Ausgabe 
(7.5.1932) Nr. 94
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Verlagsort Bremen. Herausgeber Kurt Thiele. Verlag: Bremer Nationalsozialistische Zeitung, Kurt Thiele. Geschäftsstelle und Redaktion: Papenstr. 15. Sprechstunden der Redaktion: Montag bis Freitag von 17 bis 19 Uhr.—Fernsprecher Domsheide 25878.

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Paris, 6. Mai. Das Ministerpräsidium ver- Lffeutlicht am Freitag nachmittag folgende amt­liche Verlautbarung:

Staatspräsident Doumer wurde heute nachmittag um 15 Uhr bei dem Besuch der Buchausstellung ehemaliger kriegsteilnehmender Schriftsteller das Opfer eines Mordanschlags. Der Attentäter, ein russischer Anarchist, scheint nicht im Vollbesitz sei­ner geistigen Kräfte zu sein. Der Präsident der Republik wurde von einer Kugel am Scheitel in den Kopf getroffen, während eine zweite in die Schütter drang. Er wurde sofort in das Kranken­haus Beaujon überführt, wo ihm die besten Chi­rurgen sorgfältigste Pflege angedeihen lassen. Der Schriftsteller Claude Farrere wurde am Unterarm verletzt. Der Chef der Pariser städtischen Polizei, Paul Guichard, der es durch sein Dazwischentre­ten verhinderte, daß das Attentat einen noch ernsteren Ausgang nahm und der persönlich den Attentäter verhaftete, wurde leicht am Handgelenk verletzt.

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Nachdem zunächst völlig widersprechende Mit­teilungen und Gerüchte über die Verletzungen Doumers verbreitet wurden, steht jetzt folgendes fest: Doumer ist von drei Kugeln getroffen wor­den, von denen die eine die Schläfe streifte und die andere hinter dem linken Ohr in den Kopf drang, ohne jedoch das Gehirn zu verletzen. Die dritte Kugel durchschlug die linke Schulter.

Ueber den Anschlag selbst liegen jetzt Augen- zcugenberichte vor. Danach war der Präsident um 15 Uhr in Begleitung eines Mitgliedes seines Mi- litärkabinetts im Ausstellungsgebäude erschienen, wo er vom Kriegsminister Pietri, Justizminister Reynaud und dem Präsidenten der Schriftsteller­vereinigung, Claude Farrere, empfangen wurde. Nach-der Besichtigung des ersten Ausstellungs­raumes begab er sich, gefolgt von zahlreichen Per­sonen, in den dahinterliegenden Saal, in dem auch der Attentäter Gargulow an einem Bücherstand Mit einem Schriftsteller sprach.

Als der Staatspräsident sich diesem Stand bis auf wenige Schritte genähert hatte, drehte sich Gargulow Plötzlich um, zog einen Revolver und gab hiirtereinander fünf Schüsse ab. Von drei Ku­geln durchbohrt, brach der Präsident der Republik blutüberströmt zusammen. Zwei andere Kugeln verletzten den Schriftsteller Farrere und den Chef der Pariser Sicherheitspolizei, Guichard. Kriegs­minister Pietri stürzte sich als einer der ersten auf den Attentäter und wurde bei der Verhaftung von Guichard unterstützt. Inzwischen trug man den bewußtlosen Staatspräsidenten in seinen Kraftwagen und überführte ihn auf schnellstem Wege ins Krankenhaus.

Die Besucher, die Augenzeugen des Anschlages 'waren, stürzten sich auf den Angreifer und richte­ten ihn durch Stock- und Faustschläge übel zu. Den anwesenden Kriminalbeamten gelang es nur mit Mühe, ihn vor der Lynchjustiz zu bewahren. In seiner Tasche fand man ein in russischer Sprache abgefaßtes Notizbuch, in dem u. a. fol­gender Satz geschrieben steht: „Gargulow, Präsi­dent der russischen Faschisten und Mörder des französischen Staatspräsidenten."

Gargulow ist ein plump und bäurisch aussehen­der Mann von 37 Jahren. Sein sonderbares Be­

nehmen und seine unruhig flackernden Augen scheinen die Auffassung vollkommen zu bestätigen, daß man es mit einem gefährlichen Irren zu tun hat. Während seines Verhörs sprach er unaus­gesetzt vor sich hin, antwortete unklar auf die an ihn gerichteten Fragen und summte von Zeit zu Zeit eine Melodie. Soweit aus seinen unzusam- menhängenden Reden hervorgeht, bezeichnet sich der Attentäter als Dichter und Mystiker.

Er erklärte, er sei vor vier Monaten aus Prag nach Frankreich gekommen und habe sich dann in Monte Carlo niedergelassen. Gegen den Präsiden­ten der Republik habe er persönlich nichts gehabt, doch sei er ein fanatischer Gegner der Bolschewi- sten und habe als solcher gehandelt. Zu Ende des Verhörs erklärte der Attentäter: „Ich weiß, daß ich sterben muß und werde als Soldat sterben." Seine Anhängerschaft habe ihn im Stich gelassen, er stehe allein, habe keine Helfershelfer und lasse sich nicht kaufen.

Wen ist Liongulow

Von zuverlässiger Seite erfährt der Vertreter der Telegraphen-Union noch folgende Einzelheiten:

Pawel Gargulow ist von Geburt nicht National- ruffe, sondern Kubankosak. Er wurde im Jahre 1895 in der Kosaken-Niederlasfung Labinskaja Staniza geboren. Den Krieg machte er gegen Oesterreich und gegen die Türkei auf russischer Seite mit. Nach dem Kriege studierte er in Prag Medizin und galt schon damals unter seinen Be­kannten für verrückt. Was seine schriftstellerische Tätigkeit anbelangt, so hat er einen Band Ge­dichte in völlig unzusammenhängenden Versen ver­öffentlicht. Ferner stammt eine politische Bro­schüre aus seiner Feder, die unter dem Namen „Das grüne Programm —^ Wege zur Befreiung Rußlands" vollkommen phantastische Ideen enthält. Er bezeichnet sich gleichzeitig als Faschist, Anti- monarchist, Republikaner und Demokrat. Vor eini­ger Zeit versuchte er im russischen Aerzteverband Aufnahme zu finden, wurde jedoch angeblich we­gen eigentümlichen Gebarens zurückgewiesen.

Auch in politischen Kreisen ist man jetzt über-

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zeugt davon, daß der greise Staatspräsident keinem politischen Anschlag, sondern der Tat eines Geistes­kranken zum Opfer gefallen ist. Man gibt die Hoffnung nicht auf, Doumer am Leben zu er­halten, fragt sich jedoch andererseits, ob er noch in der Lage sein wird, die schwere Bürde seines Amtes weiter zu tragen.

Vor dem Krankenhaus in dem Doumer liegt, und ebenso vor dem Elysee hat sich eine unge­heure Menschenmenge angesammelt, die auf Nach­richt über den Zustand Doumers wartet. Es herrscht eine beispiellose Erregung, die sich viel­fach in Verwünschungen gegen die Ausländer Luft macht. Auf oer Straße ist allgemein die Meinung verbreitet, daß es sich hier um einen kommunisti­schen Anschlag handele. Infolge des hohen Alters des Präsidenten mußte die Entfernung der Kugel ohne Narkose vorgenommen werden.

Doumer im Sterben?

Paris, 0. Mai. Um 22.30 Uhr kamen plötz­lich aus dem Krankenhaus sehr beunruhigende Ge­rüchte: Es heißt, daß Präsident Doumer bereits im Sterben liege. Die Schulterverletzung hat sich als besonders gesährlich erwiesen, da die Kugel eine der großen Arterien durchschlagen hat und so sehr starke Blutverluste verursachte. Im Laufe des Nachmittags und Abends wurden nicht weniger als vier Bluttransfusionen und die notwendigen Gesäßnahteu vorgenommen. Schon nach der ersten Transfusion von 450 ccm schlug der Verletzte die Augen aus und erkannte den behandelnden Arzt, den er mit schwacher Stimme beim Namen nannte. Die beiden anderen Kugeln, die aus ope­rativem Wege entfernt werden mußten, waren in den Schädel eingedrungen, die erste mit dem Ein­schuß au der linken Schläfe, hart hinter dem Na­senbein, hat den Sehnerv jedoch nicht zerstört. Die zweite Kugel schlug hinter dem linken Ohr ein und blieb lm Hinkerkopf stecken, Acht Aerzte waren unausgesetzt um den Präsidenten bemüht.

Staatspräsident Doumer ist heute morgen um 4,40 Uhr seinen schweren Verletzungen erlegen.

Bekleidung furchtbar teuer; die russischen Arbeiter leben noch unter den allerprimi- tivsten Verhältnissen, gegenüber den Anslän-, deru haben sie größtes Mißtrauen; Kamerad-, schaft besteht nicht; sich der russischen Le­benslage anpassen, sei nur demjenigen mög-, lich, der als echter Kommunist bereit ist,, alle Opfer zu bringen und Entbehrungen zu tragen. Was die Zukunft bringt, weiß nie­mand! Wenn der Ausbau ungestört ver­läuft, könne Rußland ein Land unbegrenzter Möglichkeiten werde:»«

Für ausländische Arbeitslose sei es. aber noch lange kein Einwanderungsgebiet mit gewissen Aussichten.

Schamröte ist natürlich der Sowjetregie- rung wie jedem Kommunisten etwas Unbe­kanntes, weshalb man sich auch ohne Be- denken darüber hinwegsetzt, daß man jahre­lang die ganze Welt angeschwindelt hat mit! dem Sowjet-Paradies, das sich nun in der amtlichen Beschreibung als Hölle entpuppt.

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Mcrkys Rücktrittsgesuch genehmigt? Bildung eines neuen Memekdirrktoriums.

Kowno, 6. Mai. Das litauische Kabinett hielt am Freitag nachmittag beim . Staats­präsidenten eine Sitzung ab, auf der u. a. das Rücktrittsgesuch des Gouverneurs Mer-, kys zur Beratung stand. Wie verlautet, wurde das Gesuch vom Staatspräsidenten angenommen. Die Ernennung des neuen Gouverneurs wird bereits für Sonnabend erwartet. Ueber die weitere Verwendung von Merkhs verlautet vorläufig noch nichts.

Der neue Memelländische Landtag soll zum 26. Mai einberufen werden. Bis dahin soll anstelle des Direktoriums Simattis, dessen Rücktritt im Laufe der nächsten Tage zu erwarten ist, ein neues Direktorium durch den neuen Gouverneur im Einvernehmen mit den Führern der Landtagsparteien ge­bildet werden.

Man scheint bemüht zu fein, so schnelk wie möglich die Voraussetzungen für ein« Verständigung mit Deutschland zu schaffen.

Die Gerüchte über einen Rücktritt des Außenministers Zannius werden an zu­ständiger Stelle als unwahr bezeichnet.

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Keine Verhandlungen zwischen Zentrum und NSDAP.

Berlin, «. Mai. Hauptmann Goering teilt mit: Die Meldungen sind unrichtig, daß Verhandlungen zwischen dem Zentrum und der NSDAP. geführt werden. Als politischer Beauftragter der Führer der NSDAP. erkläre ich dazu, daß bisher kei­nerlei derartige Verhandlungen geführt wor­den find. Sollten Privatpersonen angeblich im Auftrage der NSDAP. mit dem Zen­trum verhandeln, so sind sie dazu nicht be» rufen.

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Warschau, 6. Mai.

Eine der Sowjetregierung nahestehende Korrespondenz scheint von ersterer beauftragt zu sein, Zuzug von Rußland fernzuhalten, weil aus allen Ländern Europas Psendo- Touristen in Massen nach Rußland kommen, um dort auf Grund der Lobhudeleien über den paradiesischen Zustand im Sowjetstaat Arbeit und Existenz zu suchen. Die Irre­geführten und Enttäuschten, die leinest' Pfen­nig in der Tasche haben, müssen dann von der Sowjetregierung per Schul) wieder über die Grenze abgeschoben werden, was den Paradiesbesitzern in Moskau noch allerlei Unkosten besorgt, die man nun sparen will.

Besagte Korrespondenz gibt nun eine Er­klärung über die Verhältnisse in Rußland.

aus der die Ausländer und namentlich die kommunistisch angehauchten Arbeitslosen die Lehre ziehen sotten, daß sie es im grauen Elend zu Hanse immer noch besser haben, als im blutrote» Heilstaat. Fast spöttisch mutet es an, daß die Auseinandersetzungen mit kapitalistischen Fragen beginnen. Es sei verboten. Rubel aus Rußland mit zu neh­men, was eine Entschuldigung dafür ist, daß jeder, der Rußland wieder verlassen will, amtlich ausgeraubt wird. Die sogenannten ausländischen „Spezie's", die Sozialarbei­ter und Techniker, erhalten als Lohn keine fremde Valuta mehr, wie ihnen im Vertrag versichert war; günstige Arbeitsmöglichkeiten in Rußland seien phantastische Gerüchte; die Wolmunasverhältnisie seien sehr schwierig.