Ausgabe 
(27.6.1931) Nr. 47
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Nr. 47

Mit Lilderbeilage 20 pfg.

Sonnabend, den 27. Juni

4934

Ein

vefehünrenbes G^hanspiel

Bremen, 27. Juni 1931 Die diesjährigen Etatsberatungen in der bremi­schen Bürgerschaft stehen nicht nur im Zeichen der ka­tastrophalen Wirtschaftslage, sondern auch im Zeichen der Unfähigkeit des Parlamentes, zum mindesten der Sinnlosigkeit der Arbeit im Plenum. Dafür können nicht einzelne Persönlichkeiten verantwortlich gemacht werden, sondern das System als solches.

In der sogenannten Generaldebatte redeten oie

Redner aneinander vorbei, denn es stehen sich zwei,

> wenn auch noch nicht scharf umrissene Weltanschauun-

- gen gegenüber, die keine Brücke verbindet und so , verhallen die Ausführungen eines Redners wie des

anderen, ohne daß es möglich wäre, auf einer gemein­samen Basis Gedankenaustausch zu pflegen. Das aber ! ist die wichtigste Voraussetzung parlamentarischer Zu- l sammenarbeit. Sie ist in Bremen, in keinem deutschen 5 Parlament mehr gegeben, weil sich nicht Feuer und

- Wasser, Nationalsozialismus und Marxismus mischen l lassen und so muß zwangsläufig jedes Parlamentsge- I triebe zu dem kläglichen Schauspiel werden, daß sich > nun in Bremen schon seit zwei Tagen vollzieht. Dr.

^ Dronke von der Staatspartei wies in seiner Etats- l rede einmal als Musterbeispiel auf die wohlgeleitete

Republik Frankreich hin, vergaß aber hinzuzufügen, daß ä in Zeiten größter Not noch nie in der Geschichte ein l' Parlament seinen dann entstehenden Aufgaben gewach- f sen war, daß sich in noch keinem anderen Parlament >? Parteien befunden haben, die als ihr Endziel Zer- ,f schlagung des Staates auf die Fahnen geschrieben ha- 1 den und dabei zugleich noch so stark sind, daß sie vor 1 dem Gesetz die staatsbildenden und staatserhaltendcn i' Parteien zu staatsgefährlichen gestempelt haben. Hier i tut sich jedem politisch denkenden Menschen ein Ab- p gründ auf, aus dem methodistischer Wahnsinn, aber u auch demagogisch wirkende Unbildung vermischt mit «j? Verantwortungslosigkeit heraufspült und die deutsche ü Oeffentlichkeit mit Hilfe der hörigen Presse über- «rj schwemmt. Da Helfer^ keine schönen Reden mehr, kein 5- Achselzucken und Lachen, kein Nichtverstehenwollen, jetzt .! heißt es Bekenntnis ab letzen zu eindeutiger Stec,- »! lung und die deutsche Nation ist auf dem besten Wege 1 dazu. Der Nationalsozialismus nimmteine Bastion nach sa der anderen und wird als „staatsfeindliche" Partei L Staat und Volk vor den „staatserhaltenden" Mächten 1 retten.

Diese gleichen Gruppen hatten bei den hiesigen A Etatsberatungen von sich auf uns geschlossen und mit a uferlosen Agitationsanträgen der Nationalsozialisten tz gerechnet, die wie der „Erzrevolutionär" Bö hm sich f so nett ausdrückte, Ziel und Weg dieser Partei aufzei- g gen sollten. Selbst die Weserzeitung macht sich in ihrer Stellungnahme zu den Etaisberatungen diesen Unsinn zu eigen und kann nicht begreifen, daß unsere sachliche Mitarbeit an diesem System sich nur m allerengsten. Grenzen bewegen kann, eigentlich nur in Warnungen und Abmilderungeu Htzerr Vagts (Dn.) hat in seiner vorletzten Rede doch mit genügender Deut­lichkeit nachgewiesen, daß für die nationale Opposition Ausschaltung des jetzigen Systems Voraussetzung für, produktive Arbeit ist. Wir hätten also diese so öden Etatsverhandlungen nur noch zwecklos verlängert, hät- ^'ten wir grundsätzliche Anträge von den anderen nicht begreifen wollenden Parteien zerpflücken lassen. Auch die jetzige bremische Bürgerschaft hat ihren innerlich be­dingten Ablauf, den wir nicht stören wollen. Wir schla­gen nicht unsinnigen Lärm wie die Kommunisten, wir warten, bis unsere Zeit gekommen ist. Nur wo wir Aussicht haben, im Interesse eines Standes, einer ^ Bevölkerungsschicht erfolgreich eingreifen zu können, findet man uns auf dem Plan.

Allerdings sind wir diesmal einen Schritt weiter- ! gegangen und haben immer wieder auf die Unsinnig- keit der zu hoch eingestellten Einnahmepositionen hinge­wiesen, aber man will ja nicht'glauben, was ein Natio­nalsozialist sagt, hat noch immer nicht aus allen den Fehlern gelernt, die in den letzten Jahren Staat l und Wirtschaft an den Rand des Abgrundes gebracht , 4 haben. Man fürchtet den Zusammenbrach des Systems. !^>tund inszeniert lieber in der Bürgerschaft diesen Stroh- > druschbetrieb und elenbet die Bürgerschaftsstenogra-

Wir trugen iyn zu Grabe

Einst Ntttkäinpser, einer von vielen — Nun Vorkämpfer, einer vor vielen?

Ueber der Stadt liegt lachender Sonnenschein, Leben in den Straßen, Sommerzeit, Reifezeit.

Immer häufiger taucht im Straßenbild das braune Ehrenkleid auf. Alles junge Menschen, zumeist Arbeiter und wer in ihren Gesichtern zu lesen versteht, findet den verbitterten Zug um den Mund, den Groll in den Augen und fühlt, wie die Faust in den Taschen sich ballt. Mat hat ihnen einen Kameraden geraubt, einen Kameraden geraubt, einen jungen deutschen Arbeiter, hat ihn feige ermordet, als er von einem Radausflug heimkehrte, nicht ahnend, daß er nun fallen muß.

Jetzt tragen sie ihn zu Grabe. Draußen in der. kleinen Kapelle im Buntcntorsfriedhof ist er aufge­bahrt, inmitten von Blumen und Kränzen,. Dort ruht er in seinem braunen Ehrenkleid. And es kommen seine SA.-Kameraden aus Bremen und den benachbarten Städten, es kommen die Parteigenossen, es kommen die Freunde unserer Bewegung, unter ihnen der Stahl­helm im feldgrauen Kleid.

Der starke Duft frischen Grüns lastet in der Ka­pelle, während leise die Orgel klagt. Still hängen die trauerbeflorten Fahnen, denen Johann Gössel die Treue schwur und hielt. Der kleine Raum kann nur wenige Wissen von denen, die zu Hunderten kommen.

Der Pfarrer spricht: „Wenn ich auch nichts fühle von Deiner Mächt, Du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht!"

„Und doch ist seine Hilfe nahe denen, die ihn fürch­ten, daß in unserm Lande Ehre wohne".

Abschied nehmen ist schwer, denn wir wissen, daß uns niemand ersetzen kann, was der Tod uns nahm.

Ihn hat nicht Gott abgerufen, ihm nicht seiln. Ziel gesteckt. Er ist von Menschenhand gefallen und darum ist diese Stunde doppelt schwer.

Wann wird der Augenblick gekommen sein, in dem wir Deutschen ein Volk von Brüdern geworden sind?

Schon zu Beginn der deutschen Geschichte standen sich am Weserstrome zwei Menschen gegenüber, leib­liche Bruder; der eine im Linnenkleid und Wolfshelm, mit dem Eschenspeer und lederbezogenem Schild in der Hand und der andere im Römerhelm, das Römer­schwert zur Seite. Der eine glaubte an seines Volkes Zukunft und kämpfte dafür und der andere sprach von Roms Herrlichkeit und Macht. Arminius war der eine und die Geschichte hat ihm Recht gegeben. Aber der unselige Bruderzwist ist geblieben fast wie ein Wahrzei­chen des deutschen Volkes. Immer glauben die einen an das Ausland, heute an Paris und Moskau, wäh­rend die anderen die Kraft aus eigenetn Volk und Blute schöpfen.

Wir haben noch immer nicht gelernt, daß Gei­steskampf nur mit Geisteswaffen durchgekochten werden kann. Ist das Werk von Menschenhand, wird es von selbst untergehen, ist es aber Gottes Werk, so läßt es sich nicht dämpfen. Ich möchte nicht, daß die Hand an meiner Schulter sitzt, die den Stoß geführt. Dem Menschen, der. in Bremen mit dem Bewußtsein herum­läuft, einen Menschen getötet zu haben, wird die Stun­de kommen, in der sein Gewissen erwacht und ihn d^s Wort nicht mehr losläßt: An deinen Händen klebt das Blut eines Bruders?

Johann Gössel kam zurück von einer Fahnenweihe, als ihn der Todesstoß traf. Noch eine Woche hindurch hat er in Schmerzen gelebt, dann kam zu ihm der Tod als Erlöser. Er ist gefallen für seine Ueberzeugung und

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phen mit hundert Mal wiederholten Reden und Phra­sen.

Die Regierungsparteien sowie die Finanzdepu­tation hatten beschlossen, alle Abänderungsanträge ab­zulehnen. Trotzdem verhandelt man 123 Anträge, par­lamentarisches Theater, in dem nur hier und da ein­mal einer der Spieler um des Parkettbeifalles willen, einen Scitensprung wagt, der aber das Stück nicht besser macht.

hat zu ihr gestanden bis zum letzten Augenblick. Er wollte im Braunhemd begraben sein, weil er den Glau­ben an seine Bewegung im Herzen trug. Er war ein Mann und ein Christ, so wie wir jetzt viele brauchen. Und darum klagen wir um ihn.

Wenn der Verband, dem er angehörte, alles auf sich genommen hat und ihm jetzt das letzte Geleit gibt, so ist das ein kleiner Ausdruck für die Hochachtung und Liebe, die ihm entgegengebracht wird. So gedenken wir auch seiner Geschwister, des Bruders, der den Bruder verlor und rufen ihnen zu: Alles Leid ist letztlich nicht nur von Gott gewollt sondern auch von ihm gefügt. Er ist in Gottes Vaterhaus eingegangen.

Die letzten Segensworte klingen durch den Raum. Dann trägt ihn die SA. hinaus zum allerletzten Weg. Und da stehen die Hunderte in langen. Reihen und grü­ßen den toten Kameraden. Die Grabstätte ist erreicht und der Sarg findet seinen Ruheplatz.

Noch ein Wort des Geistlichen: Meine Augen sehen nach den Treuen im Lande, daß sie bei mir wohnen. Schlafe im Frieden Gottes. Amen.

Dann spricht der Ortsgruppenleiter Pg. Thiele:

Johann Gössel, sieh' wir sind Hier, Deine Freun­de, die ganze Ortsgruppe in unübersehbarer Zahl, um Abschied zu nehmen. Dein Geist wird uns immer be­gleiten auf unserem Kampfesweg.

Erst warst Du Mitkämpfer, einer von vielein. Ietz bist Du Vorkämpfer, einer vor vielen.

Gauleiter Röver spricht im Namen Adolf Hit­lers:

Wir wollen der vielen Toten gedenken, die Deutschland mehr liebten als sich selbst. Auch Johann Gössel hat sein Letztes und Höchstes einsetzen können für sein Volk. So wollen auch wir weiter dienen, bis zu der Stunde, in der das dritte Reich kommt, in der wir alle Brüder und Schwestern werden. Dann werden die Jahre des Weltkrieges nicht umsonst gewesen sein, dann werden unsere Toten, auch Johann Gössel, nicht umsonst gefallen sein.

SA.-Führer Herzog gedenkt zum Schluß des ersten Toten unseres Bereiches, dessen Name nun in München in der Ehrenhalle in Marmor gegraben werden wird. Mit uns trauern Hunderttausende von SA.-Leuten und Parteigenossen um den unbekannten SA.-Mann, der einst zusammen mit den andern Toten zu den Volkshelden unseres Freiheitskampfes werden wird. Sein Nationalismus, das war seine Liebe zu seinem Volke., sein Sozialismus, das war seine Uneigennützigkeit. Dafür hat er sterben müssen, ein Märtyrer unserer Bewegung. Wir werden in diesem Geist weiter kämpfen bis zur Freiheit unseres Volkes.

Ich grüße Dich noch einmal im Namen unserer

SA.

Johann Gössel, Du bist nicht umsonst gefallen!

Die Fahnen senken sich zum letzten Gruß, Erde fällt auf den Sarg und Kränze in großer Zahl bedecken die Gruft. Noch einmal treten sie heran, seine Kamera­den, der Stahlhelm, der Frauenorden, der Königin Luisebund und dann ist alles vorbei.

Johann Gössel ist begraben. Und noch immer lacht die Sonne, noch ist Reifezeit im deutschen Land. Aber die Ernte wird kommen und dann wird alles das auf­gegangen sein, wofür Du, Johann Gössel, gekämpft hast und gestorben bist. Das ist unser Versprechen an Dei­nem frischen Grab. -art.

Einen kleinen Iohannisspuk nach Piskatorscher In­szenierung belebte für Augenblicke die Bühne. Die Po­lizei entfernte zwei kommunistische Bürgerschaftsmit- glieder. Pg. Thiele nahm diesen Vorfall zum Anlaß, um die Mangelhaftigkeit dieses parlamentarischen The­aters zum Ausdruck zu bringen. Dabei fiel ein scharfes Wort für den Präsidenten, das nicht so gemeint war, aber sofort einen Entrüstungssturm entfesselte, obwohl der Ausdruck gleich richtig gestellt wurde. Hier ist das