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Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
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Ruhe und der Verfassung des Staates fesselte, öffentlich in dem Bürgerkonvent, an dem Tage ihrer Ernennung, beeidigte der Rat diese bürgerlichen Deputierten, drei aus jedem Kirchspiel. Auf ähnliche Weise geschahen Ernennung und Beeidi­gung in der Folge bei dem Abgang des einen oder anderen Deputierten. Angelegenheiten der zartesten Art konnte der Rat nunmehr mit Beruhigung die­sem engeren Kreise der Bürger vorlegen, mit einer sonst unmöglichen Sicherheit in ihm verhandeln und erhielt durch ihn die Mittel, die bei so manchen Unter­handlungen am sichersten und schnellsten zum Ziel führten. Vertrauensvoll konn­ten jetzt einige Auserlesene über Vorteile des Vaterlandes und Mittel zu deren Erreichung sich ihre Gedanken mitteilen und die Resultate ihrer reifen Prüfungen, gesichert gegen allen Mißbrauch, in diese Deputation bringen, durch deren unver­drossene Anstrengung so oft der gesunkene Mut wieder gehoben, so manches Lei­den gemildert, so mancher stille Wunsch erreicht wurde, der ohne sie niemals seine Erfüllung erreicht hätte. Fünfzehn Jahre lang stand von seiten des Rats der ehrwürdige Syndikus von Post an ihrer Spitze.

9. Französische und niederländische Emigranten

Die ersten Zeichen der Annäherung des bis dahin nur aus der Ferne betrachteten Revolutionskrieges gab die schnelle Abreise der im Haag angestellten spanischen, portugiesischen, preußischen, dänischen, schwedischen, hessischen, mecklenburgi­schen und anderer Gesandten, die zum Teil nach Bremen kamen und sich hier bis auf weitere Befehle ihrer Höfe, einige länger, andere kürzer, verweilten. Ihnen folgten die zahllosen Scharen französischer und niederländischer Aus­gewanderter aller Stände und zum Teil von den ersten Familien, die, besonders da Moreaus Armee im Februar 1795 schon bis Bentheim vorrückte, aus den Nie­derlanden 1 und Holland flüchtend, teils weiter eilten, teils den ferneren Ausgang in Bremen zu erwarten beabsichtigten. Zwar fühlte man das innigste Mitleiden mit diesen Unglücklichen jedes Standes und Alters, die vaterlandslos herumirrten, deren einige oft keine Stelle auffinden konnten, mit Sicherheit auch nur eine Nacht auszuruhen, deren manche in auffallendem Kontrast mit den beibehaltenen Überresten des vorigen Wohlstandes oder der ehemaligen Würden nicht mehr wußten, wo sie am folgenden Tage ihre notwendigsten Bedürfnisse befriedigen sollten.

Wer die Gutmütigkeit des bremischen Bürgers kennt, wird leicht sich vorstellen, wie schnell das Mitleiden erregt sei, wie häufige Unterstützungen im stillen geschahen, besonders da man diesen Unglücklichen das Zeugnis nicht versagen darf, daß sie mit der größten Bescheidenheit sich betrugen und, durch die bis­herigen Schicksale zu sehr gebeugt, beinahe betäubt, fast keiner von ihnen etwas von der Arroganz blicken ließ, worüber man früher in vielen anderen Gegenden klagte.

1 D. h. aus den österreichischen Niederlanden, dem späteren Belgien.

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