Die Arbeit von Irene Stahl
stelle zur Erschließung mittelalterlicher Handschriften in Niedersachsen an der Herzog August Bibliothek, um ein Projekt weiterzuführen, das die Erstellung eines Kurzkataloges mittelalterlicher Handschriften in niedersächsischen Bibliotheken mit kleineren Sammlungen zum Ziel hatte. Im Jahr 1993 schloß sich die Arbeit an einem in den achtziger Jahren in Leipzig begonnenen Katalogprojekt an. Ein Katalogmanuskript war systematisch zu kürzen, wissenschaftlich zu aktualisieren und nach dem Standard der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Kataloge zu redigieren. Dieses Unternehmen gelang, und gleichsam in Anerkennung ihrer Leistung wurde ihr die Bearbeitung der 124 Kodizes aus der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen angetragen. Sie nahm die Herausforderung an und bewältigte die Aufgabe in überraschend kurzer Zeit. Am 7. November 2000 konnte sie anläßlich der Eröffnung der Ausstellung »Bremer mittelalterliche Handschriften« in Wolfenbüttel, die sie zusammengestellt hatte, den Abschluß der Arbeiten verkünden. Bei dieser Gelegenheit sprach sie begeistert von der Faszination, die diese schwierige Arbeit immer wieder auf sie ausübe.
Irene Stahl war eine überaus effizient und kompetent arbeitende Wissenschaftlerin. Sie zeichnete sich durch die Fähigkeit aus, das Wesentliche an mittelalterlichen Handschriften schnell zu erfassen und in einen gültigen Katalogtext umzusetzen. Die wissenschaftliche Anerkennung dafür blieb nicht aus. In ihrer Erschließungsarbeit folgte sie dem Beispiel der Wolfenbütteler Handschriftenbibliothekare Hans Butzmann und Hermann Herbst. Vor ihr lag die Perspektive, an der modernen Erschließung der mittelalterlichen Handschriften der Herzog August Bibliothek tatkräftig mitzuarbeiten. Ihr früher und plötzlicher Tod hat es ihr verwehrt, diesen Weg weiterzugehen. Die moderne Gesamterschließung der mittelalterlichen Handschriften auch des großen Komplexes der Wolfenbütteler Bibliothek stellt ein Großprojekt dar, das weit hinausgeht über die Möglichkeiten einzelner Bearbeiter, auch wenn sie alle Kräfte und Jahre ihres Arbeitslebens einsetzen. Irene Stahl hat jahrelang in diesem Bezugsrahmen an der Herzog August Bibliothek mit anderen Handschriftenbearbeitern gewirkt. Auch wenn sie so jäh aus dieser Tätigkeit gerissen wurde, ist ihr Schicksal im Zusammenhang zu sehen mit der Grundsituation eines jeden Gelehrten, der länger an einem großen Projekt teilhat. Schon seit dem 19. Jahrhundert bezog der Gelehrte seine Würde nicht mehr von dem Gegenstand seiner Arbeit, sondern von der Funktion seines Tuns, seinem Dienst im größeren Ganzen der Wissenschaft 1 . »Die Wissenschaft in diesem Sinne ist ein Marschieren mit verborgener Marschroute, lediglich der Gewißheit folgend, daß irgendwie und irgendwann sie zum Ziele kommt, aber unter stillem Verzicht auf die persönliche Genugtuung selbst dahin zu gelangen.« 2
Helmar Härtel
1 Alfred Heuß, Theodor Mommsen und das 19. Jahrhundert, Kiel 1956, S. 111.
2 Heuß (wie Anm.l),S. 113.
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