Ausgabe 
(16.11.1933) Nr. 310
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Nr. 3io / 4. Vierteljahr

Donnerstag, den 16. November

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Hoffnungslosigkeit in Genf

Feierliche Eröffnung der Reichskulturkammer

! Vertagung kl der Abrüstungskonferenz?

! Genf, 15. November.

In den Kreisen der Abrüstungskonferenz u herrschte am Mittwoch eine sehr pessimistische h Stimmung. Der Vizepräsident der Konferenz, I Politis, teilte mit, datzerGensmorgenver- 1 lassen werde, um nach Paris zurückzufahren, j wo er den Posten eines griechischen Gesandten j einnimmt. Da verschiedene Mächte, insbesondere Italien und Großbritannien, keine verantwort­lichen Persönlichkeiten in der Konferenz zurück- ! gelassen hätten sowohl di Soragna als auch Cadogan haben Genf vor einigen Tagen ver­lassen, sei es ihm unmöglich, seiner Aufgabe ß als Berichterstatter für die Sicherheitsprobleme, t die Verhandlungen über verschiedene heikle Fra- I gen erforderten, gerecht zu werden. Andererseits U sind auch alle übrigen Berichterstatter mit der I gegenwärtigen Situation sehr un- ks zufrieden und haben sich am Mittwochvor- § mittag im Büro des Präsidenten Henderson ver-

> sammelt und nach eingehendem Meinungsaus­tausch beschlossen, den Konferenzpräsidenten zu

^ ersuchen, an die Regierungen der im Büro ver- ! tretenen Mächte ein Schreiben zu richten, in dem 8 diese auf die schwierige Lage aufmerksam gemacht und in Kenntnis gesetzt werden sollten, daß die j Berichterstatter den ihnen gestellten Auftrag nicht erfüllen könnten, wenn nicht die Führer der Dele­gationen oder ihre bevollmächtigten Vertreter nach Senf zurückkehrten.

! In Konserenzkreisen nimmt man an, daß, wenn die Situation sich nicht in nächster Zeit ändern sollte» die Arbeiten aus lange Sicht ver­tagt werden.

Ein neues Manöver

I Genf, 15. November.

' Det Prästdent der Abrüstungskonferenz, Hen­derson, hat Mittwoch abend, wie bereits ange- ' kündigt, an sämtliche Mitglieder der Abrüstungs­konferenz eine offizielle Mitteilung über den

> gegenwärtigen aussichtslosen Stand der Verhand­lungen gerichtet. Die Mitteilung hat folgenden Wortlaut:

Der Präsident der Abrüstungskonferenz, Hen- ' detson, gibt sich die Ehre, nach eingehender Er- !l örterung mit dem Vizepräsidenten Politis und ^ dem Hauptberichterstatter Vensch nachfolgende Mitteilung den Mitgliedern des Hauptausschusses zu übermitteln:

In der Sitzung vom 11. November hatte das Präsidium der Konferenz bestimmte einzelne Aus­gaben Berichterstattern mit der Bitte übertragen, ihr« Berichte dem Präsidenten einige Zeit vor dem Wiederzusammentritt des Hauptausschusses zu übermitteln. . Die Berichterstatter mutzten jedoch, als sie ihre Arbeit aufnahmen, feststellen, datz gegenwärtig eine Reihe von Schwierigkeiten be­ständen, die ohne eine vorhergehende Lösung be-

Der Führer in der Philharmonie

Berlin, 15. November.

Der große Saal der Berliner Philharmonie ist festlich geschmückt. Auf gelbem Hintergrund hängen goldgeflochtene Tannengewinde an der Stirnwand herunter; die Mitte ziert ein herbstlaubumkränz- tes rotes Fahnentuch, dessen weißes Kreuz mit dem Hakenkreuz gleichfalls ein Herbstkranz ziert. Blu­men und Guirlanden in grün und zartgelb überall. Zahlreich sind die Gäste erschienen, so das gesamte Reichskabinett, Vizekanzler v. Papen, die Minister Goebbels und Eöring, Frick, Seldte, Schmitt, Eltz- Riibenach, Gürtner, die Staatssekretäre Funk, Meißner, Lammers, sowie die Staatssekretäre der übrigen Reichsministerien, Admiral Dr. h. c. Rae- der, Prinz August Wilhelm, der Kommandant von Berlin, General Schaumburg, der Reichsbischof Müller, Bischof Carow, der Reichsstatthalter von Hessen, Kultusminister Rüst, sowie die Kultus­minister der übrigen Länder, von der Obersten CA.- Führung Major Schreyer, die Gauleiter Streicher- Nürnberg, Koch-Königsberg, der stellvertretende Gauleiter von Berlin, Eörlitzer, der Reichspresse­chef der NSDAP., Dietrich, alle Vertreter der Län­derregierungen beim Reich, namhafte Vertreter der Wirtschaft, von der Kunst Richard Strauß, Karl Friedrich Blunck, Werner Kraus, Käthe Dorsch, Krauseneck, Paul Wegener, Heinrich George, Her­mann Stehr, Pfttzner, Iahst, Beumelburg, Hans Grimm, ferner sämtliche Rektoren der Berliner Hochschulen,

Auch das Diplomatische Korps war äußerst zahl­reich vertreten: so sah man den amerikanischen Botschafter und Frau, den italienischen Botschafter und Frau, den sowjetrussischen und den türkischen Botschafter, die Gesandten von Norwegen, Estland, Schweden, Siidslawien, Bolivien, Haiti, Bulga­rien, Belgien, der Tschechoslowakei, Argentinien, Lettland, der Schweiz, Oesterreichs, Ungarns, Ir­lands, Finnlands, Polens, Uruguay, Venezuela, Afghanistan, Dänemark, Litauen, Portugal, China, Rumänien.

Spontane Rufe kündigten den Führer an, der, begleitet von dem Reichsminister Goebbels und dem Staatssekretär Funk, den Saal betrat, von

stimmter politischer Fragen nicht geregelt werden konnten. Die Berichterstatter werden daher ihre Berichte erst dann dem Präsidium vorlegen kön­nen, wenn sie mit den Führern der einzelnen Ab­ordnungen die Fühlung aufgenommen haben. Der Vizepräsident Politis und der Hauptberichterstatter Benesch haben sich bereiterklärt, auf Wunsch des Präsidenten Henderson nach Genf zu kommen, so­bald für sie die Möglichkeit besteht, hier mit den Führern der Abordnungen zusammenzutreffen."

Diese amtliche Mitteilung Hendersons an sämt­liche Mitglieder des Hauptausschusses ist auch der deutschen Regierung übermittelt worden.

allen Anwesenden durch Erheben von den Plätzen und durch den deutschen Gruß geehrt.

Unter der hervorragenden Stabführung von Wilhelm Furtwängler spielte einleitend das Berliner Philharmonische Orchester die Ouvertüre zuEgmont". Friedrich Kaytzler sprach dann die Worte SchillersUeber das Erhabene".

Reicher Beifall dankte Schlusnus für sein LiedAn die Musik" und besonders für Hugo WolsfsHeimweh". Nach einem festlichen Prälu­dium von Richard Strauß, das der Komponist selbst dirigierte, hielt

Neichsministei' Dr. Goebbels

eine Rede:Die deutsche Kultur vor neuem An­fang", die wir untenstehend im Feuilleton wieder­geben.

Nicht endenwollcndcs Händeklatschen und be­geisterte Zustimmung, an denen sich mit den An­wesenden auch der Führer beteiligte, dankte Mi­nister Dr. Goebbels für seine geistvollen und durch­geistigten, häufig von starkem Beifall unterbroche­nen Ausführungen.

Die Leiter der Kammern

Darauf fuhr Dr. Goebbels fort: Gestatten Sie mir, meine Damen und Herren, Ihnen die Prä­sidenten der einzelnen Kammern be­kanntzugeben:

Kraft Gesetzes übernehme ich selbst die Füh­rung der Reichskulturkammer ins­gesamt.

Kraft der mir im Gesetz verliehenen Vollmachten ernenne ich: zum Vizepräsidenten der Reichskulturkammer: Staatssekretär Walther Funk.

Für die Neichsmusikkammer:

Zum Präsidenten: Generalmusikdirektor Dr. Richard Strauß; zu Mitgliedern des Pr ä- fidialrates: Generalmusikdirektor Staaisrat Dr. Wilhelm Furtwängler; Professor Paul Eraener; Präsident der Akademie für Musik: Pros. Dr. Fritz Stein, Professor Gustav Havemann; Eeschäftsführendes Vorstands­

Henderson bezweckt damit, die Aufmerksamkeit sämtlicher Mächte auf die Tatsache zu lenken, daß die Abwesenheit verantwortlicher Vertreter der Mächte zu einem vollständigen Stillstand der gegenwärtigen Abrüstungsoerhandlungen geführt hat und daß daher die vom Präsidium zuletzt be­schlossenen Arbeiten nicht mehr weitergeführt wer­den könnten.

Im wesentlichen will Henderson erreichen, daß die verantwortlichen Minister der Großmächte un­verzüglich nach Genf kommen, um der gegenwärtig völlig daniederliegenden Abrüstungskonferenz einen neuen Auftrieb zu verleihen. Zweifellos sollen hierdurch etwaige direkte diploma-

mitglied des Reichskartells der Musiker Heinz I h l e r t.

Für die Reichskammer der bildenden Künste:

Zum Präsidenten: Pros. Eugen Hönig; zu Mitgliedern des Präsidialrates Pros. Franz Lenk, Pros. Paul Ludwig Troost, Pros. August Krauß, Direktor Walter Hoffmann, Ministerialrat Otto von Keudell, Hans Wei­de m a n n.

Für die Reichstheaterkammer:

Zum Präsidenten: Präsident der Vühnen-Ge- nossenschaft Ministerialrat Otto Laubinger, zu Mitgliedern des Präsidialrates: Werner

Krauß, Kammersänger Wilhelm Rode, Reichsdramaturg Dr. Rainer Schlösser, Ee- schäftsführender'Direktor des deutschen Bühnen- vereins Dr. Otto Leers, Direktor Heinz Hilpert.

Für die Reichsschristtumskammer:

Zum Präsidenten: Hans Friedrich Blunck.

Zu Mitgliedern des Präsidialrates Dr. Hans Grimm, Präsident der Dichterakademie Hanns Johst, Verleger Dr? Friedrich Oldenburg, Buchhändler Theodor Fritsch, Dr. Heinrich W i s m a n n.

Für die Reichspressckammer:

Zum Präsidenten: Verlagsdirektor Max

Amann,

Zu Mitgliedern des Präsidialrates: Reichspresse­chef der NSDAP Dr. Otto Dietrich, Verleger Willi Bischofs, Geheimrat Pros. Dr. Walther Heide, Ministerialrat Dr. Jahncke.

Für die Neichsrundfunkkammer:

Zum Präsidenten: Ministerialrat Horst Dreß- ler, zu Mitgliedern des Präsidialrates: Direktor Eugen Hadamowsky, Intendant Walther Beumelburg, Intendant Dr. Heinrich Glas­meier, Rechtsanwalt Dr. Bernhard K n u st.

Für die Neichsfilmkammer:

Zum Präsidenten Rechtsanwalt Dr. Fritz Scheuermann,

tische Verhandlungen zwischen den Großmächten unterbunden und das Schwergewicht der politischen Entscheidungen wie­der in die Abrüstungskonferenz zurückverlegr werden. Man steht daher jetzt vor einem neuen Manöver, durch das alle etwaigen Versuche, nach dem offenbaren Zusammenbrach der Abrüstungs­konferenz politische Lösungen auf der Grundlage des Viermächtevertrages zu finden, verhindert werden sollen. Die Mitteilung des Präsidenten Henderson wird jedenfalls jetzt zu einer Stellung­nahme vor allem der englischen und französischen Regierung und damit zu einer Beschleunigung der gegenwärtigen Entwicklung führen.

Große Mehrheit

für Garraut

Abschluß der außenpolitischen Aussprache Paris, 14. November.

Unter dem Eindruck der deutschen 40 Millionen Ja-Stimmen hat sich die Kammer zu einer außer, ordentlichen Solidarität aufgeschwungen. Ueber die von den Radikalsozialisten eingebrachte Entschließung wurde ruf Antmg von Flandin in zwei Teilen abgestimmt.

Der erste Teil der Entschließung bis «inschließ- lich der Erklärung über die Aufrechterhaltung und Erweiterung der Freundschaften Frankreichs er­hielt 545 gegen 11 Stimmen. Der zweite Teil, von der Zustimmung zu den Erklärungen der Regie- rung an bis zum Schluß, wurde mit 395 gegen 194 Stimmen angenommen. Die darauf folgende Ab- stimmungchber die ganze Entschließung, zu der die Regierung die Vertrauensfrage gestellt hatte, er­gab 394 gegen 144 Stimmen (etwa 79 Enthal­tungen).

Die außenpolitische Aussprache schließt somit mit einem Erfolg der Regierung. Es bleibt nunmehr abzuwarten, wie sie das Problem des Haushalts­ausgleichs lösen wird.

Schwerer Süöoftsturm über der Nordsee

Mehrere Dampfer in Seenot

London, 15. November.

Ein schwerer Südoststurm wütete in der Nacht zum Mittwoch und am Mittwochvormittag über der Nordsee und dem Kanal. Der von.Neufundland zurückkehrende englische 3600 - Tonnen - Fracht­dampferSaxilby" geriet in Seenot und mußte von der 27 Mann starken Besatzung verlassen wer­den. Auf die SOS-Zeichen des Schiffes eilten meh­rere amerikanische, holländische und englische Schiffe, darunter der PassagierdampferBeren- garia", zur Hilfe.

Ein weiterer englischer 3500-Tonnen-Dampfer St. Quentin" geriet ebenfalls in Seenot, nachdem das Steuergetriebe gebrochen war. Zwei englische Fischdampfer sanken in dem Sturm nach Zusam­menstößen mit anderen Schiffen, der eine im Ka­nal, der andere an der englischen Ostküste. In bei­den Fällen konnten die Besatzungen gerettet wer­den. Beim ostenglischen Hafen Vridlington mußten fünf Fischerfahrzeuge mit Hilfe eines Rettungs­bootes und unter Verwendung von Oel zur Elät- tung der Wogen in den Hafen gebracht werden.

Geänderte Instruktionen für Litwinow Washington, 15. November.

Es verlautet, daß Außenkommissar Litwinow aus Grund aus Moskau erhaltener neuer In­struktionen nunmehr geneigt sei, die zur Ver­handlung stehenden Hauptfragen vor der offi­ziellen Anerkennung Sowjetrußlands durch die Vereinigten Staaten zu regeln.

(Fortsetzung auf Seite 2)

Die deutsche Kultur vor neuem Anfang

Dr. Goebbels spricht zur Eröffnung der Neichskulturkammer

Dr. Goebbels hielt gestern mittag bei der feierlichen Eröffnung der Reichskultnr-Kaminer in der Berliner Philharmonie nachstehende Rede:

Durchbruch zur Weltanschauung

Die Revolution, die wir gemacht haben, ist total. Sie hat alle Gebiete des öffentlichen Lebens erfaßt und von Grund auf umgestaltet. Sie hat die Beziehungen der Menschen unterein­ander, die Beziehungen der Menschen zum Staat und zu den Fragen des Daseins vollkommen ge­ändert und neu geformt. EswarinderTat der Durchbruch einer jungen Weit­an s ch a u u n g, die 14 Jahre lang in der Oppo­sition um die Macht gekämpft hatte, um dann unter ihrer Zuhilfenahme dem deutschen Volk ein neues Staatsgefühl zu geben.

Das, was sich seit dem 30. Januar dieses Jahres abgespielt hat, ist nur der sichtbare Aus­druck dieses revolutionären Prozesses. Hier aber hat die Revolution an sich nicht begonnen. Sie ist damit nur zu Ende geführt worden. Es han­delte sich um den Daseinskampf eines Volkes, das nach seinen alten Lebensformen und überwunde­nen Anschauungen sonst reif gewesen wäre für den Zusammenbrach.

Revolutionen haben ihre eigene Gesetzlichkeit und auch ihre Dynamik. Wenn sie eine bestimmte Phase ihrer Entwicklung überschritten haben, ent­ziehen sie sich der Macht der Menschen und ge­horchen nur noch dem Gesetz, nach dem sie an­getreten sind. Es liegt im Wesen jeder echten Re­volution, daß sie auf das Ganze geht und keine Kompromisse kennt. Entweder hat sie die Ab­sicht, bis zum letzten Ziel durchzustoßen dann wird sie von Dauer und Bestand sein; oder aber

sie begnügt sich mit halben Erfolgen dann wäre es besser, sie würde überhaupt nicht gemacht.

Es gibt Revolutionen von oben, und es gibt Revolutionen von unten. Die von oben sind mei­stens nur von kurzer Lebensdauer; denn es ist schwer, wenn nicht unmöglich, von oben her einem Volke eine neue Gesetzlichkeit aufzuzwingen. Re­volutionen von unten tragen diese Gesetzlichkeit schon in sich. Sie werden vom Volke gewollt, ge­tragen und durchgesetzt und zu Ende geführt. Das Volk selbst ist nicht nur Gestal­ter der Revolution, sondern auch der ihr innewohnenden Gesetzlich­keit.

Revolutionen beschränken sich niemals auf das rein politische Gebiet; sie greifen von da über auf alle anderen Bezirke menschlichen Zusammen­lebens. Wirtschaft und Kultur, Wissenschaft und Kunst bleiben davon nicht verschont. Es ist Poli­tik in einem höheren Sinne, als wir ihn gemein­hin verstehen. Darauf läßt sich keineswegs das Wort anwenden, daß sie den Charakter verderbe.

Der schöpferische Mensch marschiert

Auch der schöpferische Mensch, und gerade er, wird in den Strudel des revolutionären Gesche­hens mit hineingezogen. Nur dann ist er seiner Zeit und ihren Aufgaben gewachsen, wenn er sich nicht damit begnügt, die Revolution passiv an sich vorbeigehen zu lassen, sondern vielmehr, wenn er aktiv in sie eingreift, sie bewußt bejaht, ihren Rhythmus in sich aufnimmt, ihre Zielsetzung zu der seinen macht. Kurz und gut, wenn er nicht in ihrer Nachhut, sondern in ihrer Vorhut mitmarschiert. Jede Revolution hat ihre Tendenz; sie hat ein Ziel, das sie verficht und dem sie mit

leidenschaftlichem Bemühen zustrebt. Sie wird nicht Ruhe geben können, bis dieses Ziel erreicht ist; und ist es erreicht, dann muß sie eifersüchtig darüber wachen, daß es ausgebaut und gesichert wird.

Revolutionen sind im Leben der Völker not­wendig; und zwar werden sie immer dann kommen, wenn die normale Entwicklungsfähigkeit eines Volkes infolge der Erstarrung ihres orga­nischen Lebens so verkrustet und so verknorpelt ist, daß damit eine ernsthafte Bedrohung des ge­sunden Volksdaseins eintritt. Revolutionen haben deshalb auch ihre sittliche Berechtigung: sie voll­ziehen sich nach einer höheren Moral, als sie legalen Vorgängen innewohnt. Es verdient da­bei kaum eine Beachtung, ob sie von gelegentlichen Exzessen begleitet sind. Man kann ein Kind nicht nach den Kinderkrankheiten beurteilen, und man darf ein Licht nicht ausblasen, um den Schatten zu beseitigen. Der Sinn der Revolution, die wir gemacht haben, ist die

Dolkwei-dung def deutschen Nation

Dieses Volkwerden war 2000 Jahre lang die Sehnsucht aller guten Deutschen. Man yarte sie auf gesetzmäßige Weise, ich weiß nicht wie oft, versucht; jeder dieser Versuche war fehlgeschlagen. Erst in diesem heißen Ausbruch der nationalen Leidenschaften unseres Volkes wurde sie möglich. Was von oben nicht gekonnt »nd meistenteils nicht gewollt wurde, das haben wir von unten praktisch durchgeführt. Das deutsche Volk, einst das zerrissenste der Welt, durch Parteien und Meinungen fast atomisiert, in seine Bestandteile aufgelöst und damit zur weltpolitischen Obnmacht verurteilt, seit 1918 ohne Waffen, und. was schlimmer noch war. ohne Willen, sich unter den anderen Völkern zu behaupten, erhob sich in einer einzigartigen Demonstration seines nationalen Kraftgefühles und vollzog damit eine Einigung,

die bis dahin nur von wenigen starkgläubigen Menschen für möglich gehalten wurde.

Wir können heute die historische Tragweite dieses' Volkwerdungsprozesses überhau/t noch nicht überblicken. Wir selbst, die wir ihn vorbe­reitet haben, stehen vor ihm in staunender Be­wunderung, ohne uns seiner Größe und seiner in die Zukunft hineinwirkenden Bedeutsamkeit über­haupt bewußt zu sein.

Das System, das wir niederwarfen, fand im Liberalismus seine treffendste Charakterisierung. Wenn der Liberalismus vom Individuum aus­ging und den Einzelmenschen in das Zentrum aller Dinge stellte, so haben wir Individuum durch Volk und Einzelmensch durch Ge­meinschaft ersetzt. Freilich mußte dabei die Freiheit des Individuums insoweit eingegrenzt werden, als sie sich mit der Freiheit der Nation stieß oder in Widerspruch befand. Das ist keine Einengung des Feinheitsbegriffes an sich. Die Grenzen des individuellen Freiheits­begriffes liegen an den Grenzen des völkischen Freiheitsbegriffes. Kein Einzelmensch, er mag hoch oder niedrig stehen, kann das Recht besitzen, von seiner Freiheit Gebrauch zu machen auf Kosten des nationalen Freiheitsbegriffes. Je freier ein Volk ist, desto kreier können sich seine Glieder bewegen. Je eingeengter aber seine na­tionale Daseinsgrundlage, um so illusorischer eine vermeintliche Freiheit, die seine Kinder genießen.

Das gelte auch für den schaffenden Künstler. Die Kunst ist kein absoluter Be­griff. Sie gewinnt erst Leben im Leben des Vol­kes. Das war vielleicht das schlimmste Vergehen der künstlerisch schassenden Menschen der ver­gangenen Epoche, datz sie nicht mehr in organischer Beziehung zum Volke selbst standen und damit die Wurzel verloren, die ihnen täglich neue Nahrung zuführte. Der Künstler trennte sich vom Volk; er gab dabei die Quelle seiner Fruchtbarkeit auf. Von hier ab setzt die lebensbedrohende Krise der

kulturschaffenden Menschen in Deutschland ein. Kultur ist höchster Ausdruck der schöpferischen Kräfte eines Volkes. Der Künstler ist ihr be­gnadeter Sinngeber. Verliert der künstlerische Mensch einmal den festen Boden des Volkstums, auf dem er mit harten, markigen Knochen stehen muß, um den Stürmen des Lebens gewachsen zu sein, dann ist er damit den Anfeindungen der Zivilisation preisgegeben, denen er früher oder später erliegen wird.

Moderner Zivilisationstaumel

Ist die eben überwundene deutsche Geistesepoche nicht ein beredter Beweis dafür? Die deutsche Kunst, losgelöst von den Kräften des Volkstums und mehr noch von einem individuellen Freiheits­begriff huldigend, der sehr bald in der geistigen Anarchie ausmündete, verlor sich im Gestrüpp des modernen Zivilisationstaumels und war bald nur noch Experiment, Spielerei oder Bluff. Eine Kunst, die sich vom Volke trennt, hat kein Recht, sich darüber zu wundern, daß das Volk sich von ihr trennt.

Wenn die Kunst nur noch für die Kunst gilt, wenn ihre Gesetze nur noch dem künst­lerischen Menschen verständlich sein sollen, dann verengert sich der Kreis ihrer Gläu­bigen in einem Umfange, daß ihre primitivste Existenzfähigkeit auf das tödlichste bedroht ist. Wenn die akuten Probleme des Lebens nicht mehr die großen Würfe sind, mit denen der künstlerisch schaffende Mensch nach der Unsterb­lichkeit zielt, dann hat er bereits seine eigentliche Sendung verspielt.

Der Künstler, der Dolmetsch eines ganzen Volkes sein soll, stellt sich eindeutig auf die Seite von Besitz und Bindung. Er wird dem Volk fremd, so wie das Volt ihm fremd geworden ist. Der Liberalismus endet im Verfall des geistigen Lebens. In ihm beginnt der Kampf um das tägliche Brot. Der künstlerische