M.15». Jahrgang I»s»
Verlag. Schristleitung und Geschäftsstelle: Papenstrahe 15. Speech- stunden der Schriftleitung: Montag bis Freitag 18 bis 19 Uhr. Fernsprecher: Domsheide 26051. — Die BNZ erscheint wöchentlich siebenmal als Worgenzeitnng und kostet monatlich ZU 2.30 frei Haus durch die Post zuzüglich 63 3h/ Bestellgeld.
Vremerr. VW'wsch. dsn 14. Frrrü 1S§3 Einzelpreis 18 Vtg.
Anzeigen: hiesige die 14 gespaltene mm-Zeile 0.10, auswärts 0.12; im Textteil Z/r 0.50, auswärts Ke 0.70; Stellengesuche und Familienanzeigen 0.06; sonstige kleine Anzeigen 00.8. Platz Vorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Betriebsstörung, Streik, Verbot usw. hat der Bezieher keinen Anspruch aus Rückzahlung d. Vezugspr.
öiemerNastonMriaWMe Zeitung
Dcrs ArntkÄw dos dorr Sreierr Brerasr^
Neurald in London
Wie-ergel«n-um -er -ensichen Wirtschaft
erste Voraussetzung
wurde zwar von Hüll in einer Privatunterredung I Jedenfalls steht fest, daß Hüll seine Erklärung mor- ensrgisch bestritten, seine Begründung aber, daß er gen nachholen wird.
zu müde gewesen sei, weil er schon gestern abend In der Bormittagssitzung sprachen noch die Vereine Rebe gehalten habe, findet wenig Glauben, j treter Südafrikas, Japans und Uruguays.
Sie Rede des deutschen Außenministers
Arbeitsbeginn bei der Wirtschaftskonferenz
tvtb. London, 13. Juni. Die Sitzung der Weltwirt- schastskonferenz begann heute mit einer Ermahnung des Präsidenten, Premierminister Macdonald, an einige säumige Delegierte, die sich „frivolerweise" zum EitzungSbsgtnn verspätet hatten. Er bat sie, sich in Zukunft größerer Pünktlichkeit zu befleißigen. Dann machte er Mitteilung von den Beschlüssen, die das Büro der Konferenz gestern gefaßt hat. Auch in ihnen tritt der Wunsch zutage, die Verhandlungen sich nicht iuS Uferlose verlausen zu lassen. So sollen für die allgemeine Debatte nur drei Sitzung-tage bewilligt '—
Dann legte
der französische Ministerpräsident Daladier
die Ansichten der französischen Regierung zu den Problemen der Weltwirtschaft, dar. Er erinnerte daran, daß eS auf der Welt mehr als 30 Millionen Arbeitslose gebe. Ueber die Weltwirtschaftskrise sei schon so viel geschrieben worden, daß selbst die riesigen Räume des Geologischen Museums, in denen die Konferenz stattfindet, nicht ausreichten, um alle diese Abhandlungen unterzubringen. Man müsse wieder den Menschen zum Herrn über die Maschine machen und dürfe nicht zulassen, daß die Maschine den Menschen beherrsche.
Daladier erklärte, man muffe die Freizügigkeit bet Goldes wiederherstellen, denn nur so könne man die Kämpfe auf dem Gebiete des internationalen Geldwesens beenden. Eine Entlastung des Arbeits- markteS könne herbeigeführt werden, wenn die 40- Etundenwoche international angenommen würde/
Der italienische Delegiert« Jung
betont«, daß erst das internationale Schuldenproblem gelöst werden müsse, ehe man an eine Erhöhung des internationalen Preisniveaus und an eine Begrenzung der Zollschranken herangehen könne. Ueber die Erhöhung des Preisniveaus dürfe lediglich im Zusammenhang mit dem Währungsproblem verhandelt werden. Eine Besserung der internationalen Wirt- schaftSverhältniffe könne nur durch eine tatsächliche Stabilisierung der Währungen erzielt werden.
Die emerilanische Erüürmrg in London verschoben
Eine Ueberraschung bedeutete eS, für die Welt- wirtschaftSkonferenz, daß der amerikanische Haupt- delegierte, Staatssekretär Cordell Hüll, der an erster Stelle auf der heutigen Rednerliste stand, nicht das Wort genommen hat. Die Annahme, daß er die amerikanische Erklärung wegen der noch nicht ge- «gelten britischen Schuldenzahlung verschoben hat,
In der Nachmittagssitzung. der Weltwirtschafts- konserenz sprach der Führer der deutschen Delegation, Außenminister Freiherr von Neurath. Nach Worten des Dankes an den englischen König und an die englische Regierung führte der Außenminister u. a. auS:
Wir erblicken in der Zusammenkunft der Regie, rungen aller Staaten der Erde den Vorteil; bet vorbehaltloser Darlegung der eigenen Schwierigkeiten für sie. Verständnis zu wecken. So wird man auf der Grundlage der wieder in Ordnung gebrach, ten nationalen Wirtschaften die Bausteine für die Verbindung mit den übrigen Völkern der Welt schaffen können.
Wir müssen uns jedenfalls auf den Standpunkt stellen, daß nur die richtige Einsicht in die Lage des um Wiedergesundung im eigenen Haus ringenden deutschen Volkes die zutreffende Einfiel- lung für die Wahl der Mittel geben kann, die erforderlich sind, um die Notlage bei uns zu meistern.
Für die Generaldebatte möchte ich den allgemein anerkannten und auch in den Bericht der Experten aufgenommenen volkswirtschaftlichen Grundsatz erneut betonen, daß internationale Schulde» letzten Endes nur durch Waren, und Dienstleistungen ab- getragen werden können. Dieser Grundsatz wird für uns bei der heutigen Lage der deutschen Wirtschaft den Ausgangspunkt bilden müssen. Nach unserer Auffassung werden die wirtschaftlichen und insbesondere die handelspolitischen Probleme erst dann einer Lösung zugeführt werden können, wenn man sich zuvor über die fundamentalen Grundsätze der Kredit- und Finanzsragen befriedigend verständigt hat.,
Die Welt hat bisher angenommen, daß bei allen diesen Problemen die Interessen der hier vertretenen Staaten nicht gleich liegen. In der Tat scheinen, wenn wir jedes der Probleme für sich ansehen, die Interessen gegensätzlich zu sein.
Wer diese Konferenz ist der schlagende Beweis dafür, daß es sich nur um scheinbare Gegensätze handelt. Die Industrie kann nicht loben» wenn die Landwirtschaft nicht lebt und umgekehrt, der Gläubiger kann nicht leben» wenn der Schuldner nicht lebt. Die Goldwährung hat keinen Sinn, wenn die Freizügigkeit des Goldes nicht gewähr
leistet ist. Nachdem diese Konserenz der lebendige
Ausdruck dieser Einsicht ist, werden wir auch den
Mut ausbringen müssen» die sich daraus ergebenden
Lösungen durchzuführen.
Freilich werden die Völker und Regierungen sich dazu nur durchringen» wenn das Vertrauen und ein friedliches und verständnisvolles Zusammenleben der Völker wiederhergestellt wird, wenn die großen politischen Aufgaben geregelt werden, die immer noch der Lösung harren.
Daß das andere politische Problem, um besten Lösung wir seit Jahren ringen» von dieser Konserenz nicht mehr gelöst werden konnte, war eine herbe Enttäuschung.
Die deutsche Regierung kann von sich sagen» daß sie ihr Teil dazu beigetragen hat, das Vertrauen wiederherzustellen. Selten wohl ist eine Regierungserklärung in der Welt mit gleicher Spannung erwartet worden, wse die kürzliche Erklärung des Reichskanzlers Hitler vor dem deutschen Reichstag.
Selten Wohl ist eine Regierungserklärung mehr geeignet. gewesen als diese» Beruhigung zu schassen und der Wiederkehr des Vertrauens die Wege zu ebnen.
Der Wert dieser Regierungserklärung kann nicht dadurch gemildert werden, daß gesagt wird, das sind Worte, wir wollen die Handlungen abwarten. Die deutsche Regierung hat gehandelt. Sie hat ihr volles Teil dazu beigetragen, um die große von staats- männische Weisheit eingegebene Initiative des italienischen Regierungschefs zu verwirklichen und den Pakt von Rom zu schaffen. Sie hat der Abrüstungskonferenz in Genf einen neuen Impuls gegeben, indem sie den Plan des Herrn Macdonalds als Grundlage der zukünftigen Konvention angenommen hat. Sie hat das getan, obwohl die Erfüllung der Versprechungen» auf die Deutschland eine» Anspruch hat, noch nicht sichtbar ist.
Vergessen wir nicht, daß ohne eine .Lösung der großen schwebenden politischen Fragen die Beratungen dieser Konferenz zu keinem befriedigenden Ergebnis führen können.
Private Zusammenkünfte in London
wtb. London» 13. Juni. Während die Weltwirtschaftskonferenz ihre öffentlichen Verhandlungen fortsetzt, finden eine Reihe von Zusammenkünften zwi
schen der verschiedenen Vertretern der Finanz und den Sachverständigen der Großmächte hinter verschlossenen Türen statt. Diese Beratungen betreffen die Kriegsschulden und die Währungsstabilisierung» die kurzfristigen und die langfristigen Anleihen Deutschlands.
Es verlautet, daß amerikanische und andere Finanzsachverständige mit dem neugebildeten Aus- schuß der britischen Gläubiger langfristiger deutscher Anleihen zusammengekommen sind, um über ette gemeinsame Politik zu verhandeln.
Vor wichtigen Erklärungen Chamberlains
wtb. London» 13. Juni. Baldwin teilte heute im Unterhaus mit, daß Schatzkanzler Chamberlain morgen aus der Weltwirtschaftskonferenz eine „äußerst wichtige Erklärung" abgeben werde, in der der Standpunkt der britischen Regierung allen Nationen der Well unterbreitet werde. Im Unterhaus begann heute eine Debatte über auswärtige Angelegenheiten, insbesondere die Frage der Schuldenzahlung an die Vereinigten Staaten.
Unterredung zwischen Schacht und Hormon
TU. London» 12. Juni. Reichsbankpcäsident Dr. Schacht hatte am Montag eine Unterredung mit Montague Norman, dem Gouverneur der Bank von England. Hierbei hat» soweit feststellbar, Montague Norman seinen deutschen Kollegen von dem Stand der zwischen England,, Frankreich und Amerika schwebenden Verhandlungen über die Stabilisierungsund vielleicht über die Kriegsschuldenfrage unterrichtet, während Dr. Schacht in Vorbereitung der am Dienstag in der Martins-Bank beginnenden Glaubt- gerverhandlungen die deutsche Schuldenfrage angeschnitten haben soll. Pressemeldungen zufolge hat auch der amerikanische Staatssekretär Hüll mit Dr. Schacht eine Unterredung gehabt.
Die Verhandlungen über die deutschen Stillhalteabkommen wurden heute in London mit einer allgemeinen Erörterung des deutschen Schuldenproblems eröffnet. Der , stärkste Widerstand dürfte nach wie vor nicht so sehr von englischer Seite, als von feiten der holländischen und Schweizer Vertreter kommen. Die englischen Kreise vertreten die Ansicht, daß es im Interesse des deutschen Kredites vor allem notwendig sei, den Zinsendienst aufrecht zu erhalten, sie wären jedoch andererseits zu Verhandlungen über die Höhe des Zinsendienstes bereit.
Anklageerhsbimg gegen Vrmmschwetger SlaMelmMrer
Braunschweig»12. Juni. In der Angelegenheit des Stahlhelm-Konfliktes in Braun- schweig vom 27. März 1933 wird der „Braun-
schweigischen Landeszeitung" mitgeteilt» datz dit Staatsanwaltschaft gegen die Stahlhelmsührer Schröder, Seidel, Nowack und Meine ck e sowie zwei Reichsbannersührer und sechs weitere Mitglieder des Reichsbanners Anklage erhoben hat. Gegen weitere sechs Stahlhelmmitglieder liege dringender Verdacht vor» den geschlossenen Eintritt von Reichsbannersorma- tionen in den Stahlhelm gebilligtundge- fördert zu haben und zwar unter ausdrücklicher Zusicherung gegenüber den Mitangeklagte« Reichsbannerführern» daß die Hundertschafte« des Reichsbanners anrh im Stahlhelm geschlossen bleiben sollten.
Sühne M die Ermordung emes GA.-MMnes
Schwere Zuchthausstrafen im Prozeß Thielsch
Berlin, 13. Juni. Im Prozeß wegen de< Tötung des SA.-Mannes Thielsch wurde der bei Begehung der Tat minderjährige Angeklagte Beil« s u ß wegen gemeinschaftlichen Mordes zu 1Ü Jahre» Gesängnis verurteilt, der Angeklagte Schoel wegen gemeinschaftlichen Totschlags zu 15 Jahren Zuchthaus. Beiden Angeklagten wurden die bürgerlichen Ehrenrechte aus 10 Jahre aberkannt. Die Angeklagten Behling und Hölzer erhielten wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Totschlag je eine Zuchthausstrafe von 6 Jahren. Beiden wurden die bürgerlichen Ehrenrechte aus S Jahre aberkannt.
Swafarrzelge gegen Dr. Mnlert
erftattet
Berlin, 13. Juni. Das neue Präs dium des Deutschen Städtetages hat gegen den früheren Präsidenten des Deutschen " tetages, Mnlert, Strafanzeige bei der atsan- waltschaft I erstattet. In der A ' wird Mnlert der Untreue bzw. des Bet u ies z«m Nachteil des Deutschen Städtetages beschuldigt.
Mnlert hatte fett dem Jahre 1931 einen Anspruch auf freie Dienstwohnung, oder, wenn er diese nicht beziehen wollte, auf Zahlung eines Wohnungsgeldes von 2500 RM. Er hat die Dienstwohnung nicht bezogen, sonder« ließ sich das Wohnungsgeld auszahlen. Obwohl er demnach über die Dienstwohnung kein Derfügungsrecht mehr hatte, soll er diese dennoch zu Bürozwecken vermietet haben und dafür eine jährliche Miete von 13000 RM. zwei Jahre lang bezogen haben. In der Anzeige wird Mnlert ferner vorgeworfen, daß er über Kredite, die dem Deutschen Städtetag eingeräumt waren, verfügt habe. Diese Anzeige wird zurzeit von der Staatsanwaltschaft I einer eingehenden Nachprüfung unterzogen.
Frankreichs Stellung in London
Daladier wird lavieren ...
Paris» 12. Juni. (Eigenbericht.)
Die Londoner Konferenz Kinn von Paris aus nur sehr skeptisch beurteilt werden. Es scheint festzustehen, daß die Hauptbeteiligten mit lauter verschiedenen Ideen nach London gegangen sind. Durch die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der einzelnen Staaten über die Krisen-Heilmittel wird die Verwirrung noch größer. Für Frankreich besteht außerdem, wie auf allen Konferenzen der letzten Zeit, »ö sie wirtschaftlich oder politisch waren, die Gefahr, sich einer Front der Unzufriedenen gegenüber -u befinden. Man fürchtet entschieden den starken Druck der übrigen Mächte auf Frankreichs Gold- mochtstellung. Die Franzosen wollen ungern die Rolle der von allen beneideten und deshalb schließlich angegriffenen ,cheati postidentes" spielen. Folglich wird die Haltung der französischen Abordnung wahrscheinlich im Zeichen der Abwehr unbequemer Vorschläge stehen. Frankreich wird versuchen, den anderen die Initiative zu nehmen. Nicht umsonst ist säst das ganze Kabinett an die Themse verlegt worden. Wo Unnachgiebigkeit nicht ausreicht, wird tnan ausweichen, stets in dem wohlweislichen Bestreben, keine Verantwortung für das Scheitern von Kombinationen zu übernehmen, die der Mehrheit vielleicht als rettender Weg vorschweben. Man hat sa bei den Verhandlungen um den Viermächtepakl tzesehen» daß die französische Methode Erfolg haben kann. Daladier hat eine gewisse Uebung, unbequemen Anträgen „die Zähne auszuziehen", weil er seit seinem Regierungsantritt nicht nur nach außen hin, sondern mindestens ebensosehr nach innen lavieren 2wß, um seine Ansichten durchsetzen zu können.
Die Goldreserven Frankreichs sind natürlich ein Machtmittel in der Stellung der französischen Abordnung in London, aber man wird es wahrscheinlich vermeiden, dieses Machtmittel so stark cmzuwen- ^n, daß man schließlich auf weiter Flur allein «leibt. Der Goldstandard ist der Ansang und das »nde des französischen Programms. Frankreich will, «ch die Länder, die dem Goldstandard bisher treu
geblieben sind, ihn auch weiterhin beibehalten und die Freiheit der Goldbewegüng aufrechterhalten. Einschränkende Bestimmungen werden gemißbilligt. Diejenigen Länder, die den Goldstandard ausdrück- lick verlassen haben, will man dazu veranlasse», ihre Währungen zu stabilisieren und denjenigen Ländern, die theoretisch am Goldstandard festhalten, deren Währungen aber praktisch abgerutscht sind und nur durch Zwangsmaßnahmen gehalten werden, Will man anraten, eine Umstabilisierung vorzunehmen. Wohl- gemerkt lehnt die französische Regierung aber eine allgemeine Entwertung der Währungen ab, weil sie sich vor einer. Inflation fürchtet. Eine Neuverteilung des Goldes vom grünen Tisch lehnt man in Paris ab, macht aber eine Ausnahme für den Fall, daß das Gold von selbst wieder in die Weltwirtschaftskanäle strömt, nachdem durch allgemeine Zusammenarbeit entsprechende wirtschaftliche Vorbedingungen geschaffen sind. Man wird aber auch in diesem angenommenen Fall internationale Maßnahmen sor- dern, um ein zu schnelles Abströmen des Goldes aus Frankreich zu verhindern.
Es ist anzunehmen, daß Frankreich gleich zu Beginn der Ksnserenz gewisse Zusicherungen in der Währungsfrage verlangen wird, da hier die Grundlage seiner Politik liegt. Um eine Einigung in der Währungssrage zu erleichtern, dürfte man das leidige Schuldenproblem zurückstellen. ,
In der Preisfrage ist Frankreich bereit, eine Steigerung mitzumachen, aus dem einfachen Grunde, weil Frankreich natürlich hohe Preise hat und es vorzieht, daß die Weltmarktpreise anziehen, statt etwa selbst heruntergehen zu müssen. Durch eine Preissteigerung auf dem Weltmarkt würde Frankreich eher zu einer Besserung seiner Handelsbilanz kommen können, als unter den gegenwärtigen Preisverhält- niffen, und man darf nicht vergessen, daß Frankreich in den letzten drei Jahren zusammen etwa 40 Milliarden Franken an Einfuhrüberschuß aus Ausland abgegeben hat. Dazu kommt in der letzten Zeit ein empfindlicher Rückgang des Fremdenverkehrs,
der sich in der Zahlungsbilanz auswirkt. Am bereitwilligsten wird Frankreich sich zu einer Verständigung über die landwirtschaftliche Erzeugung zeigen, weil die Lage der französischen Landwirtschaft durch Preissturz und Absatzverminderung so gefährdet ist, daß aus der Provinz immer wieder ernste Ausschreitungen gemeldet werden. Man befürchtet, daß das gegenwärtige Regierungssystem eines Tages von der Seite angegriffen werden kann, und wird daher alles tun, um Whilse zu schassen.
Das Arbeitslosenproblem steht für Frankreich natürlich nicht so sehr im Vordergrund, wie für die anderen Mächte, weil Frankreich noch eine bedeutende Anzahl ausländischer Arbeitskreise beschäftigt und einen Ausgleich dort herbeiführen kann. Für ein großzügiges Programm internationaler öffent- licher Arbeiten liegt aber entschieden ein Interesse vor, weil man annimmt, daß französische Ingenieure und sonstige Fachleute dabei Beschäftigung finden können und weil man außerdem Arbeiten vorschlagen wird, die für Frankreich von großer Bedeutung sind, wie zum Beispiel in Afrika. Ueber die Finanziern» gdieser Arbeiten ist man sich nicht im klaren. Es scheint, daß ein englischer Vorschlag, hie Golddeckung allgemein auf 25 v. H. herabzusetzen und die überschüssigen Goldvorräte an ein zu gründendes internationales Bankkonsortium abzuführen, das die Aufgabe haben sollte, die internationalen öffentlichen Arbeiten zu finanzieren, nicht sehr günstig ausgenommen worden ist. '
In der Frage des Zollwasfenstillstandes ist man bisher sehr zurückhaltend gewesen, weil man sich gegen eine Uebervorteilung durch diejenigen Staaten sichern möchte, die ihre Währung weiter abgleiten lassen. Aus. dem gleichen Grunde ist man auch viel eifriger bemüht, Frankreichs die Tariffreiheit wiederzugeben, statt etwa das Kontingentssystem auszubauen. Der Kammer liegen bereits zwei Ge- setzesentwürfe vor, von denen der eine die Regierung ermächtigt, durch Verfügung ausnahmsweise und befristete Zollzuschläge zu erheben, und der zweite der Regierung besondere zoPpolitische Vollmachten für die Fälle erteilt, in denen bestimmt« Kontingente aufgehoben oder neu bemessen werden sollen. Diese Vorschläge bedeuten ein Entgegenkommen an diejenigen Parlamentarier, die schon
seit geraumer Zeit Ausnahmevollmachten für die Regierung auf zollpolitischem und Wirtschaftlichem Gebiete verlangen.
Frankreich wird in London schwanken zwischen der auch von Daladier vertretenen Erkenntnis, daß es sich eine Vereinsamung auch in wirtschaftlicher Hinsicht nicht leisten könne, und der Furcht der ewigen Neinsager, daß Frankreich die Kosten der „Liquidation der Weltkrise" allein zu tragen haben würde.
Polen in einer Front mit Frankreich
Warschau, 12. Juni. (Eigenbericht.)
Die polnische Presse hat durchweg und von vornherein der Weltwirtschaftskonferenz in London weitgehendste Skepsis entgegengebracht. Nicht zuletzt ist diese Skepsis auf einen Psychologischen Grund zurückzuführen, der darin besteht, daß man sich hierzulande über die völlig untergeordnete Rolle, die Polen in London zu spielen haben wird, keinen Täuschungen hingibt. Und darum ist Polen in höchstem Maße darüber besorgt, daß in London Entscheidungen fallen, die der polnischen Wirtschaftspolitik, die vor allen Dingen auch hier von der alles überragenden Sorge um die „staatliche Unabhängigkeit" beherrscht wird, zuwiderlaufen könnten.
Die Polnische Wirtschaftspolitik ist bislang recht eigene Wege gegangen, die schließlich zu einer empfindlichen Isolierung auch auf wirtschaftlichem Gebiete geführt haben. Der katastrophale Rückgang der Handelsumsätze Polens, die Senkung des Bedarfs der Bevölkerung, die in Europa vielleicht einzig dasteht, und die völlige Aussichtslosigkeit auf ausländische Kredite sind die hauptsächlichsten Folgen dieser Isolierung. Nach der Handelsbilanz im Jahre 1932 entfallen auf den Kopf der Bevölkerung kaum 61 Zloty des gesamten Handelsverkehrs. Die Polnische Wirtschaftspolitik der letzten Jahre war von zwei grundsätzlichen Bestrebungen geleitet, von der Sorge um die Aufrechterhaltung der Währung und um die Aktivität der Handelsbilanz. Das letztere wurde vor allen Dingen durch die die Einfuhr drosselnden Zollmaßnahmen zu erreichen gesucht. Der neue Zolltarif, der im November dieses Jahres in Kraft treten soll und der einen klassisch-protektio-
nistischen Charakter trägt, soll diese Bestrebungen krönen. Indes läßt schon der Charakter der polnischen Abordnung für die Londoner Wirtschaftskonferenz, namentlich die Person des Führers, Oberst Koc, die Annahme nicht unberechtigt erscheinen, daß die weitgehenden Forderungen, mit denen Polen nach London gegangen ist, eher politischer als wirtschaftlicher Natur zu sein scheinen.
Die Grundforderungen Polens gipfeln nämlich in dem Verlangen nach Streichung der Kriegsschuld und Trennung des Abrüstungsproblems von der Schuldenfrage. Durch diese Forderung stellt sich Polen in eine Front mit Frankreich, vor ollen Dingen gegen Amerika. Während Amerika die Regelung der Schuldenfrage von dem Fortschritt der Abrüstungskonferenz abhängig macht, hält Polen nach; wie vor an dem französischen Machtgrundsatz fest: zuerst Sicherheit, dann Abrüstung. Das größte Interesse Polens konzentriert sich daher auf die Streichung der Kriegsschulden, zumal die gegenwärtige Finanzlage des Staates dies in höchstem Maße erforderlich erscheinen läßt. Zur Deckung der polnischen Auslandsschulden, die zu 9b v. H. aus Kriegsschulden bestehen und an denen Amerika den größten Anteil hat, ist nach Berechnungen eines polnischen Wirtschaftspolitikers ein jährlicher Ausfuhrüberschuß von 400 Millionen Zloty erforderlich. Indessen weisen die letzten beiden Monate April und Mai einen Ueberschuß von kaum 14 Millionen Zloty auf. Und so hat die polnische Presse schon lange vor dem Beginn der Weltwirtschaftskonferenz in London besonders gegen die Kriegsschuld an Amerika in schärfster Weise Stellung genommen. Die Bestrebungen gingen vor allen Dingen dahin, die amerikanischen Forderungen aus Abzahlung der Kriegsschuld als moralisch völlig unberechtigt zu bekämpfen. Angeblich habe Amerika, so hieß es, seinerzeit nur minderwertige Ware zu ungerechtfertigt hohen Preisen geliefert und das Kriegsmaterial, welches Polen verkauft wurde, sei den Demobilisierungsbeständen entnommen worden. Durch den neuen Zolltarif, mit dem für das Scheitern der Londoner Wirtschaftskonferenz schon eifrig vorgesorgt wurde, hat Polen seine grundsätzliche Einstellung gegen Zollabrüstung, 'eines der wichtigsten Punkte d" Konserenz, zum Ausdruck gebracht,