Ausgabe 
(14.6.1933) Nr. 155
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M.15». Jahrgang I»s»

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Neurald in London

Wie-ergel«n-um -er -ensichen Wirtschaft

erste Voraussetzung

wurde zwar von Hüll in einer Privatunterredung I Jedenfalls steht fest, daß Hüll seine Erklärung mor- ensrgisch bestritten, seine Begründung aber, daß er gen nachholen wird.

zu müde gewesen sei, weil er schon gestern abend In der Bormittagssitzung sprachen noch die Ver­eine Rebe gehalten habe, findet wenig Glauben, j treter Südafrikas, Japans und Uruguays.

Sie Rede des deutschen Außenministers

Arbeitsbeginn bei der Wirtschaftskonferenz

tvtb. London, 13. Juni. Die Sitzung der Weltwirt- schastskonferenz begann heute mit einer Ermahnung des Präsidenten, Premierminister Macdonald, an einige säumige Delegierte, die sich „frivolerweise" zum EitzungSbsgtnn verspätet hatten. Er bat sie, sich in Zukunft größerer Pünktlichkeit zu befleißigen. Dann machte er Mitteilung von den Beschlüssen, die das Büro der Konferenz gestern gefaßt hat. Auch in ihnen tritt der Wunsch zutage, die Verhandlun­gen sich nicht iuS Uferlose verlausen zu lassen. So sollen für die allgemeine Debatte nur drei Sitzung-tage bewilligt '—

Dann legte

der französische Ministerpräsident Daladier

die Ansichten der französischen Regierung zu den Problemen der Weltwirtschaft, dar. Er erinnerte daran, daß eS auf der Welt mehr als 30 Millionen Arbeitslose gebe. Ueber die Weltwirtschaftskrise sei schon so viel geschrieben worden, daß selbst die riesi­gen Räume des Geologischen Museums, in denen die Konferenz stattfindet, nicht ausreichten, um alle diese Abhandlungen unterzubringen. Man müsse wieder den Menschen zum Herrn über die Maschine machen und dürfe nicht zulassen, daß die Maschine den Menschen beherrsche.

Daladier erklärte, man muffe die Freizügigkeit bet Goldes wiederherstellen, denn nur so könne man die Kämpfe auf dem Gebiete des internationalen Geldwesens beenden. Eine Entlastung des Arbeits- markteS könne herbeigeführt werden, wenn die 40- Etundenwoche international angenommen würde/

Der italienische Delegiert« Jung

betont«, daß erst das internationale Schuldenproblem gelöst werden müsse, ehe man an eine Erhöhung des internationalen Preisniveaus und an eine Begren­zung der Zollschranken herangehen könne. Ueber die Erhöhung des Preisniveaus dürfe lediglich im Zu­sammenhang mit dem Währungsproblem verhandelt werden. Eine Besserung der internationalen Wirt- schaftSverhältniffe könne nur durch eine tatsächliche Stabilisierung der Währungen erzielt werden.

Die emerilanische Erüürmrg in London verschoben

Eine Ueberraschung bedeutete eS, für die Welt- wirtschaftSkonferenz, daß der amerikanische Haupt- delegierte, Staatssekretär Cordell Hüll, der an erster Stelle auf der heutigen Rednerliste stand, nicht das Wort genommen hat. Die Annahme, daß er die amerikanische Erklärung wegen der noch nicht ge- «gelten britischen Schuldenzahlung verschoben hat,

In der Nachmittagssitzung. der Weltwirtschafts- konserenz sprach der Führer der deutschen Delega­tion, Außenminister Freiherr von Neurath. Nach Worten des Dankes an den englischen König und an die englische Regierung führte der Außenmini­ster u. a. auS:

Wir erblicken in der Zusammenkunft der Regie, rungen aller Staaten der Erde den Vorteil; bet vorbehaltloser Darlegung der eigenen Schwierig­keiten für sie. Verständnis zu wecken. So wird man auf der Grundlage der wieder in Ordnung gebrach, ten nationalen Wirtschaften die Bausteine für die Verbindung mit den übrigen Völkern der Welt schaffen können.

Wir müssen uns jedenfalls auf den Standpunkt stellen, daß nur die richtige Einsicht in die Lage des um Wiedergesundung im eigenen Haus rin­genden deutschen Volkes die zutreffende Einfiel- lung für die Wahl der Mittel geben kann, die er­forderlich sind, um die Notlage bei uns zu mei­stern.

Für die Generaldebatte möchte ich den allgemein anerkannten und auch in den Bericht der Experten aufgenommenen volkswirtschaftlichen Grundsatz er­neut betonen, daß internationale Schulde» letzten Endes nur durch Waren, und Dienstleistungen ab- getragen werden können. Dieser Grundsatz wird für uns bei der heutigen Lage der deutschen Wirtschaft den Ausgangspunkt bilden müssen. Nach unserer Auffassung werden die wirtschaftlichen und insbeson­dere die handelspolitischen Probleme erst dann einer Lösung zugeführt werden können, wenn man sich zuvor über die fundamentalen Grundsätze der Kredit- und Finanzsragen befriedigend verständigt hat.,

Die Welt hat bisher angenommen, daß bei allen diesen Problemen die Interessen der hier vertretenen Staaten nicht gleich liegen. In der Tat scheinen, wenn wir jedes der Probleme für sich ansehen, die Interessen gegensätzlich zu sein.

Wer diese Konferenz ist der schlagende Beweis dafür, daß es sich nur um scheinbare Gegensätze handelt. Die Industrie kann nicht loben» wenn die Landwirtschaft nicht lebt und umgekehrt, der Gläubiger kann nicht leben» wenn der Schuldner nicht lebt. Die Goldwährung hat keinen Sinn, wenn die Freizügigkeit des Goldes nicht gewähr­

leistet ist. Nachdem diese Konserenz der lebendige

Ausdruck dieser Einsicht ist, werden wir auch den

Mut ausbringen müssen» die sich daraus ergebenden

Lösungen durchzuführen.

Freilich werden die Völker und Regierungen sich dazu nur durchringen» wenn das Vertrauen und ein friedliches und verständnisvolles Zusammenleben der Völker wiederhergestellt wird, wenn die großen politi­schen Aufgaben geregelt werden, die immer noch der Lösung harren.

Daß das andere politische Problem, um besten Lösung wir seit Jahren ringen» von dieser Konserenz nicht mehr gelöst werden konnte, war eine herbe Ent­täuschung.

Die deutsche Regierung kann von sich sagen» daß sie ihr Teil dazu beigetragen hat, das Vertrauen wieder­herzustellen. Selten wohl ist eine Regierungserklä­rung in der Welt mit gleicher Spannung erwartet worden, wse die kürzliche Erklärung des Reichskanz­lers Hitler vor dem deutschen Reichstag.

Selten Wohl ist eine Regierungserklärung mehr ge­eignet. gewesen als diese» Beruhigung zu schassen und der Wiederkehr des Vertrauens die Wege zu ebnen.

Der Wert dieser Regierungserklärung kann nicht dadurch gemildert werden, daß gesagt wird, das sind Worte, wir wollen die Handlungen abwarten. Die deutsche Regierung hat gehandelt. Sie hat ihr volles Teil dazu beigetragen, um die große von staats- männische Weisheit eingegebene Initiative des italienischen Regierungschefs zu verwirklichen und den Pakt von Rom zu schaffen. Sie hat der Ab­rüstungskonferenz in Genf einen neuen Impuls gegeben, indem sie den Plan des Herrn Macdonalds als Grundlage der zukünftigen Konvention angenom­men hat. Sie hat das getan, obwohl die Erfüllung der Versprechungen» auf die Deutschland eine» An­spruch hat, noch nicht sichtbar ist.

Vergessen wir nicht, daß ohne eine .Lösung der großen schwebenden politischen Fragen die Beratun­gen dieser Konferenz zu keinem befriedigenden Er­gebnis führen können.

Private Zusammenkünfte in London

wtb. London» 13. Juni. Während die Weltwirt­schaftskonferenz ihre öffentlichen Verhandlungen fort­setzt, finden eine Reihe von Zusammenkünften zwi­

schen der verschiedenen Vertretern der Finanz und den Sachverständigen der Großmächte hinter ver­schlossenen Türen statt. Diese Beratungen betreffen die Kriegsschulden und die Währungsstabilisierung» die kurzfristigen und die langfristigen Anleihen Deutschlands.

Es verlautet, daß amerikanische und andere Finanzsachverständige mit dem neugebildeten Aus- schuß der britischen Gläubiger langfristiger deutscher Anleihen zusammengekommen sind, um über ette ge­meinsame Politik zu verhandeln.

Vor wichtigen Erklärungen Chamberlains

wtb. London» 13. Juni. Baldwin teilte heute im Unterhaus mit, daß Schatzkanzler Chamberlain mor­gen aus der Weltwirtschaftskonferenz eine „äußerst wichtige Erklärung" abgeben werde, in der der Standpunkt der britischen Regierung allen Nationen der Well unterbreitet werde. Im Unterhaus begann heute eine Debatte über auswärtige Angelegenheiten, insbesondere die Frage der Schuldenzahlung an die Vereinigten Staaten.

Unterredung zwischen Schacht und Hormon

TU. London» 12. Juni. Reichsbankpcäsident Dr. Schacht hatte am Montag eine Unterredung mit Montague Norman, dem Gouverneur der Bank von England. Hierbei hat» soweit feststellbar, Montague Norman seinen deutschen Kollegen von dem Stand der zwischen England,, Frankreich und Amerika schwebenden Verhandlungen über die Stabilisierungs­und vielleicht über die Kriegsschuldenfrage unter­richtet, während Dr. Schacht in Vorbereitung der am Dienstag in der Martins-Bank beginnenden Glaubt- gerverhandlungen die deutsche Schuldenfrage ange­schnitten haben soll. Pressemeldungen zufolge hat auch der amerikanische Staatssekretär Hüll mit Dr. Schacht eine Unterredung gehabt.

Die Verhandlungen über die deutschen Stillhalte­abkommen wurden heute in London mit einer allge­meinen Erörterung des deutschen Schuldenproblems eröffnet. Der , stärkste Widerstand dürfte nach wie vor nicht so sehr von englischer Seite, als von feiten der holländischen und Schweizer Vertreter kommen. Die englischen Kreise vertreten die Ansicht, daß es im Interesse des deutschen Kredites vor allem not­wendig sei, den Zinsendienst aufrecht zu erhalten, sie wären jedoch andererseits zu Verhandlungen über die Höhe des Zinsendienstes bereit.

Anklageerhsbimg gegen Vrmmschwetger SlaMelmMrer

Braunschweig»12. Juni. In der Ange­legenheit des Stahlhelm-Konfliktes in Braun- schweig vom 27. März 1933 wird der „Braun-

schweigischen Landeszeitung" mitgeteilt» datz dit Staatsanwaltschaft gegen die Stahlhelmsührer Schröder, Seidel, Nowack und Mei­ne ck e sowie zwei Reichsbannersührer und sechs weitere Mitglieder des Reichsbanners Anklage erhoben hat. Gegen weitere sechs Stahlhelm­mitglieder liege dringender Verdacht vor» den geschlossenen Eintritt von Reichsbannersorma- tionen in den Stahlhelm gebilligtundge- fördert zu haben und zwar unter ausdrück­licher Zusicherung gegenüber den Mitangeklagte« Reichsbannerführern» daß die Hundertschafte« des Reichsbanners anrh im Stahlhelm geschlossen bleiben sollten.

Sühne M die Ermordung emes GA.-MMnes

Schwere Zuchthausstrafen im Prozeß Thielsch

Berlin, 13. Juni. Im Prozeß wegen de< Tötung des SA.-Mannes Thielsch wurde der bei Be­gehung der Tat minderjährige Angeklagte Beil« s u ß wegen gemeinschaftlichen Mordes zu 1Ü Jahre» Gesängnis verurteilt, der Angeklagte Schoel wegen gemeinschaftlichen Totschlags zu 15 Jahren Zucht­haus. Beiden Angeklagten wurden die bürgerlichen Ehrenrechte aus 10 Jahre aberkannt. Die Angeklag­ten Behling und Hölzer erhielten wegen Bei­hilfe zum gemeinschaftlichen Totschlag je eine Zucht­hausstrafe von 6 Jahren. Beiden wurden die bür­gerlichen Ehrenrechte aus S Jahre aberkannt.

Swafarrzelge gegen Dr. Mnlert

erftattet

Berlin, 13. Juni. Das neue Präs dium des Deutschen Städtetages hat gegen den früheren Präsidenten des Deutschen " tetages, Mnlert, Strafanzeige bei der atsan- waltschaft I erstattet. In der A ' wird Mnlert der Untreue bzw. des Bet u ies z«m Nachteil des Deutschen Städtetages beschuldigt.

Mnlert hatte fett dem Jahre 1931 einen Anspruch auf freie Dienstwohnung, oder, wenn er diese nicht beziehen wollte, auf Zahlung eines Wohnungsgeldes von 2500 RM. Er hat die Dienstwohnung nicht bezogen, sonder« ließ sich das Wohnungsgeld auszahlen. Ob­wohl er demnach über die Dienstwohnung kein Derfügungsrecht mehr hatte, soll er diese dennoch zu Bürozwecken vermietet haben und dafür eine jährliche Miete von 13000 RM. zwei Jahre lang bezogen haben. In der An­zeige wird Mnlert ferner vorgeworfen, daß er über Kredite, die dem Deutschen Städtetag eingeräumt waren, verfügt habe. Diese An­zeige wird zurzeit von der Staatsanwalt­schaft I einer eingehenden Nachprüfung unter­zogen.

Frankreichs Stellung in London

Daladier wird lavieren ...

Paris» 12. Juni. (Eigenbericht.)

Die Londoner Konferenz Kinn von Paris aus nur sehr skeptisch beurteilt werden. Es scheint festzu­stehen, daß die Hauptbeteiligten mit lauter verschie­denen Ideen nach London gegangen sind. Durch die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der einzelnen Staaten über die Krisen-Heilmittel wird die Ver­wirrung noch größer. Für Frankreich besteht außer­dem, wie auf allen Konferenzen der letzten Zeit, »ö sie wirtschaftlich oder politisch waren, die Ge­fahr, sich einer Front der Unzufriedenen gegenüber -u befinden. Man fürchtet entschieden den starken Druck der übrigen Mächte auf Frankreichs Gold- mochtstellung. Die Franzosen wollen ungern die Rolle der von allen beneideten und deshalb schließ­lich angegriffenen ,cheati postidentes" spielen. Folg­lich wird die Haltung der französischen Abordnung wahrscheinlich im Zeichen der Abwehr unbequemer Vorschläge stehen. Frankreich wird versuchen, den anderen die Initiative zu nehmen. Nicht umsonst ist säst das ganze Kabinett an die Themse verlegt worden. Wo Unnachgiebigkeit nicht ausreicht, wird tnan ausweichen, stets in dem wohlweislichen Be­streben, keine Verantwortung für das Scheitern von Kombinationen zu übernehmen, die der Mehrheit vielleicht als rettender Weg vorschweben. Man hat sa bei den Verhandlungen um den Viermächtepakl tzesehen» daß die französische Methode Erfolg haben kann. Daladier hat eine gewisse Uebung, unbequemen Anträgen „die Zähne auszuziehen", weil er seit seinem Regierungsantritt nicht nur nach außen hin, sondern mindestens ebensosehr nach innen lavieren 2wß, um seine Ansichten durchsetzen zu können.

Die Goldreserven Frankreichs sind natürlich ein Machtmittel in der Stellung der französischen Ab­ordnung in London, aber man wird es wahrschein­lich vermeiden, dieses Machtmittel so stark cmzuwen- ^n, daß man schließlich auf weiter Flur allein «leibt. Der Goldstandard ist der Ansang und das »nde des französischen Programms. Frankreich will, «ch die Länder, die dem Goldstandard bisher treu

geblieben sind, ihn auch weiterhin beibehalten und die Freiheit der Goldbewegüng aufrechterhalten. Einschränkende Bestimmungen werden gemißbilligt. Diejenigen Länder, die den Goldstandard ausdrück- lick verlassen haben, will man dazu veranlasse», ihre Währungen zu stabilisieren und denjenigen Ländern, die theoretisch am Goldstandard festhalten, deren Währungen aber praktisch abgerutscht sind und nur durch Zwangsmaßnahmen gehalten werden, Will man anraten, eine Umstabilisierung vorzunehmen. Wohl- gemerkt lehnt die französische Regierung aber eine allgemeine Entwertung der Währungen ab, weil sie sich vor einer. Inflation fürchtet. Eine Neuverteilung des Goldes vom grünen Tisch lehnt man in Paris ab, macht aber eine Ausnahme für den Fall, daß das Gold von selbst wieder in die Weltwirtschafts­kanäle strömt, nachdem durch allgemeine Zusammen­arbeit entsprechende wirtschaftliche Vorbedingungen geschaffen sind. Man wird aber auch in diesem an­genommenen Fall internationale Maßnahmen sor- dern, um ein zu schnelles Abströmen des Goldes aus Frankreich zu verhindern.

Es ist anzunehmen, daß Frankreich gleich zu Be­ginn der Ksnserenz gewisse Zusicherungen in der Währungsfrage verlangen wird, da hier die Grund­lage seiner Politik liegt. Um eine Einigung in der Währungssrage zu erleichtern, dürfte man das lei­dige Schuldenproblem zurückstellen. ,

In der Preisfrage ist Frankreich bereit, eine Stei­gerung mitzumachen, aus dem einfachen Grunde, weil Frankreich natürlich hohe Preise hat und es vorzieht, daß die Weltmarktpreise anziehen, statt etwa selbst heruntergehen zu müssen. Durch eine Preis­steigerung auf dem Weltmarkt würde Frankreich eher zu einer Besserung seiner Handelsbilanz kommen können, als unter den gegenwärtigen Preisverhält- niffen, und man darf nicht vergessen, daß Frankreich in den letzten drei Jahren zusammen etwa 40 Milli­arden Franken an Einfuhrüberschuß aus Ausland abgegeben hat. Dazu kommt in der letzten Zeit ein empfindlicher Rückgang des Fremdenverkehrs,

der sich in der Zahlungsbilanz auswirkt. Am be­reitwilligsten wird Frankreich sich zu einer Verstän­digung über die landwirtschaftliche Erzeugung zeigen, weil die Lage der französischen Landwirtschaft durch Preissturz und Absatzverminderung so gefährdet ist, daß aus der Provinz immer wieder ernste Aus­schreitungen gemeldet werden. Man befürchtet, daß das gegenwärtige Regierungssystem eines Tages von der Seite angegriffen werden kann, und wird daher alles tun, um Whilse zu schassen.

Das Arbeitslosenproblem steht für Frankreich na­türlich nicht so sehr im Vordergrund, wie für die anderen Mächte, weil Frankreich noch eine bedeu­tende Anzahl ausländischer Arbeitskreise beschäftigt und einen Ausgleich dort herbeiführen kann. Für ein großzügiges Programm internationaler öffent- licher Arbeiten liegt aber entschieden ein Interesse vor, weil man annimmt, daß französische Ingenieure und sonstige Fachleute dabei Beschäftigung finden können und weil man außerdem Arbeiten vorschlagen wird, die für Frankreich von großer Bedeutung sind, wie zum Beispiel in Afrika. Ueber die Finanzie­rn» gdieser Arbeiten ist man sich nicht im klaren. Es scheint, daß ein englischer Vorschlag, hie Gold­deckung allgemein auf 25 v. H. herabzusetzen und die überschüssigen Goldvorräte an ein zu gründendes internationales Bankkonsortium abzuführen, das die Aufgabe haben sollte, die internationalen öffentlichen Arbeiten zu finanzieren, nicht sehr günstig ausgenom­men worden ist. '

In der Frage des Zollwasfenstillstandes ist man bisher sehr zurückhaltend gewesen, weil man sich gegen eine Uebervorteilung durch diejenigen Staaten sichern möchte, die ihre Währung weiter abgleiten lassen. Aus. dem gleichen Grunde ist man auch viel eifriger bemüht, Frankreichs die Tariffreiheit wiederzugeben, statt etwa das Kontingentssystem auszubauen. Der Kammer liegen bereits zwei Ge- setzesentwürfe vor, von denen der eine die Regie­rung ermächtigt, durch Verfügung ausnahmsweise und befristete Zollzuschläge zu erheben, und der zweite der Regierung besondere zoPpolitische Voll­machten für die Fälle erteilt, in denen bestimmt« Kontingente aufgehoben oder neu bemessen werden sollen. Diese Vorschläge bedeuten ein Entgegen­kommen an diejenigen Parlamentarier, die schon

seit geraumer Zeit Ausnahmevollmachten für die Regierung auf zollpolitischem und Wirtschaftlichem Gebiete verlangen.

Frankreich wird in London schwanken zwischen der auch von Daladier vertretenen Erkenntnis, daß es sich eine Vereinsamung auch in wirtschaftlicher Hinsicht nicht leisten könne, und der Furcht der ewigen Neinsager, daß Frankreich die Kosten der „Liqui­dation der Weltkrise" allein zu tragen haben würde.

Polen in einer Front mit Frankreich

Warschau, 12. Juni. (Eigenbericht.)

Die polnische Presse hat durchweg und von vorn­herein der Weltwirtschaftskonferenz in London weit­gehendste Skepsis entgegengebracht. Nicht zuletzt ist diese Skepsis auf einen Psychologischen Grund zurück­zuführen, der darin besteht, daß man sich hierzulande über die völlig untergeordnete Rolle, die Polen in London zu spielen haben wird, keinen Täuschungen hingibt. Und darum ist Polen in höchstem Maße darüber besorgt, daß in London Entscheidungen fallen, die der polnischen Wirtschaftspolitik, die vor allen Dingen auch hier von der alles überragen­den Sorge um die „staatliche Unabhängigkeit" be­herrscht wird, zuwiderlaufen könnten.

Die Polnische Wirtschaftspolitik ist bislang recht eigene Wege gegangen, die schließlich zu einer emp­findlichen Isolierung auch auf wirtschaftlichem Ge­biete geführt haben. Der katastrophale Rückgang der Handelsumsätze Polens, die Senkung des Be­darfs der Bevölkerung, die in Europa vielleicht einzig dasteht, und die völlige Aussichtslosigkeit auf ausländische Kredite sind die hauptsächlichsten Folgen dieser Isolierung. Nach der Handelsbilanz im Jahre 1932 entfallen auf den Kopf der Bevölkerung kaum 61 Zloty des gesamten Handelsverkehrs. Die Pol­nische Wirtschaftspolitik der letzten Jahre war von zwei grundsätzlichen Bestrebungen geleitet, von der Sorge um die Aufrechterhaltung der Währung und um die Aktivität der Handelsbilanz. Das letztere wurde vor allen Dingen durch die die Einfuhr drosselnden Zollmaßnahmen zu erreichen gesucht. Der neue Zolltarif, der im November dieses Jahres in Kraft treten soll und der einen klassisch-protektio-

nistischen Charakter trägt, soll diese Bestrebungen krönen. Indes läßt schon der Charakter der polni­schen Abordnung für die Londoner Wirtschaftskonfe­renz, namentlich die Person des Führers, Oberst Koc, die Annahme nicht unberechtigt erscheinen, daß die weitgehenden Forderungen, mit denen Polen nach London gegangen ist, eher politischer als wirt­schaftlicher Natur zu sein scheinen.

Die Grundforderungen Polens gipfeln nämlich in dem Verlangen nach Streichung der Kriegsschuld und Trennung des Abrüstungsproblems von der Schuldenfrage. Durch diese Forderung stellt sich Polen in eine Front mit Frankreich, vor ollen Dingen gegen Amerika. Während Amerika die Re­gelung der Schuldenfrage von dem Fortschritt der Abrüstungskonferenz abhängig macht, hält Polen nach; wie vor an dem französischen Machtgrundsatz fest: zuerst Sicherheit, dann Abrüstung. Das größte Interesse Polens konzentriert sich daher auf die Streichung der Kriegsschulden, zumal die gegen­wärtige Finanzlage des Staates dies in höchstem Maße erforderlich erscheinen läßt. Zur Deckung der polnischen Auslandsschulden, die zu 9b v. H. aus Kriegsschulden bestehen und an denen Amerika den größten Anteil hat, ist nach Berechnungen eines polnischen Wirtschaftspolitikers ein jährlicher Aus­fuhrüberschuß von 400 Millionen Zloty erforderlich. Indessen weisen die letzten beiden Monate April und Mai einen Ueberschuß von kaum 14 Millionen Zloty auf. Und so hat die polnische Presse schon lange vor dem Beginn der Weltwirtschaftskonferenz in London besonders gegen die Kriegsschuld an Ame­rika in schärfster Weise Stellung genommen. Die Bestrebungen gingen vor allen Dingen dahin, die amerikanischen Forderungen aus Abzahlung der Kriegsschuld als moralisch völlig unberechtigt zu be­kämpfen. Angeblich habe Amerika, so hieß es, seiner­zeit nur minderwertige Ware zu ungerechtfertigt hohen Preisen geliefert und das Kriegsmaterial, welches Polen verkauft wurde, sei den Demobilisie­rungsbeständen entnommen worden. Durch den neuen Zolltarif, mit dem für das Scheitern der Lon­doner Wirtschaftskonferenz schon eifrig vorgesorgt wurde, hat Polen seine grundsätzliche Einstellung gegen Zollabrüstung, 'eines der wichtigsten Punkte d" Konserenz, zum Ausdruck gebracht,