Ausgabe 
(4.7.1933) Nr. 175
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 17S. Jahrgang 1933

Verlag, Schriftleitung und Geschäftsstelle: Papenstraß« 18. Sprech­stunden der Schrtftleitung: Montag bis Freitag 18 bis 19 Uhr.

Fernsprecher: Donrsheide 26051. — Die BNZ erscheint täglich morgens, nur am Montag mittags, und kostet monatlich 2L>k 2.30 ein­schließlich Botenlohn, durch die Dost bezogen erhöht sich der Preis um 42 Htz/ Zustellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu entrichten.

vremeMastonM rialiftiMe Zeitung

_Das Amtliche Orsarr dos Serrsls der 5rererr Bremern

Vremea. Dienstag, den 4. Juli 1933 Einzelpreis 15 Via.

Anzeigen: hiesig« die 14 gespaltene mm-Zeile 0.10, auswärts 0.12; im Textteil pL-i! 0.50, auswärts 0.70; Stellengesuche und Familtenanzeigen 0.06; sonstige kleine Anzeigen 00.8. Platz- vorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Betriebsstörung, Streik. Ver­bot u-s. w. hat der Bezieher keinen Anspruch auf Rückzahlung des Bezugspreis«-.

Nosseveltt Mshmmg an die Konierem - Sie Golditandardlöndee verweigern die Mitarbeit in den Ausschüsse«

Ab IN. Fuli Sperre für SA und SS

Bad Reichenhall, 3. Juli.

Dir Führertagung der SA und SS in Bad Rei- chenhall nahm am Sonntag ihren Fortgang. Am Bormittag hielten die SA-Führer eine Besprcchnng ab. in der Stabschef Rohm die Richtlinien für die Neueinteilung der SA bekannt gab. Er trifte gleichzeitig mit, daß vorn 10. Juli ab der Zugang zur SA und im Einvernehmen mit dem Neichs- sührer der SS auch für die SS endgültig gesperrt wird. Nach internen Beratungen waren die SA-, SS- und Stahlhelmführer Gäste des Reichskanzlers auf dem Obersalzberg bei Berchtesgad'en. Während des Besuchs traf ein Trupp Salzburger SA-Männer aus dem Obersalzbcrg beim Führer ein, die sich nachts über die Grenze geschlagen hatten uiid über­brachten dem Führer die Grüße der Salzburger SA mit dem Versprechen,, treu auszuharren, bis auch für das österreichische Brudcrland die Stunde der Befreiung von Dollsuß und Fey schlage.

Der Führer zeigte sich über den Besuch sehr er­freut und sprach zu den Salzburger SA-Männern von der einstigen Verfolgung der Bewegung in Deutschland. Wenn sie treu zur Idee hielten, würde auch für fle der Sieg nicht mehr fern sein. Dann unternahm der Kanzler mit seinen Führern eine Fahrt auf dem Königssee.

ArrMvm kMMWsL Verbände in Württemberg

Stuttgart, 3. Juli.

die Württembcrgische Regierung hat beschloßen, folgende Verbände auszulösen:

Windhorstbund, Kreuzschar, Sturmschar, Deutsche Jugendkraft, Volksverein für das katholisch« Deutschland, Volksvereinverlag G. m. b. H., Katho­lischer Jungmännerverband, Katholischer Gesellen- verein, Katholischer Jungfrauennerein, Neudeutsch, land.

Der Londoner Sftpa« poraptzieel

London, 3. Juli.

Am Montag abend wurde in London von den Vertretern Rußlands, Estlands, Lettlands, Rumä­niens, Polens, Afghanistans und der Türkei eine Vereinbarung paraphiert, in der diese Staaten die Begriffsbestimmung eines Angreifers, wie er in einem der Genfer Ausschüsse während der Ab­rüstungsverhandlungen festgelegt wurde, für sich ge­nommen und bestätigt haben.

Dir Vereinbarung sieht vor, daß andere Länder ihr beitreten können. Die Vereinbarung zwischen Sowjet-Rußland und Rumänien über Bessarabisn ist während des Wochenendes in London unterzeich­net. worden. Die bezüglich Bessarabiens gefundene Formel sieht im Großen und Ganzen vor, daß beide Länder diese Frage bis auf weiteres ruhen lasten wollen.

In sowjetrussischen Kreisen rechnet man nun da­mit, daß noch ein w eiterer Pakt, der die Form eines Nichtangriffpaktes haben wird, unter Dach ge­bracht werden wird. An diesen würden sich außer den vorhin genannten Ländern auch die Länder der Kleinen Entente anschließen.

London, 3. Juli.

Die Weltwirtschaftskonferenz trat am Montag nachmittag in ihre größte Krise ein. Um 17 Uhr schien es, als ob die Konferenz vollkommen in Auf­lösung begriffen sei. Die meisten Ausschüsse und Unterausschüsse haben sich auf unbestimmte Zeit vertagt, da sich die Vertreter der Goldländer wei­gerten, weiter mitzuarbeiten.

In den Wandelgängen wurden äußerst pessimi­stische Gespräche über das Schicksal !«r Konferenz ge­führt. Die erste Sensation war das Wegbleiben der Franzosen von der Nachmittagssitzung des Finanz­ausschusses für die Wiederherstellung eines inter­nationalen Währungsstandards. Sie entschuldigten ihr Wegbleiben damit, daß sie an der Sitzung der Goldstandardländer im Savoy-Hotcl teilnehmen müßten. In französischen Delegiertenkreise« wurde jedoch unter der Hand erklärt, daß eine Fortsetzung der Währungsverhandlungen im Ausschuß nach der endgültigen Absage Roosevelts, aus die Stabili­sierungsvorschläge einzugehen, zwecklos sei. Der Ausschuß wurde hieraus auf unbestimmte Zeit ver­tagt.

Ein ähnliches Schicksal wurde dem Ausschuß zu­teil, in der die staatlichen Zuschüsse behandelt wer­den. Hier erklärte der italienische Vertreter, daß die Subsidtenfrage eng mit dem Währungsproblem verbunden sei. Die Italiener müßten daher zuerst bei ihrev Regierung anfragen, wie sie sich weiter verhalten sollten. Der Ausschuß wurde hierauf ebenfalls auf unbestimmte Zeit vertagt.

Im Ausschuß für Handelspolitik, deren Vor­sitzender der deutsche Krogmann ist, erklärte der Schweizer Stucky, die Mehrheit der Delegierten hätte bei der Eröffnungssitzung die Ansicht geäußert, daß die Grundlage des Welthandels eine stabile Währung sei. Da diese Grundlage mcht mehr be­stehe, habe es keinen Zweck, die Verhandlungen fort­zusetzen. Me Italiener und Franzosen unterstütz­ten seine Ansicht und eine Entschließung auf Ver­tagung wurde einstimmig angenommen. — Ein ähnliches Schicksal teilten die meisten anderen Aus- schüsse. — Einer der wenigen Ausschüsse, die eine Sitzung auf Dienstag angesetzt haben, ist der Aus- schuß für Produktionsregelung, der zur Zeit die Kohlenfrage behandelt. Hier erklärte der Vorsitzende, daß man sich dem unwürdigen Beispiel der anderen Ausschüsse nicht anschließen, sondern weiter arbeiten weiche.

Neuer Wiederbelebungsversuch in London London, 3. Juli.

Am Montag abend ließ der Präsident der Welt­wirtschaftskonferenz Macdonald verlauten, daß er die Verhandlungen der Konferenz fortsetzen wolle. Es solle weiter daran gearbeitet werden, eine For­mel für die Währungsstabilisierung zu finden, die für alle Teile annehmbar sei. Hierbei klammert sich Macdonald an die Worte Roosevelts, daß Amerika die jetzige Formel „in ihrer gegenwärtigen Fassung" ablehne. Es sei bekannt, daß Roose-

velt den Gedanken einer „gesteuerten" Währung zur Zeit nichtungünstig beurteile, und in Eng­land habe sich die Auffassung in dieser Frage schon gegenüber dem früheren Standpunkt geändert. Bon der Konferenzleitung wird außerdem betont, daß die Konferenz noch eine ganze Reihe von Fragen zu erledigen habe, die mit der Wührungsstabilifierung nichts zu tun hätten.

Der Konferenzausschuß für die Produktionsrege­lung trat am Montag nachmittag in die Erörte­rung der Kohlenfrage ein. Es wurde ein Unter­ausschuß eingesetzt, in dem Vertreter der Kohle er­zeugenden Ausfuhrländer sitzen.

Eine Erklärung der Goldftandardländer

London, 3. Juli.

Die Goldftandardländer Belgien, Frankreich, Holland, Italien, Polen und die Schweiz haben die erwartete Erklärung in der Frage der Auf­rechterhaltung des Goldstandards ausgegeben, sie lautet:

In der Ueberzeugung, daß die Aufrechterhal­tung dieser Währungen für die wirtschaftliche und finanzielle Wiederherstellung der Welt, für die Wiederaufnahme des Kredites und für die Sicherstellung der in ihren Ländern erreichten sozialen Fortschritte wesentlich ist und formell ihren Willen bestätigend, ein freies Funktionie­ren des Goldstandards in ihren Ländern zu den gegenwärtig geltenden Goldparitäten und im Rahmen der bestehenden Geldsätze aufrechtzuer­halten, fordern die unterzeichneten Regierungen ihre Zentralbanken auf, in engem Kontakt zu bleiben, um der gegenwärtigen Erklärung das Höchstmaß der Wirksamkeit zu verleihen.

England lehrtt ab

London, 3. Juli.

Wie „Daily Telegraph" meldet, hat Macdo­nald den Vertretern der Goldstandardländer mit­geteilt, daß sich England der Erklärung über den Goldstandard ohne Amerikas Teilnahme nicht anschließen kann. Gleichzeitig habe der Pre­mierminister gesagt, daß eine Erklärung Groß­britanniens bevorstehe, für die gegenwärtig die Zustimmung der Dominions nachgesucht werde. Die in Aussicht genommene britische Erklärung hat nach „Daily Telegraph" folgenden Inhalt:

1. Es sei nicht wünschenswert, daß Staaten einen Währungskampf beginnen, um im inter­nationalen Handelsverkehr einen zeitweiligen Vorteil zu erlangen, indem sie den ausländischen Wert ihrer Währungen herabsetzen,

2. Es sei wünschenswert, daß die Stellen, die die Währungen regulieren, Schwankungen in den Devisen, die von der Spekulation verursacht

Hunger, die Kinder wollen essen, ich habe garnichts, die Kinder betteln sich ein paar Kartoffelschalen aus, oh, haben Sie Erbarmen, helfen Sie, ehe es zu spät ist.

„Wenn wir den Kindern erzählen, wie wir früher haben Weißbrot gegessen, dann staunen sie und fra­gen: „Ganz satt essen konntet Ihr Euch -dann?" Das ist ihnen ganz unbegreiflich, wo jetzt nicht einmal Schwarzbrot genug da ist . . . Wenn wir des Mor­gens aufstehen, dann fragen die unschuldigen Kinder gleich: „Mama, was werden wir denn heute essen?", weil nichts von Essen zu sehen ist. Woraus weder Vater noch Mutter Antwort geben können. Die Mut­ter hat noch immer das Kleinste von fünf Monaten zu allsdem an der Brust. Selbst hat sie nichts zu essen und ist völlig eine Jammergestalt."

Wiederum aus der S o w j etu kr a i n e klingt der verzweifelte Hilferuf einer deutschen Bauersfrau herüber: „Vor Euch steht eine arme Witwe mit drei Kindern und bittet um Hilfe in ihrer großen Not. Helft uns! Wir verderben! Wirverhungern! Wir hungern schon seit dem Winter, kochen dünne Suppen, zweimal täglich ganz ohne Fett, nur Wasser und Salz. Wir essen auch Gras, das kochen wir mit Salz und essen es, doch es macht sehr schwach und wirkt uns sehr auf den Magen. Ach Brot, das liebe Brot! Bitte alle, die sich nech satt essen können, bitte um Jesu unseres Heilands willen, erbarmt euch der großen Not, helft uns!

Sofortige Hilfe für die deutschen Bauern in Ruß­land tut not! Die Uebersendung von Einzelunter- stützun-gen aus Deutschland ist von größter Bedeu­tung. Im Hinblick auf die große Not wäre- eine Zentralisierung dieser Hilfe dringend erwünscht. Es gilt, für -die Rettung eines wertvollen Teils des deutschen Volkstums zu sorgen.

Die Lage der MMarrd-DeriMei»

Presseempfang im VDA.-Haus

Der Volksbund für das Deutschtum im Astsland, Landesverband Brandenburg- und Berlin, hatte am Montag die Presse in sein Haus gebeten, um sie über die Lage der Rußland-Deutschen , und die für Liese eingesetzte Hilfsaktion zu.unterrichten. Der Landes- pigeüdführer Klingkammer'wie zunächst daraus hin,

Werden, soweit einschränken, wie ihre Hilfsquel­len es erlauben.

„Daily Telegraph" meint, eine solche Erklä­rung würde den Goldstandavdländern das not­wendige Vertrauen einflößen, ohne daß dadurch der Sterling-Kurs mit ihren Währungen ver­kettet werde. Ein Anschluß Englands an die Goldwährungsländer würde von Amerika als feindliche Maßnahme betrachtet werden.

Ganz Amerika sieht hinter Roosevelt

Günstiger Eindruck der Erklärung an die Londoner Konferenz

Newyork, 8, Juli.

Die Erklärung Roosevelts an die Londoner Kon­ferenz wird in den Vereinigten Staaten ein­mütig begrüßt. Die gesamte Presse, die Washingtoner Kreise und die Wall-Street stehen hinter Roosevelt, der mit seiner Erklärung den Standpunkt der überwiegenden Mehrheit des ameri­kanischen Volkes wiedergab, wonach die Dollar­politik die einzige Möglichkeit für eine Wiederer- holung der amerikanischen Wirtschaft sei. Hinzu­kommt, daß die Feindseligkeit gegen Frankreich, das sich hier durch Nichterfüllung seiner Schuldenver- pflichtung weiter ins Unrecht gesetzt hat, mehr und mehr zunimmt. Auch in den Bereinigten Staaten erwarten weite Kreise nicht mehr viel von London.

Die Rückwirkung der Roosevelt-Erklärung Stillstand der Konferenzarbeite«

London, 3. Juli.

Die gestern früh gemeldete Erklärung Roofe- velts hatte eine rasche Rückwirkung auf die Ar­beiten der Konferenzen. Die Verhandlungen scheinen zu einem Stillstand gebracht zu sein, der möglicherweise nur zeitweilig ist, aber der sich widerspiegelt in einer Entschließung, die dem Unterausschuß für Handelspolitik unterbreitet wurde. Im Zusammenhang mit'der Erklärung der meisten Delegierten bei der Eröffnung der Konferenz, daß Erfolg ihre Arbeiten nur krönen kann, wenn die Grundlage für den künftigen Welthandel eine stabilisierte Goldwährung ist, hat der Schweizer Minister Stucky einen An­trag unterbreitet, in dem zum Ausdruck gebracht ist, daß, da diese Hypothese jetzt nach der ameri­kanischen Deklaration zusammengebrochen zu sein scheint, die Arbeiten des Unterausschusses vorübergehend unterbrochen werden sollen. Die Entschließung wurde einstimmig angenommen. Die Arbeit des Unterausschusses wird bis Don­nerstag eingestellt. Aehnliche Entschließungen werden in anderen Ausschüssen erwartet und die Möglichkeit ist nicht von der Hand zu weisen, daß die gesamte Arbeit der Konferenz dadurch zum Stillstand gebracht wird.

daß der VDA. im neuen Deutschland -die Organisa­tion sei, die berufen sei, für die Volksdeutschen Be­lange in der Welt einzutreten.

Darauf sprach Geheimrat Cleinow über die Lage der Deutschen in Rußland. Er führte u. a. aus: Von allen Völkerschaften in der Sowjetunion ist die deutsche Nationalität durch den Bolschewismus am schwersten getroffen. Unter den Deutschen gab es im alten Rußland nur vereinzelte Proletarier. Nunmehr ist alles vernichtet, alles ist verproletari- siert. Aus der Million reicher Bauern, die in ver­schiedenen Teilen Rußlands das Rückgrat der Wirt­schaft bildeten, sind reine Proletarier geworden. Ihre Lage ist hoffnungslos, weil sie -das Los aller Bauern in der Sowjetunion teilen. Das bolsche­wistisch-marxistische System will alle Völker in ihren Grenzen vernichten. Darum wird es kaum möglich sein, unseren Volksgenossen anders zu helfen, als durch rücksichtslose Aufklärung in der ganzen Welt über die allgemeine Menschenvernichtung, die die Bolschewiken treiben, ohne daß die übrige Welt auch nur den geringsten Anteil daran nimmt.

In diesem Jahr steht Rußland vor einer Total- hungersnot. Die Gründe dafür liegen nur zum geringsten Teil in den klimatischen Verhält­nissen. Die Hauptursachen der Hungersnot liege» darin, daß die Bolschewiken seit 15 Jahren nur Raubwirtschaft getrieben haben. Der Boden im Schwarzerdestrich ist völlig verunkrautet. Die Ver­kehrsmittel befinden sich am Ende ihrer Leistungs­fähigkeit, die Viehherden sind vielfach abgeschlachtet. Der Bauer flüchtet daher in die Städte, um sich vor dem Verhungern zu retten. Die Hungersnot ist so groß, daß zahlreiche Fälle von Menschenfresserei vor­gekommen sind. Mit der wirtschaftlichen Ausplün­derung Hand in Hand geht die Vernachlässigung der Schulbildung. Der deutsche Bauer darf aus dem Mutterland seine Bildung nicht beziehen, nicht ein­mal die Muttersprache kann der Deutsche im Geiste der deutschen Kultur pflegen: Die -Lage ist augen­blicklich so, daß ein Rotwelsch entsteht, ähnlich wie ihn die Ostjuden sprechen. In den letzten fünf Jahren hätte seitens des Reiches mehr für die Rußland- Deutschen getan werden können, wenn unsere Politik stärket durch völkische-Gedankengänge bestimmt wor­den wäre. Wer alle Anregungen nach dieser Rtch-

Hrmgeeude deutsche Sauern

Das SSerrd der Deutschen irr der Sowjetunion

Groß ist die Not -deS Deutschtums in den ver­schiedenen Gebieten des durch Krieg und Nachkrieg aufgewühlten Ost- und Mitteleuropa, groß und in jedem der zahlreichen deutschen Siedlungsgebiete auf ihre besondere Weise schmerzlich. Hier ist es die Unterdrückung der völkischen Eigenart und die nationale Kulturnot, dort die politische Entrechtung oder Zurücksetzung im Berufsleben. Wieder dort eine vom „Wirtsstaate" gegen deutsches Landvolk skrupellos betriebene Entwurzelungspolitik, die in daS Gesicht des heutigen Auslandsdeutschtums einen besonderen Letdenszug eingraben. Nirgends hat aber die Tragik des -deutschen Schicksals eine derart niederschmetternde Wucht erreicht, wie in den alten Bauernkolonien, die im unermeßlichen Raum der Sowjetunion verstreut find. Jahrhunderte alte deutsche Siedlungen an der Wolga, in der Ukraine und dem Nordkaukasus, in der Krim und im Ural­gebiet, früher Lebensstätten eines stolzen und wohl­habenden Bauernvolkes, ringen heute mit dem Hun­gertod, dem die kommunistische Agrarpolitik das deutsche wie >das russische Bauerntum gswecht hat. So zahlreich und so grauenhaft wie in den letzten Mona­ten find noch niemals die Schreckensnachrichten ge­wesen, die nach Deutschland über unsere weit im Osten verlorenen Volksgenossen gelangen.

Hunderte und Aberhunderte von Briefen deutscher Bauern treffen aus Rußland ein, graue Blätter und Fetzen Papier, eng bedeckt mit unbeholfenen Schrift­zügen, sehr oft in der eigenartigen, altertümlichen schwäbischen Sprache, die sich bei den Deutschen Ruß­lands zum Teil völlig rein erhalten hat.

„Die Lage hierzulande wird immer verhäng­nisvolle r", schreibt ein -deutscher Prediger aus dem Nordkaukasus. „Die Not im Jahre 1921 (dem großen Hungerjahr) war groß, aber mit der gegen­wärtigen Lage hält sie keinen Vergleich aus. In vielen großen Dörfern sind schon 50 Prozent gestor­ben. Noch haben wir drei Monate bis zur neuen Ernte, wie die Menschen lebendig bleiben sollen, ist

uns dunkel ... Es gibt nur wenige Leute, die nicht vor Hunger geschwollen sind. Auf dem Markt kostet ein Eimer Kartoffeln 60 Rubel, ein Glas Hirsegrütze 2,50 Rubel. Jeden Tag sterben viele, viele Menschen! Wenn ein Stück Vieh fällt, da sind eine ganze Reihe Menschen, unsere Brüder, umher zu teilen und lange nicht ein jeder bekommt etwas. Hunde und Katzen findet man keine mehr, die sind alle verspeist worden."

Nichts Erschütternderes, als die Briefe über das Los der deutschen Kinder in der Sowjetunion: Aus dem Bezirk Melitopel (Ukraine) wird geschrieben:

„Ich habe einen kranken Mann und drei hungrige Kinder, die am leeren Tisch sitzen und nach Brot schreien. Das Jüngste ist erst zwei Monate alt. Und ich kann dem armen Wurm nichts geben. Es ist so schrecklich anzusehen, wie ein Kind sich quält. Die übrigen Kinder bekommen den Tag drei kleine Zwiebeln und ein kleines Stückchen Rübe."

Ebenfalls aus der Ukraine schreibt eine Mutter: „Oh, möchte doch Gott bald helfen, ein Ende zu machen: Denn so kann man nicht mehr leben: Denn unser Los ist Hunger, Kälte, und doch hört Gott nicht auf, uns zu strafen. Ich selbst bin Witwe, habe fünf Kinder, das älteste ist zu jeder Arbeit un­tauglich, lag bis jetzt im Gipsbett, ist bucklig. Das Jüngste ist sechs Wochen alt. Ach, großer Gott, die armen Kinder, krank, vor Hunger schon geschwollen. Sie sitzen zusammengekauert in der Ecke, in Lumpen gehüllt, aus einem Hausen Stroh, vor Hunger und Kälte zitternd. Mein Mann starb vor nicht langer Zeit. Die Krankheit können Sie sich denken: Bitte, bitte erbarmt Euch unser, -denn wenn nicht Ihr und der liebe Gott sich bald erbarmen, so sind wir ver­loren, und wir müssen tothungern. Wie weh das tut, glaubt keiner, der es nicht erfahren hat." —

Aus einem anderen Brief: „Oh, wenn Sie eine kleine Vorstellung hätten, wie groß unsere Not ist. Habe sechs kleine Kinder, bin schon 'seit Jahren' kränklich, wir gehen herum wie Schatten, wir sind' schon alle sehr matt. Oh, wie weh tut Loch der

Nur das Wewlomilee der Londoner Konseren U optimistisch

London, 3. Juli.

Unberührt von der Konferenzlinie und dem all­gemeinen Pessimismus setzte das Weinkomitee der Weltwirtschaftskonferenz am Montag nachmittag seine Besprechungen über das Problem fort, wie man den Weingenuß in der Welt zum Heile der Menschheit steigern könne. Die Vertreter der Wein­länder waren wieder in der leicht angeregten humorvollen Stimmung, die diese Besprechungen seit der einleitenden Lobrede des französischen Ko» lonialmimsters Sarraut auf den Wein kennzeichnet. Der Präsident des Ausschusses legte ein Aktions­programm vor.

Die englisch-russische Einigung

Berlin, 4. Juli.

Wahrend die Sowjetprefse mit der japanischen Presse einen Nachrichtenkrieg im Wladiwostok, Sachalin und Kamtschatka führt und mit gequält anmutenden Humor die Nachrichten Wer japa­nische Absichten auf diese Gebiete zurückzuweisen bestrebt ist, hat Litwinow in London erfolg­reiche Bemühungen um die Konsolidierung der Beziehungen der Sowjetunion zu ihren eu.ro- päi chen Nachbarn und Rivalen entfaltet. Man versteht jetzt den Lärm, den die Sowjetpresse mit großen Stimmaufwand seinerzeit um das Hu- genberg-Memorandum geschlagen hat. Es war ihr jedes Mittel recht, um die Grundlage für eine Annäherung an Polen, die kleine Entente und vor allem an England zu finden. Während der am Sonnabend angekündigte Friedenspakt mit den Randstaaten noch nicht zustande gekom­men ist und für die beteiligten Länder nicht ohne Widerspruch bleiben dürfte, ist die für Rutz- land noch wichtigere Annäherung mit England endlich erfolgt.

Angesichts ihrer Bedingungen, die einen vollen Rückzug Rußlands darstellen, fragt man sich, warum dieses Ergebnis nicht schon vor Wochen möglich war. Man muß sich aber daran er­innern, daß der Prozeß gegen die englischen In­genieure seinerzeit aus innerpolitischen Prestige­gründen inszeniert worden war, daß Rußland unter dem englischen Druck alsbald nach dem Prozeß bereits vier Engländer hatte heimkehren lassen, obwohl die ihnen zugedachten Strafen an sich wesentilch milder waren, als bei den russi­schen Angeklagten.

Auch jetzt noch sind die Moskauer Blätter be­müht, das Ergebnis von London als einen vollen Erfolg der Sowjetpolitik darzustellen, indem sie das Hauptgewicht auf die Aufhebung der eng­lischen Einfuhrsperre legen und darauf hin­weisen, daß die englische Absicht, die Sowjet­union in Zahlungsschwierigkeiten gegenüber an­deren Ländern zu bringen, nicht habe verwirk­licht werden können.

Die ,„Fswestija" klärt ihre Leser dahin auf, daß England seine Versuche aufgegeben habe, die Sowjetregierung auf die Knie zu zwingen und daß die Sowjetregierung hierauf beim Präsi­dium des Zentralexekutivkomitees für die beiden Engländer Amnestie erwirkt habe.

Die Aufhebung der Einfuhrsperre sei eine Niederlage der englischen Scharfmacher und ein Beweis, daß Kolonialmethoden gegenüber der Sowjetunion zwecklos seien.

tung wurden zurückgewiesen, sobald die Gefahr ent­stand, das russische „Geschäft" zu erschweren. Die Not der Deutschen in Rußland ist so groß, daß sie durch Repressalien der Sowjetregierung kaum noch vergrößert werden kann. Darum brauchen wir nicht zu fürchten, die Lage unserer Volksgenossen zu ver­schlimmern, wenn wir in einem gewaltigen Propa- ganda-Feldzug zu ihren Gunsten eintreten.

Darauf sprach Dr. Salett, Professor an der Northestern-Universität in Chicago, über seine Er­lebnisse in Sowjetrußland. Er führte u. a. aus: Seit 1929 ist die Lage der deutschen Kolonisten in Rußland ständig kritischer geworden. Die Zahl der nach Sibirien verbannten -deutschen Kulacken beträgt etwa 70 000 und sie gehen in den Konzentrations­lagern langsam zugrunde. Der Zusammenbruch des Kollektivwirts-chaftssystems ist in diesem Jahre klar zutage getreten. Schon im Dezember 1932 setzte die Hungersnot ein, die nun katastrophal wütet. Zuver­lässige Berichterstatter melden, daß im letzten Jahre in den Bauerngebieten Rußlands etwa 10 Millionen Menschen verhungert sind. In diesem Jahre wird die Lage noch katastrophaler werden. In manchen deutschen Dörfern ist schon ein Viertel der Bevölke­rung am Hunger gestorben. Bei vorsichtiger Schätzung sind in den letzten Monaten rund 100 000 deutsche Kolonisten verhungert. Wenn nicht sofort umfassende Hilfsmaßnahmen getroffen werden, muß das gesamte Rußlan-ddcutschtum untergehen. Nach Schätzung Sachverständiger wird die diesjährige russische Ernte bereits im Dezember restlos verzehrt sein. Die Todesfälle durch Verhungern für das nächste Jahr schätzt man etwa auf 20 Millionen. Dazu kommt noch, daß in Sibirien -bereits in weiten Landstrichen die Pest ausgebrochen ist und der Typhus in ganz Rußland in außerordentlichem Maße wütet. Auch der Ausbruch der Cholera steht un­mittelbar bevor. Es ist höchste Zeit, daß von allen berufenen Stellen energische Hilfsaktionen eingeleitet werden, um dieser Schande in der Welt zu steuern. Nicht gerade zuletzt wegen der Greuel-Propaganda über die Vorgänge im Reich gelte es, an die Welt die rFage zu richten: Warum die Verschwörung des Schweigens zu dieser entsetzlichen Tragödie, die sich nun schon seit Jahren in Rußland vollzieht.