Ausgabe 
(10.6.1933) Nr. 151
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) r. isi. Jahrgang 1933

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Zinssenkung kommt - Fortschreitende Auslösung der Veutschnationalen Volkspartei

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Bad Pyrmont, S. Juni.

Auf der Tagung des Verbandes der öffentlich-recht- lichen Kreditanstalten, unter dem Vorsitz des Ge­sandten Werner Daitz, Leiter der Abteilung für Außenhandel und Schiffahrt im außenpolitischen Amt der NSDAP., wurde in der Frage der Zinsermäßi- gung nachstehende Entschließung gefaßt:

Die unter dem Vorsitz des Herrn Gesandten Werner Daitz tagend« Hauptversammlung des Verbandes deutscher öffentlich-rechtlicher Kredit­anstalten e. V. ist einstimmig der Austastung, daß zur Wiederbelebung der deutschen Wirtschaft die umgehende Ermäßigung der überhöhten Zins­sätze aus eine etwa den Vorkriegsverhältnisten ent­sprechende Höhe erforderlich ist. Die beteiligten Institute erwarten daher sofortige Maßnahmen zur Erreichung dieses Zieles. Sie sind ihrerseits bereit, im Personal-Kreditverkehr den höchsten Zinssatz gegenüber dem letzten Kreditnehmer ab 1. Juli unter Zugrundelegung des jetzigen Reichs- banksatzes auf Slä A, späterhin möglichst aus 6 A herabzusetzen.

Die Berechnung aller Ireditverteuernden, offenen und versteckten Provisionen muß »in Zukunft unter­bleiben» insbesondere muß sofort mit der immer noch üblichen Praxis, bei Aufnahme des Kredits den üb­lichen Kreditbetrag zu belasten und auf der anderen Seite die auf Scheckkonto üblichen niedrigen Kredit­zinssätze zu vergüten, gebrochen werden.

Sofern eine Trennung von Zinssatz und Provision angebracht erscheint, sollen die vorgenannten Höchst­zinssätze nicht überschritten werden. ES besteht ferner Einstimmigkeit darüber, daß für langfristige mündel- sichere Hypotheken und sonstige Ausleihungen ein Höchstsatz von 4^ä A einschl. Verwaltungskosteubetrag erreicht werden mutz. Die Versammlung fordert ihre Mitglieder auf, ihrerseits alle Maßnahmen zu er­greifen, um das vorgenannte Ziel zu erreichen, ins­besondere die Zinssätze entsprechend zu bemessen.

Die Versammlung ist aber der Auffassung, daß eine allgemeine und wirksame Kreditverbilligung und dann erreicht werden kann,

wem: sämtlich« Gruppen der Kreditwirtschaft sofort bindende gleichartige Beschlüsse fassen,

sie hält die Erreichung dieses Zieles mit für eine Voraussetzung für die Gesundung der deutschen Wirt­schaft.

Der Nationalsozialist Werner Daitz, langjähriger

Vorkämpfer für die Zinssenkung, führte zu diekem Beschluß noch aus:

ES bleibt jetzt nur noch übrig, daß sich

auch die deutsche« Großbanken

diesem Vorgehen anschließen, damit ein einheitliches Vorgehen auf dem Geld- und Kapitalmarkt gesichert ist. Dr. Otto Christian Fischer, der Vorsitzende des ZentralverbandeS des Deutschen Bank- und Bankier- gewerbes, hat zu heute abend ebenfalls eine Sitzung in Berlin, Hotel Kaiserhof, einberufen, und es ist zu hoffen, daß es hierbei nicht bei theoretischen Erör­terungen bleiben wird, sondern daß die Großbanken diese Sitzung benutzen werden, ihrerseits die Initia­tive zu ergreifen, um sich dem Vorgehen der öffent­lich-rechtlichen Kreditinstitute anzuschließen. Mit dem freiwilligen Entschluß der öffentlich-rechtlichen Kredit­institute und der in der Deutschen Girozentrale zu­sammengefaßten Giro- und Sparkassen, diesen ent­scheidenden Schritt zusammen mit den in der Deutsch­land-Kasse vereinigten Kreditgenossenschaften zu tun, ist

der erste praktische Schritt zu einer organischen Zinsermäßigung

geschehen. Seinen Folgen wird sich auch der übrige Geld- und Kapitalmarkt nicht mehr entziehen können. Mit Hilfe eines Höchstsatzes für Debetzinsen soll zu­nächst nur der Rahmen geschaffen werden, innerhalb dessen ein gewisser Druck auf die sämtlichen deutsche» Kreditinstitute ausgeübt wird, ihren stark übersetzten Arbertsapparat den wirklichen Bedürfnissen des heu­tigen Volumens der Volkswirtschaft wieder anzu­passen. ES ist zu erwarten, daß, sobald auch die Groß­banken den Absprang gesunden haben, die Reichs­bank mit einer Dislontermäßigung folgen wird» um die Zinsen aus das Niveau z« bringen» das der Herr Reichskanzler verlangt hat. Es wird dann Ausgabe eines umfassenden Bankgesetzes sein, den gesamten deutsch«« Kreditapparat wieder sinnvoll der neuen deutschen Volkswirtschaft einzufügen.

Dem Herrn Ministerpräsident Goering und Wirt­schaftskommissar Dr. Wagner ist besonders dafür zu danken, daß wiederholt Erlasse herausgebracht wur­den, die die ruhige Arbeit am Umbau der deutschen Volkswirtschaft gegen unberufene Störungen sicher­stellen sollen. Es ist aber davor zu warnen, nun etwa zu glauben, daß damit die Reorganisation der deut­schen Volkswirtschaft einschließlich des Bankeuappa- rates ausgegeben sei, diese wird vielmehr mit größter Energie und Beschleunigung und dank der Erlasse hoffentlich mit weniger Reibungen als bisher vor­genommen werden. Es ist undenkbar, daß, nachdem

ein völliger Umbruch in der Masse des Volkes statt­gefunden hat und die nationalsozialistische Revolution sich politisch völlig durchgesetzt hat, es wirtschasts- politisch, nur mit einem nationalsozialistischen Män- telchen versehen, alles beim alten bleiben wird.

Im übrigen muß immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden, daß die auch heute noch viel zu hohe Belastung mit offenen oder versteckten Steuern und Abgaben und der bisher immer noch versäumte Wäh-

rungsausgleich nicht nur die Schuld an der Inflation trägt, sondern auch an der immer noch fortwirkenden Deflation und damit an dsr falschen S truktur des Geld- und Kapitalmarktes und der zu hohen Zins­sätze. Der bisherige Irrweg, daß die Steuern und Tarife der Pol find, um den sich die gesamte Wirt­schaft zu drehen habe, muß verlassen werden, andern­falls besteht keine Möglichkeit, das Arbeitslosenheer wieder in den Produktionsprozeß einzugliedern.

Vrsf. Spähn aus der DNVV. ausgeleeie«

Berlin, 9. Juni. Wie der NSK- meldet, hat Pros. Martin Spähn am heutigen Frei- tag seinen Austritt aus der Deutschnationa­len Front erklärt. Er begründet seinen Schritt mi einem ausführlichen Schreiben an den Stellvertretenden Führer der DNF. v. Win- terseldt, den die Nationalsozialistische Par­tei-Korrespondenz im Wortlaut wiedergibt. Pros. Spähn teilt darin mit, daß der Reichs­kanzler ihn heute, Freitag mittag, empfangen habe, und daß er, Spähn, sich bei diesem Empfang

unter Hitlers Führung gestellt

habe. Spähn geht dann zunächst auf die Motive ein, die ihn vor zwölf Jabren ver­anlaßt hatten in einer Kampfgemeinschaft mit der genialen Führernatur Helfferichs am Aufbau einer deutschen Rechten mitzuwirken; spricht weiter davon, wie er in den Kämpfen um die Aufrichtung der nationalen Front rückhaltlos und unberührt von den düngen aus dem Lager der Zentrumspartet zu Hugenberg gestanden habe und setzte sich dann unter Hinweis auf Harzburg von Hu­genberg insofern ab, als er die DNVP all­mählich mit der nationalsozialistischen Be­wegung unter Anerkennung der Führerschaft Hitlers habe zusammenführen wollen.Als Konservativer und als Christ stehe ich aus­drücklich für die Notwendigkeit ein, den in Deutschland eingedrungenen Liberalismus wieder revolutionär auszustoßen. Nicht nur das rein zahlenmäßige Ergebnis des Volks­entscheides, zu dem die am 30. Januar auf­gerichtete Regierung, also auch Hugenberg aufgerufen hatte, sondern der Gesamtablaus der Bewegung, in die das deutsche Volk ge­gen die Boung-Verträge durch Hugenberg

geraten ist, hat die Führung der notwendig gewordenen Revolution durch Hitler be- stätigt. Es ist die Pflicht der anderen, die mit ihm die Bewegung entfesselten, die Führer­schaft nunmehr eindeutig anzuerkennen, wenn wir nicht in chinesische Zustände geraten wollen. Pros. Spähn übt dann weiter an der Haltung der DNVP. seit Harzburg. an den Namensänderungen, an der Errichtung der Deutschnationalen Betriebszellen und Kampfstaffeln scharfe Kritik. Dinge, die nur wieder unwillkürlich in den alten Partei­staat zurückführten und den Gedanken einer oppositionellen Bewegung gegen Hitler Vor­schub leisteten, während Hitler den ganzen Gegendruck des Auslandes gegen den Um­schwung in der Innenpolitik auszuhalten habe und mit dem Hervortreten des Gegen­satzes zwischen Reich und Oesterreich mensch­lichem Ermessen nach die Stunde schlage, in der sich das Bismarcksche Reich vor der Welt­geschichte zu bewähren habe, entweder von uns vollendet zu werden oder aber als Trümmerhaufen in sich zusammensinken wer­de. Seine, Spahns, Anregung noch bet der letzten Einberufung des Reichstages, sich unter die Führung des Kanzlers zu stellen und dann im Einvernehmen mit ihm die in der DNVP^ geschlossenen Kräfte umzuordnen und Zug um Zug im neuen Staat dort ein­zusetzen, wo sie wirken könnten, habe Hugen­berg erörterungslos abgelehnt. Damit sei für ihn, Spähn, die Entscheidung gefallen.An­gesichts der kritischen Lage", so schließt das Schreiben,in der sich unser Volkstum nun­mehr befindet, kann sich mein Verhalten nicht zwei Führern unterstellen, von deren innerer Uebereinstimmung ich nicht mehr überzeugt bin. Wir brauchen einen Führer, und der ist Hitler."

Zwei weisere Velenntnitte zur Bewegung Moli Hitlers

Berlin, 9. Juni. Die NSK. veröffentlicht neben dem Bekenntnis Professor Marti« Spahns eine gemeinsame Erklärung von Dr Gisevius, bis vor kurzem Kampfringsühre» Düsseldorf-Ost und Mitglied des deutsch- nationalen Reichsparteivorstandes, jvwie von Studienassessor Flume, früher Kampsring- sührer im Landesverband Nord, d,e gleich­falls beide aus der Deutschnationalen Front ausgeschieden sind. In dieser Erklärung heißt es:Es ist kein Platz mehr für jene parla­mentarische taktische Betrachtungsweise, atS sei die deutsche Regierung etwa das Ergebnis einerKoalition" «nd als könne das Wech­selspiel zwischen Mehrheit und Minderheit weiterhin wie im überwundenen Parla­mentsystem fortgesetzt werden. Der Parteien- staat ist tot. Aus dieser Grunderkenntnis ord­nen wir uns in diesem Augenblick der Bewe­gung Adolf Hitlers als Mitkämpfer ein."

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Der Parteienstaat ist tot. Aus dieser Grunderkenntnis ordnen wir uns in diesem Augenblick der Bewegung Adolf Hitlers als Mitkämpfer ein." Mit dieser Erklärung ver­läßt wiederum eine Führerpersönlichkeit der Deutschnationalen die Fahne Hugenberg- und ordnet sich bedingungslos der Führer­schaft dos Volkskanzlers Adolf Hitler unter. Mit ihm zusammen kehren zwei bekannte Kampfringführer der deutschnationalen Fron« den Rücken.

Durch diese neuen Austritte wird die Krise inenerhalb der Deutschnationalen, die bereit- durch die Austritte Dr. Stadlers und deS Arbeiterführers Schmidt in ein akutes Sta­dium getreten war, zum Todestamof der letzten, ein Eigenleben führenden Partei­organisation aus den Zeiten des Weimarer Systems. Das politische Gewicht, das da/ Zentrum und der Marxismus bereits in der ersten Tagen der nationalsozialistischen Ro volution auf Grund der Entwicklung dei politischen Machtverhältnisse restlos eingebüßt hatten, geht damit auch den Deutschnatio­nalen infolge der geistigen Vertiefung not der volklichen Ausdehnung der nationals-izia- listischen Idee mehr und mehr verloren.

Der Parteienstaat ist tot und mit ihm ha­ben auch die Parteiorganisationen, oie in­folge ihrer Eigenart, um mit Dr. Sta lei zu reden, zwangsläufig in Gefahr geraten,

Mandschurei Elend -er Vaterlandslosen

Erschütternde Folgen

So sehr die Mandschurei durch die Ereignisse deS letzten Jahres und der Gegenwart die Blicke Europas auf sich lenkte, so wenige Europäer gibt eS, die dieses Land wirklich ernstlich kennen und zu beurteilen vermögen. Der bekannte deutsche Asienforscher Walther Stützn er, der Führer der deutschen Heilungkiang-Expedition deS Jahres 1928, hat dieses Land bereist und dabei Gebiete größter Ausdehnung erforscht, in die vor ihm ketn Europäer den Fuß gesetzl hatte. Wir haben Stötzner um nachstehenden Aussatz gebeten, der einen erschütternden Be­richt Wer die Stellung der weißen Rasse in der Mandschurei darstellt. Dir Schriftleitung.

Alljährlich immer höher wachsende Ausfuhrziffcrn, ein unfaßbar gewaltiger Zustrom von Einwanderern in jedem neuen Sommer, das Anschwellen der Be­völkerung von 7 auf 30 Millionen innerhalb von knappen drei Jahrzehnten, dabei der heißest um­strittene Zankapsel für Rußland, Japan und China: so ist daS-Bild des Europäers von der Mandschurei. And wenn es kein reiches, vielversprechendes Zu- kunftSland wäre, wären dort auch nicht viele blutige Kriege ausgefochten worden. Wer das wirkliche Bild dieses klassischen Landes größter Räuberbanden ist noch von niemandem gezeichnet worden. Nur Baron von Kriegeistein beschrieb seine dortigen Erlebnisse aus der Zeit vor dem russisch-japanischen Kriege, und schon dieser betitelte sein BuchIm Lande der Verdammnis". Gewiß,'die Mandschurei ist ungeheuer reich an ungenützten Bodenflächen, an Wald und Weide, Pelztieren, Fischen und Wild, an Kohle, Eisen und ewig begehrtem Gold, und immer Neue Bahnlinien entstanden, das Land zu er- schließen. Aber sie ist auch der Lumpensamm- ler deS ganzen Fernen Ostens. Was ist dort nicht alles an verfehlten Existenzen zusammengelaufen, an Abenteurern, Geschäftemachern und Freibeutern Tines aukblübenden Landes der Zukunft, die alle

für die weide Ratte

neben den vielen soliden Großkapitalisten und ziel­bewußten, erfahrenen Untermenschen gleichermaßen schnell reich werden wollten. Und sie gehören den verschiedensten Nationen an. Koreaner, Chinesen aller Provinzen, gerissene Japaner mit ewig freund­lichem Lächeln, tungusische Urbevölkerung verschie­dener Stämme, Amerikaner und Europäer sämt­licher Nationen, das Heer der russischen Völkerschaf­ten vom Kaukasus, aus Sibirien und Turkestan und dann vor allem die eigentlichen Russen, die so zahl­reich sind, daß sie den großen Städten dort ein eige- nes, nämliches fast russisches Gepräge ge­geben haben.

Sie und ihr Leben sieht der Europäer zuerst, der in die Hauptstädte kommt, denn auch der chinesische Einwanderer, der sich niederließ, wohnt vielfach in russischen Häusern oder eröffnet Kneipen, die rus­sische Küche führen und russischen Schnaps. Größte Warenhäuser werden von Chinesen in russischem Stil erbaut, und wenn er das Geld dazu hat, klei­det er sich auch ganz oder halb russisch. Zum min­desten tragen alle den russischen Stroh« und Filz. Hut ohne Bedenken gegen ihre chinesischen Hosen, j die stilecht unten zugebunden sind.-Einstmals war Rußland hier die herrschende Macht, und das hat sich bis heute noch nicht verwischen können. We- nigstens nicht im äußeren Bilde. Nur daß die meisten dieser russischen Europäer seitdem arm und elend wurden und viele durch Laster, Suff und Recht­losigkeit verkommen sind. Harbin, die Handels- Hauptstadt der Mandschurei, hat heute rund 400 000 Einwohner und von diesen find noch immer etwa 70000 europäische Russen. Als solche sind sie aber auch die dortigen Repräsentanten der weißen Rasse. Doch wie sehen heute die mei- sten von ihnen auS! Es find fast alle sogenannte Emigranten. Wenn solche in europäischen Staa. tsn leben, haben sie wenigstens noch immer trotz verlorenen- Vaterlandes ihre Menschenrechte. Wer

dem russischen Emigranten in der Mandschurei hat man diese nicht gelassen. Der Chinese hat ihm dort nie vergessen, daß er in den Jahren nach 1900 immer nur mit Fußtritten von russischen Juchten- stiefeln behandelt worden ist. Nun sind diese Russen seitdem aber wehrlos geworden. Es find ja meist weiße Russen. Einstige Bürgerliche, die dem un­menschlichen Blutvergießen der grausamsten aller Revolutionen entflohen sind. Sie hatten einst ein schöner Vaterland ...

Nun aber will sie niemand schützen, und wie bis« her der chinesische Beamte, so zeigt ihnen jetzt ebenso der Japaner mit deutlich zur Schau getra­gener Befriedigung und Genugtuung, daß es nur eine großmütige Gnade ist, wenn man ihnen, den Staatenlosen, für eine neue, begrenzte Spanne Zeit den Paß verlängert- Der Emigrant hat keinen Kon­sul mehr, der ihn vertreten könnte, und mit jedem neuen Jahre muß er zittern und bangen, ob ihm die Aufcnthaltsbewilligung für ein weiteres Jahr erteilt werden wird. Der Uebel größtes aber ist die Billigkeit des Schnapses, denn nichts liebt der Russe so sehr, als sein Elend zu vergessen. Der Chinese dagegen trinkt sein bescheidenes Schnäpschen einzig und allein zum Essen, niemals aber zu einer anderen Zeit. Es ist für ihn die schlimmste Schande als Betrunkener gesehen zu werden. Für solche hat jeder Chinese eine geradezu abgrundtiefe Verachtung. Trotzdem ist in Harbin der sinn- und bewußtlos betrunkene Russe, der am hellen Tage quer über den Fußweg der belebtesten Hauptstraßen liegt, ein leider nur allzu häufiges Bild. Ich habe mich selbst oft tief geschämt für meine weiße Rasse, wenn ich zusehen mußte, wie der chinesische Kuli solche leblos steifen Trunkenbold- mit den Füßen weiterschob, bis sie mit halboffenem Mund in dem ekligen Staub des Rinnsteins lagen.

Jeder Europäer, der früher einmal im eigent- lichen China lebte, bewahrt jene Zelt als schönste Erinnerung seines Lebens, hauptsächlich wohl nur deshalb, weil er sich unter dem sonst liebenswerten Volke als Herrenmensch fühlte und als solcher auch behandelt wurde. Wer aber in der Mand-

schüret sich aufhielt, der wird niemals sagen können, daß er dort als Mensch höherer Rasse behandelt worden sei. Der bedauernswerte, vaterlandslole Russe hat dort das Ansehen der weißen Rasse restlos verdorben. Wie weit diese heruntergekommen sind und wie tief sie sanken, steht in Heft 8, Jahrgang l933, von Petermanns Mitteilungen. Dort hat Dr. Plaetschke von der Uni­versität Königsberg im Bericht über seine Mand- schuretreise folgendes geschrieben:Vorsehen muß

man sich hier leider gelegentlich vor rusischen Banden, die sich zwar stolz Partisanen nennen, früher wohl auch zuweilenEinfälle insSo-wjetgebiet gemacht haben, mittlerweile aber zu gewöhnlichen Wege­lagerern herabgesunken sind." Kann man das anders als eine Tragödlederweißen Rasse nennen? Jener einstige russische General, den ich auf dem Bock eines Mietfuhrwerks in der langen Reihe wartender chinesischer Droschkenkutscher sitzen sah und der andere frühere General, der als Unter­offizier unter einem chinesischen Feldwebel bei der Harbiner Bahnhofswache Dienst tat, waren dagegen immer noch ehrliche Existenzen. Aber ihr Beispiel wirft gleichermaßen ein grelles Schlaglicht auf den gründlichen Zeitwandel und den beschämenden Presttgeverlust der weißen Rasse. Der Unterschied ist nicht nur völlig ausgeglichen zwischen Gelb und Weiß, sondern sogar verachtet wird heute der Weiße vom Gelben und leider vielfach mit Recht.

Früher bildeten die Europäer im Fernen Osten eine hoch geachtete und geehrte Oberschicht. Es waren fast nur reiche Kaufleute, Gelehrte und Lehrer, die fremdes Wissen vermittelten, Missionare, Ingenieure und Mitglieder der Konsulate. Im eigentlichen China ist das auch im wesentlichen heute noch so, aber tn der Mandschurei find die vielen Zehntausende vaterlandslos gewordenen Russen schon lange in jedem, auch im verachteten Beruf. Sie schleppen für den Japs und den Chinesen als Packträger die Reise- koffer inS Abteil und streiten sich dabei mit chinesi­schen Kollegen, als Stiefelputzer warten sie, bis ihnen ein Astate erlaubt, für Pfennige sein Schuhzeug zu polieren, bei den chinesischen Fleischern sind sie im Wettbewerb mit Eingeborenen die Messerschleiser und

im Hotel ist der aufwartende Diener in tadellos weißem Anzug, der nur serviert, stets ein Chinese, während das russische, das weißrassige Stubenmädchen die Zimmer scheuert, Treppen reinigt und Spuck- Näpfe auswäscht.

Es ist ja so beschämend für den Europäer, daß gerade die russische Frau die sogar Hauptfach- lich sie Veranlassung zur Verachtung gegeben hat und immer weiter gibt. Früher durfte es kein Ja­paner oder Chinesen wagen, einer weißen Frau zu nahe zu treten. Das war wie ein ungeschriebenes aber unerbittliches Gesetz. Nicht einmal begehrlich ansehen dursten sie die blonde Fremde. Aber in Harbin stehen jetzt heruntergekommene, oft blutjunge Russinnen an vielen Straßenecken. Sie halten aus zerlumpten Kleidern ihre mageren Arme jedem Chinesenkuli entgegen und bitten mit demütig­weinerlicher Stimme um ein paar selten gegebene Kupferkäsch, damit sie die Nächte in den geliebten Kokainbuden und Morphiumkneipen verdösen und ihr Elend vergessen können . . .

Das, was ich bisher über den Prestigeverlust der Weißen in den Augen des Mandschureichinesen gesagt habe, gilt leider ebenso für den neuen japani­schen Herrn des Landes. Nur ist es diesem ge­genüber fast noch bedauerlicher. Es ist ein Haupt­lehrsatz der japanischen Ethik und Sitte, daß der Mensch niemals seine Gefühle und sein Denken zur Schau tragen soll. Deshalb zeigt kein Japaner, wie hoch erhaben er sich stets über jeden Europäer fühlt. Er begegnet ihm mit aus­erlesener Freundlichkeit und Höflichkeit, um ihn innerlich umso gründlicher zu unterschätzen. Das gilt sogar in bezug aus den gebildeten und vermögenden Europäer sogenannter bester Kreise, der in hervor­ragender Stellung in Japan lebt. Wie hoch wird nun aber erst das japanische so schon überhebliche Selbstbewußtsein steigen, wenn weite Kreise dieses Volkes in ihrer neuen Mandschureidomäne den vater- landslosen und deshalb so tief gesunkenen verkom­menen Russen kennen lernen! Auch sie werden wie­der glauben; daß sie in ihm das ungeschminkte des wirklichen Europäers sehen.