Nr. 172. Jahrgang 1933
Vreme«. SonnabZnd. den 1. FM 1933 Einzelveew 1S VM.
Verlag, Gchristleitung und Geschäftsstelle: Papenstrahe 15. Sprechstunden der Schristleitung: Montag bis Freitag 18 bis 19 Uhr. Fernsprecher: Donrsheide 26051. — Die BNZ erscheint täglich morgens, nur am Montag mittags, und kostet monatlich pL-k 3.30 ein- schließlich Botenlohn, durch die Polt bezogen erhöht sich der Preis um SS 0^/ Zustellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu entrichten.
-/-N >? /--n-
Anzeigen: hiesige die 14 gespalten« mm»Zeile 0.10, auswärts 0.12; im Textteil o.so, auswärts -LX 0.70; Stellengesuch« und Familienanzeigen 0.06; sonstige klein« Anzeigen 00.8. Platz- vorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Betriebsstörung, Streik, Verbot «.s. w. hat der Bezieher keinen Anspruch auf Rückzahlung deS Bezugspreises.
vwmerstMomlso MMM e Z e nun-
_DasVmtüoke Orsair dss Sensts der ^reieL Beemsrr.
DarrS und Schmitt auch preuWche Minister
Personelle Angelegenheiten Gegenstand der Habinettsbesprerhungen
' Deilin, SO Juni. In der Mnisterbe- «sprecht ng am .Freitag begrüßte der Reichskanzler Ad tf Hitler zunächst den neuen Reichswirisck'af'.^minister Schmitt und den neuen Reichsminister für Ernährung und Landwir'lehnst N Walter Darrs, sowie den stellvertretenden Führer der NSDAP., Rudolf Heß, der ebenfalls zum ersten Male an der Kabinettssitzung teilnahm. Der Reichskanzler sprach sodann sein Bedauern über den Rücktritt des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft und Reichswirtschafts- mtnisters Dr. Hugenberg aus, dessen verdienstvolles Wirken in der deutschen Politik und im Reichskabinett er noch in einem Schreiben zum Ausdruck bringen werde.
Der Reichskanzler Adolf Hitler berichtete dann über seinen Besuch beim Reichspräsidenten in Neudeck und hob hervor, daß er besonders erfreut über die Frische und das gute Befinden des Reichspräsidenten gewesen wäre, der dem Reichskabinett die besten Grüße und Wünsche übermitteln ließ- Ministerpräsident Goering teilte dann mit, daß auf seinen Vorschlag vom Reichskanzler der Reichswirtschaftsminister Schmitt zum Preußischen Minister für Wirtschaft und Arbeit und der Reichsminister fü Ernährung und Landwirtchast, R. Walter DarrL, zum preußischen Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten ernannt worden fei. Das Reichskabinctt genehmigte sodann die Ernennung des Abg. Feder zum Staatssekretär im Reichswirtschaftsministerium, und es erklärte sein Einverständnis damit, daß der Ministerialdirektor im Reichs wirtschaftsministcrium, Dr. Posse, zum zweiten Staatssekretär im Reichswirtschasts Ministerin vorgeschlagen wird Der Reichsbankpräsident Dr. Schacht berichtete über die morgen in Kraft tretende Regelung des Transfers der Zinsen und Amortisation der ausländischen Anleihen wie sie auf Grund der Londoner Verhandlungen mit den Auslandsgläubigern stattfindet.
Das Kabinett billigte die Vorschläge und Reichskanzler Adolf Hitler dankte Dr. Schacht im Namen des Reichskabinetts für feine unermüdlichen Bemühungen, der vorhandenen Schwierigkeiten Herr zu werden.
9er Reichspräsident an Kngendeeg
Berlin, 30- Juni. Amtlich wird mitgeteilt: Der Herr Reichspräsident hat an den aus feinem Amte scheidenden Reichsminister Dr Hugenberg nachstehendes Handschreiben gerichtet:
„Sehr geehrter Herr Reichsminister!
Mit Bedauern habe ich von Ihrem Entschluß, aus Ihren Aemtern als Reichswirtschastsminister und Reichs- minifter für Ernährung und Landwirtschaft auszuscheiden, Kenntnis genommen. In Würdigung Ihrer mir vor
getragenen Gründe habe ich mit dem anliegenden Erlasse Ihrem Antrage entsprochen.
In langjähriger vaterländischer Arbeit haben Sie den nationalen Gedanken in Deutschland verbreitet und gestärkt und sich damit um die nationale Erhebung große Verdienste erworben In Ihrer leider nur kurzen Tätigkeit als Mitglied der Reichsregierung und Leiter der großen wirtschaftlichen Ministerien haben Sie der deutschen Wirtschaft, namentlich
Braunschweig, 30. Juni. In der Nacht zum Freitag wurde der 29 Jahre alte SS -Mann Gerhard Landmann vom Sturm 1/49. SS.-Standarte, von Kommunisten aus der Straße im Eichtal erschaffen.
Landmann war mit einem Sonderkom mando der SS.-Hilsspolizei unterwegs, um kommunistische Schlupfwinkel nach Flugschriften zu durchsuchen- In einer Wirtschaft im Eichtal wurde auch Material gesunden. Die Kommunisten waren inzwischen geflohen Landmann, der wieder aus die Straße getreten war, verfolgte flüchtende Kommunisten bis zur nächsten Straßenecke Landmann rief verschiedentlich Flüchtlinge an und ging knieend in Anschlag In diesem Augenblick siel eine Anzahl Schüsse. Er erhielt einen Kopf- und einen Halsschuß und verblutete , nach kurzer Zeit in den Armen seiner inzwischen hinzugekommenen Kameraden. In kürzester Zeit wurde unter Ausgebot der gesamten SS--Hilfspolizei das ganze Viertel abgeriegelt und durchsucht. Von den Mör-
Berlin, SO. Jum.
Reichspräsident von Hindenburg hat an den Reichskanzler Hitler in der Frage der Auseinandersetzungen in der evangelischen Kirche folgendes Schreiben gerichtet:
„Sehr verehrter Herr Reichskanzler!
Die Auseinandersetzungen in der evangelischen Kirche und die Gegensätze, die zwischen der preußischen StaatSregierung und der Leitung der preußischen evangelischen Landeskirche entstanden sind, erfüllen mich als evangelischen Christen wie als Oberhaupt des Reiches mit ernste 'r Sorge. Zahlreiche an mich gerichtete Telegramme und Zuschriften bestätigen mit, daß die deutschen evangelischen Christen durch diese Auseinandersetzungen
der besonders notleidenden Landwirtschaft, wertvolle Dienste geleistet. Für all dieses spreche ich Ihnen eigenen Namens, wie im Namen des Reiches aufrichtige Anerkennung und herzlichen Dank aus. Meine besten Wünsche für Ihr persönliches Wohlergehen wie für Ihr künftiges Wirken begleiten Sie aus Ihrem weiteren Lebensweg.
Mit freundlichen Grüßen
gez- von Hindenburg."
dein fand man keine Spur 3V verdächtige Personen wurden festgenommen.
Staatsbegräbnis Mr SA.-Mann Mein
Berlin, 30. Juni. Unter außerordentlich großer Beteiligung von SA-, SS., Hitlerjugend, Stahlhelm, Abordnungen der NS. BO. wurde heute das dritte Opfer des marxistischen Ueberfalles in Köpenick, SA.-Mann Wilhelm Klein, zu Grabe getragen. Unter den vielen Kranzspenden befand sich auch ein Kranz von lauter Rosen, den der Führer und Kanzler AdolfHitler dem toten Kämpfer gewidmet hatte. Am Grabe sprach der stellvertretende Gauleiter von Berlin, Gör- litzer, tiefempfundene Worte des Gedenkens- Solange Deutschland Söhne habe die bereit seien, fürs Vaterland ihr Leben dahin zu geben, werde es nicht untergehen. Während die Erdschollen langsam den Sarg bedeckten, erklang das Horst Wessel-Lied.
und durch die Sorge um die innere Freiheit der Kirche aufs Tiefste bewegt find. Aus einer Fortdauer oder gar einer Verschärfung dieser Zustandes muß schwerster Schaden für Volk und Vaterland erwachsen und die nationale Einheit leiden. Vor Gott und meinem Gewissen fühle rch mich daher verpflichtet, alles zu tun, um solchen Schaden abzuwenden.
Aus meiner gestrigen Besprechung dieser Fragen mit Ihnen weiß ich, daß Sie, Herr Reichskanzler, diesen Sorgen vollstes Verständnis entgegenbringen und auch bereit sind, auch Ihrerseits zur Ueberbrückung der Gegensätze mitzuhelfen. Deshalb habe ich die Zuversicht, daß es Ihrer staatsmännischen Weitsicht gelingen
wird, durch Verhandlungen sowohl mit den Der. tretern der beiden in Widerstreit befindliche» Rich- tungen der evangelischen Kirche, als auch mit den Vertretern der preußischen «Landeskirchen und den Organen der preußischen Regierung den Frieden in der evangelischen Kirche wiederherzustellen und aus dieser Grundlage die angestrebte Einigung der verschiedenen Landeskirchen herbeizuführen.
Mit freundlichen Grüßen bin ich Ihr ergebener
(gez.) von Hindenburg." Reichskanzler Hitler hat den Reichsminifter deS Innern, Frick, bereits beauftragt, Verhandlungen im Sinne des vorstehenden Schreibens des Herrn Reichspräsidenten einzuleiten.
Der Neuaufbau ber Kirche kann beginnen
Berlin, 80. Juni. Der Reichsminifter des Innern hat unter dem SO. Juni an den Wehrkreispfarrer Müller folgendes Schreiben gerichtet:
„Sehr geehrter Herr Wehrkreispfarrer!
Nachdem mich der Herr Reichskanzler mit der weiteren Behandlung der evangelischen kirchlichen Einigungsbestrebungen betraut hat und Sie mir über den derzeitigen Stand der Verhandlungen Bericht erstattet haben, ersehe ich auS diesem Ihrem Bericht, daß das Einigungswerk bei treuer Mitarbeit der Beteiligten baldigst sein Ziel erreichen wird.
Ich wünsche Ihnen für das unter Ihrer Führung stehende Werk und für die erste Sitzung des AuS- schusseS für die Schaffung einer neuen Verfassung der deutschen evangelischen Kirche vollen Erfolg «nd Gottes Segen.
Ich habe das Vertrauen, daß Sie als Bevollmächtigter deS Herrn Reichskanzlers dar große Werk für Kirche und Volk bald zu einem guten Abschluß führen werden."
Berlin, M. Juni. Wchrkreispsarrer Müller veröffentlicht folgenden Ausruf: „Die Rill in Kirche und Volk ist so groß geworden, baß ich aus der Verantwortung meines Auftrages die Führung deS Deutschen evangelischen KirchenbundeS übernommen habe. Pflicht und Aufgabe ist mir, die Einigkeit und Freiheit der evangelischen Kirche so schnell wie möglich wieder herzustellen. Ich bitte alle evangelischen Christen um ihre Fürbitte. Me Berufene«, insbesondere die Führer der Kirchen, bitte ich um ihre Mitarbeit. Unser Herr und Heiland verlangt von uns, daß wir in Liebe und Vertrauen den Neubau der Kirche ausführen.
Me Verfassung der Deutschen evangelischen Kirche soll und muß jetzt in kürzester Frist aufgerichtet sein. Dann soll das Kirchenvolk sein «Ja sprechen, und ich kann zum Führer gehen und ihm sagen, daß die Deutsche evangelische Kirche bereit ist zum Dienst an Volk und Vaterland in Gehorsam gegen das Evangelium.
So erreichen wir, was wir alle ersehnen, wie es der Ruf der Stunde von uns verlangt. Gott helfe uns allen".
Polnüchs MitttiiestUg- reuge über deutschem Gediet
wtb. Berlin, 30. Juni- Nach den jetzt bei dem Lustfahrtministcrium vorliegenden Berichten steht einwandfrei fest, daß am Donnerstag vormittag fünf polnische Militärflugzeuge, also eine ganze militärische Einheit, zwischen Bütow in Pommern und der Ostsee küste länger als eine Stunde über deutschem Reichsgebiet geflogen find Eines der Flugzeuge flog in nur 200 Meter Höhe Gegen die neuerliche Grenzverletzung, die diesmal in einer besonders schwerwiegenden Form vorgenommen wurde, wird deutscherseits bei der polnischen Regierung schärfster Protest erhoben werden.
Verlagertes Mitteleuropa
(Von unserem Vertreter.)
Ein gläubiger, wenn auch vielleicht zu wenig akti- vistischer Anhänger einer der besten und konstruktivsten Pläne für ein befriedetes Mitteleuropa war Ungarns vormaliger Ministerpräsident Graf Bethlen: Dem Mitteleuropa von Novd- und Ostsee bis zur Adria, dem mitteleuropäischen Staatenblock Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Italien. Es ist müßig zu prüfen/ob diese reale Möglichkeit mit dem gewaltsamen Ende der österreichisch-deutschen Zoll-Unions- Pläne fiel oder erst in der spateren Entwicklung, die durch den engen Zusammenschluß der Kleinen Entente hinlänglich belastet wurde. Tatsache ist, daß die gesunde Idee einer Einheitsfront von Berlin über Wien und Budapest nach Rom — mochte sie nur wirtschaftlichen Charakter «haben, der sich namentlich nach den südöstlichen Agrarstaaten hin doch politisch hätte auswirken müssen! — nunmehr verdrängt erscheint von dem neuen Schlagwort einer „WtrtschaftS- großmacht" von der Ostsee bis zur Adria, einem ,Zentraleuropa als der gemeinsamen Heimat von glücklichen freien und selbständigen Nationen" — einem Mitteleuropa, das sich durch Fehlen der wirk, lich mitteleuropäischen Staaten, durch eine
Verlagerung Zentraleuropas nach dem Osten auszeichnet.
Die teils unsinnigen, teils entstellten Gerücht« um neue Formen für die Länder Oft- und Südost-Enr« paS haben in Wahrheit ernste und reale Hinter»
Dr. Goebbels beim Flugtag in Vreme«
Die Staatlich« Pressestelle tritt mit:
Dem große« Flugtag am 2. Juli in Bremen wird von der ReichSregierung großes Interesse entgegengebracht, das sich dadurch äußert, daß Reichsminifter Dr. Goebbels im Flugzeug nach Bremen kommt, um der Veranstaltung beizuwohnen.
In seiner Begleitung befinden sich die Pour-le- mörite-Flieger: Staatssekretär Milch, Ministerialdirektor Kapitän Christians«», Ministerialrat Rittmeister Bolle, der Präsident des Deutschen Lustsportverbandes Hauptmann Loerzer und Landesgruppenführer deS Deutschen Lustsportverb an» des, Hauptmann Homburg.
gründe. Me hier seit längerem umlaufende Parole, Mussolini erstrebe die Zusammenfassung Ungarns und Oesterreichs in der Form, aber auch als Gegenspieler der Kleinen Entente hat inzwischen ihre richtige Bewertung gefunden. Es ist nicht neu, tmß der italienische Regierungschef die enge wirtschaftliche Zusammenfassung der beiden Kernländer der ehemaligen Doppelmonarchie wünscht; sie doppelt wünscht, seit durch den Benesch-Titulescu-Jeftiu-Pakt die Süd-Ost-Politik Italiens zweifellos eine Schlappe erlitt. Dem auch heute noch gültigen Sinn der Kleinen Entente, „Gefängniswärter" der besiegten und zerstückelten Donaustaaten zu sein (eigene Worte deS Außenministers Benesch), setzt der Duce eine nicht nur vom italienischen Gesichtspunkt aus größere und bessere Idee entgegen: Die Kleinstaaten der revifio- nistrschen Front marschieren im Donauraum in zwei Gruppen aus — die westliche Oesterreich-Ungarn, die östliche Griechenland, Bulgarien, Türkei. Geopolitisch betrachtet, find diese Gruppen, mit Deutschland, Italien und Rußland im Rücken, eine stärkere Klammer um das Gebäude der Kleinen Entente als diese um
SS-Mmm in Vrmmschweig von Kommunisten erschossen
Der AeichspvWhmt Mm KiecherOroblen»
Ein Schreiben an den Reichskanzler Killer
Arrmonischee Vildsrdogen
Leticie und Chaco. — Gummi am lausenden Band. — Vergiftete Fische. — Waffenruhe.
Don unserem ständigen Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mlt Quellenangabe, verbotenl) (Durch Nlugvostl
Sch. Rio de Janeiro, Ende Juni.
Es wird zweifellos wieder ruhiger in der südlichen Hälfte der Neuen Welt. Columbien und Peru haben sich vertragen. Aus eigenem Antriebe. Der Völkerbund nimmt das Verdienst für sich in Anspruch, und glaubt sein in letzter Zeit ziemlich stark durchlöchertes Ansehen wieder einmal gerettet. Die Wendung in diesem Konflikte kam Kennern der Lage, nach der erfolgten Ermordung des noch verhältnismäßig jungen Präsidenten von Peru, des Generals Sanchez Cerro, durchaus nicht unerwartet. Nur eine gewisse Machtgruppe in Peru, die zu den Ihren auch den ermordeten Landespräsidenten zählte, war gegen eine friedliche Beilegung des Leticia-Kon- fliktes und verstand es, in der Bevölkerung eine reguläre Kriegspsychose und -bege ist erring zu erwecken. Nachdem die Hauptstütze der Kriegspartei mit der Ermordung des Präsidenten fortfiel, war es dessen Nachfolger, dem ruhigen, besonnenen General Benavides verhältnismäßig leicht, den Konflikt mit Columbien sozusagen auf freundschaftlicher Basis vorläufig beizulegen, umsomehr, als der peruanische Präsident Benavi-deS und der von Columbien entsandte Bevollmächtigte, Dr. Lopez, persönliche, langjährige Freunde sind. Brasilien selbst ist an der Beilegung des Leticia-Konsliktes indirekt ebenfalls auch beteiligt. Es hatte nämlich, um seine Neutralität zu schützen, und den Uebertritt von peruanischen oder colum- bischen Truppen, bezw. deren Durchzug durch brafi- Gebiet ru verh-nd«--. LiLmldst
starken Truppenkörper an den oberen Amazonas verlegt, der nun zu verpflegen war. Was das heißt, vermag man sich nur vorzustellen, wenn man die Verhältnisse und die Entfernungen kennt, die zu den nächsten, als Verpflegungszentren in Betracht kommenden Städten, zurückzulegen find.
Von der Mündung des Amazonas aufwärts können Bedarfsartikel mit großen, schnellen See- dampferu in drei Tagen bis Manaos gebracht werden, von dort an können jedoch wegen der häufiger auftretenden seichten Stellen nur flache, langsame Flußdampfer verwandt werden, mit denen man Wochen zu fahren hat, um in das umstrittene Gebiet zu kommen. Die ganzen Verkehrsverhältnisse am oberen Amazonas sind derart primitiv und noch un- erschloffen, daß es direkt als wahnsinnig bezeichnet werden muß, längere Zeit dort Truppenkörper von einem gewissen Umfange zu stationieren und zu unterhalten. Es ist z. B. keine Seltenheit, daß Gummisammler von ihrem Wohnorte bis zu der wohl größten Stadt am mittleren Amazonas, Manaos, fünfundachtzig Tage zu Fuß, per Esel und im Kanu, abwechselnd, gebrauchen. Von den ungeheuren Strecken bekommt man -einen Begriff, wenn man erfährt, daß eine einzige Firma Manaos,, allerdings, wohl die größte, mit Namen I. G. Araujo, über einen Landbesitz verfügt, der an Ausdehnung Deutschland und Frankreich zusammengenommen, übertrifft. Oder wenn man erfährt, daß der Besitz des amerikanischen Automobilkönigs Ford, an einem Nebenfluß des Amazonas, d^s Rio Tapajoz gelegen, und unter dem Namen „Fordländia" bekannt, allein 120 Kilo- meter Flußstrecke umfaßt. Ford hat hier im Großen den Versuch rationeller Gum
mianpflanzung unternommen, d. h. zurzeit wird das Gebiet erst noch gerodet und dabei die gefällten Bäume als Nutzholz verfrachtet. Alles natürlich am laufenden Band, mit Ausnahme der Rodung, die an einheimische Unternehmer, mit ungefähr drei-, viertausend Arbeitern, vergeben ist. In „Fordlandia" herrscht heute noch offizielles Alkoholverbot seitens des Besitzers Ford. Offiziell, inoffiziell ist man natürlich genau so feucht wie Amerika in den seligen Zeiten der Prohibition. „Fordlandia" wird einst seinem Gründer und Besitzer reiche Früchte tragen. Es gibt aus der Erde wohl kaum -einen Gebietsstrich, der so fruchtbar ist, wie der Amazonas, und zwar von der Mündung des FlusieS bis zur Quelle. Der Fluß selbst wird den Schlüssel zur Erschließung dieses Landstriches abgeben. An der Mündung selbst, kilometerbreit und bis zu der an seinem Mittelläufe gelegenen Stadt Manaos, wie schon erwähnt, auch für große Ueber- seedampfer befahrbar, erreicht er bisweilen eine Stromtiefe von 90 Metern. Sein Fischreichtum ist unfaßbar groß. Zur «Laichzeit sind an seiner Mündung ganze Flächen des Meeres mit Laich bedeckt. Die Anwohner des Flusses sind durch den Nahrungsreichtum des Gebietes so verwöhnt, daß ihre hervorstechendste Eigenschaft die Faulheit geworden ist. Das bezieht sich natürlich nicht auf die Einwohner der Städte, die genau so betriebsam sind wie in den anderen brasilianischen Städten auch. Ich meinte lediglich die am Flußrande in vereinzelten Siedlungen wohnenden Habenichtse. Auf sie trifft tatsächlich das Wort zu, sie säen nicht und ernten nicht und, Gottes Güte ernähret sie doch. Es würde ge- nützen, mit -einem kleinen Netze so nebenbei durchs Wasser zu fahren, um sich eine Mahlzeit zu sichern, aber das würde Arbeit bedeuten.
An stillen Uferwinkeln des Flusses «hängen die
Leutchen einen Tops mit Pflanzengift ins
Wasser, dessen Wirkung so stark ist, daß tagelang jeder vorbeischwimmende Fisch aus der Stelle getötet und bauchaufwärts an die Oberfläche getrieben wird.
Das erspart das Fischen, und man braucht sich nur die Mühe zu machen, die getöteten Fische einzusammeln. Es ist den guten Faulenzern dabei ab» solut gleichgültig, ob weiter flußabwärts einem Fa» zendeiro sein Vieh krepiert, das das vergiftete Wasser säuft. Entsprechende Gesetze der Bundesregierung sind gar nicht erst erlassen, da deren Durchführung unmöglich zu überwachen wäre.
Drehte sich der L e t i cia - K o n f l i kt in erster Linie um die Sicherung von fruchtbarem, jungfräulichem Boden, so handelt es sich bei dem Chaco- Konflikt, dem zwischen Bolivien und Paraguay, um Petroleum enthaltende Gebietsteile. In diesem Konflikte dürste Bolivien, trotz aller Dementis seiner Regierung, wohl die Unterstützung der nordameri- kanischen Hochfinanz auf seiner Seite haben. Die erst ganz kürzlich erfolgte Kriegserklärung Paraguays an Bolivien, nach beinahe einjähriger Kriegsdauer, ist absolut nicht so lächerlich wie es auf den ersten Blick erscheinen möchte. Den.Paraguayern ging es in der letzten Zeit augenscheinlich, was die militärische Lage anbetrifft, dreckig. - '
Es gelang den Bolivianern, wichtige strategische Stellungen im Nanawatale zu nehmen und dadurch natürlich auch die moralische Seite ihrer Truppen zu stärken.
Sie konnten lediglich wegen der einsetzenden Regenzeit den Erfolg ihrer geglückten Aktionen nicht ausnutzen. Die Heeresberichte verwandelten sich daher auch mehr n« Wetterberichte von der Front: „Andauernder Regen machte militärische Operationen unmöglich". Die Paraguayer hatten in dem Regen ihren natürlichen Verbündeten gefunden. Aber alles in der Welt nimmt ein Ende, so auch die längste
Regenzeit. Und Paraguay mußte damit rechnen, daß die Bolivianer dann auf Entscheidung drängen würden. Es erfolgte
die Kriegserklärung an Bolivien, bk sich als ein geschickter Schachzug erwies.
Die Folge der Kriegserklärung war di-r mehr oder minder notwendige Neutralitätserklärung der das Binnenland Bolivien einschließenden Staaten Argentinien, Chile, Peru, denen sich als letzter Brasilien am 23. März anschloß. Diese Neutralitätserklärung hat zur Folge, daß den Bolivianern die Versorgung mit Munition und Waffen abgeschnitten ist, da die Länder, die sich für neutral erklärt haben, solche Transporte in Zukunft nicht mehr nach Bolivien durchlafien wollen. Paraguay selbst konnte sich während der Regenzeit in aller Stille mit Munition etc. versorgen, da es ja wußte, daß es den Krieg erklären und dadurch Bolivien die Waffenzufuhr abschneiden wollte. Dieser Schachzug kann unter Umständen sogar die Entscheidung in dem ganzen Konflikte bringen; zum mindesten hat er eine bessere Aussicht für eine friedliche Beilegung der Chaco- frage eröffnet, da Bolivien, im Bewußtsein esiner besseren militärischen Lage, bisher in den ganzen Verhandlungen eine gewisse Unnachgiebigkeit gezeigt hat, die umso verständlicher ist, wenn man bedenkt, daß Bolivien bei einer Beilegung der Streitfrage wahrscheinlich der „gebende", d. h. landabtrctende Teil sein dürfte. Wenn allerdings, was durchaus im Rahmen der Möglichkeit zu liegen scheint, die Neutralitätserklärung der betreffenden Anliegerstaaten nicht nur auf dem Papier steht sondern die Folgen Bolivien mit aller Wucht treffen, ist eS möglich, daß in nicht allzu weiter Ferne, die jetzt in dem ganzen Kontinente, teils im Kampfe, teils zur Aufrechterhaltung und Schühung der Neutralität unter dm Fahnen stehenden Soldaten friedlicherer, bürgerlicher Arbeit werden nachgehen können.