Ausgabe 
(16.6.1933) Nr. 157
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W.1S7. Jahrgang 1933

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Das AnrMoke Oraan. des GerraLs derr ^reieir Vserasn. ^

wie ei« GÄweeveebeecher behandelt

Mtt Eöukeru und Landstreicher« i« einer 3elle - Dr. Goebbels und Va. Habicht

vor der deutschen Vreffe

Lerkin» 12. Juni. Der Reichsminister Dr. Goeb­bels gab heut« vor der deutschen Presse Erklärungen über den Konflikt zwischen Oesterreich und dem Deutschen Reich ab, in denen er ausführte:

^ES ist ein Irrtum, wenn man annehmen wollte, bah die Reichsregierung Oesterreich provoziert hätte, um damit Parteistandpunkte zu vertreten. Der Kon- pikt ist auf folgende Weise entstanden:

Am 30. Januar ist in Deutschland die national» sozialistische Bewegung an die Macht gekommen. Das hat mit sich im Gefolge geführt, daß selbstverständ- lich auch die innere Gesetzlichkeit dieser Partei zu­züglich der Organisationen in Deutschland staatlichen Rang erhalten haben. In Oesterreich steht die na- ttonalsozialistisch« Bewegung in der Opposition. ES ergab sich aus dieser Zwitterstellung eine Unsumme don Konflikten. Wir konnten nicht zulassen, daß deutschen Staatsbürgern im befreundeten Oesterreich ihre in Deutschland mit staatlichem Rang umklei­deten Symbole verboten werden konnten. Vor allem in der Reisezeit waren Konflikte ganz unvermeidbar. Diese Konflikte hätten in den Pfingstiagen ins Un­ermeßliche steigen müssen- Das ist der einzige Grund, warum wir durch eine Sichtgebühr die Einreise nach Oesterreich reglementierten. Die österreichische Regie­rung hat biese Gelegenheit benutzt, um den Feldzug gegen die nationalsozialistisch« Bewegung in Oesterreich

bis zm Spitze zu treiben, ein Feldzug, der uns in Deutschland in feinen Auswirkungen und Methoden »icht unbekannt ist, weil er sich in Deutschland in der Vergangenheit auch abgespielt hat. Es kann keine Rede davon sein, daß bet diesen Konflikten irgendwelche Parteirückfichten mitsprachen. Die deutsche Reichsregierung ist nur von dem Bestreben «leitet gewesen, Konflikte und diplomatische Zwi- fchenfälle, die das Verhältnis zwischen Oesterreich und Deutschland einer unerträglichen Spannung aussetzten, zu vermeiden.

Dazu tritt nun der Fall Habicht. Habicht ist Presseattache bei der deutschen Botschaft in Wien. Er ist dazu vom Reichsaußenmmister ernannt mor­de». Er genießt also das Recht der Exterrito­rialität. Wenn die österreichische Regierung sich darauf beruft, daß sie von der Bestellung Habichts keine Kenntnis genommen habe, und wenn über diese Frage ein Streit entstanden ist, so ist rS ein Gesetz des Völkerrechts, daß bis zur endgültigen Lö­sung des Streits das Recht der Exterritorialität ge­wahrt wird.

Die österreichische Regierung hat sich gegen jede BölkerbundSsatzung und gegen jede internationale Regelung über das Recht der Exterritorialität hin­weggesetzte Sie hat Habicht unter Anwendung von Gewalt verhaften lassen, ihn in eine schmutzige Zelle geschickt und damit eine« diplomatischen Zwischen- sall geschaffen, den die Reichsregierung nicht unbe­antwortet lassen konnte. Es war deshalb selbstver­ständlich, daß die Regierung den österreichische« Presseattache ähnlich behandelte.

Ich möchte diese Gelegenheit benutzen, um noch einmal zu betonen, daß die deutsche Reichsregierung sich in dieser ganzen Streitfrage von keinerlei Par- teirückflchten leiten läßt. ES geht uns nur darum,

Zwischenfälle zu vermeiden, die das Verhältnis zwi- schen Oesterreich und Deutschland in eine Spannung versetzen würde, die ganz unerträglich wäre.

Ich benutze diese Gelegenheit auch, um unser« freundschaftlichen Gefühle für da» österreichische Bolk

zum Ausdruck zu bringe«. Die deutsch« ReichSregie- rung und mit ihr das ganze Volk ist von dem Be­streben geleitet, dem österreichischen Volk seine warme Sympathie und tiefe Herzlichkeit zu bekun­den. Wir sind der Meinung, daß das österreichisch« Volk sich über diese Zwischenfälle, die von der Rr- glerung Dollfuß heraufbeschworen sind, sein« eigene Meinung machen wird.

40 Stunden in der GesSnsniszekle

Pg. Habicht berichtet über seine Hast

Im Anschluß an die Ausführungen des Ministers gab der Presseattache Habicht eine Darstellung von seiner Verhaftung und Ausweisung. Er erklärte, die Forderung seiner Verhaftung und Ausweisung sei schon seit Wochen von einer gewissen Presse in Wien jmmer wieder erhoben und als bevorstehend verkündet worden. Schon 24 Stunden vor seiner Verhaftung habe seine Wohnung unter kriminal- polizeilicher Bewachung gestanden. Am Dienstag in aller Frühe sei nun die Kriminalpolizei erschienen. Er habe den Beamten erklärt, daß seine Wohnung exterritorial sei, und infolgedessen nicht durchsucht werden könne. Die Beamten hielten dann noch ein­mal Rückfrage beim Bundeskanzleramt in Wien, das ihnen die Weisung erteilte, die Wohnung unter allen Umständen zu durchsuchen. Als Habicht unter Vor­zeigung des Diplomatenpasses sich weigerte, die Be­amten in seine Wohnung zu lassen, wurde die Tür von Schlossern erbrochen.

Die Beamten beschlagnahmten dann einige be­deutungslose Akten, die sie bei einer Durchsuchung an anderer Stelle schon einmal hatten liegen lassen. Morgens um 6 Uhr wurde Habicht dann aufgefor­dert, zur Polizeidirektion zu kommen. Habicht er­widerte, daß er hierzu keine Veranlassung habe. Die Beamten legten dann Hand an, worauf Habicht notgedrungen zur Polizeidirektion folge« mutzte. Dort wurde er, wie Habicht erklärt,

wie ein Landstreicher behandelt.

Man nahm ihm alles ab, einschließlich der Kra­

watte, damit er sich nicht aushänge. Bon den drei Insassen der Zelle, in die Habicht eingesperrt wurde, stand der eine unter der Anschuldigung von Eaus- exessen, der andere von RauHandels und der dritte von Landstreicherei.

Die Forderung Habichts, mit dem deutschen Ge­sandten in Wien in telephonische Verbindung zu treten, wurde erst 40 Stunden später kurz vor der Abreise genehmigt. Als die weiteren Proteste Ha­bichts nichts fruchteten, verweigerte er die Nah. rungsaufnahme. Im Verlaufe des Verhörs wur­den ihm die unsinnigsten Fragen gestellt, wie bei­spielsweise ob die Nationalsozialistische Parier in Oesterreich die Bombenanschläge veranlaßt habe usw. Am Mittwoch nachmittag wurde Habicht schließlich mitgeteilt, daß er ausgewiesen werden würde. Ueber den Weg, auf dem er abgeschoben würde, teilte man Habicht jedoch nichts mit, da nach den eigenen Aussagen der österreichischen Beamten Unruhe und Tumulte seitens der österreichischen Be- völkerung entstehen würden. Auch die Frau Ha­bichts würde über den Zeitpunkt und Weg der Ab­reise im Unklaren gelassen.

Habicht wurde danu aufgefordert, die Fahrt nach Passau in seinem eigenen Kraftwagen zu machen. Der Grund hierfür ist höchst bemerkenswert: Wenn einem Polizeiauto mit Habicht als Insasse« etwas passiert wäre, dann hätte man nachher sagen kön­nen, daß man einen

Fememord au Habicht hätte begehen wollen.

Habicht erklärte zuM Schluß, daß die Beamten in Linz wiederholt betont hätten, daß sie von sich aus niemals so gehandelt hätten, sondern alles auf Anweisung des Bundeskanzleramtes in Men ge- schehen sei.

Drei wettere NTDAV-Mheer mwgewiesen

Linz» 12. Juni. Der Führer der SA. Oesterreichs, Alfred Btgler, ist in Begleitung von zwei Kom- munalbeamten im eigenen Auto an die österreichische Grenze gebracht worden. Desgleichen wurden Dr. Gerhard WeYh und der Adjutant Siegfried Stet-

ner mit dem Linzer D.-Zug, ebenfalls in Begleitung von zwei Kommunalbemnten, zur Grenze befördert.

Das österreichische Volt ist empört

Demonstrationen gegen die Verhaftungen Mit gefälltem Bajonett gegen die Bevölkerung Wien, 1b. Juni. Die im Laufe des gestrigen Tage? in Wien und in zahlreichen weiteren Orten Oester­reichs erfolgten Verhaftungen nationalsozialistischer Führer und Parteiangehöriger haben in vielen Orten zu Kundgebungen geführt. Die Demonstranten san­gen nationalsozialistische Kampflieder und forderten in Sprechchören die Freilassung der Verhafteten.

Besonders lebhaft waren die Demonstrationen in Leoben, als bekannt wurde, daß ein Zug mit Ver­hafteten aus ganz Obersteiermark dort eintreffen würde, um sie in das Gefängnis einzuliefern. Es hat­ten sich auf dem Bahnhofsplatz große Menschenmen­gen angesammelt, die sich vollkommen ruhig verhielten.

Als eine Gendarmeriepatroullle mit aufgepflanz­tem Seitengewehr herankam, wurde sie mit Heil- Hitler- und Oesterreich-erwache-Rusen begrüßt. Dar­aus räumte

die Gendarmerie mit gefälltem Bajonett den Bahnhofsplatz und trieb die Menge, die das Deutschland-Lied und das Horst-Wrssel-Lied sang, über die Murbrücke zurück. Da sich die Menge immer wieder ansammelte, ging die Polizei mit Gummi­knüppeln und Gewehrkolben rücksichtslos vor. Auch eine Anzahl unbeteiligter Personen wurde verletzt.

(Fortsetzung Seite 2)

SenakspeMdent Vg. Dr. Martert zum TeeuhSndee der Arbeit ernannt

Berlin, 15. Juni Der Herr Reichskanzler hat auf Borschlag der Landesregierungen nachfolgende Persönlichkeiten zu Treuhändern der Arbeit ernannt:

1. Rechtsanwalt Dr. Graf von der Goltz für das Wirtschaftsgebiet Pommern.

2 Rechtsanwalt Dr. Nagel für daS Wirtschaftsgebiet Schlesien.

3. Johannes Engelfür das Wirtschafts­gebiet Brandenburg.

4. Oberregierungsrat Dr. Wiesel für daS Wirtschaftsgebiet Mitteldeuschland.

5^ Dr. Joseph Klein für das Wirt­schaftsgebiet Westfalen.

6. Wilhelm Börgerfür daS Wirtschafts­gebiet Rhenland.

7. Bürgermeister Dr. Martert für das Wirtschaftsgebiet Niedersachsen.

8. Senator Dr- Völtzer für das Wirt­schaftsgebiet Nordmark.

9. Hartmann für das Wirtschafts, gebiet Bayern.

19. Ministerialrat Hoppe für das Wirt schaftsgebiet Sachsen.

11- Dr. Kimm ich für das Wirtschaftsge­biet Südwestdeutschland.

12. Handelskammerpräfldent Dr. Lüerfür daS Wirtschaftsgebiet Hessen.

Frankreichs Manifest an Europa

Anno 1848.

Dir hohe Staatskunst, schlechtweg Politik genannt, besitzt die Eigentümlichkeit, alle geschichtlichen Tat­sachen zu vergessen, die ihr unangenehm sind, wenn ti gift, einen einmal vertretenen Standpunkt unter Umständen auch mit dem Nachdruck einer mehr oder «iuder zarten Gewaltanwendung zu verteidigen.

Die Franzosen werden daher dem Historiker nur denig Dank wissen, wenn er sie darüber belehrt, die wenig glaubwürdig der von ihnen vertretene Standpunkt ist, der ihnen heute als Loackitia «ine gu, Lau der europäischen Friedenspolitik erscheint. Denn der Historiker ist in der angenehmen Lage, nachzuweisen, daß gerade die Franzosen es waren, die unter ähnlichen Umständen, wie sie heute in bezug auf Deutschland Gültigkeit haben, gegen die FriedenSvorauSsetzungen des übrigen Europa Sturm Selaufen sind und eine Ueberprüfung der ihnen ver­faßt gewordenen Friedensverträge als eine Sache bes Rechtes und der Gerechtigkeit be­schneien.

Oder sollten die flammenden Worte, mit denen sich der französische Revolutionär Lamartine am b- März 1848 in seinem berühmt gewordenen, nun­mehr aber leider vergessenenManifest" an Europa »u die bessere Einsicht und das Gewissen der dama­ligen Machthaber gewendet hat, nur tönende Schlag- ^arte eines albernen Schwätzers gewesen sein? Die Pariser des Jahres 1848 waren anderer Ansicht, denn sie riefen ihm begeistert Beifall zu.

Aus diesem .Manifest an Europa" verdienen fol­gende Stellen herausgehoben zu werden, die ihre Mualität unter entsprechender Vertauschung der staatlichen Begriffe bis zum heutigen Tage nicht ''»gebüßt habenl

-->- Die französische Republik hat es nicht not- ^eudig, anerkannt zu werden. Sie besteht nach natürlichen und volkstümlichen Recht. Sie ist Wille eines großen Volkes, das seine Rechtfertigung von niemandem als sich selbst »»langt.

Die Verträge von 1815 bestehen in den Augen des st°uzöfischen Volkes nicht mehr mit rechtlicher »rast...

Aber wenn die Vertrage von 1815 nur noch als Sachen bestehen, die mit gemeinsamer Ueber- RuftüuNuug Wzuäudern find und wenn dir fran­

zösische Regierung laut erklärt, baß sie das Recht und die Aufgabe hat, aus anordnungsgemäßem und friedlichem Wege zu diesen Aenderungen zu gelangen, so sind die Besonnenheit, die Mäßigung, das Gewissen und die Klugheit der Republik vor­handen, und diese bieten Europa eine bessere und ehrenvollere Bürgschaft als der Buchstabe dieser Verträge, die es so oft verletzt oder verändert hat.

Diese Freisprechung der Republik von den Verträgen des Jahres 1815 trägt nichts in sich, was mit der Ruhe Europas unvereinbar wäre.

Die Republik hat bei ihrer Geburt drei Worte ausgesprochen! Freiheit, Gleichheit, Brü, derlichkeit... Der Sinn dieser Worte in ihrer Anwendung aus unsere auswärtigen Bezie­hungen ist folgender: Befreiung Frankreichs von den Ketten, die aus seinem Grundsatz und aus seiner Würde lasten. Wiedererlangung des Ranges, den es auf gleicher Höhe mit den großen europäischen Mächten einnehmen muß, endlich Er­klärung der Allianz und der Freundschaft mit allen Völkern. Wenn Frankreich das Bewußtsein seines Anteils an der freisinnigen und sittlichen Ausgabe dieses Jahrhunderts hat, so bedeutet kein einziges dieser drei Worte Krieg. Wenn Europa klug und gerecht ist, dann bedeutet jedes dieser drei Worte nichts anderes als Frieden...

Und die historischen Tatsachen, die den Schwärmer Larmatine solche Worte in den Mund legten? Dazu bedarf eS keiner anstrengenden wissenschaftlichen Aufklärungen. Seit Heinrich IV. hatte Frankreich eine.ausgesprochene Ausdehnungspolitik betrieben, deren Spitze hauptsächlich gegen Deutschland gerichtet war. Diese Ausdehnungspolitik fand in Napoleon ihren gewaltsamsten und unheimlichsten Ausdruck. Nachdem das aus zahllosen Wunden blutende Euro­pa den titanenhaften Eroberer endlich gedemütigt hatte, kamen die Völker im Jahre 1815 in Wien zu­sammen und schmiedeten einen Frieden zurecht, der die Grundlagen der politischen Verhältnisse bis 1870 bilden sollt«. Die allgemeine Friedenssehnsucht führte zur Schließung der heiligen Allinanz, die sich berufen fühlte, jede Neuerung und Aenderung im Keime zu ersticken. Europa glaubte berechtigt zu sein, von Frankreich, dem beständigen Ruhestörer Sicherheiten und Bürgschaften zu verlangen. Diese«

aber, obgleich ihm der Wiener Kongreß lange nicht so schwere und entwürdigende Bedingungen auferlegt hatte, wie etwa Versailles den Besiegten, sah «S als sein selbstverständliches Recht an, eine Aenderung der auf ihm lastenden Bestimmungen zu erringen, die eS als ein ihm zugefügtes Unrecht empfand. Frank­reich verlangte bedingungslose Gleichberechtigung, die eS als die einzige Säule des Friedens und der Ruhe in Europa betrachtete. Kaum hatt« die Fe- bruarrevolution das Bürgerkönigtum hinweggefegt.

daS noch genötigt gewesen war, Rücksichten zu neh­men auf die damals in Europa herrschende Stim­mung, als auch schon die junge Republik ihre laute Stimme erhob, um durch LamartineS Mund von Europa Recht und Gerechtigkeit zu verlangen.

Das war im Jahre 1848. Inzwischen aber haben sich die Ansichten der französischen Staatsmänner Wer dir Grundlagen der Ruhe und des Friedens in Europa wesentlich geändert, wie man aus den Tat- fachen der Gegenwart sieht.

Korruption in -er Demokratie

Bon Dr. W. Frank

Soeben erscheint in der Hanseatischen Der- lagSanstalt Hamburg von Dr. Walter Frank Demokratie und Nationalismus im Frankreich der dritten Republik". Dieses Werk, dar in seltenem Maße wissenschaftlich fundiert ist und dabei von dem heißen Atem des Lebens getra- gen wird, ist eine vernichtende Kritik der parla- mentarisch-Plutokratischen Demokratie. Mr ent- nehmen diesem spannungsreichen, lebendigen Buche folgenden Abschnitt.

Die Kompanie hatte dem Baron von Reinach ein Kapital von 3 015 000 Frankenfür Kosten der Pro­paganda und anderes" übergeben. Reinach schuf ein Reklame-Syndikat mit Gewinnanteilen. Die Grün­dung ermöglichte eine delikatere Form der Werbung. Der Baron trat in Aktion: Ein eleganter, mit blau- em Atlas ausgeschlagener Wagen fuhr durch Paris; heraus stieg Satan, der Versucher, in Gestalt eines dicken nachlässig gekleideten unsauberen, bärtigen Juden, vor dem im Palais Bourbon nicht nur die Huissiers sich neigten. Jaques Reinach konnte keine Unschuld leiden. An den großen Tagen im Theater und in der Opera strich er, in den feierlichen Abend, frack gezwängt, die Gardenia im Knopfloch, dicke Rings an den Fingern, durch die Kulissen und ver- folgte die hübschen Schauspielerinnen. So stellte er auch der Unschuld der Parlamentarier nach. Den Abgeordneten Duguö de la Faucvnnerie ereilte er auf den stillen Pfaden des Parks von Monceau, den kunstliebenden Antoin Proust in der Opkra im Ge­spräch mit der reizende» Paquita, den Senator Al- bert Grtvy auf dem Boulevard. Daguö de la Fan- connerie wurde mit 25 000 Franken am Syndikat beteiligt, Proust mit 20 000, Albert Grsvy, der dem Baron schon bei der Südbahn als Advokat gedient

hatte, mit 20000. Dieselbe Summe erhielt Lösn Renault, ehemaliger Polizeipräfekt von Paris, zuge- sichert, ferner die Abgeordneten Gobron, DevöS u. a. Die höchste Zahlung, 500 000 Franken, erhielt der ehemalige Ackerbauminister Barbe. Er war das Haupt der Parlamentarischen Gruppe derSocietL de Dynamits". Sie hatte im Jahre 1866 das Gesetz zu Fall gebracht. Jetzt ging sie in das Lager des Panama über.

Der Baron von Reinach vermochte nicht alle Ge­schäfte allein zu tätigen. Er hatte einen Gehilfen, der ihn an Geschick fast übertraf: Arton. Emile Aaron, der sich Arton nannte, war im Jahre 1849 in Straßburg geboren und hatte sich in Südamerika die Sporen des Geschäftsmannes erworben. Im Jahre 1885 kam er, begleitet von einer Dame, die er als seine Nichte vorzustellen liebte, noch Paris und eröffnete einen Kaffeehandel. Das Geschäft ging nicht. Eines Tages lies Arton dem Abgeord- neten Saint-Martin Wer den Weg. Saint-Martin, der junge Mann des Senators Naquet, sollte bald darauf von Arton bestochen werden. In diesem Augenblick aber sagte der erfolglose Kaffeehändler melancholisch dem Abgeordneten: ,Jch werde mich jetzt umbringen, ich bin am Ende meiner Geld- mittet". Mitleidig gab ihm Saint-Martin zwanzig Franken. Vor Gericht im Jahre 1897 hat er aus- gerufen:Oh, wie bedaure ich meine Handlungs­weise. Denn hätte ich ihn sich damals umbringen lassen, so wäre da» alle- nicht geschehen und ich stünde heute nicht hier!"

EainMartin tat noch mehr. Er empfahl Arton an seinen Gönner Naquet. Naquet erkannte die Intelligenz de» Rass«genossen. Er bracht« ihn bei

Die Ernennung des Treuhänders für das Wirtschaftsgebiet Ostpreußen wird in Kürze erfolgen.

Die Abgrenzungen der Wirtschaftsgebiete, die sich im wesentlichen mit den bisherigen Schlichterbezirken decken, sind durch eine Ver­ordnung des Reichsarbeitsministers im Ein­vernehmen mit dem ReichswirtschaflS» minister erfolgt. Die Verordnung wird im heutigen Reichsgesetzblatt veröffentlicht werden-

Die preuWryen LandwirMaftS- kammern mrfgelW

Berlin, 15. Juni. Wie der Amtliche Preußi­sche Pressedienst miteilt, hat das Preußische Staatsministerium die Auflösung der preußischen Landwirtschaftskammern beschlos­sen. Die zur Ausführung der Verordnung erforderlichen Bestimmungen erläßt der Land. wirtschaftsminister, der insbesondere auch die Kommissare einsetzt, die bis zur Konstituierung der neugewählten Kammern die Geschäfte führen. Die Neuwahlen zu den Land. Wirtschaftskammern werden beschleunigt durchgeführt werden.

derSociötö de Dynamits" unter, der er selbst an­gehörte. Vor Gericht konnte sich später zwischen dem Angeklagten Saint-Martin und dem Präsidenten folgende Unterhaltung entspinnen:Präsident: Was bedeutet denn der Brief, der hier im Dossier liegt und in dem Ihnen Naquet eine russische Dame empfiehlt, die Kokette werden möchte und die Sie lancieren sollten? (Heiterkeit). Saint-Martin: Die- ser Bries hat mit dem Panama doch nichts zu tun. Naquet, der sich in Ems langweilte wie eine tote Ratte, traf eines Tages, so schrieb er mir, eine kleine Frau, und da sie charmant war, bat er mich, sie nach Paris zu lotsen. Das ist alles!"

Ueber Arton teilte Saint-Martin dem Gericht zor- nig mit, daß dieser unter seine» Mätressen Gold und Silber nur so herumgestreut habe. Arton wider­sprach dem mit Haltung. Er sagte, die Angaben seien Wertrieben. Er habe seiner Mätresse, Frau Renez, 200 000 Franken testamentarisch gesichert, allerdings unter der Bedingung, daß er die Summe zu dringenden Geschäften doch verwenden dürfe; Frau Renez habe sie ihm auch gern zu einem Ge­schäft in Glyzsrin zur Verfügung gestllet.

Alfred Naquet hat sich, ebenso wie Saint-Martin, später nicht mehr erinnern können, von Arton Geld erhalten zu haben. Nach Artons Angaben hat Na­quet für die boulangistische Kasse 100 000 Franken angefordert und erhalten. Doch hat die Parteikasse nach Aussage des Grafen Dillon dieses Geld nie er- halten. Dagegen zahlten Naquet und seine Mätresse, Frau Rosty, um dieselbe Zeit je 50 000 Franken aus der Bank Rothschild ein. Mit viel Geist und Witz hat Arton vor Gericht im Jahre 1897 Naquet daran erinnert, wie er ihm die Summe selbst ins Haus ge- bracht habe; Naquet habe argwöhnisch gefragt: Sind es auch hundert?" Frau Rosty aber, die auf der Chaiselongue lag und eine Frau Combemale, die eben auch da war, seien an ihn, Arton, herange- treten, hätten den Geldpostillon an der Hand ge­nommen und gerufenArton ist ein Genie".

Im Gegensatz zum Baron, der allzubekannt war, arbeitete Arton auch direkt in den Wandelgängen der Kammer. Er war zum Katholizismus überge­treten, wirkte als Kassierer eines religiösen Vereins und war wegen seiner christlichen Mildtätigkeit be­kannt. Wenn er in derSolle des Pas Perus" er­schien, trug er im Knopfloch die Rosette Jsabellas der Katholischen und in der Tasche das Scheckheft. Mitunter begleitete ihn auch der Direktor Cottu b.si seinen Gängen undsie handelten um Abgeordnete wie um Dirnen in der Moulin Rouge",