Nr. 15«. I-hcg-ma 1933
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Bremen. Donnerstag, den 18. Juni 1933 Einzelpreis 1S Vlg.
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Bereits Meimmasverickie-endeiien in London
Die deutsche irationalslagge in Tirol verboten
Der österreichische Vresse-Attachs in Deutschland ausgewiesen
Berlin, 14. Juni. Der Leiter der Presseabteilung der Oesterreichischen Gesandtschaft in Berlin. Dr. Erwin Wasserbaeck, ist heute als Gegenmaßnahme gegen die Verhaftung des Presseattaches l» Meu, Habicht, aus dem deutschen Reichsgebiet ausgewiesen worden.
Der Bruch des Völkerrechts durch die österreichische Regierung dadurch, daß sie den der deut. schen Gesandtschaft in Wien als Presseattache zuge. Meu Reichstagsabgeordneten Habicht, der gleichzeitig Landesinspekteur der NSDAP. in Oester. «ich war, verhastet hat, hat
die deutsche ReichSregierung nun zu einer Gegenmaßnahme gezwungen,
nachdem trotz des eingelegten Protestes die Verhaftung Habichts und die Ankündigung seiner Aus- welsuug aus Oesterreich nicht rückgängig gemacht worden sind. Aus diesem Grunds ist der österreichischen Gesandtschaft in Berlin mitgeteilt worden, daß ihr Presseattache Dr. Wasserbaeck sofort das deutsche Reichsgebiet zu verlassen hat. Dr. Wasserbaeck wird umgehend aus Deutschland abgeschoben.
Wir erfahren dazu ergänzend folgendes: Der isterreichischen Regierung ist vor mehreren Wochen mitgeteilt worden, daß der Wg. Habicht als Presseattache der deutschen Gesandtschaft Wien zugeteilt Morden ist. Sie hat diese formale Notifikation ein- sach beiseite geschoben und sich dadurch
völkerrechtlich schwer ins Unrecht
gesetzt. Die österreichische Regierung hat weiter, während noch Verhandlungen über diesen Punkt zwischen den beiden Regierungen schwebten. Gewalt- maßnahmen gegen den deutschen Presseattache in Wien angewendet, indem sie durch Polizei sein Haus erbrechen und durchsuchen und Habicht in Haft nehmen ließ. Der Abgeordnete Habicht ist dabei in der unwürdigsten Weise behandelt und untergebracht worden, so daß er schließlich als Protest in den Hungerstreik trat. Obwohl die deutsche Gesandtschaft in Wien sofort schärfsten formalen Protest gegen die Verhaftung Habichts bei der österreichischen Bundesregierung eingelegt und darauf aufmerksam gemacht hat, daß man keinesfalls diese Verhaftung hinnehmen könne, hat die österreichische Regierung bisher nichts zur Bereinigung des Falles unternommen und insbesondere keine. Freilassung Habichts verfügt. Unter diesen Umständen blieb als einzige Antwort nur noch eine Gegenmaßnahme übrig, die nur darin bestehen konnte, daß der Presseattache der österreichischen Gesandtschaft in Berlin zum Verlassen des Reichsgebietes gezwungen wurde.
ES ist dabei noch daraus hinzuweisen, daß die Be- Handlung Dr. Wasserbaecks aus jeden Fall in konzilianteren und menschlicheren Formen erfolgt ist, als dl« des Abg. Habichts in Oesterreich.
Die amtliche Mitteilung
1. Dir österreichische Regierung hat sich völkerrechtlich schwer dadurch ins Unrecht grestzt, daß sie die in korrekter Weise gemachte formale Notifikation
über die Zuteilung des Herrn Habicht an die deutsche Gesandtschaft in Wien einfach beiseite geschoben hat.
2. Sie hat ein noch schwereres Unrecht da- durch begangen, daß sie, während noch die Aus- einandersetzung Über diese Frage mit der deutschen Regierung schwebt, mit Gewaltmaßnahme« (Haussuchung und Verhaftung) gegen den deutschen Presseattache Herrn Habicht vorgegangen ist.
3. Sie hat diese völkerrechtswidrige Maßnahme trotz wiederholten schärfsten Pro- testeS bisher in keiner Weise befriedigend bereinigt, insbesondere die Verhaftung noch nicht rückgängig gemacht.
4. Die deutsche Regierung hat unter diesen Umständen sich gezwungen gesehen, von der österreichi- schen Gesandtschaft zu verlangen, daß ihr Presseattache sofort das deutsche Reichsgebiet verläßt.
Dr. Wasserbaeck nach London versetzt Berlin, 14. Juni. Wie die „Telegraphen-Union" erfährt, wird der Presseattache der österreichischen Gesandtschaft, Dr. Wasserbaeck, Berlin im Laufe deS Donnerstag verlassen. Er ist nach London versetzt worden.
Habicht ausgewiesen
Wien, 14. Juni. Nach einer Mitteilung des Bundeskanzleramtes an die deutsche Gesandtschaft, ist Reichstagsabgeordneter Habicht in Begleitung von zwei Sicherheitsbeamten in seinem eigenen Auto heute von Linz an die Grenze nach Passau gebracht worden.
Dem gleichfalls der deutschen Gesandtschaft zuge- teilten Herrn CohrS, der in Wien in Hast ist, ist gestern abend der AuSweisungsbescheid zugegan- gen. Er hat hiergegen Berufung eingelegt, die für drei Tage aufschiebende Kraft hat.
Sesterreichischer Generalkonsul legt sein AM nieder
Karlsruhe» 14. Juni. Aus Grund der bekannten deutschfeindlichen Haltung der österreichische« Regierung Dollfuß hat der österreichische Generalkonsul für Baden, Menzlnger, sein Amt nieder- gelegt.
Rücktritt des chrlstllch-soziale» SalMrger Landeshauptmanns
Wien, 14. Juni. Der Landeshauptmann von Salzburg, Dr. Rrhrl, hat dem Vizekanzler Müller mitgeteilt, baß er sein Amt als Landeshauptmann von Salzburg niedergelegt und die Dienstgr» schäste bereits seinem Stellvertreter, dem Landes-
Hauptmanns-Stellvertreter Neureither, übergeben habe.
Den Grund für den Rücktritt Rehls bildet die Ernennung des Sicherheitsdirektors entsprechend den Beschlüssen des Ministerrats vom Dienstag, durch welche die Funktionen des Landeshauptmanns stark eingeschränkt sind.
Der Rücktritt des Landeshauptmanns Rehrl bildet bei der hervorragenden Stellung, die der Landeshauptmann innerhalb der Christlich-sozialen Partei einnimmt, den denkbar schärfsten Protest gegen die Innenpolitik der Regierung.
NiMlin gegen Gewalt
Die deutsch-österreichischen Beziehungen haben ain gestrigen Tage durch den ungeheuerlichen Verstoß der Regierung Dollfuß gegen die von allen Kulturvölkern anerkannten und innegehaltenen internationalen Rechtsgrundsätze über die Exterritorialität der Gesandtschaften eine neue schwerwiegende Belastungsprobe erfahren. Die deutsche Regierung war darauf gezwungen, als Antwort auf die widerrechtliche Verhaftung des Gesandschaftsattache Habicht nunmehr auch ihrerseits den Presseattache der österreichischen Regierung in Berlin, Dr. Wasserbaeck, aus dem Gebiet des Deutschen Reiches auszuweisen.
Am gleichen Tage hat der Bundeskanzler Dollfuß, also das Regierungsoberhaupt eines deutschen Staates, der nur durch das Zwangsdiktat von Versailles gewaltsam aus dem Verband des Deutschen Reiches ausgeschlossen blieb, und mit dem uns eine vierjährige Waffenbrüderschaft des Weltkriegs verbindet, sich an die Regierung eines fremden, ehemals zum Feindverband gehörigen Staates mit der Bitte um Vermittlung in den deutsch-österreichischen Streitigkeiten gewandt.
Ein unwürdigeres Schauspiel hat eine sich deutschblütig nennende Regierung der Welt wohl noch nie geboten, es sei denn, daß man diesen ganzen Verzweiflungskampf eines abgewirtschafteten Regimes gegen eine die Zukunft des deutschen Menschen bestimmende Staatsausfassung nicht schon als des deutschen Volkes unwürdig bezeichnen will.
Wie die Dinge heute in Oesterreich liegen, treiben sie zwangsläufig der Katastrophe zu. Eine von fremden, außerdeutschen Interessen gefangen gehaltene, Volksfremde Regierung erklärt die einzige sich restlos für das deutsche Volks- tum einsetzende und die großdeutschen Ziele verfolgende Freiheitsbewegung für staatsgesährlich und sie hat nicht einmal so unrecht, wenn diesem Ausdruck nur der richtige Sinn gegeben wird.
Allerdings ist der Nationalsozialismus die einzige Gefahr für diese Regierung, die sich heute noch einbildet, das österreichische Volk, das sich längst der umwälzenden Idee seines Blutsbruders Adolf Hitler zugewendet hat, zu vertreten. Allerdings sind auch wir der Ueberzeugung, daß diese Regierung an dieser Gefahr trotz aller Verhaftungen, Verbote und Zwangsmaßnahmen ebenso zu Grunde gehen wird, wie in Deutschland die ihr geistesverwandte und ebenfalls vom internationalen Marximus tolerierte und be
günstigte Regierung Brüning trotz ähnlicher Zwangsmaßnahmen vom Volke selbst hinweg
gefegt wurde.
Weil dieser alle Gegner niederrennende Sieg deS nationalen Sozialismus auch in Oesterreich nur noch eine Frage weniger Wochen, vielleicht weniger Tage sein kann, deswegen ist es um so mehr stir beklagen, daß durch die Methoden der „Dollfußler" Oesterreich in Gefahr gerät, diesen
Ein Ausruf des Wiener Gauleiters der rrssAv.
Wien, 14. Juni. Der Wiener Gauleiter der NSDAP., Frauenfeld, veröffentlicht einen Aufruf an die deutsche Bevölkerung Wiens, in dem er u. a. sagt:
Noch nie sei es wohl dagewesen, daß eine Partei zwar bestehe, aber ihre Führer wohl nicht verhaftet, sondern durch „Einvernahme" festgehalten werden, daß ferner ihre Heime und Kanzleien, die von Einzelpersonen oder anderen Vereinen nur zur Benutzung vermietet werden, versiegelt werden, und daß man dann noch von den Behörden an die wenigen in Freiheit befindlichen Führer das Ersuchen richtet, auf die Anhängerschaft beruhigend einzuwirken.
Der Ausruf verweist erneut darauf, daß
die NSDAP. den Vorgängen der letzten Tage gänzlich fernstehe
und sie nicht gutheiße. Die Geschehnisse seien anS den in den letzten Monaten in Oesterreich geschossenen Zuständen zu erklären. Da die Nationalsozialistische Partei diese-Zustände nicht geschossen habe, könnte sie auch nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Die heutige Lage Oesterreichs sei nicht zuletzt daraus entstanden, daß sich einzelne politische Parteien der Machtmittel des StaateS bedienten, um
SAwarz-weib-eot in Tirol verbottn
Innsbruck, 14. Juni. In Tirol nehmen die behördlichen Maßnahmen gegen jede Bekundung des nationalen Willens der Bevölkerung ihren Fortgang. So wurdne am Dienstag Gastwirte in Innsbruck, die nach dem Verbot der Hakenkreuzsahne mit schwarz- weiß-roten Fahnen geflaggt hatten, davon verständigt, daß daS
Aufhängen der deutschen Reichsfarben verboten
sei und daß die Fahnen eingezogen werden müßten. Wegen dieser Maßnahmen hat der deutsche Generalkonsul in Innsbruck nt- sprechende Schritte bet der Landesregierung in die Wege geleitet.
Gleichzeitig gehen die Verhaftungen in Tirol von nationalsozialistischen Funktionären weiter. In Innsbruck befinden sich zurzeit insgesamt 44 nationalsozialistische Führer und Funktionäre in Hast, gegen die
eine andere politische Partei (die NSDAP.) zu bekämpfen. Die Beschuldigung der Staatsseindlichkeit weise er als unbegründet zurück.
Der Gauletter wendet sich dann gegen die Meinung, daß eine Auflösung der Partei auch die der Bewegung zur Folge haben würde: Der Nationalsozialismus ist unabhängig von dem Umstand, ob sich seine Anhänger in einer Partei zusammengeschlossen haben oder nicht.
Ich weiß mich eines Sinnes mit den Besten deS deutschen Volkes in Oesterreich, wenn ich erkläre, der Kampf für die Lehre Adolf Hitlers ist unS Inhalt und Zweck unseres Lebens geworden. Das Ringen um die Erneuerung unseres Volkes auch in Oesterreich ist eine Mission, die wir mft ebensoviel Liebe wie Fanatismus erfüllen werden. Wir sind die Herolde einer großen Idee, die in Deutschland gesiegt hat und die in Oesterreich siegen wird und siegen muß, ganz gleich, ob man die Partei auslöst oder nicht. Unser Kamps geht weiter. Er wird erst enden in der Schassung des Heiligen Dritte« Deutschen Reiches, in der Erringung des Zieles: Ein Gott, ei« Führer, ein Volk und ein Reich. Bis dahin heißt die Parole: Mit Hitler für Oesterreich.
(gez.): A.E.Frauenfelb.
die Untersuchung, aber nicht im Zusammenhang mit dem Attentat auf Dr. Steidle, sondern wegen Hochverrats geführt wird. In Kufftein wurden neun nationalsozialistische Führer festgenommen. Weitere Verhaftungen erfolgten in Zillertal, in Hallein und im Qberinntal. Nach Kufftein wurde am Dienstag Militär gelegt-
Auch die Landes- und Gemeindcbeamten dürfen nicht der NSDAP. angehören
Wien, 14. Juni. Di Bundesregierung hat an die Landesregierungen die Aufforderung gerichtet, auch für die Landesbeamten und die Gemeindebeamten die Zugehörigkeit zur NSDAP. als unzulässig zu erklären. Die Kärntner Landesregierung hat bereits eine derartige Verfügung erlassen.
(Fortsetzung siehe Seite 2)
Wien. wie es weint und lacht...
Ein mizensiertee deutscher Brief
Wir verössentlichen hier einen sür die Lage und Stimmung in Wien sehr bezeichnenden Bries eines Wiener SA.-ManneS.
Wien, den 13. Juni 1S33. Torben ist unser Heim in Währing geschloffen Korden. Die Polizei kam sehr früh und war recht ärgerlich, denn sie ist seit der vergangenen Nacht »Ich! mehr in die Betten gekommen. Dafür lagen dir in den Betten und schliefen den Schlaf deS Gerechten.
DaS Anziehen ging langsam und umständlich vor sch. Eine Filmdiva kann auch nicht länger brauchen. DI« Hausbewohner taten uns leid, denn sie find es »och nicht gewöhnt, um sechs Uhr morgens alle Kampflieder der SA. der Reihe nach zu hören. Die kommende Nacht wird aber um so ruhiger sein... M wir zum Schluß das Horst-Weffel-Lied sangen, Meten sich die Hoffenster und wohl zwanzig Stimmen find in unseren Gesang eingefallen. Einige Poli- iisten standen aufrecht, die Hände an der Hosennaht 7° das und die anständigen Gesichter hat ihnen der Leutnant nicht verbieten können. Das Gesicht des Leutnants war lang und nicht ganz klug, aber er A es vor, den Mund nicht zu öffnen. Auf der ^i"che hatten sich schon einige hundert Menschen Emgefunden, eS war erstaunlich, wie schnell das Vng. Eine richtige Volksgemeinschaft stand da und M die Arme zum Gruß, als wir einzeln durch das traten, jeder sein Bündel unterm Arm. Nach Ä Almuten kam ein Bereitschastswagen. Fünf Minuten find eine lange Zeit. Die Hochrufe auf den D hEen laut durch die Straße, auch Herrn 7 °Lstiß ließen wir einige Male leben, wie er es eben ^rdtent, es reichte auch sür die erste Strovhe des simner Jungarbeiterliedes. Dann traten die Gummi- »uppel in Aktion. Wir wurden um die nächste üaßenecke getrieben, die Menge flüchtete in die ^mustore. Bürger im Schlafrock, Straßenbahn- Zier, Milchfrauen, Bäckerjungen und was so in ^ Stunde die Straßen belebt, drängten sich in
den Treppenhäusern und besprachen das Ereignis. Und als wir nach dem Abzug der Polizei wieder vor unserem Heim standen, kamen die Frauen mit Päckchen und Körben. Wir find sür die nächsten drei Tage mit Proviant versorgt. Auch Schlafstellen wurden unS angeboten.
Ein Hahnenschwänzler mit bunter Fantafieuniform und 40 PS.-Hornbrille marschierte vorbei, er trat laut auf das Pflaster und hatte schreckliche Angst vor der eigenen Courage. Als ihm die ersten Konservenbüchsen um den Schädel surrten, gingen wir hin und brachten ihn sicher um die Ecke. Er hat sich sehr freundlich bedankt und gesagt, daß wir ja alle das Gleiche wollten. Deshalb nahmen wir unS, der Gleichheit wegen, seinen Hahnenschwanz. Er gab ihn gerne, und Dummheit ist ja auch nicht strafbar.
Den Hahnenschwanz habe ich einem Mistwagenkutscher für 10 Zigaretten verkauft. Er hat ihn aus seiner Peitsche befestigt.
Die Wiener sind gar nicht wieder zu erkennen. Währing ist ja ein bürgerlicher Bezirk, da standen wir immer schon ganz gut da, denn die Schwarzgelben bleiben immer hübsch in ihren Häusern und machen die Politik von hintenherum. Aber am Vormittag sind wir nach Hernals hinübergezogen, das ist eine reine Arbeitergegend. Die Gehsteige waren schwarz von Menschen. In der Calvarienberggaffe, wo ein Markt mit viel Volk ist, ritt gerade Polizei eine Attacke. Sie kam schlecht vorwärts wegen der Buden, und die Verkäufer vergaßen das Verkaufen und warfen mit Orangen. Jetzt ist unser Bedarf auch darin gut gedeckt. Die Menschen kamen lachend, als die Polizei fort war und stopften uns die Früchte in die Taschen Diese Gegend war früher ganz sozial- demokratisch. Es ist wunderbar, wie schnell jetzt den Leuten die Lichter aufgehen. Sie fragen uns immerfort nach Deutschland, nach Hitler, nach der Arbeitsfront. Einer, der noch ein SPD.-Mitgliedsbuch in der Tasche hatte, hielt selbst einen Vortrag über die Standesgerichte, die im Reich jetzt geschaffen werden.
Er wußte viel mehr darüber, als ich und begeisterte die Umstehenden durch seine Ausführungen.
ES ist so wunderbar schön, daß wir das Beispiel des Reiches haben, das ist eine Propagandawelle, die wie eine Lawine über die Stadt geht. Wir haben in den letzten 3 Monaten mehr gewonnen, als in den vergangenen 3 Jahren. Die Menschen find rührend in ihrer Ehrlichkeit, daS find alles keine Konjunkturritter. Diese stecken sich den Hahnenschwanz an. In den Winkelgrafiken kaufen sie schlechte Buntdrucke vom Knaben Otto und seiner verehrten Frau Mama. Na, wohl bekomm'S . . .
Wir gehen nicht den ganzen Tag in der Stadt spazieren, einige haben ja auch noch ihre Arbeit. Sie können unsere Heime lange schließen und unsere Führer verhaften, unsere Disziplin ist nicht zu er- schüttern, und unser Wille wird nie erlahmen.
Wir bewundern die Kameraden im Reich, die dasselbe ausgestanden und überstanden haben, als sie nur ihre Hoffnung hatten. Wir haben ja viel mehr, als Hoffnung, wir haben Gewißheit. Herrliche Ge- wißheit. Wir könnten, wenn wir wollten, die Hände in den Schoß legen, der Dollfuß würde alles allein besorgen. Es ist für uns ein reines Vergnügen, vor den Zeitungsständen zu stehen, wo die „Stunde und der „Tag" aushängen, Blätter, die von den Tschechen bezahlt werden und die den Dollfuß nach Strich und Faden loben. Das Volk ist ganz einig in seinem Urteil, es ist schon schwer, den Wienern etwas vorzumachen.
Truppführer K. S., Standarte IV.
Das faschistische Rom von heute
Von Kuno Renatus.
Aus der sachkundigen Einführung in Gestalt und Leben des „Neuen Italien" von Kuno Renatus. Mit über 100 Abbildungen von Axel von Graefe. Verlag C. H. Beck, München, Wilhelmstraße.
Noch vor vier Jahren war der Eindruck der Innenstadt bestimmt von den ununterbrochen klingelnden Trambahnen, die sich den Weg durch die enge«, dicht-
gänger eng an die Häuserwände quetschend. Es war eine der radikalen Taten Mussolinis, daß er am 1. Januar IS30 die gesamten Trambahnen auS dem Stadtinneren hinauswarf und den Verkehr auf Autobusse übertrug, die ebenso schnell wie geräuschlos fahren.
Wollten wir weiter Rechenschaft darüber geben, wie sich der unmittelbare Druck verändert hat, so müßten wir untersuchen, wie eS zugegangen ist, daß Rom — ebenso wie andere itlienische Städte auch — eine recht saubere Stadt geworden ist. Wir müßten von Kanalisation und Trinkwasserversorgung sprechen, Dinge, die ebenso unscheinbar wie kostspielig sind, aber dem deutschen Leser nichts Neues besagen. Den Gegensatz zum Vorkriegsitalien be- zeichnet sehr deutlich die Einrichtung eines Bettlerheims, in dem 350 alte Bettler untergebracht sind; in der Tat ist das Betteln von den Straßen Roms ebenso vollkommen verschwunden wie die Prostitution.
Auch bei den zahlreichen Neubauten der Zivil- und Militärverwaltung — wie Justizministerium, Kor- porationsministerium u. a. — wollen wir hier nicht verweilen. Der architektonische Wert all dieser Neubauten ist begrenzt. Es war Mussolini bisher beim Bauen vor allem daran gelegen, daß es schnell gehe. Einen Bauplan langsam reifen zu lasten, bis die endgültige Lösung gefunden ist, liegt seinem Temperament nicht. Offenbar war das Gesühl stets, daß die dringendsten Aufgaben, um das vernachlässigte Land aus dem Gröbsten herauszuholen, so riesengroß seien, daß er sich um die Muse der Architektur nicht sonderlich kümmern könne. So sind manche dieser Bauten im typischen Bauamtsstil ausgeführt, der nichts Eigenes besagt. Immerhin stehen sie formal erheblich höher als die zahlreichen Neubauten, die in der neuen Stadt des Vatikans entstanden sind. Die neu- päpstliche Pinakothek ist ein peinlicher Rückfall in den schlimmsten StU der Kasinobauten italienischer Badeorte. — Auch ist zweifellos mit den Jahren der faschistischen Bauentwicklung ein deutlicher Fortschritt zu konstatieren. Das neue Korporations- ministerium ist ein angenehm zurückhaltender Bau, der in modernen Maßen gedacht ist. Eine bedeutende Anlage verspricht die ihrer Vollendung entgegen- gehende Clinica delle Luberculose zu werden, die den
Namen Mussolini trägt. Die Mittel für dieses in größten Dimensionen gehaltene Institut sind vom Genrealverband der Industrie zur Verfügung gestellt worden. Am charakteristischsten ist das riesenhafte Forum Mussolini mit der Hochschule für Leibesübungen. Während alle Verwaltungsgebäude nur der Arbeit des Tages dienen, regt sich bei diesem Forum mit seinen Koloffalstatuen der ausruhende Wille zur Repräsentation und Festlichkeit, und da ist es von tieferer Bedeutung, daß dieser erste Repräsentativbau, den sich der Faschismus nach einem Jahrzehnt angespanntesten Vordringens leistet, nicht ein Regierungspalast ist, nicht eine faschistische Kaserne, und auch nicht eine Universität, sondern daß er dem neuen Körpergefühl und der Gesundheit der Nation dienen soll. Man halte nicht entgegen, daß auch in anderen Ländern der Stadien genug gebaut worden sind. Das trifft nicht, denn man darf nicht vergessen, was dies in der Stadt des Heiligen Stuhles bedeutet, dem obersten Sitz der Kirche, die den Körper durch Jahrhunderte für ein zu verdeckendes Gefäß der Sünde erklärt hat.
Die Marmorstatuen der Arena wird mancher vielleicht zuerst zu kolossalisch finden und wird doch zugeben muffen, daß sie bei der Weiträumigkeit der Anlage nicht kleiner sein dürften. Der.Bau der Akademie selbst vermeidet an der Fassade alle Fensterbogen und Kurven und strebt mit seiner betonten Rechtwinkligkeit eine antikisierende Wirkung an. Durch die Heraushebung der marmooweißen Fenster- und Türumrahmungen vom roten Materialgrund wird die strenge Wirkung noch gesteigert. An ornamentaler Zutat findet sich nur das Rutenbündel, das auf die einfachste Form stilisiert ist. Der Ban ist der am weitesten vorgetriebene Versuch, zu einem „faschistischen Stil" zu gelangen. Die Unsicherheit ist noch deutlich, noch weiß man nicht recht, wie weit man klassischen Reminiszenzen nachgeben, wie weit man sich ihnen entgegenstellen soll. Wer warum soll man hier nicht weiter kommen? Im Grunde haben die Italiener es leichter als jedes andere Volk, von der modernen Sachlichkeit mit ihren auf die Horizontale gestellten Formen und von der Eisenbeton- technik aus den Anschluß an den Klassizismus zu finden, der diesen Formen im Grund« innewohnt,