Ausgabe 
(20.7.1931) Nr. 54
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Nr. 54

Montag, den 20 . Juli

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Paris, 2V. Iuli. Während in Paris die deutschen Minister bemüht waren, die deutsch-französische Atmosphäre zu bereinigen, hielt der französische Kriegsminister Maginst in Msntmedy eine Rede, die blitzartig das wahre Gesicht Frankreichs aufzeigt. Maginot erklärte u. a., datz Frankreich im Augenblick in einer entscheidenden Stunde läge. Er könne nicht zugeben, datz Frankreich vor einem Volke kapituliere, das immer die notwendigen Kredite gefunden habe, um seine kriegerischen Gelüste zu befriedigen. Frankreich müsse sein Gold und sein Geld verteidigen. Der Friede fordere eine dauernde Anstrengung. Zwei Bedingungen seien notwendig, um ihn zu verwirklichen: Einmal mühten die friedliebenden Länder stark bleiben und zum anderen die kriegerischen Länder schweigen. Frankreich habe seinen Sieg

zu teuer beazhlt, um ihn zu verg«den. Es sei noch nicht der Besiegte, sondern immer noch der Sieger.

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Setzt Lava! sieh burrfi?

Noch immer überstürzen sich die Ereignisse und es ist zur Stunde noch nicht zu übersehen, in wie schneller Zeit eine endgültige Entscheidung fällt. Der neue Bankzusammenbruch, schon lange erwartet, wird zum neuen Fanal deutscher Wirtschaftsnot, zur neuen Anklage für die Verantwortlichen und Schuldigen an der hereinbrechenden Katastrophe. Die letzten im deut­schen Volke wachen auf und begreifen jetzt, wie sehr sie mit trügerischen Hoffnungen seit vielen Jahren hinge­halten wurden, wie noch in den letzten bremischen Etatsverhandlungen die Regierungsparteien von er­höhten Einnahmen faselten und uns verhöhnten, die wir warnend unsere Stimme erhoben. Jetzt ist es stille geworden um diese Herren und machen sie noch den Mund auf, so reden sie mit Argumenten, die sie uns gestohlen haben.

Ein gleiches trügerisches Spiel erleben wir in Paris und wir warnen unsere Leser, soweit es uns die neue Notverordnung gestattet, den vielen schönen Worten und Vereinbarungen zu glauben, die jetzt in den offiziellen Erklärungen zu lesen sind. Tatsache ist, datz Frankreich rücksichtslos an den allerdings in diplomatischer Sprache sehr höflich gestellten Ilnter- werfungsbedingungen festhält., Tatsache ist aber auch, datz zu Beginn der Londoner Verhandlungen die eng­lischen Luftstreitkräfte eine grotze Abwehrübung eines angenommenen Angriffes durch eine Kontinentalmacht durchführen. Trotz alledem versucht man in Deutsch­land wie bisher einen neuen Optimismus hochzuzüchten und scheut dabei sich nicht, zum Mittel der Lüge und Entstellung zu greifen. So behaupten die marxistischen Blätter, Frankreich habe keine Bedingungen gestellt, während jeder Leser, der zwischen den Zeilen zu lesen versteht, aus der Abschlußerklärung der Pariser Ver­handlungen erkennen kann, datz Frankreich in den entscheidenden Punkten nicht nachzugeben gewillt ist. Es handelt sich hier um die Einstellung des Panzer­kreuzerbaues, Aufgabe der Zollunion, neue Anerken­nung des Versailler Friedensdiktates und darüber hinaus Finanz- und Kreditkontrolle für Deutschland. Darüber hinaus ist auch davon gesprochen worden, datz wir erneut den Danziger Korridor bestätigen, mit einem Wort, auch ein Ostlocarno abschließen. Laval hat sich ausdrücklich vorbehalten, alle diese Fragen auf der heute nachmittag beginnenden Londoner Kon­ferenz noch einmal zur Sprache zu bringen. Nrüning ist es scheinbar bisher gelungen, diese französischen Forderungen abzuwehren, wenn auch die veröffent­liche gemeinsame Erklärung manchen Zweifel aufkom­men läßt.

Wir haben immer wieder den Rücktritt des Kanz­lers gefordert, da er aber nun in London die Verhand­lung führt, erwarten wir von ihm den vollen Einsatz der politischen Kräfte unserer Nation. Stresemann hat nie von dem verhängnisvollen Fehler loskommen kön­nen, die nationale Opposition nicht als Waffe in den Verhandlungen zu benutzen. Wir erwarten von Brü- ning, daß er sich rücksichtslos ihrer bedient und den Leuten in London keinen Zweifel darüber läßt, was geschieht, wenn er den französischen Forderungen nach­gibt. art.

Die HZarißee ANinisterkonferenz

Paris, 19. Juli. Die Abreise der deutschen Ab­ordnung zur Londoner Konferenz ist auf Montag vor­mittags 10 Ahr festgesetzt, so datz sie am Nach^- mittag in London eintrifft. Die Londoner Konferenz beginnt um 18 Uhr.

Die Konferenz der in Paris anwesenden Außen­minister begann um 10 Uhr in den Räumen des Ministerpräsidiums. An der Konferenz nahmen die deutschen und französischen Kabinettsmitglieder, die Staatssekretäre Mellon und Simson, sowie Hea­der so n, der italienische Außenminister tzymans, und als Vertreter der österreichischen Regierung der Ge­sandte Grünberg er, sowie der japanische Botschaf­ter in Paris teil. Die Verhandlungen dauerten bis ge­gen kurz vor 1 Uhr. Anschließend fand für die Teil­nehmer der Ministerkonferenz ein Frühstück beim französischen Ministerpräsidenten Laval statt. ^

«Keifte ison GyepiuerS

Cnrtius über das Ergebnis der Besprechungen

Paris, 19. Juli. Reichsautzenminister Dr. Cur- tius hat sich trotz der Absage der angekündigten Presse­konferenz im letzten Augenblick noch entschlossen, vor dem Essltn bei Briand der internationalen Presse einige kurze Mitteilungen zu machen. Curtius er­klärte, datz sämtliche in der Besprechung der versam­melten Mächte am Sonntag vormittag erörterten Fi­nanzfragen nach London übertragen worden seien. Da­gegen hätten die deutschen und französischen Minister in einer offenen und freundschaftlichen Aussprache die weitgehende Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich in Angriff genommen. In diesen dem Gei­ste der Chequers-Unterredungen entsprechenden Ver­handlungen sei man sich in grotzen Zügen über die noch im Laufe des Abends zu veröffentliche gemeinsame deutsch-französische Verlautbarung über das Endergeb­nis der Verhandlungen einig geworden. Curtius be­tonte sodann zum Schluß mit Nachdruck, datz nunmehr ein neuer Anfang im Geiste von Chequers in den deutsch-französischen Beziehungen gemacht worden sei.

Eine ivortreithe CrkMrrrng

mit verstecktem gefährlichem Inhalt

Paris, t9. Iuli. Die am Sonntag gegen 20 Uhr unter­brochenen deutsch-französischen Verhandlungen, die im Ar­schlutz an das Essen bei Briand fortgesetzt wurden, wurden gegen 23 Uhr abgeschlossen. Ueber das Ergebnis der gesamten deutsch-französischen Verhandlungen in Paris wird eine ge­meinsame deutsch-französische Verlautbarung veröffentlicht, die in den Schlutzberatungen gemeinsam festgelegt worden ist. Die Verlautbarung hat folgenden Wortlaut:

„In einer kürzlichen Botschaft hatte der deutsche Reichs­kanzler den Wunsch ausgesprochen, in direkte Berührung mit der französischen Regierung zu treten, um die Mittel zu finden, gemeinsam an der Besserung der Beziehungen der beiden Länder arbeiten zu können. Der Ehef der französischen Regierung hat darauf spontan geantwortet, datz er mit Be­friedigung einer Zusammenkunft entgegensehe, deren Durch­führung sich im Hinblick aus die Ereignisse, die die wirtschaft­liche und finanzielle Lage Deutschlands berühren, sowie im

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Antrag auf Eröffnung des Vergleichsverfahrens gestellt Bremen, 20. Iuli. von der I. F. Schröder-Bank, Kom­manditgesellschaft auf Aktien, in Bremen wird gegen Mitter­nacht folgendes Kommunique ausgegeben:

„Die allgemeine schwere Wirtschaftskrise, die sich in jüngster Zeit besonders verschärft hat, hat sich auf unser Unternehmen so ausgewirkt, datz wir uns gezwungen sehen, unsere Kassen für diese Woche zu schlietzen. wir stehen in engsten Verhandlungen mit bremischen und auswärtigen wirtschaftskreisen zur Durchführung einer Stützungsaktion."

Diese angeblich vorübergehende auf 8 Tage befristete Zahlungseinstellung dieser Bremer Bank bedeutet einen schweren Schlag für die bremische Wirtschaft. Seit Sonn­abend sind Verhandlungen zur Stützung der Bank, die mit der Entwicklung des bremischen Wirtschaftslebens in der Nachkriegszeit auf das engste verbunden ist, im Gange, wie wir erfahren, sollen diese Verhandlungen ziemlich gün­stig stehen. Da man aber dabei auf einen Erfolg der Lon­doner Verhandlungen hofft, sind nach unserer Ansicht die Hoffnungen nicht so ohne weiteres günstig, wenn wir auch im Interesse der bremischen Wirtschaft den Zusammenbrach dieser Bank in jetziger Zeit nicht gewünscht hätten, da er nicht ohne Folgen bleiben wird.

wir haben seit vielen Iahren immer wieder gewarnt und den Wahnsinn der Tributkreditpolitik angeprangert. Heute, wo es zu spät ist, blasen die anderen in das gleiche Horn. Aber die Bevölkerung läßt sich nicht mehr betrügen von schönen Worten, hinter denen weder Männer noch Taten stehen. Ietzt fällt die Entscheidung, jetzt fallen aber auch die Herren von der Volkspartei bis zur SPD. wie ein Unglücks­haufen in sich zusammen. Das Volksurteil wird sie vernichten.

Hinblick auf die Rückwirkung auf die anderen Staaten zwangsmäßig geworden war. Infolgedessen sind die Ver­treter der beiden Regierungen am l8. und 19. Juli in Paris zusammengetreten. Sie waren sich darin einig, die Bedeutung dieser Zusammenkunft anzuerkennen und zu bestätigen, daß sie den Anfang einer vertrauensvollen Zusammenarbeit <!st bedeuten soll. Der Reichskanzler hat hierbei die verschiedenen Seiten der Krise, unter der sein Land leidet, beleuchtet. Die Vertreter der französischen Regierung erklärten in Anerken­nung der Schwere dieser Krise, datz sie unter dem Vorbehalt gewisser Finanzgarantien und Matznahmen für die politische Beruhigung bereit seien, zu einem späteren Zeitpunkt die Grundsätze einer finanziellen Zusammenarbeit im internatio­nalen Rahmen zu erörtern. Die Vertreter der beiden Regie­rungen haben jedoch bereits jetzt darauf Wert gelegt, ihren Willen zu betonen, unter sich im Rahmen des möglichen die künftigen Bedingungen für eine wirksame Zusammen­arbeit auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet zu schaffen. Sie sind sich darüber einig geworden, ihre Bemühungen zu vereinen, um den Kredit und das vertrauen in einer Atmosphäre der Ruhe und der Sicherheit wieder herzustellen."

VerzeynfaeWeS VerfarNes

Moskau, 19. Juli. Das sowjetrussische Regie­rungsorgan „Jswestija" führt unter der Ueberschrift „Verzehnfachtes Versailles" u. a. aus: Die deutsche Regierungspresse versuche, dem deutschen Volke zu be­weisen, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als sich französischen Forderungen zu unterwerfen, bewiese aber nur, daß ihre Politik phantastisch sei und das reale Kräfteverhältnis nicht berücksichtige. Eine deutsch-fran­zösische Annäherung sei bereits erfolgt, aber in solcher Form, daß mahl den eigenen Augen nicht trauen möchte. Die Durchführung des französischen Pro­gramms würde die Bildung einer Kolonie des Welt­finanzkapitals mit 65 Millionen Einwohnern in Zen­traleuropa bedeuten. Der deutsche Staatsapparat würde dann vollständig dem Weltfinanzkapital unterstellt wer­den. Die Sicherung durch die Zolleingänge versetzt Deutschland buchstäblich in die gefährliche Lage Chi­nas. Ob Deutschland einen zehnjährigen Verzicht auf eine Revision des Versailler Vertrages unterschreibe oder nicht, sei eine Frage zweiter Bedeutung; denn zweifellos besitze ein an Händen und Füßen gebun­dener Staat keine Mittel, den Versailler Vertrag zu