öremer
klas amtliche Organ -es Senats
Zeitung
-er Freien Lansestaklt vremen
Monats-Bezug: Bei täglichem Erscheinen RM. 2,30 einschließlich 30 Rps. Zustellungsgebühr; durch die Post RM. 2,30 einschließlich Ueberweisungsgebühr, ausschl. Postbestellgeld. Der Bezugspreis ist im voraus zu entrichten. — Postscheck Hamburg 74 738. — Betriebsstörungen begründen keinen Anspruch aus Erstattung oder Ersatz.
Bremer Zeitung, Verlagsgesellschaft m. b. H., Geeren K bis 8. — Fernruf: Sammelnummer Roland 623.
1
9
3
3
Anzeiaen-Teil: Hiesige je mm-Zeile 13 Rps.. auswärtige 17 Rps.; im Tertteii hiesige 75 Rpf„ auswärtige 100 Nps. Klein-Anzeigen bis 20 mm, Familien-Anzeigen und Wohnungsmarkt be, Vorauszahlung 8 Rpi.. Stellengesuche 6 Rps. Platzvorschristen ohne jede Verbindlichkeit. Alle sonstigen Bedingungen nackm Tarn.
Sprechzeit des Verlages und der Schriftleitung 12 bis 13 Uhr. / Schluß der Anzeigen-Annahme 16 Uhr.
Nr. 308 / 4. Vierteljahr D
ienstag.
den 14. November Einzelpreis is Nps.
Das Gch» des Äluslandes
Die Weltpresse
zum nationalsozialistischen Wahlsieg
Die englische Vrefse
Zögernde Erkenntnisse
Paris» 13. November
Der in Berlin weilende Chefredakteur des „Paris Midi", Perreux, unterstreicht in seinem s Berliner Bericht, daß der Nationalsozialismus in ! den neun Monaten seiner Herrschaft 23 Millionen Stimmen, also mehr als das Doppelte der bei den Reichstagswahlen im März erzielten Stimmen i gewonnen habe.
Wie sehr man auch den Wunsch haben sollte, daraus hinzuweisen, daß nicht ganz Deutschland mit der „Diktatur" Hitlers einverstanden sei, so müsse man sich doch vor den Tatsachen beugen. Sie seien überwältigend.
Es handele sich in der Tat um einen Triumph für die Nationalsozialistische Partei. Unmittelbare Verhandlungen mit Deutschland würden, so > schreibt Perreux an anderer Stelle, delikat, gar s selbst gefährlich sein. Deshalb solle man sie aber >> nicht ablehnen.
Gleichzeitig widmet der ständige Mitarbeiter t des „Paris Midi", Jeuire, dem deutschen Abstim- k mungsergebnis eine ausführliche Betrachtung.
Man könne dem Bersailler Vertrag den grund- k legenden Vorwurf machen, -ah er mißverstanden l habe, was für eine Revolution, und zwar nicht nur in territorialer, sondern auch in wirtschaftlicher und fataler Hinsicht der Krieg in der Welt hervorgerufen habe.
Die finanziellen Bestimmungen des Bersailler Vertrages seien nicht mehr vorhanden. Der „Tribut" sei tot. Es gäbe also nur noch die militärischen und territorialen Bestimmungen. Die Propaganda für die Abstimmung sei auf außenpolitischer Grundlage geführt worden. Hitler habe Versprechungen abgegeben, er müsse sie halten. Er werde also die Deutschen auffordern, einige neuen Seiten des Bersailler Vertrages zu zerreißen. Werde diese Tat die Unterzeichner des Friedensvertrages unvorbereitet treffen? Bisher zögere England, Italien spiele ein gewandtes i Spiel. Amerika sei abwesend.
»
Die Spätausgaben der Pariser Morgenblätter beschäftigen sich eingehender mit den Wahlergeb- - nissen in Deutschland. Man Sann die Haltung der Blätter unter der Ueberschrist zusammenfassen: „Was nun?" Der Berliner Sonderberichterstatter i des „M atin" schreibt u. a., man habe zwar den Sieg Hitlers vorausgesehen, man könne aber ! schwer voraussagen, wie er seinen si ungeheuren Erfolg anwenden werde, i Es sei selbstverständlich, daß er das ganze ! Schwergewicht auf die Rüstungsfrage legen werde, ! die im Augenblick der Schlüssel des Bersailler Vertrages sei. Er werde sicher Frankreich auf
fordern, die letzten Zeichen des Sieges und der deutschen Niederlage auszulöschen und sich ihm dadurch gewissermaßen auszuliefern unter dem Vorwand, daß Mißtrauen eine Beleidigung sei und die Sicherheitsbedingungen für alle Länder die gleichen sein müßten. Er werde ferner versuchen, im Rahmen des Viererpaktes, d. h. unter Ausschluß der kleinen Mächte, zu verhandeln.
Das „Oeuvre" ist der gleichen Ansicht und betont, daß man die Politik der Reichsregierung geradezu unterstützen würde, wenn man die Gelegenheit verpasse, sich einmal in aller Oeffentlich- keit zu sagen, was man wolle und was man nicht wolle.
„Figar o" schreibt u. a., daß es für die Welt, für den Frieden und besonders für Frankreich von Bedeutung sei, zu wissen, daß Deutschland heute keine Parteien mehr kenne, und daß das ganze Volk sich zusammenschließen, um dem Führer mit Ja zu antworten, wenn es sich darum handele, seinen Bruch mit Genf, d. h. die Rllstungsfreiheit, bzw. die Vernichtung des Bersailler Vertrages, gutzuheißen.
Diese Verpflichtungen des Bersailler Vertrages bedeuteten aber sür Europa und zu allererst sür Frankreich die Wahl zwischen Krieg oder Knechtschaft. (!)
Nach dem „Quotidien" haben sich die deutschen Wähler für die schweren Geschütze, die Tanks und Bombenflugzeuge entschieden. (!!?) Wenn die anderen Mächte sich nicht bereit erklärten, ihre Rüstungen einzuschränken, so sei dies angesichts des gewaltsamen Ausbruches des „Pangermanis- mus" nur zu gerechtfertigt, um so mehr, als der Feldzug des Führers gegen die Verträge beweise, daß er die Kanonen, die er verlange, nur dazu verwenden wolle, um den Status des neuen Europa zu vernichten.
Der „I o u r" bedauert, daß Frankreich sich jede Initiative aus der Hand nehmen ließ. Nach der ersten Rede des Reichskanzlers hätte Frankreich entweder mit Deutschland oder mit seinen ehemaligen Verbündeten oder gar zur ganzen Welt sprechen können. Es habe aber geschwiegen. Heute sei es natürlich zu spät, und es bleibe ihm nichts anderes übrig, als die diplomatische Offensive von der anderen Seite des Rheins abzuwarten.
London, 13. November.
Das überwältigende Bekenntnis des deutschen Volkes zu seinem Führer und zur Politik der Reichsregierung ist von den Mitgliedern der deutschen Kolonie in London mit großer Freude aufgenommen worden. Bis in die frühen Morgenstunden hinein blieben sie an ihren Rundfunkapparaten sitzen und erwarteten mit Spannung die sich stets mehrende Zahl der Stimmen, die ihr „Ja" abgegeben hatten.
Die Meldungen über das gewaltige Ergebnis nehmen in der Londoner Presse einen breiten und bevorzugten Raum ein. Die Wahlvorgänge werden mit allen Einzelheiten beschrieben. Die Berichte lassen erkennen, daß das Ergebnis bei weitem die Erwartung überstiegen hatte, die englische Kreise in Berlin und London hegten. Wenn es ihr auch teilweise schwer wird, so muß doch die Presse, wie z. B. die liberale, dem Nationalsozialismus recht feindliche „News Chronicle zugeben, daß Deutschland ein geeintes Ja der Welt entgegenruft.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, so heißt es in der „Time s", daß die Mehrheit des deutschen Volkes bereitwilligst an die Wahlurne ging, um ihre Stimme für Frieden, Ehre und Gleichberechtigung abzugeben.
Deutschland habe mit seiner Stimme die Politik des Austritts aus dem Völkerbund und der Abrüstungskonferenz bekräftigt und die nationalsozialistische Regierung in ihrem Amte bestätigt.
Nunmehr hätten die ausländischen Nationen es mit einem völlig nationalsozialifti- schen Deutschland zu tun. Es sei daher wichtig, daß man die nationalsozialistischen Ziele vollständig verstehe.
Niemals in der Geschichte, so schreibt das Beaverbrock-Blatt „D a i l y - E x p r e ß", hat ein Volk sich die Politik seines Führers in so ausgeprägter Weise zu eigen gemacht. Kein Land hat jemals eine neunzigprozentige Mehrheit für seine Regierung erhalten in einer Zeit bitterer Krise, wo überall wirtschaftliche Unzufriedenheit ihren Höhepunkt erreicht hat.
„Deutschland sagt Ja", heißt die Ueberschrist in der „M o r n i n g p o st", überwältigender Sieg für Hitler.
Auch das Rothermere-Vlatt „Daily-Mail" unterstreicht die ungeheure Mehrheit der Ja-Stimmen für Volksentscheid und Reichstagswahl und bezeichnet das Abstimmungsergebnis als „einstimmt g".
Der sozialistische „D ai l y - H e ra l d" sagt: Hitler hat ein überragendes Vertrauensvotum erhalten; Hitler braucht jetzt die außenpolitische Lage Deutschlands nicht mehr als ein stimmen- suchender Politiker, sondern als ein Staatsmann zu betrachten, der den Frieden und die Abrüstung wünscht.
Unfreundliche Stimmen aus Oesterreich
Wien, 13. November.
Die Montag-Morgenblätter begnügen sich damit, die Wahlresultate zu bringen und drucken als Kritik lediglich die denkbar unfreundliche Stellungnahme der halbamtlichen politischen Korrespondenzen ab, für die charakteristisch ist die Behauptung, nach privaten Informationen aus Deutschland stehe fest,
daß im Falle wirklich freier und geheimer
Wahlen die Wahlliste Hitler auch nicht annähernd 58 o. H. der wahlberechtigten Stimmen auf sich vereinigt hätte.
(Wir haben bereits mehrmals eingehend bewiesen, daß das Wahlgeheimnis diesmal genau so gewahrt bleiben mutzte, wie bei den früheren Wahlen, da sowohl die gleichen Wahlurnen benutzt wurden, wie auch die Bedingungen vollkommen den bisherigen glichen. Außerdem beweist die Zahl der ablehnenden oder ungültigen Stimmen, daß kein Zwang ausgeübt wurde und das Wahlgeheimnis gewahrt blieb. Damit dürfte der österreichische Zweifel als Lüge gekennzeichnet sein. Schriftleitung.)
Lediglich das christlichsoziale „W iener Mittagsblatt" gibt einen eigenen Kommentar, in dem es doch nicht umhin kann, unter dem Eindruck der Ziffern festzustellen, eine Einheitsfront, die die ganze stimmberechtigte Bevölkerung umfaßt, gebe ihren Willen kund, daß Deutschland nicht länger als ein Staat minderen Rechts angesehen und behandelt werden dürfe.
Die ersten italienischen Blätterstimmen
Rom, 13. Nov.
Die italienischen Mittagsblätter, die als erste nach dem Sonntag erscheinen, bringen noch keine Kommentare zu den deutschen Wahlen. In ihren Berichten aus Berlin kommt jedoch der in Italien erwartete und begrüßte Triumph der Regierung Hitler klar zum Ausdruck.
Bojano sagt im „M essagero": Wenn auch die endgültigen Zahlen noch nicht bekannt seien, zeichne sich der Sieg bereits sicher und eindrucksvoll ab.
Um die Bedeutung des Tages zu ermessen, müsse man an das Volksbegehren von 1823 gegen den Youngplan mit 3,8 Millionen Stimmen und an die letzte Wahl vom 5. März denken, wo die Nationalsozialisten erst 51.3 o. H. und die marxistischen Parteien immer noch ein Drittel der Stimmen erhielten.
Im „Tevere" wird der Tag als eine großartige Kundgebung des geeinten deutschen Volkes bezeichnet.
Der Mailänder „Corriere della Sera" schreibt unter der Schlagzeile: „Das Gelöbnis der Deutschen für Hitler": Die Zahl der ablehnenden oder ungültigen Stimmen zeige, daß kein Zwang ausgeübt wurde und das Wahl- geheimnis gewahrt blieb.
Die Turiner „Stamp a" veröffentlicht einen dreispaltigen Bericht an erster Stelle unter der Ueberschrist: „43 Millionen Deutsche stimmen für die Politik Hitlers" und hebt die gewaltige Wahlbeteiligung hervor. Der Berliner Korrespondent des Blattes schreibt, die von der Einheitsliste erreichte Stimmenzahl lasse erkennen, welche gewaltigen Fortschritte das Regime in so kurzer Zeit auch auf innerpolitischem Gebiet gemacht hat. ,
670 Reichsdeutsche aus Ober-Italien sind am Sonntag nach Savona gefahren, um auf dem Dampfer „Taragona" außerhalb der italienischen Hoheitsgewässer zu wählen.
Der Eindruck in Moskau
Die deutschen Wahlen haben in Moskau großes Interesse gefunden. Eine amtliche Stellungnahme der Sowjet-Regierung ist noch nicht erfolgt.
In russischen politischen Kreisen wird betont, daß der Volksentscheid von großer Bedeutung sür die gesamte kommende Politik in Europa besonders in der Frage der Abrüstung sein wird.
Man versucht natürlich in russischen Kreisen, die innenpolitische Bedeutung der Wahlen abzuschwächen und zu behaupten, daß dieses Ergebnis noch kein richtiger Beweis für die vertrauensvolle Zusammenarbeit der Regierung und der Nation sei.
Lremer Ltsststliestsr
l.oksngr>n
Am Sonnabend, dem Vortage zu Deutschlands Schicksalsentscheidung, fand im Staatstheater eine Ausführung von Wagner's Lohengrin statt, die durch vorzügliche Eigenschaft der Stimmung großer Stunden würdig sich erwies, ja, darüber hinaus, fast als Markstein in der guten Aufwärtsentwicklung der Bremischen Oper gelten konnte. Am Pult waltete Eduard Martini. Die Titelrolle sang Arthur Vednarczyk; der Heerrufer Otto Reitmayr.
Gleich das Vorspiel glückte Martini hervorragend. Alle hohen Tugenden unseres Staatsorchesters kamen zu vollem Einsatz dabei. Weiterhin nahm der Dirigent vielfach sehr breite, echte Vayreuther Zeitmasse, die er wohl zu spannen und zu füllen wußte. Wie sehr dies bewußte, sichere künstlerische Auffassung war, zeigte sich darin, daß er trotzdem nie schleppend wurde, sondern stets da, wo es not tat, sich auf die straffste Belebung, die mitreißendste Beschleunigung verstand. Um das Maß seiner hohen Eignung voll zu machen, löste er zudem noch glatt das bekannte, allzubekannte Problem, an dem man kritisch fast schon müde ward, — das Problem der orchestralen Dämpfung ohne Beeinträchtigung des gesamtklanglichen Charakterbildes: eine dynamische Leistung, die zumal den Nachtszenen des 2. Aktes wahrhaft befreiend zu gute kam.
Herr Vednarczyk sang den Lohengrin sehr bemerkenswert. Es fällt gegenüber der sehr vornehmen, sehr künstlerischen Eesamtlinie gar nicht in's Gewicht, daß er zuerst etwas befangen war und dann und wann versehentlich ein paar Noten umstellte. Wesentlich war, daß er alle lyrischen Stellen ohne Schmalzigkeit aber mit edler Weichheit und in auffallend guter Atemführung zur Geltung brachte und Laß die heldischen Betonungen unter Verzicht auf Forcieren und Stimm- protzerei stets in schön gebändigter Kraft gegeben wurden. Die vielen gut genommenen Töne auf die Vokale A, I und O (ohne Druck, in richtiger Mischung von „Offenheit" und „Eedecktheit") rechtfertigten die Hoffnung, ja die feste Zuversicht, daß der sehr gut veranlagte Sänger planvoll an seiner weiteren Entwicklung arbeiten und
zu einer starken Stütze unserer aufstrebenden Oper werden wird. Was sein nicht sehr bewegliches Spiel anbetrifft, so möchten wir das nicht weiter tragisch nehmen. Wie wir schon öfter Gelegenheit nahmen anzumerken, soll der Opernsänger ja gar nicht mit schauspielerhafter Gewandtheit spielen, weil das zur Stilform des „singenden Menschen" ja garnicht paßt. Er soll „im Raum stehen" und sparsam, sinnvoll-andeutend in der Geste bleiben. So betrachtet war die Darstellung eine ganz gute Grundlage für kluge, stil- bewußte Regiearbeit. Viel, viel wichtiger als die (immer fragwürdiger bleibende) Erziehung der Opernsänger zu routinierten Schauspielern, ist bei dieser Regiearbeit die bühnenbild-künstlerische Herrichtung der jeweils gegebenen körperlichen Erscheinung und die maskische Herausarbeitung des Typs im guten modernen Sinne. Hierauf noch (nächst der rein gesangstechnischen Pflege) noch immer viel' zu wenig Gewicht gelegt. Immer noch sieht, auch an den größten Bühnen, so ein Lohengrin wie ein Weihnachtsengel aus. Die schön ondulierten blonden Locken nach Frisörladen, der Helm töricht und aluminiumhaft. Es scheint die unausrottbare Zwangsvorstellung zu bestehen, das sei wagnerisch, bayreuthisch und also unantastbar. Möchte nicht die vorzügliche Leitung unserer oft so überragendes Niveau gewinnenden Oper hier einmal bahnbrechend vorgehen und sich einen Namen damit machen? Wenn z, B. Gestalt und Gesicht dieses gesanglich so weitgehend befriedigenden Lohengrin des Herrn Vednarczyk in Kostüm, Requisit und Maske ganz herb-nordisch, ganz streng kreuzrittermätzig hergerichtet würden, dann wäre das schauspielerisch-bewegungsmäßige lange gut genug und sollte uns wenig kümmern . . .!
Otto Reitmay, als Heerrufer, sür den verhinderten Egmont Koch eingesprungen, hob das hervorragende Niveau der Vorstellung seinerseits noch weiter um ein Beträchtliches. Die Stimme erfreute so, und er sang so gut, daß die paar Eedächtnisfehler ohne jeden Belang waren.
Einen großen Fortschritt gegenüber seinem ersten Auftreten als Telramund konnten wir bei Walter Wenzlawski bemerken. Insbesondere war es auffallend, wie er die Tonbil
dung weiter „oben" und „vorn" hielt, infolgedessen wesentlicher ausgeglichener sang und von den wiederholten, schwer zu fassenden Tönen auf der Note F keinen einzigen in den Hals rutschen ließ. Der Sänger ist ein gutes Stück voran gekommen. Dieser Telramund des 1. Aktes war nun schon ganz ersten Ranges. Wenn er im 2. Akt noch etwas nachließ, so lag das nur daran, daß nicht alles auf einmal geht. Die Klippe liegt im Affekt. Die Neigung, dann den Ansatz zu verlieren, ist erfolgreich bekämpft aber noch nicht ganz besiegt.
Erneut gewachsen war wieder Frau Roller. Ließ in der Tiefe und Mittellage die Stimm- behandlung und Vortragsgestaltung schon immer keinen Wunsch offen, so war jetzt auch in der exponiertesten Höhenlage der Ertrag des rastlosen Weiterstrebens ganz deutlich festzustellen. Die Künstlerin kennt den gewissen, für die echt-kalib- rigen hochdramatischen Stimmen schwer gangbaren Weg und wird ihn zu Ende gehen.
Fritz Schweinsberg, der sich schon kürzlich, wie wir vermerkten, stimmlich wiedergefunden hatte, erntete nun die ersten Früchte davon, daß er dem einzelnen Vokal sein volles Daseinsrecht einzuräumen sich entschlossen hat, und insbesondere das allzu vorsichtig gedeckte, nach O hin gefärbte A jetzt mutiger und markig-metallischer, nämlich „offene r" bringt. Dieser König Heinrich konnte wieder voll bestehen und darf als ein verheißungsvoller Auftakt zu einem neuen Enttvicklungs- abschnitt genommen werden.
Die Blüte des Abends aber war Cäcilie Re i ch s Elsa. Schon immer gut in ihrer goldklar strömenden und glockenhaft schwingenden Stimme, ihrer mustergültigen Aussprache und ergreifend herzenswahren Gestaltung, hatte sie nun in einer erneuten Spannung und Straffung die ganze Rolle noch einmal überholt und vermochte jetzt die letzten, in etwa noch offenen Wünsche zu befriedigen. Viele waren es ohnehin nicht. Im wesentlichen handelte es sich nur darum, daß sie zuweilen mit etwas zu großer Weite sang (kleiner Fehler einer großen Tugend), und deshalb in der Höhe genötigt war, „A" statt „I" zu formen. Das ist nun auch behoben. Am Sonnabend wurden in der Höhe alle schlankformigen Vokale kunstvoll eng angesetzt und danach erst geöffnet, wodurch nun der Gesang die letzte Vollendung in
Ausgleich und Ebenmäßigkeit erhielt. Wir bekräftigen unsern schon an dieser Stelle ausgesprochenen Vergleich und stellen fest, daß wir in Bremen eine jugendlich-dramatische Sängerin vom Range der Maria Müller besitzen.
D. bd U. Ockers
Li'eme^ Zelisuspieiksus
„Sommer in Ufol"
Von Franz Adam Beyerlein.
Dieser auf feinste und liebenswürdigste Leichtigkeit gestellte Lustspielabend ward bestritten von der Ensemble-Kunst des Schauspielhauses. Er wäre nicht denkbar bloß auf Grund des Werkes. Er wirkte wie erdacht zum Nachweis dieser hohen Pflege des Zusammenspiels. Der Inhalt des Werkchens, lustige Verwechslungen, entstanden dadurch, daß die aufregend hübsche junge Frau eines jungen Gelehrten, beide auf der Hochzeitsreise, der ewigen anzüglichen Blicke und Bemerkungen überdrüssig, sich für die Sch w e- ster ihres frisch angetrauten Ehemannes ausgibt, wodurch nicht nur der Flitterwochenzauber arg gestört, sondern der junge Ehemann, balkon- kletternd auf der Alpenhotelterrasse, in den Verdacht kommt, Juwelendieb zu sein: — dieser Inhalt des Werkchens, nett und anspruchslos, mit leichter geschickter Hand dramatisch aufgeschürzt, könnte bei geringerer Spielkunst möglicherweise ein wenig zu naiv, süß, vielleicht auch fad wirken. Das tut er so und hier aber nicht. Das Anspruchslose, Sonnige, Volkstümliche des Lustspiels wird durch den Schliff und die sprühende Lebendigkeit des Spiels auf eine hohe Stufe ge- mütswärmender, sorgenvertreibender echter Heiterkeit gehoben und rechtfertigt so die Aufführung unbedingt.
Hermann Schultze-Griesheim, der vielgewandte, in allen Satteln gerechte Spielleiter, hatte den vielverschlungenen, anmutigen und farbigen Reigen des launischen Geschehens in einer meisterhaften Jnscenierung über die Bühne geführt. Hans Frank, als Doktor Alfred Epoerke, der Rolle des jungen Flitterwöch- nerichs, stellte sich damit einmal in vollem Umfange als Vertreter des Faches vor, für das er, wie wir hörten, eigentlich im Grunde genommen nach hier verpflichtet worden ist. Wenn wir ihn
aus Anlaß seines „Erasmus von Rotterdam" als schweren Helden bezeichneten, so soll er uns das, unter Aufrechterhaltung unserer Ueberzeugung, nicht hindern, unumwunden anzuerkennen, wie gewandt, reizvoll und fachgerecht er sich in dieser spielerischen Aufgabe tummelte.
Als Toni, seine Frau und „Schwester" gab ToblinaEondydie ganze Summe alles dessen her, was hier an glücklicher Erscheinung, Hübsch- heit, Eleganz, Anmut und Herzlichkeit nötig ist, um die Illusion zu erfüllen und das Stück zu tragen; unübertreffliches, ungekünsteltes Komö- dienspiel aus leichtester Hand; unersetzbar in seiner Art. Nicht geringeres ist auszusagen von Elisa Tuerschmann, welche die zweite Frauenrolle des Stückes spielte, Melitta, die Frau des Ge- heimrats Ursinus, ulkig-betulich-behäbig, ham- burgisch nüchtern-deutlich, alles heraussagend, was sie gerade so weiß, dabei, wie immer bei Frau Tuerschmann, höchst genußreich anzusehen, in der unnachahmlichen lässigen und doch so sicheren großen Damenhaltung. Den Geheimrat selbst gab Hanns Müller in seiner sehr persönlichen, schlacksigen überzüchteten Art, die immer überlegen und großstädtisch wirkt und für solche Stücke von unentbehrlichem dekorativen Wert ist; ein bißchen älter in der Maske hätte er sein dürfen.
Mit dem gutartigen, neureichen Grotz-Schläch- termeistcr Steinpott gab E r n st. E l a s e m a,n n eine seiner bisher besten Leistungen; soziologisch hervorragend lebenswahr;. ohne die sonst wobt bei solchen Rollen anderswo beliebte aufdringliche Mimerei; sehr nobel in den Mitteln. Fritz Saatfeld gab einen höchst amüsanten Hochstapler, Ludwig Cremer ganz ausgezeichnet einen schwärmerisch verliebten Jungen, die Komik einer gewissen charakteristischen Stufe der Unreifheit bemerkenswert echt herausarbeitend. Vorzüglich dann noch Hans Adalbert Kraus als Detektiv; Ernst Altmann. Rudolf Förster, Georg Siebert ansprechend in den Rollen des Hotelpersonals.
Die Lachlaune des Publikums fühlte sich vom ersten Emporgehen des Vorhanges an gut in Fahrt gebracht und blieb, mit stürmischen Heiter keitsausbrüchen das Spiel unterbrechend, d liebenswürdigen Stück und der froh erregenden Spielerschar bis zum Schlüsse treu.
L. bV N. Ackers.