Ausgabe 
(14.11.1933) Nr. 308
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klas amtliche Organ -es Senats

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-er Freien Lansestaklt vremen

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Nr. 308 / 4. Vierteljahr D

ienstag.

den 14. November Einzelpreis is Nps.

Das Gch» des Äluslandes

Die Weltpresse

zum nationalsozialistischen Wahlsieg

Die englische Vrefse

Zögernde Erkenntnisse

Paris» 13. November

Der in Berlin weilende Chefredakteur des Paris Midi", Perreux, unterstreicht in seinem s Berliner Bericht, daß der Nationalsozialismus in ! den neun Monaten seiner Herrschaft 23 Millionen Stimmen, also mehr als das Doppelte der bei den Reichstagswahlen im März erzielten Stimmen i gewonnen habe.

Wie sehr man auch den Wunsch haben sollte, daraus hinzuweisen, daß nicht ganz Deutschland mit derDiktatur" Hitlers einverstanden sei, so müsse man sich doch vor den Tatsachen beugen. Sie seien überwältigend.

Es handele sich in der Tat um einen Triumph für die Nationalsozialistische Partei. Unmittel­bare Verhandlungen mit Deutschland würden, so > schreibt Perreux an anderer Stelle, delikat, gar s selbst gefährlich sein. Deshalb solle man sie aber >> nicht ablehnen.

Gleichzeitig widmet der ständige Mitarbeiter t desParis Midi", Jeuire, dem deutschen Abstim- k mungsergebnis eine ausführliche Betrachtung.

Man könne dem Bersailler Vertrag den grund- k legenden Vorwurf machen, -ah er mißverstanden l habe, was für eine Revolution, und zwar nicht nur in territorialer, sondern auch in wirtschaft­licher und fataler Hinsicht der Krieg in der Welt hervorgerufen habe.

Die finanziellen Bestimmungen des Bersailler Vertrages seien nicht mehr vorhanden. Der Tribut" sei tot. Es gäbe also nur noch die mili­tärischen und territorialen Bestimmungen. Die Propaganda für die Abstimmung sei auf außen­politischer Grundlage geführt worden. Hitler habe Versprechungen abgegeben, er müsse sie halten. Er werde also die Deutschen auffordern, einige neuen Seiten des Bersailler Vertrages zu zerreißen. Werde diese Tat die Unterzeichner des Friedensvertrages unvorbereitet treffen? Bisher zögere England, Italien spiele ein gewandtes i Spiel. Amerika sei abwesend.

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Die Spätausgaben der Pariser Morgenblätter beschäftigen sich eingehender mit den Wahlergeb- - nissen in Deutschland. Man Sann die Haltung der Blätter unter der Ueberschrist zusammenfassen: Was nun?" Der Berliner Sonderberichterstatter i desM atin" schreibt u. a., man habe zwar den Sieg Hitlers vorausgesehen, man könne aber ! schwer voraussagen, wie er seinen si ungeheuren Erfolg anwenden werde, i Es sei selbstverständlich, daß er das ganze ! Schwergewicht auf die Rüstungsfrage legen werde, ! die im Augenblick der Schlüssel des Bersailler Vertrages sei. Er werde sicher Frankreich auf­

fordern, die letzten Zeichen des Sieges und der deutschen Niederlage auszulöschen und sich ihm dadurch gewissermaßen auszuliefern unter dem Vorwand, daß Mißtrauen eine Beleidigung sei und die Sicherheitsbedingungen für alle Länder die gleichen sein müßten. Er werde ferner ver­suchen, im Rahmen des Viererpaktes, d. h. unter Ausschluß der kleinen Mächte, zu verhandeln.

DasOeuvre" ist der gleichen Ansicht und betont, daß man die Politik der Reichsregierung geradezu unterstützen würde, wenn man die Ge­legenheit verpasse, sich einmal in aller Oeffentlich- keit zu sagen, was man wolle und was man nicht wolle.

Figar o" schreibt u. a., daß es für die Welt, für den Frieden und besonders für Frankreich von Bedeutung sei, zu wissen, daß Deutschland heute keine Parteien mehr kenne, und daß das ganze Volk sich zusammenschließen, um dem Führer mit Ja zu antworten, wenn es sich darum handele, seinen Bruch mit Genf, d. h. die Rllstungsfreiheit, bzw. die Vernichtung des Bersailler Vertrages, gutzuheißen.

Diese Verpflichtungen des Bersailler Vertrages bedeuteten aber sür Europa und zu allererst sür Frankreich die Wahl zwischen Krieg oder Knecht­schaft. (!)

Nach demQuotidien" haben sich die deut­schen Wähler für die schweren Geschütze, die Tanks und Bombenflugzeuge entschieden. (!!?) Wenn die anderen Mächte sich nicht bereit erklärten, ihre Rüstungen einzuschränken, so sei dies angesichts des gewaltsamen Ausbruches desPangermanis- mus" nur zu gerechtfertigt, um so mehr, als der Feldzug des Führers gegen die Verträge beweise, daß er die Kanonen, die er verlange, nur dazu verwenden wolle, um den Status des neuen Europa zu vernichten.

DerI o u r" bedauert, daß Frankreich sich jede Initiative aus der Hand nehmen ließ. Nach der ersten Rede des Reichskanzlers hätte Frankreich entweder mit Deutschland oder mit seinen ehe­maligen Verbündeten oder gar zur ganzen Welt sprechen können. Es habe aber geschwiegen. Heute sei es natürlich zu spät, und es bleibe ihm nichts anderes übrig, als die diplo­matische Offensive von der anderen Seite des Rheins abzuwarten.

London, 13. November.

Das überwältigende Bekenntnis des deutschen Volkes zu seinem Führer und zur Politik der Reichsregierung ist von den Mitgliedern der deutschen Kolonie in London mit großer Freude aufgenommen worden. Bis in die frühen Mor­genstunden hinein blieben sie an ihren Rund­funkapparaten sitzen und erwarteten mit Span­nung die sich stets mehrende Zahl der Stimmen, die ihrJa" abgegeben hatten.

Die Meldungen über das gewaltige Ergebnis nehmen in der Londoner Presse einen breiten und bevorzugten Raum ein. Die Wahlvorgänge werden mit allen Einzelheiten beschrieben. Die Berichte lassen erkennen, daß das Ergebnis bei weitem die Erwartung überstiegen hatte, die englische Kreise in Berlin und London hegten. Wenn es ihr auch teilweise schwer wird, so muß doch die Presse, wie z. B. die liberale, dem Nationalsozialismus recht feindlicheNews Chronicle zugeben, daß Deutschland ein geeintes Ja der Welt entgegenruft.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, so heißt es in derTime s", daß die Mehrheit des deut­schen Volkes bereitwilligst an die Wahlurne ging, um ihre Stimme für Frieden, Ehre und Gleich­berechtigung abzugeben.

Deutschland habe mit seiner Stimme die Poli­tik des Austritts aus dem Völkerbund und der Abrüstungskonferenz bekräftigt und die national­sozialistische Regierung in ihrem Amte bestätigt.

Nunmehr hätten die ausländischen Nationen es mit einem völlig nationalsozialifti- schen Deutschland zu tun. Es sei daher wichtig, daß man die nationalsozialistischen Ziele voll­ständig verstehe.

Niemals in der Geschichte, so schreibt das Beaverbrock-BlattD a i l y - E x p r e ß", hat ein Volk sich die Politik seines Führers in so ausge­prägter Weise zu eigen gemacht. Kein Land hat jemals eine neunzigprozentige Mehrheit für seine Regierung er­halten in einer Zeit bitterer Krise, wo überall wirtschaftliche Unzufriedenheit ihren Höhepunkt erreicht hat.

Deutschland sagt Ja", heißt die Ueberschrist in derM o r n i n g p o st", überwältigender Sieg für Hitler.

Auch das Rothermere-VlattDaily-Mail" unterstreicht die ungeheure Mehrheit der Ja-Stim­men für Volksentscheid und Reichstagswahl und bezeichnet das Abstimmungsergebnis alsein­stimmt g".

Der sozialistischeD ai l y - H e ra l d" sagt: Hitler hat ein überragendes Vertrauensvotum er­halten; Hitler braucht jetzt die außenpolitische Lage Deutschlands nicht mehr als ein stimmen- suchender Politiker, sondern als ein Staats­mann zu betrachten, der den Frieden und die Ab­rüstung wünscht.

Unfreundliche Stimmen aus Oesterreich

Wien, 13. November.

Die Montag-Morgenblätter begnügen sich da­mit, die Wahlresultate zu bringen und drucken als Kritik lediglich die denkbar unfreund­liche Stellungnahme der halbamtlichen politischen Korrespondenzen ab, für die charakte­ristisch ist die Behauptung, nach privaten Infor­mationen aus Deutschland stehe fest,

daß im Falle wirklich freier und geheimer

Wahlen die Wahlliste Hitler auch nicht an­nähernd 58 o. H. der wahlberechtigten Stimmen auf sich vereinigt hätte.

(Wir haben bereits mehrmals eingehend bewie­sen, daß das Wahlgeheimnis diesmal genau so gewahrt bleiben mutzte, wie bei den früheren Wahlen, da sowohl die gleichen Wahlurnen be­nutzt wurden, wie auch die Bedingungen voll­kommen den bisherigen glichen. Außerdem be­weist die Zahl der ablehnenden oder ungültigen Stimmen, daß kein Zwang ausgeübt wurde und das Wahlgeheimnis gewahrt blieb. Damit dürfte der österreichische Zweifel als Lüge gekennzeichnet sein. Schriftleitung.)

Lediglich das christlichsozialeW iener Mittagsblatt" gibt einen eigenen Kom­mentar, in dem es doch nicht umhin kann, unter dem Eindruck der Ziffern festzustellen, eine Ein­heitsfront, die die ganze stimmberechtigte Be­völkerung umfaßt, gebe ihren Willen kund, daß Deutschland nicht länger als ein Staat minderen Rechts angesehen und behandelt werden dürfe.

Die ersten italienischen Blätterstimmen

Rom, 13. Nov.

Die italienischen Mittagsblätter, die als erste nach dem Sonntag erscheinen, bringen noch keine Kommentare zu den deutschen Wahlen. In ihren Berichten aus Berlin kommt jedoch der in Ita­lien erwartete und begrüßte Triumph der Regie­rung Hitler klar zum Ausdruck.

Bojano sagt imM essagero": Wenn auch die endgültigen Zahlen noch nicht bekannt seien, zeichne sich der Sieg bereits sicher und eindrucksvoll ab.

Um die Bedeutung des Tages zu ermessen, müsse man an das Volksbegehren von 1823 gegen den Youngplan mit 3,8 Millionen Stimmen und an die letzte Wahl vom 5. März denken, wo die Na­tionalsozialisten erst 51.3 o. H. und die marxisti­schen Parteien immer noch ein Drittel der Stim­men erhielten.

ImTevere" wird der Tag als eine groß­artige Kundgebung des geeinten deutschen Volkes bezeichnet.

Der MailänderCorriere della Sera" schreibt unter der Schlagzeile:Das Gelöbnis der Deutschen für Hitler": Die Zahl der ablehnenden oder ungültigen Stimmen zeige, daß kein Zwang ausgeübt wurde und das Wahl- geheimnis gewahrt blieb.

Die TurinerStamp a" veröffentlicht einen dreispaltigen Bericht an erster Stelle unter der Ueberschrist:43 Millionen Deutsche stimmen für die Politik Hitlers" und hebt die gewaltige Wahl­beteiligung hervor. Der Berliner Korrespondent des Blattes schreibt, die von der Einheitsliste er­reichte Stimmenzahl lasse erkennen, welche ge­waltigen Fortschritte das Regime in so kurzer Zeit auch auf inner­politischem Gebiet gemacht hat. ,

670 Reichsdeutsche aus Ober-Italien sind am Sonntag nach Savona gefahren, um auf dem DampferTaragona" außerhalb der italienischen Hoheitsgewässer zu wählen.

Der Eindruck in Moskau

Die deutschen Wahlen haben in Moskau großes Interesse gefunden. Eine amtliche Stellungnahme der Sowjet-Regierung ist noch nicht erfolgt.

In russischen politischen Kreisen wird betont, daß der Volksentscheid von großer Bedeutung sür die gesamte kommende Politik in Europa beson­ders in der Frage der Abrüstung sein wird.

Man versucht natürlich in russischen Kreisen, die innenpolitische Bedeutung der Wahlen abzu­schwächen und zu behaupten, daß dieses Er­gebnis noch kein richtiger Beweis für die vertrau­ensvolle Zusammenarbeit der Regierung und der Nation sei.

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Am Sonnabend, dem Vortage zu Deutschlands Schicksalsentscheidung, fand im Staatstheater eine Ausführung von Wagner's Lohengrin statt, die durch vorzügliche Eigenschaft der Stimmung gro­ßer Stunden würdig sich erwies, ja, darüber hinaus, fast als Markstein in der guten Auf­wärtsentwicklung der Bremischen Oper gelten konnte. Am Pult waltete Eduard Martini. Die Titelrolle sang Arthur Vednarczyk; der Heerrufer Otto Reitmayr.

Gleich das Vorspiel glückte Martini hervor­ragend. Alle hohen Tugenden unseres Staats­orchesters kamen zu vollem Einsatz dabei. Weiter­hin nahm der Dirigent vielfach sehr breite, echte Vayreuther Zeitmasse, die er wohl zu spannen und zu füllen wußte. Wie sehr dies bewußte, sichere künstlerische Auffassung war, zeigte sich darin, daß er trotzdem nie schleppend wurde, son­dern stets da, wo es not tat, sich auf die straffste Belebung, die mitreißendste Beschleunigung ver­stand. Um das Maß seiner hohen Eignung voll zu machen, löste er zudem noch glatt das bekannte, allzubekannte Problem, an dem man kritisch fast schon müde ward, das Problem der orchestralen Dämpfung ohne Beeinträchtigung des gesamt­klanglichen Charakterbildes: eine dynamische Lei­stung, die zumal den Nachtszenen des 2. Aktes wahrhaft befreiend zu gute kam.

Herr Vednarczyk sang den Lohengrin sehr bemerkenswert. Es fällt gegenüber der sehr vor­nehmen, sehr künstlerischen Eesamtlinie gar nicht in's Gewicht, daß er zuerst etwas befangen war und dann und wann versehentlich ein paar Noten umstellte. Wesentlich war, daß er alle lyrischen Stellen ohne Schmalzigkeit aber mit edler Weich­heit und in auffallend guter Atemführung zur Geltung brachte und Laß die heldischen Betonun­gen unter Verzicht auf Forcieren und Stimm- protzerei stets in schön gebändigter Kraft gegeben wurden. Die vielen gut genommenen Töne auf die Vokale A, I und O (ohne Druck, in richtiger Mischung vonOffenheit" undEedecktheit") rechtfertigten die Hoffnung, ja die feste Zuver­sicht, daß der sehr gut veranlagte Sänger plan­voll an seiner weiteren Entwicklung arbeiten und

zu einer starken Stütze unserer aufstrebenden Oper werden wird. Was sein nicht sehr beweg­liches Spiel anbetrifft, so möchten wir das nicht weiter tragisch nehmen. Wie wir schon öfter Ge­legenheit nahmen anzumerken, soll der Opern­sänger ja gar nicht mit schauspielerhafter Ge­wandtheit spielen, weil das zur Stilform des singenden Menschen" ja garnicht paßt. Er sollim Raum stehen" und sparsam, sinnvoll-andeutend in der Geste bleiben. So betrachtet war die Dar­stellung eine ganz gute Grundlage für kluge, stil- bewußte Regiearbeit. Viel, viel wichtiger als die (immer fragwürdiger bleibende) Erziehung der Opernsänger zu routinierten Schauspielern, ist bei dieser Regiearbeit die bühnenbild-künstlerische Herrichtung der jeweils gegebenen körperlichen Erscheinung und die maskische Herausarbeitung des Typs im guten modernen Sinne. Hierauf noch (nächst der rein gesangstechnischen Pflege) noch immer viel' zu wenig Gewicht gelegt. Immer noch sieht, auch an den größten Bühnen, so ein Lohengrin wie ein Weihnachtsengel aus. Die schön ondulierten blonden Locken nach Frisörladen, der Helm töricht und aluminiumhaft. Es scheint die unausrottbare Zwangsvorstellung zu bestehen, das sei wagnerisch, bayreuthisch und also unantastbar. Möchte nicht die vorzügliche Leitung unserer oft so überragendes Niveau gewinnenden Oper hier einmal bahnbrechend vorgehen und sich einen Namen damit machen? Wenn z, B. Gestalt und Gesicht dieses gesanglich so weitgehend befriedi­genden Lohengrin des Herrn Vednarczyk in Ko­stüm, Requisit und Maske ganz herb-nordisch, ganz streng kreuzrittermätzig hergerichtet würden, dann wäre das schauspielerisch-bewegungsmäßige lange gut genug und sollte uns wenig kümmern . . .!

Otto Reitmay, als Heerrufer, sür den ver­hinderten Egmont Koch eingesprungen, hob das hervorragende Niveau der Vorstellung seinerseits noch weiter um ein Beträchtliches. Die Stimme erfreute so, und er sang so gut, daß die paar Eedächtnisfehler ohne jeden Belang waren.

Einen großen Fortschritt gegenüber seinem ersten Auftreten als Telramund konnten wir bei Walter Wenzlawski bemerken. Ins­besondere war es auffallend, wie er die Tonbil­

dung weiteroben" undvorn" hielt, infolge­dessen wesentlicher ausgeglichener sang und von den wiederholten, schwer zu fassenden Tönen auf der Note F keinen einzigen in den Hals rutschen ließ. Der Sänger ist ein gutes Stück voran gekommen. Dieser Telramund des 1. Aktes war nun schon ganz ersten Ranges. Wenn er im 2. Akt noch etwas nachließ, so lag das nur daran, daß nicht alles auf einmal geht. Die Klippe liegt im Affekt. Die Neigung, dann den Ansatz zu ver­lieren, ist erfolgreich bekämpft aber noch nicht ganz besiegt.

Erneut gewachsen war wieder Frau Roller. Ließ in der Tiefe und Mittellage die Stimm- behandlung und Vortragsgestaltung schon immer keinen Wunsch offen, so war jetzt auch in der expo­niertesten Höhenlage der Ertrag des rastlosen Weiterstrebens ganz deutlich festzustellen. Die Künstlerin kennt den gewissen, für die echt-kalib- rigen hochdramatischen Stimmen schwer gangbaren Weg und wird ihn zu Ende gehen.

Fritz Schweinsberg, der sich schon kürzlich, wie wir vermerkten, stimmlich wiedergefunden hatte, erntete nun die ersten Früchte davon, daß er dem einzelnen Vokal sein volles Daseinsrecht einzuräumen sich entschlossen hat, und insbesondere das allzu vorsichtig gedeckte, nach O hin gefärbte A jetzt mutiger und markig-metallischer, nämlich offene r" bringt. Dieser König Heinrich konnte wieder voll bestehen und darf als ein verheißungs­voller Auftakt zu einem neuen Enttvicklungs- abschnitt genommen werden.

Die Blüte des Abends aber war Cäcilie Re i ch s Elsa. Schon immer gut in ihrer goldklar strömenden und glockenhaft schwingenden Stimme, ihrer mustergültigen Aussprache und ergreifend herzenswahren Gestaltung, hatte sie nun in einer erneuten Spannung und Straffung die ganze Rolle noch einmal überholt und vermochte jetzt die letzten, in etwa noch offenen Wünsche zu be­friedigen. Viele waren es ohnehin nicht. Im wesentlichen handelte es sich nur darum, daß sie zuweilen mit etwas zu großer Weite sang (kleiner Fehler einer großen Tugend), und deshalb in der Höhe genötigt war,A" stattI" zu formen. Das ist nun auch behoben. Am Sonnabend wur­den in der Höhe alle schlankformigen Vokale kunst­voll eng angesetzt und danach erst geöffnet, wo­durch nun der Gesang die letzte Vollendung in

Ausgleich und Ebenmäßigkeit erhielt. Wir be­kräftigen unsern schon an dieser Stelle aus­gesprochenen Vergleich und stellen fest, daß wir in Bremen eine jugendlich-dramatische Sängerin vom Range der Maria Müller besitzen.

D. bd U. Ockers

Li'eme^ Zelisuspieiksus

Sommer in Ufol"

Von Franz Adam Beyerlein.

Dieser auf feinste und liebenswürdigste Leich­tigkeit gestellte Lustspielabend ward bestritten von der Ensemble-Kunst des Schauspielhauses. Er wäre nicht denkbar bloß auf Grund des Werkes. Er wirkte wie erdacht zum Nachweis dieser hohen Pflege des Zusammenspiels. Der Inhalt des Werkchens, lustige Verwechslungen, entstanden dadurch, daß die aufregend hübsche junge Frau eines jungen Gelehrten, beide auf der Hochzeitsreise, der ewigen anzüglichen Blicke und Bemerkungen überdrüssig, sich für die Sch w e- ster ihres frisch angetrauten Ehemannes aus­gibt, wodurch nicht nur der Flitterwochenzauber arg gestört, sondern der junge Ehemann, balkon- kletternd auf der Alpenhotelterrasse, in den Ver­dacht kommt, Juwelendieb zu sein: dieser In­halt des Werkchens, nett und anspruchslos, mit leichter geschickter Hand dramatisch aufgeschürzt, könnte bei geringerer Spielkunst möglicherweise ein wenig zu naiv, süß, vielleicht auch fad wirken. Das tut er so und hier aber nicht. Das An­spruchslose, Sonnige, Volkstümliche des Lustspiels wird durch den Schliff und die sprühende Le­bendigkeit des Spiels auf eine hohe Stufe ge- mütswärmender, sorgenvertreibender echter Hei­terkeit gehoben und rechtfertigt so die Aufführung unbedingt.

Hermann Schultze-Griesheim, der vielgewandte, in allen Satteln gerechte Spiel­leiter, hatte den vielverschlungenen, anmutigen und farbigen Reigen des launischen Geschehens in einer meisterhaften Jnscenierung über die Bühne geführt. Hans Frank, als Doktor Al­fred Epoerke, der Rolle des jungen Flitterwöch- nerichs, stellte sich damit einmal in vollem Um­fange als Vertreter des Faches vor, für das er, wie wir hörten, eigentlich im Grunde genommen nach hier verpflichtet worden ist. Wenn wir ihn

aus Anlaß seinesErasmus von Rotterdam" als schweren Helden bezeichneten, so soll er uns das, unter Aufrechterhaltung unserer Ueberzeugung, nicht hindern, unumwunden anzuerkennen, wie gewandt, reizvoll und fachgerecht er sich in dieser spielerischen Aufgabe tummelte.

Als Toni, seine Frau undSchwester" gab ToblinaEondydie ganze Summe alles dessen her, was hier an glücklicher Erscheinung, Hübsch- heit, Eleganz, Anmut und Herzlichkeit nötig ist, um die Illusion zu erfüllen und das Stück zu tragen; unübertreffliches, ungekünsteltes Komö- dienspiel aus leichtester Hand; unersetzbar in seiner Art. Nicht geringeres ist auszusagen von Elisa Tuerschmann, welche die zweite Frauenrolle des Stückes spielte, Melitta, die Frau des Ge- heimrats Ursinus, ulkig-betulich-behäbig, ham- burgisch nüchtern-deutlich, alles heraussagend, was sie gerade so weiß, dabei, wie immer bei Frau Tuerschmann, höchst genußreich anzusehen, in der unnachahmlichen lässigen und doch so sicheren großen Damenhaltung. Den Geheimrat selbst gab Hanns Müller in seiner sehr persönlichen, schlacksigen überzüchteten Art, die immer überlegen und großstädtisch wirkt und für solche Stücke von unentbehrlichem dekorativen Wert ist; ein bißchen älter in der Maske hätte er sein dürfen.

Mit dem gutartigen, neureichen Grotz-Schläch- termeistcr Steinpott gab E r n st. E l a s e m a,n n eine seiner bisher besten Leistungen; soziologisch hervorragend lebenswahr;. ohne die sonst wobt bei solchen Rollen anderswo beliebte aufdringliche Mimerei; sehr nobel in den Mitteln. Fritz Saatfeld gab einen höchst amüsanten Hoch­stapler, Ludwig Cremer ganz ausgezeichnet einen schwärmerisch verliebten Jungen, die Ko­mik einer gewissen charakteristischen Stufe der Unreifheit bemerkenswert echt herausarbeitend. Vorzüglich dann noch Hans Adalbert Kraus als Detektiv; Ernst Altmann. Rudolf Förster, Georg Siebert anspre­chend in den Rollen des Hotelpersonals.

Die Lachlaune des Publikums fühlte sich vom ersten Emporgehen des Vorhanges an gut in Fahrt gebracht und blieb, mit stürmischen Heiter keitsausbrüchen das Spiel unterbrechend, d liebenswürdigen Stück und der froh erregenden Spielerschar bis zum Schlüsse treu.

L. bV N. Ackers.