Ausgabe 
(30.4.1932) Nr. 89
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Berlagsort Bremen. Herausgeber Kurt Thiele. Verlag: Bremer Nationalsozialistische Zeitung, Kurt Thiele. Geschäftsstelle und Redaktion: Papenstr. 15. Sprechstunden der Redaktion: Montag bis Freitag von 17 bis 19 Uhr.Fernsprecher Domsheide 25878.

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Von Dr. Gustav Schlotterer, Hamburg

In der von der Systempresse beherrschten öffentlichen Meinung ist ein bemerkenswerter Umschwung eingetreten. Noch vor wenigen Tagen spielte man dort den starken Mann und tat jeden, der mit dem Gedanken einer Regierungsbe- teiligung der Nationalsozialisten spielte, als Irr­sinnigen oder politischen Halbreifen ab. Niemals, so hieß, werde man den umstürzlerischen Na­tionalsozialisten die Staatsführung anvertrauen, niemals dürsten diese Verderber die heiligen Hallen von Gesetz und Demokratie betreten. Zahlreiche demokratische Politiker bezeichneten es geradezu als einen Frevel, sie und ihre Getreuen mitten in ihrer grandiosen Aufbau-Arbeit abzu­rufen und damit freie Bahn für die Zerstörungs- »rbest der bösen Nationalsozialisten zu machen.

Das ist jetzt anders geworden. Offenbar aus Aerger über das dumme Volk, das immer noch nicht die kostbaren Eigenschaften sozialdemokrati­scher und staatsparteilicher Parlamentarier er­kannt hat, ist man in eine Stimmung geraten, in der man am liebstenden ganzen Bettel hin­schmeißen" möchte. Plötzlich weist man es nicht mehr als ungeheuerliche Zumutung zurück, die sichtbaren verantwortlichen Führerposten zu ver­lassen. Plötzlich sieht man es nicht mehr als Verbrechen an, die demokratische Aufbautätigkeit einzustellen. Plötzlich kommt man zu uns mit biedermännischer und hämischer Miene, um uns die Uebernahme der Verantwortung gratis, ge­wissermaßen als Termingeschäft anzubieten.

Was ist inzwischen geschehen? Nun, zunächst einmal eine Wahl, welche die republikanischen Mandarine etwas verstimmt hat, welche manchen bewährten und erfolgreichen Politikern durch Volksurteil zum Ausdruck gebracht hat, daß man ihre schöpferischen und aufbauenden Fähigkeiten vorläufig nicht mehr braucht. Das alles war aber schon vor Monaten und Wochen für jeden Klarblickenden erkennbar.

Der Umschwung im Verhalten der Systemträ­ger in der Frage der nationalsozialistischen Re­gierungsbeteiligung mutz also noch einen anderen Grund haben. Dieser Grund ist ohne Zweifel der, datz man mit seinem Latein am Ende ist, daß man in den verschiedenen Regierungssesseln nicht mehr aus und ein weiß.

Der Hamburger Senat z. B. ist unfähig, auch nur einen Ueberblick über die Finanzgebaren der letzten Monate zu geben. Der redegewaltige Reichsfinanzminister verstummt immer, wenn das WortReichsfinanzen" fällt. Kein deutscher Finanzminister und kein städtischer Bürger­meister spricht gerne über die Frage, wie er in den nächsten Monaten die Mittel zur Aufrecht­erhaltung des öffentlichen Betriebs beschaffen soll. Es ist kein Geheimnis, datz im Juni nicht nur das Reich, sondern auch die Länder in ganz ernste Kassenschwierigkeiten kommen werden. Bis dahin (vielleicht auch früher), werden sich nämlich die finanziellen Wirkungen der letzten Wirt­schaftsschrumpfungen einstellen.

Es ist daher kein Wunder, wenn die heutigen Machthaber in der nächsten Zeit Urlaubssehn­süchte verspüren. Das geht in der Privatwirt-

Berlitt, 30. April. Bereits seit längerer Zeit munkelte man in den hiesigen Politischen Kreisen, Haß der Kapitän Ehrhardt, dessen gute Beziehungen zu gewissen Stellen des Reichs ja schon bekannt waren, nun auch bei Herrn Groener Anschluß gefunden habe. Es wurde bereits angedeutet, daß Herr Ehr­hardt, der in der letzten Zeit über reichliche Geldmittel verfügte und der dieses Geld dazu benutzte, die aus der NSDAP. Hinaus­gesteuerten Meuterer als Prellbock gegen die nationalsozialistische Freiheitsbewegung zu verwenden, sich von dieser angenehmen Tätigkeit zurückziehen werde.

In der Tat hat sich Herr Ehrhardt, der das Sudelblättchen des Polizeihauptmanns Stennes finanziell unterstützt hatte, vor we­nigen Tagen von diesem Blatt zurückgezo­gen, das damit seiner Geldquelle beraubt, am Montag znm letzten Male erschien.

Herr Stennes ist aber in einer anderen Sache im Auftrage des Herrn Ehrhardt tätig. Er läuft geschäftig in der Reichs­hauptstadt herum, sucht besonders gute Ver­bindungen zur Presse und bereitet eine Ak­tion vor, über die man auch im Reichs­innenministerium sehr gut unterrichtet sein dürfte.

Wir haben das geschäftige Treiben der Herren Ehrhardt und Stennes einmal et­was unter die Lupe genommen und sind zu folgendem, immerhin etwas überraschendem Ergebnis gekommen.

Herr Ehrhardt und Herr Stennes be­reiten nichts- anderes vor als den Aufbau

jener von Herrn Groener bereits angekün­digtenunpolitischen" Sportorganisation, von der gewisse Kreise glauben, daß sie in

schaft jedem Unternehmungsleiter so, der plötz­lich die Unbeschränktheit seiner Schwierigkeiten und die Beschränktheit seiner Mittel und Kräfte erkennt. Wir glauben es den Herren Braun und Klepper gerne, daß sie die abgegrasten Gefilde der preußischen Finanzen möglichst schnell ver­lassen und für die kommenden Monate von der Verantwortung entbunden sein möchten. Und zwar noch bevor die segensreichen Wirkungen ihrer Aufbautätigkeit in leeren Kassen sichtbar zum Ausdruck kommen.

Wir Nationalsozialisten wissen ganz genau, datz wir uns aus Verantwortung gegenüber Deutschland unserer Pflicht nicht entziehen dürfen.

Die leeren Kassen der öffentliche» Hand dürfen zwar die verantwortlichen Parteien, das herr­schende System, aber nicht den deutsche» Staat und die deutsche Nation in Gefahr bringen.

Die verzweifelte Lage der deutschen Finanzen bedeutet eine furchtbare Anklage gegen die Poli­tik der letzten Jahre. Trotzdem ist es mit der Anklage nicht getan. Die Finanzen müssen wie­der in Ordnung gebracht, dem Staat müssen die Mittel für seine Aufgaben zur Verfügung gestellt werden. Und es ist ganz klar, daß nur wir Nationalsozialisten dazu berufen sind, dieses Werk zu vollbringen.

der Lage sein wird, die zur Freiheit drän­gende Jugend zuentpolitisieren", d. h. sie systemfromm zu machen.

Wenn man schon in diesem Falle den Optimismus des Herrn Groener bewun­dern muß, dann ist es doch, gelinde gesagt, merkwürdig, sich ausgerechnet Leute zum Aufbau dieser Organisation zu suchen, die als Saboteure der nationalsozialistischen Freiheitsbewegung, als Querulanten und damit selbstverständlich als Parade-Figuren des schwarz-roten Systems bekannt und be­rühmt sind.

Weiter kann man sich aber auch seine Ge­danken darüber machen, daß Herr Groener noch Pläne hegt, die, um durchgeführt zu werden, einige Zeit in Anspruch nehmen. Der 24. April sollte dem Herrn Groener immerhin gezeigt haben, daß ihm allzuviel Zeit nicht mehr zur Verfügung steht.

Der Nationalsozialismus wird allen Grund haben, die Entwicklung der oben geschilder­ten Dinge scharf zu beobachten. Wenn ir­gendeine grundlegende Aenderung auf ir­gendeinem Gebiete vor sich gehen soll, dann ist es gewiß nicht mehr das derzeit regie­rende System, das diese Aenderung vor­nehmen kann. Es hat kein Mandat der brei­ten Volksschichten, es hat sich daher nicht mit der Inangriffnahme von Maßnahmen zu beschäftigen, die daraus hinauslaufen, das System am Ruder zu halten, sondern es hat abzutreten und Männern Platz zu machen, die nj/,t herumbasteln und nicht herumdoktern, sondern mit starken Händen das Schicksal Deutschlands fassen und eine neue Zukunft aufbauen können und auf­bauen werden.

Nicht um das System zu retten, sondern um den deutschen Staat und das deutsche Volk vor dem Absturz in die Tiefe zu bewahren, werden wir die Staatssührung und die Verantwortung übernehmen müssen.

Wenn aber wir, die Geächteten der Vergan­genheit, gezwungen sind, ein so furchtbares Erbe zu übernehmen, so werden wir dafür sorgen, daß diese Uebernahme in den richtigen Formen ge­schieht. Wir sind nicht so dumm, um die Falle nicht zu sehen, die gegenwärtig abgewirtschaftete Politiker uns mit eifrigen Händen zu stellen be­schäftigt sind. Der Eifer und die Nervosität, die in den letzten Tagen bei den Versuchen einer Einbeziehung der Nationalsozialisten in die Re­gelung an den Tag gelegt werden, machen uns stutzig. Und wir denken dabei unwillkürlich an andere Erlebnisse, die wir bei Auseinander­setzungen mit unseren ritterlichen demokratischen Gegnern hatten.

Da ist z. B. der Fall Coburg. Die Fi­nanzen dieses kleinen Städtchens waren durch die ungehemmte Ausgabenwirtschast der SPD. und ihres bürgerlichen Anhangs in Grund und Bo­den gewirtschaftet. Auftretende Blößen wurden regelmäßig mit dem Pflaster der bereitwillig ge­botenen Anleihen zugeklebt. Als diele Aufbau­

tätigkeit ungefähr auf ihrem Höhepunkt ange­langt war, d. h. als das Pumpen infolge der Er­schöpfung der Pumpmöglichkeiten aufhören mußte, kam die Absage des Volkes an die bisherigen Coburger Machthaber, kam der Auftrag an die Nationalsozialisten, die Macht und Verantwor­tung zu übernehmen. Es war ein furchtbares Erbe, das die Nationalsozialisten übernehmen mutzten. Sie hatten die Ausgabe, die städtischen Kassen ohne Kredite zu füllen, den städtischen Haushalt ohne Anleihen auszugleichen.

Daher war es ganz klar, datz die National­sozialisten ihr Amt mit einem formellen Defizit antreten mutzten. Dieses Defizit hatte nichts mit ihrer Arbeit zu tun, sondern stellte die zwangs­läufige Folge der von der SPD. und ihren bür­gerlichen Anhang betriebene» Pump- und Aus- gabenwirtschaft dar.

Trotzdem begannen nunmehr diestaatserhal- tenden Parteien" mit Angriffen auf den Na­tionalsozialismus, indem sie sagten:Seht Ihr, bei uns hat alles geklappt, jetzt, kaum seid Ihr ein paar Wochen da, beginnen schon die Schwie­rigkeiten." Daß diese Schwierigkeiten das Er­gebnis ihrer eigenen Tätigkeit waren, haben dir Finanzkünstler verschwiegen.

Es muß festgestellt werden, daß die Weimarer Parteien sich heute auf einen ähnlichen Trick vorbereiten.

Man möchte die Nationalsozialisten in bett nächsten Wochen mit allen Mitteln in die ver­antwortlichen Ministerien hineinlotsen und weitz dabei ganz genau, daß binnen kurzer Zeit zwangsläufig Finanzschwierigkeiten auftreten wer, den, für die das heutige System unbeschränkt ver­antwortlich, die NSDAP. aber unverantwortlich ist. Sobald die bereits unter der Decke schwe­lende Krise angebrochen ist, wird in Deutschland das grotze Geschrei der Weimarer Parteien an­heben. Dann wird es heißen:Kaum sind die Nationalsozialisten in der Regierung, und schon sängt es an!"

Dann, so glaubt man, ist die Stunde gekom­men, um dem Nationalsozialismus den vernich­tenden Schlag zu versetzen.

Hier- täuschen sich die Herren.

Bei der Uebernahme der Macht werden wir dafür sorgen, datz die Grenzen zwischen unserer Tätigkeit und der unserer Vorgänger nicht ver­wischt werden.

Wenn eine Firma in andere Hände übergeht, so wird sorgfältige Inventur gemacht, werden Aktiva und Passiva genau erfaßt und einander gegenüber gestellt. Auch wir werden, vor der Machtübernahme, die Inventur machen, werden den Schleier des Geheimnisvollen lüften, der über den öffentlichen Finanzen Deutschlands schwebt. Das deutsche Volk wird dann von uns erfahren was in den Kassen von Reich, Ländern und Gemeinden, was an Reserven vorhanden ist und welche Möglichkeiten der von uns über­nommene Zustand in sich birgt. Wir werden das Erbe, das man uns überläßt, nicht ausschlagen, aber wir werden es sehenden Auges antreten und das gesamte deutsche Volk zur Erkenntnis seines wahren Lage bringen.