Ausgabe 
(2.7.1933) Nr. 173
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e. 173. Jahrgang 1S33

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Vremen» Sonntag» den 2. Juli 1823 EimeSpreiS 15 Vtg.

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öremerkaKomIsorlMstWe Zeiluny

_ Das TknMotw des Gensls der ^reierr Brerrrerr

Auslösmg AaatsiemdMe« ZentrumsMUSven

GrutzweiNel zwischen SA. und Stahlhelm

Ein Erlaß Seldtes an den Stahlhelm Berlin, 1. Juli.

Der Bundesführer des Stahlhelm, Reichs­arbeitsminister Franz Seldte, hat folgenden Bundesbefehl an den Stahlhelm herausge geben-

1. Im Zusammenhang mit meinem Ab­kommen mit dem Führer der narionalsozia listischen Bewegung, Adolf Hitler, ordne ich folgendes an:

a) Die Kameraden der SA. und SS. sind in derselben Form zu grüßen wie die Kame­raden des Stahlhelm;

b) In Uniform mit Kopfbedeckung ist militärisch zu grüßen wie bisher;

c) Ohne Kopfbedeckung und in Zivil ist der Gruß durch Erheben der rechten Hand zu erweisen, wie es in der Reichswehr und Polizei ebenfalls befohlen ist;

d) Dieselben Ehrenbezeugungen sind den nationalsozialistischen Fahnen und bei Ab­singen des Horst Wessel-Liedes zu erweisen;

e) Bei festlichen Veranstaltungen ist neben der schwarz-weiß-roten und der alten Reichskriegsflagge die Hakenkreuzslagge zu zeigen;

2. Ich bestimme vom 1. Juli ab eine Auf­nahme- und Anmeldesperre für den Stahl­helm (früher Kern- und Ringstahlhelm). Die aus der Zeit vor dem 1. Juli 1933 vor­liegenden Anmeldungen zum Eintritt in den Stahlhelm sind gemäß meinen früheren Vor­schriften durchzuführen.

Der Jungstahlhelm und der Scharnhorst werden von diesen Sperr-Anordnungen nicht betroffen.

2 Jahre GeMngniS für von Hipvei

Königsberg, 1. Juli.

Im Hippel-Prozeß wurde am Sonnabend «m 13.13 Uhr das Urteil verkündet. Der An­geklagte wird zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren verurteilt, ferner zu einer Geld­strafe von 15 000 RM. Ferner wurde dem Angeklagten die Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter auf die Dauer von drei Jahren aberkannt.

In seiner Urteilsbegründung führte Land­gerichtsdirektor Ostendorf aus, es läge der Tatbestand des Betruges vor, weil ein rechts­widriger Vermögensvorteil durch falsche An­gaben erwirkt worden sei. Ferner habe das Gericht zwei Täuschungshandlungen gegen­über dem Landschaftssyndikus Dr. Damin und dem Leiter der Effektenstelle festgestellt Geheimrat von Hippel habe ohne weiteres das Bewußtsein haben müssen, daß ein Rechtsanspruch seinerseits auf die Darlehen nicht bestanden habe. Von einer Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte sei abgesehen worden, weil der Angeklagte zum ersten Male vor Gericht gestanden habe. Dafür habe man ihm aber die Fähigkeit, öffentliche Aemter zu bekleiden, auf drei Jahre ab­erkannt.

Einschreiten gegen Hilssverbön-e des Fentrnnrs

Berlin, 1. Juli.

Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt mit: Das Geheime Staatspolizeiamt hat im Laufe des heutigen Tages in ganz Preußen die Geschäftsstellen folgender Verbände geschlossen und deren Schristen- matrrial und sonstiges Vermögen sichergestellt: Frie­densbund Deutscher Katholiken, Windhorst-Bund, Kreuzschar, Sturmschar, Volksverein für das katho­lische Deutschland und Volksvereinsvcrlag G. m. b. H., Katholischer Jungmännervcrband sowie Per- sonenvereinigungen, die als Fortsetzung der ge­nannten Organisationen anzusehen sind.

Diese Maßnahmen waren notwendig, da sich her­ausgestellt hat, daß die genannten konfessionellen Hilfsverbände des Zentrums sich staats feind­lich betätigt haben und durch eine systema­tische Hetze die natürliche Eingliederung großer Teile des katholischen Volkes in das nationale Deutschland zu sabotieren suchten. Durch diesen Mißbrauch reli­giöser und kirchlicher Einrichtungen für parteipo­litische Zwecke mußte das Verhältnis zwischen dem nationalen Staat und der katholischen Kirche -ernst­lich gefährdet werden.

Nicht berührt von den Maßnahmen bleiben die rein kirchlichen Vereine, die sich von einer partei­politischen Einmischung fernhielten und lediglich sozialen und charitativen Zwecken dienten.

Eine Hochburg des Zentrums iLM

Hindenburg, 30. Juni.

In einer am Freitag abend stattgesundencn Ge­neralversammlung des Katholischen Kasinos St. Anna, in der die Auflösung des seit 23 Jahren be­stehenden Kasinos beschloßen wurde, teilte der erste Vorsitzende des Bezirksvorstandes der Zentrums­partei in Hindenburg mit, daß die Oberschlesische Zentrumsleitung am Freitag entscheidende Beschlüsse gefaßt habe.

Sollte ein Beschluß der Reichsleitung nicht kom­men, dann würden die Beschlüsse der Oberschlesische» Zentrumspartei am kommenden Montag der Oes- sentlichkeit übergeben werden.

Bcuthen, 1. Juli.

Die Beuthsner Zentrumsfraktion hat sich bereits am Sonnabend aufgelöst. Die Abgeordneten haben um Aufnahme als Hospitanten in die nationalsozia­listische Fraktion nachgesucht.

Vereinigung der enMO- ruWOen Beziehungen

London, 1. Juli.

Eine Verlautbarung des englischen Außen- ministeriums, die am Sonnbend um 21 Uhr herausgegeben wurde, bestätigt den erfolg­reichen Abschluß der Verhandlungen zwischen dem englischen Außenminister Simon und dem russischen Außenkommissar Litwinow. Das Ergebnis wird in der Mitteilung wie folgt umrissen:

Die Strafe gegen die beiden Engländer Thornton und Macdonald wegen Spionage wird aufgehoben. Sie werden sofort ent

Zentrumsfunktionäre in Schutzhast.

Guttstadt (Ostpreußen), 1. Juli.

Zwei Zentrumsfunktionäre, Ortsgruppenvor- sitzeuder Mittelschullehrer Kühnapfel und Religions­lehrer Laws sind in Schutzhast genommen worden.

Gesängnis für ehemaligen Zentrumsabgcordneten.

Bochum, 1. Juli.

Der frühere Zentrumsabgeordnete Nientimp, Bochum, wurde am Sonnabend, nachdem er ur­sprünglich freigesprochen worden war, von der Großen Strafkammer beim Landgericht Bochum wegen Betruges zu einem Jahr Gefängnis ver­urteilt. Nientimp konnte keine Rechenschaft über den Verbleib von Geldern aus der Zeit der großen Umgemeindungen im Ruhrgebiet geben.

Die Aktion gegen die Vayrische Vokkssartei

Die Aktion gegen die Bayerische Volkspartei.

München, 1. Juli.

Im Verlaufe der allgemeinen Haussuchungen bei den Funktionären der Bayerischen Volkspartei wurde auch bei zwei höheren Reichspostbeamten Ma­terial gefunden. Nach einer Darstellung der „Mün­chener Neuesten Nachrichten" hatten die beiden Be­amten eine Anordnung vorbereitet, derzufolge die Beamten des Reichspostministeriums, die in großer Zahl Mitglieder der Bayerischen Volkspartei sind, aus dieser Partei auszukreten haben, wobei offenbar ein besonderer Zweck verfolgt werden sollte. Einer der beiden, der zum Nachfolger des Staats­sekretärs Neumeier ausersehen war, mußte in Schutz­hast genommen werden.

Am Morttsg ArrMrmg?

TU. München, 1. Juli.

Wie wir erfahren, ist mit dem entscheidenden Be­schluß der Bayrischen Volkspartei-über ihre Selbst­auslösung für Montag zu rechnen.

Papens DertziMdstmae«

i»M«N

Berlin, 1. Juli.

Die Verhandlungen, die Vizekanzler von Papen mit dem Vatikan führt, sind, wie alle Angelegen­

lassen und kehren nach England zurück. Dir englische Regierung hebt mit sofortiger Wirkung das Einfuhrverbot für russische Waren aus, wogegen sich die russische Re­gierung verpflichtet, sofort sämtliche Gegen­maßnahmen gegen das englische Einfuhrver­bot, die in der Hauptsache in einem hundert prozentigen Einfuhrverbot für englische Waren bestanden, aufzuheben. Die englisch russischen Handelsbeziehungen werden wieder von dem Zustande aus aufgenommen, wie er bestand, als seinerzeit die Handelsbeziehungen abgebrochen wurden.

Wie aus Moskau verlautet, sind Thornton und Macdonald am Sonnabend aus der Haft

hüten der Vatikanischen Diplomatie, von größter Diskretion umgeben. Der in der Battkanstadt erscheinende „Osservatore Romano" ging sogar in den letzten Tagen soweit, polemische Artikel über die deutsche Entwicklung zu veröffentlichen, ohne auf die Anwesenheit des deutschen Kabinettsmitgliedes Rück­sicht zu nehmen. Kenner der Verhältniße erklären zwar, daß der Leitartikel dieses für offiziös gehal­tenen Blattes nur die Meinungen einer kleinen Gruppe innerhalb der kirchlichen Zentralstelle wieder­gibt. Trotzdem ist es auffallend, daß in diesem Ar­tikel die deutschen Verhältniße immer noch vom Standpunkte des liberalistischen Parteien- und Klaffsnstaates betrachtet werden und daß aus poli­tischer Sympathie mit dem Zentrum und den ihm nahestehenden Gewerkschaften deutsche Maß­nahmen kritisiert werden, die sich weit­gehend mit den von der obersten Kirchenautorität stets vertretenen Forderungen decken. Die Ueber­windung des Klaßenkampfes, der ständische Aufbau, die Förderung eines gesunden Familienlebens und vieles andere was im Mittelpunkt der gegenwärtigen Aufbauarbeit in Deutschland steht, ist z. B. in der Enchklika Quadragesimo Anno als Forderungen einer christlichen Sozialpolitik erhoben werden. Es ist unverständlich, wie das genannte Matt trotzdem die in Deutschland herrschenden Tendenzen als anti- wiflenschaftlich und antihistorisch bezeichnet, und mit diesen von der Kirche stets abgelehnten Begriffen aus dem Arsenal der Aufklärung und des Freimau- rertums die Entwicklung in Deutschland als anti­religiös zu bezeichnen. Die Logik der Tatsachen wird auch hier über derartige mit veralteter Dia­lektik gestutzte Anfeindungen eines offenbar nicht autorisierten Journalisten hinweggehen.

Ein französisches Blatt glaubt übrigens heute be­richten zu können, daß der Heilige Stuhl gegen die Auslösung des Zentrums keine Einwendung erheben würde, da er sie angesichts der unwidersteh­lichen Kraft des Nationalsozialismus als unvermeid­lich ansehe und Schwierigkeiten religiöser Art ver­meiden wolle.

Dagegen scheine es, daß die Verhandlungen über ein Konkordat auf unvorhergesehene Hinderniße stoßen. Es ist nicht möglich, im Augenblick die Rich­tigkeit dieser Informationen nachzuprüfen, zumal die Verhandlungen noch in vollem Gange sind und sich das Bild fortwährend ändern kann.

entlassen worden- Sie werden Moskau am Sonntag verlassen.

Erste staatliche Preßekonserenz.

Berlin, 1. Juli.

DerstellvertretendeReichspreßechef, Dr. Jahncke, eröffnete am Sonnabend die erste staatliche Presse­konferenz. Während bisher die Berliner Journalisten sich jeden Tag zusammenfanden und Vertreter der Regierung baten, ihnen Mitteilungen über bedeu­tendere Vorfälle zu geben, wird von nun an die Reichsregierung selbst als einladender Teil für die täglichen Preßekonferenzen fungieren. Dr. Jahncke, der den Vorsitz in dieser Preßekonserenz führt, wies darauf hin, daß mit dem heutigen Tage für die ge­

samte deutsche Presse und ihr Verhältnis zur Re- gierung eine wichtige Aenderung eingetreten sei. Jeder, der die nationalsozialistische Bewegung wirk­lich kenne, kenne auch ihren Drang nach Totalität und nach. Autorität. Durch die neuen staatlichen Pressekonferenzen solle die Verbindung zwischen Presse und Regierung enger gestaltet werden und zwar auch in dem Sinne, daß die Presse auto­ritativ mehr an die Regierung gebunden wird. Er kündigte nähere Bestimmungen über die Neuregelung der Preßekonserenz an.

Neue polnische Provokation

Polnisches Flugzeug über deutschem Gebiet.

Königsberg, 1. Juli.

Wie der Landrat in Marienwerder mitteilt, ist heute, «m 6.45 Uhr, ein polnisches Militärflugzeug aus Richtung Granden; über Russenau bis Groß- Nebrau gesichtet worden. Es hat diesseits der Weichsel die deutsche Grenze überflogen.

Ehemalige DerMchrratisnale in NSDAV.-FraMonsvorstÄnderr

Berlin, 1. Juli-

Zu Vertretern der bisherigen deutschnationalr» Fraktion des Reichstages in dem Vorstand der Frak­tion der NSDAP, aus Grund des Abkommens vom 27. Juni, sind Pros. Dr. von Freytagh-Loringhooea und Stadtrat Steinhoss, zu Vertretern der Landtagsfraktion der kommissarische Landrat Kön­ne!« und Hauptmann a. D. Schwecht bestimmt worden.

Hospitanten bei der NSDAP.

Berlin, 1. Juli.

Der Führer der Nationalsozialistischen Fraktion des Preußischen Landtages, Oberpräsident Kube, hat die beiden Deutsch-Haimoverschen Abgeordneten Biester und Langwost auf ihren Antrag hin als Hospitanten in die Nationalsozialistische Frak­tion aufgenommen.

KomnnmiWcher Ferrseiiberlall auf mrtionalforialistifche Ehrenwache

Braunschweig, 1. Juli.

Miiüsterpräsident Klagges und Staatsmmister Alpers legten am Sonnabend nachmittag an der Stelle, an der in der Nacht zum Freitag der SS- Mann Landmann von . Kommunisten erschossen wurde, je einen Strauß Rosen nieder und ehrten das Andenken des Ermordeten durch ein stilles Ge­denken.

In der Straße, in der die Mordtat geschah, hat sich in der Nacht zum Sonnabend ein unglaublicher Vorsall abgespielt. Eine Abordnung Hilsspol-izei, die an der Stelle, wo Landmann sein Leben laßen mußte, die Ehrenwache hielt, wurde ge- gegcn Morgen aus dem gleichen Garten, aus dem in der Nacht die tödliichein Schüsse fielen, beschos­sen. Die Hilfspolizisten erwiderten das Feuer. Eine von Verstärkungen der Hilsspol-izei und der Schutzpolizei sofort vorgenommene Durchsuchung des Gartens blieb ergebnislos, desgleichen eine Durchkämmung des gesamten Häuserblocks.

Das Sakerrleery als SiimW- der Sonne

Von Dr. Ernst Grohne (Foüe-Museum)

In der höchst bedeutsamen Ausstellung „Der Heil- bringer", die zurzeit in der Böttcherstraße zu sehen ist, sind u. a. auch zur Geschichte des Haken­kreuzes Belege und Zeugnisse in einem Umfang zusammengetragen worden, wie es kaum anderswo jemals geschehen ist. Ueber den Ursprung und Sinn des Hakenkreuzes hat sich der geistige Urheber dieser einzigartigen Schau, Professor Hermann Wirth, außer in mannigfachen Bildreihen lehrhafter Art in dem dort ausgelegten Heft der Zeitschrift „Ger­manien" 1933 Heft 6 näher geäußert. Wenn nun hier eine abweichende Meinung vorgetragen wird, so möge das nicht eigentlich als Widerspruch, sondern mehr als eine Wortmeldung im Rahmen der wissen- schastlichen Erörterungen angesehen -werden, -die über diesen schwierigen Punkt immer noch hin und her­gehen.

Hermann Wirth leitet die Herkunft des Haken­kreuzes ab aus dem nordischen Jahreszeichen, das angeblich aus einem Kreis mit darinliegendem recht­winkeligen Kreuz bestand, an dessen Enden sich wiederum kleine Kreise befinden. Letztere bezeichnen den Stand der Sonne an den vier Hauptpunkten des Jahres Wintersonnenwende, Frühlingsgleiche, Som­mersonnenwende und Herbstgleiche. Mau könnte das Zeichen auch als Urbild der Windrose ansehen, indem man -die Sonnenstandpunkte den vier Himmels­richtungen Nord-Ost-Süd-West gleichsetzt. „Im Lause der Zeit", so heißt es bei Hermann Wirth („Germanien", Heft 6, Seite 162), „fiel der Um­kreis fort; in der Kursivschreibung wurden die Son- nenkugeln an den Kreuzesenden zu offenen Schleifen oder Haken und die vier Kreuzesbalken geschwungen geschrieben, so daß eine Figur wie Uvei rechtwinklig

übereinander gelegte 8-Spiralen entstand. Durch das Schreiben auf Holz, das Ritzen (englisch: to weite), wurden die runden Hakenenden eckig usw."

Hierzu ist nun sagen, daß unsere germanischen Vorfahren auf Grund jahrtausendealter Beobach­tungen und Ueberlieferungen vom Lauf -der Sonne, des Mondes und der Gestirne und damit zusammen­hängend vom Gang des Jahres und seiner Unter­teilungen (Monat, Woche, Tag) Vorstellungen hat­ten, die wahrscheinlich vielfältiger und tiefgründiger waren, als wir bislang angenommen hatten.

Gleichwohl haben wir uns die betreffenden Er­kenntnisse doch im wesentlichen als mündliche Ueberlieferungen vorzustellen; und wenn auch hier und da einmal ein des Runenritzens kundiger Prie­ster versucht haben sollte, die zugehörigen astronomi­schen Begriff durch Aufzeichnungen auf Holz, Birken­rinde, Leder oder gar Stein in eine sozusagen kalendarische Form zu bringen, so dürste Derartiges nur selten in das allgemeine Volksbewußtsein ein­gedrungen sein.

Welch ein unermeßlicher Reichtum an alten Glau­bensvorstellungen, Sitten, Gebräuchen, Märchen, Sagen und Liedern auf dem gleichen Wege der schriftlosen Ueberlieferung auf uns überkom­men ist, das hat die Wissenschaft der Volkskunde während der letzten Jahrzehnte zur Uebergenüge zu zeigen vermocht. Noch heute würden viele ländliche Bewohner abgelegener Gegenden trotz Zeitungen und Rundfunk nicht in der Lage sein, bezüglich der vorliegenden Begriffe in einer solchen Weise gedank­lich (abstrakt), ja, man könnte sagen, wissenschaftlich zu denken, wie Hermann Wirth das den germani­

schen Volksstämmen der jüngeren Steinzeit oder älteren Bronzezeit zumutet.

Die hier einzubeziehenden urgeschichtlichen Funde lehren uns dagegen, daß in vorchristlicher Zeit eigentlich nur die Sonnefür sich eine bildliche Wie­dergabe gefunden hat und zwar entweder als Scheibe oder Rad. Astronomisch-kalendarische Beziehungen waren, soweit bisher festgestellt werden konnte, nicht damit verbunden. Kultische Wagen aus Holz, mit Bronze beschlagen oder gar völlig aus Bronze, mit einer daraufgesetzten vergoldeten Sonnenscheibe, z. T. noch dem zweiten Jahrtausend vor Christus ange­hörend, sind als Boden- oder Moorfunde aus dem nordischen Kulturkreis mannigfach aus uns überkom­men. Der berühmteste Fund dieser Art ist der 1902 bei Trundholm aus Seeland zum Vorschein ge­kommene Sonnenwagen.

Ob wier hieraus den Schluß ziehen -dürfen, daß die Religion der bronzezeitlichen Germanen eine Art von Sonnenkult gewesen sei, mutz dahingestellt bleiben. Gerade die Tatsache, daß diese vielfachen Sonnen- bilder fahrbar waren, legt die Vermutung nahe, daß wir es hier in der Hauptsache wohl mit Frucht- barkeit skullen zu tun haben.

Die Naturvölker der heißen, regenarmen Zonen haben zum Teil noch heute ihre „Regenmacher", -d. h. Priester oder Zauberer, die bei ungewöhnlicher Dürre mit Beschwörungen, durch Spritzen mit Wasser und ähnlichen Maßnahmen -den Himmel zum Oesfnen seiner Schleusen zu bewegen versuchen. Kultische Vorgänge entsprechender Art konnten in unserem regenreichen, dagegen sonnenormen Klima in umge­kehrter Weise nur auf ein Hervorlocken der Sonne hinzielen.

Man hat sich vorzustellen, daß unsere urgermani- schen Vorfahren in ihren dürftigen Behausungen und mit ihrer noch unvollkommen ausgebauten Vorrats­wirtschaft ganz unendlich viel mehr unter den Un­bilden des MnterS zu leiden hatten als wir heutigen

in dieser Hinsicht überaus verwöhnten Europäer und daß bei ihnen dementsprechend die Frühlingssehnsucht ganz unvergleichlich viel stärker war als bei uns. Während keiner Jahreszeit geriet das Blut unserer Altvorderen so in Wallung, wurden sie in seelischer und triebhafter Hinsicht -derartig von leidenschaftlichen Erregungen durchpulst wie im Frühling — anhebend mit dem wilden Fastnachtstreiben im Februar/März und Endigung mit dem festlichen Errichten des Mai­baums in der Zeit um Pfingsten herum. Das Ver­schieben dieser lenzlichen Volksfeiern nach dem astronomischen Festpunkt der Sommersonnenwende hin, läßt sich vom wissenschaftlichen Standpunkt der Volkskunde nicht ganz rechtfertigen. Rein sachlich mutet es merkwürdig und im Hinblick auf das Vor­hergehende widerspruchsvoll an, gerade den Zeit­punkt, der die nunmehr wieder einsetzende Verkür­zung der Tage einleitet, zu einer Art von Festtag zu erheben. Wenn die christliche Kirche bei der Missionierung des Nordens den sommerlichen Son- nenwendtag gerade dem Gedenken Johannis des Täufers widmete, so tat sie es im Hinblick aus die Bibclstelle: „Er (Christus) muß zunehmen, >- ich (Johannes) muß abnehmen", und mithin im Ein­klang mit dieser Tatsache der einsetzenden Tagesver­kürzungen. Der Schwerpunkt der urtümlichen Früh- lingsseiern hat in zeitlicher Hinsicht seit je früher ge­legen, weswegen auch der von der nationalen Regie­rung gegebene Erlaß, den 1. Mai zum Volksfeiertag zu erheben, als aus dem richtigen Empfinden heraus geschehen mit besonderer Freude zu begrüßen ist.

Wenden wir uns aber wieder den fernen Urzeiten zu. Wenn das Auftauen der gefrorenen Flüsse, das Wegschmelzen des Schnees und das Hervorsprießen der ersten Schneeglöckchen untrüglich auf das Nahen des Frühlings hinwiesen, dann zog vermutlich die altgermanische Priestcrschaft mit dem Sonnen­wagen über die Fluren, um durch diese religiös sinnbildliche Handlung die Sonne zu längerem

Scheinen und stärkerer Durchwärmung der Erde zu veranlassen. Manche heute noch nicht ausgestorbenen volkstümlichen Bräuche erinnern an diese urtümliche Frühlingsverehrung der Sonne, so vor allem die schöne, in Süddeutschland und in der deutschen Schweiz hier und da noch anzutreffende Sitte, zu Beginn der wärmeren Jahrezeit Feuerräder, d h. mit Stroh umwickelte und darauf angezündete Wagenräder steile Abhänge hinunterzurollen oder brennende Feuerscheiben durch die Lust zu werfen. Ja, es dürfte vielleicht nicht abwegig sein, die in unseren Tagen noch aus -den Anhöhen überall aufflammenden Osterbräuche ihrem Ursinn nach als Sonnenfeuer anzusehen. Bestärkt wird diese Vermutung durch die mancherorts überlieferte Sitte, eine den Winter darstellende Maskenpuppe des Osterfeuers zu weisen, ein Zeichen dafür, daß man unter dem wärmenden und leuchtenden Feuer ein Sinnbild der die Kälte und die Dunkelheit -des Win­ters vertreibenden Sonne verstand.

Im übrigen d'euten nicht nur die erwähnten süd­deutschen Feuerräder, sondern noch manche andere altüberlieferte Bildsymbole darauf hin, daß sich unsere arischen Vorfahren die Sonne als eine leuch­tende Scheibe vorstellten, die um ihre Achse sich drehend, durch oder über den Himmel rollt. Bei den alten Griechen hat sich daraus sogar ein Sonnen­wagen entwickelt, der, entsprechend den damaligen Renn- und Kampfwagen, einachsig zu denken ist. Die aus der germanischen Früh- und Vorgeschichte nich: selten auf uns überkommenen Rad kreuze, mögen sie in Felsen geritzt, in Metall graviert sein, oder als selbstständige Schmuckgebilde (Fibeln) auf­treten, hängen m. E. so gut wie sicher mit den er­wähnten Sonnenradvorftellungen irgendwie zusam­men und haben kaum etwas mit -dem Bilde des Jahreskreislaufs zu tun. Um die Tatsache der Drehung stärker zu betonen, hat man vielfach den Speichen eine geschwungene Form gegeben, woraus