung. Die gehässig­sten Herunterreißer der Nazis findet man in eben den Kreisen der britischen Oeffentlichkeit und Presse, die am eifrigsten in ihren Lob­preisungen der russischen Sowjetherrschaft sind.

Diese Kulissenreißer, die im Sowjetsystem nichts von Sklavenarbeitslagern wahrnehmen, Wohl ab« ein bewundernswertcs Beispiel bür­gerlich« Organisation darin erblicke«, verschlie­ßen ihre Augen vor den tatsächlichen Erfolgen der nationalsozialistischen Bewegung «nd er­schaudern vor dem Anblick der Begeisterung, die sie in jedem Lebenszweig in Deutschland er­weckt hat.

Sie haben einen lärmenden VerleumdungS- feldzug gegen das aufgenommen, was sie „Nazi­greueltaten" nennen, aber wie jeder Besucher Deutschlands schnell selbst entdeckt, nur aus ein paar wenigen, vereinzelni dastehenden Gewalt­taten besteht, wie sie in einem Volk, das 1^ mal so groß ist, wie unseres, unvermeidbar sind, die man aber verallgemeinert, vervielfacht und über­trieben hat, um den Eindruck zu erwecken, als wäre Naziherrschaft eine blutdürstige Tyrannei.

Wenn man sich die englischen Zeitungen der Jahre 1922 und 1923 vornimmt, findet man, daß die alten Weiber beiderlei Geschlechts in unserem Lande genau so hysterisch über angeb­liche faschistische Ausschreitungen in Italien waren. Die Verabsolaung einiger Dosen Rizi­nusöl an kommunistische Gegner wurde in Aus­drücken des Grauens dargestellt, die jeder Kran­kenschwester, die dergleichen oft getan hat, wie ein weiblicher Borgia fühlen lassen mußte. Jetzt, da Italien seit 10 Jahren nicht nur friedfertig und fortschrittlich, sondern auch im Vergleich mit anderen Ländern wohl gediehen ist, sind die gelegentlichen lleberspanntheiten der früheren

Tage deS Faschismus vergessen. Gleichermaßen werden die geringfügigen Fehlgriffe einzelner Nazis untertauchen in der Fülle der Wohltaten, die das neue Regime schon heute Deutschland bringt.

Allen voran ist da die Befreiung des Landes von der Herrschaft jener muffigen, stets kuschen­den deutschen Republik zu nennen, die ganz und gar kein Ansehen, kein Selbstvertrauen und so­gar keine Selbstachtung hatte.

Enthüllungen, die der Sturz der republikani­schen Minister mit sich gebracht hat, beweisen, daß deren Verwaltungstätigkeit nichts war als ein Wandschirm, hinter dem Banden gewissen­loser Politiker unter Vorspiegelung republikani­scher Gesinnung das Volk systematisch ausplün­derten. Zum ersten Male in Deutschlands ge­samter Geschichte hatten Betrug und Bestechung angefangen, sich in großangelegter Weise über den gesamten Staatsdienst zu verbreiten.

Ueberdies aber siel das deutsche Volk rasend schnell unter die Bevormundung durch artfremde Elemente.

In den letzten Tagen des vorhitlerischen Re­gimentes gab es zwanzig Mal soviel jüdische Regierungsbeamte in Deutschland wie vor dem Krieg. Jsraeliten mit internationalen Bindun­gen hatten sich in Schlüsselstellungen der deut­schen Verwaltunasmaschme eingeschmuggelt. Nur drei deutsche Ministerien hatten unmittelbare Beziehungen zur Presse, aber in jedem dieser drei Fälle war der für die Nachrichtenverbrei- tuna nnd Auslegung der Politik vor der Oeffent­lichkeit verantwortliche Beamte ein Jude.

Von solchem Schimpf hat Hitler Deutschland befreit!

Durch Mobilisierung der Jugend zur Unter­stützung einer kraftvollen Nanonalpolitik hat er schon jetzt eine verzagende, verbitterte Nation zu einer hoffnungsfreudigen, auf ihre Zukunft vertrauende gemacht. Die erste Folge des neuen Geistes, den er Deutschland eingehaucht hat, ist eine ersichtliche Wiederbelebung seines Binnen­handels.

(Schluß auf Seite 2.)

Der Hlarm im Ltaalo

Bon Benito Mussolini.

Eine der eigentümlichsten und bemerkenswertesten Tatsachen, deren Zeugen wir täglich sind, eine in der Geschichte wohl noch nie dagewesene Tatsache ist das ungeheure Interesse, welches die großen Masten des Volkes an der Entwicklung der Wirtschaft nehmen, die auf das Wohlbehagen und den Fort­schritt der Welt einen so entscheidenden Einfluß aus­übt. Als Folge dieser außerordentlich bedeutsamen Bewegung find wirtschaftspolitische und Finanz- ^Hriftsteller siegreich in das Gebiet vorgedrungen, üas bisher von Romanautoren, Verfassern von Reise. Schreibungen und anderen Büchern mit stark menschlichem Interesse behauptet wurde.

Bis vor wenigen Jahren war die Nationalöko- »omie ein Gebiet, das nur Forschern, die an der Entwicklung und dem Wohlstand der Nationen inter- «stiert waren, offen stand. Die Männer der Wissen­schaft beschäftigten sich nicht mit dieser Materie, um Persönlichen Nutzen aus den Ergebnissen ihrer Ueber- legüngen zu ziehen, sondern wurden in der Haupt­sache von dem Drang nach Erkenntnis veranlaßt, die Ursachen der wirtschaftlichen Phänomens zu er­forschen, und von dem Wunsch getrieben, den füh­renden Staatsmännern oder Finanzleuten Maß­nahmen vorzuschlagen, die zur Verbesserung der Wirt- schaftlichen Verhältnisse der Welt dienen konnten.

Augenblicklich dagegen stürzt das Lesepublikum sich förmlich aus jedes nationalökonomische Buch, welches die Gründe der Krise, unter der die ganze Welt leidet, erklärt oder zu erklären behauptet. Jeder Leser hofft, einen Ausweg aus seiner eigenen wirt­schaftlichen Bedrängnis oder den Schwierigkeiten der Gesamtheit zu finden. Nationalökonomische Ar­tikel in großen Lettern dringen jetzt auf die Titel­seiten populärer Zeitungen vor, und Bücher über Nationalökonomie und Finanzprobleme werden von der Leserschaft verschlungen, wodurch in einigen Fällen die Auslage dieser Bücher auf mehr als 200 000 Exemplare gestiegen ist.

Natürlich tritt auch das entgegengesetzte Phänomen auf, daß der nationalökonomische oder finanzpolitische Schriftsteller jetzt hauptsächlich für „den Mann auf der Straße" und seine Ansichten zu schreiben beginnt. Es kommt auch vielfach vor, daß Regierungen auf parlamentarischer Grundlage in ihrer Wahl finan­zieller und wirtschaftlicher Maßnahmen fich nicht durch die Zweckmäßigkeit der Maßnahmen selbst, sondern von dem Kriterium leiten lassen, welchen Eindruck sie auf den sogenannten „Mann auf der Straße" machen werden.

Das Schicksal von Worten ist sonderbar. Zuweilen find sie die Folge von Dingen, und dies ist meistens der Fall. Oft aber schafft ein Satz, ein Schlagwort einen psychologischen Zustand oder eine Atmosphäre, um die fich ein regelrechter Mythus bildet.

Das geschieht und ist zum Teil schon geschehen mit der Redensart „Der Mann auf der Straße". Wer ist der Mann auf der Straße? Von allen menschlichen Wesen, vielleicht auch nach seiner eigenen Ansicht das wenigst intereastnte und das unbedeutendste. Der ge­niale Mensch und der Schwachsinnige, der Nichts- wister und der Forscher, der Mann mit gesundem Menschenverstand und der anmaßende oder impulsive Schwätzer drängen sich täglich auf der Straße. Aus diesen Elementen besteht eine Volksmenge, und in jedem einzelnen steckt vom menschlichen Gesichtspunkt aus etwas Interessantes, Bedeutendes und Indivi­duelles, nicht weil er „der Mann aus der Straße" ist, sondern ganz im Gegenteil, weil er sich durch persön liche Züge unterscheidet. Der Arbeiter verdient die größte Achtung. In seiner Fabrik und in seinemHeim, wo er die Würde des Arbeiters, Produzenten und Familienvaters besitzt, gilt sein Wort. Der Bauer wird weise Worte sprechen, denen Jahrhunderteund Jahrtausende alte Erfahrungen zu Grunde liegen, wenn er sich als Bauer, Erbe und Kunsthandwerker, der ehrwürdigsten und grundlegendsten aller mensch­

lichen Künste,der Kunst der Landbestellung, fühlt und von seinen Volksgenossen angesehen wird.

In derselben Weise ist der Gelehrte an seinem Schreibtisch, der Lehrer in der Schule, der Arzt am Bett des Patienten, der Finanzmann, der Wissen­schaft!«, der Künstler, jeder in seinem Tätigkeit?-. bereich mehr oder weniger ein König und Allein­herrscher auf seinem Gebiet, ein Feldherr oder Soldat in seiner eigenen Kunst, in der er seine Meinung als Sachverständiger mit Recht geltend machen kann. Aus der Straße dagegen und als einfacher Mann aus d« Straße ist er nichts als ein namenloses Atom, das in der Menge untergeht, ohne eigene Physiognomie und irgendwelche Bedeutung. Warum macht man ihn also zum Richter üb« Fragen von allgemein« Bedeutung, zu einer Art nebelhafter Gottheit, zu einem unwägbaren Wesen, da- die Macht hat, im Schicksal der Völker den Ausschlag zu geben. Warum soll der Staatsmann ihm soviel Beachtung schenken?

Der wahre Staatsmann und selbst der Regierungsbeamte muß es sich zur Aufgabe machen, sich um das Wohlbefinden des „Mannes auf der Straße'" zu kümmern, um seine Bedürfnisse, seine berechtigten Forderungen. Er muß seine Seele und seinen Geist kennen, ab« es ist absurd und absolut unvorstellbar, daß er ihn darüber befragen soll, welche öffentlichen Maßnahmen zur Verwirklichung dies« Hoffnungen, Bedürfnisse und Bestrebungen am besten geeignet find. Der Staatsmann muß aus diesem Gebiet unendlich viel mehr als der Mann aus der Straße wissen, weil dies seine Aufgabe und seine wesentlichste Pflicht ist.

D« Mythus von dem „Mann auf der Straße" ist nichts weiter als der Mythus der Unfähigkeit, eine demokratische und demagogische Fabel, die zur Verherrlichung eines Systems erfunden worden ist. Seit einigen Jahrzehnten und besonders seit Been­digung des Krieges beginnt die große Masse des . Volkes dies zu verstehen und fich gegen diese schäd. liche Fabel aufzulehnen. Der Krieg hat zahlreiche Vorurteile aus der .Welt geschasst, Dingen und Men­

schen eine harte Lehre erteilt und sie zum gesunden Menschenverstand zurückgeführt.

Heute vernachlässigen viele Menschen Romane oder leichte Literatur in dem ernsten und lobenswerten Bestreben, sich ein größeres Wissen in der National­ökonomie anzueignen. Obgleich dies« Versuch eines geistigen Ausstieges lobenswert ist, setzt er diejenigen, die ihn durchführen wollen, einer gewissen Gefahr aus und verursacht oft tatsächlichen Schaden. Die Gefahr besteht in dem sogenannten Halbwissen, der Bildung der Dilettanten, die fast schlimm« ist als vollkommene, bewußte Unwissenheit. Man kann nur die Leute verurteilen, die, nachdem sie irgendein Buch, eine Besprechung oder einen oft übertriebenen Artikel über wirtschaftliche, Finanz- oder staats- wissenschaftliche Fragen gelesen und vielleicht miß­verstanden haben, glauben, daß ihre Meinung über so schwierige und komplizierte Probleme maßgebend ist, die jeden Tag vor den Augen des Beobachters Beleuchtung und Farbe wechseln, da sie mit den Zufällen des Lebens selbst zusammenhängen. Das zweite Uebel ist anderer Art, aber vielleicht noch größer, weil es auf die Gesamtpolitik zurückwirkt. Die Schwierigkeit des modernenLebens führt zur Be­lastung der Menschheit mit materiellen Sorgen. Die Welt hat eine furchtbare Tendenz, sich zu mechani­sieren, aus dem Leben alles auszuschalten, das nicht materiell und nützlich ist. Als wenn die idealen Freuden des Geistes keine Wirklichkeit wären, als wenn der materielle Genuß, eine größere Menge Nahrungsmittel zu verschlingen als unbedingt für die Organe notwendig find, realer wären als die Erregung, die wir bei Musik, einem schönen Gedicht oder ein« Seite aus einem Philosophischen Werk empfinden- Man kann nicht erwarten, daß jeder Mensch Dichtkunst, Philosophie und Musik schätzt, aber das ist kein Grund, um diese Dinge als un­wirklich, nicht existierend und romantisch anzusehen.

Es find bereits sichtbare Anzeichen dafür vor- Handen, daß hie neuen Generationen gegen diese übertriebene Bedeutung Front machen, die mecha­nischen und materiellen Dingen von den unmittel- bare» Nachkriegsgeirerationen beigemejjen wurde.

Vsutsclis Arglosigkeit uvck Objektivität sIs Ilrsacben äsutscbsn Uatergsuges

Von Onstav Ltaebe

Bremen, 11. Juli.

Die charakteristischste Eigenart der Deutschen ist ihre in der ganzen Welt bekannte peinlrchste Objektivität. Heute wie seit den ersten in der Auslandspresse veröffentlichten Karikaturen spielt diese den Ausländer immer wieder be­lustigende Genauigkeit eine beträchtliche Rolle in der Erzeugung erheiternder Satiren über jenes Volk, daß das Herz Europas genannt wird. Den größten Spaß findet der Ausländer dabei an jenem Typ deutschen Menschen für die die liebe Natur einfach undenkbar erscheint ohne unzäh­lige Tafeln, die so ziemlich alles für verboten erklären, was den armen geplagten Asphalttreter hinaus ins Freie treibt. Ja, es soll Angler geben, die die gefangenen Fische in einer großen Anzahl Gläser mit alphabetisch geordneten Eti­ketten rassenweise — unterbringen und — Poli­tiker, die erst dann eine Revolution zu mache» in der Lage sind, wenn sie sich davon hundert­prozentig juristisch überzeugt haben, daß die bis­herigen Machthaber garnicht mehr daran denken, ihre Macht auszuüben, weil sie das Weite ge­sucht haben.

Diese Feststellungen sind nicht von heute, sie können überall dort in der Geschichte unserer Vä- ter beobachtet werden, wo sie auf der Höhe ihrer Siege arglos waren, und ich

Gegnern, die nie Vergeltung

>ren gerissenen sondern immer

nur Großmut zu fühlen bekamen, taumelnd zum Opfer fielen. Diese Arglosigkeit offenbart sich am treffendsten in den alten Sagen und Märchen unserer Vorderen. Wer kennt nicht in den Erzählungen unserer Kinder den ewigen Helden, der seine Gnade gegenüber dem nieder­gezwungenen Gegner mit seinem eigenen Tode oder mit Knechtschaft bezahlen mußte? Traf Siegfried nicht der Speer, weil Kriemhild sich arglos dem dunklen Hagen anvertraute? Und ist etwa das Märchen von Häusel und Gretel, dem Wolf und den sieben Geißlein — so primitiv dieser Ver­gleich auf den ersten Blick äußerlich erscheinen mag— ein unbestechliches Beispiel für die Ur­sachen aller Kardinalfehler deutscher Politik, so­lange der Deutsche sich kämpfend zu behaupten versucht?

Wie ein roter Faden zieht sich dieses ty- pisch-deu tsche Merkmal durch die ganze Vergangenheit unseres Volkes. Immer richtete sich der niedergezwungene Gegner schneller aus, als der Sieger es in seinem Rausch zu ahnen vermochte. Während sich an die 200 000 deut­sche Bauern wie eine gewaltige Walze im Jahre 1525 über das deutsche Land schoben, wuchsen die Fähnlein des Papstes, ausgestattet mit tau­sendmal besseren Waffen und einer Disziplin, die nicht auf schönen Gefühlen, sondern auf demJesuitenwort:„DerZweckhei- ligtdieMittel"aufgebautwar. So mußten auch erst die Demütigungen von Jena und Auerstädt kommen, bis der deutsche Feuda­lismus — zu spät — begriff, daß es irgendwo unterhalb ihrer Schlösser und Burgen Hütten gab, in denen Bauern und Arbeiter mit ihrer Hände Flciß alles das schufen, Was ihnen ein üppiges Leben möglich machte. Ja selbst, als ein geeintes Volk des Glaubens war, es ge­nüge Napoleon nach Elba zu verbannen, erhielt»

Die Jugend «kennt vor allem die Gefühlswerte des Lebens an, wie Abenteuer, Gefahren und Liebe. Eine neue Mode wird sich bald bemerkbar machen und zwar: eine romantische Auffassung der Liebe, die ein brutaler und anmaßender Zynismus im Begriff schien zu ersetzen. Liebe wird wieder aktu­elle Bedeutung erhalten. Es besteht eine stets wach­sende Tendenz, die Bedeutung der materiellen Dinge zu beschränken und die unmittelbare Verantwortung den Staatsmännern, den Männern der Regierung zu überlassen, welche das volle Vertrauen des Volkes genießen und die Sorge für die Gesamtheit des Vol­kes auf sich nehmen, so daß das menschliche Jndivi- duum, besonders hinsichtlich der Gesamttätigkeit des Volkes, frei bleibt. Jeder wird nach Belieben sein technisches Wissen Pflegen und erweitern können, und im übrigen wird er seine Zeit dazu verwenden, durch körperliche Ertüchtigung, allgemeine Bildung, Fami- lienfreuden und Liebesfreuden reich« an Fähig­keiten, Gefühlen und Eindrücken zu werden.

„Der Mann auf der Straße" ist ein Aberglaube, der jetzt überholt ist. Er ist nichts als eine Verkleb düng des alten Mythus, von dem Bürg«, dem Mann, der auf den Dorsstraßen herumlungerte oder die Gasthäuser und öffentlichen Stätten überfüllte. In seinem „Julius Caesar" und „Coriolanus" hat Shakespeare eine ironische und sehr wahre Dar­stellung des Mannes gegeben, welch« die schnell be­wegliche, unbeständige Masse bildet, die jeder Wind der Rhetorik innerhalb eines Augenblicks umwandeln kann. An die Stelle der Fabel von dem Bürger oder dem „Mann aus der Straße" ohne unterschei­dende Markmale und ohne irgendwelche Fähigkeiten nnd an die Stelle der anderen nicht wenig« absurden Fabel vom Homo ciconomicus hat der Faschismus in Italien den korporativen Menschen gesetzt. Dieser wird nach seinen ureigensten und idealsten Eigen­schaften beurteilt, die sich aus sein« Arbeit herleiten. In dies« Eigenschaft und um dies« Funktion willen und nicht als Passant auf der Straße gehört er von Rechts wegen dem Staate an, und hierdurch übt er seinen rechtmäßigen Einfluß als Staatsbürger auS.