e. 173. Jahrgang 1S33
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Vremen» Sonntag» den 2. Juli 1823 EimeSpreiS 15 Vtg.
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Auslösmg AaatsiemdMe« ZentrumsMUSven
GrutzweiNel zwischen SA. und Stahlhelm
Ein Erlaß Seldtes an den Stahlhelm Berlin, 1. Juli.
Der Bundesführer des Stahlhelm, Reichsarbeitsminister Franz Seldte, hat folgenden Bundesbefehl an den Stahlhelm herausge geben-
1. Im Zusammenhang mit meinem Abkommen mit dem Führer der narionalsozia listischen Bewegung, Adolf Hitler, ordne ich folgendes an:
a) Die Kameraden der SA. und SS. sind in derselben Form zu grüßen wie die Kameraden des Stahlhelm;
b) In Uniform mit Kopfbedeckung ist militärisch zu grüßen wie bisher;
c) Ohne Kopfbedeckung und in Zivil ist der Gruß durch Erheben der rechten Hand zu erweisen, wie es in der Reichswehr und Polizei ebenfalls befohlen ist;
d) Dieselben Ehrenbezeugungen sind den nationalsozialistischen Fahnen und bei Absingen des Horst Wessel-Liedes zu erweisen;
e) Bei festlichen Veranstaltungen ist neben der schwarz-weiß-roten und der alten Reichskriegsflagge die Hakenkreuzslagge zu zeigen;
2. Ich bestimme vom 1. Juli ab eine Aufnahme- und Anmeldesperre für den Stahlhelm (früher Kern- und Ringstahlhelm). Die aus der Zeit vor dem 1. Juli 1933 vorliegenden Anmeldungen zum Eintritt in den Stahlhelm sind gemäß meinen früheren Vorschriften durchzuführen.
Der Jungstahlhelm und der Scharnhorst werden von diesen Sperr-Anordnungen nicht betroffen.
2 Jahre GeMngniS für von Hipvei
Königsberg, 1. Juli.
Im Hippel-Prozeß wurde am Sonnabend «m 13.13 Uhr das Urteil verkündet. Der Angeklagte wird zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren verurteilt, ferner zu einer Geldstrafe von 15 000 RM. Ferner wurde dem Angeklagten die Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter auf die Dauer von drei Jahren aberkannt.
In seiner Urteilsbegründung führte Landgerichtsdirektor Ostendorf aus, es läge der Tatbestand des Betruges vor, weil ein rechtswidriger Vermögensvorteil durch falsche Angaben erwirkt worden sei. Ferner habe das Gericht zwei Täuschungshandlungen gegenüber dem Landschaftssyndikus Dr. Damin und dem Leiter der Effektenstelle festgestellt Geheimrat von Hippel habe ohne weiteres das Bewußtsein haben müssen, daß ein Rechtsanspruch seinerseits auf die Darlehen nicht bestanden habe. Von einer Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte sei abgesehen worden, weil der Angeklagte zum ersten Male vor Gericht gestanden habe. Dafür habe man ihm aber die Fähigkeit, öffentliche Aemter zu bekleiden, auf drei Jahre aberkannt.
Einschreiten gegen Hilssverbön-e des Fentrnnrs
Berlin, 1. Juli.
Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt mit: Das Geheime Staatspolizeiamt hat im Laufe des heutigen Tages in ganz Preußen die Geschäftsstellen folgender Verbände geschlossen und deren Schristen- matrrial und sonstiges Vermögen sichergestellt: Friedensbund Deutscher Katholiken, Windhorst-Bund, Kreuzschar, Sturmschar, Volksverein für das katholische Deutschland und Volksvereinsvcrlag G. m. b. H., Katholischer Jungmännervcrband sowie Per- sonenvereinigungen, die als Fortsetzung der genannten Organisationen anzusehen sind.
Diese Maßnahmen waren notwendig, da sich herausgestellt hat, daß die genannten konfessionellen Hilfsverbände des Zentrums sich staats feindlich betätigt haben und durch eine systematische Hetze die natürliche Eingliederung großer Teile des katholischen Volkes in das nationale Deutschland zu sabotieren suchten. Durch diesen Mißbrauch religiöser und kirchlicher Einrichtungen für parteipolitische Zwecke mußte das Verhältnis zwischen dem nationalen Staat und der katholischen Kirche -ernstlich gefährdet werden.
Nicht berührt von den Maßnahmen bleiben die rein kirchlichen Vereine, die sich von einer parteipolitischen Einmischung fernhielten und lediglich sozialen und charitativen Zwecken dienten.
Eine Hochburg des Zentrums iLM
Hindenburg, 30. Juni.
In einer am Freitag abend stattgesundencn Generalversammlung des Katholischen Kasinos St. Anna, in der die Auflösung des seit 23 Jahren bestehenden Kasinos beschloßen wurde, teilte der erste Vorsitzende des Bezirksvorstandes der Zentrumspartei in Hindenburg mit, daß die Oberschlesische Zentrumsleitung am Freitag entscheidende Beschlüsse gefaßt habe.
Sollte ein Beschluß der Reichsleitung nicht kommen, dann würden die Beschlüsse der Oberschlesische» Zentrumspartei am kommenden Montag der Oes- sentlichkeit übergeben werden.
Bcuthen, 1. Juli.
Die Beuthsner Zentrumsfraktion hat sich bereits am Sonnabend aufgelöst. Die Abgeordneten haben um Aufnahme als Hospitanten in die nationalsozialistische Fraktion nachgesucht.
Vereinigung der enMO- ruWOen Beziehungen
London, 1. Juli.
Eine Verlautbarung des englischen Außen- ministeriums, die am Sonnbend um 21 Uhr herausgegeben wurde, bestätigt den erfolgreichen Abschluß der Verhandlungen zwischen dem englischen Außenminister Simon und dem russischen Außenkommissar Litwinow. Das Ergebnis wird in der Mitteilung wie folgt umrissen:
Die Strafe gegen die beiden Engländer Thornton und Macdonald wegen Spionage wird aufgehoben. Sie werden sofort ent
Zentrumsfunktionäre in Schutzhast.
Guttstadt (Ostpreußen), 1. Juli.
Zwei Zentrumsfunktionäre, Ortsgruppenvor- sitzeuder Mittelschullehrer Kühnapfel und Religionslehrer Laws sind in Schutzhast genommen worden.
Gesängnis für ehemaligen Zentrumsabgcordneten.
Bochum, 1. Juli.
Der frühere Zentrumsabgeordnete Nientimp, Bochum, wurde am Sonnabend, nachdem er ursprünglich freigesprochen worden war, von der Großen Strafkammer beim Landgericht Bochum wegen Betruges zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Nientimp konnte keine Rechenschaft über den Verbleib von Geldern aus der Zeit der großen Umgemeindungen im Ruhrgebiet geben.
Die Aktion gegen die Vayrische Vokkssartei
Die Aktion gegen die Bayerische Volkspartei.
München, 1. Juli.
Im Verlaufe der allgemeinen Haussuchungen bei den Funktionären der Bayerischen Volkspartei wurde auch bei zwei höheren Reichspostbeamten Material gefunden. Nach einer Darstellung der „Münchener Neuesten Nachrichten" hatten die beiden Beamten eine Anordnung vorbereitet, derzufolge die Beamten des Reichspostministeriums, die in großer Zahl Mitglieder der Bayerischen Volkspartei sind, aus dieser Partei auszukreten haben, wobei offenbar ein besonderer Zweck verfolgt werden sollte. Einer der beiden, der zum Nachfolger des Staatssekretärs Neumeier ausersehen war, mußte in Schutzhast genommen werden.
Am Morttsg ArrMrmg?
TU. München, 1. Juli.
Wie wir erfahren, ist mit dem entscheidenden Beschluß der Bayrischen Volkspartei-über ihre Selbstauslösung für Montag zu rechnen.
Papens DertziMdstmae«
i»M«N
Berlin, 1. Juli.
Die Verhandlungen, die Vizekanzler von Papen mit dem Vatikan führt, sind, wie alle Angelegen
lassen und kehren nach England zurück. Dir englische Regierung hebt mit sofortiger Wirkung das Einfuhrverbot für russische Waren aus, wogegen sich die russische Regierung verpflichtet, sofort sämtliche Gegenmaßnahmen gegen das englische Einfuhrverbot, die in der Hauptsache in einem hundert prozentigen Einfuhrverbot für englische Waren bestanden, aufzuheben. Die englisch russischen Handelsbeziehungen werden wieder von dem Zustande aus aufgenommen, wie er bestand, als seinerzeit die Handelsbeziehungen abgebrochen wurden.
Wie aus Moskau verlautet, sind Thornton und Macdonald am Sonnabend aus der Haft
hüten der Vatikanischen Diplomatie, von größter Diskretion umgeben. Der in der Battkanstadt erscheinende „Osservatore Romano" ging sogar in den letzten Tagen soweit, polemische Artikel über die deutsche Entwicklung zu veröffentlichen, ohne auf die Anwesenheit des deutschen Kabinettsmitgliedes Rücksicht zu nehmen. Kenner der Verhältniße erklären zwar, daß der Leitartikel dieses für offiziös gehaltenen Blattes nur die Meinungen einer kleinen Gruppe innerhalb der kirchlichen Zentralstelle wiedergibt. Trotzdem ist es auffallend, daß in diesem Artikel die deutschen Verhältniße immer noch vom Standpunkte des liberalistischen Parteien- und Klaffsnstaates betrachtet werden und daß aus politischer Sympathie mit dem Zentrum und den ihm nahestehenden Gewerkschaften deutsche Maßnahmen kritisiert werden, die sich weitgehend mit den von der obersten Kirchenautorität stets vertretenen Forderungen decken. Die Ueberwindung des Klaßenkampfes, der ständische Aufbau, die Förderung eines gesunden Familienlebens und vieles andere was im Mittelpunkt der gegenwärtigen Aufbauarbeit in Deutschland steht, ist z. B. in der Enchklika Quadragesimo Anno als Forderungen einer christlichen Sozialpolitik erhoben werden. Es ist unverständlich, wie das genannte Matt trotzdem die in Deutschland herrschenden Tendenzen als anti- wiflenschaftlich und antihistorisch bezeichnet, und mit diesen von der Kirche stets abgelehnten Begriffen aus dem Arsenal der Aufklärung und des Freimau- rertums die Entwicklung in Deutschland als antireligiös zu bezeichnen. Die Logik der Tatsachen wird auch hier über derartige mit veralteter Dialektik gestutzte Anfeindungen eines offenbar nicht autorisierten Journalisten hinweggehen.
Ein französisches Blatt glaubt übrigens heute berichten zu können, daß der Heilige Stuhl gegen die Auslösung des Zentrums keine Einwendung erheben würde, da er sie angesichts der unwiderstehlichen Kraft des Nationalsozialismus als unvermeidlich ansehe und Schwierigkeiten religiöser Art vermeiden wolle.
Dagegen scheine es, daß die Verhandlungen über ein Konkordat auf unvorhergesehene Hinderniße stoßen. Es ist nicht möglich, im Augenblick die Richtigkeit dieser Informationen nachzuprüfen, zumal die Verhandlungen noch in vollem Gange sind und sich das Bild fortwährend ändern kann.
entlassen worden- Sie werden Moskau am Sonntag verlassen.
Erste staatliche Preßekonserenz.
Berlin, 1. Juli.
DerstellvertretendeReichspreßechef, Dr. Jahncke, eröffnete am Sonnabend die erste staatliche Pressekonferenz. Während bisher die Berliner Journalisten sich jeden Tag zusammenfanden und Vertreter der Regierung baten, ihnen Mitteilungen über bedeutendere Vorfälle zu geben, wird von nun an die Reichsregierung selbst als einladender Teil für die täglichen Preßekonferenzen fungieren. Dr. Jahncke, der den Vorsitz in dieser Preßekonserenz führt, wies darauf hin, daß mit dem heutigen Tage für die ge
samte deutsche Presse und ihr Verhältnis zur Re- gierung eine wichtige Aenderung eingetreten sei. Jeder, der die nationalsozialistische Bewegung wirklich kenne, kenne auch ihren Drang nach Totalität und nach. Autorität. Durch die neuen staatlichen Pressekonferenzen solle die Verbindung zwischen Presse und Regierung enger gestaltet werden und zwar auch in dem Sinne, daß die Presse autoritativ mehr an die Regierung gebunden wird. Er kündigte nähere Bestimmungen über die Neuregelung der Preßekonserenz an.
Neue polnische Provokation
Polnisches Flugzeug über deutschem Gebiet.
Königsberg, 1. Juli.
Wie der Landrat in Marienwerder mitteilt, ist heute, «m 6.45 Uhr, ein polnisches Militärflugzeug aus Richtung Granden; über Russenau bis Groß- Nebrau gesichtet worden. Es hat diesseits der Weichsel die deutsche Grenze überflogen.
Ehemalige DerMchrratisnale in NSDAV.-FraMonsvorstÄnderr
Berlin, 1. Juli-
Zu Vertretern der bisherigen deutschnationalr» Fraktion des Reichstages in dem Vorstand der Fraktion der NSDAP, aus Grund des Abkommens vom 27. Juni, sind Pros. Dr. von Freytagh-Loringhooea und Stadtrat Steinhoss, zu Vertretern der Landtagsfraktion der kommissarische Landrat Könne!« und Hauptmann a. D. Schwecht bestimmt worden.
Hospitanten bei der NSDAP.
Berlin, 1. Juli.
Der Führer der Nationalsozialistischen Fraktion des Preußischen Landtages, Oberpräsident Kube, hat die beiden Deutsch-Haimoverschen Abgeordneten Biester und Langwost auf ihren Antrag hin als Hospitanten in die Nationalsozialistische Fraktion aufgenommen.
KomnnmiWcher Ferrseiiberlall auf mrtionalforialistifche Ehrenwache
Braunschweig, 1. Juli.
Miiüsterpräsident Klagges und Staatsmmister Alpers legten am Sonnabend nachmittag an der Stelle, an der in der Nacht zum Freitag der SS- Mann Landmann von . Kommunisten erschossen wurde, je einen Strauß Rosen nieder und ehrten das Andenken des Ermordeten durch ein stilles Gedenken.
In der Straße, in der die Mordtat geschah, hat sich in der Nacht zum Sonnabend ein unglaublicher Vorsall abgespielt. Eine Abordnung Hilsspol-izei, die an der Stelle, wo Landmann sein Leben laßen mußte, die Ehrenwache hielt, wurde ge- gegcn Morgen aus dem gleichen Garten, aus dem in der Nacht die tödliichein Schüsse fielen, beschossen. Die Hilfspolizisten erwiderten das Feuer. Eine von Verstärkungen der Hilsspol-izei und der Schutzpolizei sofort vorgenommene Durchsuchung des Gartens blieb ergebnislos, desgleichen eine Durchkämmung des gesamten Häuserblocks.
Das Sakerrleery als SiimW- der Sonne
Von Dr. Ernst Grohne (Foüe-Museum)
In der höchst bedeutsamen Ausstellung „Der Heil- bringer", die zurzeit in der Böttcherstraße zu sehen ist, sind u. a. auch zur Geschichte des Hakenkreuzes Belege und Zeugnisse in einem Umfang zusammengetragen worden, wie es kaum anderswo jemals geschehen ist. Ueber den Ursprung und Sinn des Hakenkreuzes hat sich der geistige Urheber dieser einzigartigen Schau, Professor Hermann Wirth, außer in mannigfachen Bildreihen lehrhafter Art in dem dort ausgelegten Heft der Zeitschrift „Germanien" 1933 Heft 6 näher geäußert. Wenn nun hier eine abweichende Meinung vorgetragen wird, so möge das nicht eigentlich als Widerspruch, sondern mehr als eine Wortmeldung im Rahmen der wissen- schastlichen Erörterungen angesehen -werden, -die über diesen schwierigen Punkt immer noch hin und hergehen.
Hermann Wirth leitet die Herkunft des Hakenkreuzes ab aus dem nordischen Jahreszeichen, das angeblich aus einem Kreis mit darinliegendem rechtwinkeligen Kreuz bestand, an dessen Enden sich wiederum kleine Kreise befinden. Letztere bezeichnen den Stand der Sonne an den vier Hauptpunkten des Jahres Wintersonnenwende, Frühlingsgleiche, Sommersonnenwende und Herbstgleiche. Mau könnte das Zeichen auch als Urbild der Windrose ansehen, indem man -die Sonnenstandpunkte den vier Himmelsrichtungen Nord-Ost-Süd-West gleichsetzt. „Im Lause der Zeit", so heißt es bei Hermann Wirth („Germanien", Heft 6, Seite 162), „fiel der Umkreis fort; in der Kursivschreibung wurden die Son- nenkugeln an den Kreuzesenden zu offenen Schleifen oder Haken und die vier Kreuzesbalken geschwungen geschrieben, so daß eine Figur wie Uvei rechtwinklig
übereinander gelegte 8-Spiralen entstand. Durch das Schreiben auf Holz, das Ritzen (englisch: to weite), wurden die runden Hakenenden eckig usw."
Hierzu ist nun sagen, daß unsere germanischen Vorfahren auf Grund jahrtausendealter Beobachtungen und Ueberlieferungen vom Lauf -der Sonne, des Mondes und der Gestirne und damit zusammenhängend vom Gang des Jahres und seiner Unterteilungen (Monat, Woche, Tag) Vorstellungen hatten, die wahrscheinlich vielfältiger und tiefgründiger waren, als wir bislang angenommen hatten.
Gleichwohl haben wir uns die betreffenden Erkenntnisse doch im wesentlichen als mündliche Ueberlieferungen vorzustellen; und wenn auch hier und da einmal ein des Runenritzens kundiger Priester versucht haben sollte, die zugehörigen astronomischen Begriff durch Aufzeichnungen auf Holz, Birkenrinde, Leder oder gar Stein in eine sozusagen kalendarische Form zu bringen, so dürste Derartiges nur selten in das allgemeine Volksbewußtsein eingedrungen sein.
Welch ein unermeßlicher Reichtum an alten Glaubensvorstellungen, Sitten, Gebräuchen, Märchen, Sagen und Liedern auf dem gleichen Wege der schriftlosen Ueberlieferung auf uns überkommen ist, das hat die Wissenschaft der Volkskunde während der letzten Jahrzehnte zur Uebergenüge zu zeigen vermocht. Noch heute würden viele ländliche Bewohner abgelegener Gegenden trotz Zeitungen und Rundfunk nicht in der Lage sein, bezüglich der vorliegenden Begriffe in einer solchen Weise gedanklich (abstrakt), ja, man könnte sagen, wissenschaftlich zu denken, wie Hermann Wirth das den germani
schen Volksstämmen der jüngeren Steinzeit oder älteren Bronzezeit zumutet.
Die hier einzubeziehenden urgeschichtlichen Funde lehren uns dagegen, daß in vorchristlicher Zeit eigentlich nur die Sonnefür sich eine bildliche Wiedergabe gefunden hat und zwar entweder als Scheibe oder Rad. Astronomisch-kalendarische Beziehungen waren, soweit bisher festgestellt werden konnte, nicht damit verbunden. Kultische Wagen aus Holz, mit Bronze beschlagen oder gar völlig aus Bronze, mit einer daraufgesetzten vergoldeten Sonnenscheibe, z. T. noch dem zweiten Jahrtausend vor Christus angehörend, sind als Boden- oder Moorfunde aus dem nordischen Kulturkreis mannigfach aus uns überkommen. Der berühmteste Fund dieser Art ist der 1902 bei Trundholm aus Seeland zum Vorschein gekommene Sonnenwagen.
Ob wier hieraus den Schluß ziehen -dürfen, daß die Religion der bronzezeitlichen Germanen eine Art von Sonnenkult gewesen sei, mutz dahingestellt bleiben. Gerade die Tatsache, daß diese vielfachen Sonnen- bilder fahrbar waren, legt die Vermutung nahe, daß wir es hier in der Hauptsache wohl mit Frucht- barkeit skullen zu tun haben.
Die Naturvölker der heißen, regenarmen Zonen haben zum Teil noch heute ihre „Regenmacher", -d. h. Priester oder Zauberer, die bei ungewöhnlicher Dürre mit Beschwörungen, durch Spritzen mit Wasser und ähnlichen Maßnahmen -den Himmel zum Oesfnen seiner Schleusen zu bewegen versuchen. Kultische Vorgänge entsprechender Art konnten in unserem regenreichen, dagegen sonnenormen Klima in umgekehrter Weise nur auf ein Hervorlocken der Sonne hinzielen.
Man hat sich vorzustellen, daß unsere urgermani- schen Vorfahren in ihren dürftigen Behausungen und mit ihrer noch unvollkommen ausgebauten Vorratswirtschaft ganz unendlich viel mehr unter den Unbilden des MnterS zu leiden hatten als wir heutigen
in dieser Hinsicht überaus verwöhnten Europäer und daß bei ihnen dementsprechend die Frühlingssehnsucht ganz unvergleichlich viel stärker war als bei uns. Während keiner Jahreszeit geriet das Blut unserer Altvorderen so in Wallung, wurden sie in seelischer und triebhafter Hinsicht -derartig von leidenschaftlichen Erregungen durchpulst wie im Frühling — anhebend mit dem wilden Fastnachtstreiben im Februar/März und Endigung mit dem festlichen Errichten des Maibaums in der Zeit um Pfingsten herum. Das Verschieben dieser lenzlichen Volksfeiern nach dem astronomischen Festpunkt der Sommersonnenwende hin, läßt sich vom wissenschaftlichen Standpunkt der Volkskunde nicht ganz rechtfertigen. Rein sachlich mutet es merkwürdig und im Hinblick auf das Vorhergehende widerspruchsvoll an, gerade den Zeitpunkt, der die nunmehr wieder einsetzende Verkürzung der Tage einleitet, zu einer Art von Festtag zu erheben. Wenn die christliche Kirche bei der Missionierung des Nordens den sommerlichen Son- nenwendtag gerade dem Gedenken Johannis des Täufers widmete, so tat sie es im Hinblick aus die Bibclstelle: „Er (Christus) muß zunehmen, >- ich (Johannes) muß abnehmen", und mithin im Einklang mit dieser Tatsache der einsetzenden Tagesverkürzungen. Der Schwerpunkt der urtümlichen Früh- lingsseiern hat in zeitlicher Hinsicht seit je früher gelegen, weswegen auch der von der nationalen Regierung gegebene Erlaß, den 1. Mai zum Volksfeiertag zu erheben, als aus dem richtigen Empfinden heraus geschehen mit besonderer Freude zu begrüßen ist.
Wenden wir uns aber wieder den fernen Urzeiten zu. Wenn das Auftauen der gefrorenen Flüsse, das Wegschmelzen des Schnees und das Hervorsprießen der ersten Schneeglöckchen untrüglich auf das Nahen des Frühlings hinwiesen, dann zog vermutlich die altgermanische Priestcrschaft mit dem Sonnenwagen über die Fluren, um durch diese religiös sinnbildliche Handlung die Sonne zu längerem
Scheinen und stärkerer Durchwärmung der Erde zu veranlassen. Manche heute noch nicht ausgestorbenen volkstümlichen Bräuche erinnern an diese urtümliche Frühlingsverehrung der Sonne, so vor allem die schöne, in Süddeutschland und in der deutschen Schweiz hier und da noch anzutreffende Sitte, zu Beginn der wärmeren Jahrezeit Feuerräder, d h. mit Stroh umwickelte und darauf angezündete Wagenräder steile Abhänge hinunterzurollen oder brennende Feuerscheiben durch die Lust zu werfen. Ja, es dürfte vielleicht nicht abwegig sein, die in unseren Tagen noch aus -den Anhöhen überall aufflammenden Osterbräuche ihrem Ursinn nach als Sonnenfeuer anzusehen. Bestärkt wird diese Vermutung durch die mancherorts überlieferte Sitte, eine den Winter darstellende Maskenpuppe des Osterfeuers zu weisen, ein Zeichen dafür, daß man unter dem wärmenden und leuchtenden Feuer ein Sinnbild der die Kälte und die Dunkelheit -des Winters vertreibenden Sonne verstand.
Im übrigen d'euten nicht nur die erwähnten süddeutschen Feuerräder, sondern noch manche andere altüberlieferte Bildsymbole darauf hin, daß sich unsere arischen Vorfahren die Sonne als eine leuchtende Scheibe vorstellten, die um ihre Achse sich drehend, durch oder über den Himmel rollt. Bei den alten Griechen hat sich daraus sogar ein Sonnenwagen entwickelt, der, entsprechend den damaligen Renn- und Kampfwagen, einachsig zu denken ist. Die aus der germanischen Früh- und Vorgeschichte nich: selten auf uns überkommenen Rad kreuze, mögen sie in Felsen geritzt, in Metall graviert sein, oder als selbstständige Schmuckgebilde (Fibeln) auftreten, hängen m. E. so gut wie sicher mit den erwähnten Sonnenradvorftellungen irgendwie zusammen und haben kaum etwas mit -dem Bilde des Jahreskreislaufs zu tun. Um die Tatsache der Drehung stärker zu betonen, hat man vielfach den Speichen eine geschwungene Form gegeben, woraus