M. 182 . Jahrgang 1V33
Bremsn, AMwsch. den 21. Funk 1833 ErnZeWrerS is Vsg.
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deale Sind stärker a!S Verbote
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Sümdig steigende Mitglie-erza-l der NS 9 AV. in Oesterreich
Die Lage
Bon «nserem Sonderberichterstatter
Wien. 20 Juni. Wien gleicht einem tiefen brodelnden Vulkan, von dem man nicht weiß, wann und wohin er seine Entladungen schleudern wird. Im Herzen der ruhigen und besorgten Wiener Bürger regen sich Zweifel an der Wirksamkeit der Negierungsmaßnah- men. Man weiß nicht recht, ob man der Stärke trauen soll, die sich in den Beschlüssen kund- zutun scheint.
Das Straßenbild ist kaum verändert. Nur um die Universität ist ein starker Polizeikordon gelegt, da man offenbar von der sehr aktiven deutsch-österreichischen Jugend zuerst Auflehnung befürchtet. Der Studienbetrieb ist in vollem Gange- Es herrscht allerdings strenger Legitimationszwang.
Die Schließung der Parteilokale, der Braunen Häuser, SA.- und SS.-Verkehrslokale, der Gau-, Bezirks- und Landessekretariate, der Bücherstellen usw. ist schon früher erfolgt. Die Häuser sind polizeilich besetzt. Die Durchsuchungen erstrecken sich jetzt auch aus die Ver tags- und Redaktionsgebäude, die bisher frei geblieben sind Alle Werbemittel wie Flugschriften, Broschüren und dergl. sind beschlagnahmt worden. Ueber eine Vermögensbeschlagnahme ist noch nichts bekannt. Da die Räume aber versiegelt sind, ist der Partei ohnehin die Verfügung über das Vermögen entzogen.
Zwiespalt im
österreichischen Mmifteerat
W i e n , 20. Juni. Wie verlautet, ist der Antrag aus Verbot der NSDAP. im österreichischen Mi- nisterrat von dem Sicherheitsminister F « y gestellt worden. Die einstimmige Annahme wurde nur dadurch erreicht, daß sich Vizekanzler Winkler, Innenminister S chumy und Sozialministcr K e r b er der Stimme enthielten, um die bereits erörterte Frage der Kabinettsdemission nicht akut werden zu lassen.
Im Zusammenhang mit dem Verbot der NSDAP. Ist die Nachricht sehr interessant, daß bei einer klenen ganz zwanglosen Sonnenwendfeier in Schönbrunn in den allerletzten Tagen, als die Belastung der Nationalsozialisten mit allen Störungsversuchen und Anschlägen bereits allgemein war, 158 Beitrittserklärungen zur NSDAP. ersolgten.
Auch der fteirische Heimatschutz verboten.
Wien, 20. Juni. In einer Nachtragsverlautbarung zu den gestrigen Ministerratsbcschluß wird festgestellt,
baß auch der Steirische Heimatschutz verboten ist. In
einer halbamtlichen Veröffentlichung des Slcherheits- ministers Feh zur Auflösung der Nationalsozialistischen Partei wird daher auch ausdrücklich gesagt, „im Interesse der Bevölkerung und der Sicherheit des Staates konnte die Regierung daher nicht weiter warten und hat darum über meinen Antrag das Verbot und die Auflösung der Nationalsozialistischen Partei und aller ihrer Hilfs« und Nebenorgantsatio- nen in Oesterreich sowie des Steirischen Heimat- schutzes (Führung Kammerhofer) verfügt."
Der Steirische Heimatschutz veröffentlicht zu diesem Verboi einen vom Führer Kammer« h ofer unterzeichneten Aufruf, in dem es heißt: „Ich erwarte, daß jeder von Euch in der Zukunft als deutscher Oesterreich» am Platze sein wird, wenn die Not unseres Volkes ruft. Nach jeder dunklen Nacht bricht immer wieder Heller Tag herein. Auch für uns wird der Tag der Auferstehung kommen. Oesterreich wird erwachen."
NSDAV-Vreffe erscheint Wetter
Wien, 20. Juni. Die heute wegen Verbotes durch die Polizei nicht erschienene .Deutsch- Oesterreichische Tageszeitung" wird morgen unter demselben Titel wieder erscheinen, doch wird der bisherige Untertitel „Hauptorgan der NSDAP Oesterreichs" wegfallen. Die Möglichkeit des Wiedererscheinens wurde im Verhandlungswege mit der Pressepoltzei geschaffen, die die Bedingungen für das Weiter- erscheinen stellte. Das Blatt soll als völkisches, überparteiliches, antisemitisches Organ geführt werden. Die „Nachtpost" ist mit geändertem Titelblatt und geändertem Impressum erschienen. In Bregenz wurde das der nationalsozialistischen Partei nahestehende ,Morarlberger Hauptblatt" bis auf weiteres verboten.
Jede VerfammlungStätigkeit der NSDAP ruht vollkommen. Auch Vortrage, Konzerte usw. werden nicht gestattet! Die Sonnen-
wenbfeiern wurden verboten, um Kundgebungen zu verhindern. Ueberall steht Militär, Polizei und die Htlfspolizei in Alarmbereitschaft. Die Landesregierungen stehen in ständiger Verbindung mit der Bundesregierung.
Der..VöMche Beobachter" meint:
Mit demgestrigen Schritt hat die Dentschen- verfolgnng in Oesterreich durch Klerikale, Juden und Marxiftenknechte ihren Höhepunkt erreicht. Man darf bei Beurteilung der Lage dabei nicht übersehen, daß die Dollfuß und Konsorten garnicht für ein Volks- oder Staatsgefüge kämpfen, sondern bloß für ihre eigene Person aus Furcht vor einem künftigen Emigrantenleben. DaS österreichische Volk hat diese miserable Gesinnung längst durchschaut und die vom Gericht freigelassenen Nationalsozialisten mit Jubel empfangen und mit Blumen überschüttet. Sein Votum in dieser tragischen Frage ist eindeutig. Ebenso eindeutig aber ist auch der Abwehvkamps Deutsch-Oesterreichs gegen den wahnwitzigen Versuch einer jüdisch ausgehaltenen Cligne, die mit heißester Sympathie diesen Kampf verfolgt und begrüßt, wenn die Länder, dem früher schönen, heute verpesteten Wien die notwendige Antwort erteilen werden. Ueber eines darf kein Zweifel bestehen. Der Kampf wird nicht früher abgebrochen werden, als bis die Unglücksmänner und Volksverräter Dollfuß, Vaugoin usw. davongejagt sind aus einem Lande, dem sie schon jetzt so viel Unheil und Not gebracht haben. Oesterreich er- .wacht und darum wird das Zentrum in Oesterreich sterben. Wir Nationalsozialisten grü- ßen in dieser Kampfesstunde unsere osterret-- chischen Bruder und wissen, daß sie ausharren werden in der Durchführung der Sendung, die ihnen das Schicksal auferlegt hat.
»WeftekttaWen-Mzwleon" in Nöten
Es suchte .regierungstreue" Molen und konnte keine finden
Oberleutnant CohrS schildert seine Erlebnisse Berlin, 20. Juni. Der gestern nach seiner Aus- weisung aus Oesterreich in Berlin eingetroffen« Oberleutnant CohrS schilderte heute mittag vor Vertretern der Presse seine Erlebnisse in Oesterreich.
Einleitend wies Oberleutnant Cohrs darauf hin, daß er während des Krieges am Jsonzo und an der Piave gekämpst und auch den Tiroler KriegSordeu erhalten habe. Der Dank für seine langjährige Tä
tigkeit in Oesterreich sei ihm schon vor zwei Jahren in der Form eines Ausweisungsbefehles zugestellt worden. Bon der Ausweisung habe man dann zwar Abstand genommen. Er habe aber in den letzten zwei Jahren bei seiner Vortragstätigkeit nur noch über deutsche Verhältnisse sprechen dürfen.
Zu den jüngsten Vorfällen erklärte Oberleutnant Cohrs, daß er bei seinem Verhör, auf das er vier Stunden im Gefängnis hatte warten müssen, nach
drücklichst aber vergeblich auf leine Exterritorialität hinwies. Bei seiner Leibesvisitation kam eS zweimal zu einem
Handgemenge mit dem Polizeibeamten um diplomatische Papiere.
Schließlich wurde er in eine Verbrecherzello gebracht. Man legte ihm einen Schein vor, nach besten Unter- zeichuung er sofort auf freien Fuß gesetzt worden wäre, wenn er sich verpflichtete, Wien nicht zu verlosten und sich nicht politisch zu betätigen. Er habe diesen Schein nicht unterschrieben und wurde dann wieder in seine Zelle gebracht und acht Tage gefangen gehalten.
Oberleutnant Cohrs hob mit besonderem Dank die Bemühungen der deutschen Gesandtschaft hervor, die für die Erleichterung seines Loses Tag und Nacht gesorgt hätte. Er betonte weiter, daß auch dar Verhalten der meisten Beamten der Bundespolizei ihm gegenüber ausgezeichnet gewesen sei. Man habe eS den Leuten angemerkt, wie schwer es ihnen wurde, ihre Pflicht zu tun. Bei seiner Entlassung aus dem Gefängnis wurde seine Bitte, sich beim deutschen Gesandten abmelden zu können, abgelehnt. Er wurde sofort zum Flugplatz gebracht, wo ihm die Menschenmenge zujubelte und mit Blumen überschüttete.
Oberleutnant Cohrs schilderte als ein Zeichen für die Stimmung in Oesterreich, daß Bundeskanzler Dollfuß bei seinem Abfinge nach London ausdrücklich um regierungstreue Piloten gebeten hätte, aber von der Flugleitung den Bescheid bekam, das gesamte Flugpersonal sei nationalsozialistisch.
So habe Dollfuß mit Nationalsozialisten nach London fliegen müssen. Der Pilot und die Monteure mußten aber einen Schein unterschreiben, daß sie keinerlei Sabotage verüben und nicht über Deutschland fliegen würdenlü
Aufruf des deutschen VotkSratS Wr Oesterreich
Men, 20. Juni. Der Deutsche Volksrat für Oesterreich, die überparteiliche Organisation aller nationalen Parteien, Verbände und Gruppen hat einen Aufruf erlassen, in dem er schärfsten Protest wegen des Vorgehens der Regierung gegen die NSDAP- und den österreichisch-deutschen Heimatschutz erhebt. In dem Aufruf heißt es: Die Regierung hat vereinzelte, entschieden verwerfliche Untaten vor der gerichtlichen Feststellung zum Anlaß genommen, um alle Parteiheime der NSDAP zu sperren, zahlreiche Verhaftungen vorzunehmen und Bundesangestellte wegen ihrer Zugehörigkeit zur NSDAP zu verfolgen.
Wehrlos — nicht ehrlos
AEeree FIslLe letzte Fahrt
Am 21. Juni ISIS: Mit wehender Kriegsflagge ius fekbfkgewShtte
Grab von Eeaps F!ow
Lop^rigdt dx- VerloZ krerss-Pagesäisnot llerlin V/ 35
Das War die Tat
des „Kriegsoerbrechers" Admiral von Reuter!
Noch sind die Klänge und Reden der Feiern uns dn Ohr, die der Heldentat der deutschen Flotte in der Tkagerrakschlacht gedachten. Da jährt sich ein anderer Tag der Erinnerung in der deutschen Marine- geschichte, ein schwarzer Tag, der zur Einkehr mahnt und trotzdem ein Datum, das wir nicht schamvoll auszulöschen brauchen aus unserer Geschichte. Denn !° schwarz dieser Tag des endgültigen Verlustes unserer Flotte auch ist, hell strahlt aus ihm in der letzten kriegsmäßigen Handlung deutscher Seeoffiziere und Mannschaften der alte Geist, mit dem sie getreu altem Befehl ihre stolzen Schiffe lieber aus den Grund des Meeres als in die Hand des Feindes fuhren
Am 21. Juni sanken mit wehender alter Kriegs- jlagge angesichts des Feindes ins Grab: um 12.16 Uhr Linienschiff Friedrich der Große um 12.54 Uhr Linienschiff König Albert um 1.05 Uhr Kl. Kreuzer Brummer um l.io Uhr Er. Kreuzer Moltke um 1.15 Uhr Linienschiff Kronprinz Wilhelm um 1.25 Uhr Linienschiff Kaiser um 1.30 Uhr Linienschiff Großer Kurfürst
Linienschiff Prinzregent Luitpold Kl. Kreuzer Dresden um 1.50 Uhr Er. Kreuzer Seydlitz Kl. Kreuzer Köln
um 2.00 Uhr Linienschiff Kaiserin Linienschiff König
um 2.15 Uhr Er. Kreuzer v. d. Tann um 2.80 Uhr Kl. Kreuzer Bremse Linienschiff Bayern um 2.45 Uhr Gr. Kreuzer Derfflinger um L.50 Uhr Kl. Kreuzer Karlsruhe um 4.45 Uhr Linienschiff Markgraf M 5M Ujr Gr. Kreuzer Hindenbnrg
Außerdem von insgesamt 50 Torpedobooten 46. Davon 32 an der Boje, 14 auf flachem Master.
Linienschiff Baden und die Kleinen Kreuzer Emden und Frankfurt wurden in sinkendem Zustand auf Land geschleppt. Dem Kleinen Kreuzer Nürnberg wurde die Ankerkette gesprengt und er selbst schwimmend aus Land getrieben. Das war die Tat des „Kriegsverbrechers" Admiral von Reuter und seiner Offiziere und Mannschaften.-
Die Welt horchte auf. Also doch. Monate vorher hate es niemand glauben wollen, -daß die unbesiegte deutsche Flotte kampflos in die Hand des Feindes fahren würde. Wochenlang, monatelang schien es, als habe der rote Sturm über Deutschland auch den Geist von Skagerrak erstickt. Da — in zwölfter Stunde fuhr Deutschlands letzter, unbesiegter Stolz mit einem letzten Hurra ins Grab. Wie war es zu diesen tragischen, dramatischen Stunden des 21. Juni 1919 von Mittag bis 5 Uhr gekommen?
Zum letzten Male: Kurs England!
Am 19. November, nachmittags 2 Uhr, fuhr die deutsche Flotte zum letzten Male Kurs England aus. Ein sonniger, ruhiger Herbsttag. Nichts schien die Natur und nichts das Meer zu ahnen von den wilden Stürmen, die über Deutschland tobten, an der deutschen Seele rissen. Revolution, Zusammenbruch, Waffenstillstand.
Die lange Reihe der deutschen Schiffe und Torpedoboote setzte sich in Formation, an der Spitze die stolzen Panzerkreuzer „Seydlitz", „Moltke", Finden- burg", „Derfflinger", „v. d. Tann", dann das IV. und 111. Geschwader, geführt von „Friedrich der Große", die kleinen Kreuzer, zum Schluß die Torpedoboote. Im Schein der sinkenden Sonne glühte noch einmal Helgoland auf in allen Farben, dann ging es über das Gesichtsfeld vom 17. November 17 dem Firth oj Foxtz zu zur Jnternsirung,
Ein bitterer Weg und bitter für die Offiziere auch die ungewohnte, neue „glorreiche" Form der Revo- lution:
Die rote Flagge sollte gehißt werden.
„Die rote Flagge ist die der Piraten und zieht die sofortige Beschießung und Vernichtung des Schisses nach sich, welcher sich auf hoher See damit zeigt."
DaS lähmte die Begeisterung erheblich. Reumütig kehrte man zur alten Kriegsflagge zurück.
VerzweiflungSvolle Tage waren dieser letzten Fahrt vorausgegangen. Am 10. November wurden in Wil- helmshaven dieWafsenstillstandsbedingungen bekannt.
Artikel 23: Die Kriegsschiffe der deutschen Hochseeflotte, welche die Alliierten und die Bereinigten Staaten bezeichnen, werden sofort abgerüstet und in neutralen Häfen oder in deren Ermangelung in Häfen der alliierten Mächte interniert. Die Häfen werden von den Alliierten und den Vereinigten Staaten bezeichnet werden. Sie bleiben dort unter der Ueber« wachung der Alliierten und Vereinigten Staaten, es werden nur WachkommandoS an Bord belasten.
Bezeichnet wurden: 6 Panzerkreuzer, 10 Linienschiffe, 8 Kleine Kreuzer, 50 Zerstörer der neuesten ' Typen.
Zwei Tage später, am 12. November, ersuchte der englische Flottenchef den deutschen, einen Admiral zur mündlichen Besprechung nach dem Firth of Forth zu senden. Kontreadmiral Meurer übernahm das schwere Amt.
17. November Abend. Der Flottenchef Admiral von Hipper hat Kontreadmiral von Reuter auf das Flaggschiff bitten lasten.
„England fordert, daß ein Admiral unsere Schisse nach -dem Firth of Forth überführt. Es kämen also nur Kontreadmiral Meurer oder Sie in Frage. Ob Meurer zeitig genug zurückkommt, ist zweifelhaft. Nebel zieht auf Uebermorgen muß es losgehen. Zwölf Uhr. Es wird also wahrscheinlich auf Sie fallen, Reuter."
Der Kontreadmiral sah seinem Chef ins Auge. Der fuhr fort:
„Ich weiß, keine leichte Ausgabe. Aber es muß sein. Hätte Ihnen auch lieber anderen Kurs befohlen."
„Ich stehe zur DrrfÜMinz, Herr Admiral." . . .
Am 21. November, pünktlich um 8 Uhr, war die.
Verbindung mit den engltjchm SwjtkvSjt«, dj, die
deutschen Schiffe durch die Sperren geleiten sollten, hergestellt. Ein englischer Kreuzer setzte sich an die Spitze des deutschen Ueberführungsverbandes, immer mehr englische und Ententeschiffe, sogar ein französisches Kriegsschiff tauchten aus dem Nebel auf, Luftschiffe und Flugzeuge kreisten über der deutschen Flotte. Alles war gefechtsklar, denn niemand hatte geglaubt, daß der Sieger von Skagerrak so kampflos die Waffen strecken würde. Der Wind trug die englischen Hurras herüber, und vom englischen Flottenchef traf der Funkspruch ein:
„Die deutsche Flagge ist um 3.57 nachmittags niederzuholen und darf ohne Erlaubnis nicht wieder gehißt werden."
Das war das Ende.
Düstere Monate....
Die deutschen Schiffe wurden untersucht. Gründlich. Immer noch konnte der Engländer nicht glauben, daß sie wirklich bis auf die letzte Granate, bis auf den letzten Geschützverschluß abgerüstet waren. Dann kam, wenige Tage später, der Befehl zur Fahrt nach Scapa Flow. Aus -dem Ueberführungsverband wurde der Jnternierungsverband. Trübe Monate der Gefangenschaft begannen.
Durch eine dreifache Trösten- und Balkensperre ging es in die Bucht von Scapa Flow. Verankert oder an Bojen gelegt, lagen die deutschen Schiffe. Ein englisches Geschwader und eine Zerstörerflottille, drei Seemeilen entfernt, hielten Wacht. Armierte Drifter und Fischdampfer, die Tag und Nacht um die deutschen Schiffe herumfuhren, bildeten die engere Bewachung.
Die Besatzung der deutschen Schiffe durfte nicht miteinander verkehren. Außer dem Admiral durfte keiner das Schiff verkästen, niemand an Land gehen. Monate der Gefangenschaft brachen an. Spärlich und zensiert kam die Post aus der Heimat, Zeitungen hatte man nur englische, und die neuesten waren mindestens vier Tage alt.
Die Kommandanten seufzten. Dennoch freuten sie sich, als sich allmählich ein kleiner Tauschhandel mit den Engländern anbahnte. Schnaps gegen Seife und Tabak.
Langsam wurde die Besatzung reduziert.
Weihnachten war schon lange vorbei, das neue Jahr ins Land gegangen, wieder wurde Frühling. Aus der Heimat kamen schwarze Nachrichten. Sparta- AujMnde, N»t und immer noch lein Frieden,
Der Deutsche Volksrat mutz die sofortige Freilassung aller aus politischen Gründen verhafteten Führer der NSDAP und des deutsch-österreichischen Heimatschutzes, die Freigabe der Parteiheime und die Zurücknahme des Zugehörigkeitsverbotes verlangen.
Am Schlüsse des Aufrufes werden alle Angehörige der nationalen Front aufgefordert, die Erreichung ihrer Ziele auf streng gesetzlichem Wege anzustreben.
Neue ZMammenttötze in ZuuSbrutk
Innsbruck, 20. Juni. Dienstag kam es in Innsbruck anläßlich des Verbots der Nationalsozialistischen Partei zu Kundgebungen und Unruhen. Ab 19 Uhr sammelte sich in der Innenstadt, besonders in der Maria Thercsiastraße, eine größere Menschenmenge an. Die Leute sangen das Horst Wessel- Lied. Die Polizei begann mit der Räumung der Straßen. Die Ansammlungen wiederholten sich aber fortwährend, so daß immer wieder von der Polizei und später auch von der Gendarmerie vorgegangen wurde. Nach 21 Uhr wurde die Maria Theresia- straße durch einen Kordon von Polizei und Gendarmerie abgesperrt. Auch in den übrigen Straße« der Innenstadt kam es zu Zusammenstößen. Es wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Mehrere Personen trugen Verletzungen davon. Ein Student wurde schwer verletzt und mußte Ins Krankenhaus gebracht werden.
Ein „GesirmdmS"
vtb. Men, LO. Juni. Eine Verlautbarung d«< Stcherheitsdirektors für Niederösterreich zu dem Bor» fall tu Krems besagt, daß der in Haft genommene Haupttäter, der 21jährige Handelsangestellte Herbert Mosel in Krems, der SA.-Scharführer des Nationalsozialistischen Pinrnierstiirms 7/49 sei, ein Geständnis abgelegt habe.
Krems, 20. Juni. Nocch in der Nacht wurde di« gesamte Bezirksparteileitung der NSDAP. in ihren Wohnungen verhaftet und heute früh in Militärkrast« wagen nach Wien gebracht in das Landgericht. Unter den Verhafteten befandet sich ein aktiver Oberleutnant der Garnison Krems, Brandn», und der Chefredakteur der „Landzeitung" in Krems, Dr. Fa- ber. Insgesamt wurden 18 führende Personen der NSDAP. in Krems verhaftet.
Auf den engen Schissen wurden die Menschen sich selbst zur Last, und immer mehr trieb auch hier die rote Flut ihr Wesen. In der Eintönigkeit und Verbitterung, in der Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht fand sie ihre Opfer.
In den „Times" suchte der Admiral alles zu lesen, was über Deutschland und den Frieden berichtete. Von der Heimat hörte er nicht viel und mit großer Verspätung.
„Hat denn das Postboot schon wieder keine Zeitungen mitgebracht?"
„Eine einzige, vom Tage der Ausfahrt. Langt schon, was drin steht. Wenn die die sechs anderen Tage der Woche auch solche Dinge berichten, dann gute Nacht."
„Hab' doch den Kerlen ein Loch in die Seele geredet, sollen Zeitungen mitbringen. Die sollten mal hier sitzen und warten und warten und Entscheidungen treffen, wenn man nicht weiß, was draußen vorgeht."
Und wieder wurde Mai.
„Lieber mit meinem Boot in die Tiese!"
Rauh und öde war die Natur ringsum. Master und Berge und Master. Nur des Nachts schien sie aufzuleben. Das Nordlicht warf seine Strahlen wie ein gigantischer Scheinwerfer. Der ganze Himmel schien ein Feuermeer, die Wolken brennende Garben. Leise schlingerten die Schisse, die Wellen sangen ihr eintöniges, ewiges Lied.
Der Admiral stand allein am Bug seines Flaggschiffes, sah in phantastische Nacht. Sah die Silhouetten seiner Schiffe, die Engländer.
„Phantastisch diese Szenerie."
„Jawohl, Exzellenz. Es gibt doch noch Schönheit. Und wären unsere armen Schisse nicht hier, man könnte meinen, es gäbe noch Frieden."
„Frieden", sagte der Admiral leise vor sich hin, „wie wird dieser Frieden aussehen, der jetzt kommen wird."
„Auf alle Fälle will der Tommy unsere schönen Boote schnappen."
Der Admiral schwieg. Der junge Offizier fuhr leise fort:
„Ich möchte noch einmal mit meinem Boot fahren, Herr Admiral, dahin!" und er deutete senkrecht hinunter ins Master. Der Admiral sah auf.
„Herr Oberleutnant, ich verbiete Ihnen jedes Wort dieser Art, ich verbiete Ihnen, an so etwas auch nur im Traum zu Lenken," (Fortsetzung folgt)