Dieter Bischop
Einblick in den Friedhof der Unser Lieben Frauen-Kirche
Unmittelbar vor der ältesten Stadtkirche neben dem Bremer Dom, der Kirche Unserer Lieben Frau, die wohl seit dem 9. Jh. ursprünglich dem Heiligen Veit gewidmet war (Bous, 194), befand sich der Zugang zu einem Tiefbunker des 2. Weltkriegs, der nach dem Krieg zunächst eine Eiskonditorei, dann das Restaurant „Liebfrauenkeller" und seit 1959 eine Dis- cothek („Delight") beherbergte, die 2002 geschlossen wurde.
Der unansehnliche Ein- bzw. Abgang vor dem Nordturm wurde im Oktober 2003 entfernt und die Erdarbeiten dabei archäologisch beobachtet (Bischop, 40).
An dieser Stelle unmittelbar vor dem Turm befand sich wohl schon früh das Haus des Totengräbers und spätestens seit dem 18. Jh. die erst 1893 abgerissene Kirchspielschule. Reste von dem mit Sollingsandsteinplatten ausgelegten Keller wurden 2003 freigelegt. Unter diesem ehemaligen Totengräberhaus lagen zum Teil gestörte Bestattungen in Ost-West- Ausrichtung mit Resten der Särge samt Nägeln und Beschlägen. Dünner Bronzedraht und Stecknadeln gehörten zurTotenaustattung bzw. zu Totenkronen der frühneuzeitlichen Gräber. Der kleine nur 3 m lange Bodeneinschnitt zeigte die Dichte der Bestattungen, die knapp 1000 Jahre lang hier vorgenommen wurden. Allein im Oktober des Jahres 1627 wurden 105 Bremer - meist an der Pest Verstorbene - auf dem Friedhof zu Grabe getragen (Schwarz, 158). Erst im Jahre 1807 wurde der Friedhof aufgelassen. Aus dem Bereich der gestörten Gräber kamen zahlreiche meist mittelalterliche Keramikbruchstücke zutage, darunter eine muschelgrusge- magerte Kugeltopfrandscherbe, die auf die frühe Besiedlung des Platzes im 9. Jh. hindeutet, aber auch hochmittelalterliche, aussen gelbgrünlich glasierte Importkeramik. Von diversen Fensterglasscherben, die Kirchenfenstern des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit zuzuordnen sind, besitzt ein kleines, spätmittelalterliches Fragment einen gekrösel- ten Rand. Dieses durchs Alter vollkommen nachgedunkelte Stück ist mit feinen weißlichen Strichen bemalt, evtl. der Rest einer größeren Figur. Abfallreste der Knochenverarbeitung u. a. der Paternosterperlenherstel-
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lung und ein bronzener Angelhaken mögen auf den uralten Markt vor der Kirche hindeuten. 1
Dieser kleine Einblick in diesen ältesten Stadtfriedhof Bremens ergab Knochenreste von insgesamt mindestens neun Erwachsenen, zwei Jugendlichen und fünf Kindern. Bei manchen Kindergräbern dürfte es sich um Traufbestattungen handeln, die unmittelbar an der Kirchturmmauer vorgenommen worden waren.
Links: Das Haus des Totengräbers vor dem Nordturm der Kirche Unser Lieben Frau. Ausschnitt aus einem Bürgerkompanieplan von 1731. Rechts: das Haus des Totengräbers und eingezeichnete Grabstellen in einem Kirchengrundriss von 1765.
Blick auf den kleinen Schnitt vor dem Nordturm. Links sind noch Reste des Totenhauses bzw. der Kirchspielschule zu erkennen, rechts die dicht übereinander liegenden Bestattungsreste
Siehe „Archäologische Nachweise vom Fischfang" Abb. 2,6 in diesem Band.
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